27. Dezember 2016

“Es geht darum, die ganze Scheiße der letzten Jahre zu stoppen”

Nach der desolaten Vorstellung bei der Heimniederlage gegen Hannover 96 war in Würzburg eigentlich Wiedergutmachung angesagt, wollte man den zahlreichen Anhang versöhnlich in die Winterpause entlassen.

Es stand das allererste Pflichtspiel bei den Würzburger Kickers an. Uns erwartete, wie schon so oft in dieser Zweitligasaison, ein gefühltes Pokalspiel an einer Stätte, an der man sich vor Monaten noch kein VfB-Ligaspiel hätte vorstellen können.

Das Stadion am Dallenberg darf nur mit Ausnahmegenehmigung als Spielstätte für die 2. Liga herhalten und wurde im Sommer bereits teilumgebaut, um die Übergangsauflagen erfüllen zu können. Die Zuschauerkapazität wurde auf ein Fassungsvermögen von 13.100 aufgestockt, zudem die obligatorische Rasenheizung eingebaut. Sofern die Würzburger Kickers dem bezahlten Fußball erhalten bleiben, muss das Stadion in den nächsten zwei bis drei Jahren auf mindestens 15.000 Zuschauer weiter ausgebaut werden.

Für das VfB-Spiel meldeten die Kickers mit 12.475 zahlenden Zuschauern „ausverkauft“, weil dieses Spiel als Hochsicherheitsspiel deklariert war und daher Pufferblöcke die beiden Fan-Lager trennten.
Nach ausgiebigem Frühschoppen mit einigen Freunden von den Taubertaler und Hohenloher VfB-Fans in der Wohnzimmer-Bar in Würzburg ging es mit der Straßenbahn zum Stadion. Wir hatten dieses Mal einen Block auf der Gegengerade ausgewählt, im eigentlich neutralen Bereich, der jedoch nahezu komplett in VfB-Hand war. Der Einlass gestaltete sich langwierig und zäh, wie bei einem Hochsicherheitsspiel eben üblich.

Zu den üblichen Schikanen, wenn der Obrigkeit die Düse geht, gehört es, dass auch in den vermeintlich neutralen Bereichen nur alkoholfreie Plörre ausgeschenkt wird. Normalerweise vergewissere ich mich am Bierstand auch gleich, dieses Mal jedoch ließ ich mir ein Bier mitbringen und tat damit den sprichwörtlichen Griff ins Klo. Ein Schluck und sofort entsorgt, ungenießbar das Zeugs. Gerade in Bayern verwundert ein derart schikanöses Vorgehen ganz besonders, gilt Bier dort doch als Grundnahrungsmittel und ist Betriebsräten von Firmen, die den Gerstensaft aus Bierautomaten verdammen wollten, eine Klage vor Gericht wert. Doch, auch hier beweist es sich wieder, dass die Rechte von Fußball-Fans weit unter denen von Otto-Normalbürger angesiedelt sind und man es mit ihnen ja machen kann. Würzburg ist bei weitem nicht der einzige bayerische Verein, der mit uns Schwaben so verfahren ist, auch zuletzt in Ingolstadt und Augsburg gab es nur „bleifrei“.

Nicht, dass ich es nicht zwei Stunden „ohne“ aushalten würde, mir geht es da ums Prinzip, um die Gängelei, um die Pauschalverurteilung und darum, dass die Obrigkeit offensichtlich immer mehr Gefallen daran findet, dem Fußballfan das Erlebnis Stadionbesuch so unangenehm wie nur möglich zu machen.

Zu allem Überfluss folgte dann auch noch ein Spiel unserer Brustringträger, das man unter normalen Umständen mit Freunden am Bierstand eher nebenher verfolgt hätte, waren die Spieler doch offensichtlich mit ihren Gedanken bereits im Weihnachtsurlaub bei ihren Familien, rund um den Erdball verstreut.

“Es geht darum, die ganze Scheiße der letzten Jahre zu stoppen”

Nein, das hat Hannes Wolf nach dem erbärmlichen Auftritt in Würzburg nicht von sich gegeben. Diese Aussage ist knapp 15 Monate alt und stammt von Alexander Zorniger, als er flehentlich darauf hinwies, was alles im Argen liegt und dass sich diese Missstände nicht von heute auf morgen beheben lassen. Zorniger war motiviert genug, den VfB nach vorn zu bringen, bekam diese Zeit aber (leider) nicht.

Das hat sich nun Hannes Wolf vorgenommen, fraglich ist, ob man ihm die notwendige Zeit einräumt, dieser Truppe das Phlegma auszutreiben, das stets dann um sich greift, wenn man die Möglichkeit hätte, den nächsten Schritt zu gehen.

Vor dem Spiel forderte Hannes Wolf eine Reaktion auf die Niederlage gegen Hannover 96, die mir in den Nachbetrachtungen noch viel zu gut weg kam. Schon da ließ der VfB alles vermissen, was einen Aufstiegsfavoriten auszeichnet, fehlte es an der Einstellung UND der fußballerischen Klasse, so dass unterm Strich eine hochverdiente Niederlage stand.

Wolf forderte, in Würzburg bräuchte es Männer auf dem Platz. Das Gegenteil war der Fall, elf Memmen, die nichts auf den Platz brachten, was es an diesem 4. Advent gebraucht hätte, stümperten der Winterpause entgegen.

Wirklich jedem war es klar, dass gegen die „ größte Kloppertruppe der Liga“ (Zitat von Jürgen Machmeier, Präsident des SV Sandhausen, letzte Woche) mit fußballerischer Leichtigkeit kein Blumentopf zu gewinnen sein würde, sondern dass dort andere Tugenden gefragt sein würden. Man hätte über den Kampf zum Spiel finden müssen, sich körperlich dagegen stemmen, und die Zweikämpfe annehmen müssen.

War das wirklich JEDEM klar? Nein, den Brustringträgern offensichtlich nicht! Da konnte sich Wolf den Mund fusselig reden, zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Wir sind ja so toll, wir sind der VfB, so die Denke der sich noch immer grandios selbstüberschätzenden Spezies VfB-Profi. Nein, ihr seid nicht toll, ihr, zumindest noch immer die Hälfte der „Mannschaft“, seid diejenigen, die den einst so stolzen VfB nach vierzig Jahren in die 2. Liga katapultiert habt und seid mit „Leistungen“ wie zuletzt ein logischer und ganz normaler Zweitligist.

Dem Team fehlte es in Würzburg einmal mehr an allem, was man von einem Profifußballer erwarten können darf. Wenn schon die fußballerische Klasse nicht ausreicht, ist es durchaus erlaubt zu kämpfen, sich zu wehren, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren und als Team aufzutreten. Da man sich nahezu kampflos ergab, weiß man, wie es um deren Ehrgefühl und Charakter bestellt ist, sonst hätte man nach dem furchtbaren Auftritt gegen Hannover ein anderes Gesicht gezeigt.

Der VfB, der erstmals im (hässlichen) grauen Auswärtstrikot auftrat, lief von Beginn an hinterher und kam während der gesamten neunzig Minuten zu keiner einzigen nennenswerten Torchance. Die Schwaben erlangten gegen den vermeintlich unterlegenen Underdog nicht einmal so etwas wie Spielkontrolle, weil dies überhaupt nicht möglich ist, wenn ständige Stock- und Abspielfehler zu schnellen Ballverlusten führen. Wenn man schon die Basics nicht beherrscht und man einen schlechten Tag erwischt hat, wäre es ratsam gewesen, einfach zu spielen und zu versuchen, sich ins Spiel hineinzubeißen und an Sicherheit zu gewinnen, anstatt immer und immer wieder zu versuchen, plump durch den Gegenspieler hindurch zu spielen.

Dazu fehlt es der Truppe nach wie vor an Grips und daraus folgend am richtigen Spielverständnis, um ein Spiel in andere Bahnen zu lenken, wenn es einmal nicht wie auf dem Reißbrett geplant, läuft.
Der VfB, ohne Abwehrchef Baumgartl (gesperrt) und Kapitän Gentner (grippegeschwächt auf der Bank) angetreten, ergab sich wehrlos in sein Schicksal, weil kein einziger da war, der das Spiel geordnet und Führungsqualitäten an den Tag gelegt hätte.

Hätte man nicht gewusst, wer in den roten Trikots steckte, man hätte den Favoriten darin vermutet. Den Roten sah man den Siegeswillen an, während es bei den in grau spielenden Stuttgartern eher anmutete, man wolle diesen letzten Fußballnachmittag des Jahres einfach nur hinter sich bringen. Williger, bissiger, spritziger und auch torgefährlicher kauften die Unterfranken dem VfB schnell den Schneid ab. Da die Kickers auch noch giftiger in den Zweikämpfen waren, keinen Respekt zeigten oder gar in Ehrfurcht erstarrten, lief das Spiel von der ersten Minute an in Richtung der Würzburger.

Es ist extrem ärgerlich, dass man sich nach dem Debakel bei Dynamo Dresden ein zweites Mal von einem Aufsteiger vorführen ließ und sich auch in Würzburg über eine höhere Niederlage nicht hätte beklagen dürfen.

Advent, Advent, der Baum der brennt. Nach einer zumindest von der Punkteausbeute her bis zum 15. Spieltag passablen Vorrunde, hatte es der VfB in der Hand, sich eine formidable Ausgangsposition im Kampf um den Aufstieg zu schaffen und als Herbstmeister zu „überwintern“.

Doch, Christian Genter lässt grüßen, wollte man das überhaupt? Ist es nicht vielleicht die Denke der ganzen „Mannschaft“ und Christian Gentner trägt sie als Kapitän nun mal an die Öffentlichkeit, dass man sich in der Verfolgerrolle wohler fühlt als auf dem Platz an der Sonne? Für Leistungssportler wäre das eine fatale Einstellung, schließlich ist im Sport der Zweite schon der erste Verlierer.

Wie die „Mannschaft“ gegen Hannover und in Würzburg aufgetreten ist, offenbarte einmal mehr, dass jedwede Höhenluft dieser Truppe mehr schadet, als dass sie sie zu weiteren Großtaten anstacheln würde. Nach der Eroberung der Tabellenspitze in Aue begab sich die „Mannschaft“ in den Urlaubsmodus und dachte offensichtlich, sie habe ihre Schuldigkeit getan.

Wenn Wolf aus diesem Konzentrations- und Leistungsabfall Schlüsse ziehen möchte, dann eventuell diesen, darüber nachzudenken, ob es nicht besser gewesen wäre, nach Würzburg noch eine Trainingswoche anzusetzen und den Spielern in Aussicht zu stellen, dass man dies bei entsprechenden Leistungen zum Abschluss noch einmal überdenken könne. Eine derartige Maßnahme würde zur Teambildung beitragen und den einen oder anderen Profi zu mehr Konzentration bis zum Schluss anstacheln.

Möchte man aus dieser Schmach etwas Positives ziehen, dann das, dass es für Jan Schindelmeiser keine bessere Steilvorlage hätte geben können, den Kader im Winter noch einmal durchzumischen und teamintern jeden Stein umzudrehen.

In Würzburg wurde einmal mehr schonungslos offen gelegt, wie fragil das VfB-Gebilde nach wie vor ist und dass es an Spielern, die bedingungslos bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, mangelt. Deswegen sind wir abgestiegen, dieses Phänomen, dass der absolute Willen, alles für den Verein zu geben, fehlt, wurde auch durch die zahlreichen Abgänge und Neuzugänge nicht aus dem Innersten der „Mannschaft“ verbannt.

Wolf und Schindelmeiser legen den Finger in die Wunde und wissen um die Schwachstellen, die Wurzel dieses Übels zu finden und zu entfernen, da haben sich schon etliche Vorgänger die Zähne daran ausgebissen. Für mich befindet sich der VfB, was das angeht, erstmals seit langem auf einem guten Weg. Nach Bobic und Dutt, die eher alte Weggefährten um sich scharten und denen ein heimeliges Gefühl wichtiger war als der Leistungsgedanke, ist Schindelmeiser dabei, diesen Missstand zu korrigieren. Auch der neue Präsident Dietrich schlug bereits in dieselbe Kerbe und forderte eine bessere Leistungskultur im gesamten Verein.

Wenn hier konsequent geforscht und wirklich JEDER hinterfragt wird, ob er auf dem Posten, den er einnimmt, richtig aufgehoben ist und wirklich alles für den Vereinserfolg zu geben bereit ist, wäre ein großer Schritt getan. Es scheint noch zu viele im Funktionsteam und sonstige Amt- und Würdenträger im Verein zu geben, denen die kostenlose VIP-Karte im Neckarstadion wichtiger zu sein scheint, als der Erfolg des VfB, so dass weiterhin eine Krähe der anderen kein Auge aushackt.

Die Wohlfühloase VfB muss endlich, für alle, nicht nur die Spieler, der Vergangenheit angehören, möchte man langfristig ein Leistungsklima schaffen, das die Guten und Leistungsbereiten fördert und die Bequemen aussortiert. Gerade wenn es darum geht, langjährige (aktuelle und ehemalige) Klub-Ikonen als „faule Äpfel“ erkannt zu haben, benötigt Jan Schindelmeiser die bedingungslose Unterstützung seiner Vorstandskollegen und von Präsident Dietrich. Wird ihm diese nicht zuteil, werden Intrigen und die Vetterleswirtschaft zu Lasten des Vereins ewig weiter gehen.

Auch vom Funktionsteam würde ich mir erwarten, dass diese Insider das Kind beim Namen nennen und der Vereinsführung mitteilen, was teamintern im Argen liegt. Man hört seit Jahren immer wieder heraus, dass es in der „Mannschaft“ nicht stimmen würde, Grüppchenbildung vorherrsche, der eine oder andere gemobbt werden würde und es Neuzugänge immens schwer haben würden, sich zu integrieren und an der vorhandenen Hierarchie zu rütteln. Das ist alles andere als erfolgs- und leistungsorientiert, wenn immer noch Störfaktoren vorhanden sind, die gar nicht daran interessiert sind, dass ein echtes Team zusammenwächst.

Will man, wie Schindelmeiser sie fordert, zu einer Leistungskultur und Winner-Mentalität zurückkehren, darf NIEMAND von einer schonungslosen Analyse verschont werden. Wofür beschäftigt man zum Beispiel (wieder) einen Teampsychologen, wenn man am Verhalten der Spieler auf dem Platz keine Änderung feststellen kann. Wenn sein Dienst auf freiwilliger Basis von den Problemfällen nicht in Anspruch genommen wird, sollte man Gruppensitzungen ansetzen, um gemeinsam zu ergründen, weshalb der Teamgedanke trotz ständig wechselnden Personals seit Jahren immer noch nicht in die Mercedesstraße eingezogen ist.

Für mich verkörpert in der „Mannschaft“ nach wie vor hauptsächlich der Kapitän das fehlende Leistungsklima und das Festhalten an Erbhöfen der Vergangenheit. Gentner (in Würzburg freilich erst spät eingewechselt) ist weder DER Leader auf dem Platz noch wegen seiner Leistungen über jeden Zweifel erhaben. Er bekleidet die wichtigste Position im modernen Fußball und bringt dafür insgesamt zu wenig mit. Als Umschaltspieler muss er sowohl Staubsauger vor der Abwehr wie auch Schwungrad für eigene Angriffe sein. Beides erfüllt er meines Erachtens nur mangelhaft. Ihm kann zwar durchaus Fleiß attestiert werden, weil er viel läuft, oft aber eben nicht richtig.

Defensiv weist er in den wichtigsten Statistiken, Pass- und Zweikampfquote, extrem schwache Werte auf. Zudem fehlt ihm das Gespür, wann Tempo herauszunehmen ist und wann schnelle Angriffe eingeleitet werden müssen. Zudem fehlt ihm die Risikobereitschaft, so dass er für mich ein Alibifußballer wie er im Buche steht ist und meist eher den Quer- oder Rückpass wählt, als dass er versucht das Spiel schnell zu machen, wenn die Möglichkeit gegeben wäre. Dazu fehlt ihm die Handlungsschnelligkeit. Und, wenn es im Team schlecht läuft, ist er der erste, der untertaucht oder zur allgemeinen Verunsicherung beiträgt, wenn er überhastet schlampige Pässe spielt und seine Mitspieler damit in Bedrängnis bringt.

Dass er als DAS Gesicht des Abstiegs (neben Wahler, Dutt, Kramny) noch immer Kapitän und Stammspieler (mit vermeintlicher Stammplatzgarantie) ist und einem radikalen Neuaufbau damit im Wege steht, kann nur damit zusammenhängen, dass seine Hausmacht noch immer groß genug ist. Paradox mutet es hier schon an, dass nach dem Abstieg alle unsere „guten“ Spieler Begehrlichkeiten weckten, dem Vernehmen nach aber niemand wegen Gente angeklopft hat.

Dass Dutt während seiner letzten Zuckungen als VfB-Sportdirektor Gentner noch einen Rentenvertrag geben durfte, darüber habe ich mich schon öfter mokiert, weil ebenso unnötig (Vertrag lief noch ein Jahr) wie auch zum damaligen Zeitpunkt unverständlich. Auf der einen Seite war es sicherlich ein Faustpfand für Dutt, DER (vermeintlichen) Führungspersönlichkeit ein Treuebekenntnis, auch im Fall des Abstiegs, abzuringen, auf der anderen Seite aber spricht diese Maßnahme nicht gerade dafür, dass Dutt an einer schonungslosen Analyse, wie es zum Absturz kam, interessiert gewesen war.

Dass Gentner sich zwar aus Teilen des Fan-Lagers ständiger Kritik ausgesetzt sieht, der Stuttgarter Blätterwald jedoch meist sehr gnädig mit ihm umspringt, kann zum einen bedeuten, dass die Fans alle keine Ahnung haben oder aber auch, dass jemand ein Interesse daran hat, dass sich an den Zuständen beim VfB nichts ändert. Es ist jedenfalls schon auffällig, wie ein Alexander Zorniger seinerzeit fast herausgeschrieben wurde und wie handzahm mit Gentner umgegangen wird. Es kann schon nützlich sein, wenn man „seine“ Leute am richtigen Fleck sitzen hat…

Welche Rolle Gentners Berater Jürgen Schwab, der beim VfB seit Jahren ein und aus geht, spielt, auch darüber kann ich nur spekulieren. Immer wieder beklagen Vereine sich darüber, dass Spielerberater zu großen Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen würden. Jürgen Schwab, seines Zeichens Inhaber der Spieleragentur BMS Sportconsulting und bester Freund von Fredi Bobic, hatte schon zur Zeit, als Bobic als Sportdirektor fungierte, mutmaßlich großen Anteil daran, dass Sven Ulreich über Jahre Stammkeeper war und ernsthafte Konkurrenz für ihn unerwünscht war. Als einer wie Bernd Leno heranwuchs, verkaufte man diesen lieber umgehend, bevor man überhaupt einen Konkurrenzkampf und/ oder eine Torwartdiskussion zuließ und Zweifel an Ulles Position hätten aufkeimen können.

Wie im Fall von Sven Ulreich schien man in den letzten Jahren auch nie an ernsthafter Konkurrenz für Christian Gentner interessiert gewesen zu sein. Waren Hoffnungsträger da, wie z. B. ein Zdravko Kuzmanović, wurden diese klein gehalten und weggemobbt.

Es ist beileibe nicht so, dass ich persönlich etwas gegen Gente hätte. Er ist ein sympathischer Kerl und trägt den Brustring im Herzen, zumindest Letzteres wie wir alle, aber, auf dem Platz ist er für mich ein Hemmschuh und steht eher für die Schlafwagenabteilung als für den Wolf’schen Angriffsfußball.

Seit Hannes Wolf antrat, musste er mehr die bestehenden Missstände verwalten als dass er groß etwas verändern hätte können. So änderte sich auch an der Stellung Gentners als absolutem Leader dieser „Mannschaft“ nichts. Zum einen sicherlich der Situation geschuldet, dass der Kader gerade im Mittelfeld zu wenig Alternativen bietet, zum anderen sicherlich aber auch, weil er dem ohnehin schon sehr fragilen Gebilde nicht auch noch das Herzstück entreißen wollte.

Außerdem könnte es eine Rolle gespielt haben, dass Gentner von außen als DAS Gesicht dieses VfB und äußerst beliebt wahrgenommen wird und sich ein Newcomer erst einmal vor der Reaktion des Umfelds scheuen könnte, DIE Integrationsfigur abzusägen. Bei letzterem kann ich ihn, wie oben bereits erwähnt, beruhigen. Unter uns Fans ist die Wahrnehmung über ihn pari, so meine Einschätzung. Die einen halten ihn für unverzichtbar, andere sehen in ihm DAS Problem des VfB überhaupt, so dass es „den“ Fans ohnehin nicht recht zu machen wäre.

Dass Gente auch bei Wolf nicht über jeden Zweifel erhaben ist, äußerte sich immerhin darin, dass er zuletzt ein paar Mal ausgewechselt wurde, was man zuvor überhaupt nicht gewohnt war.

Wolf steht für Ballbesitzfußball, frühes Pressen und schnelles Umschaltspiel, was er der Truppe bisher nur bedingt eintrichtern konnte. Die Flexibilität, die er von seinen Spielern einfordert und die sich auch in seinen Aufstellungen ausdrückt, ist noch nicht ausreichend vorhanden, sein Credo, dass seine Spieler auf dem Platz selbständig Entscheidungen treffen, ebenso nicht.

Außer im konditionellen Bereich wird das Hauptaugenmerk während der Winterpause wohl darauf gelegt werden, dies zu trainieren. Ob Wolf, Stand jetzt, die richtigen Spieler für seine Vorstellungen hat, ist fraglich.

Gerade was spielintelligente Spieler im zentralen Mittelfeld angeht, die unter Höchstbelastung auch noch wissen was zu tun ist und nicht zu schnell den Kopf verlieren, dürfte Wolf aus Dortmund verwöhnt sein, wenn man an die Herren Kehl, Bender, Gündogan, Weigl und einige andere denkt, die sich dort die Klinke in die Hand gaben. Bei Gentner habe ich die erwähnten Zweifel, Zimmermann ist für mich nicht mehr als ein Ergänzungsspieler, Pavard in der Abwehr besser aufgehoben und Hosogai zwar ein verlässlicher Arbeiter, aber kein Leader und zudem verletzungsanfällig.

Führungsspieler müssen sich entwickeln, was jedoch von innen heraus schwierig ist, wenn sich alles auf Gentner fokussiert und an ihm als Denkmal seit Jahren nicht gerüttelt wird.

Noch schwieriger als Führungsspieler selbst zu entwickeln, ist es für einen nicht auf Rosen gebetteten Zweitligisten jetzt im Winter einen geeigneten Spieler aus seinem laufenden Vertrag herauszukaufen.
Einen Glücksgriff, wie ihn Horst Heldt seinerzeit mit Pavel Pardo landete, davon träume ich zwar, halte diesen Traum aber selbst nicht für realistisch.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie man staunte, als Heldt nach der WM 2006 mit zwei Mexikanern, den allerersten in der Bundesliga überhaupt, ankam und man sich erst einmal mit den neuen Gesichtern vertraut machen und sich in ihre Vita einlesen musste.

Neben Ricardo Osorio unterschrieb „El Comandante“ Pavel Pardo, der als der Franz Beckenbauer Mexikos galt, in der Neckarmetropole. Diese Wertschätzung widerfuhr Pardo nicht nur deswegen, weil er Rekordnationalspieler seines Landes war, sondern vor allem deswegen, weil seine elegante Art Fußball zu spielen und seine Spielübersicht an Kaiser Franz erinnerten. Pardo wurde durch seine herzliche, offene Art, wie Osorio ja auch, von allen auf Anhieb ins Herz geschlossen und tat sich vor allem als tadelloser Sportsmann und Musterprofi hervor. Er war nicht der Typ Söldner, der über den großen Teich wechselte, (nur) um Millionen zu scheffeln, sondern zeigte sich interessiert an Stadt und Verein und brachte sich bestmöglich ins Team ein. Da zudem auch seine Leistungen und seine Führungsstärke auf dem Platz überzeugten, werden wir ihn, nicht nur wegen der Meisterschaft 2007, stets in bester Erinnerung behalten.

Dieser Transfer saß und legte offen, dass es zwar Glück braucht, charakterlich einwandfreie Typen für den Verein zu gewinnen, es aber auch nicht gänzlich unmöglich ist.

In Würzburg fehlten einige der vermeintlichen Führungsspieler zudem noch. Timo Baumgartl schwang sich in den letzten Wochen und Monaten zum Abwehrchef auf und ist für mich eine der wenigen Hoffnungen für die Zukunft. Wenn man immer auf der Suche nach einer Achse, bestehend aus Torwart, Abwehrchef, Mittelfeldregisseur und Stoßstürmer ist, ist er für mich in dieser gesetzt. Auch was den Stoßstürmer angeht, ob Simon Terodde oder Daniel Ginczek, sind wir ordentlich aufgestellt.

Bei Mitch Langerak bin ich hin- und hergerissen. Er ist bärenstark auf der Linie, in Strafraumbeherrschung und Spieleröffnung derzeit jedoch eher eine Version Ulreich Reloaded. Ich hoffe, er fängt sich wieder, sonst kommen wir in den nächsten Monaten um eine neuerliche Torwartdiskussion nicht herum.

Florian Klein erhebt aufgrund seines Alters und seiner Erfahrung den Anspruch Führungsspieler zu sein, dem entgegen stehen seine „Leistungen“ auf dem Platz. Er ist der Typ Söldner, der mangels Angeboten seine Zeit beim VfB absitzt und wohl weg sein dürfte, wenn ihm jemand mehr als der VfB bezahlt.

Kevin Großkreutz besticht derzeit mehr als Socialmedia-König (in Konkurrenz zu Emiliano Insúa) als auf dem Platz und wird sich steigern müssen, möchte er seinen Stammplatz nicht gefährdet sehen.

Als er im letzten Winter von Galatasaray Istanbul an den Neckar wechselte, begann er verheißungsvoll und hatte großen Anteil an der Aufholjagd zu Beginn der Rückrunde. Der Wendepunkt kam dann beim Spiel in Ingolstadt (3:3), als er sich trotz offenkundiger Muskelverletzung nicht auswechseln ließ. Dieser übertriebene Ehrgeiz, der „Mannschaft“ helfen zu wollen, rächte sich schließlich, aus einem möglicherweise „nur“ Muskelfaserriss wurde ein Muskelbündelriss, sein vorzeitiges Saisonende war bereits ausgerufen. Doch, Großkreutz wäre nicht Großkreutz, hätte dieser an der Stelle schon aufgegeben. Er kämpfte sich heran und meldete sich zum vorletzten Saisonspiel gegen Mainz 05 einsatzbereit, eine Fehleinschätzung, an der er (und wir) bis heute zu knabbern haben. Die Vorbereitung konnte er nur halbwegs mit bestreiten, so dass ihm die erforderliche Fitness für sein kampfintensives Spiel bis zuletzt gefehlt hat und er daher nur selten eine echte Hilfe für unser Spiel darstellte. In den letzten Wochen kam noch hinzu, dass er in Gedanken bei seiner noch in Dortmund lebenden hochschwangeren Ehefrau war, was ihn zusätzlich notwendige Konzentration gekostet haben dürfte. Nun ist sein Töchterchen da und er kann seinen Akku neu aufladen, so dass ich sehr zuversichtlich bin, dass wir im neuen Jahr wieder den alten Kevin Großkreutz erleben und noch viel Freude an ihm haben dürfen.

Bis die „Mannschaft“ bundesligareif ist, muss sich personell noch einiges tun, wenngleich ich dennoch davon überzeugt bin, dass der Aufstieg gelingen wird, weil die 2. Liga personell nichts Besseres als den VfB zu bieten hat. Der VfB kann nachbessern und wird nachbessern, zudem wird die erste Vorbereitung unter Cheftrainer Wolf die „Mannschaft“ weiter bringen, so dass ich nicht wüsste, welche zwei oder drei Vereine am Ende vor uns stehen sollten, wenn der VfB nur annähernd sein Potential ausschöpft.

Für aufstiegsreif halte ich die „Mannschaft“ zwar schon jetzt, für bundesligareif jedoch noch keineswegs. Sollte der Aufstieg gelingen und der VfB eine gute Rolle in der Bundesliga spielen wollen, muss sich die Mentalität der „Mannschaft“ grundlegend ändern. Es müssen Typen her, die gewillt sind, sich jedes Ergebnis jede Woche aufs Neue erarbeiten zu wollen, und es müssen jene aussortiert werden, die nicht mitziehen und den Teamerfolg gefährden.

Das geht zwar nicht von heute auf morgen, aber, es ist möglich. Der 1. FC Köln ist für mich diesbezüglich ein Paradebeispiel. Stöger und Schmadtke bringen mittlerweile eine Mannschaft auf den Platz, die in nahezu jedem Spiel über 90 Minuten und nicht nur phasenweise konzentriert zu Werke geht und selbst für die Großen schwer zu bespielen ist, weil die Mannschaft im Kollektiv diszipliniert zusammen arbeitet und kompakt auftritt.

Wolf und Schindelmeiser traue ich Ähnliches zu. Bislang gibt es an den Transfers von Jan Schindelmeiser nichts zu mäkeln, auch Julian Greens Verpflichtung sehe ich positiv. Er ist ein Spieler, der Potential hat und für den der VfB wohl die letzte Chance bietet, richtig durchzustarten, nachdem es beim HSV und den Bayern aus unterschiedlichen Gründen nicht geklappt hat. Sollte es beim VfB hinhauen, hätten wir bei den kolportierten 300.000 Euro Ablöse ein richtiges Schnäppchen gemacht, wenn nicht, Shit happens, das Risiko hielte sich in Grenzen.

Dieser Transfer spricht allerdings auch für einen Weggang von Alexandru Maxim, der es auch nach Didavis Abgang und beim x-ten Trainer nicht zur Stammkraft gebracht hat. Ihm würde eine Luftveränderung sicherlich gut tun, zu festgefahren scheint die Situation in Stuttgart zu sein für ihn.

Sein Abgang (bitte nicht unter Wert) würde Mittel freisetzen, um für die Schaltzentrale im Mittelfeld endlich nachzubessern. Dass zwischen Abwehr und Angriff eine riesen Lücke klafft, zeigte sich nicht nur in den beiden letzten Spielen, da aber ganz besonders. Ein Zwischenspieler mit gutem Zweikampfverhalten, gutem Stellungsspiel und dem Gefühl für die Situation würde dem VfB nicht nur gut tun, sondern wäre meiner Meinung nach sogar existentiell wichtig, um Stabilität ins Spiel zu bekommen und nicht durch jeden noch so kleinen Windstoß aus der Bahn geworfen zu werden.

Schindelmeiser erklärte nach dem Würzburg-Spiel, man müsse dem Kader Spieler mit dem Winner-Gen zuführen, und Hannes Wolf schlug in dieselbe Kerbe wie Alexander Zorniger, als er nach dem Spiel anmerkte „Die Verlässlichkeit, immer alles geben zu wollen, fehlt mir. Das gibt es beim VfB schon länger, diese Kultur des Alles-Gebenwollens ist untergegangen“.

Zum Jahresabschluss ist das so ziemlich das schlechteste (Armuts-)Zeugnis, das man Berufsfußballern, ihres Zeichens Leistungssportler, ausstellen kann, wenn ihnen die permanente Leistungsbereitschaft abgesprochen wird.

Hannes Wolf ist motiviert genug, diesem Haufen die Selbstverliebtheit und Selbstzufriedenheit auszutreiben. Die Frage ist jedoch, schafft Wolf das oder schafft die Truppe ihn?

Nach dem zweiten Kollektivversagen binnen sechs Tagen konnte man mal wieder den Eindruck bekommen, die „Mannschaft“ würde gegen den Trainer spielen, wenn sie seine Vorgaben so konsequent missachtet. Nachtigall, „ick hör Dir trapsen“, diese Geschichte wiederholt sich schließlich ständig beim VfB.

Wenig förderlich ist es dann, wenn Angestellte des Vereins, wie Ehrenrat Guido Buchwald, öffentlich die Reife von Greenhorn Wolf bemängeln und ihn als Risiko für den Verein ansehen. Gut, die BLÖD erschien mit dem Artikel reißerisch wie es eben ihre Art ist, Buchwald merkte immerhin noch an, das Risiko hätte man bei einem erfahreneren Trainer auch.

Der VfB hat es in den letzten Jahren mit sämtlichen Trainertypen versucht und nie nachhaltigen Erfolg gehabt, daher verbietet es sich schon von Grund auf, schon jetzt an Hannes Wolf zu zweifeln. Er ist zweifellos eines der größten Trainertalente, die der deutsche Markt hergibt und konnte bei zwei der besten ihrer Zunft, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, während seiner Dortmunder Zeit über deren Schultern schauen und sich mit ihnen austauschen.

Zudem ist Wolf seit elf Jahren bereits Trainer und hat sich von der Kreisliga B in die 2. Liga hochgearbeitet und hat damit jenen Eifer und Durchhaltevermögen nachgewiesen, den man sich von seinen Spielern auch wünschen würde.

Ich hoffe es sehr, dass man endlich mal einem Trainer vertraut und Quertreiber wie Buchwald ganz schnell an den neuen Verhaltenskodex (für ALLE Mitarbeiter) erinnert, der sicherlich auch beinhaltet, etwaige Kritik intern zu äußern. Buchwald hat weder als Trainer etwas erreicht noch hat er genügend Einblick in die Arbeit Wolfs, so dass sich dessen Kritik schon aus diesem Grund verbietet.

Wolf und Schindelmeiser genießen bei mir noch absoluten Welpenschutz, weil sie ihre eigentliche Arbeit erst jetzt beginnen. Zu den Zeitpunkten, als sie kamen, waren die Planungen weit fortgeschritten bzw. abgeschlossen, so dass sie bisher nur verwalten und wenig gestalten konnten. Diese Phase des Gestaltens beginnt im Winter im Kleinen und mit der Planung der neuen Saison dann im Großen.

Als Resümee der Vorrunde kann man konstatieren, dass wir auf dem Relegationsplatz zwar ordentlich da stehen, der VfB sich aber wird steigern müssen, möchte man direkt aufsteigen. Zehn Siege sind eine ordentliche Ausbeute, auch wenn die wenigsten davon überzeugend eingefahren werden konnten. Fünf Niederlagen bereits sind eindeutig zu viel und für den so oft zitierten FC Bayern der 2. Liga unwürdig. Es kristallisiert sich zwar keine Übermannschaft heraus und doch sollte man wachsam sein. Die letztjährigen Aufsteiger Freiburg und Leipzig beendeten die Saison mit sechs bzw. sieben Niederlagen, so dass es eigentlich jedem klar sein sollte, was die Stunde geschlagen hat und dass man sich allzu viele Ausrutscher nicht mehr leisten sollte.

Die Blutauffrischung im Kader, die im Sommer begann, muss im Winter, im Rahmen der Möglichkeiten, die der Markt hergibt, fortgesetzt werden. Weil sich an der grundlegenden Mentalität der Truppe, wie zuletzt erlebt, noch nicht grundlegend etwas geändert hat, wären die „richtigen“ Abgänge mindestens genauso wichtig, wie uns weiter bringende Neuzugänge. Spielern, die lediglich ihren Vertrag absitzen, sich aber mit den Zielen des Vereins nicht identifizieren und dabei schlechte Stimmung verbreiten, gehört ein Abgang ebenso schmackhaft gemacht, wie jenen, die uns fußballerisch nicht weiter bringen und lediglich den Kader aufblähen.

Jan Schindelmeiser wünsche ich dabei das glückliche Händchen, das er in Hoffenheim und bei seinen bisherigen Transfers für den VfB, schon unter Beweis gestellt hat.

Jetzt freue ich mich erst einmal auf einige ruhige Tage ohne VfB-Niederlage, bin aber gleichzeitig bereits gespannt, mit welchen Personalien Jan Schindelmeiser uns womöglich überraschen wird.

Die Wartezeit bis zu einem weiteren Highlight der Zweitligasaison, dem Gastspiel am Millerntor beim FC St. Pauli, verkürze ich persönlich mir mit dem schon obligatorischen Besuch beim Mercedes-Benz Junior-Cup und kurz darauf dem Trainingslager in Lagos. Dort bin ich sehr gespannt darauf, wie Wolf mit der Mannschaft arbeiten wird und ob es schon dort das eine oder andere neue Gesicht zu begutachten gibt. Wäre schön, ein netteres Ambiente für den Einstand könnte ich mir kaum vorstellen.

Euch allen wünsche ich weiterhin schön Tage zwischen den Jahren und einen guten Rutsch ins Jahr 2017. Danke für Eure Treue und bis bald!

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13. Dezember 2016

(Noch) nicht erstligareif!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 17:44

Nach der Rückkehr aus Aue und den Erlebnissen dort und bei den anderen Auswärtsspielen im Laufe dieser 2. Liga-Saison machte sich (zugegeben scherzhaft) in der Woche eine Stimmung breit, ob es nicht viel schöner wäre, in den Niederungen der 2. Liga weiterhin zu verweilen und der Bundesliga nicht besser die kalte Schulter zu zeigen.

Hier ist Tradition Trumpf, hier riecht man noch den Schweiß der Spieler, hier wirkt alles improvisiert und nicht auf Hochglanz getrimmt, hier ist das Stadionbier günstiger, die Wurst vom ortsansässigen Metzger und nicht vom überregionalen Caterer, hie und da backt die Präsidentengattin noch den Kuchen und der Spirelli-Topf in Aue ist hausgemacht.

Die 2. Liga rockt, die 2. Liga ist wirklich geil. Man kassiert höchstens alle zehn Spiele eine Klatsche wie jene in Dresden, man fährt nicht alle zwei Wochen wie ein gebeutelter Hund von einem Auswärtsspiel zurück. Da die Qualität in der Liga schwer zu wünschen übrig lässt, gewinnt man viele der schlechteren Spiel, so dass man beinahe dauergrinsend durch diese neue Zweitliga-Welt huscht.

Außerdem, auch wichtig für die geschundene VfB-Seele, wir haben noch nicht einmal Weihnachten und der Klassenerhalt ist schon beinahe perfekt. Wann gab’s das zuletzt?

Einziger Wermutstropfen sind die fanunfreundlichen Anstoßzeiten, die es vor allem den auswärtigen VfBlern schwierig machen, alle Spiele besuchen zu können. Und doch war das Neckarstadion für ein Montagabend-Spiel auch gestern wieder respektabel gut gefüllt.

So stellt sich durchaus die Frage, ob wir diese geile Welt wegen eines Aufstiegs im Mai schon wieder verlassen wollen, oder ob wir es uns doch nicht lieber im Unterhaus länger bequem machen sollen.

Schon einige Jahre wurden wir VfB-Fans von einem Übergangsjahr zum nächsten vertröstet, um uns später eintrichtern zu lassen, dass der brutalen Qualität der Liga mehr Demut entgegenzubringen sei und wir uns vor Augen führen sollten, wo wir denn her kommen. Es wurden keine sportlichen Ziele mehr ausgegeben und das Geld stand über der Qualität der Mannschaft. Die einzigen Ziele waren auf Verhinderung ausgerichtet, nicht aber darauf, etwas erreichen zu können.

Ich hatte verstanden, seit geraumer Zeit wurde für mich der sportliche Erfolg immer zweitrangiger, Hauptsache, ich hatte Spaß. Da die fußballerischen Darbietungen diesen selten brachten, waren die Hin- und Rückfahrten und das Meet and Greet mit den Leidensgenossen am Stadion die eigentlichen Highlights der Touren mit dem VfB. So erlebte ich die Bundesliga in den letzten Jahren, nun, in der 2. Liga ist der Spaß am Drumherum geblieben, durch die gestiegene Anzahl von Siegen kam allerdings der Spaß im Stadion und am Fußball zurück, wie geil ist das denn?
Möchte ich diese neuen Glücksgefühle wirklich aufs Spiel setzen? Wieder zurück in die Hochglanzliga, in der es bei der Hälfte der Spiele nur noch um die Höhe der Niederlage geht? Wo mittlerweile bald 30 Punkte als die erstrebenswerte Marke gelten, weil das die Punkte sind, die sich die wenigen Abstiegskandidaten untereinander abnehmen?

Nein, will ich nicht! So jedenfalls nicht. Wenn der VfB aufsteigt, muss gewährleistet sein, dass man sich auch noch von den allerletzten Altlasten befreit hat, dass eine spielintelligente Truppe die Vorgaben des Trainers umsetzt, sie hungrig ist und auch in Drucksituationen mit dem Ball umzugehen weiß. Dem bisherigen Saisonverlauf nach zu urteilen sind wir davon meilenweit entfernt, so dass ein Aufstieg zu früh käme, wenn nicht in der Winterpause (und im Sommer nochmal) radikal nachgebessert wird.

Der VfB versucht seit geraumer Zeit durch Regionalversammlungen und #vfbimdialog näher an die Fans heranzurücken und fährt seit der Mitgliederversammlung einen bemerkenswerten Kuschelkurs.

So stimmt man nun in den Tenor mit ein, dieser geilen Liga nicht zwangsläufig nach nur einem Jahr schon wieder den Rücken zukehren zu müssen. Christian Gentner hat das noch nicht ganz verstanden, wenn ihm Platz zwei erstrebenswerter erscheint, als der Platz an der Sonne, denn, auch als Zweiter „müsste“ man wieder hoch. Und selbst der neue Präsident Dietrich verkündete jüngst, ein zweites Jahr in der Traditionsliga wäre überhaupt kein Problem. Dann sind wir uns ja einig!

Die Mannschaft, die gegen Hannover 96 auf dem Platz stand, nahm diese Steilvorlage dankend an und legte ein Kollektivversagen vom Feinsten an den Tag. Wie immer, wenn man die Zügel zu locker lässt und die Truppe für irgendetwas lobt, greift sie wieder um sich, die alte Bequemlichkeit.
Weshalb auch den Schwung mitnehmen und gegen 96 einen Bigpoint im Kampf um den Aufstieg landen? Da blamiert man sich doch lieber zur Prime-Time vor ganz Fußball-Deutschland bis auf die Knochen und liefert weitere Argumente, weshalb man einfach Angst haben muss, lediglich als Kanonenfutter für die „Großen“ aufzusteigen.

Ich möchte die Leistung der Niedersachsen in keinster Weise schmälern, an deren verdientem Sieg gibt es überhaupt nichts zu deuteln.
Und doch hätte man mit einer derartigen Auf- und Einstellung wohl gegen jeden anderen Ligakonkurrenten auch verloren. Vom VfB sah man nichts, aber auch rein gar nichts, was es rechtfertigen würde, Ansprüche auf die Aufstiegsplätze zu erheben. Das komplette Spiel war gespickt von Stock- und Abspielfehlern, ich kann mich an keinen gut vorgetragenen Angriff erinnern, alles nur Stückwerk und auf Kommissar Zufall ausgerichtet. Obwohl die Temperaturen weiß Gott nicht so frostig waren wie zuletzt gegen den Club und in Aue wirkte es auf mich, so, als wären einige Protagonisten auf dem Platz festgefroren, weil sie den Aktionsradius einer Schildkröte an den Tag legten und dem Hannoveraner Pressing nichts entgegen zu setzen hatten.

Kapitän Gentner (wenigstens in dieser Statistik geht er vorneweg) fabrizierte fast doppelt so viele Fehlpässe wie der Zweite in dieser unrühmlichen Rangliste und hätte bereits während der ersten Hälfte ausgewechselt gehört, weil er einfach völlig neben sich stand. Immerhin, sein Ziel, Platz zwei, hat er an diesem Abend erreicht.

Das Paradoxon war dann schließlich, dass wir trotz dieser unterirdischen Darbietung gar noch gewinnen hätten können, wenn Daniel Ginczek seine Hundertprozentige kurz nach seiner Einwechslung verwertet hätte. Dies wäre des Guten eindeutig zu viel gewesen, wenngleich wir natürlich auch einen unverdienten Sieg dankend mitgenommen hätten. Aber, auch ein Punkt wäre Gold wert gewesen, um Hannover in der Tabelle auf Distanz zu halten.

Ob diese Denke, dass ein Punkt gegen „die Angreifer von der Leine“ durchaus genug sein würde, Hannes Wolf zu dieser vorsichtigen, um nicht zu sagen ängstlichen Aufstellung veranlasste? Die Vermutung liegt nahe. Wir begannen mit einer Fünfer-Abwehrkette, die bei Ballbesitz zu einer Dreier-Kette werden sollte und opferten dafür einen (kreativen) Zehner.

Ob Özcan oder Maxim, einen ballsicheren Mann mit Spielmacherqualitäten hätte es gebraucht, um selbst initiativ zu werden und nicht ständig am hinterherlaufen zu sein. Wenn dann auch noch Großkreutz und Insúa einen rabenschwarzen Tag erwischen, Zimmermann wie Falschgeld herumläuft und Gentner nur durch Ballverluste auffällt, läuft das Spiel von Beginn in die falsche Richtung.

Schon die frühe Führung resultierte mehr aus einem glücklichen Gestochere heraus, als dass der Treffer herausgespielt gewesen wäre und war zu diesem Zeitpunkt bereits glücklich.

Harnik hatte kurz davor die Chance zur Führung, als Großkreutz das Abseits aufhob, er jedoch über seine eigenen Beine fiel. Dass er bei dieser Aktion hämisch ausgelacht wurde, war zu erwarten, stachelte ihn jedoch zusätzlich an, so dass er kurze Zeit später zur Stelle war und den Ausgleich markierte.

Ich kann wenig damit anfangen, dass nahezu jeder Ex-Spieler von uns, wenn er auf der anderen Seite aufläuft, gnadenlos ausgepfiffen wird. Mir ist er in dem Moment egal wie jeder andere Spieler des Gegners auch. Dass man einigen Spielern, die mit dem VfB abgestiegen sind und nur deshalb das Weite suchten, Söldnertum vorwirft und sie in Stuttgart nicht mehr wohlgelitten sind, ist verständlich. Aber, bei Martin Harnik ist der Fall eben anders gelagert, weil sein Vertrag ausgelaufen war und es bereits vor dem Abstieg feststand, dass dieser nicht verlängert wird, was nicht (nur) von Harnik ausging. Man wurde sich nicht mehr einig, ein ganz normaler Vorgang im Bundesligageschäft also.

Nach dem Ausgleich hatte Asano noch eine Großchance in der ersten Halbzeit und Ginni die schon erwähnte in der zweiten, das war es dann aber auch schon mit der offensiven VfB-Herrlichkeit an diesem gebrauchten Tag.

Da die Partie in der zweiten Spielhälfte mehr und mehr verflachte, freundete man sich schon mit der Punkteteilung an, wenngleich ich stets den Eindruck hatte, wenn noch ein Tor fällt, dann eher für Hannover.

Doch dann kam schließlich der große Auftritt von Mitch Langerak. Bei #vfbimdialog stellte „mein“ Fanclub-Präsi an Hannes Wolf die Frage, weshalb Mitch Langerak seine Abschläge „immer“ ins Aus befördere, ob denn das nicht trainiert würde. Dass Wolf darauf nicht antworten und öffentlich keine Einzelkritik betreiben würde, war klar, von daher war diese Frage eigentlich überflüssig.

Und doch muss der Mitch #vfbimdialog geschaut und sich in seiner lockeren australischen Art gesagt haben: O. K. Gesagt, getan, in besagter 87. Spielminute schlug Langerak die Kugel nur knapp an die Auslinie und fand dort Alexandru Maxim. Dieser, offensichtlich verdutzt, weil die Kugel ankam und generös wie er ist, war der Ansicht, Langerak habe eine zweite Chance verdient und spielte den Ball zurück. Da an diesem Abend wenig wirklich mit Fußball zu tun hatte, missriet auch diese Rückgabe, so dass Karaman dem abgefälschten Ball hinterher sprintete und Langerak ihn von den Beinen holte.

Dann folgte der Total-Blackout des ansonsten gut haltenden Australiers. Der Elfmeterpfiff blieb zur Verwunderung Aller aus, doch das realisierte Langerak offensichtlich nicht. Stattdessen stellte er den Spielbetrieb ein und deutete mit beschwichtigenden Gesten an, „kein Elfer“, anstatt einfach weiterzuspielen, solang das Spiel nicht durch einen Pfiff unterbrochen war. So lamentierte er eine gefühlte Ewigkeit, anstatt sich einfach die Kugel zu schnappen und abzuschlagen, von mir aus auch ins Aus. Das Ende vom Lied ist bekannt, der Ball kam in die Mitte und Felix Klaus schob den Ball ins leere Tor ein zum Hannoveraner Auswärtssieg. Ein ganz bitterer Schlusspunkt unter eine ganz schwache Partie.

Hoffentlich besitzt Langerak die mentale Stärke, dass ihm dieser Blackout keinen Knacks für die Ewigkeit versetzt. Vor allem mit dem Fuß ist sein Spiel sehr fehlerbehaftet, wenn er jetzt noch zu viel anfängt zu denken, anstatt intuitiv zu agieren, dann befürchte ich ein Torwartproblem auf uns zukommen.

Dass in der Nachspielzeit Timo Baumgartl auch noch die Rote Karte sah, macht das letzte Spiel 2016 in Würzburg nicht gerade einfacher.
Der Platzverweis mag ja regelkonform gewesen sein und doch ist die Frage berechtigt, weshalb Schiedsrichter Brych nicht einfach abgepfiffen hat. Das Spiel war entschieden, wenige Sekunden nur noch zu spielen, der Ball in der VfB-Spielhälfte. Weshalb profitieren die einen Vereine vom Fingerspitzengefühl des Schiedsrichters und weshalb hat man als VfB-Fan stets den Eindruck, wenn sich einem Pfeifenmann die Chance eröffnet, uns einen reinzuwürgen, dass er das dann auch tut. Schon als ich las, dass Brych unser Spiel leiten würde, bekam ich Schnappatmung, hat er uns doch schon fast jedes Mal verpfiffen.

Es ist einfach ein Trauerspiel, was für Gestalten sich derzeit Bundes-, oder 2. Liga-Schiedsrichter schimpfen dürfen. Dass das Schiedsrichterwesen ein großes Nachwuchsproblem hat, ist bekannt. Aber, muss man deshalb wirklich JEDEN nehmen?

Doppelt ärgerlich ist die Entscheidung des Selbstdarstellers dann, wenn der Gegner vom Fingerspitzengefühl profitiert, was einem selbst verwehrt blieb. Zwei Situationen hätten dazu berechtigt, Oliver Sorg mit Gelb-Rot vom Platz zu schicken, dort blieb der Karton dann aber stecken. Die Niederlage mache ich in keinster Weise am Schiri fest, die haben wir uns selbst zuzuschreiben und doch ist es eben ärgerlich, wenn der Gegner phasenweise mit zwölf Mann „spielt“.

Baumgartl, der bis dorthin eine starke Leistung geboten hatte, werden wir beim Aufsteiger schmerzlich vermissen. Dort gilt es noch einmal alles in die Waagschale zu werfen und eine couragierte Leistung abzurufen.

Uns erwartet in Unterfranken ein weiteres jener Zweitliga-Spiele mit Pokal-Charakter. Kleines Stadion, euphorisches Publikum und nicht der Glitzer der großen Fußballwelt, der sich unsere Kicker trotz Auftritten wie gestern weiter zugehörig fühlen.

Die Würzburger Kickers mit ihrem Trainer Bernd Hollerbach, der schon als Spieler kein Kind von Traurigkeit war, sind äußerst unangenehm zu bespielen. Dort wird’s 90 Minuten lang von einem aggressiven Gegner auf die Socken geben.

Ähnlich wie gestern gegen Hannover 96, werden wir körperliche Nachteile haben und dürften das Publikum schnell gegen uns aufgebracht haben, wenn unsere Fliegengewichte bei jeder Windbö gleich umfallen und flehend nach dem Schiri trachten. Dort werden kämpferische Tugenden gefragt sein und das Spielerische muss zunächst hintenan stehen.

Nach der Vorrunde ist es an der Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen. Nach dem Spiel in Würzburg wissen wir dann auch, ob die Niederlage gegen Hannover ein Ausrutscher war oder eine Trendwende einläutete.

Ich stimme (noch) nicht ein in den Chor derer, die die gestrige Niederlage mit jener Ende Februar gleich setzen und einen ähnlichen Absturz befürchten. Im Februar verloren wir ein hoch überlegen geführtes Spiel aufgrund eigener Überheblichkeit. Danach geriet man in den Abwärts-Sog und hatte Leute wie Dutt und Kramny am Ruder, die den Druck den Anderen zuschoben und der Mannschaft Alibi um Alibi lieferten, bis die Spirale nicht mehr aufzuhalten war.

Heute haben wir mit Hannes Wolf einen Trainer im wahrsten Sinne des Wortes, der den Finger in die Wunde legt und die Truppe besser machen will, anstatt Missstände nur zu verwalten. Zudem sind wir heute in der 2. Liga, wo stärkere Gegner wie Hannover 96 nicht kommen werden.

Wenn es etwas Positives zu gestern hervorzuheben gibt, dann doch dieses, dass wir gegen die vermeintlich zweitbeste Mannschaft der Liga trotz einer abgrundschwachen Vorstellung nur hauchdünn verloren haben.

An Hannes Wolf nagt noch immer die Niederlage in Dresden und auch die gestrige gegen Hannover 96 dürfte Spuren bei ihm hinterlassen. Es ist ja schon die gesamte Runde zu beobachten, dass wir entgegen der Erwartungen vieler nicht mit Siebenmeilenstiefeln durch die Liga pflügen, sondern uns jeden Sieg bisher hart erarbeiten mussten. Das Top-Spiel des gestrigen Abends versprühte schon ein wenig Bundesliga-Flair und lieferte die Erkenntnis, bundesligareif sind wir noch lange nicht.

Vielleicht können wir ja froh sein, unseren „alten“ VfB gestern noch einmal erlebt zu haben. Auch wenn es phasenweise an Folter grenzte, wäre das Resultat aus genau solchen Spielen, dass die Herren Schindelmeiser und Wolf jetzt erst recht schon im Winter personell nachlegen und vor allem unsere zweikampfschwache, passunsichere und langsame Mittelfeldzentrale überdenken, könnte man für diesen Auftritt am Ende des Tages auch noch dankbar sein.

Gerade was defensive Mittelfeldspieler angeht, hat Wolf in den letzten Jahren in Dortmund herausragende Pärchen erlebt, so dass Zimmermann/ Gentner sicherlich nicht seinem Ideal entsprechen und er gewillt sein dürfte, nachzubessern. Auch auf anderen Postionen wie defensiv außen oder offensiv zentral ist noch sehr viel Luft nach oben.

Auf die erste Transferperiode, auf die Hannes Wolf Einfluss nehmen kann, bin ich sehr gespannt. Immer vorausgesetzt, was der „Wintermarkt“ hergibt und wie auf der anderen Seite die Nachfrage nach unseren potentiellen Abgängen ist, hoffe ich auf eine lebhafte Fluktuation, um der Truppe Stück für Stück diesen alten VfB auszutreiben.

Die Mentalität der schnellen Selbstzufriedenheit und dass man sich zu schnell mit zu wenig zufrieden gibt, anstatt nach dem Maximum zu streben, sitzt offensichtlich noch tief verwurzelt im Inneren des Vereins und der Mannschaft. Erst wenn diese Verkrustungen endgültig aufgebrochen sind, wenn der VfB mal wieder die nächste Stufe erklimmt und sich nicht stets selbst im Weg steht, sind wir auch reif für höhere Weihen, für die Bundesliga. Der Zustand hier und jetzt ist 2. Liga, da sind wir gut aufgehoben, da gehören wir Stand jetzt auch hin.

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12. Dezember 2016

Schließt sich der Kreis?

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , – Franky @ 08:39

DER Meilenstein auf dem Weg zum Abstieg war sicherlich die 1:2-Heimniederlage gegen Hannover 96 am 27.02. diesen Jahres. Der VfB befand sich gerade wieder in der Spur, als es diese unnötige Niederlage gegen das zu jenem Zeitpunkt abgeschlagene Schlusslicht setzte.

Altmeister Thomas Schaaf verwirrte damals Trainer-Greenhorn Kramny mit einer so nicht erwarteten Aufstellung. Und doch führte man mit 1:0 und ließ zunächst glasklarste Chancen zum 2:0, später dann zum 2:1, liegen. Timo Werner war das Sinnbild dieses unsäglichen Auftritts, spätestens seit jenem Spiel sprachen ihm viele die Bundesligareife ab. Ich titelte damals, optimistisch wie ich bin, „Noch kein Beinbruch“, im Nachhinein aber muss man konstatieren, dass es doch einer war und die Mannschaft danach, von einem Zwischenhoch gegen uns ins Messer rennende Hoffenheimer einmal abgesehen, nicht mehr auf die Beine kam. Ich kann mich an wenige unnötigere Niederlagen als diese erinnern. 22:12 Torschüsse, 17:1 Ecken und doch verliert man am Ende durch zwei Schulz-Tore, ein Spieler übrigens, der gefühlte zehn Jahre zuvor nicht traf.

Heute gilt es die Suppe, die man sich damals eingebrockt hat, wieder auszulöffeln. Die Vorzeichen sind komplett andere jetzt. Top-Spiel der Woche, nicht mehr in der Bundesliga sondern im Unterhaus. Es treffen DIE beiden Aufstiegskontrahenten aufeinander. Als langjährige Erstligisten kann für beide Teams der Anspruch nur jener sein, den Betriebsunfall umgehend zu korrigieren und sofort wieder aufzusteigen. Beide sind dem Rest der Liga finanziell um Lichtjahre überlegen. Der VfB hatte beim Abstieg, da er keinen Mäzen wie Martin Kind in der Hinterhand hat, einen noch größeren Aderlass als die 96er zu verzeichnen, sich mittlerweile jedoch gefangen und augenscheinlich eine Frischzellenkur vollzogen, die nötig wie unumgänglich war.

Hannover 96 hatte zu Beginn der Runde den Vorteil, bereits während der letzten Saison die Aufstiegshoffnung Daniel Stendel als Trainer installiert zu haben und Leistungsträger wie Salif Sané trotz lukrativer Angebote gehalten zu haben, während der VfB zunächst darauf angewiesen war, Transfererlöse von knapp 40 Millionen Euro zu generieren. Dadurch kamen die Niedersachsen besser in die Saison, zumal der VfB, Ruhe ist schließlich ein Fremdwort, einen Trainer und einen Sportdirektor in ihren Reihen hatten, die überhaupt nicht miteinander sprachen.

So kam es, wie es kommen musste, Luhukay wurde gegangen oder ging freiwillig, man weiß es nicht so ganz genau, und Hannes Wolf wurde installiert. Abgesehen vom 0:5 in Dresden präsentiert sich die Mannschaft seither anders, frischer. Wolf tut dem Verein gut, bringt frischen Wind und neue Ideen hinein und ist ein akribischer Arbeiter, dem jedes noch so kleine Detail wichtig ist. Nach Dresden hat der VfB fünf Siege und ein Remis bei Union Berlin zu verzeichnen und nahm in der letzten Woche erstmals den Platz an der Sonne ein, den es heute zu verteidigen gilt.

Auch Hannover ist seit fünf Ligaspielen ohne Niederlage und vor allem zu Hause eine Macht. Auswärts gelangen den Niedersachsen jedoch erst zwei Siege, so dass sie momentan auf dem Relegationsplatz stehen und ihren eigenen Ansprüchen etwas hinterher hinken dürften.

Das Team von der Leine reist mit seinem Top-Torjäger Martin Harnik an, der sieben Saison-Tore und davon fünf in den letzten fünf Spielen auf seinem Konto hat. In Stuttgart ist der Österreicher zuletzt jedoch eher als Chancentod in Erscheinung getreten, so dass es kaum zu befürchten ist, dass er im letzten halben Jahr aus der Ferne gelernt hat, wo denn die Tore im Neckarstadion angebracht sind. Mir wird dieses Duell auch zu sehr auf ein Spiel VfB gegen Harnik reduziert. Wenn wir 3:2 gewinnen und Martin Harnik die beiden 96er-Tore schießt, ist mir das völlig egal, dann freue ich mich einfach, dass wir gewonnen haben.

Mittlerweile bin ich wieder sehr optimistisch, was den VfB und vor allem auch das heutige Spiel angeht. Ich vertraue Hannes Wolf, dass er sich ausgiebig mit Hannover 96 beschäftigt hat und weiß, wie ihnen beizukommen ist. Ich vertraue Wolf, dass er auch während des Spiels, sei es durch eine Ansprache, sei es durch Wechsel oder Rochaden auf dem Feld, auf Geschehnisse reagieren und alles für den Sieg tun wird. Ich vertraue auf das Potential, das in unserer Truppe, vor allem offensiv, steckt und ich freue mich, dass Daniel Ginczek in den Kader zurückkehren wird. Ich vertraue unserer neu entdeckten Heimstärke, die sich darin ausdrückt, dass wir zu Hause lediglich gegen Heidenheim (noch unter Luhukay) den Kürzeren zogen und darauf, dass uns Hannover zu Hause eigentlich liegt (von den letzten acht Heimspielen gewannen wir sechs).

Komischerweise hatte ich vor dem Spiel gegen Heim-Angstgegner weitaus mehr Bammel als vor dem heutigen. Einfach des Gesetzes der Serie wegen und weil Nürnberg aus einer starken Serie herauskam. Wie so oft schon in dieser Saison setzte es auch an diesem Abend die Erkenntnis, dass Bundesliga und 2. Liga zwei Paar Stiefel sind und Serien aus Bundesligazeiten nicht zwangsläufig in der 2. Liga bestätigt werden müssen. In der 2. Liga reichten uns schon des Öfteren fehlerbehaftete Auftritte, die die Gegner nicht zu bestrafen vermochten, zum Sieg, so dass diese 2. Liga die ideale Spielwiese ist, sich zu konsolidieren und langsam für die Bundesliga einzuspielen. Natürlich fehlt noch einiges, möchte man als ernsthafter Konkurrent und nicht als Sparringspartner der Großen zurückkehren, aber auch diesbezüglich werden Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf in der Wintertransferperiode erste Weichen stellen.

Für einen Fußballlehrer wie Hannes Wolf könnte die Situation indes reizvoller kaum sein. Die Ergebnisse stimmen und doch bieten die Auftritte noch jede Menge Steigerungspotential. Ein 4:0 in Aue wird daher auch richtig eingeordnet werden und dem Umstand, dass wir dort nicht unbedingt das bessere Team waren, bei der Trainingsarbeit Rechnung getragen. Dort entschied die individuelle Klasse, vor allem unserer schnellen Außen Asano und Mané die Partie, und die brutal an den Tag gelegte Effizienz, als man von fünf Torchancen vier verwerten konnte. In weiten Phasen des Spiels war man zu passiv, was in einem Auswärtsspiel jedoch nicht allzu verwerflich ist, wenn man es denn so klar gewinnt wie letzten Sonntag.

Heute kommt zwar kein „normaler“ Zweitligist ins Neckarstadion und dennoch gilt bange machen nicht. Der VfB kann mittlerweile mit breiter Brust aus den Katakomben treten und wird dies auch tun. Es gilt, Hannover auf Distanz zu halten und die Spitzenreiterposition zu untermauern. Alles ist angerichtet, wir sind heiß und das Team wird heiß sein, beim letzten Heimspiel des Jahres noch einmal Werbung in eigener Sache zu betreiben und auch ein Stück weit für die vergangenen zwölf Monate zu entschädigen. Der VfB rechnet mit 45.000 Zuschauern, aufgrund des Montagabend-Termins nicht die ganz große Kulisse und doch noch immer sehr beachtlich.

Es gilt den Rückenwind der letzten Wochen mitzunehmen und alles dafür zu tun, dass sich der Kreis schließt, dessen Unheil mit der Heimniederlage Ende Februar ihren Lauf genommen hat.

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5. Dezember 2016

Magisches Dreieck Vol. II

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 21:27

Die 2. Liga und vor allem die noch immer gewöhnungsbedürftigen Spieltermine sind für uns VfBler noch immer Neuland. Auch für mich, dem als Allesfahrer und natürlich Berufstätigem oftmals die Zeit oder auch „der Kopf“ fehlt, die Geschehnisse rund um den VfB zu Papier zu bringen und die Spiele zu kommentieren. So also erst heute ein kleiner Rückblick auf das Montagspiel gegen Nürnberg sowie die Nachbetrachtung unseres Kurztrips ins Erzgebirge.

Ich muss es zugeben, vor dem Nürnberg-Spiel hatte ich schon ein wenig Bammel, dass es die zweite Heimniederlage nach Heidenheim setzen könnte. Einfach weil die Nürnberger, ähnlich wie Köln, zu Bundesligazeiten stets ein Gegner waren, mit dem wir zu Hause unsere liebe Müh und Not hatten.

Zudem haben die Nürnberger nach schlechtem Saisonstart in die Spur gefunden und mausern sich zu einem ernsthaften Aufstiegsanwärter. Sieben Spiele in Folge waren die Nürnberger ungeschlagen, während der VfB nach Dresden zuletzt immerhin vier Mal in Folge den Platz nicht als Verlierer verlassen hatte. So standen sich also zwei „Serientäter“ gegenüber und es gab mit dem Glubb im Neckarstadion ein Team seine Visitenkarte ab, das erst einmal geschlagen werden wollte.

Der VfB wurde von den zehn bis jetzt angesetzten Heimpartien als DIE Attraktion der 2. Liga fünf Mal montags zum Dienst bestellt. Dem Nürnberg-Spiel folgen noch das gegen Hannover 96 und jenes im Februar gegen Fortuna Düsseldorf, worüber die Cannstatter Kurve mittels eines Banners gegen die Ansetzungen ihren Unmut kundtat.

Mir als Stuttgarter passen die Montagsspiele zwar auch nicht, weil einfach der Vor- und Nachklang der Spiele zu kurz kommt und doch ist es mir noch lieber montags zu Hause als in der Fremde antreten und dafür Urlaub opfern zu müssen. Daher sehe ich das als Allesfahrer und in Anbetracht der Umstände, die der Abstieg eben mit sich bringt, pragmatisch und finde bisher, es hätte uns schlimmer treffen können.

Pünktlich zu diesem Heimspiel in der dunklen Jahreszeit zog auch der Winter in Bad Cannstatt ein, so dass uns ein frostiger Abend bei Temperaturen um die sechs Grad unter dem Gefrierpunkt bevorstehen sollte. Auf der einen Seite jammere ich als Liebhaber einer Freiluftsportart nicht gerne darüber, zumal ich auch schon das Spiel gegen Hoffenheim bei minus 17 Grad und jenes 1994 im Münchner Olympiastadion bei minus 16 Grad und eisigem Wind überstanden habe. Und doch merkte ich, dass ich auf diese eisige Kälte Ende November noch nicht eingestellt war und hoffte umso mehr auf ein erwärmendes Spiel.

Trainer Hannes Wolf verzichtete gegen den Club auf den von einer Gelbsperre zurückgekehrten Kevin Großkreutz, was diesem nicht sonderlich geschmeckt haben dürfte. Großkreutz bittet einerseits um Geduld, was das Erlangen seiner Topform angeht und ist doch Profi genug, um Frust zu schieben, wenn ihn der Trainer auch mal draußen lässt.

Plausibel fand ich die Erklärung Wolfs dazu, dass er Pavard den rechten Verteidiger mimen ließ, weil die Trainer hohe Bälle auf die schnellen Nürnberger Außen erwarteten und ihnen Pavard als Antwort darauf passender erschien.

Wolf verlangt seinen Spielern in Sachen Flexibilität einiges ab und geht diesbezüglich mit gutem Beispiel voran. Es scheint, alles was Wolf macht, habe Hand und Fuß und sei vor allem sehr gut durchdacht. Es steht dem VfB unter Wolf sehr gut zu Gesicht, dem jeweiligen Gegner Respekt zu zollen, indem man das eine oder andere Mal auch seine Aufstellung danach ausrichtet, „welche Themen der Gegner anzubieten hat“. Dadurch ist schließlich auch der VfB selbst dann schwerer ausrechenbar.

Gegen die Franken kehrte der VfB vom in Berlin praktizierten 3-4-3 zum 4-1-4-1 zurück, wobei Zimmermann den einzigen Sechser mimte und Gentner, Maxim, Mané und Asano die einzige Spitze Simon Terodde füttern und unterstützen sollten. Dies klappte auf Anhieb sehr gut. Der VfB und insbesondere Simon Terodde entwickeln sich mehr und mehr zu den Frühstartern der Liga. Mané auf Asano, dieser mit klasse Übersicht zu Terodde und es stand 1:0 in der 3. Minute. Da war er doch, der erste erwärmende Moment des Abends.

Auch das gefällt mir beim Wolf’schen Fußball. Meine Idealvorstellung einer unter der Woche nur trainierenden Mannschaft ist es ja seit eh und je, dass sie den Spielen entgegenfiebert und mit den Hufen scharrt, bis es endlich raus geht auf den grünen Rasen und sie alles in Grund und Boden rennen möchte.

Jahrelang war aber eher das Gegenteil der Fall. Es sah nach lästiger Pflichterfüllung aus und die ersten Halbzeiten plätscherten ohne Esprit und Höhepunkte vor sich hin.

Das ist nun anders. Man merkt der Mannschaft mittlerweile an, dass sie sich etwas vorgenommen hat, wenn sie vom Anpfiff weg nach Lösungen in der Offensive sucht und, vor allem zu Hause, sehr aktiv und initiativ ist.

Positiver Nebeneffekt dabei ist, dass im modernen Fußball das 1:0 oft der Wegweiser ist, in welche Richtung ein Spiel läuft und es somit weitaus erfolgsversprechender ist, selbst die Initiative zu übernehmen, anstatt einfach mal abzuwarten, was denn der Gegner so drauf hat.
Phasenweise spielt der VfB bereits jetzt einen tollen Fußball. Die Abwehr um Timo Baumgartl stabilisiert sich mehr und mehr, Kaminski scheint sich festzuspielen und in Mané, Asano und Terodde erwächst ein neues magisches Dreieck. Auf den defensiven Außen entwickelt sich Pavard zu einer echten Alternative für Kevin Großkreutz und der einst so wechselwillige Florian Klein steht derzeit tatsächlich auf dem Abstellgleis, während Emiliano Insúa, auch mangels echter Alternative, über fast jeden Zweifel erhaben ist.

Noch sind diese tollen Phasen zu rar gestreut, das weitere Augenmerk von Wolf wird darauf ausgerichtet sein, diese guten Phasen länger, im Optimalfall auch mal für neunzig Minuten, hinzubekommen.

Nach einer Führung neigt der VfB nach wie vor dazu, einen Gang zurück zu schalten und dem Gegner den Ball zu überlassen. Dann regiert die Devise „Safety first“, so dass die Abstände zwischen Defensive und der Offensive zu groß und der Weg zum Tor dadurch zu weit sind. In Berlin rächte sich dies, gegen den Club zum Glück nicht, weil es gelang wenigstens das 2:0 nachzulegen.

Hier sind vor allem unsere zentralen Mittelfeldspieler wie Zimmermann und Gentner gefragt, die Räume noch besser zu nutzen und ein Gespür dafür zu entwickeln, wann der Risikopass nach vorne die bessere Alternative ist, als der Rückpass zu einem Abwehrspieler.

Wolf ist aus Dortmund sicherlich ein anderes Level in diesem Bereich gewohnt, so dass man gespannt sein darf, ob es personelle Veränderungen geben wird, wenn Wolf erstmals an der Kaderzusammenstellung mitwirken darf. Spieler wie Gündogan, Sahin, Kehl, Bender, Weigl und einige andere wird sich der VfB zwar nicht leisten können, aber vielleicht solche, die das Zeug und vor allem die Spielintelligenz und Zweikampfstärke mitbrächten, zu einem solchen Kaliber entwickelt zu werden.

Mané und Asano aber entwickeln sich durch ihre Schnelligkeit und Ballfertigkeit immer mehr zu Waffen im Aufstiegskampf.

Beide sind auf Leihbasis beim VfB, Mané für zwei Jahre, Asano für ein Jahr, jedoch mit Option auf ein weiteres. Bei Mané soll sich der VfB eine Kaufoption für 15 Millionen Euro gesichert haben, was bei Asano nicht der Fall ist.

Jedoch könnten dem VfB die Folgen des Brexit in die Karten spielen, sollte „Ausländern“ der Zugang in den englischen Arbeitsmarkt weiter erschwert und Asano die „Arbeitserlaubnis“ auf der Insel verwehrt bleiben.

Die 15 Millionen Euro für Mané muten sich als Zweiligist zwar als utopisch an, jedoch, steigt man auf und möchte man sich langfristig in der Bundesliga etablieren, benötigt man eine gute Mannschaft und Spieler wie Mané, die den Unterschied ausmachen können.

Bei Mané sehe ich durchaus das Potential seines Fast-Namensvetters Leroy Sané, der für gut vierzig (!) Millionen Euro von Schalke zu Manchester City wechselte. Nicht immer ist also sparen gleich sparen. Man muss bei einem Spieler, der eine hohe Rendite verspricht, auch mal in ein kalkuliertes Risiko gehen.

Gegen Nürnberg machte sich der VfB das Leben schwer, indem durch leichtfertige Stockfehler gute Umschaltmöglichkeiten schon im Ansatz verschenkt wurden und man die Clubberer so nach der frühen Führung überhaupt ins Spiel kommen ließ.

Daraufhin zeigte der Club dann auch, dass mit ihm zu rechnen ist und der VfB hatte Glück, dass gerade in jener Phase, als die Franken dem Ausgleich mit einem Pfostentreffer bedrohlich nahe kamen, das 2:0, wiederum durch Terodde, glückte.

Mané schlug eine Flanke von rechts, Maxim schlug unfreiwillig über den Ball, doch Terodde, ganz Goalgetter, irritierte das nicht, so dass er überlegt einschieben konnte.

Terodde traf damit im fünften Ligaspiel in Folge und schraubte seine Ausbeute auf acht Treffer in diesen fünf Spielen. Damit entschied Terodde auch das Duell der Top-Torjäger klar für sich und kam durch sein zehntes Saisontor bis auf einen Treffer an Guido Burgstaller, den Führenden der Torjägerliste, heran. Die derzeitige Treffsicherheit von Terodde kommt damit auch der Rekonvaleszenz von Daniel Ginczek zu Gute, nimmt sie doch etwas vom Druck, Ginni zu früh rein werfen und ein zu hohes Risiko eingehen zu müssen.

Nach dem Seitenwechsel kontrollierte der VfB die Partie weitestgehend und verwaltete den Vorsprung, wobei man die Vorentscheidung mehrmals nur knapp verpasste. Als Nürnberg dann zur Schlussoffensive ansetzte und zehn Minuten vor dem Ende zum Anschluss kam, wurde es unnötigerweise noch einmal eng, ehe Asano in der Nachspielzeit nach feinem Zuspiel von Mané den Schlusspunkt zum 3:1 setzte.

Das WIE war mir an diesem frostigen Abend völlig egal. Das Wichtigste war, dass wir in den entscheidenden Momenten effektiv genug waren, einen ernsthaften Mitaufstiegs-Konkurrenten zu schlagen und uns vom Leibe zu halten. Ich titelte kürzlich, „der VfB ist wieder in der Spur“, was durch diesen wichtigen Sieg noch einmal unterstrichen wurde.

Gestern sollte dann einer der Leckerbissen der Saison für einen Fußball-Nostalgiker wie mich folgen. Es ging ins schöne Erzgebirge, zum FC Erzgebirge (Wismut) Aue.

Aue hat inzwischen dem SV Meppen den Rang abgelaufen, wenn es für Erstligisten um den Inbegriff für die 2. Liga geht. Vor einigen Jahren formulierte Hansi Müller seine Gedanken in der Form, dass er nicht im November bei fünf Grad nach Aue wolle, als man ihn auf einen möglichen Abstieg angesprochen hatte. Gut, ganz so kam es nicht, war es schließlich bereits Dezember und die Temperaturen entsprechend auch schon im Bereich unter null Grad.

Leider befindet sich das Erzgebirgsstadion momentan im Umbau, so dass lediglich 10.000 Zuschauer Platz finden und das halbe Stadion eine Baustelle ist. Für mich tat dies dem besonderen Flair jedoch keinen Abbruch. Er war auch unter diesen Umständen zu spüren, dieser ehrliche Fußball, der dort noch malocht wird und dessen Vereinshymne nicht von ungefähr das Steigerlied der Bergleute-Zunft ist.

Die frühen Anstoßzeiten in der 2. Liga fordern auch uns Fans einiges ab, klingelte am Sonntagmorgen, der eigentlich zum ausschlafen gedacht ist, schon um 4 Uhr der Wecker. Gegen halb sechs stiegen wir in Ditzingen-Ost in den RWS-Bus und begaben uns auf die rund 420 Kilometer lange Reise. Leere Autobahnen die ganze Fahrt über, so dass wir überraschend schnell unser Ziel erreichten und genügend Zeit verbleiben sollte, noch einige Freunde und Bekannte zu treffen.

Leider hatten wir diese Rechnung zunächst einmal ohne die sächsische Polizei gemacht. Diese passte uns auf einer Einfallstraße nach Aue, genauer gesagt im Örtchen Raum (!) ab und zwang uns zum Halt. Dann hieß es, man wolle „die“ Busse gesammelt zum Stadion eskortieren. Dumm dann natürlich für diejenigen, die beizeiten abfuhren! Da die Polizei offensichtlich keinen Plan hatte, auf wie viele Busse sie überhaupt zu warten hätte, beließ man es dabei, die Eskorte zu starten, nachdem fünf, sechs weitere Busse eingetroffen waren.

Wir wurden also zum Busparkplatz eskortiert, wo der nächste Ärger auf uns wartete, weil der Parkplatz schon recht vollgeparkt war und dabei die Wendekreise der Busse nicht bedacht wurden und unser Kutscher eine gefühlte Ewigkeit lang rangieren musste, um überhaupt in den Parkplatz hinein manövrieren zu können. Da fragt man sich manchmal wirklich, wer solche „Strategien“ ausheckt, zumal es im Umfeld des Spiels und des Stadions ruhig blieb und auch im Vorfeld keine Ausschreitungen zu befürchten waren.

So war der erste Eindruck über unsere Gastgeber kein sonderlich guter. Durch diese Aktionen hatten wir bereits wertvolle Zeit verloren und entschlossen uns, nach einem schnellen Bierchen am Bus, uns zu unserem Eingang zu begeben. Mir gelang es unter der Woche noch, unsere Karten für den Gästeblock G gegen welche auf der Gegentribüne E zu tauschen, von wo aus eine bessere Aussicht auf unsere Fankurve zu erwarten war.
Da laut Stadionordnung und Faninfos davon auszugehen war, dass es Probleme mit allen Kameras größer einer kompakten geben könnte, ließ ich „die Große“ vorsichtshalber gleich zu Hause und nahm nur die Kompaktkamera mit. Wie bereits in einigen anderen Spielen, wo ich mich eher im Heimbereich positionierte und mir nicht sicher war, wie man als Fan mit gegnerischer Fankleidung aufgenommen bzw. ob man mit dieser überhaupt hereingelassen werden würde, entschied ich mich für neutrales Outfit. So gab es am Einlass überhaupt keine Probleme, das Ordnungspersonal, mit dem ich an diesem Tag zu tun hatte, war durchweg freundlich und auch kompetent.

Drinnen bemerkte ich dann schnell, dass auch VfB-Outfit kein Problem dargestellt hätte, tummelten sich doch einige VfBler in unserem Bereich. Den auf meiner Eintrittskarte aufgedruckten Platz hätte ich zum fotografieren vergessen können, war er doch sehr nah am Zaun neben dem Pufferblock zum Gästebereich und zudem noch mit einer dicken Reif-Schicht belegt.

Da die Ordner und auch die Auer Fans sehr entspannt waren, konnte man sich im Block gut bewegen und vorne an der Bande stehen, natürlich in Bereichen, wo man niemandem die Sicht versperrte. Es gibt ja viele Stadien, in denen sofort ein Ordner zur Stelle ist, und einen anweist, seinen angestammten Platz einzunehmen, dies war in Aue zum Glück nicht der Fall.

Wie überall, wo es Vollbier gibt, testete ich auch dort gleich einmal den Bierstand, beließ es jedoch bei einem Bierchen, bevor mir bei einem weiteren der Becher an die Hand gefroren wäre. Es war bitter kalt an diesem Nachmittag.

Wolf startete mit einer Änderung im Vergleich zum Nürnberg-Spiel, Özcan durfte für Maxim ran, der überhaupt nicht im Kader war. Die offizielle Sprachregelung lautete „muskuläre Probleme“, wenn man jedoch Maxims Körpersprache in den letzten Wochen und Monaten betrachtet und sieht, dass er es auch topfit oft nicht in die erste Elf schafft, liegt die Vermutung nahe, dass er sich mit seinem Standing nicht anfreunden kann und es deshalb zu Differenzen gekommen ist. Sei’s drum, es zählen ohnehin keine Einzelschicksale, wichtig ist der Mannschaftserfolg.

Der VfB begann die Partie äußerst verhalten und ließ Aue das Spiel machen, während man selbst auf Konter lauerte. Dies ist immer eine gefährliche Herangehensweise, vor allem dann, wenn der Gegner diese Einladung annimmt und den VfB in die eigene Hälfte drückt. Aue gelang das jedoch nur bedingt. Hervorragend gelang zwar ihr Pressing, das den VfB zu zahlreichen Ballverlusten zwang, doch, sie spielten ihre Angriffe oft nicht zu Ende, schlossen überhastet ab oder der letzte Pass wurde schlampig gespielt.

Deshalb wurde die anfängliche Passivität des VfB nicht bestraft, im Gegenteil. Nach Özcan-Ecke verlängerte Pavard zu Timo Baumgartl, welcher völlig frei zum 0:1 einköpfen konnte. Es war Baumgartls allererster Treffer im 53. Pflichtspiel und in seinem 50. Liga-Spiel für den VfB. Wie sich Baumgartl in die Arme von Trainer Wolf warf, zeugt von einem guten Verhältnis zwischen Trainer und Spieler und ist wohl auch der Dank an Wolf, Baumgartl zum Abwehrchef gemacht zu haben.

In der Folgezeit verfiel der VfB in sein altes Phlegma und ließ Aue kommen. Das ging beinahe ins Auge, als Kvesic fünf Minuten nach der Führung nur die Querlatte traf. Langerak war mit den Fingerspitzen noch dran, klasse Aktion des Mannes mit der Mütze.

Auch Rizzuto ließ man kurz darauf ohne große Gegenwehr in Schussposition kommen, dieser verzog jedoch. Wieder wie aus dem Nichts erhöhte der VfB dann auf 2:0, als Asano einen langen Ball, halb mit der Brust, halb mit dem Arm, stark mitnahm und an den langen Pfosten flankte. Gentner war zur Stelle und traf unter gütiger Mithilfe von Keeper Haas zum 0:2. Danach war lange wieder nur Aue am Drücker und kam zu durchaus guten Einschussmöglichkeiten, welche ziemlich kläglich vergeben wurden. Das unterstrich, dass man zu sehr vom kurzfristig ausgefallenen Torjäger Köpke (7 Saisontore) abhängig zu sein scheint.

Kurz vor der Pause versuchte dann noch Nicky Adler mit einer plumpen Schwalbe einen Elfmeter zu schinden. Respekt an den Schiedsrichter, der sofort die gelbe Karte zeigte und auf Freistoß für den VfB deutete.

Tja, lieber Nicky Adler, wie man am Samstag am Beispiel von Timo Werner gesehen hat, verleiht zwar Red Bull Flügel, der BSG Wismut offensichtlich aber nicht.

Ein Wort noch zu Timo Werner und dem DFB in diesem Zusammenhang:

Werner sollte besser wieder auf Döner umsteigen und das Grünzeug, das ihm in Leipzig verabreicht wird, bei Seite schieben, damit er standhaft bleibt und nicht bei jedem Windstoß, wie vom Blitz getroffen, hinfällt.

Und, zum DFB, solang man stur auf einer Regel wie der der Tatsachentscheidung beharrt, die es seit gefühlten 100 Jahren gibt und die längst überholt ist, sind Lug und Betrug im Fußballgeschäft weiterhin Tür und Tor geöffnet.

Was wäre daran auszusetzen, eine Entscheidung eines Schiedsrichters öffentlich als falsch zu erklären? Dies untergräbt doch dann nicht mehr die Autorität eines Schiedsrichters, wenn es um eine Szene geht, von der Millionen von Menschen bereits wissen, dass es sich um eine Fehlentscheidung handelte. In welcher Welt leben diese Funktionäre? Für mich hätte es eindeutig eine abschreckende Wirkung, wenn Werner jetzt, meinetwegen für drei Spiele, gesperrt werden würde.

So ging es mit einem durchaus schmeichelhaften 0:2 in die Halbzeitpause, in der wir uns ob unserer mehr und mehr abfrierender Gliedmaßen bereits den Schlusspfiff und den warmen Bus herbei sehnten.

Warm sollte es dann aber doch werden, jedoch nur im Gästeblock. Mit Beginn der zweiten Halbzeit wurde gezündelt was das Zeug hielt und das Erzgebirgsstadion immer wieder für kurze Zeit eingenebelt. Der Aufschrei in den sozialen Netzwerken ist mal wieder riesig, von hirnlosen Idioten, die nur dem Verein schaden wollen, die Rede.

Ich fand es megageil anzusehen und zu fotografieren und bin absolut pro Pyro, wenn die Bengalos vernünftig gezündet werden und die Hand erst verlassen, wenn sie erloschen sind. So geschehen gestern, so auch in Homburg. Ein Problem habe ich lediglich dann, wenn Böller gezündet werden, die schwere Knalltraumata hervorrufen können, Raketen abgeschossen werden oder brennendes Material aufs Feld oder in Zuschauermengen gefeuert wird. Ein gewisses Restrisiko bleibt natürlich bestehen, aber, das hat man auch wenn man auf die Straße geht oder sich ans Steuer setzt. Meiner Erfahrung nach ist es auch eine Mär, dass, wie die Vorwürfe im Internet lauten, Pyros von Kindern im Vollsuff gezündet werden, viel mehr erfolgt der Umgang mit Pyro-Technik, zumindest in unserer Ultras-Szene, durchaus verantwortungsvoll. Aber, das bekommen Leute, die von der Couch aus urteilen, natürlich nicht mit.

Der erste Ausruf der Couch-Potatoes, die sich gestern darüber beklagten, bei Sky zeitweise nichts mehr vom Spiel gesehen zu haben, lautet, dass Pyro verboten sei und man es schon deshalb zu unterlassen habe.

Dieses Argument ist für mich an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Solchen Kandidaten empfehle ich, fahrt erst einmal auswärts, bevor ihr im Netz die Klappe aufreißt.

Weil einem auf einer Auswärtsfahrt diffuseste Verbote entgegen schlagen, die schon an Menschenrechtsverletzungen grenzen, weil sie die persönliche Freiheit in nicht unerheblichem Ausmaß einschränken, führt dies bei mir zu einem „Jetzt erst recht“ und dazu, dass ich Verbote rund um ein Fußballspiel nicht automatisch für richtig halte und sie kritiklos akzeptiere.

Ich lasse es mir nämlich ungern vorschreiben, welchen Weg ich zu nehmen habe, ob ich in Polizeibegleitung oder individuell zum Stadion gelangen möchte und ob ich aufs Klo darf oder nicht. Mit solchen „Maßnahmen“ hat man es auswärts regelmäßig zu tun, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Alkoholverbote für ganze Gebiete tun ihr übriges, auch dann sucht man nach Wegen, dieses zu umgehen.

Und dann soll allen Ernstes jemand davon abgehalten werden, Pyros zu zünden, weil das verboten ist? Würde man wieder in den Dialog treten und, Auswärts-Fans nicht regelmäßig wie Aussätzige oder Vieh behandeln, käme man vielleicht auch in Sachen „kontrollierter Einsatz von Pyro-Technik“ näher aufeinander zu, solang das „Miteinander“ aber in einer Einbahnstraße mündet und die Restriktionen gegen Fans eher noch zu- als abnehmen, wird das Versteckspiel weiter gehen und der Anreiz nicht weniger werden, trotz intensivster Kontrollen Material hineinzuschmuggeln.

Über das Argument, dass die Zündelei die Vereine Unsummen an Geld kosten würde, lache ich genauso. In einem Business, in dem es um Milliarden geht, werden Strafen im Zehntausender-Bereich aus der Portokasse bezahlt. Solang es sich ein Verein wie der VfB noch leistet in 5-Sterne-Luxus-Wellness-Ressorts und abgeschottet von der Außenwelt abzusteigen, solang Geld für Charterflieger zur Verfügung steht, solang für die Abfindungszahlungen für Trainer, Sportdirektoren und auch Spieler, die der VfB allein in den letzten drei bis vier Jahren angehäuft hat, wohl zig Jahre lang gezündelt werden könnte, so lang muss man sich wohl keine Sorgen machen, dass der VfB durch diese Strafzahlungen in seinen Grundfesten erschüttert werden könnte.

Für diese (außerplanmäßigen) Kosten sind sicherlich Rücklagen gebildet und diese werden am Ende, wenn das Urteil des DFB gesprochen ist, für gemeinnützige Zwecke gespendet. Man könnte also auch in die Richtung argumentieren, dass es vernünftiger ist, dem Gemeinwohl Gutes zu tun, als teuren Missverständnissen wie Torun, Abdellaoue und wie sie alle in der Vergangenheit hießen, mittels Abfindung den Abgang schmackhaft machen zu müssen. Erst wenn der VfB nachweislich kein Geld mehr zum Fenster hinaus wirft, kann man anfangen, über diese vergleichsweise Peanuts-Beträge zu lamentieren.

Härter würde den VfB natürlich ein Zuschauer-Teilausschluss treffen, wobei dieser, siehe Frankfurt gegen uns in der letzten Saison, auch ganz schön nach hinten los gehen kann.

Der gesundheitliche Aspekt ist sicher auch nicht bei Seite zu schieben, jedoch muss jeder, der sich ein Ticket für den Fanblock besorgt, damit rechnen, dass es auch mal rauchen könnte. Die Gegner werden darauf entgegen, nein, müssen sie nicht, das ist jedoch mehr Wunschdenken als die Realität. Dieser muss man eben auch mal ins Auge blicken, wenn es einem gerade nicht in den Kram passt.

Das Abbrennen von Pyro-Technik geschieht zudem nicht aus heiterem Himmel. Als Umstehender bekommt man mit, wenn sich etwas zusammen braut, und hat dann noch genug Zeit, in einen anderen Bereich des Blockes zu wechseln. Die Gase, die man von weitem dann noch einatmet, dürften kaum heftiger sein als die schlechte Luft in der Feinstaubhauptstadt Stuttgart.

Dass Gegner und Befürworter hier nie auf einen grünen Zweig kommen, ist mir klar, daher sind gegenseitige Bekehrungsversuche auch völlig sinnlos.
Ultras hier pauschal als besoffene und hirnlose Idioten zu betiteln, die man alle mit lebenslangem Stadionverbot belegen solle, wie ich es zu diesem Thema mehrfach gelesen habe, ist Quatsch. Wir wollen alle eine bunte und laute Fanszene, die durch derartige Couch-Hooligans sicherlich nicht am Leben erhalten werden würde. Interessant wäre es einmal, nur jene zu befragen, die in Aue dabei waren. Kritik las ich nämlich nur von solchen, die nicht vor Ort waren, wie so oft eben!

Da ich mir, bevor ich es mir anmaße, eine Partie aus meiner Sicht zu analysieren, die Spiele hinterher auf Sky noch anschaue, tangierte es mich weniger, dass ich vom Spielgeschehen in der 2. Halbzeit fast nichts mehr mitbekam. Ich war eigentlich ständig direkt hinter der Auer Trainerbank mit hervorragendem Blick auf beide Fankurven, jedoch nicht mehr aufs Spielfeld. Da sah ich gerade noch die beiden Strafräume einigermaßen ein.
Nachdem ich mittlerweile das gesamte Spiel gesehen habe, kann ich mir auch ein paar Worte zur zweiten Halbzeit erlauben. Aue kam auch in der zweiten Hälfte engagierter als der VfB aus den Katakomben der Bauruine und doch hatte Mané die erste Konterchance, als er es versäumte zu Terodde zu passen. Mané schnürte schließlich noch, nach Fürth, seinen zweiten Doppelpack, während Asano bei einer weiteren Konterchance abermals Terodde links, bzw. in dem Fall rechts, liegen ließ und verzog. Langerak verhinderte dann noch in der 87. Minute den verdienten Auer Anschlusstreffer und auch, dass mein 1:4-Tipp aufging, womit ich jedoch wohl besser leben konnte als die aufopferungsvoll kämpfenden Veilchen.
Der Sieg fiel eindeutig zu hoch aus und war lediglich der brutalen Effektivität zu verdanken, weil man vier seiner fünf Torschüsse im Kasten versenken konnte und diese Kaltschnäuzigkeit den Auern abging. Aue hatte mehr Abschlüsse und das engagiertere Spiel zu verzeichnen, am Ende aber zählen, zum Glück für den VfB, die Tore.

Spätestens nach dem 0:4 verstummte auch die Auer Anfeuerung, lediglich das Steigerlied intonierten sie, begleitet von einer netten Schalparade, noch einmal.

Bei uns auf der Gegentribüne gingen während der gesamten zweiten Halbzeit auch einige VfBler aus sich heraus und machten bei „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid“ mit oder stimmten ein „Hier regiert der VfB“ an.

Da ich persönlich es auch nicht mag, wenn sich Gegner bei uns auf der Haupttribüne in Stuttgart so aufspielen und ich mich darüber, an einem ohnehin gebrauchten Tag, mitunter sehr aufrege, freue ich mich als Gast im Heimbereich lieber in mich hinein und provoziere nicht noch irgendwelche Reaktionen.

Bis auf ein Handgemenge von Auern untereinander bekam ich keine Anfeindungen mit. Es war eine wohltuende Atmosphäre mit netten Gastgebern. Auch nach dem Spiel, kein böses Wort, sondern eher, dass wir ja eh in die Bundesliga gehören und man sich wohl so schnell nicht wieder auf Augenhöhe begegnen würde.

Ein wenig hatte dieser Auftritt etwas von einem Pokalspiel, der Stadionsprecher feierte, dass sich „für uns (den VfB) ein Traum erfüllen würde“, im schönen Erzgebirge aufzulaufen und auch sonst hatte man den Eindruck, dass die Auer fast vor Ehrfurcht erstarrten, den großen VfB wenigstens einmal in einem Ligaspiel begrüßen zu dürfen. Da hat man als VfB im Osten auch schon ganz Anderes erlebt, „scheiß Wessis“ und so.
Ich war froh, diesen Ground, wenn auch als Baustelle und wenn auch in einem Pflichtspiel, erleben zu dürfen und wünschte den Auern dann im Gegenzug auch den Klassenerhalt, auch wenn ich in der 2. Liga mittlerweile immer mehr Vereine ins Herz schließe. ;-)

Gegen Hannover 96 wird sich der VfB steigern müssen, um nicht sein blaues Wunder zu erleben. Da aber das gute Pferd nur so hoch springt, wie es muss und es in letzter Zeit in einer vom Niveau her ziemlich schwachen 2. Liga meist auch so gereicht hat, bin ich ganz optimistisch, dass wir zu Hause zumindest nicht verlieren werden.

Mit einem Remis könnte der VfB im Zweifel wohl besser leben, als Hannover. Dennoch gilt es natürlich auch am kommenden Montag mit der Maxime anzutreten, den sechsten Heimsieg in Serie einfahren zu wollen. Hannes Wolf wird auch hier einen Matchplan (ich glaube im Zusammenhang mit dem VfB verwende ich diesen Begriff zum ersten Mal) erarbeiten und Hannover seiner Stärken zu berauben versuchen. Mit Spannung wird sicherlich die Rückkehr Martin Harniks ins Neckarstadion erwartet. In Hannover ist er auf dem Weg zurück zu alter Treffsicherheit, die ihm in Stuttgart in den letzten Jahren abging. Vielleicht genügt ja die schlechte Stuttgarter Luft, dass er wenigstens an alter Wirkungsstätte die Hundertprozentigen wie in alten Zeiten vergibt, wir werden sehen.

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22. November 2016

Wenn jemand eine Reise tut…

Es ist ein Jammer, dass man als VfB Stuttgart erst absteigen muss, um zu einem Spiel beim altehrwürdigen Arbeiterverein 1. FC Union Berlin aufbrechen zu dürfen.

Da ich bereits etliche Male in Berlin war und daher nicht unbedingt übernachten musste, entschlossen wir uns dieses Mal, unser Glück in die Hände der Deutschen Bahn zu legen und den Trip mit Hin- und Rückfahrt an einem einzigen Tag zu bewältigen. Bei optimalem Verlauf und pünktlicher Ankunft sollten wir gerade einmal eine Stunde vor Spielbeginn eintreffen und das mir sonst so wichtige „Meet and Greet“ mit vielen bekannten Gesichtern dieses Mal leider der Zeitnot zum Opfer fallen. Auf der anderen Seite aber war es auch klar, dass man im einzigen ICE, der an diesem Sonntagmorgen in Frage kam, viele Bekannte treffen und sich auch so gemeinsam aufs Spiel einstimmen konnte.

Auf der Hinfahrt hatten wir eine freundliche DB-Zugbesatzung an Bord. Einziger Kritikpunkt: meine Nachfrage, ob sie denn genügend Bier an Bord hätten und notfalls unterwegs die Vorräte auffüllen würden, weil in Göttingen noch viele über Würzburg kommende durstige VfBler zusteigen würden, wurde ignoriert oder positiv ausgedrückt, unterschätzt. Nach und nach ging zunächst das Fassbier aus, dann die 0,33-Liter-Fläschchen und schließlich auch das Weizenbier, so dass wir den letzten Part der Strecke auf dem Trockenen saßen. Es wird sich mir nie erschließen, dass so gut wie keine Fahrt mit der Deutschen Bahn reibungslos verläuft. Entweder die Kühlung fällt aus oder die Getränke gehen aus, so dass es interessant zu eruieren wäre, wie viel Umsatz der Deutschen Bahn dadurch durch die Lappen geht.

Solang ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn nicht über den Tellerrand der Fahrscheinpreise hinausschaut und nicht sämtliche Einnahmemöglichkeiten ausschöpft, ist es für mich ein Jammern auf hohem Niveau, wenn wieder einmal Preiserhöhungen mit gestiegenen Kosten begründet werden.

Zeitlich lief alles optimal, gegen 11.40 Uhr erreichten wir den Berliner Ostbahnhof und setzten die Reise mit der S-Bahn über das Ostkreuz bis nach Berlin-Köpenick fort. Wir hatten uns dieses Mal über einen uns bekannten 1. FC Union-Fan Karten über den Mitgliederverkauf besorgt und mussten die Karten zunächst noch vor der Haupttribüne in Empfang nehmen. Da wir uns dummerweise um die Blockaufteilung im Vorfeld nicht scherten, „verliefen“ wir uns zwischenzeitlich kurz, doch, wir lagen noch sehr gut in der Zeit, so dass wir es rechtzeitig in das Stadion „Alte Försterei“ hinein schafften.

Wir saßen (natürlich) inmitten von Unionern, so dass ich es, wie zuletzt auswärts fast schon regelmäßig, vorzog, neutral gekleidet zum Spiel zu gehen, man will schließlich nicht provozieren. Zudem prangten an unserem Eingang Schilder „kein Zutritt für Gästefans“, so dass ich in voller VfB-Montur ohnehin nicht hinein gedurft hätte.

Das Stadion erfüllte alle meine Erwartungen. Ein reines Fußballstadion, das größte in Berlin übrigens, volles Haus, ein begeisterungsfähiges Publikum und viel gelebte Tradition, die man dort förmlich riechen kann.

Der 1. FC Union Berlin ist kein gewöhnlicher Profiverein, ähnlich wie der FC St. Pauli versucht er trotz aller Kommerzialisierung die traditionalistische Note und die Nähe zu den Fans zu bewahren. Diese danken die Fan-Nähe auf ihre Art, nämlich, indem sie sich weit über das “normale” Fan-Dasein in den Verein einbringen und engagieren. Dies ging sogar so weit, dass beim 1. FC Union als einem der ersten Clubs überhaupt ein Fanvertreter einen Sitz im Aufsichtsrat bekam, es ging weiter damit, dass Fans, als die Regionalliga-Lizenz in Gefahr war, die Aktion “Bluten für Union” ins Leben riefen. Das „Bluten“ stand dabei nicht nur für finanzielles Bluten, sondern war wörtlich zu nehmen, weil Unioner zu jener Zeit Blutspenden gingen und die erhaltenen Aufwandsentschädigungen ihrem Verein spendeten.

Es gab es in diesem Zusammenhang noch weitere Aktionen, um Geld für den Verein zu sammeln, wie z. B. Benefiz-T-Shirts, von denen sogar ein “Bluten-für-Union”-Shirt in meinem Schrank hängt.
Das kam seinerzeit so, dass Union Berlin-Fans den FC St. Pauli bei der Retter-Aktion unterstützten und die St. Paulianer dann im Gegenzug für die „Bluten für Union“ Aktion die Werbetrommel rührten. Da ich einige Freunde bei St. Pauli habe, die sich seinerzeit aktiv einbrachten, bekam auch ich Wind von der Aktion und bestellte mir dieses Shirt.

Einzigartig war beim 1. FC Union Berlin auch der Teilumbau des Stadions in der Saison 2008/2009, als mehr als 2.300 freiwillige Helfer 140.000 Arbeitsstunden leisteten und so ihrem Verein einige Millionen Euro eingespart haben. 2010 machten die Union-Fans schließlich noch von sich reden, als sie den Spielausfall gegen den KSC verhinderten, indem rund 400 Freiwillige kamen, um Stadion und Zufahrtswege von Eis und Schnee zu befreien. Auch andere Events wie das alljährliche Weihnachtssingen, zudem sich 30.000 in der Alten Försterei einfinden, um Weihnachtslieder anzustimmen oder das WM-Wohnzimmer, zu dem Fans für die Dauer der WM 2014 ihre Couch in die Alte Försterei befördern durften und das Event dadurch „wie zu Hause“ genießen konnten, sind wohl einzigartig im deutschen Fußball. Da bin ich ganz Fußball-Romantiker und habe ein Faible für Vereine, die sich durch positive Aktionen vom Einheitsbrei der Profiligen abheben.

Zu DDR-Zeiten war Union zudem so etwas wie der Gegenpol zum Stasi-Club Dynamo Ost-Berlin, so dass sich dort schon damals eher die Außenseiter der Gesellschaft anstatt der Mainstream tummelte. Auch heute noch hebt sich Union von vielen anderen ostdeutschen Fußballvereinen und Fanszenen dadurch ab, dass die Fans eher links denn rechts orientiert und vor allem nicht auf Krawall gebürstet sind. Auch das und natürlich die Stimmung, die man im Fernsehen so mitbekommt, machen mir den Verein schon seit geraumer Zeit sympathisch, so dass ich mich riesig darauf freute, wenigstens ein Mal zu einem Pflichtspiel dorthin reisen zu dürfen.

Wir saßen also inmitten von Unionern und bekamen zunächst einmal eine Schalparade zum Vereinslied “Eisern Union” geboten. Zum Einlauf der Teams folgte eine schöne Choreographie der VfB-Fans anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Schwaben-Kompanie Stuttgart. Immer wieder beeindruckend, mit welcher Hingabe und in immer kürzer werden Abständen die VfB-Ultras, ob daheim oder auswärts, Choreos in die Stadien der Republik zaubern.

Nach der wieder einmal schier endlos langen Länderspielpause hatte ich richtig Bock auf Fußball und Stadionatmosphäre und saugte die Eindrücke noch auf, als der VfB bereits in der 3. Minute die Führung durch Simon Terodde erzielte. Der Ex-Unioner beförderte ein Zuspiel von Gentner humorlos in die Tor-Mitte. Spätestens hier outeten wir uns als VfBler, obwohl inkognito unterwegs, denn, bei einem VfB-Tor springt man halt automatisch auf.

Zu diesem Zeitpunkt stellten wir dann auch verwundert fest, dass wir in diesem Sektor bei weitem nicht die einzigen VfBler waren. Negative Reaktionen auf unseren kurzen Emotionsausbruch stellte ich nicht fest, die Unioner waren uns ganz freundlich gesonnen, schließlich haben wir mit Hertha BSC ja auch den gleichen “Feind”.

Umso peinlicher und zum fremdschämen empfand ich es, als nach wenigen Minuten das aus dem VfB-Block so obligatorische “Scheiß Berliner” kommen “musste”, gegen einen Gegner, dem man noch nie begegnet ist, mit dem einen also keinerlei Negativerlebnisse verbinden und von derer Seite meines Wissens nach auch nichts abfälliges über den VfB kam. Ob es Vorkommnisse im Gästeblock gegeben hat, weiß ich natürlich nicht, aber, schon allein die Tatsache, wie viel Material die Ultras hinein nehmen durften, zeugt doch davon, dass man der VfB-Fanszene gegenüber positiv gestimmt war. Zudem war das „Scheiß Berliner“ begrifflich noch falsch, denn, DEN Berliner gibt es ohnehin nicht, ist doch jeder Stadtteil eine Stadt für sich. Die Unioner begegneten uns gastfreundlich, ich persönlich habe kein einziges negatives Wort vernommen.

Nach der Führung hatte der VfB das Spiel im Griff, während dem 1. FC Union nicht sehr viel einfiel und er den Rückstand erst einmal verarbeiten musste. Der VfB machte jedoch einmal mehr den Fehler, in die alte Lethargie zu verfallen und das Ergebnis mehr verwalten denn ausbauen zu wollen.

Gerade, wenn ich nicht die allerbeste Defensive habe, um es noch positiv auszudrücken, also stets damit rechnen muss, ein dummes Gegentor einzufangen, gerade dann bemühe ich mich doch, mich sicher in Führung zu bringen, damit ein einziges Gegentor mir nicht die Butter vom Brot nimmt. Der VfB hatte eine Stunde lang die Partie im Griff und versäumte es, Kapital aus der Überlegenheit zu schlagen, so dass er sich hinterher über das Remis auch nicht zu beschweren braucht.

Da der VfB nicht vehement genug auf den Ausbau der Führung gedrängt hatte, kam es, wie es kommen musste. Durch ein Missverständnis zwischen Langerak und Kaminski konnte Skrzybski ins leere Tor zum Ausgleich einschieben. Dadurch wachte nicht nur die Mannschaft der Eisernen auf, sondern auch das Publikum, das mir zuvor recht verhalten erschien. Wenigstens in dieser Hinsicht ist der 1. FC Union ein ganz normaler Verein – der Funken muss vom Rasen auf die Ränge überspringen.
Der Kessel bebte von nun an, vor allem ihr “Unsere Liebe. Unsere Mannschaft. Unser Stolz. Unser Verein. Eisern Union” aus vielen tausend Kehlen ging mir unter die Haut, wie ich zugeben muss. Da bin ich Fußball-Fan genug, um auch die Atmosphäre beim Gegner genießen und vor allem wertschätzen zu können, wenngleich diese eben immer dann besonders gut ist, wenn es der VfB nicht ist.

So ist der Fußball, von nun an hatten wir ein komplett anderes Spiel. Der VfB ließ sich förmlich einschnüren, während Union, nun mit dem Publikum im Rücken, auf die Entscheidung drängte. Dass den Unionern der Siegtreffer nicht mehr gelang und es letztlich beim Remis geblieben ist, ist weniger der Souveränität der Brustringträger geschuldet, sondern dem Glück des Tüchtigen und dem, dass Mitch Langerak seinen Fehler beim Gegentor mehrfach ausbügelte.

Vor dem Spiel schrieb ich von Chance und Risiko zugleich, dieses Spiel betreffend. Ich sah durchaus Parallelen zum Dresden-Spiel und die Gefahr, in Köpenick ähnlich unterzugehen. Die Vorzeichen waren ähnliche. Nach einer Länderspiel-Pause, bei einem Ost-Verein und in einem Stadion, das zum Hexenkessel werden kann.

Auf der anderen Seite war das Spiel die Chance, eine Reifeprüfung abzulegen und zu untermauern, dass man aus Dresden gelernt hat. Die Chance, die Gunst der Stunde nach dem Remis der Braunschweiger in Bochum zu nutzen und erstmals in dieser Saison die Tabellenspitze zu erklimmen.

Diese Prüfung hat der VfB allenfalls mit einem „ausreichend“ abgeschlossen. Wohl auch der frühen Führung geschuldet, wurde es ein ganz anderes Spiel als in Dresden, als man es dort versäumte, die ersten Chancen zur Führung zu nutzen und nach dem ersten Gegentor alle Dämme brachen.

Was den gemeinen Fan in der Kurve oder auf der Tribüne weiterhin zur Weißglut treiben lässt, ist diese Selbstzufriedenheit und fehlende Gier der Mannschaft. Mit einer knappen Führung im Rücken gibt man sich zu schnell zufrieden, anstatt den Auftrieb und den Schwung nach einem Führungstreffer mitzunehmen und bestenfalls an einem solchen Tag etwas fürs Torverhältnis zu tun. Nachdem der VfB es offensichtlich nicht bedingungslos darauf anlegte, als Tabellenführer aus diesem Spieltag zu kommen, ist es die Frage, die mich auch heute noch umtreibt, wie dieser Punkt einzuordnen ist.

Tabellarisch hat sich nicht viel geändert, außer Hannover 96 konnte kein Spitzenteam dreifach punkten. Wir stehen weiterhin auf einem direkten Aufstiegsplatz und haben bei heimstarken Unionern immerhin nicht verloren. Sollte sich die wiedergewonnene Heimstärke fortsetzen und wir die nächsten Spiele gegen den 1. FC Nürnberg und Hannover 96 erfolgreich bestreiten, kann man sicherlich von einem gewonnenen Punkt sprechen. Geht jedoch das Duell gegen unseren Angstgegner aus Bundesligazeiten, den Glubb, verloren, dürfte das Wehklagen über die vergebene Chance bei Union schon beginnen.

Dem VfB gingen in der hitzigen Schlussphase vor allem die fehlenden Mentalitätsspieler Kevin Großkreutz und Hajime Hosogai, aber auch Tobias Werner ab, die für Ruhe und Besonnenheit hätten sorgen können und sich nicht zu schade sind, dazwischen zu hauen, wenn es mal sein muss.

Sorgenkind bleibt weiter Alexandru Maxim, der es noch immer nur zum Ergänzungsspieler bringt und auch gestern keine Eigenwerbung für mehr Startelfeinsätze betreiben konnte. Wenn man sich seine Körpersprache derzeit ansieht, muss man befürchten, dass die Zeichen auf Trennung stehen, vielleicht schon in der Winterpause.

Als der Schlusspfiff ertönte und sich die Mannschaft nach kurzem Abstecher in die Kurve in die Kabine begab und wenig später zum Flughafen chauffiert wurde, begann für uns die eigentliche Tortur der Tour.

Zunächst einmal führte der Weg uns zum Busparkplatz, um noch den Jungs und Mädels vom RWS und anderen, die mit dem Bus anreisten, einen kurzen Besuch abzustatten, bevor wir uns dann langsam aber sicher zurück zum Ostbahnhof begaben.

Planmäßige Abfahrtszeit war 17.52 Uhr, genug Zeit also, um nicht in Hektik zu verfallen, auch wenn ich mich kurzzeitig mal um eine Stunde verschätzt hatte und dadurch die Pferde unnötig scheu machte.

Wir aßen noch kurz etwas, deckten uns aber für die gut 5-stündige Fahrt nicht groß mit Proviant ein, im Zug gäbe es ja auch etwas, so unser positiver Denkansatz vor der Abfahrt. Doch da hatten wir die Rechnung ohne die Bahn und ihr an diesem Abend eingesetztes Personal gemacht.

Der Zug startete am Ostbahnhof, war also noch leer und fuhr etwa 15 Minuten vor der planmäßigen Abfahrtszeit ein. Wir platzierten uns, wie bereits auf der Hinfahrt, direkt im Bordbistro. Dass der Rollladen der Verkaufstheke vor der Abfahrt noch geschlossen ist, ist normal, so dass wir dem keine besondere Bedeutung beigemessen hatten.

Zu dieser Zeit lief schon eine junge Bahn-Bedienstete herum und legte Flyer auf die Tische, denen zu entnehmen war, was es im Bistro so alles zu verköstigen gibt. Falsch, sie legte sie nicht hin, sondern knallte sie uns auf den Tisch, bevor ein erstes Wort gesprochen war.

Ich bedankte mich trotzdem artig, was diese jedoch nicht dazu bewog, ein “bitte” zu erwidern. Da merkten wir bereits, dass sie dieser Dienst zu dieser Zeit am Sonntagabend offensichtlich ziemlich frustriert. Dazu fällt mir zu erst ein, “Augen auf bei der Berufswahl”. Wer diesen Beruf wählt, sollte zum einen mit der Schichtarbeit kein Problem haben und zum anderen serviceorientiert denken und so handeln und nicht von sich aus schlechte Stimmung verbreiten.

Mein erstes Bier bekam ich noch anstandslos an der Theke, ehe die Situation eskalierte. Es waren natürlich noch andere VfBler im Bistro und der Lautstärkepegel entsprechend. So muss es vorne (ich bekam das nicht richtig mit), Wortgefechte gegeben haben, mit der Folge, dass es plötzlich hieß, wir bekämen nichts mehr zu trinken.

Dabei soll sich die Bahn-Mitarbeiterin (über die ich mich wohl auch noch förmlich bei ihrem Arbeitgeber beschweren werde) herabgelassen haben, einen Bahnkunden (der wir ja alle waren) als “Schwabenpack” zu bezeichnen.

Dass darauf ein verbales Echo folgte, war selbstverständlich. Jedenfalls hatte dies alles, noch auf Berliner Boden wohlgemerkt, zur Folge, dass der Rollladen geschlossen und der Alkoholverkauf, natürlich nur an uns, eingestellt wurde.

Da “Schwabenpack” einem wohl erzogenen und seinem Arbeitgeber verpflichteten Mitarbeiter wohl im Dienst eher nicht über die Lippen kommt, ist bei dieser…, bevor ich mich im Ton vergreife nenne ich sie einfach Uschi, ist also bei dieser Uschi offensichtlich keine Kinderstube vorhanden gewesen.

Möglicherweise ist Uschi Hertha-”Fan” und kann Beruf und Privates nicht voneinander trennen oder sie wollte den in weiten Teilen Berlins verhassten Schwaben eines auswischen.

Man weiß es nicht, das Verhalten dieser Uschi jedenfalls ist durch nichts zu entschuldigen und sollte, ich hoffe, es hagelt Beschwerden, Konsequenzen nach sich ziehen. Dass sich der Zugchef dann auch noch vorbehaltlos vor seine Kollegin stellt, ist zwar möglicherweise als loyal anzusehen, auf Schlichtung und Konsens war er aber auch nicht aus.
Er, auch Berliner, vielleicht aus ähnlichen “Motiven” nicht gut auf Schwaben zu sprechen, ließ überhaupt nicht mit sich diskutieren. Im Gegenteil: Ein Stuttgarter Polizist, wohl unserer Begleitung zugedacht, wollte gerade eine Ansprache an uns richten und mahnte besonnen zur Ruhe. Er erläuterte, dass wir zu laut seien und das Singen unterlassen sollen, wenn wir noch was zu trinken bekommen möchten. Wohlgemerkt waren dies die ersten Worte, die an die Allgemeinheit und nicht nur an die an der Theke stehenden Fahrgäste gerichtet wurden, wir „hinten“ bekamen zuvor nämlich überhaupt nicht mit, wie sehr die Kacke wohl schon am Dampfen war. Von unzähligen Bahnfahrten zuvor kenne ich es, dass sich das Zugpersonal, wie unter erwachsenen Menschen üblich, artikuliert und sich meldet, wenn ihm etwas nicht passt. Nicht so in diesem Fall. Der Polizist wollte noch die Situation beruhigen, als sich der Zugchef plötzlich einmischte, es wäre zu spät, die Hundertschaft wäre schon angefordert.

Der Stuttgarter Polizist, der wirklich sehr besonnen und entspannt war, versuchte noch, den Zugchef von derart überzogenen Maßnahmen abzuhalten, jedoch ohne Erfolg. Wohlgemerkt, bis zu diesem Zeitpunkt wurden höchstens zwei, drei Lieder angestimmt, die nicht einmal von der Mehrheit der Anwesenden mitgesungen wurden, es kam zu keinerlei Beleidigungen unsererseits und vor allem kam es zu keinerlei Sachbeschädigungen, nicht einmal ein Glas ging bis dahin zu Bruch.

In Berlin-Spandau dann wurde der Zug gestoppt und hielt sich dort etwa 40 Minuten lang auf. Wie viele Polizisten in Kampfmontur sich einfanden, kann ich nicht sagen, sie kamen kleckerlesweise angerannt und waren bis zur Weiterfahrt sicher keine volle Hundertschaft.

Wahrscheinlich haben sie sich über ihren „Einsatz“ totgelacht, weil es nichts zu tun gab für sie. Der Polizist an Bord und unsere Fanbetreuung hatten die Lage im Griff, war doch jeder besonnen und nicht auf Krawall aus, sondern wollte „nur“ von der Bahn heimgefahren werden.

Um nicht Gefahr zu laufen, bei einer eventuellen Räumung des Bord-Bistros durch die Polizei mittendrin statt nur dabei zu sein, „verkrochen“ wir uns für kurze Zeit in einen Abteilwagen, wo sich das Verständnis anderer Bahnreisender über die Maßnahmen des Zugpersonals ebenfalls schwer in Grenzen hielt.

Wie es immer so schön in den Verspätungs-Rechtfertigungsberichten der Bahn heißt, lagen auch dieser “polizeiliche Ermittlungen” zugrunde. Wenn mir die Vorkommnisse an diesem Abend zu etwas die Augen geöffnet haben, ist es das, wie hausgemacht Verspätungen bei der Bahn sein können und, was so alles in die Statistiken über Gewalt im Fußball einfließt. Man kann Gift darauf nehmen, dass die Kosten des Polizeieinsatzes eher gewalttätigen Fußballfans zugeschrieben werden als überforderter, unmotivierter und unfreundlicher Bahnmitarbeiter.

Die Stimmung während der gesamten Fahrt blieb angespannt, dem Polizisten an Bord wurde es nicht langweilig. Ein anderer Bahnbediensteter zeigte drei VfBler wegen Beleidigung an, und erhielt im Gegenzug eine Anzeige wegen Gewaltandrohung.

Das Personal hatte uns offensichtlich von vornherein auf dem Kieker und durfte, gestern jedenfalls ungestraft, ihren Frust und Hass auf die Schwaben, im wahrsten Sinne des Wortes, in vollen Zügen ausleben.

So fand dieser an und für sich tolle Tag am Abend seinen unrühmlichen Höhepunkt. Sollten irgendwann zu dieser Fahrt und zur eigenen Rechtfertigung seitens der Bahn Bilder auftauchen, die den Bistrowagen als Saustall dokumentieren, dann in erster Linie deshalb, weil wir bei mehr als sechs Stunden Aufenthalt überhaupt keinen Service geboten bekamen. Es wurde weder ein Tisch abgeräumt noch abgewischt, so dass es nicht verwunderlich ist, vor allem bei der rasanten Fahrweise des Lokführers, dass das eine oder andere Glas abstürzt. Zu mutwilligen Sachbeschädigungen kam es definitiv nicht.

Mein Eindruck war, dass weder unsere Fanbetreuung noch der anwesende Polizist die Wahl der Mittel der Bahnbediensteten im Entferntesten nachvollziehen konnten. Über persönliche Konsequenzen, die ich ziehen könnte, bin ich mir noch nicht im Klaren. Eine Beschwerde bei der Bahn wird es mit Sicherheit geben. Mein erster Anlauf online aus dem Zug heraus wurde umgehend wieder gelöscht, weil ich die Uschi fälschlicherweise als Schnepfe in Uniform bezeichnete, der zweite wird aber mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lassen.

Eine weitere mögliche Konsequenz wäre, bspw. zu unserer Fahrt nach Hamburg im Januar den Proviant selbst mitzubringen und damit, wir rechnen mit etwa 40 Leuten, einen Abteilwagen voll zu müllen und die Bahn erheblich an Umsatz zu kosten. Einen Monopolisten einfach zu boykottieren, ist leider nicht ganz so einfach, auch wenn es mir im Moment danach wäre.

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