22. November 2016

Wenn jemand eine Reise tut…

Es ist ein Jammer, dass man als VfB Stuttgart erst absteigen muss, um zu einem Spiel beim altehrwürdigen Arbeiterverein 1. FC Union Berlin aufbrechen zu dürfen.

Da ich bereits etliche Male in Berlin war und daher nicht unbedingt übernachten musste, entschlossen wir uns dieses Mal, unser Glück in die Hände der Deutschen Bahn zu legen und den Trip mit Hin- und Rückfahrt an einem einzigen Tag zu bewältigen. Bei optimalem Verlauf und pünktlicher Ankunft sollten wir gerade einmal eine Stunde vor Spielbeginn eintreffen und das mir sonst so wichtige „Meet and Greet“ mit vielen bekannten Gesichtern dieses Mal leider der Zeitnot zum Opfer fallen. Auf der anderen Seite aber war es auch klar, dass man im einzigen ICE, der an diesem Sonntagmorgen in Frage kam, viele Bekannte treffen und sich auch so gemeinsam aufs Spiel einstimmen konnte.

Auf der Hinfahrt hatten wir eine freundliche DB-Zugbesatzung an Bord. Einziger Kritikpunkt: meine Nachfrage, ob sie denn genügend Bier an Bord hätten und notfalls unterwegs die Vorräte auffüllen würden, weil in Göttingen noch viele über Würzburg kommende durstige VfBler zusteigen würden, wurde ignoriert oder positiv ausgedrückt, unterschätzt. Nach und nach ging zunächst das Fassbier aus, dann die 0,33-Liter-Fläschchen und schließlich auch das Weizenbier, so dass wir den letzten Part der Strecke auf dem Trockenen saßen. Es wird sich mir nie erschließen, dass so gut wie keine Fahrt mit der Deutschen Bahn reibungslos verläuft. Entweder die Kühlung fällt aus oder die Getränke gehen aus, so dass es interessant zu eruieren wäre, wie viel Umsatz der Deutschen Bahn dadurch durch die Lappen geht.

Solang ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn nicht über den Tellerrand der Fahrscheinpreise hinausschaut und nicht sämtliche Einnahmemöglichkeiten ausschöpft, ist es für mich ein Jammern auf hohem Niveau, wenn wieder einmal Preiserhöhungen mit gestiegenen Kosten begründet werden.

Zeitlich lief alles optimal, gegen 11.40 Uhr erreichten wir den Berliner Ostbahnhof und setzten die Reise mit der S-Bahn über das Ostkreuz bis nach Berlin-Köpenick fort. Wir hatten uns dieses Mal über einen uns bekannten 1. FC Union-Fan Karten über den Mitgliederverkauf besorgt und mussten die Karten zunächst noch vor der Haupttribüne in Empfang nehmen. Da wir uns dummerweise um die Blockaufteilung im Vorfeld nicht scherten, „verliefen“ wir uns zwischenzeitlich kurz, doch, wir lagen noch sehr gut in der Zeit, so dass wir es rechtzeitig in das Stadion „Alte Försterei“ hinein schafften.

Wir saßen (natürlich) inmitten von Unionern, so dass ich es, wie zuletzt auswärts fast schon regelmäßig, vorzog, neutral gekleidet zum Spiel zu gehen, man will schließlich nicht provozieren. Zudem prangten an unserem Eingang Schilder „kein Zutritt für Gästefans“, so dass ich in voller VfB-Montur ohnehin nicht hinein gedurft hätte.

Das Stadion erfüllte alle meine Erwartungen. Ein reines Fußballstadion, das größte in Berlin übrigens, volles Haus, ein begeisterungsfähiges Publikum und viel gelebte Tradition, die man dort förmlich riechen kann.

Der 1. FC Union Berlin ist kein gewöhnlicher Profiverein, ähnlich wie der FC St. Pauli versucht er trotz aller Kommerzialisierung die traditionalistische Note und die Nähe zu den Fans zu bewahren. Diese danken die Fan-Nähe auf ihre Art, nämlich, indem sie sich weit über das “normale” Fan-Dasein in den Verein einbringen und engagieren. Dies ging sogar so weit, dass beim 1. FC Union als einem der ersten Clubs überhaupt ein Fanvertreter einen Sitz im Aufsichtsrat bekam, es ging weiter damit, dass Fans, als die Regionalliga-Lizenz in Gefahr war, die Aktion “Bluten für Union” ins Leben riefen. Das „Bluten“ stand dabei nicht nur für finanzielles Bluten, sondern war wörtlich zu nehmen, weil Unioner zu jener Zeit Blutspenden gingen und die erhaltenen Aufwandsentschädigungen ihrem Verein spendeten.

Es gab es in diesem Zusammenhang noch weitere Aktionen, um Geld für den Verein zu sammeln, wie z. B. Benefiz-T-Shirts, von denen sogar ein “Bluten-für-Union”-Shirt in meinem Schrank hängt.
Das kam seinerzeit so, dass Union Berlin-Fans den FC St. Pauli bei der Retter-Aktion unterstützten und die St. Paulianer dann im Gegenzug für die „Bluten für Union“ Aktion die Werbetrommel rührten. Da ich einige Freunde bei St. Pauli habe, die sich seinerzeit aktiv einbrachten, bekam auch ich Wind von der Aktion und bestellte mir dieses Shirt.

Einzigartig war beim 1. FC Union Berlin auch der Teilumbau des Stadions in der Saison 2008/2009, als mehr als 2.300 freiwillige Helfer 140.000 Arbeitsstunden leisteten und so ihrem Verein einige Millionen Euro eingespart haben. 2010 machten die Union-Fans schließlich noch von sich reden, als sie den Spielausfall gegen den KSC verhinderten, indem rund 400 Freiwillige kamen, um Stadion und Zufahrtswege von Eis und Schnee zu befreien. Auch andere Events wie das alljährliche Weihnachtssingen, zudem sich 30.000 in der Alten Försterei einfinden, um Weihnachtslieder anzustimmen oder das WM-Wohnzimmer, zu dem Fans für die Dauer der WM 2014 ihre Couch in die Alte Försterei befördern durften und das Event dadurch „wie zu Hause“ genießen konnten, sind wohl einzigartig im deutschen Fußball. Da bin ich ganz Fußball-Romantiker und habe ein Faible für Vereine, die sich durch positive Aktionen vom Einheitsbrei der Profiligen abheben.

Zu DDR-Zeiten war Union zudem so etwas wie der Gegenpol zum Stasi-Club Dynamo Ost-Berlin, so dass sich dort schon damals eher die Außenseiter der Gesellschaft anstatt der Mainstream tummelte. Auch heute noch hebt sich Union von vielen anderen ostdeutschen Fußballvereinen und Fanszenen dadurch ab, dass die Fans eher links denn rechts orientiert und vor allem nicht auf Krawall gebürstet sind. Auch das und natürlich die Stimmung, die man im Fernsehen so mitbekommt, machen mir den Verein schon seit geraumer Zeit sympathisch, so dass ich mich riesig darauf freute, wenigstens ein Mal zu einem Pflichtspiel dorthin reisen zu dürfen.

Wir saßen also inmitten von Unionern und bekamen zunächst einmal eine Schalparade zum Vereinslied “Eisern Union” geboten. Zum Einlauf der Teams folgte eine schöne Choreographie der VfB-Fans anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Schwaben-Kompanie Stuttgart. Immer wieder beeindruckend, mit welcher Hingabe und in immer kürzer werden Abständen die VfB-Ultras, ob daheim oder auswärts, Choreos in die Stadien der Republik zaubern.

Nach der wieder einmal schier endlos langen Länderspielpause hatte ich richtig Bock auf Fußball und Stadionatmosphäre und saugte die Eindrücke noch auf, als der VfB bereits in der 3. Minute die Führung durch Simon Terodde erzielte. Der Ex-Unioner beförderte ein Zuspiel von Gentner humorlos in die Tor-Mitte. Spätestens hier outeten wir uns als VfBler, obwohl inkognito unterwegs, denn, bei einem VfB-Tor springt man halt automatisch auf.

Zu diesem Zeitpunkt stellten wir dann auch verwundert fest, dass wir in diesem Sektor bei weitem nicht die einzigen VfBler waren. Negative Reaktionen auf unseren kurzen Emotionsausbruch stellte ich nicht fest, die Unioner waren uns ganz freundlich gesonnen, schließlich haben wir mit Hertha BSC ja auch den gleichen “Feind”.

Umso peinlicher und zum fremdschämen empfand ich es, als nach wenigen Minuten das aus dem VfB-Block so obligatorische “Scheiß Berliner” kommen “musste”, gegen einen Gegner, dem man noch nie begegnet ist, mit dem einen also keinerlei Negativerlebnisse verbinden und von derer Seite meines Wissens nach auch nichts abfälliges über den VfB kam. Ob es Vorkommnisse im Gästeblock gegeben hat, weiß ich natürlich nicht, aber, schon allein die Tatsache, wie viel Material die Ultras hinein nehmen durften, zeugt doch davon, dass man der VfB-Fanszene gegenüber positiv gestimmt war. Zudem war das „Scheiß Berliner“ begrifflich noch falsch, denn, DEN Berliner gibt es ohnehin nicht, ist doch jeder Stadtteil eine Stadt für sich. Die Unioner begegneten uns gastfreundlich, ich persönlich habe kein einziges negatives Wort vernommen.

Nach der Führung hatte der VfB das Spiel im Griff, während dem 1. FC Union nicht sehr viel einfiel und er den Rückstand erst einmal verarbeiten musste. Der VfB machte jedoch einmal mehr den Fehler, in die alte Lethargie zu verfallen und das Ergebnis mehr verwalten denn ausbauen zu wollen.

Gerade, wenn ich nicht die allerbeste Defensive habe, um es noch positiv auszudrücken, also stets damit rechnen muss, ein dummes Gegentor einzufangen, gerade dann bemühe ich mich doch, mich sicher in Führung zu bringen, damit ein einziges Gegentor mir nicht die Butter vom Brot nimmt. Der VfB hatte eine Stunde lang die Partie im Griff und versäumte es, Kapital aus der Überlegenheit zu schlagen, so dass er sich hinterher über das Remis auch nicht zu beschweren braucht.

Da der VfB nicht vehement genug auf den Ausbau der Führung gedrängt hatte, kam es, wie es kommen musste. Durch ein Missverständnis zwischen Langerak und Kaminski konnte Skrzybski ins leere Tor zum Ausgleich einschieben. Dadurch wachte nicht nur die Mannschaft der Eisernen auf, sondern auch das Publikum, das mir zuvor recht verhalten erschien. Wenigstens in dieser Hinsicht ist der 1. FC Union ein ganz normaler Verein – der Funken muss vom Rasen auf die Ränge überspringen.
Der Kessel bebte von nun an, vor allem ihr “Unsere Liebe. Unsere Mannschaft. Unser Stolz. Unser Verein. Eisern Union” aus vielen tausend Kehlen ging mir unter die Haut, wie ich zugeben muss. Da bin ich Fußball-Fan genug, um auch die Atmosphäre beim Gegner genießen und vor allem wertschätzen zu können, wenngleich diese eben immer dann besonders gut ist, wenn es der VfB nicht ist.

So ist der Fußball, von nun an hatten wir ein komplett anderes Spiel. Der VfB ließ sich förmlich einschnüren, während Union, nun mit dem Publikum im Rücken, auf die Entscheidung drängte. Dass den Unionern der Siegtreffer nicht mehr gelang und es letztlich beim Remis geblieben ist, ist weniger der Souveränität der Brustringträger geschuldet, sondern dem Glück des Tüchtigen und dem, dass Mitch Langerak seinen Fehler beim Gegentor mehrfach ausbügelte.

Vor dem Spiel schrieb ich von Chance und Risiko zugleich, dieses Spiel betreffend. Ich sah durchaus Parallelen zum Dresden-Spiel und die Gefahr, in Köpenick ähnlich unterzugehen. Die Vorzeichen waren ähnliche. Nach einer Länderspiel-Pause, bei einem Ost-Verein und in einem Stadion, das zum Hexenkessel werden kann.

Auf der anderen Seite war das Spiel die Chance, eine Reifeprüfung abzulegen und zu untermauern, dass man aus Dresden gelernt hat. Die Chance, die Gunst der Stunde nach dem Remis der Braunschweiger in Bochum zu nutzen und erstmals in dieser Saison die Tabellenspitze zu erklimmen.

Diese Prüfung hat der VfB allenfalls mit einem „ausreichend“ abgeschlossen. Wohl auch der frühen Führung geschuldet, wurde es ein ganz anderes Spiel als in Dresden, als man es dort versäumte, die ersten Chancen zur Führung zu nutzen und nach dem ersten Gegentor alle Dämme brachen.

Was den gemeinen Fan in der Kurve oder auf der Tribüne weiterhin zur Weißglut treiben lässt, ist diese Selbstzufriedenheit und fehlende Gier der Mannschaft. Mit einer knappen Führung im Rücken gibt man sich zu schnell zufrieden, anstatt den Auftrieb und den Schwung nach einem Führungstreffer mitzunehmen und bestenfalls an einem solchen Tag etwas fürs Torverhältnis zu tun. Nachdem der VfB es offensichtlich nicht bedingungslos darauf anlegte, als Tabellenführer aus diesem Spieltag zu kommen, ist es die Frage, die mich auch heute noch umtreibt, wie dieser Punkt einzuordnen ist.

Tabellarisch hat sich nicht viel geändert, außer Hannover 96 konnte kein Spitzenteam dreifach punkten. Wir stehen weiterhin auf einem direkten Aufstiegsplatz und haben bei heimstarken Unionern immerhin nicht verloren. Sollte sich die wiedergewonnene Heimstärke fortsetzen und wir die nächsten Spiele gegen den 1. FC Nürnberg und Hannover 96 erfolgreich bestreiten, kann man sicherlich von einem gewonnenen Punkt sprechen. Geht jedoch das Duell gegen unseren Angstgegner aus Bundesligazeiten, den Glubb, verloren, dürfte das Wehklagen über die vergebene Chance bei Union schon beginnen.

Dem VfB gingen in der hitzigen Schlussphase vor allem die fehlenden Mentalitätsspieler Kevin Großkreutz und Hajime Hosogai, aber auch Tobias Werner ab, die für Ruhe und Besonnenheit hätten sorgen können und sich nicht zu schade sind, dazwischen zu hauen, wenn es mal sein muss.

Sorgenkind bleibt weiter Alexandru Maxim, der es noch immer nur zum Ergänzungsspieler bringt und auch gestern keine Eigenwerbung für mehr Startelfeinsätze betreiben konnte. Wenn man sich seine Körpersprache derzeit ansieht, muss man befürchten, dass die Zeichen auf Trennung stehen, vielleicht schon in der Winterpause.

Als der Schlusspfiff ertönte und sich die Mannschaft nach kurzem Abstecher in die Kurve in die Kabine begab und wenig später zum Flughafen chauffiert wurde, begann für uns die eigentliche Tortur der Tour.

Zunächst einmal führte der Weg uns zum Busparkplatz, um noch den Jungs und Mädels vom RWS und anderen, die mit dem Bus anreisten, einen kurzen Besuch abzustatten, bevor wir uns dann langsam aber sicher zurück zum Ostbahnhof begaben.

Planmäßige Abfahrtszeit war 17.52 Uhr, genug Zeit also, um nicht in Hektik zu verfallen, auch wenn ich mich kurzzeitig mal um eine Stunde verschätzt hatte und dadurch die Pferde unnötig scheu machte.

Wir aßen noch kurz etwas, deckten uns aber für die gut 5-stündige Fahrt nicht groß mit Proviant ein, im Zug gäbe es ja auch etwas, so unser positiver Denkansatz vor der Abfahrt. Doch da hatten wir die Rechnung ohne die Bahn und ihr an diesem Abend eingesetztes Personal gemacht.

Der Zug startete am Ostbahnhof, war also noch leer und fuhr etwa 15 Minuten vor der planmäßigen Abfahrtszeit ein. Wir platzierten uns, wie bereits auf der Hinfahrt, direkt im Bordbistro. Dass der Rollladen der Verkaufstheke vor der Abfahrt noch geschlossen ist, ist normal, so dass wir dem keine besondere Bedeutung beigemessen hatten.

Zu dieser Zeit lief schon eine junge Bahn-Bedienstete herum und legte Flyer auf die Tische, denen zu entnehmen war, was es im Bistro so alles zu verköstigen gibt. Falsch, sie legte sie nicht hin, sondern knallte sie uns auf den Tisch, bevor ein erstes Wort gesprochen war.

Ich bedankte mich trotzdem artig, was diese jedoch nicht dazu bewog, ein “bitte” zu erwidern. Da merkten wir bereits, dass sie dieser Dienst zu dieser Zeit am Sonntagabend offensichtlich ziemlich frustriert. Dazu fällt mir zu erst ein, “Augen auf bei der Berufswahl”. Wer diesen Beruf wählt, sollte zum einen mit der Schichtarbeit kein Problem haben und zum anderen serviceorientiert denken und so handeln und nicht von sich aus schlechte Stimmung verbreiten.

Mein erstes Bier bekam ich noch anstandslos an der Theke, ehe die Situation eskalierte. Es waren natürlich noch andere VfBler im Bistro und der Lautstärkepegel entsprechend. So muss es vorne (ich bekam das nicht richtig mit), Wortgefechte gegeben haben, mit der Folge, dass es plötzlich hieß, wir bekämen nichts mehr zu trinken.

Dabei soll sich die Bahn-Mitarbeiterin (über die ich mich wohl auch noch förmlich bei ihrem Arbeitgeber beschweren werde) herabgelassen haben, einen Bahnkunden (der wir ja alle waren) als “Schwabenpack” zu bezeichnen.

Dass darauf ein verbales Echo folgte, war selbstverständlich. Jedenfalls hatte dies alles, noch auf Berliner Boden wohlgemerkt, zur Folge, dass der Rollladen geschlossen und der Alkoholverkauf, natürlich nur an uns, eingestellt wurde.

Da “Schwabenpack” einem wohl erzogenen und seinem Arbeitgeber verpflichteten Mitarbeiter wohl im Dienst eher nicht über die Lippen kommt, ist bei dieser…, bevor ich mich im Ton vergreife nenne ich sie einfach Uschi, ist also bei dieser Uschi offensichtlich keine Kinderstube vorhanden gewesen.

Möglicherweise ist Uschi Hertha-”Fan” und kann Beruf und Privates nicht voneinander trennen oder sie wollte den in weiten Teilen Berlins verhassten Schwaben eines auswischen.

Man weiß es nicht, das Verhalten dieser Uschi jedenfalls ist durch nichts zu entschuldigen und sollte, ich hoffe, es hagelt Beschwerden, Konsequenzen nach sich ziehen. Dass sich der Zugchef dann auch noch vorbehaltlos vor seine Kollegin stellt, ist zwar möglicherweise als loyal anzusehen, auf Schlichtung und Konsens war er aber auch nicht aus.
Er, auch Berliner, vielleicht aus ähnlichen “Motiven” nicht gut auf Schwaben zu sprechen, ließ überhaupt nicht mit sich diskutieren. Im Gegenteil: Ein Stuttgarter Polizist, wohl unserer Begleitung zugedacht, wollte gerade eine Ansprache an uns richten und mahnte besonnen zur Ruhe. Er erläuterte, dass wir zu laut seien und das Singen unterlassen sollen, wenn wir noch was zu trinken bekommen möchten. Wohlgemerkt waren dies die ersten Worte, die an die Allgemeinheit und nicht nur an die an der Theke stehenden Fahrgäste gerichtet wurden, wir „hinten“ bekamen zuvor nämlich überhaupt nicht mit, wie sehr die Kacke wohl schon am Dampfen war. Von unzähligen Bahnfahrten zuvor kenne ich es, dass sich das Zugpersonal, wie unter erwachsenen Menschen üblich, artikuliert und sich meldet, wenn ihm etwas nicht passt. Nicht so in diesem Fall. Der Polizist wollte noch die Situation beruhigen, als sich der Zugchef plötzlich einmischte, es wäre zu spät, die Hundertschaft wäre schon angefordert.

Der Stuttgarter Polizist, der wirklich sehr besonnen und entspannt war, versuchte noch, den Zugchef von derart überzogenen Maßnahmen abzuhalten, jedoch ohne Erfolg. Wohlgemerkt, bis zu diesem Zeitpunkt wurden höchstens zwei, drei Lieder angestimmt, die nicht einmal von der Mehrheit der Anwesenden mitgesungen wurden, es kam zu keinerlei Beleidigungen unsererseits und vor allem kam es zu keinerlei Sachbeschädigungen, nicht einmal ein Glas ging bis dahin zu Bruch.

In Berlin-Spandau dann wurde der Zug gestoppt und hielt sich dort etwa 40 Minuten lang auf. Wie viele Polizisten in Kampfmontur sich einfanden, kann ich nicht sagen, sie kamen kleckerlesweise angerannt und waren bis zur Weiterfahrt sicher keine volle Hundertschaft.

Wahrscheinlich haben sie sich über ihren „Einsatz“ totgelacht, weil es nichts zu tun gab für sie. Der Polizist an Bord und unsere Fanbetreuung hatten die Lage im Griff, war doch jeder besonnen und nicht auf Krawall aus, sondern wollte „nur“ von der Bahn heimgefahren werden.

Um nicht Gefahr zu laufen, bei einer eventuellen Räumung des Bord-Bistros durch die Polizei mittendrin statt nur dabei zu sein, „verkrochen“ wir uns für kurze Zeit in einen Abteilwagen, wo sich das Verständnis anderer Bahnreisender über die Maßnahmen des Zugpersonals ebenfalls schwer in Grenzen hielt.

Wie es immer so schön in den Verspätungs-Rechtfertigungsberichten der Bahn heißt, lagen auch dieser “polizeiliche Ermittlungen” zugrunde. Wenn mir die Vorkommnisse an diesem Abend zu etwas die Augen geöffnet haben, ist es das, wie hausgemacht Verspätungen bei der Bahn sein können und, was so alles in die Statistiken über Gewalt im Fußball einfließt. Man kann Gift darauf nehmen, dass die Kosten des Polizeieinsatzes eher gewalttätigen Fußballfans zugeschrieben werden als überforderter, unmotivierter und unfreundlicher Bahnmitarbeiter.

Die Stimmung während der gesamten Fahrt blieb angespannt, dem Polizisten an Bord wurde es nicht langweilig. Ein anderer Bahnbediensteter zeigte drei VfBler wegen Beleidigung an, und erhielt im Gegenzug eine Anzeige wegen Gewaltandrohung.

Das Personal hatte uns offensichtlich von vornherein auf dem Kieker und durfte, gestern jedenfalls ungestraft, ihren Frust und Hass auf die Schwaben, im wahrsten Sinne des Wortes, in vollen Zügen ausleben.

So fand dieser an und für sich tolle Tag am Abend seinen unrühmlichen Höhepunkt. Sollten irgendwann zu dieser Fahrt und zur eigenen Rechtfertigung seitens der Bahn Bilder auftauchen, die den Bistrowagen als Saustall dokumentieren, dann in erster Linie deshalb, weil wir bei mehr als sechs Stunden Aufenthalt überhaupt keinen Service geboten bekamen. Es wurde weder ein Tisch abgeräumt noch abgewischt, so dass es nicht verwunderlich ist, vor allem bei der rasanten Fahrweise des Lokführers, dass das eine oder andere Glas abstürzt. Zu mutwilligen Sachbeschädigungen kam es definitiv nicht.

Mein Eindruck war, dass weder unsere Fanbetreuung noch der anwesende Polizist die Wahl der Mittel der Bahnbediensteten im Entferntesten nachvollziehen konnten. Über persönliche Konsequenzen, die ich ziehen könnte, bin ich mir noch nicht im Klaren. Eine Beschwerde bei der Bahn wird es mit Sicherheit geben. Mein erster Anlauf online aus dem Zug heraus wurde umgehend wieder gelöscht, weil ich die Uschi fälschlicherweise als Schnepfe in Uniform bezeichnete, der zweite wird aber mit Sicherheit nicht lange auf sich warten lassen.

Eine weitere mögliche Konsequenz wäre, bspw. zu unserer Fahrt nach Hamburg im Januar den Proviant selbst mitzubringen und damit, wir rechnen mit etwa 40 Leuten, einen Abteilwagen voll zu müllen und die Bahn erheblich an Umsatz zu kosten. Einen Monopolisten einfach zu boykottieren, ist leider nicht ganz so einfach, auch wenn es mir im Moment danach wäre.

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10. November 2016

Auf einem guten Weg

Die 2. Liga bockt, die 2. Liga rockt. Die Fans rennen dem VfB die Bude ein, was den VfB im europäischen Vergleich auf Platz 16 der Zuschauerrangliste hievt und wodurch mit Newcastle United europaweit nur ein Zweitligist einen knapp höheren Zuschauerschnitt aufweist.

So fanden sich auch gegen den vergleichsweise unattraktiven Gegner Arminia Bielefeld 55.160 Zuschauer im Neckarstadion ein und tauschten zur familienunfreundlichen Anstoßzeit, Sonntag, 13.30 Uhr, die Aussicht auf den Sonntagsbraten gegen das Gemeinschaftserlebnis Fußball.

Eigentlich ist es unfassbar, welchen Zuspruch der VfB auch in der 2. Liga genießt. Für einen Allesfahrer wie mich, war es sowieso klar, weiterhin dabei zu bleiben und dass ich der Abwechslung, was Gegner und Stadien angeht, zunächst einmal viel Positives abgewinne.

Dass aber plötzlich wieder Leute ins Stadion kommen, die der VfB in den letzten Jahren Stück für Stück verloren hat, das hätte ich nicht erwartet. Würde man sie in die Kategorie „Erfolgsfans“ stecken, täte man ihnen ganz sicher unrecht. Es sind vielmehr solche, die, auch wenn sie nicht ins Stadion gehen, mit dem Herzen dabei sind, jene, die bei Kampagnen wie der „Zusammenhalten“-Aktion, als erste wieder auf der Matte standen, um dann doch wieder maßlos enttäuscht zu werden.

Solche „alte Bekannte“ sehe ich derzeit vermehrt wieder und das freudestrahlend, wie am Sonntag, nach einem wahrlich nicht berauschenden Spiel. Gut, für Siege gibt es keinen Ersatz, schon deshalb macht die 2. Liga bedeutend mehr Spaß als die Bundesliga zuletzt.

Lang vor dem Abstieg habe ich mich ja schon mehr vor einem weiteren Herumdümpeln in der Bundesliga, als vor dem Abstieg gefürchtet und fühle mich jetzt bestätigt, wenn ich verfolge, wie bemitleidenswert der HSV zum Beispiel durch die Bundesliga stümpert.

Hätten wir mit Glück die Klasse gehalten, würde Robin Dutt wohl weiterhin sein Unwesen treiben und Jürgen Kramny möglicherweise noch Trainer sein. Man hätte aus Dankbarkeit Verträge im Überfluss verlängert, so dass der Abstieg weiterhin nur eine Frage der Zeit gewesen wäre.

Jetzt hat der VfB auf einmal glänzende Perspektiven. Er ist personell runderneuert, von der einen oder anderen „Altlast“ einmal abgesehen, hat einen jungen, erfolgshungrigen Trainer und einen neuen Sportdirektor, dem man bislang ein hervorragendes Zwischenzeugnis ausstellen kann. Nach Jahren der rasanten Talfahrt ist so etwas wie ein Plan zu erkennen, an dem sich jeder orientieren kann und muss.

Während es zuletzt ein „In den Tag hinein leben“ war, wird neuerdings auch an morgen und an übermorgen gedacht, was durch die Verpflichtung von Pavard, Asano und Mané und der daraus folgenden Trennung von Jos Luhukay deutlich wurde.

So sind wir auf der einen Seite Zeugen einer spannenden Entwicklung, während wir auf der anderen, ganz nebenbei, auch in der Liga in die Spur gefunden haben. Diese Kombination ist es, die die Leute zum VfB strömen und optimistisch wie lange nicht in die Zukunft blicken lässt.

Bielefeld fuhr nach der Entlassung vom Ex-Großaspacher Trainer Rüdiger Rehm unter Interims-Coach Carsten Rump zuletzt zwei Siege in Folge ein und war deshalb mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet.

Wolf stimmte in die allgemeinen Lobhudeleien nach dem Derbysieg nicht ein, sondern sandte Mahnungen an sein Team, dass ihm vieles nicht gefallen habe. Dass er, gerade bei dieser Truppe, mit viel Lob sparen und die Spannung jederzeit hoch halten sollte, hat er spätestens nach dem 0:5 in Dresden, dem das 4:0 gegen Fürth vorausging, leidvoll erkennen müssen.

Maxim, der nach seiner Einwechslung ordentlich Schwung brachte und schließlich mit dem 1:3 für die Entscheidung sorgte, nahm er in die Pflicht, „sich nicht über einzelne Szenen zu definieren“, sondern dass er das ganze Spiel tragen müsse. Maxim ist noch immer weit davon entfernt, legitimer Didavi-Nachfolger der letztjährigen Nummer 10 auch auf dem Platz zu sein, vielleicht bekommt ihn mit Wolf ja endlich einer seiner unzähligen Trainer beim VfB dort hin.

Außerdem ließ Wolf sich, nachdem er gegen die Ost-Franzosen Marcin Kamiński aus dem Hut zauberte, nicht auf ein, DAS, Innenverteidiger-Duo festlegen. Er stellte dabei die (berechtigte) Gegenfrage, was er denn dann den anderen erzählen solle, wenn sie Woche für Woche im Training Gas geben und sich aufdrängen. Daher darf sich niemand (!?) im Team seines Stammplatzes zu sicher sein, mit dem positiven Nebeneffekt, für die Gegner schwerer ausrechenbar zu sein.

So lautete gegen Bielefeld das Innenverteidiger-Duo erstmals in der Liga Baumgartl/ Kamiński. In Grassau beim Trainingslager deutete sich dieses Paar schon an, jedoch machte Baumgartls Verletzung zu Saisonbeginn diesen Planspielen von Ex-Trainer Luhukay einen Strich durch die Rechnung. Da er nicht sonderlich risikofreudig war, brachte er daher zunächst das andere Paar, das sich in Grassau eingespielt hatte, Sama/ Šunjić, so dass in erster Linie deshalb Kamiński zunächst einmal völlig außen vor war.

Kamiński bot, wie vor Wochenfrist auch schon, eigentlich eine solide Partie, die durch seinen kapitalen Aussetzer vor dem Ausgleich geschmälert wurde. Ein Facebook-User meinte gar, Šunjić im Kamiński-Kostüm erkannt zu haben, was die besagte Szene wohl treffend charakterisiert.
Da es für den Derbysieg, auch wenn man ob der bei vielen seither herrschenden Euphorie anderes vermuten könnte, auch nur drei Punkte gab, galt es diesen Auswärtsdreier durch einen Heimsieg nun zu vergolden.

Dies gelang, wenn auch nicht besonders eindrucksvoll. Die Bielefelder waren sehr gut eingestellt und machten dem VfB das Leben schwer, indem sie eine gute Raumaufteilung an den Tag legten und den VfB nicht zur Entfaltung kommen ließen. Im Gegenteil, im ersten Abschnitt übernahmen eher die Arminen die Initiative, wenngleich sie nicht in wirklich gefährliche Abschlusssituationen kamen.

Der VfB war in diesem Spiel lange zu passiv und machte sich durch nicht erzwungene Fehlpässe und Ballverluste das Leben selbst schwer. Zwar ging man nach einem katastrophalen Torwartfehler von Hesl (HSV-Schule) durch Simon Terodde in Führung und mit diesem Ergebnis auch in die Halbzeitpause, doch, zur allgemeinen Sicherheit trug dieser Treffer auch nicht bei.

Wolf wollte nach dem Wechsel für Stabilität sorgen und brachte Klein auf der Sechs anstelle des an diesem Tag schwachen Berkay Özcan. Der VfB trat zwar zu Beginn des zweiten Abschnitts offensiv mehr in Erscheinung, musste aber dennoch nach einer guten Stunde Spielzeit den nicht unverdienten Ausgleich der Ostwestfalen durch Voglsammer hinnehmen. Beinahe kam es gar noch schlimmer, als die Bielefelder nur den Pfosten trafen.

Danach war den Bielefeldern der Zahn gezogen und ihnen ging sprichwörtlich die Puste aus. Terodde köpfte, wie schon vor Wochenfrist in Ost-Frankreich nach Insúa-Flanke, die Führung und ließ in der Folgezeit zwei Hochkaräter liegen, ehe er in der Nachspielzeit mit dem 3:1 für den Schlusspunkt sorgte und zur allgemeinen Beruhigung beitrug. So bekleckerte sich der VfB zwar nicht mit Ruhm, fuhr aber dennoch den so wichtigen Arbeitssieg ein.

Mit nunmehr drei Liga-Siegen in Folge sind wir so etwas wie die Mannschaft der Stunde, drei Siege hintereinander gab es zuletzt am Ende der Saison 2014/2015. Personell kann Wolf in Bälde komplett aus dem Vollen schöpfen, vor allem dann, wenn Daniel Ginczek eine Option über 90 Minuten darstellt.

Nach dem Spiel war Wolf in erster Linie mit dem Ergebnis zufrieden, bemängelte jedoch fehlende Intensität und „fehlendes schnelles Denken“. Gerade bei letzterem trifft er DEN wunden Punkt überhaupt beim VfB. Noch immer hat man bei einigen den Eindruck, dass sie die Kugel (alibimäßig) nur schnell wieder losbekommen wollen, noch immer bevorzugen vermeintliche Taktgeber im Mittelfeld eher den Rück- als den Steilpass auf unsere schnellen Spitzen. Was das Umschaltspiel betrifft, bringt Wolf aus Dortmund sicherlich eine andere Idealvorstellung mit, als das, was er beim VfB vorgefunden hat.

Hat man Spieler wie Carlos Mané und Takuma Asano in seinen Reihen, die mit ihrer trickreichen Spielweise und ihrer Schnelligkeit mehr und mehr zu einer Waffe erwachsen, ist man eigentlich schön blöd, dieses Potential brach liegen zu lassen und nicht so oft es geht einzusetzen.

Ich freue mich schon jetzt auf das Trainingslager in Lagos, bei dem Wolf erstmals die Gelegenheit hat, seine Mannschaft auf eine Halbserie vorzubereiten und sie seinem Ideal, in körperlicher und in spielerischer Hinsicht, näher zu bringen.

Durch jene drei Siege in Folge hat sich der VfB im Kampf um den Aufstieg in eine glänzende Ausgangsposition gebracht. An Braunschweig hat man sich bis auf einen Punkt herangepirscht, auf Platz drei ein Polster von drei Punkten (real zwei, wenn man das Torverhältnis zugrunde legt) gelegt. Diese Position gilt es bis zur Winterpause zu festigen. Es warten bis Weihnachten durchweg starke und unbequeme Gegner auf den VfB, so dass sich ein Nachlassen von selbst verbietet.

Zunächst muss der VfB nach der Länderspielpause zum derzeit schwächelnden Aufstiegsaspiranten Union Berlin reisen. Nach dem unglücklichen Aus erst im Elfmeterschießen im DFB-Pokal beim BVB hat „Eisern Union“ in der Liga etwas den Faden verloren und zuletzt zwei Mal in Folge verloren.
Den Unionern dürfte die Länderspielpause daher sehr gelegen kommen, um sich vor dem großen Duell gegen den VfB neu zu sortieren.

Das seit dieser Saison von Jens Keller gecoachte Team hat zu Hause, ausgenommen die Heimniederlage zuletzt gegen Fortuna Düsseldorf, nicht verloren, und unter anderem Hannover 96 geschlagen. Zudem sollten beim VfB die Alarmglocken schon deshalb schrillen, weil man in den letzten Jahren nach Länderspielpausen meist schwer zurück in die Spur fand und nach der letzten gar 0:5 in Dresden verlor. In der Alten Försterei erwartet die Brustringträger zudem ein ähnlich enthusiastisches Publikum wie in Dresden, so dass die Vorzeichen bedenklich ähnlich sind.

Für mich steht mit dem Abstecher nach Köpenick ein absolutes Highlight der Saison auf dem Programm, eines, wegen dem sich der Abstieg allein schon „gelohnt“ hat. Ein geiles Stadion, eine sensationelle Atmosphäre im Stadion und eine Fanszene, die mit dem Verein in den letzten Jahren wahrlich durch dick und dünn gegangen ist und Dienste weit über das „normale“ Fan-Dasein für den Verein geleistet hat.

Nach dem Spiel sind wir dann schlauer, ob der VfB diese Reifeprüfung bestanden und ob er von Dresden tatsächlich schon etwas gelernt hat.

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2. November 2016

Wieder in der Spur!

Category: Presse — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 13:07

Der Schock über das 0:5 in Dresden dürfte beim VfB noch eine Weile nachwirken. Diese Schmach und vor allem die Art und Weise, wie es dazu kam, beschäftigen Chef-Trainer Hannes Wolf noch immer. Mir gefällt es, wie akribisch das Trainerteam die Geschehnisse aufarbeitet und wie es die Spieler dabei in die Pflicht nimmt und an deren Eigenverantwortlichkeit appelliert. Der Trainer stellt sich dabei nicht stoisch vor die Spieler und packt sie in Watte, während er sämtliche Schuld auf sich lädt, sondern formuliert klar und deutlich, dass seine Einflussmöglichkeiten während der Spiele beschränkt sind und die Entscheidungen vorwiegend auf dem Platz getroffen werden müssen.

Wolf analysiert den Einbruch gegen Dresden wie folgt, nämlich dass das 1:0 zwar so zwar fallen kann, nicht aber passieren darf, was sich danach abspielte. Das Team hadere mit Umständen, die sie nicht beeinflussen kann, wie, dass ein Spieler am Boden lag und der Gegner den Ball nicht ins Aus beförderte oder auch darüber, dass der Schiedsrichter nicht konsequent genug gegen die Härte der Dynamos einschritt, anstatt sich auf das Wesentliche zu besinnen und konzentriert weiter zu spielen. Deshalb fielen unmittelbar im Anschluss an das 1:0 die Tore zwei und drei, womit das Spiel bereits zur Pause gelaufen war. Wolf ist noch immer geradezu geschockt, wie das Team auseinander gefallen war, so dass sich dieses Negativerlebnis fest bei ihm eingebrannt hat und er die Seinen bis auf weiteres kritisch beäugen dürfte.

In Phasen wie den acht Minuten vor der Pause in Dresden offenbart sich, wie fragil das VfB-Gebilde nach Jahren des Misserfolgs und Jahren, in denen die Spieler stets geschützt wurden, noch immer ist. Um Wolf klar aufzuzeigen, wo der Hebel hauptsächlich anzusetzen ist, könnte dieses Debakel in einiger Zeit vielleicht sogar als lehr- und hilfreich in die Annalen eingegangen sein. Der VfB braucht Kerle, echte Männer auf dem Platz, die die vielen Youngster im Team in schwierigen Phasen mitnehmen und mit Ruhe und Besonnenheit vorneweg gehen.

Das 4:3 in der Vorsaison in Leverkusen war ein Paradebeispiel der Machtlosigkeit eines Trainers, wenn das Unheil einmal seinen Lauf genommen hat. Viele machen diese Niederlage noch immer am damaligen Trainer Zorniger fest, doch, es gibt auch Gegenstimmen wie die von Didi Hamann, der dazu meinte, dass ihm zu seiner Zeit ein Trainer erzählen haben könne, was er wollte, bei einer 3:1-Führung auswärts hätte er als Abräumer die Mittellinie nicht mehr überquert. Dazu bedarf es jedoch einer gewissen Spielintelligenz, die beim VfB nach wie vor nicht gegeben ist.

Ob das Dresden-Debakel den Ausschlag dafür gab, ein paar Tage später den letztjährigen Team-Psychologen Philipp Laux zurück an den Neckar zu holen? Auf jeden Fall zeigt sich auch in diesem Fall wieder wie grundverschieden die Auffassungen Luhukays und Schindelmeisers gewesen sein müssen und wie antiquiert Luhukay unterwegs war. Im heutigen Fußball gehört ein Psychologe ebenso zum Staff wie der Konditionstrainer und der Koch, so dass es nachvollziehbar ist, jetzt, wo Luhukay Geschichte ist, die Rolle rückwärts in der Personalie Laux vollzogen zu haben. Beurteilen kann ich ihn freilich nicht. In der letzten Saison, als das Team sehenden Auges dem Abstieg entgegen taumelte, hätte man sich gewünscht, dass da einer ist, der ihnen Ängste nimmt und Mut zuspricht, nur, inwiefern Kramny auf seine Dienste setzte und ob er von den Spielern überhaupt in Anspruch genommen wurde, darüber gibt es leider wenige Informationen.

Gegen die Münchner Löwen war also Wiedergutmachung Pflicht! Dass die VfB-Fans auch nach einem 0:5 in Dresden heiß auf die 2. Liga sind, zeigte die abermals überragende Zuschauerzahl von 55.100. Beim ersten Pflichtspiel-Aufeinandertreffen mit den Löwen seit dem März 2004 legte der VfB los wie die Feuerwehr und führte bereits nach 18 Minuten mit 2:0 durch Tore von Berkay Özcan und Simon Terodde.
Özcan durfte mal wieder für Maxim ran und rechtfertigte seine Nominierung mit einem starken und technisch feinen Spiel. Terodde war wieder beschwerdefrei und knipste sofort, wie man es von ihm kennt.
Nachdem die Löwen in der 35. Spielminute per Freistoß zum schmeichelhaften Anschlusstreffer kamen, war bereits der Endstand perfekt. Das Spiel lebte fortan nur wegen des Zwischenstandes von der Spannung, ansonsten war das eine sehr einseitige Angelegenheit.

Da der VfB eine Vielzahl hochkarätiger Chancen fahrlässig liegen ließ, während die 60er kaum ernsthafte Torannäherungen verzeichnen konnten, blieb die Begegnung bis in die Schlussminuten hinein spannend. So hatte der VfB sogar noch Glück, dass den Münchnern in der Nachspielzeit ein regulärer Treffer aberkannt wurde und der Sieg über die Zeit gebracht werden konnte. Glück in diesem Zusammenhang ist allerdings relativ, weil dem VfB zuvor ein klarer Handelfmeter verweigert wurde und das schwache Schiedsrichtergespann uns auch sonst nicht wohlgesonnen war.

Emotionaler Höhepunkt des Abends war dann aber die Einwechslung von Daniel Ginczek knapp zehn Minuten vor Spielende. Begleitet von Standing Ovations und Gänsehaut bei wohl den meisten im weiten Rund, betrat Ginni exakt 392 Tage nach seinem letzten Pflichtspiel den Rasen des Neckarstadions. Dass Daniel Ginczek noch nicht so weit für ein Spiel über 90 Minuten ist und langsam herangeführt werden muss, versteht sich von selbst. Ich hoffe sehr, dass seine Leidenszeit nun zu Ende ist und er von größeren Rückschlägen in der Zukunft verschont bleibt. Mit einem fitten Ginczek wären wir wohl nicht abgestiegen, die Aussichten auf den Aufstieg dürften mit einem spätestens zur Rückrunde komplett fitten Ginczek sprunghaft ansteigen.

Die Wiedergutmachung war also gelungen, auch wenn das eine oder andere Törchen mehr unserem geschundenen Torverhältnis sehr gut getan hätte. Freitag-Spiele finde ich eigentlich richtig geil, sofern man sie denn gewinnt. Das Wochenende beginnt gerade, der Abend ist auch nach Schlusspfiff gegen 20.30 Uhr noch lang genug, man kann den Sieg das ganze Wochenende über auskosten und sich zudem genüsslich die Hände reiben, wenn die Konkurrenz an den Folgetagen Federn lässt.

Sieg feiern? Hätten wir gerne ausgiebiger gemacht, doch, was gibt es Besseres, als zwischen dem Ligaspiel gegen 1860 und dem Pokalspiel in Gladbach kurz mal nach Palma de Mallorca zu jetten.
Weil wir schon mal dort waren, ließen es sich meine zwei Mitstreiter und ich nicht nehmen, das LaLiga 2-Spiel RCD Mallorca gegen AD Alcorcón zur besten Frühschoppen-Zeit, Sonntag 12 Uhr, anzuschauen.
Dass beim Aufeinandertreffen des 16. gegen den 18. keine fußballerische Feinkost zu erwarten sein würde, war uns klar, ging es doch mehr das Drumherum. Leider wurde es nicht das erhoffte Frühschoppen-Spiel, denn, mit alkoholfreiem Bier macht kein Frühschoppen so richtig Spaß.

7.884 Zuschauer im Iberostar Estadi kamen im Grunde nur bei den drei Elfmetern auf ihre Kosten, ansonsten war es ein Aufeinandertreffen Not gegen Elend, bei dem Mallorca wenigstens einen Elfer zum 1:0-Endstand versenken konnte. Um den einen oder anderen Gästefan ausfindig zu machen, wäre ein Tor der Gäste hilfreich gewesen. Zwischen 100 und 150 RCD-Ultras mühten sich nach Kräften um Stimmung und gaben unermüdlich Gas; fast dagegen an spielte ein mit Musikinstrumenten ausgestattetes Oktett auf der Haupttribüne.

Blendet man das fußballerische Unvermögen auf dem Rasen einmal aus, war es ein gelungener Trip in die Hauptstadt der Ferieninsel bei sommerlichen Temperaturen. Da nach längerer Wartezeit auch endlich noch ein Taxi kam, waren wir rechtzeitig zurück im Bierkönig zur Closing-Show von Mia Julia am frühen Abend.

Wir als Allesfahrer legen den Urlaub meist so, möglichst kein VfB-Spiel verpassen zu müssen. Deshalb hieß unsere Ziel-Destination an besagtem Dienstag auch nicht Stuttgart, sondern Düsseldorf, um rechtzeitig zum Pokalspiel in Mönchengladbach zurück zu sein.

Nach einem angenehmen Nachmittag in der Düsseldorfer Altstadt, ging es am frühen Abend nach Mönchengladbach. Die Rückfahrt plante ich mit dem RWS-Bus ein, so dass ich in diesem nach dessen Ankunft mein Gepäck verstaute und es hinein in den Borussia-Park ging. Nach Mönchengladbach fahre ich immer gerne, hat man dort doch wenig Probleme beim Einlass und auch das Ordnungs- und Bedienpersonal im Stadion empfinde ich meist als routiniert und entspannt.

Direkt nach der Auslosung, bei der das Los auf Mönchengladbach fiel, sah ich das Erreichen des Achtelfinales als aussichtsloses Unterfangen an. Zu groß inzwischen die Unterschiede zwischen dem Championsleague-Teilnehmer und dem Zweitligisten. Zu stark deren quirlige Offensive gegenüber unserer schlafmützigen Abwehr. Aber, Gladbach schwächelt derzeit und rettet sich mehr durch die englischen Wochen, als, dass es seine spielerische Leichtigkeit auf den Platz bringen würde.

Zuletzt kamen sie gegen schwache Hamburger nicht über ein 0:0 zu Hause hinaus und gewannen bei Celtic Glasgow in der Championsleague mit 2:0, was jedoch nicht unbedingt ein Maßstab ist, verlor Celtic doch beim FC Barcelona vor ein paar Wochen noch mit 0:7.

In der Bundesliga gegen Schalke, den HSV und die Bayern blieben die Borussen zuletzt drei Mal in Folge torlos, so dass ihr Selbstvertrauen auf jeden Fall nicht überbordend groß gewesen sein dürfte. Der VfB ist hingegen eine Wundertüte und kann an guten Tagen durchaus mit den Großen mithalten.

Ein Galaauftritt war also nicht von vornherein auszuschließen, allerdings genauso wenig wie ein Debakel, wenn man naiv in Gladbacher Konter rennen bzw. die Gladbacher Treffer selbst auflegen würde. Da die Gladbacher Defensive derzeit ebenfalls nicht vor Selbstvertrauen strotzt, traute ich es vor allem unseren schnellen Offensivkräften zu, die Elf vom Niederrhein in Verlegenheit zu bringen.

Deshalb war ich im Vorfeld des Spiels enttäuscht darüber, dass der ganz große Fokus eher auf dem Derby gegen den KSC als auf dem nächsten Spiel zu liegen schien. Zudem sendete der VfB Signale aus, die darauf schließen ließen, dass man nicht wirklich alles auf die Karte Weiterkommen setzen werde.

Terodde, Pavard und Ginczek ließ man zu Hause, da angeschlagen bzw. die Belastung zu hoch (Ginczek), zudem ging man den ungewohnten Weg der Anreise erst am Spieltag, was auch den Spielern den Eindruck vermitteln musste, dass dieses Spiel weniger wichtig als andere sei.

Ich bin ja schon ein Freund von Kosteneinsparungen rund ums Team, vor allem, was die Auswahl der Hotels angeht, dann aber bitte konsequent und durchgängig und nicht nur, wenn man sich für ein lästiges Pokalspiel unter der Woche nichts ausrechnet.

Es ist zwar hypothetisch darüber zu philosophieren, ob der VfB eine Runde weiter gekommen wäre, wenn man den Auftritt im Borussia-Park positiver und als große Chance verkauft hätte, als Fan hätte ich mich dann jedenfalls nicht etwas verschaukelt gefühlt. Der Pokal ist ja nicht nur der kürzeste Weg nach Europa, sondern birgt pro weiterer erreichter Runde eminent hohe Einnahmemöglichkeiten, die den Handlungsspielraum eines Zweitligisten entscheidend vergrößern könnten.

Dass es geplant war, Ginczek zu Hause zu lassen, war nachvollziehbar und dennoch hätte ich ihn, nachdem Terodde kurzfristig ausgefallen war, nachnominiert, um ggf. bei einem Rückstand in der Schlussphase personell nachlegen zu können und den Gladbachern schon allein durch seine Anwesenheit Respekt einzuflößen.

Der Hauptfokus lag aber offensichtlich auf dem Derby, wobei für mich ein Weiterkommen im Pokal einen Derbysieg auch nicht ausgeschlossen hätte. Aber, sei’s drum, dem VfB fehlte ohne seine etatmäßigen Knipser einmal mehr die Durchschlagskraft, sonst wäre in der Tat mehr drin gewesen. So war man hauptsächlich darauf bedacht, mit Anstand zu verlieren und sich nicht wie in Dresden auseinander nehmen und abschießen zu lassen.

Zwei Konter-Tore der Gladbacher besiegelten schließlich das Aus in der 2. Runde. Dem VfB muss man vorwerfen, zu bieder vorgespielt zu haben und dass es einfach nicht reicht, bis zum Sechzehner nett mitzuspielen, wenn man dabei vergisst, sich in Abschlusssituationen zu bringen.

Die Anreise erst am Spieltag soll noch zu Zeiten von Jos Luhukay festgelegt worden sein, ob Wolf diese Planung noch umwerfen wollte oder ob auch sein Fokus hauptsächlich auf dem Derby lag, darüber ist nichts bekannt. Anzunehmen ist es aber schon, dass Aufstellung und Kader bei einem Ligaspiel anders ausgesehen hätten.

Als einer der knapp 1.300 Unentwegten und einer von dreien mit der wohl weitesten Anreise zum Spiel, hätte ich mir für dieses Alles-Oder-Nichts-Spiel mehr Ernsthaftigkeit gewünscht.

Ein Spielrhythmus Freitag-Dienstag-Sonntag, sollte von Profis schon einmal ausgehalten werden können, zumal in dieser Zeit ja dafür mehr regeneriert denn trainiert wird und nur eines dieser Spiele wirkliche Reisestrapazen mit sich gebracht hätte. Der eine oder andere überbelastete Spieler hätte auch gegen Bielefeld oder Aue heraus rotiert werden können, aber doch bitte nicht in einem Alles-Oder-Nichts-Spiel.
Das vierte Spiel binnen neun Tagen führte uns dann in die verbotene Stadt nach Ostfrankreich zum Derby. Nach den bürgerkriegsähnlichen Zuständen rund um das Derby im Wildpark 2009, wünschte ich mir, trotz einer gewissen Derby-Affinität, dass sich die Wege mit dem KSC so schnell nicht mehr kreuzen würden. Damals versagte die Obrigkeit komplett. Am Bahnhof Durlach und vor dem Block wurden die VfB-Fans einkesselt und wie Vieh behandelt, während den KSC-„Fans“ und deren Verbündeter weitestgehend freies Geleit gewährt wurde.

Daraus hat die Staatsmacht offensichtlich gelernt. Die Strategie der rigorosen Fantrennung ging am Sonntag auf. Sicherlich auch aufgeschreckt durch Mord- und Jagdaufrufe von KSC-Anhängern schon Wochen vor dem Derby, fuhr das Land Baden-Württemberg bis zu 1.500 Beamte in Kampfmontur und sogar Wasserwerfer auf. Normalerweise sehe ich es lieber, wenn sich die Polizei unauffällig im Hintergrund verhält, weil vieles nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Hier aber hielt ich das Aufgebot für angemessen, einfach um die Sicherheit der vielen tausend „normalen“ Stadiongängern, der Frauen und Kinder zu gewährleisten.

Man wusste nicht, was einen erwarten würde, Feuerwerksgeschosse in den Block, Angriffe auf Fanbusse oder den Mannschaftsbus, alles schien denkbar. Deshalb war diese Null-Toleranz-Strategie die einzig richtige an diesem Sonntag.

Auch wenn 2009 auch bei mir noch nachwirkt und ich diese Jagdszenen, wie ich sie selten erlebt habe, wohl auch nie vergessen werde, kam es für mich nie ernsthaft in Betracht, mich diesem Wahnsinn zu beugen und auf das Spiel zu verzichten.

Verbale Scharmützel und die einen oder anderen handfesten Auseinandersetzungen brachten die Derbys gegen den KSC schon immer mit sich. Ein Derby ist ja auch kein Kindergeburtstag, die Antennen sollten jederzeit ausgefahren sein, wenn man in nichts hineinkommen möchte.

Dass man mittlerweile aber befürchten muss, wie 2009 geschehen, dass Feuerwerksraketen auf Menschenmengen abgefeuert werden, und dass Horden wild gewordener Karlsruher, Herthaner, Straßburger auf alles los gehen, was weiß-rot trägt und dabei nicht einmal vor Frauen und Kindern Halt machen, geht für mich eindeutig zu weit.

Früher konnte man noch relativ unbehelligt mit dem Zug anreisen und mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Stadion gelangen, was heute fast undenkbar ist, zumindest mit VfB-Devotionalien geschmückt.
Außer der zunehmenden Verrohung der Sitten gab es aber auch Protagonisten bei den Vereinen, die den Hass aufeinander weiter schürten. Vor allem Winfried Schäfer ist hierbei hervorzuheben, der früher keine Gelegenheit ausließ, darüber zu lamentieren, dass sich die Badener ihren Erfolg hart erarbeiten müssten, während den Schwaben aus der Landeshauptstadt alles in den Allerwertesten geschoben werden würde. Schäfer stilisierte Derbys stets zum Krieg hoch und forderte die Seinen selbst beim Hallenturnier in der Schleyerhalle dazu auf, die Brustringträger umzuhauen, was ich persönlich erlebte, als ich mal unweit der Trainerbank stand.

Nicht zuletzt deshalb war für mich die Verpflichtung des Langhaardackels aus Ettlingen 1998 ein absolutes No-Go und Grund genug meine Mitgliedschaft zu kündigen und für die anstehende Saison keine Dauerkarte mehr zu nehmen. Später erhitzte dann noch die Affäre um Maik Frantz und Mario Gomez die Gemüter, aus der Frantz, man betrachte nur seine persönliche Abstiegs-Serie, als klarer Verlierer hervorging.

Nach all diesen Vorzeichen war es dann ganz großes Kino von der DFL, dass die Berliner Hertha an diesem Sonntag um 15.30 Uhr gerade einmal 60 Kilometer entfernt in Sinsheim spielte.

Ich hatte es bereits zu den Ausschreitungen rund um das Hertha-Spiel in Stuttgart geschrieben, manchmal muss man den Eindruck bekommen, dass die DFL solche Konstellationen bewusst sucht, und es auf Ausschreitungen ankommen lässt, um Gründe geliefert zu bekommen, die Zügel noch weiter anzuziehen. Da die Polizei die Fanlager konsequent trennte, kann ich jedoch nicht einmal sagen, ob sich Berliner KSC-Freunde zum Mob hinzugesellt haben. Von dem Fanmarsch der Karlsruher, bekam ich genau so wenig mit, wie davon dass sie ein Plüsch-Krokodil verbrannten und ihnen offensichtlich einer dabei abging.

Unser Bus kam unbehelligt am Busparkplatz nahe des Gästeblocks an. Wir hatten uns Karten im Block E3 besorgt, der hinter dem Tor gelegen ist und nicht zum Gästefanbereich gehört. Da auf den Karten aufgedruckt war, dass Gästefan-Kleidung in diesem Bereich nicht zulässig ist, waren wir völlig neutral gekleidet und als VfBler auf den ersten Blick nicht erkennbar. Auf dem Weg zum Block, auf dem uns VfBler und KSCler entgegenkamen, kam es zu keinen Provokationen, die aufgrund der hohen Polizeipräsenz jedoch wohl auch sofort unterbunden worden wären.

Am Eingang in den Block musste ich mir dann noch die Blöße gegeben, auf die Frage „VfB oder KSC?“ mit „KSC“ zu antworten. Im Vorfeld hatte ich mitbekommen, dass viele VfBler das Restkontingent der Blöcke E3 und E4 aufgekauft haben, weil es der KSC mit einem Zuschauerschnitt von gerade einmal knapp 14.000 Zuschauern vor dieser Begegnung es nicht einmal zum Derby schafft, sein Stadion mit eigenen Leuten komplett zu füllen.

Da im Sitzplatz-Block des Gästebereiches noch genügend Platz war, agierten die Ordnungskräfte konsequent und beorderten VfBler, die als solche zu erkennen waren, ohne große Diskussionen dort hin. Im Block traf ich dann allerdings doch viele neutral gekleidete VfBler, die mir verschmitzt entgegen grinsten. Zunächst einmal ließ man den VfBler eher verhalten heraus hängen, was sich jedoch noch ändern sollte.

Glück für uns war, dass die Ordner im Block, als es langsam auf den Spielbeginn hin ging, nicht herum stressten, dass man seine Plätze einnehmen müsse. So konnte ich das Spiel weitestgehend „frei“ verfolgen und war nicht gezwungen auf einer der stark verschmutzten Sitzschalen Platz zu nehmen. Anita wollte ihre sauber schrubben, kapitulierte dann aber doch irgendwann einmal. Ich habe selten ein dreckigeres Stadion gesehen!

Das Intro hatte dann noch eine martialische Botschaft auf einer Choreographie der Badener zu bieten, in denen der Hoffnung Ausdruck verliehen wurde, „das Schlachtfeld als Sieger zu verlassen“, während aus dem VfB-Block roter Rauch aufstieg und das Stadion kurzerhand in unsere Farben hüllte. Da kam dann wenigstens für kurze Zeit knisternde Derby-Atmosphäre auf, die ich über weite Strecken an diesem Tag vermisste.

KSC-VfB ist ja auch nicht mehr das Derby früherer Tage, als man sich noch auf Augenhöhe begegnete. Wir geben derzeit ein hoffentlich nur einjähriges Gastspiel in der 2. Liga und doch sind wir als gefühlter Erstligist dem Abstiegskandidaten KSC in allen Belangen (Etat, Kader, Infrastruktur, Fanpotential, etc.) weit überlegen. Wie jedes 2. Liga-Spiel bisher, hatte auch dieses für mich eher Pokal- denn Derbycharakter.

Diese Überlegenheit galt es auf dem Platz zu zeigen, was anfangs schon einmal gelang. Nachdem dem KSC die Anfangsphase gehörte, nutzte der VfB gleich seine erste Torannäherung zur Führung. Berkay Özcan bewies Übersicht und schlug einen Ball weit auf die linke Seite, Mané ließ die Flanke direkt zu Asano abtropfen und der Japaner vollendete ebenfalls direkt.

Alle drei erwiesen sich dabei als handlungsschnell und zeigten damit, wie dem KSC beizukommen war. Takuma Asano gelang dabei sein erstes Tor im Trikot mit dem Brustring. Vor allem Mané und Asano als wieselflinke Flügelzange wirbelten die Karlsruher Abwehr ein ums andere Mal durcheinander und bewiesen, dass sie, wenn sie sich mal richtig akklimatisiert haben, zu einer echten Waffe werden können.

Faszinierend war es dann, wie viele auf den ersten Blick nicht als VfB-Fans erkenntliche Leute aufsprangen und den Treffer feierten. Selbst bei „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid“ erhob sich annähernd ein Drittel im Block, so dass schnell die letzte Scheu verflogen war, auch ungeniert schwäbisch zu schwätzen.

Dennoch blieb es erfreulich ruhig im Block und es kam zu keinerlei Provokationen oder unschönen Szenen, zumindest habe ich keine mitbekommen. Die Hardcores sitzen dann doch auf der anderen Seite und, außer dass wir uns über das Tor oder später den Sieg freuten, ließen wir sie ja auch in Ruhe.

Bedauerlich war es dann im weiteren Spielverlauf, dass der VfB einmal mehr nicht konsequent genug auf das 0:2 spielte, hauptsächlich auf Sicherheit bedacht war und die Karlsruher kommen ließ.
Vor allem der mit der chronisch imaginären inneren Handbremse versehene Kapitän Christian Gentner ging ein des Öfteren nicht auf die Schnelligkeit von Mané und Asano ein und wählte wie gewohnt den Rück- oder Querpass anstatt die Gunst der Stunde zu nutzen und das Spiel schnell zu machen.

Mit Gentner hatte man acht mehr oder weniger defensiv denkende Akteure auf dem Platz, woraus sich einmal mehr ein Spiel des Ergebnis Verwaltens entwickelte, anstatt dass man dem limitierten Underdog schon früh den Garaus gemacht hätte, indem man ein „einfach“ ein zweites Tor nachgelegt hätte.

Da man den KSC kommen ließ, entwickelte sich ein durchaus packendes Derby mit Chancen hüben wie drüben.

Šunjić ließ seinem starken Spiel gegen die Münchner Löwen ein durchwachsenes folgen und hatte seine besten Szenen im gegnerischen Strafraum. Nur knapp scheiterte er bei seiner Kopfball-Doppelchance in der 24. Minute.

Kaminski feierte endlich sein Debüt im VfB-Dress und legte zunächst auf der Sechs, später in der Innenverteidigung einen soliden Auftritt hin. Luhukays Wunschspieler, an dem vor der Saison auch der KSC interessiert war, wurde ja bereits früh als Fehleinkauf tituliert, und das von „Fans“, die ihn sehr wahrscheinlich noch nie kicken gesehen haben. Ich wunderte mich eher darüber, dass er bis Sonntag außen vor war, weil ich beim Trainingslager in Grassau meinte erkannt zu haben, dass Kaminski/ Baumgartl als Innenverteidiger-Duo die Nase vorn haben würden. Durch Baumgartls Ausfall zu Saisonbeginn waren diese Planspiele dann jedoch schnell wieder über den Haufen geworfen. Jedenfalls zeigte Kaminski auf Anhieb, dass er eine ernstzunehmende Option auf einen Startelfplatz sein kann.

Auch bei seinen Einwechslungen bewies Hannes Wolf ein glückliches Händchen. Zur Pause brachte er Simon Terodde für Toni Sunjic, Kaminski rückte für ihn in die Innenverteidigung und Özcan zurück ins Mittelfeld. Ehe der KSC sich versah und sich auf die Personalrochaden einstellen konnte, stand es 0:2. Emiliano Insúa flankte butterweich auf den Kopf von Terodde, dessen unwiderstehlicher Kopfball-Torpedo scharf im Netz des von Orlishausen gehüteten Karlsruher Kastens einschlug. Terodde kostete den Moment aus und feierte seinen Treffer vor dem noch von Rauchschwaden eingehüllten VfB-Block.
Der KSC, der kaum in nennenswerte Abschlusssituationen kam, lag am Boden und kam doch völlig überraschend und unverhofft ins Spiel zurück. Bei einer Flanke von rechts war Insúas Arm im Weg, so dass es folgerichtig Elfmeter gab. Nach der heutigen Regelauslegung war der Elfer berechtigt, auch wenn ich mich in solchen Situationen immer wieder aufs Neue aufrege und mir die gute alte Zeit zurückwünsche. Damals gab es Elfmeter für absichtliches Handspiel, nicht aber für „angeschossen“. Alles lamentieren half nichts, Stoppelkamp traf vom Punkt und das Spiel war wieder spannend. Obwohl der KSC offensiv nachlegte, hatte die VfB-Defensive den Gegner weiterhin gut im Griff und ließ wenig bis überhaupt nichts zu.

Dennoch dauerte es bis zur 86. Minute, ehe der eingewechselte Maxim, erneut nach Flanke von Insúa, im Strafraum zwei Haken schlug und die Kugel zum erlösenden 1:3 unter die Latte drosch. Kleine Anekdote am Rande: just in diesem Moment war ich in einem dieser einladenden Dixi-Klos zugange und befürchtete schon, wegen der enormen Lautstärke des Torjubels, der Ausgleich wäre gefallen. Erst als mir auf dem Rückweg in den Block zahlreiche enttäuscht dreinblickende Karlsruher entgegen kamen, wurde es mir bewusst, dass die Entscheidung gefallen war und wie viele VfBler sich tatsächlich auch außerhalb des Gästeblocks Karten besorgt hatten.

Wenig später war Schluss! Das Derby war gewonnen, die VfB-Ultras entrollten ein „Derby-Sieger“-Banner und die Party konnte beginnen.
Den VfBlern wurde nach dem Spiel dann noch eine gut halbstündige Blocksperre verordnet. Auch diese war nachvollziehbar, um nicht mit Karlsruhern ins Gehege zu kommen. Wir durften freilich sofort hinaus und hatten noch den einen oder anderen netten Plausch mit aus Stuttgart herbei beorderten Polizeikräften, die sich zum einen mit uns über den Sieg freuten und zum anderen sichtlich erleichtert darüber waren, dass ihr Arbeitstag bis hier hin recht entspannt verlief. Bis zur Autobahn bekamen wir dann noch Geleit eines Raureiters, so dass sich auch die Abreise ohne Zwischenfälle ereignete.
Auch heute fühlt sich dieser Derbysieg noch richtig gut an, wenngleich es auch für diesen Sieg „nur“ drei Punkte gibt.

In Euphorie breche ich jedoch nicht aus. Könnte ich den Wiederaufstieg gegen den Derbysieg eintauschen, würde ich es tun. Bei vielen hat man den Eindruck, dieser Derbysieg stünde über allem, für mich nicht. Inzwischen kämpfen wir doch mit völlig ungleichen Waffen, so dass alles andere als ein Sieg einer Blamage gleichgekommen wäre.

In dieser 2. Liga, in der es dem VfB von der Papierform möglich sein sollte, gegen jeden Gegner zu gewinnen, warten ganz andere Kaliber auf den VfB, als dass man diesen Sieg gegen eine Durchschnittstruppe höher einordnen sollte, als er tatsächlich ist. Gut tut es dagegen, dass die Karlsruher sich nun kleinlauter geben und auf den Abstiegskampf konzentrieren dürften, anstatt Giftpfeile nach Bad Cannstatt zu schicken.

Ein Derby verliert den Reiz, je weiter die Schere auseinander gedriftet ist. Ein Blick nach Schottland genügt, auch dort wurde der 5:1-Sieg der Bhoys gegen den Aufsteiger Glasgow Rangers jüngst nicht überschwänglich gefeiert, auch das Old Firm ist nicht mehr das, was es einmal war, weil Celtic den Rangers in den letzten Jahren in Siebenmeilenstiefeln enteilt ist.

Auch die Atmosphäre auf den Rängen empfand ich für ein Derby enttäuschend. Wie üblich, seit es die Ultras gibt, wird mir zu wenig auf das Spiel, den Gegner, den Spielverlauf Bezug genommen und wird die Mehrheit im Block mit dem Einheits-Dauer-Singsang eingeschläfert und nicht so recht zum mitmachen bewegt. Dies galt im Übrigen für beide Fan-Lager. Die Ultras machten ihr Ding, während es im Rest des Stadions für ein Derby bemerkenswert emotionslos vonstattenging. Da auch auf dem Platz wenig Gift und Galle versprüht wurde, sprang der Funke aber auch nicht so recht über.

Ein Sieg gegen den Rivalen tut zwar gut, als Gradbesser für die nächsten Spiele darf er jedoch nicht her halten. Wer jetzt meint, die Füße hochlegen zu können und er habe bereits etwas erreicht, ist fehl am Platz und dürfte es mit Hannes Wolf zu tun bekommen.

Gegen Bielefeld im nächsten Heimspiel muss der Auswärtssieg beim KSC vergoldet werden. Die nächsten Wochen werden schließlich nicht einfacher. Nach Bielefeld folgt die Länderspielpause und danach geht’s zu Eisern Union nach Berlin.

In den letzten Jahren hatte der VfB meist Probleme nach einer Länderspielpause und setzte das darauf folgende Spiel fürchterlich in den Sand, jüngstes Beispiel, das 0:5 in Dresden. Diesem Trend muss der VfB trotzen, möchte er endlich seiner Favoritenrolle in der Liga gerecht werden. Der VfB ist so langsam wieder in der Spur, der Angriff auf die Tabellenspitze darf, nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Patzer der Konkurrenz, in den nächsten Wochen gerne weitergehen.

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19. Oktober 2016

Sadomasochismus à la VfB

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , – Franky @ 10:46

Der Sadomasochist empfindet gemeinhin Lust und Freude, indem er anderen Schmerzen zufügt oder indem er sich selbst Schmerzen zufügen lässt.

Dem VfB-Fan, ob Allesfahrer oder „nur“ Dauerkarteninhaber und Heimspielbesucher, wird bereits seit Jahren ein Hang zum Sadomasochismus nachgesagt. Während bei anderen Vereinen vor allem Heimspiele reine Festspiele sind, sind unsere eher selten vergnügenssteuerpflichtig. Während anderswo die schönste Nebensache der Welt dazu dient, Freude zu haben und den Alltag zu vergessen, baut ein VfB-Fan bei den Spielen meist Aggressionen auf, wird in schlechte Stimmung versetzt und lässt sich das Wochenende versauen, so gut wie es nur geht.

Um diesen perversen Sadomasochismus in vollen Zügen auszuleben, braucht es natürlich auch die passende Mannschaft. Diese zu bauen, damit haben zunächst die Vereins-Oberen wie Staudt und Heldt begonnen, indem sie völlig überteuerte Altstars wie Bastürk und Ewerthon anschleppten und ein Ciprian Marica, den man mittels DVD-Studium als geeignet genug befand, zum teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte aufstieg.

Nach Heldt kam Bobic, seines Zeichens TV-Experte (oder auf Deutsch Dummschwätzer) beim DSF, der als Einzelhandelskaufmann geeignet genug erschien, Millionen von Euro möglichst verlustbringend einzusetzen, die wenigen verbliebenen Identifikationsfiguren der ersten Mannschaft durch Granaten wie Torun, Haggui, Abdellaoue und unzählige andere zu ersetzen und darüber hinaus unser großes Kapital im Nachwuchsbereich, das inzwischen in Leipzig für seine hochklassige Arbeit geadelt wird, zu vergraulen.

Wenn ich jetzt noch zwanzig weitere Leute in den Raum werfen würde, die für den Niedergang der letzten Jahre verantwortlich zeichnen, würde es hier den Rahmen sprengen, möchte ich doch über die Aktualität und den letzten Auftritt in Dresden etwas schreiben.

Jedenfalls gebührt allen Verantwortlichen der letzten zehn Jahre ein großer Dank und vor allem Respekt, dass sie dem sadomasochistisch veranlagten Publikum mittlerweile eine Mannschaft geschenkt hat, welches ähnliche Neigungen zu haben scheint.

Ein 4:0 gegen Fürth, Loblieder auf die Truppe, Hoffnung auf eine Serie, Freude über die an den Tag gelegte Spielkultur, Begeisterung über Wolfs Rudel. Ist doch alles scheiße! Nein, wir wollen leiden, wir müssen leiden, wir sind schließlich der VfB!

Auch die Mannschaft um Dominus Gentner kann mit Lobhudeleien offensichtlich wenig anfangen. Diese wurde zwar nach dem Abstieg auf vielen Positionen geändert, Problem dabei aber, die Guten, die Begehrlichkeiten weckten, sind weg, andere, die nicht untergekommen sind, zwangsläufig noch da.

So änderte sich der Charakter der Truppe noch immer nicht entscheidend, sind uns doch die Gentners, Kleins, Insúas und einige mehr erhalten geblieben. Das Problem dabei ist, dass sie kraft ihres Alters noch immer den Ton angeben und noch immer Führungspersönlichkeiten sein sollten, und damit einen Anspruch haben, dem sie nie gerecht geworden sind.

War das Spiel gegen Manchester City im Vorjahr der Anfang vom Ende und das 5:1 gegen Hoffenheim der letzte Bundesligasieg, bot sich nun die Gala gegen Fürth an, selbstzufrieden die Beine hochzulegen, sich gegenseitig die Eier zu graulen und dem Trugschluss zu erliegen, man hätte bereits etwas erreicht und es liefe von selbst.

Hannes Wolf, der eher der Kommunikator denn ein Schleifer sein soll, täte gut daran, schnell zu erkennen, mit welchen Charakteren er es zu tun hat. Die Sadomasochisten auf dem grünen Rasen fangen mit Streicheleinheiten offensichtlich nichts an, sie brauchen es auch nach einem 4:0 noch hart.

Dresden war mal wieder eine Demütigung der feinsten Art. Die Spieler lassen sich nahezu ohne Gegenwehr mit einem 5:0 aus dem Stadion schießen und halten es nach dem Spiel noch nicht einmal für nötig, sich bei den leidgeplagten Fans, die mitten in der Nacht aufbrechen mussten, um diese Schmach hautnah miterleben zu dürfen, für ihr Kommen und die Unterstützung zu bedanken.

Ausgerechnet Dominus Gentner, an dem das Spiel bei nur 44 Ballkontakten und gerade einmal vier erfolgreich absolvierten Zweikämpfen, komplett vorbei lief, hielt seine Schäfchen zurück, als sie sich, allen voran Kevin Großkreutz, auf den Weg zum Fanblock machen wollten.

Ein „guter“ Sadomasochist, der Gentner als Anführer eigentlich sein sollte, holt sich nach einer solchen „Leistung“ die verbalen Beschimpfungen aus dem Block als Sahnehäubchen doch gerne auch noch ab. Konsequenz sieht anders aus, denn auch die Fans, deren Lust nach den fünf Nackenschlägen auf dem Siedepunkt war, hätten es verdient gehabt, nach neunzig Minuten der Leiden ein Ventil zu erhalten, an dem ihr Frust ausgelassen werden kann. Elendiger Spielverderber!

Der VfB unterliegt dem Aufsteiger Dynamo Dresden also 0:5. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Vor fünf Monaten trennten die beiden Teams noch zwei Spielklassen und jetzt deklassieren die Sachsen den gefühlten Erstligisten VfB derart – höher hatte der VfB zuletzt vor über 30 Jahren verloren, damals 0:6 bei Werder Bremen.

Dieses Debakel zu erklären fällt einerseits schwer, andererseits ist es eben der VfB! So war als Reaktion auf dieses Debakel im Netz hauptsächlich zu lesen, „endlich habe ich meinen alten VfB wieder“, „schade, dass die Mitgliederversammlung nicht erst diesen Sonntag war“ oder auch „war Fürth das diesjährige Manchester City?“.

Möchte der Verein mittelfristig wegkommen von seinen sadomasochistischen Spielchen und die Fans langsam wieder an lustvollere Auftritte gewöhnen, sollten jetzt schon die Alarmglocken schrillen. Ein 0:5 in Dresden ist zwar genauso wenig ein Maßstab wie das 4:0 gegen Fürth und doch legte es schonungslos offen, wie fragil das Gebilde nach wie vor ist.

Wenn es läuft, glänzen auch die vermeintlichen Führungsspieler, wenn es jedoch nicht läuft und die vielen jungen Spieler Führung und jemanden, der das Spiel ordnet, brauchen würden, tauchen sie mit unter.

Hatte Kapitän Gentner vor ein paar Tagen noch großspurig verlauten lassen, der VfB sei endgültig in der 2. Liga angekommen, zeigte es sich am Samstag, dass dem eben nicht so ist.

„Leider“ konnte ich selbst nicht nach Dresden fahren, weil ich durch eine Hochzeit verhindert war. Nach diesem Ergebnis sagen mir zwar jetzt viele, „sei froh, dass Du nicht dort warst“. Aber, das bin ich mitnichten. Ein Auswärtsspiel ist schließlich viel mehr als das bloße Spiel.

Es ist die Fahrt, die Stimmung im Bus, die Atmosphäre rund ums und im Stadion, die Fangesänge, das Stadionbier, die Stadionwurst, der Geruch es Rasens, kurz, Lebensgefühl und Leidenschaft. Darüber hinaus ist es mit der Terminierung ausgerechnet auf diesen Samstag extrem dumm gelaufen und raubt mir die vielleicht einmalige Chance auf einen Zweitliga-34er.

Da es bereits in der letzten Saison stets Klatschen hagelte, als ich nicht dabei war, könnte ich aber auch abergläubisch daher kommen, und dies als wahren Grund für die Niederlage heranziehen. Im Vorjahr verpasste ich lediglich das 0:4 in München wegen Krankheit, das 0:4 in Mönchengladbach, weil es unter der Woche war und ich nicht frei nehmen konnte, sowie das 2:6 in Bremen wegen des Boykotts der Fanszene.

Ein ungewohntes Gefühl jedenfalls war es schon am Samstag, als sich gefühlt meine komplette Facebook-Freundesliste auf dem Weg in die ehemalige DDR befand und ich mich langsam in Schale schmiss und auf die Hochzeit vorbereitete.

„Anpfiff“ in der Kirche war um 13.30 Uhr und daher auch noch „super“ getimt das Ganze. Da das Kribbeln am Spieltag naturgemäß da war und uns das Vorgeplänkel in der Kirche weniger aufregend erschien als das Spiel, entschlossen wir uns, zunächst auf „ein“ Bier in die Kneipe gegenüber einzukehren und Gefahr zu laufen, etwas verspätet im Gotteshaus einzulaufen.

Dort sahen wir einen VfB, der zunächst einmal noch akzeptabel im Spiel war und auch die ersten beiden Großchancen durch Gentner und Mané kreierte. Mit zunehmender Spieldauer aber nahm das Unheil seinen Lauf. Die Mannschaftsteile vom VfB standen, ganz anders als noch gegen Fürth, viel zu weit auseinander und ließen sich ein ums andere Mal durch Spielverlagerungen der Dresdner in Verlegenheit bringen. Die Dynamos legten die erwartet harte Gangart an den Tag, der die Diven vom Neckar mit zunehmender Spieldauer immer weniger entgegen zu setzen hatten. Der VfB verteidigte, fast wie zu Zorniger-Zeiten, extrem hoch und zwang Dresden dadurch zu einigen überhasteten Abspielen und Ballverlusten. Doch, ebenfalls wie zu Zorniger-Zeiten, traf man vorne das Tor nicht und ließ sich hinten zu einfach überrumpeln.

Das 1:0 fiel noch recht überraschend. Klein lag bei der Entstehung des Treffers zunächst nach einem vermeintlichen Foul am Boden, doch die Dresdner spielten weiter. Die VfBler waren dabei noch ob dieser vermeintlichen Unart erbost und reklamierten, anstatt sich zu sortieren und sich auf den Dresdner Angriff zu konzentrieren.

Dadurch war Kleins Abwehrseite verwaist, was die Dresdner zum Flankenlauf ausnutzten und Kutschke in der Mitte nur noch einzunicken brauchte. Dass die Dresdner den Ball nicht ins Aus beförderten und weiter spielten war völlig legitim und auch in meinem Sinne. Einzig dem Schiedsrichter obliegt es, das Spiel zu unterbrechen, was ich für richtig halte, da in 99,9% der Fälle das Liegenbleiben als taktisches Mittel genutzt wird und die meisten, sobald das Spiel unterbrochen ist, wieder putzmunter aufstehen. Dass der VfB zwischenzeitlich selbst den Ball hatte und diesen ebenfalls nicht ins Aus spielte, ist dabei aus der Sicht derer, die dies als Alibi sehen wollen, nicht der Rede wert.

Ein Rückstand kann passieren, ein Rückstand sollte, erst recht in dieser 2. Liga, kein Beinbruch sein. Noch waren gut fünfzig Minuten Zeit, auf diesen Rückschlag entsprechend zu reagieren.
Dass der VfB danach aber völlig kopflos agierte, ist mir noch heute unbegreiflich. Gerade einmal vier Minuten später führte Langerak einen Abstoß riskant und kurz aus und überraschte damit Zimmermann. Der Ball gelangte dadurch schnell zu „Lumpi“ Lambertz, der frei vor Langerak auftauchte und die Nerven behielt. Dieser Doppelschlag saß!

Ehe man sich versah, stand es 3:0, drei Gegentore in sechs Minuten. Unfassbar, desaströs und vor allem blamabel, wie sich der VfB präsentierte. Wir waren ebenfalls fürs erste bedient und gingen in die Kirche. In erster Linie um unseren Freunden die Ehre zu erweisen und in zweiter um eine Kerze für eine bessere zweite Halbzeit anzuzünden.

Hat natürlich alles nichts genutzt, beim anschließenden Stehempfang bekamen wir dann binnen kürzester Zeit das 4:0 und das 5:0 vermeldet, so dass ich in diesem Moment tatsächlich erst einmal froh war, nicht noch die elendige, lange Rückfahrt vor mir zu haben.

Auch wenn man von den Mannschaften der letzten Jahre schon so manche Qual erleiden musste, dieses 5:0 beim Aufsteiger hatte noch einmal
eine andere Dimension. Schlimmer geht immer, vor allem beim VfB! Der VfB kassierte seine höchste Zweitligapleite aller Zeiten, während Dresden seinen höchsten Zweitligasieg aller Zeiten feierte. Jaaaaaa, der VfB!

Binnen zwei Wochen, nur durch die Länderspielpause unterbrochen, zwei so verschiedene Gesichter der Mannschaft? Was war passiert? An der Rückkehr von Florian Klein in die Startelf allein kann es ja nicht gelegen haben.

Es trat mal wieder das alte VfB-Phänomen zutage. Zu viel Lob tut der Truppe nicht gut, sie braucht konstanten militärischen Drill, nicht umsonst wünschte ich mir in den letzten Jahren schon öfter Felix Magath zurück. Sein Credo, „Qualität kommt von Qual“, wäre genau das, was diese Mannschaft durchweg benötigt.

Lange Leine, freie Tage, wie sie Kramny an Ostern gewährte und die wohl ein entscheidender Mosaikstein auf dem Weg zum Abstieg waren, Pustekuchen. Disziplin, Ordnung, Diktatur ist das einzige, was diese Truppe versteht, nicht umsonst hieß der letzte einigermaßen erfolgreiche VfB-Coach Huub Stevens.

Das muss das Team um Hannes Wolf verinnerlichen. Neue Trainingsmethoden, kommunikativer Führungsstil, Überzeugungsarbeit, alles schön und gut, jedoch nur dann, wenn man sie am Ende des Tages hart rangenommen und sie vom hohen Ross heruntergeholt hat.

Dem Dresdner Wille und Kampfgeist hatte der verweichlichte Haufen, der am Samstag auf dem Platz stand, rein überhaupt nichts entgegen zu setzen.

Wo war der von vielen immer vehement geforderte Alexandru Maxim? Wo ist dieser Edeltechniker, wenn es körperlich zur Sache geht und mit Schönspielerei kein Blumentopf zu gewinnen ist? Wo war unser Kapitän, der, wie wir seit Sonntag vergangener Woche wissen, Vorbild unseres neuen Präsidenten ist? Sollte sich Dietrich Gentners Eigenschaften zu Eigen machen wollen, dann erst recht gute Nacht, VfB und Dietrich raus!

Von der zweiten Halbzeit bekam ich dann nichts mehr mit, las nur in den Berichten, dass kein Aufbäumen erkennbar gewesen sei und man keinen ernsthaften Torschuss mehr abgegeben hätte. So hat Dresden auch in dieser Höhe hochverdient gewonnen, was einem Offenbarungseid für einen Aufstiegsfavoriten gleich kommt.

Christian Gentner hat es unter der Woche in einem Interview, als er Cheftrainer Wolf in höchsten Tönen lobte, gesagt: Bei dem, was das Trainerteam vom Team verlangt, wird dem Kopf einiges abverlangt. Da ich den Unseren schon seit längerem eben jene geistigen Fähigkeiten abspreche, ist es nicht verwunderlich, dass der VfB so konfus agierte und nach dem Rückstand auf die veränderte Ausgangslage keine Antwort mehr parat hatte.

Da rächt es sich einfach einmal mehr, dass Hannes Wolf keine Saisonvorbereitung zur Verfügung hatte und seine Vorstellungen den Jungs während des Spielbetriebs eintrichtern muss. Auch für ihn ist es ein schmaler Grat, die Aufgabe hochmotiviert anzugehen und von Woche zu Woche mehr von seiner Handschrift zu sehen, und dem, die Truppe damit nicht zu überfordern.

Gegen die angeschlagenen Münchner Löwen muss nun auf Teufel komm raus ein Sieg her. Wenn ich von angeschlagenen Löwen schreibe, beschleicht mich schon beim Schreiben ein flaues Gefühl in der Magengegend, haben wir es doch offensichtlich auch in der 2. Liga mit dem Phänomen zu tun, der perfekteste Aufbaugegner zu sein, den sich eine kriselnde Mannschaft wünschen kann. Bei einem „normalen“ Verein, würde man jetzt den Charaktertest ausrufen, doch, was ich vom Charakter der Truppe halte, siehe oben.

Bemerkenswert ist es ja, wie ruhig Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf nach außen blieben, wenngleich auch sie betonten, dass sich ein solches Spiel NIEMALS wiederholen dürfe. Intern hat es hoffentlich heftiger gekracht, so dass die Jungs wenigstens am eigenen Leib noch zu spüren bekamen, was sie in Dresden angerichtet haben.

Sollte ihnen der erfolgte Einlauf zu soft ausgefallen sein, möchte ich mir nicht ausmalen, was sie gegen die Löwen noch im Köcher haben werden, um danach endlich mit der Peitsche in Berührung zu kommen.
Gegen schwache Fürther war nicht alles rosarot, genauso wenig wie jetzt ein Grund für totales Schwarzmalen geboten ist. Beängstigend war lediglich die Art und Weise, wie man sich von einem minderbemittelten Gegner den Schneid abkaufen und sich schließlich wehrlos aus dem Stadion schießen ließ.

Nüchtern betrachtet war es „nur“ eine Niederlage einer im Umbruch befindlichen Mannschaft. Dass auch Rückschläge zu einem Umbruch gehören, weiß man. Wenn dieser, zumindest was das Ausmaß betrifft, einmalig bleiben sollte, war er auch kein Beinbruch.

Bedenkliche Spuren würde diese Blamage lediglich hinterlassen haben, würde bereits jetzt das Vertrauen in den Plan des Trainers bröckeln, was unter Zorniger in der letzten Saison recht früh der Fall war. Gerade auch deshalb ist es immens wichtig, dass diese Niederlage ein einmaliger Ausrutscher war und die Jungs gemerkt haben, dass es nur funktioniert wenn ein jeder zu einhundert Prozent konzentriert und bei der Sache ist und nichts und niemanden in dieser 2. Liga auf die leichte Schulter nimmt. Daher ist es am Freitag elementar wichtig, dass man sich gegen die 60er anders präsentiert und vor allem nicht so kopflos agiert wie in Dresden.

Auch dieses Spiel beginnt bei null. In den Köpfen der Spieler darf das Debakel von Dresden keine Rolle mehr spielen, sie müssen unbelastet und nicht übermotiviert herangehen, und geduldig auf ihre Chancen warten. Dann bin ich mir sicher, dass es einen Heimsieg geben und Selbstvertrauen fürs Derby in einer Woche getankt werden kann.

Mit einem Sieg wäre man auch tabellarisch wieder in der Spur, geht es doch, mit Ausnahme von Spitzenreiter Eintracht Braunschweig, an der Tabellenspitze sehr eng zu. Aber, Fakt ist auch, dass die direkten Aufsteiger in den letzten Jahren im Schnitt nicht mehr als sechs Saisonniederlagen zu verzeichnen hatten, wir haben schon derer drei auf unserem Konto.

Daher wäre es wünschenswert, wenn das Team von nun an ein anderes Gesicht und vor allem Konstanz an den Tag legen würde. Auch der sadomasochistischste Fan hätte wohl nichts dagegen einzuwenden, wenn die schier endlose Zeit der Qualen, Demütigungen, Selbstzerfleischungen und Blamagen endlich einmal ein Ende finden würde.

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11. Oktober 2016

Kein guter Tag für den VfB Stuttgart

Die mit Spannung erwartete Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart 1893 e. V. fand vergangenen Sonntag in der Hanns-Martin-Schleyerhalle statt.
Die erste Frage, die sich mir aufwarf, war die, ob man nicht im Vorfeld einer solchen Veranstaltung, bei der theoretisch 48.000 Mitglieder oder eben auch nur 3.000 Mitglieder anwesend sein können, eine Abfrage durchführen sollte, wer es denn überhaupt vor hat, zu diesem für den Verein wichtigsten Termin des Jahres in die Landeshauptstadt anzureisen.

Für gerade einmal 3.000 Mitglieder, die sich diesen Sitzungsmarathon antun wollten, hätten sich sicherlich auch kleinere und vor allem günstigere Locations finden lassen. In Anbetracht der aufgeheizten Atmosphäre und offen zur Schau getragenen Spaltung in zwei Lager, hätte eine engere Location den positiven Nebeneffekt gehabt, näher zusammenrücken und sich in die Augen blicken zu können oder auch zu müssen.

Für mich war es seit langem mal wieder die erste Mitgliederversammlung beim VfB, da ich erst wieder eingetreten bin, um bei der Abstimmung über eine kürzlich noch im Raum stehende Ausgliederung mitbestimmen zu können.

Ich war 1998 aus dem Verein ausgetreten, als der bei mir ansonsten sehr beliebte Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder Trainer Joachim Löw entließ, um seinen Busenfreund Winfried Schäfer an den Neckar zu holen. Von diesem Schock erholte ich mich zwar wieder und ging auch wieder ins Stadion, nachdem Schäfer entlassen war, aber, Mitglied wurde ich halt erst letztes Jahr wieder.

So fanden „meine“ letzten Mitgliederversammlungen noch im guten alten Kursaal statt, aus denen mir vor allem die Bewirtung dort und durchaus launige, wenn auch hitzige, Versammlungen in bester Erinnerung blieben.

Umso enttäuschter war ich dann, als ich schon im Vorfeld erfahren musste, dass nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt werden würde und man nicht einmal selbst Getränke mit in die Halle bringen dürfte.

So blieb mir in der trockenen Luft nichts anderes übrig, als ein 0,5-Liter-Fläschchen Ensinger Sport für sage und schreibe 3,50 € zu erwerben. Ansonsten konnte ich es bis abends „aushalten“ und verschwendete kein weiteres Geld dort für das überteuerte und qualitativ überschaubare Schleyerhallen-Catering.

Derart lange Sitzungen „im Trockenen“ wären unter MV unvorstellbar gewesen. MV war trotz seiner Ministertätigkeit und anderer Funktionärsposten, im Gegensatz zu unserer derzeitigen Vereinsführung, immer ein Mann des Volkes und nahbar und hatte vor allem keine Angst davor, dass Mitglieder, wenn sie ein paar Bier getrunken haben, ihm an den Kragen gehen könnten.

MV stellte sich den Mitgliedern, wenngleich er Gegenargumente auf seine Art erschlagen konnte, weil er hochintelligent und immer bestens vorbereitet war. Dass er Kritiker mundtot machte, bevor sie überhaupt ihre Argumente vorbringen konnten, daran kann ich mich bei ihm nicht erinnern.

Die heutige Führungsriege erinnert da schon eher an eine deutsche Politikerin aus der Uckermark, Basta-Politik, „Wir schaffen das“, alternativlos, egal was für Auffassungen die „Untergebenen“ an der Basis haben.

So stellt für sie die einmal im Jahr stattfindende Mitgliederversammlung auch nicht eine willkommene Gelegenheit dar, ihre Arbeit zu erläutern und sich der Kritik der Basis zu stellen, sondern ist vielmehr ein unangenehmer Pflichttermin, bei dem es darum geht, möglichst ungeschoren davon zu kommen. Dabei wissen sie natürlich, dass jeder Tag endlich ist und die Mitglieder irgendwann mal nach Hause wollen, so dass sogar Zeitspiel ein probates Mittel zu sein scheint, wie bspw., wenn eine auf 15 Minuten angekündigte Pause plötzlich und ohne Begründung über 30 Minuten lang wird. Hat man diesen Tag dann herum gebracht, nicht erfolgte Entlastung in beiden Fällen inklusive, hat man dann wieder ein Jahr lang Ruhe vor dem Fußvolk.

Selbstkritik ist unserem Vorstand und Aufsichtsrat völlig fremd, „Gegner“, die sie auffordern, aus dem Abstiegsjahr Konsequenzen zu ziehen und ihren Hut zu nehmen, werden pauschal dem Ultras-Lager zugeordnet und es wird ihnen unterstellt, den Verein in Schutt und Asche legen zu wollen.
Dies allein ist schon eine Frechheit! Ich selbst bin kein Ultra, wie die meisten der knapp 40% der Anwesenden sicher auch nicht, die den Antrag auf die Abwahl des Aufsichtsrates gerne auf der Tagesordnung gehabt hätten.

Sowohl Stefan Heim in seiner Eigenschaft als Versammlungsleiter, als auch Aufsichtsratschef Martin Schäfer warnten die Mitglieder davor eindringlich und malten das Horrorszenario an die Wand, dass der VfB durch gewisse Abwahlen handlungsunfähig werden könnte. Durch solch undifferenzierte Klassifizierungen wurden die Mitglieder schon früh in der Versammlung in die Guten und die Bösen unterteilt.

Die Vereinsführung unternahm nicht im Ansatz den Versuch, den Verein, die Mitglieder zu einen, im Gegenteil, sie spaltete die Lager noch zusätzlich.

Man wehrt sich vehement gegen Vorwürfe, dass man den Abstieg entscheidend mit zu verantworten hätte, obwohl man zu einem Zeitpunkt, als noch etwas zu kitten gewesen wäre, Dutts One-Man-Show freien Lauf ließ.

Man verteidigt weiterhin die völlig hirnrissige Verpflichtung von Jos Luhukay und man hat bis heute keine schlüssige Erklärung geliefert, weshalb Jan Schindelmeiser so spät kam, obwohl er doch bei Dutts Entlassung schon auf dem Markt gewesen wäre.

Die Entscheidung für Jan Schindelmeiser war zweifelsohne die beste, die die Herren in den letzten Monaten trafen. Bereits nach der Entlassung von Fredi Bobic plädierte ich in einem Blog-Bericht für Jan Schindelmeiser, weil er nach Heldt und Bobic mal wieder ein „Gelernter“ auf dieser wichtigen Position gewesen wäre.

Aber nein, man holte sich mit Robin Dutt, trotz aller Warnungen ausgewiesener Fachleute, den nächsten Azubi mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet ins Haus, im Aufsichtsrat damals, wie heute, Porth, Jenner, Schäfer. Das Resultat dieser Fehleinschätzung: der Abstieg!

Die einzige Sequenz auf der Mitgliederversammlung, bei der es einhelligen Applaus beider Lager gab, war jene, als Sport-Vorstand Jan Schindelmeiser und Trainer Hannes Wolf zur aktuellen sportlichen Situation interviewt wurden.

Seit Luhukays Rücktritt (oder Entlassung!?) hat der VfB drei Spiele gewonnen und in Bochum remis gespielt. Ein Aufwärtstrend im sportlichen Bereich ist ohne Zweifel erkennbar. Nach dem 4:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth und vor allem der Art und Weise, wie dieser Sieg herausgespielt wurde, schweben der VfB und seine Fans auf einer Euphoriewelle.

Dieses „zarte Pflänzchen“ des Aufschwungs, wie es Stefan Heim nannte, müsse man am Leben erhalten und dürfe den sportlichen Erfolg durch Unruhe im Verein nicht gefährden. Schon bei den Dialogveranstaltungen im Vorfeld der Mitgliederversammlung erklärten Vereinsführung und Wolfgang Dietrich unisono, dass es nichts mehr bringe, Schuldige für den Abstieg zu suchen, sondern man nur noch nach vorne schauen solle, um Ruhe einkehren zu lassen. Interessant dabei, dass Dietrich dann doch kritisierte, dass Robin Dutt kurz vor seiner Entlassung noch drei Kader-Planer einstellen durfte, die teilweise schon wieder ihre Entlassungspapiere in Empfang genommen haben. Diese Narrenfreiheit von Robin Dutt hat sicherlich auch wieder keiner derjenigen zu verantworten, der am Sonntag auf dem Podium saß.

Unruhe in einem Verein ist nie förderlich im Fußball-Geschäft, darüber dürften sich alle Parteien einig sein. Ruhe kann aber auch nicht per Dekret von oben herab verordnet werden, schon gar nicht in einem Verein, der wir noch sind und in dem Emotionen eine nicht unbedeutende Rolle einnehmen. Zur Ruhe kann man per Konsens gelangen und nicht indem man Fan- bzw. Mitgliederlager in „die Guten“ und „die Bösen“ unterteilt und darauf hofft, dass „die Bösen“ einfach mal die Klappe halten und aufhören, zu nerven.

In der im Normalfall einmal im Jahr stattfindenden Mitgliederversammlung haben die Mitglieder, auch die Bösen, ein Anrecht Antworten auf durchaus berechtigte Fragen zu erhalten. Man will ja schließlich wissen, ob die Oberen überhaupt wissen, was denn im Abstiegsjahr schief gelaufen ist, ob sie die richtigen Schlüsse gezogen haben und vor allem, ob sie es das nächste Mal überhaupt anders und besser machen würden.

Hätten die Herren die Verantwortung für den Abstieg übernommen und der Mitgliederversammlung die Entscheidung darüber überlassen, ob sie überhaupt noch die richtigen Leute am Ruder sind, wäre eine Mitgliederversammlung im Sommer und eine nachgeschobene Mitgliederversammlung für die Präsidentenwahl im Oktober auch denkbar gewesen.

So aber baute man offensichtlich darauf, bis zum Tag der Mitgliederversammlung in ruhigeres Fahrwasser im sportlichen Bereich gekommen zu sein und darauf, deswegen um eine Generalabrechnung herumzukommen.

Dass Vorstand und Aufsichtsrat so einfach davon kommen, damit bin ich nicht einverstanden! Dass sich die Fehlentscheidungen der letzten Jahre nicht rückgängig machen lassen und dass man schon drei Jahre lang förmlich um den Abstieg gebettelt hat, ist mir klar. Dieser Abstieg kam nicht überraschend und nicht zufällig, für einen Fan wie mich war er am Ende sogar eher eine Erlösung.

Dies kann aber doch nicht für den Verein der Fall gewesen sein. Für den Verein war der Abstieg eine Katastrophe. Der Super-GAU, das im Grunde Unvorstellbare war eingetreten, die schlechteste Saison seit 41 Jahren und die Verantwortlichen wollen möglichst weiter machen wie bisher?
Bei all den möglichen Konsequenzen eines Abstiegs, der uns vermutlich selbst bei direktem Wiederaufstieg um Jahre zurückgeworfen haben dürfte, wer es schwer zu begreifen, dass von Vereinsseite nicht alles Menschenmögliche getan wurde, um den Abstieg zu versuchen zu verhindern.

Aber nein, man hatte in Robin Dutt ja den Fachmann und in Jürgen Kramny den Super-Doppel-Abstiegs-Trainer, die beiden würden das Kind schon schaukeln. Man beließ nicht nur beide im Amt, nein, sie durften sogar mitten im Abstiegskampf noch ein Trainingslager auf Mallorca ausbaldowern, von dem man, fast schon erwartungsgemäß, im Urlaubsmodus zurückkam.

Man ließ die beiden gewähren und vertraute blind darauf, die nötigen Punkte gegen den Abstieg würden schon noch eingefahren werden.

Es war offensichtlich keiner dieser Herren in der Lage zu erkennen, dass spätestens nach Augsburg klar war, dass man in der bestehenden Konstellation sang- und klanglos absteigen würde.

Aus der damals absenten Sportkompetenz in der Vereinsführung hat man inzwischen Schlüsse gezogen. Hermann Ohlicher wurde am Sonntag in den Aufsichtsrat gewählt, Thomas Hitzlsperger und Marc Kienle hat man von extern geholt. Beide übrigens, wie Luhukay, bevor der neue Sportvorstand gefunden war. Dieser grübelt seither darüber, mit welchen Aufgabengebieten er die beiden betrauen soll.

Diese Fehleinschätzungen gehören, auch nach einigen Monaten Abstand, hinterfragt. Die Mitglieder haben ein Anrecht auf Antworten, zumal sich die Fehleinschätzungen ja auch nach dem Abstieg nahtlos fortsetzten.

Dutt hatte man ohne Plan B in der Tasche zu haben den Stuhl vor die Tür gesetzt. Danach gingen die Wirtschaftsbosse vom Aufsichtsrat, Finanzvorstand Heim und Marketing-Chef Röttgermann auf Trainersuche und wurden schnell beim ausgewiesenen Aufstiegsfachmann Jos Luhukay fündig.

Dass Luhukay eigenbrötlerisch ist und dass er bereits mehrfach wegen Differenzen mit der sportlichen Leitung oder sonstigen Verantwortlichen das Handtuch geworfen hat, scheint diesem Vorstand und Aufsichtsrat, der nun flehentlich um Vertrauen wirbt, entgangen zu sein. Schon durch diese krasse Fehlentscheidung wurde das Ziel des sofortigen Wiederaufstiegs fahrlässig aufs Spiel gesetzt, hat doch der neue Trainer Hannes Wolf weder eine Saisonvorbereitung zur Verfügung noch konnte er Einfluss auf die Kaderzusammenstellung nehmen.

Bei #vfbimdialog entlarvten sich die Herren vom Aufsichtsrat ein paar Tage vor der Mitgliederversammlung dann auch noch selbst, indem sie davon abrieten, den Aufsichtsrat abzuwählen, weil ansonsten ihre Arbeitgeber ihr finanzielles Engagement beim VfB überdenken würden.

Für einen Traditionsverein wie den VfB, der sich glaubhaft von den Investoren-Clubs wie Hoffenheim und Leipzig abgrenzen möchte, wäre es ein fatales Zeichen, an Führungspersönlichkeiten nur deshalb festzuhalten, weil Geldquellen wegbrechen könnten und nicht aus dem Grund, weil sie einen guten Job für den VfB machen.

Liegt ihren Konzernen wirklich so viel am VfB, wie sie stets betonen, würden sie den Verein auch dann nicht ins Bodenlose fallen lassen, wenn ihr Vertreter aus dem Aufsichtsrat gewählt würde oder freiwillig ausscheidet, zumal Verträge einen Ad-Hoc-Ausstieg sicher auch noch verhindern würden.
So sind diese Aussagen zunächst einmal ziemlich haltlose Drohgebärde und zeigen den erhobenen Zeigefinger des Aufsichtsrats, ja nicht „falsch“ abzustimmen.

Diese versuchte Manipulation der Wählerschaft setzte sich durch weitere #vfbimdialog-Veranstaltungen und durch wohlwollend geschriebene Zeitungsartikel fort. Wie man die Schreiberlinge dazu brachte, diese für den Verein so positive Berichterstattung herauszugeben, man weiß es nicht.

Ganz koscher kam mir das alles nicht vor, lassen die Medien doch sonst kaum eine Gelegenheit aus, Unruhe hinein zu bringen. Ob man die Zeitungen aufschlug, #vfbimdialog schaute, vom VfB eine Sonderausgabe „Dunkelrot“ erhielt oder unzählige Mails im Postfach hatte, die Propagandamaschinerie war schon überwältigend, so dass es einzelnen Gruppierungen wie Commando Cannstatt oder Schwabensturm schwer fiel, dagegen zu halten und vor allem genau so viele Leute zu erreichen. Immer und überall wurden die Mitglieder davor gewarnt, den Verein ins Chaos zu stürzen, sollte man nicht den Vorschlägen der Vereinsführung Folge leisten.

Martin Schäfer legte sich dann auf der Versammlung auch noch persönlich mit den Ultras an, deren Banner ihm sauer aufstießen. Auch hier ließ Schäfer sämtliche Souveränität vermissen, indem er pauschal die Aufsichtsratskritiker als solche betitelte, die nichts anderes können würden, als „Verpisst-Euch-Plakate“ zu entwerfen.

Damit ist Schäfer eindeutig übers Ziel hinausgeschossen und hat sich pauschal mit den 40% der anwesenden Mitglieder angelegt, die zumindest gerne über die Abwahl des Aufsichtsrats abgestimmt hätten.

Wären die Herren des Aufsichtsrats und des Vorstands ernsthaft gewillt gewesen, die Mitgliederschaft zu einen, hätte man den Mitgliedern zudem davon abgeraten, nach lediglich sechs von 26 angemeldeten Redebeiträgen für eine Beendigung der Aussprache zu stimmen.

Selbstredend kann man bei derart vielen Wortmeldungen nicht jedem Redner dreißig Minuten zugestehen, so wie sie der erste Redner von der Schwäbischen Alb für sich in Anspruch nahm. Mit einer Zeitbegrenzung auf fünf Minuten, in denen jeder Redner seine wesentlichen Punkte hätte loswerden können, dafür hätte eine souveräne Versammlungsleitung meiner Ansicht nach werben müssen.

So machte man eben mir nichts dir nichts potentielle Kritiker mundtot und entzog sich dieser Aussprache, die DAS zentrale Element einer jährlich stattfindenden Mitgliederversammlung darstellt, feige!

Die vielzitierte Ruhe wird durch das Totschweigen schwelender Konflikte sicherlich nicht einkehren, im Gegenteil. Dass für diesen Antrag überhaupt eine Mehrheit zustande kam, offenbart in extremer Peinlichkeit, weshalb die Mitglieder, vornehmlich jene in den vordersten Reihen, überhaupt gekommen sind, doch dazu später mehr.

Dass die Abstimmung über den Abbruch der Aussprache sich, trotz juristischen Beistands, als formal falsch herausstellte und wiederholt werden musste, spottete zudem jeder Beschreibung und war ein weiterer Hinweis darauf, wie dilettantisch der Verein derzeit geführt wird.

Auch wenn ich gerne alle Redebeiträge gehört hätte, gab es auch bei den wenigen, die man ans Mikro ließ, das eine oder andere Highlight.
Vor allem der beim VfB nicht sehr gelittene Blogger Christian Prechtl stellte Vorstand, Aufsichtsrat und Wolfgang Dietrich knallhart berechtigte, aber eben unangenehme Fragen, deren Beantwortung man gekonnt zu umschiffen wusste.

Auch hier wurde auf Zeit gespielt, viel geschwätzt und nichts gesagt, während Wolfgang Dietrich die Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen bei seiner späteren Rede gänzlich „vergaß“.

Auch mich würden seine Verstrickungen und Beteiligungen, die er nach wie vor bei der Quattrex Sports AG hält, interessieren. Es kamen weiter die, natürlich unbeantworteten, Fragen auf, inwiefern er sich in das operative Geschäft bei den Stuttgarter Kickers eingemischt hat, in dessen Folge einige Köpfe, unter anderem der des damaligen Trainers des Jahres, Dirk Schuster, gerollt sind.

Eine Aussprache, bei der sich die Vereinsführung nicht einmal die Mühe macht, Vorwürfe zu entkräften oder Fragen einfach plausibel zu beantworten, ist auch irgendwie sinnlos.

Dies sagt einiges über unseren derzeitigen Führungskreis aus. Kritikunfähig, beleidigt, unangenehmen Fragen aus dem Weg gehend und extrem dünnhäutig geben sich diejenigen, die es „geschafft“ haben, den Verein in seine schwerste Krise seit 41 (!) Jahren zu manövrieren. Ganz großes Kino!

Der Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück, der überraschend die Bühne betrat, sorgte dann für die Comedy-Einlage des Tages.
Er erklärte vorab, dass er direkt vom Porsche-6-Stunden-Lauf käme, durch den Geld für wohltätige Zwecke gesammelt werden würde. Hück machte dabei einen extrem verwirrten Eindruck, so dass man bei seiner „Rede“ lange nicht wusste, worauf er hinaus wollte und schon gar nicht, ob diese letztendlich einen Bezug zum VfB haben würde.

Er referierte, „in Deutschland haben wir Kinderarmut und das ist gut“, sprach die Mitglieder ständig mit „liebe Kolleginnen und Kollegen“ und erweckte auch sonst den Eindruck, dass der Frühschoppen nach seinem Lauf etwas zu heftig ausgefallen war. Am Schluss seiner von heftigen Buh-Rufen begleiteten Rede trat doch noch seine Intension zutage, wegen der er sich zu Wort meldete.

Der Präsidentschafts-Kandidat Dietrich stellte bei seiner Vorstellungs-Tour in Aussicht, für den Nachwuchsbereich eigene Hauptsponsoren zu suchen, um dort unabhängiger von den Ergebnissen der Profis und deren finanziellen Mitteln zu werden. Für den Nachwuchs stellte Hück ein finanzielles Engagement von Porsche in Aussicht. So hatte dieser Auftritt dann doch noch sein Gutes.

Dass von annähernd 49.000 Mitgliedern kaum einmal 3.000 den Weg in die Hanns-Martin-Schleyerhalle fanden, war mehr als enttäuschend. Immerhin standen wichtige Themen zur Diskussion in der ersten Mitgliederversammlung nach dem Abstieg, immerhin sollte zudem ein neuer Präsident gewählt und über wichtige Satzungsänderungen befunden werden.

Dass sich dabei so wenige die Mühe machten, dieser Versammlung beizuwohnen, war ernüchternd. Erschreckend für mich war, dass derart vielen der Verein egal zu sein scheint, wenn es mal nicht nur um Punkte auf dem grünen Rasen geht. Es hätte durchaus eine denkwürdige Versammlung werden können, wenn sich denn mehr Leute aufgerafft hätten.

So gelang es offensichtlich dem Verein mehr Mitglieder des Pro-Lagers zu mobilisieren, als der Kurve die Aufsichtsrat-Kritiker und derer, die Dietrich ablehnen würden. Gerade bei einer spärlich besuchten Versammlung hatte ich mir versprochen, dass es gut möglich gewesen wäre, Dietrich zu verhindern.

Die Stuttgart-21-Problematik war mir in dessen Zusammenhang egal. Dass einer für eine Sache, für die er bezahlt wird, auch einsteht, ist legitim. Dass er Ecken und Kanten hat und sich, vielleicht sogar auch innerhalb der Vereinsführung, durchzusetzen weiß, ist auch zunächst einmal nicht schlecht. MV war mir in dieser Hinsicht immer lieber als ein „weicher“ Präsident wie Bernd Wahler.

Zu den K.O.-Kriterien, die es mir unmöglich machten Dietrich zu wählen, gehörten jedoch seine möglichen Interessenskonflikte wegen der Darlehensvergaben der Quattrex Sports AG an etliche Ligakonkurrenten und dass er dort noch immer Aktienpakete halten soll. Dass die DFL grünes Licht gegeben hat und dessen Beziehungen zu den Vereinen für seine Tätigkeit als VfB-Präsident formaljuristisch als legal angesehen werden, heißt noch lange nicht, dass sich nicht doch Interessenskonflikte ergeben könnten und dies moralisch korrekt ist.

Ein Donald Trump prahlt zum Beispiel damit, dass er in den letzten Jahren kaum Steuern gezahlt habe, weil er schlau genug war sämtliche (legale) Steuerschlupflöcher auszunutzen. Ob er damit moralisch punktet, darüber gibt es wohl keine zwei Meinungen.

Weiter seien die zur Abstimmung gestandenen Satzungsänderungen Bedingung für Dietrichs Bewerbung um das Präsidentenamt gewesen. Da in diese eindeutig Passagen aus dem Aktiengesetz verankert gewesen wären, liegt es auf der Hand zu vermuten, dass der Hardliner Dietrich auserkoren wurde, um die Ausgliederung voranzutreiben und, wie von Stuttgart 21 gewohnt, sich von heftigem Gegenwind nicht beirren lassen soll.

Dies jetzt durch die Hintertür zu versuchen ist auch schon wieder so ein Punkt, an dem man sich fragt, wann man den Verantwortlichen überhaupt wieder Vertrauen wird schenken können. Ich bin nicht generell gegen die Ausgliederung, die wird irgendwann kommen müssen, schon allein weil Profivereine als Wirtschaftsunternehmen wohl nicht mehr ewig nach dem Vereinsrecht geführt werden dürfen. Dann geht es um die Art einer Ausgliederung, um die Gesellschaftsform, ob man Anteile veräußert, etc. Für die Ausgliederung, wie sie sich der Verein vorstellt, nämlich, um Geld von außen zu generieren, braucht es den richtigen Zeitpunkt, der sicherlich nicht in der schwärzesten Stunde des Vereins liegt und es braucht Vertrauen in die handelnden Personen. Beides ist derzeit nicht gegeben, so dass man dieses Thema ganz weit hinten anstellen sollte.

Jetzt kommt noch ein ganz wesentlicher Punkt, weshalb ich in Dietrich nicht den bestmöglichen VfB-Präsidenten sehe. Er scheint vom Aufsichtsrat nicht vorgeschlagen worden zu sein, obwohl er als „Spalter“ gilt, sondern weil.

Wie in der Ausgliederungsproblematik soll er dem Anschein nach auch das Fanlager eher entzweien. Äußerungen zum Fanausschuss, dass man die Fans brauche, jedoch nicht alle, lassen tief blicken und sämtliche Alarmglocken schrillen. Einen Martin Kind II brauchen wir hier im Verein nicht, einen der auf die eigenen Fans los geht und sie bis zum geht nicht mehr sanktioniert und drangsaliert. Wir brauchen einen Präsidenten, der auf die verschiedenen Gruppen zugeht und ein guter Moderator, aber auch teamfähig ist. Ob Dietrich dieser Präsident sein kann, daran habe ich große Zweifel.

Dass der Aufsichtsrat lediglich einen Kandidaten zur Wahl zugelassen hat, den man nach dem Motto „Friss oder stirb“ wählen oder auch nicht wählen kann, ist ebenfalls ein schlechtes Signal und zeugt einmal mehr nicht von einer Kultur des sich miteinander Auseinandersetzens.

Wie zu lesen war, konnte es sich der Aufsichtsrat nach Wahlers Rücktritt vorstellen, einen ehrenamtlichen Präsidenten einzusetzen. Jetzt, bei der Begründung weshalb Dietrich der einzige Kandidat war, wurde mitgeteilt, das sei so, weil er der einzige gewesen sei, der den Job kostenlos verrichtet.

Wir bekommen also einmal mehr DIE Billiglösung und nicht die möglicherweise beste Lösung zur Abstimmung. So schränkt man natürlich den Kandidatenkreis ein, die Zeiten eines MV, der den VfB noch weitestgehend „nebenher“ führte, sind mit der zunehmenden Professionalisierung längst vorbei.

Die Fronten auf der Veranstaltung waren also verhärtet, nicht umzustimmende Dietrich-Gegner und die Dauerklatscher in den vorderen Reihen. Da hat es die Vereinsführung offensichtlich geschafft, genügend ihrer Befürworter zu mobilisieren, um die Abstimmungen in ihrem Sinne ausfallen zu lassen.

Wo die alle her kamen, man weiß es nicht! Im Stadion, zumindest in den Bereichen, in denen ich verkehre, habe ich diese Herrschaften noch nie gesehen. Waren es VfB-Mitarbeiter, der VfB-Freundeskreis, die Garde sowieso, Vertreter der anderen Sportarten? Es war jedenfalls augenscheinlich, dass jeder Pups, der auf dem Podium gelassen wurde, von diesen frenetisch beklatscht wurde, während die „Gegner“ oft von diesen noch übertönt wurden.

Es war eine beklemmende Atmosphäre und so fällt es mir im Grunde auch schwer, innerhalb eines Vereins von Befürwortern und von Gegnern zu sprechen. So aber stellte sich die Lage während der gesamten Veranstaltung dar, in den Schmährufen und Verunglimpfungen standen sich beide Seiten in nichts nach.

Ohne jetzt irgendetwas unterstellen zu wollen, fühlte ich mich durch das Wahlverhalten der „Pro-Seite“ an DDR-Verhältnisse zurückerinnert.
Den vorwiegend älteren Damen und Herren aus den ersten Reihen hätte man nur noch Vorstands- und Aufsichtsrats-Fähnchen in die Hand geben müssen, um dieses Bild abzurunden. Wie auf Kommando gab es stets großen Beifall für das, was von der Gegenseite ausgebuht wurde, während man mit Schmähungen dieser Leute bedacht wurde, wenn man einen Redebeitrag oder bspw. die Fragen eines Herrn Prechtl goutierte.

Dieses groteske Szenario wurde dann noch skurriler, als just nach der Präsidentenwahl mehrere hundert dieser Damen und Herren aus den ersten Reihen offensichtlich ihre Schuldigkeit getan hatten und die Halle verließen. Vielleicht mussten sie zur Lindenstraße daheim sein, offensichtlich war, dass sie lediglich für die Präsidentenwahl herbei gerufen waren und sie die Abstimmungen zu den Satzungsänderungen nicht die Bohne mehr interessierten. Dafür hätten freilich 75% der Stimmen zusammenkommen müssen, so dass es bei der Verteilung der Lager klar war, dass auch mit ihren Stimmen nicht mehr als 60% zusammen gekommen wären.

Passend zu diesen, meinen subjektiven Eindrücken, war dann noch, dass sich der SWR darüber beklagte, dass nur wenige Szenen zur Veröffentlichung freigegeben wurden, vornehmlich einen strahlenden Herrn Dietrich nach seiner Wahl und der Rest der Fernsehbilder der Zensur zum Opfer fiel.

Diese ca. 500 Leute genügten, um das Zünglein an der Waage zu spielen, Vorstand und Aufsichtsrat einen angenehmen Tag zu bescheren und schließlich auch noch deren Präsidenten ins Amt zu hieven. Haben die Ultras zu wenige Leute mobilisiert? Mir kam es so vor, dass relativ wenige anwesend waren. Aber auch Otto-Normal-Bruddler, der das ganze Jahr eine große Klappe hat und mit seiner Anwesenheit etwas bewirken hätte können, hat gefehlt.

Als Demokrat akzeptiere ich natürlich den Wahlausgang und die Beschlüsse, auch wenn ich mich damit nicht so überhaupt nicht anfreunden kann. Wolfgang Dietrich wurde mit 57,2% der abgegebenen Stimmen zum neuen VfB-Präsidenten gewählt, was nur knapp 3,5% der Gesamtmitgliederschaft entspricht. Bei solchen Zahlen werden natürlich Rufe nach einem Briefwahlrecht laut, das schon einmal von der Versammlung abgelehnt wurde. Dieses war nun Bestandteil des Satzungsänderungspaketes, über das man nur in seiner Gesamtheit hat abstimmen können und das abgelehnt wurde.

Ich bin gegen ein Briefwahlrecht bei eingetragenen Vereinen, weil bei „normalen“ Versammlungen die Redebeiträge im Zuge der Aussprache oftmals den Ausschlag zugunsten oder gegen eine Entscheidung geben und man als Verein ja auch wenigstens einmal im Jahr zusammenkommen können sollte.

Eher noch könnte ich mir einen Live-Stream für Mitglieder und die Möglichkeit zur Online-Abstimmung vorstellen, wenn diese unter notarieller Aufsicht durchgeführt werden könnte (Stichwort Vertrauen).

Allerdings verlören dann solche Versammlungen viel von ihrem ursprünglichen Charakter. Auch ich würde mich dann lieber mit Laptop und ein paar Freunden in das verrauchte Hinterzimmer der Kneipe meines Vertrauens verziehen, anstatt im Mief der Schleyerhalle noch einmal einer solch traurigen Veranstaltung wie am Sonntag persönlich beizuwohnen.

Aber, um solche wichtigen Beschlüsse zu fassen, muss man über Passagen in der Satzung getrennt abstimmen können und vor allem sollten sich jene Leute wenigstens einmal her bewegen, denen diese Änderungen wichtig sind.

Für mich war der Tag und die Wahl Dietrichs zum neuen VfB-Präsidenten kein guter Tag für den VfB Stuttgart. Beleidigungen, Pfiffe, Diffamierungen und das ständige Unterbrechen von Rednern der Gegenseite sprechen nicht für eine besonders kultivierte Diskussionsfähigkeit. Großen Anteil daran hat auch hier wieder die Vereinsführung, die es tatsächlich „geschafft“ hat, den Verein in zwei Lager zu spalten, wie ich es beim VfB so noch nie erlebt habe.

Mit dem Spalter Dietrich als Präsidenten, der als Vorbild einer Führungspersönlichkeit ausgerechnet das Gesicht des Abstiegs, Christian Gentner, nennt. Da Gentner in der 2. Liga eine ordentliche Saison bisher spielt und ihm zu Bundesligazeiten gerade jene Führungsfähigkeiten abgesprochen wurden, ist anzunehmen, dass Dietrich sich trotz 42-jähriger Mitgliedschaft erst in den letzten Wochen wieder etwas ausgiebiger mit dem VfB beschäftigt hat.

Ich wünsche ihm ein gutes Händchen bei seinen Entscheidungen und hoffe, dass all meine Befürchtungen nicht eintreten.

Ja, der Verein braucht Ruhe, aber nicht so! Wie diese Gräben, die die Vereinsführung ausgehoben hat, schnell wieder zuzuschütten sein sollen, kann ich mir mit den noch frischen Eindrücken der Mitgliederversammlung noch nicht vorstellen. Bevor das eintritt, gewöhnen sich die Herren von Aufsichtsrat und Vorstand wohl noch eher an Banner, auf denen sie namentlich erwähnt werden.

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