24. Dezember 2019

Zurück im Hamsterrad!

Es ließ sich verheißungsvoll an, mit Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand (inzwischen zum CEO der VfB Stuttgart AG ernannt) und Sven Mislintat, dem Diamantenauge, der bislang, analog zu Reschke vornehmlich aus der zweiten Reihe schoss.

Ich erlebte ein Trainingslager in Kitzbühel, in dem die Protagonisten nahbar wie selten und sich für keinen fachmännischen Plausch mit den Fans zu schade waren. Ob Hitzlsperger, Mislintat oder Walter. Alle hatten ein offenes Ohr, ihr Tatendrang den VfB zu einem anderen, als dem der letzten Jahre zu machen, wirkte ansteckend.

Das neu zusammengestellte Team hatte sichtlich Spaß wie lange nicht, Tim Walter war Lehrer, Mentor, Kumpel in einem und wollte jeden Spieler in jedem Training besser machen.

Dass er Badener ist und als Vertrauensperson das Karlsruher Urgestein Rainer Ulrich mitbrachte, war mir, im Gegensatz zu vielen, erst mal scheißegal.

Für mich spielte auch keine Rolle, dass „Hitzlintat“ einen Trainer verpflichteten, der „nur“ von Holstein Kiel kam und davor im Nachwuchsbereich vom Karlsruher SC und von Bayern München arbeitete.

Selbst als er in einem Interview betonte, diese beiden seien „seine“ Vereine, zuckte ich nicht angewidert zusammen, sondern sah es im Profigeschäft als normal an, dass ein Trainer im Laufe seiner Karriere auch düstere Kapitel zu überstehen hat und es grundsätzlich von Charakter zeugt, sich auch gegenüber Ex-Arbeitgebern loyal zu zeigen.

Nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre, stetigem Niedergang, zwei Abstiegen, umrandet von unzähligen ganz unterschiedlichen Übungsleitern an der Linie, legte ich mein Vertrauen in die Hände von „Hitzlintat“ und war überzeugt davon, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, den VfB wieder zu einer sympathischeren und erfolgreicheren Marke zu machen, und den VfB sportlich komplett neu auszurichten.

Nach Jahren der internen Querelen um Wolfgang Dietrich und Michael Reschke, die sich als Prellbock der Krakeeler und die Fans als ahnungslose Vollidioten wahrnahmen, und den Verein brachial führten, hatte man plötzlich das Gefühl, ernst genommen zu werden und zur Politik der kleinen Schritte zurückkehren zu wollen.

Meine Ansprüche waren auf dem Tiefpunkt angekommen, so dass es mir wirklich bereits genügte, ein Team zu sehen, das an einem Strang zieht und ich einer kontinuierlichen Veränderung und später auch Verbesserung alle Zeit der Welt gegeben hätte.

Für mich stand nie im Vordergrund unbedingt mit der Brechstange aufsteigen zu müssen, um sich in der Bundesliga dann daran zu ergötzen, mit 30 Punkten die Klasse zu halten, weil zwei, drei Teams noch schlechter sind. Da ist mir doch mehr an einer nachhaltigen Entwicklung gelegen, die uns auf Sicht konkurrenzfähiger werden lässt.

Da Mislintat schon vor der Saison ankündigte, die Beseitigung der Altlasten im Kader nähme einige Transferperioden in Anspruch und dass der Aufstieg das große Ziel, jedoch kein Muss sei, war ich bis zuletzt tiefenentspannt und davon überzeugt, mit Kadernachjustierungen in der Wintertransferperiode den Dampfer wieder flott zu kriegen, MIT Tim Walter.

Seit gestern haben wir die Gewissheit, dass der Wunsch nach Kontinuität und antizyklischem Handeln ein frommer Wunsch geblieben ist und „Hitzlintat“ bei der ersten steifen Prise umgefallen sind.

Ich finde es sehr schade, habe jedoch immer betont, wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden werden, dass ich den Entschluss mittragen werde. Im Gegensatz zu vielen Krakeelern in den Foren habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, die Verantwortlichen „machen zu lassen“ und nicht zusätzlich für Unruhe sorgen zu wollen, auch wenn mein Blog jetzt nicht die ganz große Reichweite besitzt.

Dennoch bin ich der Auffassung, dass es dem VfB nicht gut tut, wenn jeder Depp meint, es besser zu wissen. Da meinen unzählige sog. Fans mit Kommentaren ohne Punkt und Komma und gespickt mit einer Fülle von Rechtschreibfehlern, einem diplomierten Fußballlehrer die Fußball-Welt erklären zu müssen, für mich Satire in Reinkultur!

Ob sich „Hitzlintat“ von dieser vergifteten Atmosphäre beeindrucken und ein stückweit beeinflussen ließen, ist nicht bekannt.

Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass gute Gründe dafür sprachen, an Tim Walter und seinem Fußballsachverstand zu zweifeln. Sein „Walterball“ funktionierte schon seit dem zweiten Saisonspiel nicht mehr, für defensive Stabilität vermochte er 18 Spiele lang nicht zu sorgen und der Umgang mit einigen Spielern, die er rein warf und wieder fallen ließ, zeugten von wenig psychologischem Geschick, zudem war der Torwartwechsel unnötig und machte in ohnehin schon unruhigen Zeiten ein Fass auf.

Zu all dem kam großes Verletzungspech gleich zu Beginn mit zwei Kreuzbandrissen, sowie der längerfristige Ausfall von Daniel Didavi, der zwar nicht ganz so überraschend kam, uns aber dennoch richtig weh tat, fehlendes Spielglück mit etlichen Aluminiumtreffern und schließlich Pech bei der Auslegung des VAR, der willkürlich nicht eingriff (Aue) oder bei Milimeterentscheidungen zur Stelle war.

Dazu kam Tim Walters Art, zu der er schon zu Beginn kund tat, „Wer mich holt, weiß, was er bekommt“. „Hitzlintat“ verteidigten ihn lange und betonten, dass sie einen Trainer wollten, der selbstbewusst ist und dieses Selbstbewusstsein auf das Team überträgt.

Dass zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz ein schmaler Grat herrscht ist bekannt, so dass ihm seine markigen Sprüche schnell um die Ohren flogen. Bezeichnend, dass er vor dem Spiel gegen Schlusslicht Wehen-Wiesbaden meinte, „uns stellt keiner ein Bein“, worauf just die erste Saisonniederlage folgte. Spötter und Kritiker schlugen ihm dies förmlich um die Ohren und wurden vermehrt persönlich, wenn sie Walter als Grinsebacke und scheiß Badenser verhöhnten.

Mit den Nebengeräuschen müssen die Verantwortlichen im heutigen Socialmedia-Zeitalter zwar leben, auch wenn mich das zunehmend bedenklich stimmt.

Auffällig nach den letzten Spielen in Darmstadt und Hannover war, dass die Alten wie Castro, Badstuber und Gomez offene Kritik an Walter übten und ihm die Jüngeren wie Kempf, Sosa und Stenzel zur Seite sprangen.

Gerade den Alten aber würde ich an „Hitzlintats“ Stelle nicht allzu viel Bedeutung beimessen, wären doch wohl alle nicht mehr da, hätten ihre Verträge im Sommer keine Gültigkeit mehr besessen und dürfen doch gerade sie sich angesprochen fühlen, wenn von Altlasten die Rede ist.

Dass ihnen das laufintensive Spiel unter Walter nicht behagt hat und sie sich auf ihre alten Tage eine gemächlichere Gangart gewünscht hätten, läge in der Natur der Sache.

So stehen wir nun also vor dem nächsten Neuanfang. Hitzlspergers Schonzeit ist spätestens seit gestern vorbei. Ab jetzt reicht es nicht mehr, einfach nur sympathisch zu sein, nun muss auch er liefern. Mit dem gestrigen Tag liest sich auch seine Bilanz nach nicht einmal einem Jahr verheerend.

Auch wenn es Wolfgang Dietrich war, der Anfang Februar lieber Reschke als Weinzierl entließ und Hitzlsperger auf den Weg gab, an Weinzierl so lang wie nur möglich festzuhalten, lag es in Hitzlspergers Verantwortung einzuordnen, ob mit Weinzierl der Klassenerhalt geschafft werden kann.

Nach all dem, was man so hörte, wäre dessen Entlassung schon in der Winterpause überfällig gewesen, spätestens aber nach dem desolaten 0:3 in Düsseldorf. Dann aber wurde Hitzlsperger zum Sportvorstand ernannt und wollte es vermeiden, sich sofort den Ruf des Trainer-Killers zu erwerben, ein Zaudern, das uns schließlich die Klasse kostete.

Nach der Runderneuerung des Kaders im Sommer mit einem unverbrauchten, spannenden Trainer, muss der nächste Schuss jetzt sitzen.

Dass Hitzlsperger zunehmend angeschlagen ist, offenbaren nicht nur die Fotos, auf denen vom Sonnyboy früherer Tage nicht mehr viel übrig geblieben ist, sondern auch die Kleinkriege, mit denen er sich auf Twitter verzettelt.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn sich der CEO mit der Fanschar abgibt und dem einen oder anderen Gerücht schnell den Wind aus den Segeln nimmt. Wenn aber Meldungen dementiert werden, die sich ein, zwei Tage später als wahr herausstellen, trägt das nicht unbedingt zur weiteren Vertrauensbildung bei.

Wenn wir schon bei Pressemeldungen sind, ein kurzes Wort zum Kommentar der BLÖD-Zeitung, der mir über Whatsapp zugespielt wurde.

Sonst würde ich von dem Verlag wenig bis nichts mitbekommen, da ich in den sozialen Medien Sämtliches davon blockiert habe. Die BLÖD kritisiert zum einen den Zeitpunkt der Entlassung und zum anderen, dass die Wochen davor kein Treueschwur von Hitz & Co. in Richtung Tim Walter kam.

Den Zeitpunkt, so kurz vor Weihnachten, hat man wohl der DFL zuzuschreiben, die drei Tage vor Weihnachten noch kicken lässt. Hätte man mit der Entscheidung oder deren Verkündung bis kurz vor Trainingsbeginn gewartet, wäre dies als Fahrlässigkeit und Verlust wertvoller Zeit ausgelegt worden, außerdem fällt ein Profifußball-Trainer vergleichsweise weich!

Zum Thema Treueschwüre fällt einem doch genau das vor die Füße und wird einem als Lüge (oder im Reschke-Sprech Wahrheitsbeugung) ausgelegt, wenn man sich zum Trainer bekennt und ihm Tage oder Wochen danach den Arschtritt gibt.

Weshalb ich Tim Walter unbedingt gerne weiter als VfB-Trainer gesehen hätte, liegt hauptsächlich im Wunsch nach Kontinuität begründet. Dies auch nicht ausschließlich der Kontinuität wegen, sondern, weil sich beim VfB nach einem Trainerwechsel mitten in der Saison selten etwas nachhaltig verbessert hat. Die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und besser mal den einen oder anderen Spieler als den Trainer auszutauschen, wurde leichtfertig vergeben. Als Folge davon dreht sich das Hamsterrad wieder und die Frage ist lediglich, wer wann als Nächstes aus diesem herausgeschleudert wird.

Ich hoffe, dass uns in den nächsten Tagen noch schlüssige Argumente, die für die Entlassung Walters sprachen, dargelegt werden. Die Statements gestern waren doch recht dünn und rechtfertigen für mich diesen Schritt noch nicht. War Walter wirklich so stur und beratungsresistent, sich nicht helfen lassen zu wollen, oder lagen Hitzlintat bei dessen Auswahl schon so daneben, dass das Verhältnis nicht mehr zu kitten war?

Nun bin ich gespannt, wen wir im Januar im Trainingslager in Marbella auf dem Trainingsplatz erleben werden. Ich hoffe nicht, dass man Nico Willig ein zweites Mal der U19 entzieht.

Er hat kürzlich erst bis 2024 als Jugendtrainer verlängert und ich hoffe, dass das auch als Zeichen verstanden werden soll, dass er Jugend- und nicht Profitrainer ist und das auch bleiben möchte. Ich halte viel von ihm, sehe ihn aber besser im Unterbau aufgehoben, weil dieses Aufgabenfeld nicht minder wichtig und auch hier Kontinuität gefragt ist.

Dass an den Konzepttrainern Markus Anfang und Sandro Schwarz etwas dran sein könnte, hat Hitzlsperger auf Twitter bereits ins Reich der Fabel verwiesen, so dass man gespannt sein darf, welchen Trainertyp „Hitzlintat“ präsentieren werden.

Wir hatten sie doch schon alle in den letzten zehn Jahren: den autoritären Gross, das Greenhorn Keller, den akribischen Bruno, Kumpel Thomas Schneider, Retter Huub, den smarten Armin, den von sich überzeugten Zorniger, den farblosen Kramny, den „Aufstiegsgaranten“ Luhukay, Laptop-Trainer Wolf, den in Sichtweite zum Stadion wohnenden Korkut, den schwierigen Weinzierl bis hin zu Tim Walter, der durchaus einige dieser Eigenschaften in sich vereinte.

Keiner machte es der Meute recht, immer gab es etwas auszusetzen, stets entwickelten die Spieler ein Gefühl, wann sie sich eines nicht genehmen Übungsleiters entledigen konnten.

Letzten Endes sind es die Spieler, die über Wohl und Wehe eines Trainers entscheiden. Tun sie einfach ihren Job, ordnen dem Beruf alles unter, bringen sich bestmöglich ins Gefüge ein, stellen ihr eigenes Ego hintenan und hinterfragen sich Woche für Woche aufs Neue, hätten wir wohl weitaus weniger Probleme.

Nachdem Hitzlintat einmal mehr der Unzufriedenheit von Teilen der Mannschaft nachgaben, anstatt dem Trainer den Rücken zu stärken und Quertreiber auszusortieren, ist das System, für das der Neue stehen soll, zunächst einmal irrelevant. Nun ist ein Trainer gefragt, der den Kader moderieren und die Spieler auf ihren stärksten Positionen einsetzen kann. Das kann durchaus einer der alten Schule sein, womit man den erst im Sommer eingeschlagenen Weg jedoch abrupt verlassen würde.

Der Traum einer Eintrainer-Saison ist ausgeträumt, jetzt ist es mir fast egal, wen sie präsentieren. Fakt ist lediglich, dass Walter offenbar entlassen wurde, weil man den direkten Wiederaufstieg in Gefahr sah, was im Umkehrschluss bedeutet, gelingt dieser auch mit dem neuen Trainer nicht, dass Hitzlsperger, oder zumindest Mislintat, krachend gescheitert wären, was ich bedauern würde, denn, auch ihm hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt, als zum schnellen Erfolg verdammt zu sein.

Beim Betrachten der Liste der arbeitslosen Fußball-Trainer wird es mir eher schlecht, als dass mir DER Mann ins Auge springen würde. Dardai, Herthaner durch und durch wurde wegen seiner Nähe zu Rainer Widmayer auf Twitter ins Gespräch gebracht. Ihn im roten Trainingskittel zu sehen, würde in mir wohl ähnliche Gefühle auslösen wie seinerzeit Winfried Schäfer.

Am ehesten könnte ich von der Liste wohl noch mit Bruno Labbadia leben, der relativ lang beim VfB gearbeitet hat, nur eben etwa ein Jahr zu spät entlassen wurde.

Labbadia war damals zur Weihnachtsfeier beim RWS Berkheim zu Gast und bestach durch seine ehrliche, authentische Art. Außerdem war er es, der es einführte, dass zu Fanfesten bei Trainingslagern die komplette Mannschaft inklusive Trainerstab zu erscheinen hat, vorher „musste“ nur eine Abordnung hin, meist Neuzugänge, angeführt von Spaßvogel Magnin.

Die Spieler dürften zwar beim Namen Labbadia zusammenzucken, hat er doch den Ruf des Casanova, der von Spielerfrauen nicht lassen kann, doch, Shit happens, das haben die Jungs dann eben davon.

Apropos Magnin, dessen Verpflichtung hätte für mich einen gewissen Charme, allerdings steht er aktuell noch beim FC Zürich unter Vertrag. Wie einst als Spieler wandelt er auch als Trainer zwischen Genie und Wahnsinn und würde im Gegensatz zum Mario, das Angebot des Besuchs des Kölner Kellers bestimmt dankend annehmen, um die Pfeifen dort anständig zu vermöbeln.

Stallgeruch ist beim VfB zunächst einmal ja negativ belegt. Wenn man aber sieht, wer hier schon alles an der Erwartungshaltung und dem Umfeld gescheitert ist, ist es bestimmt nicht das Schlechteste, wenn man jemanden bekäme, der weiß, auf was er sich einlässt und nicht jegliche Kritik an ihm überbewertet. Im Schwäbischen wird halt gebruddelt, der Schwabe weiß nun mal alles besser, was für Nichtschwaben oft nur schwer einsehbar ist.

Wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden, es geht um ihre eigene Glaubwürdigkeit. Ist das Anforderungsprofil an einen Trainer dasselbe geblieben wie vor Walter, helfen nur Ergebnisse. Die Erwartungshaltung von außen wird nicht geringer, die Ungeduld ist ein ständiger Begleiter. Diese Lehre habe auch ich gezogen. Zehn Jahre Abwärtstrend sollten am besten nach einer einzigen Sommervorbereitung aus den Ärmeln geschüttelt sein.

Neuer Sportvorstand, neuer Trainer, neues Team, egal, es gibt keine Zeit zur Eingewöhnung und erst recht nicht zur Feinjustierung, wenn man einer Fehleinschätzung unterlegen ist.

Es muss funktionieren, sofort! Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man sich auf Platz 3 und in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen befindet.

Der teuerste Kader der Liga muss gefälligst liefern, allen Widrigkeiten und Gegnern, die etwas dagegen haben, zum Trotz. Herrgottsack, der nächste Bitte!

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30. November 2019

Rächer in Polizeimontur

Da es beim bislang letzten Derby zwischen dem VfB und dem Karlsruher SC im Neckarstadion 2017 zu unschönen Szenen und beinahe einem Spielabbruch kam, war da die oberste Maxime der Einsatzkräfte am Sonntag, dass es im Stadion ruhig bleiben sollte.

Daran ist zunächst ja auch nichts auszusetzen. Wie sich die Derbys in den letzten Jahren hochgeschaukelt haben, wie sich die Ultras beharken, wo die Hemmschwelle immer mehr sinkt, wären eines Tages möglicherweise sogar Tote zu beklagen, wenn man dem nicht Einhalt geböte und für unbedarfte Stadiongänger nicht für die notwendige Sicherheit sorgen würde. Daher begrüßte ich zunächst das Konzept der totalen Fantrennung. Keine „Blauen“ in Bad Cannstatt, keine im Stadion außerhalb des Gästebereichs, alles in Ordnung soweit. Das alles geht unter präventiver Deeskalation durch und ist mittlerweile bei Hochrisikospielen nötig und Usus.

Dass Deeskalation von der Einsatzleiterschaft am Sonntag eher kleingeschrieben wurde, stellte sich jedoch sehr schnell heraus. Es sollte offensichtlich nicht „nur“ dieses Mal im Stadion ruhig bleiben, nein, es roch alles schwer nach Rache für zwanzig verletzte Polizeibeamte beim letzten Derby, wobei „Verletzungen“ der Polizeibeamte mit anschließender Krankschreibung oft dem eigens versprühten Pfefferspray zuzuschreiben und damit zu relativieren sind.

Für derartige Rachegedanken war es nach Ansicht der Einsatzleitung nur recht und billig eine gesamte Fanszene kollektiv in Sippenhaft zu nehmen, anstatt einfach den Job zu machen, nämlich, für Recht und Ordnung zu sorgen und Störenfriede aus der Gruppe heraus zu separieren.

Das ist dann der Punkt, an dem man sich als VfB-Fan anfängt, mit den sonst so verhassten KSC-Fans zu solidarisieren und Mitgefühlt zu entwickeln. Als Viel- und Allesfahrer hat man Situationen reiner Polizeiwillkür schon zuhauf erlebt und kann es auch nach über 40 Jahren Fansein nicht akzeptieren, rund um ein Fußballspiel seine im Grundgesetz festgeschriebenen Grund- und Menschenrechte abzugeben. Das ist nämlich an Spieltagen fast schon „normal“, dass man in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt ist und, wenn es dumm läuft, in einem Polizeikessel landet, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Verschiedene Organe, wie die Fanbetreuungen beider Vereine, Sicherheitsdienste, Polizei, etc. zermarterten sich seit August (!) in unzähligen Sitzungen den Kopf, opferten Zeit und Energie, und das nur dafür, uns Fans ein sicheres Fußballfest zu ermöglichen, bei dem kein Fan Angst haben muss, ins Stadion zu gehen. Dort wurden Strategien besprochen, eben jene der Fantrennung und wie die Anreise der Gästefans ohne Komplikationen zu erfolgen hat.

Normalos, Familien, Allesfahrer, etc. sollten auf dem Parkplatz P7 nahe des Gästeblocks parken bzw. Zugreisende am Bahnhof Untertürkheim in Empfang genommen werden, während die zwölf Ultras-Busse direkt zum Gästeeingang fahren und dort kontrolliert werden sollten.

Ein dubioser Fund am Vortag im Gästeblock, zunächst war von „pyroähnlichen Gegenständen“ die Rede, führte offensichtlich zu einer Abkehr der ausgeklügelten Strategie. Dabei wurden weder die Fanbetreuungen noch szenekundige Beamte aus Karlsruhe, die ihre Pappenheimer wohl am besten kennen, zurate gezogen und dabei die Vorbesprechungen allesamt ad absurdum geführt, womit das aufgebaute Vertrauen fürs erste wohl einen Totalschaden erlitt.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem Fund um rotes Rauchpulver, welches den Karlsruher Capo durch Fernsteuerung in roten Rauch hüllen sollte. Somit ist es also äußerst unwahrscheinlich, dass dieses von Karlsruher Ultras dort deponiert wurde, was die Einsatzleitung aber nicht daran hinderte, die KSCler dafür zu sanktionieren.

Ich würde diesen Fund auch eher als Jugendstreich abtun, wer wäre sonst so naiv daran zu glauben, dass das Pulver vor einem Hochrisikospiel nicht entdeckt werden würde. Gerade vor solchen Spielen inspiziert Sicherheitspersonal mit Sprengstoffspürhunden an der Leine die relevanten Bereiche, um am Spieltag keine bösen Überraschungen zu erleben.

So vermute ich dahinter, sofern der Fund überhaupt stimmt, dass dies ein willkommener Vorwand für die Polizei war, das „Problemklientel“ (und dabei meine ich außer den Ultras auch Fans wie Du und ich!) an einem Ort zu sammeln, um ihnen Herr zu werden. Ferner wurde vorgeschoben, in den Ultras-Bussen werde pyrotechnisches Material und Vermummungsgegenstände vermutet.

Dass die Ultras jedoch am Gästeblock viel wirkungsvoller kontrolliert hätten werden können, als mitten in einem 1.500 mannstarken Mob, dürfte wohl jedem klar gewesen sein, außer der völlig überforderten Einsatzleitung.

So setzte sich der Tross in Untertürkheim nach ca. einer Stunde und Diskussionen, ob die Busse nicht doch zum Gästeblock weiter fahren dürften, in Bewegung. Augenzeugenberichten zufolge erfolgten Informationen der Polizei nur spärlich, so dass die meisten überhaupt nicht wussten, woran sie waren und was die Polizei überhaupt mit ihnen vor hatte.

Nach einem, so die Polizei, massiven Einsatz von Pyrotechnik, wurden, schon nahe der Benzstraße, etwa 600 Leute willkürlich eingekesselt. Da Ultras und Normalos durch die Vermischung am Untertürkheimer Bahnhof schon nicht mehr zu unterscheiden waren, traf es dort jeden, der die Situation nicht schnell genug erfasste.

Die Leute wussten zunächst nicht, wie Ihnen geschah, denn, Informationen von der Einsatzleitung flossen weiterhin spärlich, während die Befehlsempfänger in Robocop-Montur ohnehin ahnungslos waren. Eine gute Viertelstunde zog sich wohl die Unwissenheit hin, ehe von den knapp 600 Eingekesselten jeweils zwei Leute zur erkennungsdienstlichen Behandlung von der BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) abgeführt wurden, so dass sich das Prozedere über Stunden hinzog.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem massiven Einsatz von Pyrotechnik um gerade einmal zwei (!) Böller, die Auslöser des Ganzen gewesen sein sollen, wobei man sich natürlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen muss. Zur besseren Einordnung der Vorkommnisse sei Euch außer dem Online-Auftritt der Fanhilfe Karlsruhe dieser offene Brief mit verlinkten Augenzeugenberichten ans Herz gelegt https://www.facebook.com/simon.treal.9/posts/3145697808780960.

Laut der Karlsruher Fanhilfe soll es sich in dem Kessel, anders als von der Polizei zunächst behauptet, um Leute jeglicher Couleur gehandelt haben, selbst welche, die überhaupt nicht zum Spiel wollten, seien im Kessel gelandet. Laut der Polizei brachte diese Maßnahme, für die der Steuerzahler wohl tief in die Kasse greifen muss, gerade einmal Vermummungsgegenstände (wobei es sich dabei um einen normalen Fanschal handeln kann), ein Messer, einen Böller und einen Mundschutz zutage. Zudem sein ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt worden. Gratulation!

Für all das beraubte man knapp 600 Leute über Stunden ihrer Freiheit, behandelte sie wie Schwerverbrecher und sprach schließlich Platzverweise wegen nichts aus. Den Leuten wurde über Stunden sowohl der Toilettengang verwehrt, als auch, sich verpflegen zu können. Auf Bitten von jungen Frauen, eine Toilette aufsuchen zu dürfen, wurde lapidar geantwortet, sie sollten doch an den Straßenrand pieseln, was bei einer wohl dazu führte, sich einnässen zu müssen. Dass die Polizei Dixi-Klos und Getränke zur Verfügung stellte und vor allem wann und wie viel, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen.

So also zeichnete sich früh ab, dass die Staatsmacht uns unseres ohnehin nur noch selten stattfindenden Derbys beraubt hat. Ohne einen dagegen ansingenden Gästeblock machen Schmähgesänge nun mal keinen Spaß.

Der Dilettantismus der Polizei setzte sich über den ganzen Spieltag hinweg fort. Der in allen Faninfos als Gästeparkplatz ausgewiesene P7 war sinnigerweise durch einen Wasserwerfer und einen Räumpanzer (!) blockiert, so dass Karlsruher auf den Wasenparkplatz ausweichen mussten.
Es lebe die Fantrennung.

User Eumelachtzig schreibt auf Twitter „Die Zufahrt zum ausgewiesenen Parkhaus war gesperrt. Wir mussten bei den VfB Fans auf dem Wasen parken. Als ich fragte, ob das sein muss, durch alle VfB Fans zum Auto laufen zu müssen, sagte der Polizist: “Wenn wir gewinnen, ist es eh egal.“

Anscheinend kam es durch diesen Fauxpas der Polizei, oh Wunder, zu einigen Scharmützeln auf dem Weg zum Wasenparkplatz. Das jedoch schien der Polizei egal gewesen zu sein, Hauptsache IM Stadion blieb es ruhig. Die Polizei rühmte sich ja bereits im Vorfeld mit weitaus weniger Polizisten auskommen zu wollen als 2017, wenn man das alles verfolgt, ist man geneigt zu sagen, es würden noch weniger genügen, nur fähig müssten sie eben sein!

Auch der Abmarsch der Karlsruher soll chaotisch verlaufen sein. Im Lautsprecherwagen der Polizei saß offensichtlich eine Polizistin, die rechts und links verwechselte und damit für Chaos sorgte, weil die Karlsruher nicht wussten in welche Richtung sie zu ihren Bussen laufen sollen. Als diese dann überfragt und der Polizei wohl zu zögerlich waren, kam die Anweisung, die Karlsruher sollten sich einfach in einen Bus begeben, ob sie mit diesem hergefahren sind, oder nicht.

Als das verständlicherweise zu Unmut führte, kamen nahe des Gästeausgangs noch Knüppel und Pfefferspray zum Einsatz, so dass sich die Rächer in Uniform endlich austoben durften.

Dass wir uns nicht falsch verstehen. Ich leugne gar nicht, dass unter den Karlsruhern nicht nur Unschuldslämmer waren und es an der einen oder anderen Stelle bestimmt auch die Richtigen getroffen hat. Sollte es Böllerwürfe auf Beamten gegeben haben oder sie mit Baustellenmaterial angegangen worden sein, verurteile ich das. Doch frage ich mich, wofür ist die Polizei mit hochauflösenden Kameras unterwegs, filmt jeden Furz, den einer lässt, und ist nicht in der Lage, die paar wenigen Übeltäter herauszuziehen und friedlichen, sich heraushaltenden Fans, das Fußball-Erlebnis zu ermöglichen. Das hat mit Gerechtigkeit in einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun, zumal die Vorgänge, selbst stimmten die Behauptungen der Polizei, in keinem Verhältnis zu den durchgeführten Maßnahmen stehen.

In Stuttgart macht es leider schon seit einiger Zeit Schule, Fanszenen auszusperren, man frage nur in Freiburg, Frankfurt oder München nach, die bereits mit ähnlich rabiatem Vorgehen der Stuttgarter Vollstreckungsbeamten Bekanntschaft machten.

Obwohl ich im Stadion noch nichts darüber wusste, weshalb der Gästeblock so leer war und sich eher mehr leerte als füllte, war mir nach Derbysiegerfreude zu keinem Zeitpunkt zumute.

Anstatt Derbysieger-Fotos postete ich in dieser Woche lediglich zwei vom Spiel, mit Bannern, die in der Cannstatter Kurve hochgehalten wurden: „Bullenschweine“ und „gegen Kollektivstrafen“ stand darauf.

Einzig die wunderbare Choreographie vor dem Spiel unter dem Motto „Sein oder Nicht(s) sein“ wird mir von diesem Tag positiv in Erinnerung bleiben. Der Sieg fühlt nicht anders an als gegen Greuther Fürth, was eigentlich alles aussagt. Ich freue mich über die drei Punkte und darüber, dass Tim Walter zumindest für eine Woche etwas Ruhe hatte, über mehr aber auch nicht.

Es ist bedenklich, wohin die Reise rund um die Kriminalisierung von Fußball-Fans noch hingehen soll. Nächste Woche findet die Innenminister-Konferenz statt, in der unter anderem eine härtere Bestrafung des Abbrennens von Pyrotechnik, eine Reformierung des Landfriedensbruchs sowie den Entzug der Fahrerlaubnis bei Vergehen im Zusammenhang mit Fußballspielen beschlossen werden soll.

Befasst man sich dann noch mit der geplanten Verschärfung der Polizeigesetze, nach der die Behandlung von Gästefans wie am Sonntag nicht das Ende der Fahnenstange ist, sondern mittels derer man schon und ohne nähere Begründung Anreiseverbote für Fans aussprechen kann, weiß man wohin die Reise noch gehen soll und vermutlich auch gehen wird.

Von Vorbeugehaft und Hausarresten ist die Rede, der Weg geht wohl dorthin, wie in einigen europäischen Ländern bereits Standard, dass Fußballspiele, zumindest jene mit dem Prädikat Hochrisikospiel, ohne Gästefans stattfinden sollen. Ich habe dafür keinerlei Verständnis.

Früher sorgte die Polizei für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit, und ihr Kernbetätigungsfeld lag in der Ermittlungsarbeit. Heutzutage wird nicht mehr gegen Straf- und Gewalttäter ermittelt, sondern kollektiv gegen große Gruppen vorgegangen, denn, es zählt ja schon, dass überhaupt eine Gefahr von diesen ausgehen könnte. In diesem Zusammenhang sei auch unser Stadtderby erwähnt, welches auf Geheiß der Polizei seit Jahren parallel zu den Profis stattfindet. Auch das nur deshalb, weil man sich zu fein ist, Störenfriede einfach herauszuziehen und so lieber tausende Fußball-Fans gängelt und, ganz nebenbei, den Kickers ein Heimspiel mehr beschert.

Ich hoffe, zu diesen Vorkommnissen erfolgt ein richtiges Nachspiel. Von der Fanhilfe Karlsruhe wird eine Klage vorbereitet, Betroffene sind dazu aufgerufen, Anzeige zu erstatten, was sich offensichtlich als gar nicht so einfach herausstellt. Getreu dem Motto “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” sollen sich Polizeireviere bereits geweigert haben, entsprechende Anzeigen aufzunehmen. Das alles darf nicht im Sande verlaufen, es müssen bei dieser Einsatzleitung Köpfe rollen, schon allein, um verloren gegangenes Vertrauen neu aufzubauen.

Wenn rund um Fußballspiele, bei denen mit Betrachtung der Gesamtzuschauerzahlen es verschwindend wenig Verletzte gibt, ganze Fanszenen eingekesselt und ausgesperrt werden, frage ich mich, wo die Verhältnismäßigkeit bei Volks- und Oktoberfesten bleibt, wo es nachweislich mehr Verletzte gibt als in einer gesamten Fußball-Saison.

Ich möchte es einmal erleben und somit einen zarten Hauch von Gleichbehandlung spüren, dass ein Festzelt wegen einer Schlägerei von einigen wenigen Unverbesserlichen geleert oder zumindest für Folgeveranstaltungen ein Alkoholverbot ausgesprochen wird.

Doch, das werden wir wohl nie erleben, saufen sich die zuständigen Politiker doch dort auch die Hucke voll und lassen sich bei Fußballspielen, wenn überhaupt, nur in der VIP-Loge blicken.

Armes Fußball-Deutschland!

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15. November 2019

Ruhe, Vertrauen, Geduld!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 12:05

Der eine oder andere wird sich möglicherweise schon gefragt haben, weshalb es so still um mich und meinen Blog geworden ist.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen kosten Allesfahren und gelegentliches Hoppen (am Rande von Osnabrück bspw. noch Viktoria Köln und SC Herford) viel Zeit, so dass ich oft noch unterwegs bin, wenn die ersten Blogs mit Spielanalysen bereits online sind. Sonntag- und Montagspiele tun ihr übriges!

Dennoch habe ich es auch sonst stets geschafft, mich auf dieser Plattform auszukotzen, wenn mir danach zumute war und wenn sich Dinge aufstauten, die raus mussten, um sich kein Magengeschwür einzufangen. Zu Zeiten von Reschke und Dietrich wäre ich auch nachts aufgestanden, so aufgebracht war ich über deren Wirken.

Momentan aber bin ich die Ruhe selbst und daran ändern auch die Negativergebnisse der letzten Wochen nichts. Ich nehme mich bewusst zurück, weil es mir zu billig ist, auf Dinge einzuschlagen, die ohnehin jeder sieht. Kein VfB-Fan kann mit der Entwicklung und den Ergebnissen zuletzt zufrieden sein, ich bin es ja auch nicht.

Jedoch habe ich nach wie vor großes Vertrauen in Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat, und sehe die vergiftete Stimmung, die sich bereits wieder breit macht, als sehr gefährlich für unsere weitere Entwicklung an.

Die „Neuen Medien“, Facebook, Twitter & Co entfalten durch emotionale Wutausbrüche und Besserwisserei eine Wucht, der sich keiner, auch nicht die Protagonisten, die es für uns richten sollen, entziehen kann. Ich bin mir zwar dessen bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt und ein Verein wie der VfB mit Social Media leben muss, dennoch könnte sich so mancher hinterfragen, ob man wirklich jede Diskussion anzetteln oder sich an ihr beteiligen muss.

Ich vergleiche die Socialmedia-Welt und die darin enthaltenen Schimpftiraden gerne mit früher, als es in jeder Kneipe den einen Gast gab, der Wirt oder andere Gäste volllabern musste, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Man hörte weg, sagte “ja, ja” und irgendwann hatte man ihn auch schon wieder los. Das störte niemanden groß und war vor allem das Los, wenn man alleine die Kneipe betrat und eigentlich nur in Ruhe sein Feierabendbierchen trinken wollte. Heutzutage setzen diese Leute ihren geistigen Dünnschiss ins Netz und die Leute stürzen sich darauf. Auch dies eine Wendung nicht unbedingt zum Besseren im Vergleich zu früher!

Ich habe große Befürchtungen, dass ein sympathischer Mensch wie Sven Mislintat, ausgewiesener Scouting-Fachmann, eines Tages hinschmeißen könnte, wenn man seine Transfers und Ideen ins Lächerliche zieht und bereits anfängt, ihm aus einer Emotion heraus getätigte Aussagen im Mund herumzudrehen. Mislintat steht erstmals in der ersten Reihe und wird dazu lernen, was er wann sagen sollte, benötigt jedoch Vertrauen in seine Arbeit.

Thomas Hitzlsperger, binnen eines dreiviertes Jahres vom Chef des Nachwuchsleistungszentrums zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen, ist ein Teamplayer und schart Fachleuchte um sich, um den VfB in richtige Bahnen zu lenken. Er ist bei den Fans beliebt, empathisch und sich nicht dafür zu schade, mit Fans über Twitter in Kontakt zu treten und so manchem Gerücht umgehend den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nach Wolfgang Dietrich tut Hitzlsperger dem VfB so unheimlich gut! Als Nachfolger Dietrichs bewerben sich zwei Kandidaten, die wählbar erscheinen und sich auf die Fahnen geschrieben haben, Fans und Mitglieder einen zu wollen, was nach der Ära Dietrich dringend notwendig ist.

Ob Claus Vogt oder Christian Riethmüller, beide scheinen VfBler mit Leib und Seele zu sein und ein neues Wir-Gefühl schaffen zu wollen.

Seit Bernd Wahler halte ich meinen Überschwang zwar zunächst im Zaum, wenn ein Fan VfB-Präsident werden möchten, aber, der neue Präsident wird ja nur für rund neun Monate gewählt, so dass dies einer Probezeit gleicht und man später entscheiden kann, ob man diesen Präsidenten für vier weitere Jahre im Amt haben möchte. In den nächsten Wochen werde ich mir auf der einen oder anderen Veranstaltung selbst ein Bild machen, wem von den beiden Kandidaten ich am 15.12. meine Stimme geben werde.

Vertraut man Thomas Hitzlsperger, so sollte man meiner Meinung nach auch den Personen vertrauen, die Hitzlsperger um sich schart, um den VfB nach vorne zu bringen. Und das genau so lang, bis Hitzlsperger die Zeit gekommen sieht, an der einen oder anderen Stellschraube zu drehen und Personen auszutauschen.

So kann ich mit der aufkeimenden Kritik, die in sozialen Netzwerken schnell in Hass umschlägt, an unserem Trainer Tim Walter nichts anfangen.

Ihm wird vorgeworfen, dass er Badener ist, ihm wird vorgeworfen, dass „seine Vereine“ der KSC und die Münchner Bayern sind und ihm wird vorgeworfen, dass er noch nichts erreicht habe.

Diese Vorwürfe las man schon rund um seine Verpflichtung und es sind Tatsachen, die er nicht ändern kann. Zudem wird ihm Großmäuligkeit unterstellt, weil er ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag legt.
Dabei betonen Hitzlsperger und Mislintat doch gerade, dass sie genau einen solch selbstbewussten Trainer haben wollten, der sein Selbstbewusstsein auf die Mannschaft überträgt. Mir ist ein solcher Trainertyp lieber als ein kleinlauter Trainer, der nur von sich gibt, was Medien und der nächste Gegner gerne hören möchten. Dass ihm solche Aussagen bei Misserfolg um die Ohren fliegen, muss er aushalten und hält er ja auch aus.

Zum gesunden Selbstbewusstsein eines Trainers gehört, dass er von sich und seiner Philosophie überzeugt ist und diese versucht seiner Mannschaft einzuimpfen. Guardiolas Ballbesitzfußball wurde zu besten Barca- und Bayern-Zeiten allenfalls von seinen Gegnern kritisiert, die ständig am Hinterherrennen waren. Per se also bestimmt nicht der schlechteste Ansatz und erfolgversprechend, wenn man die richtigen Spieler dafür hat.

Daran krankt es meiner Meinung derzeit noch, dass Walter für seinen Fußball die richtigen Spieler (noch) nicht hat.

Die Langzeitverletzten Kaminski und Kalajdzic, die feste Größen hätten sein sollen, fehlen ebenso wie Borna Sosa und Daniel Didavi, seit deren Ausfällen gegen Wehen-Wiesbaden zunehmend der Wurm drin ist. Philipp Klement, Top-Scorer der letzten Zweitligasaison ist noch nicht richtig angekommen und enttäuschte bislang auf ganzer Linie. Zu den überspielt wirkenden Kempf und Stenzel gibt der Kader keine Alternativen her und Altstar Mario Gomez ist nur noch eine einzige Enttäuschung.

So haben (zu) viele ihr eigenes Päckchen zu tragen, anstatt die vielen Youngster zu führen und ihnen Halt zu gewähren. An diesem Druck scheinen einige derzeit förmlich zu zerbrechen, so dass mir kein einziger einfällt, dessen Formkurve aktuell nach oben zeigt und der konstant gute Leistungen zeigt.

An dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank an Herrn Reschke, der die Amateure systematisch herunterwirtschaftete, womit dem einen oder anderen jungen Spieler die Möglichkeit genommen wird, sich über die Zweite Selbstvertrauen zu holen und für den Männerfußball zu stählen. Dafür ist die Oberliga, wenn überhaupt, nur bedingt geeignet.

Walter wird unter anderem vorgeworfen, er setze Spieler auf falschen Positionen ein. Dabei sehe ich dies als positive Eigenschaft eines Trainers an, der für jeden guten Spieler (momentan wohl eher auf die Trainingsleistungen bezogen) eine Position findet, auch wenn die angestammte anderweitig besetzt ist.

Es läuft gerade eben hinten und vorne nicht, so dass von seinen Kritikern scheinbar jeder Pups, den Walter lässt, kritisiert wird. Es erweckt den Anschein, dass viele aus den genannten Gründen von Anfang an nur auf ein Scheitern Walters hofften, anstatt einfach Hitzlsperger und Mislintat zu vertrauen, dass sie handeln werden, wenn SIE die Zeit als gekommen ansehen.

Man kann natürlich herumkrakeelen und alles am System Tim Walter fest machen, was meiner Ansicht nach jedoch den eigentlichen Problemen nicht gerecht wird. Bedenklich wäre es, wenn wir keine Torchancen hätten, dem ist aber doch nicht so. Es mangelt hauptsächlich an der Chancenverwertung. Um diese zu verbessern benötigen die Jungs Selbstvertrauen, aber auch Vertrauen von außen. Was nutzt es, wenn es im eigenen Stadion bereits nach zwanzig Minuten Pfiffe hagelt, weil einer das Tor nicht trifft oder weil man Torhüter Kobel ins Aufbauspiel mit einbindet.

Im Laufe dieser Woche habe ich mir die erste Halbzeit in Osnabrück noch einmal angesehen und wüsste nicht, wo ich Tim Walter konkret einen Vorwurf machen müsste. Das ärgerlichste an dem Spiel war die Passivität vor dem Gegentor und dass jegliche eigene Angriffe durch stümperhafte Ballverluste beendet waren, bevor es überhaupt gefährlich werden konnte.

Die Misere derzeit mache ich außer am Verletzungspech hauptsächlich an der Einstellung manchen Spielers fest, der noch immer nicht verinnerlicht hat, dass man auch als VfB Stuttgart nicht so einfach durch die 2. Liga marschiert und alles in Grund und Boden spielt. Fast jedes Spiel hat Pokal-Charakter, in dem der Underdog dem großen Favoriten ein Bein stellen möchte, also bitteschön, sollte auch von der ersten Minute an erkennbar sein, dass der Favorit den Widrigkeiten trotzen und über den Kampf ins Spiel finden möchte. Beim einen oder anderen darf hier gerne die Mentalitätsfrage gestellt werden.

Der Transfersommer gestaltete sich für den VfB schwierig, einige Abgänge (und damit freie Planstellen) standen erst kurz vor Ende der Transferfrist fest, so dass Mislintat schon vor der Saison verlauten ließ, ein solch immenser Umbruch ließe sich nicht binnen einer einzigen Transferperiode komplett abschließen. Im Vorgriff auf mögliche Probleme wurde mit Augenmaß agiert und eine konkurrenzfähige Zweitligamannschaft an den Start gebracht, die im Falle des Nichtaufstiegs nicht komplett auseinanderfallen würde. Der VfB dürfte also auch ein zweites Zweitligajahr finanziell überstehen, weshalb ich die Panik allerorten auf Platz drei stehend völlig überzogen finde.

Der HSV macht es doch, zumindest phasenweise, vor, wie man gestärkt und gefestigt in ein zweites Zweitligajahr gehen kann. Käme es auch beim VfB so, wäre bei mir jedoch keine Weltuntergangstimmung angesagt.

Was hätte man denn davon, den Aufstieg mit der Brechstange zu erreichen, um in der Bundesliga dieselbe Rolle zu spielen wie die Jahre davor? Natürlich könnte man jetzt den Trainer rausschmeißen und im Winter den einen oder anderen Altstar holen, der die Wahrscheinlichkeit auf den Aufstieg erhöht, nachhaltig wäre dies jedoch nicht. Dann sehe ich doch lieber eine Entwicklung mit jungen Spielern und gebe diesen Zeit und Geduld, bevor es immer so weiter geht wie die letzten Jahre und auch die „Mechanismen“ so schnell greifen wie zuletzt.

Der VfB legte seit 2009 einen rasanten, fast ungebremsten, Niedergang hin, wechselte zig Mal Sportdirektoren und Trainer, besorgte diesen wiederum „ihre“ Spieler und hatte Abfindungszahlungen am Laufen, mit denen mancher Zweitligist eine ganze Saison überstehen würde. Zehn Jahre Instabilität, zehn Jahre Unruhe!

Jetzt, nach dem Abstieg, wurden die Zeichen der Zeit erkannt und es wurde ein radikaler Umbruch eingeleitet, zu dem offensichtlich vielen die Geduld fehlt. Komischerweise ist es eher noch meine Generation, die auf der „Ruhe bewahren“ Schiene ist, während „die Jungen“, die mit dem VfB, abgesehen von der Meisterschaft 2007, nichts als Chaos erlebt haben, sich offensichtlich diese Zeiten zurücksehnen. Habe im Lauf der Woche gar schon Stimmen gelesen, die es als Fehler betrachten, Gentner, Aogo & Co. vom Hof gejagt zu haben, da fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Der VfB hat den größten Umbruch seit dem Abstieg 1975 hinter sich. Auch damals wurde die halbe Mannschaft ausgetauscht, auch damals gestaltete sich die erste Zweitligasaison holprig, um nicht zu sagen katastrophal (wer erinnert sich nicht an das 2:3 gegen den SSV Reutlingen im Neckarstadion vor 2.500 Zuschauern?). Junge Spieler wie Hansi Müller, Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß oder auch Ottmar Hitzfeld reiften und waren im Jahr drauf Garanten für den Aufstieg und des legendären 100-Tore-Sturms. Gut, zugegeben, nach der ersten Saison musste noch einmal der Trainer gewechselt werden und Jürgen Sundermann kam, aber, es war immerhin NACH der Saison.

Jetzt, auf dem dritten Platz stehend, herrscht gefühlt eine Stimmung, als stünde der bittere Gang in die 3. Liga unmittelbar bevor. Junge Spieler, wie Nicolás González, werden niedergemacht und ihnen die Eignung abgesprochen, anstatt dass man sie unterstützen würde. Ohne jetzt schon zu wissen, wohin die Reise mit Nicolás González geht und ob und wann bei ihm der Knoten platzt, erinnert der Umgang mit ihm schon sehr an den mit Timo Werner, dem inzwischen besten deutschen Stürmer. Da bin ich ganz bei Tim Walter, der sagt, dass es bereits eine Qualität ist, überhaupt zu dieser Vielzahl an Chancen zu kommen.

Viele zählen Tim Walter bereits an und dabei geht es längst nicht mehr nur ums Sportliche. Er wird in sozialen Netzwerken persönlich angegriffen, was mieser Stil ist. Denjenigen rate ich, geht zum Training „runter“, versucht mit Tim Walter ins Gespräch zu kommen und sachlich mit ihm zu diskutieren. Ich habe beim VfB lange keinen so umgänglichen Trainertypen mehr erlebt, der bei persönlichen Begegnungen alles andere als arrogant daherkommt. Er vermittelt beim VfB jedem Mitarbeiter das Gefühl, nicht minder wichtig als er selbst zu sein, begegnet Fans mit Respekt und ist keineswegs abgehoben. Ähnlich habe ich im Übrigen auch Sven Mislintat erlebt.

Auch diese Menschen sind es, die kein „Ihr da oben“ vorleben, sondern für ein neues Wir-Gefühl stehen. Sie sind nicht „nur“ nach außen umgänglich, sondern auch zum Team. In den letzten Jahren herrschte lange kein so guter Teamgeist mehr, als zurzeit.

Ich sehe bei weitem mehr Positives, was auf den Weg gebracht wurde, als Schlechtes, das eine radikale Abkehr vom eingeschlagenen Weg rechtfertigen würde. Mislintat und Hitzlsperger haben die Scherben zusammenzukehren, die ihre Vorgänger hinterlassen haben und sind damit noch lange nicht fertig. Der VfB benötigt jetzt Kontinuität, Nachhaltigkeit und Beharrlichkeit und vor allem Vertrauen in die handelnden Personen.

Ich hoffe, sie behalten kühlen Kopf und lassen sich von der vergifteten Atmosphäre nicht beirren. Ich sehe eine große Chance auf eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung. Dazu bedarf es aber in allererster Linie Geduld und Ruhe im Umfeld.

Ein erster Schritt wäre ein Sieg nächsten Sonntag im Derby. Auf der anderen Seite möchte ich mir nicht ausmalen, was los wäre, sollte auch dieses Spiel in den Sand gesetzt werden.

Die Truppe, der am Samstag in Osnabrück durch harsche Worte aus dem Gästeblock die Sinne für die Wichtigkeit der bevorstehenden Aufgabe noch einmal geschärft wurden, wird hoffentlich gestärkt aus der Länderspielpause kommen und hat es in den Füßen, für etwas mehr Ruhe zu sorgen. Hoffen wir, dass sie der Aufgabe und dem Druck gewachsen sein wird!

Ich werde mich hier im Blog auch weiterhin zurücknehmen und es unterlassen, Walter, Mislintat oder Hitzlsperger „Ratschläge“ zu erteilen. Wen meine kurzen Einschätzungen zu den Spielen, mit denen ich meine online gestellten Bilder kommentiere, interessieren, darf mir gerne auf https://www.facebook.com/frankysstadionpics/ folgen und ggf. mitdiskutieren.

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6. Oktober 2019

Schwarzer Freitag

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 17:25

Ob mich am Morgen diesen tristen Freitags bereits eine leise Vorahnung beschlich, man weiß es nicht. Jedenfalls verließ ich morgens kurz nach 6 Uhr leicht unkonzentriert die Wohnung und stürzte mich zunächst die Treppe hinab. Das hatte schmerzhafte Prellungen an verschiedenen Körperteilen zur Folge, weshalb ich es abends nicht weiter als ins Pfiff schaffte.

Zur Wasenzeit fahren weder Bus noch Taxi in Richtung Neckarstadion, so dass der Fußweg zu beschwerlich für mich gewesen wäre. In Anbetracht des Gesundheitszustands war dies sicherlich die vernünftigere Entscheidung, während es auf der anderen Seite extrem schwer verdauliche Kost war, dieses Spiel mit den sogenannten Kneipen-Experten im TV anzusehen.

Als Allesfahrer bin ich es ja überhaupt nicht mehr gewohnt, nicht mit den Jungs im Stadion zu sein, so dass allein das schon ziemlich unerträglich war. Wenn dann noch sog. VfB-Fans den VfB verhöhnen und Volksfesttouristen aus Bayern oder jenseits des Brenners mir erklären wollen, was beim VfB seit Jahren schief läuft, wäre eigentlich die eine oder andere Schelle fällig gewesen, so angefressen war ich. Das nächste Mal gehe ich lieber mit dem Kopf unterm Arm ins Stadion, als mich solchen Dummschwätzern auszusetzen.

Dass es gegen das Schlusslicht Wehen-Wiesbaden ein gefährliches Spiel werden könnte, lag auf der Hand. Auch wenn vieles auf Neuanfang steht, handelt es sich schließlich noch immer um den VfB. Wann hat man zuletzt als großer Favorit gegen den noch größeren Underdog die Gunst der Stunde genutzt? Wann hat man zuletzt von zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen nicht mindestens eines in den Sand gesetzt? Es war einfach typisch für den VfB, dass nach Wochen eitel Sonnenschein der Rückschlag gerade in einem Spiel folgt, vor dem viele nur über die Höhe des Sieges diskutiert haben.

Auch ich war guter Hoffnung, dass man nach der über weite Strecken reifen Leistung von Bielefeld den Trend fortsetzen und vielleicht auch endlich mal ein Spiel überzeugend gewinnen könnte. Einige unserer Siege bislang waren doch äußerst glücklich zustande gekommen und der mangelnden Qualität der meisten Zweitligaakteure zuzuschreiben. Spielerisch und vor allem in puncto Chancenverwertung ist noch sehr viel Luft nach oben. So langsam darf man schon auf einen spielerischen Aufwärtstrend hoffen, auch wenn vieles durch die Ergebnisse und die Tabellenführung bislang kaschiert wurde.

Dass die Geduld mit Tim Walter und seinen Aufstellungen bereits bei vielen zu bröckeln scheint, drückte sich am Freitag in zahlreichen Pfiffen aus und findet seine Fortsetzung im Zerriss in den sozialen Medien. Dafür fehlt mir absolut das Verständnis. Das Team während der Spiele auszupfeifen gehört sich nicht und bringt auch nicht mehr Sicherheit, wenn das Nervenkostüm ohnehin schon nicht das beste ist. Eher im Gegenteil, Pfiffe verunsichern die junge Mannschaft zusätzlich, so dass ich vollstes Verständnis dafür habe, dass Mislintat diese nach dem Spiel angeprangert hat.

Mein Vertrauen in die handelnden Personen beim VfB ist derzeit ungebrochen groß, so dass ich auch derartige Rückschläge hinnehme, ohne die Weiterentwicklung in Frage zu stellen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass dem Neuanfang die nötige Zeit gegeben werden muss und kann mir keinen anderen Trainer beim VfB vorstellen, der auf Anhieb funktionieren würde UND die nötige Rückendeckung hätte.

Auf Letzteres kommt es meiner Meinung nach ganz entscheidend an. „Das schwierige Umfeld“ in Stuttgart hätte doch an jedem etwas auszusetzen, der nicht alle Spiele in der 2. Liga haushoch gewinnt und hatte in den letzten Jahren maßgeblichen Anteil an der stetigen Unruhe.

Läuft es nicht wie geschmiert, läuft der eine oder andere „Blinde“ trotz katastrophaler Leistungen Woche für Woche erneut auf, lässt der Trainer über seine Aufstellungen nicht per TED-Umfrage abstimmen, schießt man sich auf den Übungsleiter ein, gibt ihm gutgemeinte Ratschläge und, wenn er sie nicht befolgt, wünscht man ihn zum Teufel. Befolgt er sie und verliert trotzdem weiter, wünscht man ihn natürlich auch zum Teufel!

So spielte es sich in den letzten Jahren regelmäßig ab, irgendwann fand die Meute Gehör bei den Vereinsoberen und der nächste von der Trainer-Reste-Rampe durfte sich versuchen.

Ich nehme mich hier auch überhaupt nicht aus, jedoch fußte mein Ärger in den letzten Jahren meist darauf, dass zwar die Trainer wechselten, die Protagonisten und Wortführer in der Mannschaft jedoch dieselben blieben und sich kaum einer, schon gar nicht, wenn er während der Saison kam, an die Erbhöfe und damit die Wurzel allen Übels herantraute.

Ein richtig frischer Wind wehte in den letzten Jahren eigentlich lediglich unter Alexander Zorniger, der den Abgang von Ulreich forcierte und vor dem Leitwölfe wie Gentner und Niedermeier nicht mehr sicher waren und, als Schindelmeiser/ Wolf das Zepter übernahmen, das Team radikal verjüngten und ihm einen neuen Spielstil verpassen wollten.

Auch sie scheiterten an den dunklen Mächten im Verein, die Stillstand statt Fortschritt propagierten, was uns schließlich zurück in die 2. Liga katapultierte. Beiden Konstellationen brachte ich großes Vertrauen entgegen und setzte Hoffnungen in sie, weil sie bereit waren, alte Zöpfe abzuschneiden und den VfB zu erneuern.

Zorniger hätte ich zugetraut, die Abwehrschwächen zu beheben, wenn man ihm denn wenigstens noch die Wintervorbereitung und -transferperiode zugestanden hätte. Hannes Wolfs Ende wurde mit der Verpflichtung von Reschke eingeläutet, der den angezählten Gentner just wieder zur unverzichtbaren Größe erklärte und sich herabließ, dem jungen Trainer „Ratschläge“ in puncto der Aufstellungen zu erteilen und dies auch noch der Öffentlichkeit so mitteilte.

Es ist zwar jetzt hypothetisch, aber, ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Stand jetzt schlechter dastehen würden, hätte man im einen oder anderen Fall den eingeschlagenen Weg nicht verlassen, sondern Geduld bewiesen.

Daher halte ich überhaupt nichts davon, schon jetzt Walters Verständnis von Fußball in Frage zu stellen, wenn Dusseligkeiten auf dem Platz zu einer Niederlage wie der am Freitag führen. Ich hoffe, der VfB hat aus seiner Vergangenheit endlich mal die richtigen Schlüsse gezogen und zieht bei den ersten Schwierigkeiten nicht schon wieder die Reißleine, weil es vermeintlich der Weg des geringsten Widerstands ist.

Diese Befürchtung habe ich freilich nach gerade mal einer (!) Niederlage nicht. Thomas Hitzlsperger würde sich unglaubwürdig machen, ließe er, der sich Kontinuität auf die Fahne geschrieben hat, sich von der öffentlichen Meinung beeinflussen und werfe jetzt schon alles über den Haufen. Dem Vernehmen nach vertrauen Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger Tim Walter noch uneingeschränkt, und, das ist auch gut so. Die Verantwortlichen haben ohnehin das große Ganze im Blick und beobachten zudem die tägliche Trainingsarbeit.

Wenn Tim Walter sagt, er stelle nach Trainingsleistungen auf, dann sollte man als einer, der die Trainingsarbeit nicht täglich verfolgt, dem Trainer vertrauen, dass er sich bei seinen Aufstellungen schon etwas gedacht hat. Mittlerweile eckt Walter, wie einst Zorniger, schon mit markigen Sprüchen an, woraufhin ihm Arroganz unterstellt und förmlich darauf gewartet wird, dass ihm seine Aussagen um die Ohren fliegen.

Manchmal kommt dies schneller, als man denkt, hatte er doch auf der Pressekonferenz vor dem Wehen- Wiesbaden-Spiel gesagt, „uns stellt keiner ein Bein“. Dass dies auf die wörtliche Bedeutung gemünzt war und er im weiteren Verlauf der PK anklingen lassen hat, wie gefährlich er den Gegner einschätzt, wenn man nicht hellwach ist, uninteressant, Hauptsache mit aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen einen Größenwahn konstruieren, dem Walter gewiss nicht unterliegt.

Walter hat zwar ein gesundes Selbstbewusstsein, was im Leistungssport jedoch bei weitem nicht verwerflich ist. Ähnlich wie einst Zorniger haut er den einen oder anderen Spruch raus, wirkt dabei jedoch etwas eloquenter, so man ihm eigentlich überhaupt nicht böse sein kann, wenn denn nicht schon wieder die Heckenschützen lauern würden, die ihm aus seinen Aussagen einen Strick drehen wollen.

Als VfB-Fans sollten wir nicht in den Chor derer einstimmen, die Unruhe reinbringen wollen. Als Trainer des FC Bayern der zweiten Liga wäre es doch auch unglaubwürdig, Walter mache komplett auf Understatement. Natürlich können und wollen wir jeden Gegner in dieser Liga schlagen, dass es nicht immer klappt und nicht immer die Papierform entscheidend ist, sah man am Freitag.

Was sich an den Spielen und Ergebnissen nur bedingt ablesen lässt, hat Tim Walter bereits geschafft. Es herrschen ein Teamgeist und ein Konkurrenzkampf wie seit vielen Jahren nicht. Fast kein Stammplatz ist in Stein gemeißelt, JEDER muss sich in JEDEM Training anbieten und darf nicht locker lassen, um auch im nächsten Spiel in der Stammelf zu stehen. Man sieht, dass Walter die Jungs erreicht und die Stimmung im Team gut ist, so dass für mich kein Grund besteht, an Walter zu zweifeln.

Dass der sog. Walter-Ball ins Stocken geraten ist, vom brutalen Pressing der ersten Spiele vor allem am Freitag wenig zu sehen war, ist (hoffentlich) nur eine Momentaufnahme. Dazu kommt Verletzungspech, was das weitere Einspielen erschwert. Allein der Freitag brachte zwei weitere Ausfälle mit sich, von denen vor allem der von Daniel Didavi ein langfristiger sein wird.

Ohne Fremdeinwirkung machte der Muskel bei einem Sprint zu, man ist bei Dida geneigt zu sagen, typisch, jetzt wo die Böden glitschiger und die Temperaturen niedriger sind.

Bei Borna Sosas Gehirnerschütterung muss man abwarten, ob er bereits nach der Länderspielpause wieder zur Verfügung stehen wird. Dass damit nicht zu spaßen ist und eine solche auch zu einem längerfristigen Ausfall führen kann, hat man letzte Saison bei Timo Baumgartl gesehen.

Nach dem brutalen und weder vom Schiri noch vom VAR geahndeten Bodycheck von Chato gegen Borna Sosa dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis das Spiel für eine Behandlungspause unterbrochen war. Wenn schon der Schiedsrichter weiter laufen lässt, hätte zumindest der VAR sensibilisiert genug sein müssen, dem Schiri ein Signal zu senden, das Spiel sofort zu unterbrechen. Wenn ein Spieler benommen und nicht ansprechbar zu Boden sinkt, ist Eile geboten, doch, wer weiß, vielleicht war Köln ja schon wieder beim Pausenbrot.

Bei Didavi grenzte es bislang fast an ein Wunder, dass er durch fast ein Viertel der Saison verletzungsfrei gekommen war. Des einen Leid, des anderen Freud. Vielleicht schlägt ja nun endlich die Stunde von Philipp Klement, der, gebeutelt durch kleinere Verletzungen bislang noch nicht an seine phantastische letzte Saison anknüpfen konnte.

Schmerzlich vermisst wird, nachdem er gegen Fürth kaputtgetreten wurde, auch Nicolas Gonzalez. Mit seiner Schnelligkeit wäre er gegen Wehen-Wiesbaden eine wichtige Waffe gewesen.

Obwohl am Freitag nicht einsatzbereit, ist Gonzalez zur Nationalmannschaft abgereist. Für den VfB zwar ärgerlich, dass er nicht zur vollständigen Genesung hier geblieben ist, aus Gonzalez Sicht jedoch verständlich, wurde er doch erstmals für die Albiceleste nominiert und hat damit die große Chance am 9.10. in Dortmund gegen Deutschland aufzulaufen. Ihm wünsche ich, dass er sein Debüt feiern darf und gesund wieder zurück kommt.

Unter anderem wegen Gonzalez Ausfall setzte Walter gegen Wehen-Wiesbaden auf den Ochsensturm Gomez/ Al Ghaddioui, der vor allem in der ersten Hälfte viel zu wenig in Szene gesetzt wurde. Auf den kurzfristigen Ausfall von Holger Badstuber reagierte Walter mit Phillips, dem man die mangelnde Spielpraxis anmerkte. Badstuber fehlte als ruhender Pol und seinem guten Stellungsspiel an allen Ecken und Enden.

Für Insúa rückte zudem Borna Sosa in die Anfangsformation, der bei beiden Gegentoren eine unglückliche Figur abgab. Vielfach kritisiert wird Santiago Ascacíbars Aufstellung auf der Außenbahn. Grundsätzlich mag ich Trainer, die es schaffen, gute Spieler auch dann im Team unterzubringen, wenn ihre angestammte Position anderweitig besetzt ist.

Wenn man aber sieht, welchen Stiefel Karazor auf der Sechs herunterspielt, der, ähnlich wie Gentner in grauer Vorzeit, fast ausschließlich Quer- und Rückpässe spielt, fragt man sich schon, weshalb nicht Mangala oder eben Ascacíbar dessen Platz einnehmen dürfen.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da nahm das Unheil schon seinen Lauf. Eben jener Ascacíbar verlor den Ball nahe des gegnerischen Strafraums und dann ging es ganz schnell. Der Ball kam zu Kuhn auf Rechtsaußen, dieser flankte von Borna Sosa völlig unbedrängt, und der Top-Torjäger der Liga, Schäffler, verwertete die Kugel technisch anspruchsvoll zum 0:1.

Kurz darauf bot sich den Kickern aus dem Taunus gar die große Chance zum 0:2, doch, Kobel hielt stark. Dann schlug die Stunde von Al Ghaddioui, der nach Luftloch von Mario Gomez zum Ausgleich traf.

Auch dem kurz darauf folgenden 1:2, abermals durch Schäffler, ging ein Ballverlust in der gegnerischen Hälfte von Ascacíbar, diesmal nach fahrigem Zuspiel von Phillips, voraus. Dann ging es wieder sehr schnell. Eigentlich war der Ball schon geklärt, ehe Borna Sosa ihn noch einmal scharf machte und Schäffler das Geschenk dankend annahm.

Danach agierte der VfB geschockt und reichlich konfus und war mit dem 1:2 zur Pause sogar noch gut bedient. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild. Der VfB wurde immer druckvoller, führte alle Statistiken haushoch an und traf alleine vier (!) Mal Pfosten und Latte. Vor allem durch die Einwechslungen von Silas und Massimo ging endlich etwas über die Außen. Aufgrund von Pech und Unvermögen wollte der Ball jedoch einfach nicht über die Linie.

Mario Gomez enttäuschte bei seinem ersten Startelfeinsatz seit dem dritten Spieltag auf ganzer Linie. Sah ich es mit ihm, dem bestbezahlten Zweitligakicker aller Zeiten, anfangs noch pragmatisch, dass es für die 2. Liga bei ihm auch mit 34 Jahren schon noch reichen könnte, muss ich diese Annahme mittlerweile revidieren. Es scheint, er habe mit seinem famosen Auftritt gegen Hannover 96 das Pulver für diese Spielzeit schon gänzlich verschossen, nichts geht mehr, beim einstigen Super-Mario. Er muss seinem über die Jahre geschundenen Körper Tribut zollen und ist physisch nicht mehr der Schnellste. Dass er auch geistig nicht mehr der Schnellste ist, sah man bei einigen Aktionen, als ein Schnörkel zu viel den Ballverlust bedeutete. Insgesamt sah sein Auftritt vom Freitag doch sehr bemitleidenswert aus.

Dass eine solch großartige Karriere derart zu Ende geht, hat dieser Spieler eigentlich nicht verdient. Da stellt man sich die Frage, ob er sich selbst einen Gefallen damit getan hat, sich die 2. Liga anzutun und die Schuhe nicht an den Nagel gehängt zu haben. Angesichts seines einen Zweitligisten erdrückenden Gehaltes von kolportierten 4,5 Millionen Euro pro Jahr, hätte ihm der VfB mit Sicherheit keine Steine in den Weg gelegt. Doch, selbst ein Spieler, der in seiner Karriere zig Millionen „verdient“ hat, nimmt offensichtlich noch mit, was nur geht. Vermutlich zählt er schon jetzt die Tage bis zum Saisonende…

Dass die Ungeschlagen-Serie einmal zu Ende gehen musste, war klar, dennoch tut es weh, dass dies nun ausgerechnet gegen das Schlusslicht der Tabelle passiert ist.

Und doch ist noch zu wenig passiert, um jetzt schon alles madig zu machen. Der VfB steht auf einem direkten Aufstiegsplatz und muss aus dieser Niederlage eben die notwendigen Schlüsse ziehen. Spiele, wie das am Freitag, erwarten den VfB in dieser Liga noch en masse. Gegner, die tief stehen und auf unsere Fehler lauern, sehen nun mal das einzig probate Mittel gegen die übermächtigen Schwaben darin, Beton anzurühren. Darauf muss der VfB gefasst sein und darauf muss er mit aller Seriosität reagieren.

Diese fehlte mir in der Anfangsphase, als man es vom Anpfiff weg mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei erledigen wollte und den nötigen Respekt vorm Gegner vermissen ließ. Wenn man dann schon nach wenigen Minuten sämtliche Ordnung fehlt und man nach einfachen Ballverlusten derart blank steht, geht der Schuss schnell nach hinten los.

Hier erwarte ich mir einen schnellen Lerneffekt und mehr Geduld vom Team. Die Qualität wäre vorhanden, Ball und Gegner laufen zu lassen, dadurch den Gegner müde zu spielen und zu gegebener Zeit zuzuschlagen, anstatt schon in der Anfangsphase kopflos nach vorne zu rennen und in hanebüchene Konter zu laufen.

Da das Team jung und lernwillig ist und von einem Trainerstab betreut wird, der die Jungs von Tag zu Tag besser machen möchte und sicher nicht lernresistent ist, bin ich guter Dinge, dass die schmerzliche Niederlage gegen Wehen-Wiesbaden ein Ausrutscher bleiben wird.

Nach der Länderspielpause wartet mit Holstein Kiel das Ex-Team von Tim Walter, welches bestimmt gewillt ist, seinem einstigen Trainer ein Schnippchen zu schlagen. Mit Geduld, Vertrauen in die eigene Stärke, etwas mehr Konzentration und mehr Konsequenz im Abwehrverhalten müsste ein Sieg herausspringen. Dass dieser kein Selbstläufer werden wird, sollte nach dem Schuss vor den Bug zur rechten Zeit vom Freitag auch dem Letzten bewusst sein.

Ich bin guter Dinge, dass Tim Walter die richtigen Schlüsse ziehen wird und die Mannschaft gegen die Störche auch in den ersten 45 Minuten unter Beweis stellt, dass es an diesem Sonntag im heimischen Neckarstadion nur einen Sieger geben kann, nämlich, den VfB Stuttgart. Darauf freue ich mich, dann auch wieder, komme was wolle, live mit mir im Stadion!

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20. September 2019

Spitzenreiter!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , – Franky @ 12:41

Das letzte Auswärtsspiel umrahmten wir mit einem Wellness-Wochenende in der Oberpfalz, so dass ich erst jetzt dazu komme, meine Eindrücke abschließend zu Papier zu bringen.

Dabei bin ich immer noch ein wenig berauscht vom Spiel, auch wenn es schon einige Tage zurückliegt. Das liegt nicht nur am ersten Auswärtssieg nach zehn Monaten Durststrecke (der letzte gelang beim 1. FC Nürnberg, also ebenfalls im Freistaat Bayern), sondern auch daran, wie das Team phasenweise aufgetreten ist und welch tolle Einzelspieler wir inzwischen (wieder) haben.

Daraus ein Team, eine Einheit zu formen ist Aufgabe des Trainerstabes um Tim Walter. Diesbezüglich sehe ich uns auf einem sehr guten Weg, gelang es doch schon wiederholt, Siege zu erzwingen und während eines Spiels den Schalter noch einmal umzulegen. Dass dies gelingt, bedingt, dass die Jungs an einem Strang ziehen und füreinander da sind. Dass allein dies gesondert hervorzuheben ist, unterstreicht, was seit der Meisterschaft 2007 schiefgelaufen ist.

Diese Mentalität, gepaart mit Spielfreude und Können, sollte der Schlüssel für den Aufstieg sein, von dem wir freilich auch als jetziger Tabellenführer noch meilenweit entfernt sind.

Die Tabellenführung ist nicht mehr als eine Momentaufnahme, doch, ich möchte es nicht verhehlen, sie tut verdammt gut. Auch wenn die Spiele bislang allesamt holprig waren und in puncto defensiver Stabilität und Chancenverwertung noch ordentlich Luft nach oben ist, reißen mich die Spiele vom Hocker bzw. aus dem Stadionsitz.

Auf dem Platz ist immer etwas los, seit Jahrzehnten habe ich keine so aktive VfB-Mannschaft mehr gesehen, die 90 Minuten lang Vollgas zu geben bereit ist. Schon das ein Verdienst von Tim Walter, aber auch von Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger, die entwicklungsfähige und gute Charaktere geholt haben.

So macht es wieder Spaß, ins Stadion zu gehen, so überlegt man es sich genau, ob man unbedingt die Toilette aufsuchen oder ein Bier holen gehen muss, wenn ständig etwas los ist auf dem Platz und man Einzelkönner auf dem Platz hat, bei denen man Gefahr läuft, just in dem Moment ein Kabinettstückchen zu verpassen.

Gut, das mit dem Bier hatte sich in Regensburg ohnehin erledigt, weil unser Aufeinandertreffen mit dem Jahn zum Hochrisikospiel hochstilisiert wurde. Wohl wegen der Fanfreundschaft von einigen Jahn-Teenies mit denen eines Stuttgarter Vereins von den Golan-Höhen, gab es selbst auf der Haupttribüne lediglich (ungenießbares) Light-Bier.

Im Spiel eins nach dem Schließen des Transferfensters und nach überstandener Verletzung von Orel Mangala, konnte man erstmals von einer Startelf sprechen, die zu weiten Teilen das Gerüst der kommenden Wochen bilden dürfte.

Zur Überraschung vieler ließ Tim Walter „seinen Liebling“ Karazor draußen und vertraute die Position des alleinigen Sechsers Mangala an. Wie Mangala diese Rolle ausfüllte, war in meinen Augen phänomenal. Zweikampfstark, spielintelligent und eine brutale Präsenz ausstrahlend, schwer vorstellbar, dass wir mit ihm abgestiegen wären, wäre Reschke nicht auf beiden Augen blind gewesen. Auch Debütant Förster überraschte mich, sehr antrittsstark und ebenfalls spielintelligent. Dazu solide Spieler wie Kobel, Kempf und Stenzel, ein Badstuber, der immer stärker wird, den Kreativspielern Klement und Didavi und einem Sturm mit Nicolás González und Silas Wamangituka, die unser Spiel mit Schnelligkeit und Spielkunst bereichern. Dieses Team hat viel Potential und wird sich weiter steigern (müssen).

Wären die Jungs in puncto Chancenverwertung kaltschnäuziger, könnten sie dem 100-Tore-Sturm von 1976/77 Konkurrenz machen, so aber lassen sie einen zittern, mehr als einem lieb ist. Aber, was will man meckern, gewonnen ist gewonnen, Ende gut, alles gut!

Einen derart wilden Fußball wie derzeit unter Walter habe ich selten gesehen. Bei jedem Ballverlust herrscht Alarmstufe Rot, weil unsere Gegner fast ausschließlich in diesen ihre Chance sehen. Was dann auffällt, in Regensburg waren wir äußerst nah dran, wie geil die Jungs darauf sind, den Ball zurückzuerobern und wie weit man in solchen Situationen von der Grundformation entfernt ist, wenn ein Insúa plötzlich auf Rechtsaußen herumturnt.

Ein Fußball, in dem immer etwas los ist und in dem jeder, der es lieber gemächlich mag, fehl am Platze ist. Nach Jahren der fußballerischen Körperverletzung am Fan ist das für mich eine Wohltat, auch wenn der Schuss manchmal nach hinten los geht. Da die Truppe ständig aktiv ist, ist die Gefahr gering, dass man sich, auch wenn es mal nicht nach Wunsch läuft, seinem Schicksal ergibt.

Die Startaufstellung von Regensburg könnte, bis auf wenige Wackelkandidaten, jene der nächsten Wochen sein. Die Herren Gomez und Castro, aber auch Karazor und Ascacíbar dürften es schwer haben, es in die Stammformation zu schaffen. Mit dem Auftritt vom Samstag dürfte Insúa nicht mehr über den Platzhalter für den ausgefallenen Borna Sosa hinauskommen, seine Zeit, das sah man deutlich, ist wohl abgelaufen.

Santiago Ascacíbar blieb in Regensburg, und ist es auch gegen Greuther Fürth noch, suspendiert. Es muss einiges vorgefallen sein, wenn der VfB ein Fehlverhalten so drastisch und der Öffentlichkeit mitgeteilt, sanktioniert.

Gerüchten zufolge bastelt Santis Berater gar an einer Rückkehr zu seinem Stammverein Estudiantes de la Plata. Dass Ascacíbar ein Hitzkopf ist, weiß man und liebt es auch ein stückweit. Wenn diese Hitzköpfigkeit jedoch so weit geht, dass man dem Trainer vorschreiben möchte, wo er ihn bitteschön einzusetzen habe und dieser Forderung beim Sportdirektor Nachdruck verleiht, schlägt das dem Fass den Boden aus.

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die Zeiten eines Michael Reschke, der dem Vernehmen nach Geldstrafen für manchen Spieler aus eigener Tasche gezahlt und damit die Autorität des Trainers restlos untergraben hat, vorbei sind und neuerdings Trainer, Sportdirektor und Sportvorstand dieselbe Sprache sprechen und sich kein Spieler „hinten rum“ ausheulen darf.

Ich hoffe, dass Ascacíbar verstanden hat und nicht den Weg des geringsten Widerstands geht und flüchtet. Im weiteren Saisonverlauf, vor allem, sollte sich Mangala noch einmal verletzen, wird man sich glücklich schätzen können, auf einen Ascacíbar zurückgreifen zu können. Sollte er allerdings weiterhin beleidigte Leberwurst spielen und schlechte Stimmung verbreiten, muss man ihn abgeben. Unzufriedene Spieler und totes Kapital, immerhin ist Ascacíbar noch einer DER Top-Verdiener, sollte man sich möglichst nicht leisten.

Von der sportlichen Leitung bin ich derzeit wirklich sehr angetan und habe das Gefühl, alles was sie anpacken, hat Hand und Fuß. Die Transfers sitzen, die Außendarstellung ist mit der des letzten Jahres überhaupt nicht mehr zu vergleichen und auch der Trainer ist bis in die Haarspitzen motiviert, seine Jungs von Tag zu Tag besser machen zu wollen. Ich hoffe sehr, dass es in dieser Konstellation noch lange funktioniert und das „schwierige“ Umfeld ruhig bleibt, auch wenn wir nicht jeden Gegner in Grund und Boden spielen.

Jetzt schon Vergleiche zu ziehen, gegen wen alles wir mit dieser Spielweise in der Bundesliga Packungen kriegen würden, empfinde ich als ungerecht der Aufgabe gegenüber. Diese lautet direkter Wiederaufstieg, wofür einer der ersten zwei Plätze in der 2. Bundesliga belegt werden muss. Dieses Ziel haben wir, um das Ziel zu erreichen, sind wir als derzeitiger Tabellenführer auf einem guten Weg.
Die Bundesliga ist noch weit weg, im Fall des Aufstiegs wird der Kader schon deshalb ein völlig anderer sein, weil Verträge auslaufen und Leihspieler wie Stenzel und Kobel zu ihren Stammvereinen zurückkehren (müssen). Es zählt das Hier und Jetzt!

Manch Miesmacher und notorischer Bruddler versteht auch meine gute Meinung zu Tim Walter nicht. Er sei kein Übertrainer, habe noch nichts erreicht und er spiele Harakiri.

Leute, ich behaupte auch nicht, dass Walter ein Übertrainer ist. Ich sehe aber schon allein, dass er es in kurzer Zeit geschafft hat, eine Einheit zu formen und einen Mann, der sein Profil schärft, indem er Spielern, die ausscheren, die Leviten liest, und, wie jüngst in Regensburg, vermeintliche Lieblingsspieler draußen lässt, wenn andere derzeit besser sind.

Ich will einen Trainer, der den VfB lebt, der emotional ist, sich wie ein Kind über Siege freut und ungenießbar ist, wenn man verloren hat. Ich möchte keine Schlaftablette an der Seitenlinie, wie Korkut und Weinzierl es waren und keine ständigen Trainer- und Philosophie-Wechsel wie im letzten Jahrzehnt.

Den „Auch-jetzt-noch-Bruddler“ geht wohl derzeit die allherbstliche Trainerdiskussion ab, weshalb sie dem Braten noch nicht trauen und sie es sich nicht vorstellen können, dass Walter längerfristig bei uns Trainer sein könnte. Sie fordern zwar nicht direkt einen neuerlichen Trainerwechsel, stören sich aber am Personenkult um Tim Walter. Dieser muss sportlichem Erfolg per se ja auch nicht hinderlich sein, man schaue nur mal kurz nach Liverpool!

Ich kann dieses Misstrauen, was einem Misstrauen in Mislintat und Hitzlsperger gleichkommt, nicht nachvollziehen. Wir brauchen Kontinuität, die vielen Trainerwechsel der letzten Jahre haben uns mürbe gemacht, deshalb hoffe ich sehr, dass man am jetzt eingeschlagenen Weg festhält und endlich mal Geduld beweist.

So ruhig und harmonisch es derzeit an der sportlichen Front zugeht, so ungewiss ist es, wie es nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15.12.2019 weitergehen wird.

Die Bewerbungsfrist zum VfB-Präsidenten ist abgelaufen, nun liegt es am Vereinsbeirat aus zehn Bewerbungen, den Mitgliedern die zwei aussichtsreichsten Kandidaten zur Wahl zu stellen, wenn der Vereinsbeirat nicht noch einen elften Kandidaten aus dem Ärmel schüttelt, was ihm gestattet wäre.

Eigentlich ist es mir fast egal, wer Präsident wird, schlimmer als Dietrich kann er (oder sie?) nicht sein. Das Wichtigste am neuen Präsidenten ist mir, dass er sich selbst zurücknimmt und der so verheißungsvoll gestarteten neuen sportlichen Leitung nicht ins Handwerk pfuscht, was im Übrigen auch für Anwärter des neu geschaffenen Postens des Vorstandsvorsitzenden gilt.

Was wir nicht brauchen, ist ein Unternehmer, der an Aufmerksamkeitsdefizit leidet und sich in den Vordergrund stellt, genauso wenig wie einen Ex-Sportler, der sich dazu berufen fühlt, seine Vorstellungen der sportlichen Ausrichtung möglichst schnell auf den VfB zu übertragen. Beides würde Unruhe stiften die weitere Entwicklung gefährden.

Ich hoffe auf ein gutes Händchen des Vereinsbeirates mit der größtmöglichen Transparenz, um verloren gegangenes Vertrauen Stück für Stück zurück erlangen zu können.

Auf die bisher bekannten Kandidaten möchte ich nicht näher eingehen. Dass ich nach dem Spalter keinen Politiker in der Rolle des VfB-Präsidenten sehen möchte, der schon im Vorfeld in politische Lager spalten würde, hatte ich bereits in einem früheren Beitrag ausgeführt. Nur zur Kandidatur von Guido Buchwald ein paar Worte.

Ich finde es ungerecht, wie er bereits im Vorfeld diskreditiert wird und ihm die Fähigkeit abgesprochen wird, VfB-Präsident sein zu können. Gäbe es die AG nicht und wir wären noch eingetragener Verein, wäre Guido für mich der prädestinierteste Kandidat, den man sich vorstellen könnte. Ein Präsident soll repräsentieren, das könnte er von seiner Vita und seinem Auftreten her sicherlich perfekt. In wieweit er die wirtschaftlichen Erfordernisse mitbringt und sich außerhalb des japanischen Marktes im Fußball auskennt, sprich, ob er ein Fußball-Unternehmen führen kann, dies herauszufinden obliegt nun auch dem Vereinsbeirat.

Ihn jedoch im Vorfeld bereits madig zu machen und ihm sämtliche Fähigkeiten abzusprechen, ohne überhaupt zu wissen, wie sein Plan aussehen könnte und wen er unterstützend an seiner Seite hat, finde ich ungerecht. Dass er Interna aus dem Aufsichtsrat ausgeplaudert haben soll, ist für mich noch kein Kriterium, ihn als Präsidenten abzulehnen. Die Ära Dietrich würde ich, von allem was man aus dem Verein so mitbekommt, fast schon als Diktatur bezeichnen, in der selbst der Aufsichtsrat „auf Linie“ getrimmt war, damit ja alle Entscheidungen „einstimmig“ ausfielen. Wenn dann einer ausschert und sich nicht mehr anders zu helfen weiß, zum Wohl des VfB übrigens, ist er für mich eher ein Revoluzzer als einer, dem man nicht mehr über den Weg trauen könnte.

Guido Buchwald ist (m)ein Idol, zweimaliger deutscher Meister mit dem VfB und Weltmeister und hat eine sensationelle Epoche des Vereins, die ich enthusiastisch begleitet habe, entscheidend mitgeprägt. Er hat es sowohl nicht verdient, dass ihn ein Sponsorenvertreter bzw. Vertreter des Anteilseigners als VfB-Idol in aller Öffentlichkeit verunglimpft, als auch, dass man seine Kandidatur nicht mit dem angebrachten Respekt würdigt und einfach mal abwartet, wen der Vereinsbeirat ins Rennen zu schicken gedenkt.

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