22. Mai 2010

Neuer Hauptsponsor: Der VfB sucht die Nähe zur Region

Erwin Staudt hätte es auch ganz kurz machen können und sagen: “Der Käse ist gegessen.” In diesem Fall der Weichkäse, denn auf die Herstellung solcher Produkte versteht sich Eduardo Garcia bestens. Er ist Inhaber und Vorstand der Garmo AG mit der Premiummarke Gazi – und dieses Unternehmen wird jetzt Hauptsponsor des VfB Stuttgart.

Der Käse ist also gegessen, oder um mit Staudt zu sprechen: “Damit beschließen wir ein Kapitel, das uns in den letzten Monaten sehr beschäftigt hat.”Diesem Satz des Präsidenten gingen viele Gespräche mit vielen Firmen voraus, die bei dem auch bei den Stuttgarter Kickers engagierten Garcia endeten. Der Vertrag läuft bis 2012 mit der Option für eine weitere Saison und bringt dem VfB bis zu sechs Millionen Euro pro Jahr, abhängig von den Erfolgen der Mannschaft. Der bisherige Hauptsponsor EnBW zahlte zwar 7,5 Millionen Euro, aber der Club hat sich dennoch verbessert, weil der Energiekonzern als Partner in der zweiten Reihe mit drei Millionen Euro erhalten bleibt.

Sponsoren bringen 25 Millionen Euro

Insgesamt kassiert der VfB Stuttgart von seinen 20 Sponsoren rund 25 Millionen Euro, womit er zur Spitzengruppe in der Bundesliga gehört. In diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist das umso wichtiger – was auch das Beispiel 1. FC Kaiserslautern zeigt. Der Hauptsponsor des Aufsteigers erklärte gestern seinen Rückzug.

Das ist der Trend, doch solche Sorgen plagen den VfB nicht. Er unterscheidet sich von den meisten Konkurrenten – etwa dadurch, dass er auch die Verhandlungen mit Gazi in Eigenregie abgewickelt hat und ohnehin nach wie vor alle Rechte im eigenen Haus hält. Oder dadurch, dass er keine Provisionen an Agenturen ausschütten muss. Oder dadurch, dass er sich nicht an einen Vermarkter gebunden hat. Das gebe es nur noch ganz selten in der Bundesliga, sagt Staudt, “wir können die Einnahmen ausschließlich für unsere Zwecke nutzen.”

Da kommt Gazi gerade recht. “Das ist der erste Partner, zu dem wir zu Fuß hinlaufen können”, sagt Staudt. Möglich wird das, weil es nicht weit ist von der VfB-Geschäftsstelle in Bad Cannstatt bis zum Büro von Garcia in Stuttgart-Wangen. Was der Präsident so salopp formuliert, hat jedoch auch einen tieferen Hintergrund: die Ausrichtung des VfB. “Wir streben nicht nur die finanzielle Unterstützung an” sagt Staudt, “was wir brauchen, ist auch ein Beitrag zu unserer Vereinsphilosophie. Wir suchen die Nähe zur Region.” Und da passt ein Sponsor aus Stuttgart-Wangen eben besser als einer aus Tokio oder aus Schanghai.

Insofern ist die Kooperation mit Garcia ein Schritt auf dem Weg, dem sich der VfB verschrieben hat. Auf sportlicher Ebene bedeutet das, dass schwerpunktmäßig die eigenen Talente gefördert werden. Dabei lautet die Vorgabe jetzt, wieder mehr Spieler aus der A-Jugend des VfB zu Stammkräften bei den Profis zu machen. Die momentan Letzten, die das geschafft haben, sind Serdar Tasci und Sami Khedira – und das war vor mehr als drei Jahren. Christian Träsch rückte seitdem zwar auch auf, aber er wurde nicht in Stuttgart ausgebildet, sondern von 1860 München verpflichtet.

Nun bekommen Sven Ulreich, Sebastian Rudy, Patrick Funk und Daniel Didavi die Chance. Julian Schieber muss dagegen warten. Er wird ausgeliehen – wohl nach Nürnberg. Über diese Planspiele spricht Horst Heldt nach der Vorstellung von Gazi. Zuvor hat der Manager auch gehört, was der neue Sponsor erwartet: auf jeden Fall wieder die Qualifikation für das internationale Geschäft. “Wir wollen Europa erobern”, sagt Garcia – und meint damit sowohl sein Unternehmen als auch den VfB.

Daran wird die Mannschaft gemessen – und Heldt. Er muss das Konzept mit den jungen Leuten umsetzen und trotzdem Europa erobern, wie Garcia so schön sagt. Dabei weiß Heldt, dass die Wirtschaftssituation keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt zulässt. Auch die Option für Cristian Molinaro hat er bei Juventus Turin noch nicht gezogen. Die Frist läuft jedoch erst am 31. Mai ab. Bis dahin wird der Manager versuchen, die Ablöse von vier Millionen Euro noch zu drücken. “Das alles ist eine Herausforderung für mich”, sagt Heldt – während Staudt und Garcia ihre Herausforderung schon bewältigt haben.

(STZ 20.5.10)

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Vorwurf an Gomez? Lehmann hat ein Späßle gemacht

Category: Presse — Tags: , , , , – Franky @ 04:49

Ein Scherz über seinen ehemaligen Teamkollegen Mario Gomez hat eine Woche nach dem Karriereende von Jens Lehmann für Wirbel gesorgt. Ein Satz in der Autobiografie des Torwarts liest sich so, als werfe Lehmann Gomez vor, in dessen letztem Spiel für den VfB Stuttgart bei Bayern München (1:2) am 23. Mai 2009 absichtlich am Tor vorbei geschossen zu haben, um seinem zukünftigen Verein nicht zu schaden. “Es war ein Fehler von mir, denn das war ironisch gemeint. Es war ein Spaß und das hätte ich groß drüber schreiben sollen”, sagte Lehmann am Sonntag in der TV-Sendung “Doppelpass” von Sport 1.

Der 40-Jährige erklärte, sich bereits telefonisch bei Gomez für den entstandenen Eindruck entschuldigt zu haben. Die “Bild”-Zeitung hatte die Passage am Samstag in ihrem Vorabdruck des Lehmann-Buches aufgegriffen. “Es stand groß in der Zeitung, und die Leute glauben das. Aber das war nicht ernst gemeint”, sagte Lehmann.

(STZ 17.5.10)

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Sven Ulreich ist die neue Nummer eins

Der 21-jährige Sven Ulreich wird Nachfolger des zurückgetretenen Jens Lehmann im Tor des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Wie die Schwaben bei der Abschluss-Pressekonferenz am Donnerstag weiter mitteilten, verpflichtete der Club Marc Ziegler vom Borussia Dortmund als Ulreich-Vertreter. “Wir haben Vertrauen in Sven und denken, mit Marc Ziegler einen Backup verpflichtet zu haben, der das Anforderungsprofil mitbringt”, sagte Sportdirektor Horst Heldt. Zudem verstärkt sich der Europa-League-Teilnehmer mit Stürmer Martin Harnik. Der österreichische Nationalspieler war bisher von Werder Bremen an den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen.

(STZ 13.5.10)

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14. Mai 2010

Europa, wir kommen!

Leider wurde das letzte Heimspiel gegen Mainz nicht gewonnen, so dass wir in Hoffenheim noch einen Punkt benötigen würden, um sicher die Europa League zu erreichen. Europa League – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, wenn man an die Weltuntergangstimmung in der Vorrunde zurückdenkt. Jetzt aber, wo das Ziel zum Greifen nah ist, möchte man dieses natürlich auch erreichen. So, wie der VfB traditionell eine missratene Vorrunde spielt und mit unglaublichen Kraftakten in der Rückrunde noch die Kohlen aus dem Feuer holt, so schwächelt der Hamburger SV nach einer tollen Vorrunde regelmäßig in der Rückrunde. Am 16. Spieltag, nach unserem 1:1 in Mainz (wer erinnert sich nicht an Jens Lehmann auf der Flucht), hatten wir zum HSV 15 Punkte Rückstand und “verbesserten” uns gerade auf Rang 15, vor dem letzten Spieltag, man höre und staune, lagen wir drei Punkte vor dem HSV und lediglich das schlechtere Torverhältnis zwang uns, am letzten Spieltag noch etwas tun zu müssen. Auch am 22. Spieltag, nach der 1:3 Heimniederlage gegen die Hamburger, lagen wir noch 11 Punkte hinter den Hanseaten. Damals hätte niemand mehr einen Pfifferling auf die Europacup-Teilnahme des VfB im kommenden Spieljahr gesetzt. Der HSV musste allerdings selbst in Bremen gewinnen, um seine Europa League Chance wahren zu können. Hier können wir uns bei der DFL bedanken, dass der direkte Kontrahent ein starkes Kaliber am Saisonende vorgesetzt bekam. Zum einen das prestigeträchtige Nord-Derby, zum anderen musste Bremen auch noch etwas tun, um in die Champions-League-Qualifikation einzuziehen.  Wir vom VfB spielten bei einer Mannschaft deren 11. Platz bereits sicher war. Dennoch birgt das Treffen mit Hoffenheim einige Brisanz. Nicht nur aufgrund der nur etwa 60 Kilometer Entfernung vom Stadion in Sinsheim nach Bad Cannstatt, auch haben die Hoffenheimer einige Ex-VfBler in ihren Reihen, nicht zuletzt ihren Übungsleiter Ralf Rangnick. Dazu kommt, dass dieses Spiel von Hoffenheimer Seite gerne als Derby angesehen wird, doch dabei nehmen sie sich wichtiger als sie sind. Derbys haben auch etwas mit Tradition zu tun, die Hoffenheim trotz der Jahreszahl 1899 in seinem Vereinsnamen beim besten Willen nicht vorweisen kann. Die TSG 1899 Hoffenheim ist das Hobby, oder soll ich sagen eines von zahlreichen Projekten, von Dietmar Hopp, Milliardär und SAP-Mitbegründer, der sich eines Tages in den Kopf gesetzt hatte, aus einem Dorf- einen Bundesligaverein zu formen, was ja auch gelang. In der Aufstiegssaison von der Regionalliga in die 2. Bundesliga hatte Hoffenheim einen Zuschauerschnitt von etwa 3.000 Zuschauern, welcher in der 2. Bundesliga, wo der Durchmarsch in die Bundesliga gelang, auf rund 6.000 Besucher verdoppelt wurde. Während alle anderen Zweitligavereine, stellt man Transfereinnahmen und –ausgaben gegenüber, höchstens eine Million ausgaben, betrugen die Transferausgaben von Hoffenheim 18.570.000 Euro (Quelle: transfermarkt.de). Also tolle Waffengleichheit und ein echtes Wunder, den Durchmarsch geschafft zu haben. Solche Mäzene machen den Fußball auf Dauer kaputt, wenn dem nicht ein Riegel vorgeschoben wird und noch weitere Retortenvereine die Traditionsvereine aus den oberen Ligen verdrängen.

Dietmar Hopp und sein Verein sind daher für die VfB-Fans ein rotes Tuch und geben immer Anlass auf unsere Tradition zu verweisen. So bei der Choreographie im Neckarstadion in der letzten Saison „Eine stolze Kurve voller Geschichte“, so auch dieses Mal, als dazu aufgerufen wurde, dass alle im weißen Trikot mit rotem Brustring kommen sollen.

Um zur Anfangsthese zurückzukommen: es würde also bei so vielen Reibungspunkten sicher kein einfaches Spiel werden, wie sonst oft, wenn es für eine Mannschaft um nichts mehr geht.

Wir hatten schon so einiges gehört, dass die Verkehrssituation am Stadion chaotisch sein soll, daher entschlossen wir uns, wieder mit dem RWS Berkheim im Bus mitzufahren, um stressfrei und problemlos wieder wegzukommen. Nach einigen größeren und kleineren Staus erreichten wir gegen 14.45 Uhr den Busparkplatz direkt vor dem Gästeeingang der neuen Rhein-Neckar-Arena. Ich spüre immer wieder ein gewisses Kribbeln in mir, wenn ich zu einem Stadion komme, in dem ich noch nicht war. Das war dieses Mal anders, weil mich dieser Verein einfach nur anwidert. Dazu passend wurden wir auch gleich von Hoffenheimer Fans angepöbelt. Komischerweise fällt den meisten aber nichts ein, wenn man sie fragt, welchen Schal sie noch vor 5 Jahren getragen haben. Das ist doch die gleiche Spezies „Fan“, die man auch bei den Bayern antrifft. Sich eben mal einem Verein anschließen, bei dem die Erfolgsaussichten größer sind als anderswo. Da bin ich doch froh, dass ich richtig VfB-Fan wurde als der VfB in der 2. Liga Süd kickte und seither durch dick und dünn mit dem Verein ging.

Wir sind dann auch gleich hinein gegangen und haben sofort unseren Platz aufgesucht. Da kam erst einmal das böse Erwachen. Wir hatten unsere Plätze in Reihe 3 und das so etwas von sichtbehindert. Der Gästeblock oder soll ich besser sagen Käfig, erinnerte stark an den in Freiburg, zumindest was die Zäune anging. Mein erster Gedanke war, ob ich von hier aus überhaupt ein gescheites Bild Richtung Spielfeld schießen könnte.

Apropos Bilder schießen: laut VfB-Faninfos für das Spiel in Sinsheim wurden vom Veranstalter nur kleine Kameras wie Canon Ixus oder Casio Exilim zugelassen, die namentlich erwähnt waren. So war ich mir unsicher, ob ich meine Kamera überhaupt mit rein bringen würde. Daraufhin fragten wir beim VfB an durchaus kompetent erscheinender Stelle an, ob das richtig ist und bekamen eine Antwort, die wir uns selbst nicht besser hätten geben können: “das haben die Hoffenheimer uns so mitgeteilt.” Daraufhin nahmen wir selbst mit Hoffenheim Kontakt auf und das ganze erwies sich als Ente. Wir bekamen es vom Fanbeauftragten schriftlich, dass meine Kamera in diesem Stadion zugelassen ist. Viel Rauch um nichts also Gott sei Dank. Das wäre ja noch schöner, bislang habe ich die überall mitnehmen können, da es ja keine Spiegelreflex-Kamera ist, die als professionelles Equipment gelten würde.

Da die Sicht vom Platz also extrem schlecht war, das Fotografieren Richtung Spielfeld so gut wie unmöglich, stellte ich mich unten an den Zaun und fotografierte durch das Gitter hindurch. Hier blieb ich die komplette Spielzeit stehen und gab den Platz natürlich auch in der Halbzeitpause nicht auf. :-) Zu meiner Überraschung sah ich keine Ordner im Block, zumindest nicht bei uns da unten, und so wies mich auch niemand an, mich auf meinen Platz zu setzen.

Wie im badischen üblich, ertönte vor dem Spiel, begleitet von einer Schalparade, das Badener Lied. Als das ertönte, stellte ich mir die Frage, wieviele zu Hoffenheim abgewanderten Württemberger dieses jetzt wohl mitgröhlen würden.

Vor dem Spiel gab es dann noch eine Choreographie seitens der Hoffenheimer, die einfallslos und dilettantisch wirkte, angesichts dessen, was wir bei unseren letzten 3 Heimspielen vom Commando Cannstatt geboten bekamen. Wenn Hoffenheim so etwas macht, drängt sich sowieso immer gleich die Frage auf, ob die Papa Dietmar finanziert hat. Dann waren auch noch jede Menge Fahnenschwenker auf dem Platz, die haben sie sich wahrscheinlich beim BVB abgeguckt.

Der VfB wurde etwa von 3.500 Fans unterstützt, unser Kontingent war, wie so oft in dieser Saison, restlos vergriffen. Für dieses Spiel hätten laut Geschäftsstelle etwa 4 Mal so viele Karten verkauft werden können.

Die Zeit bis um 15.30 Uhr verging dann vollends schnell. Angeführt von Kapitän Delpierre betrat der VfB den Rasen zum letzten Gefecht der Saison. Jens Lehmann wurde bei seinem letzten Bundesligaspiel eine besondere Freude zuteil, durfte er doch mit seinen beiden Söhnen an der Hand ins Stadion einlaufen.

Jens Lehmann wurde ja mit Roberto Hilbert, Aleks Hleb und Ricardo Osorio letzten Samstag nach dem Mainz-Spiel vom VfB offiziell verabschiedet. Von den Hoffenheimern um den scheidenden Manager Schindelmeiser gab es dann, ebenso wie im übrigen für Timo Hildebrand, auch noch Blumen. Lehmann wird der Bundesliga sicher fehlen, auch ich bin traurig, dass er nicht noch ein Jahr dranhängt. Klar, nach dem Mainz-Spiel hätte ich ihn am liebsten sofort verbannt, doch nach den teils überragenden Leistungen in der Rückrunde, bleibt dies doch mehr haften als seine Aussetzer. Vor allem seine Wucht und Präsenz im Strafraum werden mir fehlen. Seit er in Stuttgart ist, habe ich mir bei gegnerischen Eckbällen keine Sorgen mehr gemacht, weil er doch so gut wie alles heruntergepflückt hat.

Schon früh wurde klar, dass die Hoffenheimer uns allzu gerne in die Europa League Suppe gespuckt hätten. Sie waren in den Zweikämpfen präsent und attackierten den jeweils ballführenden Stuttgarter früh und mit Zweikampfhärte. So mußte Christian Träsch, eine unserer vier deutschen WM-Hoffnungen,  nach grobem Foul von Salihovic früh behandelt werden. Die Stimmung im VfB-Block war von Beginn an klasse. Seit dem Badener Lied habe ich von den Hoffenheimern nichts mehr gehört, was ja durchaus ein gutes Zeichen ist. ;-)

In der 16. Minute hieß es gleich mit der ersten Torchance 1:0 für den VfB. Cacau, der sich am eigenen Strafraum den Ball erkämpfte, schloss einen mustergültigen Konter klasse ab. Cacau, auch ein Mann der Rückrunde. Mich freut es sehr, dass er bleibt. Zwar finde ich es auch gut, wenn der Verein seine Prinzipien hat und nicht jeder Forderung nachgibt. Trotzdem hätte man sicher noch mehr Geld ausgeben müssen, um einen Nachfolger zu finden und dessen Gehaltsforderungen zu befriedigen. Bei Cacau wissen wir, was wir an ihm haben.

Die Stimmung war natürlich klasse und von den Hoffenheimern weiterhin nichts zu hören. Leider schien es dann so, dass der VfB nach der Führung einen Gang zurück schaltete. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass sie sofort versuchen nachzulegen, da den Hoffenheimern der Schock lange deutlich anzumerken war. Ich stellte vor dem Spiel schon eine zugegebermaßen etwas vermessene Rechnung auf: wir sollten mit 2, 3 Toren Vorsprung gewinnen, Dortmund verliert in Freiburg und mit etwas Glück wären wir auf Platz 5. Dieser hätte den Vorteil, dass wir später in dier Europa League Qualifikation einsteigen müßten, was wiederum dem VfB und auch uns die Sommerplanung erleichtern würde. Als Sechster haben wir das erste Qualifikationsspiel bereits  am 29.7., also mitten in der Saisonvorbereitung. Da wir, wie im letzten Jahr, wieder zum Trainingslager mitfahren möchten, sind also auch wir davon unmittelbar betroffen. Ich weiß ja nicht, ob der VfB diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht gezogen hat oder nur auf den noch einen fehlenden Punkt spekuliert hat: nach der 1:3 Niederlage der Dortmunder in Freiburg wäre dies durchaus möglich gewesen. Hätte man das 0:2 nachgelegt, wer weiß, ob die Hoffenheimer die Saison dann nicht endgültig abgehakt hätten. Aber: alles hätte, wenn und aber nützt nichts, am Ende stand es 1:1.

Das Ausgleichstor, im letzten Spiel von Jens Lehmann auch noch ausgerechnet resultierend aus einer Ecke, habe ich “schön” eingefangen. Torschütze war einer der Ex-VfBler, Vukzevic mit seinem ersten Bundesligator. Das Tor fiel zum psychologisch ungünstigen Zeitpunkt in der 44. Minute. Noch vor der Pause hätte der VfB dann sogar 2:1 zurückliegen können, als Salihovic den Pfosten traf.

So ging es also mit dem 1:1 in die Halbzeitpause. In der 2. Halbzeit war Hoffenheim das druckvollere Team mit den besseren Chancen. Mit einem Ohr waren wir natürlich auch immer beim Spiel Werder-HSV. Als Pizarro in der 58. Minute Werder in Führung schoss, wichen die Zweifel, selbst sollte unser Spiel noch verloren werden, die Europa League noch zu verspielen.

In der 82. Minute dann glich Van Nistelrooy in Bremen aus, was uns noch einige Minuten Zittern bescheren sollte, doch dann war es vollbracht. Der VfB erreicht auch im vierten Jahr in Folge das internationale Geschäft, was auf der VfB-Bank wie auf den Rängen natürlich große Freude auslöste. Christian Gross hat es also geschafft aus einem Abstiegskandidaten einen Europa League Teilnehmer zu formen. Hätte man ihn schon Anfang Oktober geholt, als zumindest ich Markus Babbel schon die Wende nicht mehr zutraute, was wäre dann in dieser Saison alles möglich gewesen. Dass die Mannschaft Qualität hat, hat sie in der Rückrunde, eindrucksvoll bewiesen. So dürfen wir uns wenigstens “Rückrundenmeister” nennen.

Seit dem Bayern-Spiel hat der Kreis schon feste Tradition, in dem die Mannschaft zuerst sich selbst feiert, bevor sie zu den Fans kommt. Ich denke, diese Art der Freude und des Feiers hat Cristian Molinaro eingebracht. Molinaro ist für mich auch ein Spieler der Rückrunde. Der erste Transfer unter Mitwirkung von Christian Gross und gleich ein Volltreffer, das macht mir Hoffnung für die Zukunft. Ich hoffe sehr, dass der Verein die Kaufoption ziehen wird und Molinaro längerfristig bindet. Er tut der Mannschaft nicht nur sportlich gut (wer fragt heute noch nach Ludovic Magnin), sondern auch menschlich. Er ist immer gut gelaunt und auch zu den Fans äußerst freundlich, wirklich ein toller Typ.

Der Mannschaft wirkte man die Freude und auch Erleichterung an, dass die Saison zu Ende ist und der Druck endlich abgefallen ist. Auch für sie war es ja ein Wechselbad der Gefühle, wenn man an die Vorkommnisse rund um das Heimspiel gegen Bochum denkt und die ständigen Jubelarien jetzt in der Rückrunde.

Dass Christian Gross auch den Teamgeist neu entfacht hat, merkt man allen an, wie ausgelassen sie feiern und auch, dass sie dann, wieder war Molinaro die treibende Kraft, die Abgänge einzeln vorschickten, um sich ihren letzten Applaus abzuholen.

Den Anfang machte Ricardo Osorio, der überaus sympathische Mexikaner. Ich finde es sehr schade, dass ihm meist Celozzi, teilweise auch Boulahrouz und sogar Träschi (sogar, weil er aus dem Mittelfeld rausgezogen wurde, sonst lasse ich über den gar nix kommen. :-) vorgezogen wurden. In den letzten Spielen konnte er sein Können noch einmal zeigen, als Celozzi verletzungsbedingt ausfiel. Mir gefiel Ricardo immer gut, als Typ, er hat aber auch immer seine Leistung gebracht und ist für einen Abwehrspieler technisch sehr stark. Danke Ricardo Osorio, mit Pavel Pardo zusammen die ersten Mexikaner überhaupt in der Bundesliga. Dass Scheiden weh tut, merkt man ihm besonders an.

Zweiter war Roberto Hilbert. Seine erste Saison war auch zugleich seine beste. Es war die Meistersaison, in der er am Gewinn des Titels großen Anteil hatte. Leider konnte er diese Leistungen danach nie mehr bestätigen. Eines konnte man ihm aber nie vorwerfen: mangelnden Einsatz und Identifikation mit dem Verein. In diesen Disziplinen war er stets ein Vorbild. Fußballerisch konnte er es leider nicht mehr besser, vielleicht tut ihm eine Luftveränderung auch gut. Vielen Dank und alles Gute Roberto!

Dritter im Bunde: Jens Lehmann. It’s time to say Goodbye kann man mit 40 Jahren schon mal sagen. Vor einem halben Jahr hätte er sich seinen Abgang von der großen Fußballbühne sicher auch nicht so emotional vorgestellt. Jetzt merkte man ihm an, dass er Mühe hatte, die eine oder andere Träne zurückzuhalten. Uns verläßt ein ganz großer seiner Zunft, dass ich ihn vermissen werde, habe ich bereits oben erwähnt. Leider konnte er mit dem VfB keinen Titel mehr seiner Sammlung hinzufügen. Danke Jens für 2 tolle Jahre.

Letzter im Bunde: Aleks Hleb, der mußte von Molinaro fast noch gezwungen werden, auch ein paar Schritte vor zu treten, so gekünstelt sah auch sein Lächeln aus. Bei ihm könnte ich sagen: “Danke für Nichts”, wenn er nicht schon eine bessere Vergangenheit in Stuttgart gehabt hätte und wenn sein Tor gegen Temesvar, das den Weg in die Königsklasse geebnet hatte, nicht gewesen wären. Sonst bleibt hängen, dass er in untrainiertem Zustand auf dem Wasen auftauchte, mehr um die Häuser zog, als es eines Fußballprofis würdig wäre und durch Undiszipliniertheiten die Autorität des Trainers untergraben hatte. Wenn er immer wieder Übungen im Training schwänzt oder aufgrund eines zu lockeren Lebensstils zu spät kommt oder nicht fit ist, verwundert es dann, dass ihn ein Disziplinfanatiker wie Gross auf der Bank schmoren läßt? Mich wundert das nicht. Genau durch solche Maßnahmen hat es Gross geschafft, wieder Disziplin und Respekt in die Mannschaft zu bekommen. Daher war es für mich völlig okay, dass Gross ihn auch im letzten Spiel auf der Bank schmoren ließ, zumal er ja in der Woche zuvor den Trainer noch kritisiert hatte. So sehr ich begeistert war im Sommer, als er kam, so froh bin ich jetzt, dass das Kapitel wieder beendet ist. Ihm kann man vielleicht wünschen, dass er wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt und kapiert, dass man sich Erfolg täglich neu erarbeiten muß. Sonst kann er vielleicht bis Vertragsende in Barcelona noch gut abkassieren, danach wird er aber sicher kleinere Brötchen backen müssen, was Gehalt und auch was einen zukünftigen Verein angeht.

Dann folgte natürlich die obligatorische La Ola und weiter eine ausgelassene Feier, die bis spät in die Nacht dann in Stuttgart ihre Fortsetzung fand.

Wir fuhren gegen 18 Uhr wieder los, weit hatten wir es ja Gott sei Dank nicht. Am Ende waren wir natürlich zufrieden. Auch im vierten Spiel gegen Hoffenheim nicht verloren und in den Europacup eingezogen, was will man mehr. Lange gewann ich dem Umstand, im nächsten Jahr nicht international dabei zu sein, viel positives ab. Viel Geld gibt es ja sowieso nicht zu verdienen, was Horst Heldt kürzlich zu einer ironischen Antwort verleitete auf die Frage: Was würde  die Europa League Teilnahme bringen: “Mehr englische Wochen”. Ich dachte eigentlich daran, ohne englische Wochen könnte der VfB in der nächsten Saison durchstarten. Jetzt sollte man aber schon wieder darauf achten, einen größeren Kader zu besitzen, um den Kräfteverschleiß auszugleichen. Weiterer Nachteil sind die vielen Sonntagspiele, denen meist die 3. Halbzeit zum Opfer fällt, es sei denn, man kann den Montag frei nehmen. Andererseits gibt es auch in der Europa League den ein oder anderen attraktiven Gegner oder die ein oder andere attraktive Stadt, wohin es sich lohnt auch einen mehrtägigen Trip zu machen. Damit freunde ich mich natürlich auch an.

Jetzt also stehen wir vor einer 10-wöchigen Bundesligapause. Gefühlt verkürzt aber durch die WM in Südafrika und unser voraussichtlicher Besuch beim Trainingslager und beim Uhren-Cup in Grenchen. Dann folgen die ersten Qualispiele für die Europa League und das Erstrundenspiel im DFB-Pokal. Ich versuche wie immer, so viel wie möglich mit zu nehmen und werde mich in Kürze auch mal zu Jogis Löwen zu Wort melden.

Bis dahin, viele Grüße

Euer Franky

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12. Mai 2010

Christian Gross im Porträt: Härter als der Rest

Als Christian Gross noch ein junger ehrgeiziger Trainer war, da hat er eine schwere Niederlage hinnehmen müssen. Nicht auf dem Fußballrasen, aber auf dem Spielfeld des Lebens. Ausgelöst wurden diese inneren Turbulenzen durch ein Foto. Im Original zeigt es den heutigen Trainer des Bundesligisten VfB Stuttgart mit seiner damaligen Liebe Mona.

Ein Bild aus glücklichen Tagen. Der “Blick” hat es 1981 veröffentlicht. 14 Jahre später haben es die Redakteure der Schweizer Boulevardzeitung noch einmal aus dem Archiv gekramt und wieder gedruckt. Allerdings haben sie zuvor einen fetten Riss zwischen Herrn und Frau Gross montieren lassen, um zu dokumentieren, dass es aus sei zwischen dem Promipaar.

Dass seine Privatangelegenheit in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt wurde, hat Gross getroffen. Es hat ihn aber vor allem geprägt. Seither gilt für den Schweizer der Leitsatz: “Es gibt Geschichten über mich und es gibt Geschichten mit mir, aber es gibt keine Geschichten mit mir über mich.”

Der Anti-Babbel

Vor kurzem hat der erfahrene und nach wie vor sehr ambitionierte Trainer Christian Gross dem “Blick” wieder ein Interview gegeben. Darin hat der 55-jährige Fußballlehrer erzählt, dass er sich nun scheiden lasse, nach 28 Ehejahren. Und ja, er habe eine neue Partnerin. Mehr nicht. Im Grunde hat Gross genauso viel erzählt, wie er musste, um sich keine Feinde zu schaffen. Alles andere wäre Verrat an der eigenen Sache gewesen. So etwas macht Gross aber nicht. Dazu ist er zu konsequent, zu analytisch, zu berechnend.

Beim VfB haben sie gewusst, dass sie sich einen kantigen und auch kompromisslosen Übungsleiter in den Club holen. Sie haben im vergangenen Dezember aber vor allem gehofft, dass dieser Typ mit dem markanten Schädel mit seiner strengen und strikten Art den Anti-Babbel gibt und das Team aus der Abstiegszone der Bundesliga führt. Nun hat er es zur Europapokal-Teilnahme katapultiert. In Stuttgart haben sie jedoch nicht geahnt, dass sie einen Chefcoach verpflichten, der in der Ansprache so direkt, in der Art aber so distanziert ist.

Wie seine Vorgänger begrüßt Gross zwar alle VfB-Mitarbeiter per Handschlag, wenn er auf das Vereinsgelände kommt, doch näher lässt er niemanden heran. Er siezt sie alle: die Führungsriege, die Platzwarte, die Fans, die Spieler, ja selbst den Manager Horst Heldt. Bisweilen erweckt es den Eindruck, als wisse auch Heldt nicht wirklich, was Gross gerade vorhat. Wie mit einer unsichtbaren Mauer umgibt sich der Trainer. Manche nennen es Aura, andere beschreiben es als Unnahbarkeit.

“Ein Trainer muss immer wach sein”

Doch egal, auf welche Weise man versucht, sich dem Polizistensohn aus Zürich-Höngg zu nähern, eines bleibt unbestritten: Christian Gross ist ein Mann, der dem Erfolg alles unterordnet. Nichts in seinem Denken und Handeln ist auf ein anderes Ziel ausgerichtet als auf den nächsten Gegner, den nächsten Sieg. “Ein Trainer muss immer wach sein”, sagt Gross. Er ist es häufig 18 Stunden lang am Tag und versteht seinen Job auch als permanente Fortbildungsquelle: Trainingslehre, Taktik, Mannschaftsführung, Management, Marketing, Sportpsychologie, Öffentlichkeitsarbeit, und, und, und. Ständig will Gross mehr wissen, seinen Trainerhorizont erweitern.

Auf den Fußball in all seinen Facetten sollen sich auch die Spieler fokussieren. Tun sie es, ist alles gut. Tun sie es nicht, haben sie ein Problem. In einem spanischen Trainingslager hat Gross einmal die Profis seines früheren Arbeitgebers FC Basel nach den Ergebnissen der Primera División am Abend zuvor abgefragt, in der Kategorie Sporting Gijon gegen Real Valladolid.

Der VfB-Trainer selbst ist permanent auf Empfang, was den nationalen und internationalen Fußball anbelangt. Er schaut häufig DVDs, saugt alle Informationen auf, die er erhalten kann. Früher soll er mit einer Stoppuhr vor dem Fernseher gesessen haben, um zu erfahren, wie lange englische Spitzenteams von der Balleroberung bis zum Torabschluss brauchen. Heute seziert er den Gegner mit moderner Technik, füttert die Mannschaft mit dessen Stärken und Schwächen, trichtert ihr seinen Plan ein – ausgehend von seiner Persönlichkeitsanalyse des gegnerischen Kollegen. Immer wieder die gleichen Sätze formulierend, bis sie fast zum Mantra werden.

Autorität und Glaubwürdigkeit

Detailbesessen nennen sie Gross deshalb überall dort, wo er bisher gearbeitet hat. Den FC Aarau hat er vor Jahren sechsmal beobachten lassen, und am Ende fuhr Gross noch selbst in die Provinz, um sich ein Trainingsspiel des deutlich schwächer eingeschätzten Kontrahenten anzusehen. Allerdings hat den Schweizer Meistermacher nur bedingt die Sorge umgetrieben, ihm sei eine Nuance entgangen, Gross wollte ein Signal senden: Seht her, ich nehme den Gegner ernst, sehr ernst sogar.

Der FC Basel gewann die Partie mit 6:0 – und Gross an Autorität und Glaubwürdigkeit. Das ist es, worauf es ihm ankommt. Gross will für die Spieler eine verlässliche, aber keine berechenbare Größe sein. “Die Spieler müssen mich nicht lieben, aber sie sollen mich mögen”, sagt er.

Zu der bekannt harten Hand kommt so eine Portion Einfühlungsvermögen. Zumindest, wenn es dem Resultat dient. Sonderbehandlungen gibt es aber nur zu einer Bedingung: Sie müssen mit Extraleistungen zurückgezahlt werden. Beim VfB ist zuletzt der eskapadenreiche Jens Lehmann in diesen Genuss gekommen. Der Torwart durfte aus privaten Gründen einige Male beim Training fehlen. Der filouhafte Alexander Hleb hat dagegen zu spüren bekommen, dass der Trainer reizen, provozieren, auch verletzen kann.

Gross ist ein Allesalleinmacher

So hat Gross in Stuttgart, wo sich für ihn fast alles im Korridor zwischen Innenstadthotel und Vereinsgelände in der Mercedesstraße abspielt, ein klares System installiert. Der Weg in die Anfangself führt über Leistungswillen und Leidenschaft, der Weg aus dem Team über Verletzungen und Sperren – oder den offensichtlichen Mangel an den beiden Aufstellungskriterien. Von Sympathien und Sentimentalitäten lässt sich Gross nicht leiten. Verdienste und Vereinszugehörigkeiten zählen ebenso wenig, sofern er sich nichts davon verspricht.

Nicht selten bekommen die VfB-Profis die hohe Einsatzbereitschaft, die Gross von ihnen einfordert, vor Augen geführt: Wenn sie auf den Parkplatz fahren und ihren Chef schon auf dem Übungsplatz sehen. Gross misst dann Felder ab, stellt Hütchen auf. Denn trotz des Co-Trainers Jens Keller, weiterer Assistenten und dem Vorhaben, den Trainerstab zu erweitern, ist Gross ein Allesalleinmacher, auch ein Allesalleinentscheider. Zumindest behaupten sie das in Basel, wo er zehn Jahre lang tätig war.

Dort hat sich nach siebenjähriger Zusammenarbeit sein Co-Trainer Fritz Schmid verabschiedet, weil er es satt hatte, immer nur den Handlanger zu geben, nie etwas selbst gestalten zu dürfen. Im Zweifel vertraut Gross also dem Menschen, den er am besten kennt: sich selbst. Und es wird spannend zu beobachten sein, wie der machtbewusste Trainer versucht, schrittweise den VfB in den Griff zu bekommen.

“Swiss Army Chief”

Das Gross dies anstrebt, davon gehen die Fußballexperten in der Schweiz aus. Der Mann, dessen Erscheinungsbild an den kahlköpfigen Kojak erinnert – und der auch so cool sein kann wie der legendäre Fernsehpolizist mit dem Lolli im Mundwinkel -, schickt sich an, auf dem Wasen sein neues Fußballreich zu errichten.

Beim FC Basel hat Gross sich vehement in die Vereinspolitik eingemischt, sich öffentlich mit Gigi Oeri, der Clubpräsidentin und Miterbin eines Pharmakonzerns, gerieben. In Stuttgart gibt er sich zurückhaltend. Noch. “Als Trainer muss ich aber mitreden können”, sagt er. Jeder Sieg stärkt dabei seine Position. Und Gross will nicht nur eine Elf haben, die gelegentlich wie eine Gross-Mannschaft spielt: schnell und schnörkellos. Er will auf Sicht über eine Gross-Mannschaft verfügen. Mit Spielern, die er ausgesucht hat, und die seiner Vorstellung von Professionalität entsprechen.

Das Gross beim VfB nicht schon von Beginn an fordernd aufgetreten ist, gehört zum Kalkül – und hat auch mit der Vergangenheit zu tun. Schon einmal ist der Trainer im Ausland gescheitert. Im November 1997 ging er nach England, rettete Tottenham Hotspur vor dem Abstieg, wurde aber zehn Monate später entlassen. Der Saisonstart war missraten, doch vor allem kam Gross bei den britischen Medien nicht an. Sie verhöhnten den Disziplinfanatiker aus der Schweiz als “Swiss Army Chief”.

Gnadenlos gute Bundesligabilanz

Doch Gross ist kein Schleifer. In seiner Heimat haben sie ihn sogar mal als den “weichsten Trainer” betitelt, weil er nach einer herben Niederlage kein Straftraining ansetzte. Gnadenlos gut ist aber vor allem seine Bundesligabilanz. 42 Punkte in 18 Spielen, eine meisterliche Ausbeute.

Genugtuung oder besonderen Stolz verspürt Gross deshalb nicht, in solchen Gefühlskategorien denkt er nicht. Seine Erfolge und Erfahrungen haben ihn gelassener werden lassen. Selbst mit seiner inneren Haltung kann der Trainer mittlerweile kokettieren. Bei seinem Abschied aus dem Basler St.-Jakob-Park vor einem Jahr erklang Bruce Springsteen aus den Stadionlautsprechern: “Tougher than the rest” – härter als der Rest. Gross hatte sich dieses Lied gewünscht. Es ist ein Rocksong über einen Typen, der sich vielen Widrigkeiten zum Trotz als Sieger fühlt.

(STZ 11.5.10)

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