20. September 2019

Spitzenreiter!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , – Franky @ 12:41

Das letzte Auswärtsspiel umrahmten wir mit einem Wellness-Wochenende in der Oberpfalz, so dass ich erst jetzt dazu komme, meine Eindrücke abschließend zu Papier zu bringen.

Dabei bin ich immer noch ein wenig berauscht vom Spiel, auch wenn es schon einige Tage zurückliegt. Das liegt nicht nur am ersten Auswärtssieg nach zehn Monaten Durststrecke (der letzte gelang beim 1. FC Nürnberg, also ebenfalls im Freistaat Bayern), sondern auch daran, wie das Team phasenweise aufgetreten ist und welch tolle Einzelspieler wir inzwischen (wieder) haben.

Daraus ein Team, eine Einheit zu formen ist Aufgabe des Trainerstabes um Tim Walter. Diesbezüglich sehe ich uns auf einem sehr guten Weg, gelang es doch schon wiederholt, Siege zu erzwingen und während eines Spiels den Schalter noch einmal umzulegen. Dass dies gelingt, bedingt, dass die Jungs an einem Strang ziehen und füreinander da sind. Dass allein dies gesondert hervorzuheben ist, unterstreicht, was seit der Meisterschaft 2007 schiefgelaufen ist.

Diese Mentalität, gepaart mit Spielfreude und Können, sollte der Schlüssel für den Aufstieg sein, von dem wir freilich auch als jetziger Tabellenführer noch meilenweit entfernt sind.

Die Tabellenführung ist nicht mehr als eine Momentaufnahme, doch, ich möchte es nicht verhehlen, sie tut verdammt gut. Auch wenn die Spiele bislang allesamt holprig waren und in puncto defensiver Stabilität und Chancenverwertung noch ordentlich Luft nach oben ist, reißen mich die Spiele vom Hocker bzw. aus dem Stadionsitz.

Auf dem Platz ist immer etwas los, seit Jahrzehnten habe ich keine so aktive VfB-Mannschaft mehr gesehen, die 90 Minuten lang Vollgas zu geben bereit ist. Schon das ein Verdienst von Tim Walter, aber auch von Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger, die entwicklungsfähige und gute Charaktere geholt haben.

So macht es wieder Spaß, ins Stadion zu gehen, so überlegt man es sich genau, ob man unbedingt die Toilette aufsuchen oder ein Bier holen gehen muss, wenn ständig etwas los ist auf dem Platz und man Einzelkönner auf dem Platz hat, bei denen man Gefahr läuft, just in dem Moment ein Kabinettstückchen zu verpassen.

Gut, das mit dem Bier hatte sich in Regensburg ohnehin erledigt, weil unser Aufeinandertreffen mit dem Jahn zum Hochrisikospiel hochstilisiert wurde. Wohl wegen der Fanfreundschaft von einigen Jahn-Teenies mit denen eines Stuttgarter Vereins von den Golan-Höhen, gab es selbst auf der Haupttribüne lediglich (ungenießbares) Light-Bier.

Im Spiel eins nach dem Schließen des Transferfensters und nach überstandener Verletzung von Orel Mangala, konnte man erstmals von einer Startelf sprechen, die zu weiten Teilen das Gerüst der kommenden Wochen bilden dürfte.

Zur Überraschung vieler ließ Tim Walter „seinen Liebling“ Karazor draußen und vertraute die Position des alleinigen Sechsers Mangala an. Wie Mangala diese Rolle ausfüllte, war in meinen Augen phänomenal. Zweikampfstark, spielintelligent und eine brutale Präsenz ausstrahlend, schwer vorstellbar, dass wir mit ihm abgestiegen wären, wäre Reschke nicht auf beiden Augen blind gewesen. Auch Debütant Förster überraschte mich, sehr antrittsstark und ebenfalls spielintelligent. Dazu solide Spieler wie Kobel, Kempf und Stenzel, ein Badstuber, der immer stärker wird, den Kreativspielern Klement und Didavi und einem Sturm mit Nicolás González und Silas Wamangituka, die unser Spiel mit Schnelligkeit und Spielkunst bereichern. Dieses Team hat viel Potential und wird sich weiter steigern (müssen).

Wären die Jungs in puncto Chancenverwertung kaltschnäuziger, könnten sie dem 100-Tore-Sturm von 1976/77 Konkurrenz machen, so aber lassen sie einen zittern, mehr als einem lieb ist. Aber, was will man meckern, gewonnen ist gewonnen, Ende gut, alles gut!

Einen derart wilden Fußball wie derzeit unter Walter habe ich selten gesehen. Bei jedem Ballverlust herrscht Alarmstufe Rot, weil unsere Gegner fast ausschließlich in diesen ihre Chance sehen. Was dann auffällt, in Regensburg waren wir äußerst nah dran, wie geil die Jungs darauf sind, den Ball zurückzuerobern und wie weit man in solchen Situationen von der Grundformation entfernt ist, wenn ein Insúa plötzlich auf Rechtsaußen herumturnt.

Ein Fußball, in dem immer etwas los ist und in dem jeder, der es lieber gemächlich mag, fehl am Platze ist. Nach Jahren der fußballerischen Körperverletzung am Fan ist das für mich eine Wohltat, auch wenn der Schuss manchmal nach hinten los geht. Da die Truppe ständig aktiv ist, ist die Gefahr gering, dass man sich, auch wenn es mal nicht nach Wunsch läuft, seinem Schicksal ergibt.

Die Startaufstellung von Regensburg könnte, bis auf wenige Wackelkandidaten, jene der nächsten Wochen sein. Die Herren Gomez und Castro, aber auch Karazor und Ascacíbar dürften es schwer haben, es in die Stammformation zu schaffen. Mit dem Auftritt vom Samstag dürfte Insúa nicht mehr über den Platzhalter für den ausgefallenen Borna Sosa hinauskommen, seine Zeit, das sah man deutlich, ist wohl abgelaufen.

Santiago Ascacíbar blieb in Regensburg, und ist es auch gegen Greuther Fürth noch, suspendiert. Es muss einiges vorgefallen sein, wenn der VfB ein Fehlverhalten so drastisch und der Öffentlichkeit mitgeteilt, sanktioniert.

Gerüchten zufolge bastelt Santis Berater gar an einer Rückkehr zu seinem Stammverein Estudiantes de la Plata. Dass Ascacíbar ein Hitzkopf ist, weiß man und liebt es auch ein stückweit. Wenn diese Hitzköpfigkeit jedoch so weit geht, dass man dem Trainer vorschreiben möchte, wo er ihn bitteschön einzusetzen habe und dieser Forderung beim Sportdirektor Nachdruck verleiht, schlägt das dem Fass den Boden aus.

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass die Zeiten eines Michael Reschke, der dem Vernehmen nach Geldstrafen für manchen Spieler aus eigener Tasche gezahlt und damit die Autorität des Trainers restlos untergraben hat, vorbei sind und neuerdings Trainer, Sportdirektor und Sportvorstand dieselbe Sprache sprechen und sich kein Spieler „hinten rum“ ausheulen darf.

Ich hoffe, dass Ascacíbar verstanden hat und nicht den Weg des geringsten Widerstands geht und flüchtet. Im weiteren Saisonverlauf, vor allem, sollte sich Mangala noch einmal verletzen, wird man sich glücklich schätzen können, auf einen Ascacíbar zurückgreifen zu können. Sollte er allerdings weiterhin beleidigte Leberwurst spielen und schlechte Stimmung verbreiten, muss man ihn abgeben. Unzufriedene Spieler und totes Kapital, immerhin ist Ascacíbar noch einer DER Top-Verdiener, sollte man sich möglichst nicht leisten.

Von der sportlichen Leitung bin ich derzeit wirklich sehr angetan und habe das Gefühl, alles was sie anpacken, hat Hand und Fuß. Die Transfers sitzen, die Außendarstellung ist mit der des letzten Jahres überhaupt nicht mehr zu vergleichen und auch der Trainer ist bis in die Haarspitzen motiviert, seine Jungs von Tag zu Tag besser machen zu wollen. Ich hoffe sehr, dass es in dieser Konstellation noch lange funktioniert und das „schwierige“ Umfeld ruhig bleibt, auch wenn wir nicht jeden Gegner in Grund und Boden spielen.

Jetzt schon Vergleiche zu ziehen, gegen wen alles wir mit dieser Spielweise in der Bundesliga Packungen kriegen würden, empfinde ich als ungerecht der Aufgabe gegenüber. Diese lautet direkter Wiederaufstieg, wofür einer der ersten zwei Plätze in der 2. Bundesliga belegt werden muss. Dieses Ziel haben wir, um das Ziel zu erreichen, sind wir als derzeitiger Tabellenführer auf einem guten Weg.
Die Bundesliga ist noch weit weg, im Fall des Aufstiegs wird der Kader schon deshalb ein völlig anderer sein, weil Verträge auslaufen und Leihspieler wie Stenzel und Kobel zu ihren Stammvereinen zurückkehren (müssen). Es zählt das Hier und Jetzt!

Manch Miesmacher und notorischer Bruddler versteht auch meine gute Meinung zu Tim Walter nicht. Er sei kein Übertrainer, habe noch nichts erreicht und er spiele Harakiri.

Leute, ich behaupte auch nicht, dass Walter ein Übertrainer ist. Ich sehe aber schon allein, dass er es in kurzer Zeit geschafft hat, eine Einheit zu formen und einen Mann, der sein Profil schärft, indem er Spielern, die ausscheren, die Leviten liest, und, wie jüngst in Regensburg, vermeintliche Lieblingsspieler draußen lässt, wenn andere derzeit besser sind.

Ich will einen Trainer, der den VfB lebt, der emotional ist, sich wie ein Kind über Siege freut und ungenießbar ist, wenn man verloren hat. Ich möchte keine Schlaftablette an der Seitenlinie, wie Korkut und Weinzierl es waren und keine ständigen Trainer- und Philosophie-Wechsel wie im letzten Jahrzehnt.

Den „Auch-jetzt-noch-Bruddler“ geht wohl derzeit die allherbstliche Trainerdiskussion ab, weshalb sie dem Braten noch nicht trauen und sie es sich nicht vorstellen können, dass Walter längerfristig bei uns Trainer sein könnte. Sie fordern zwar nicht direkt einen neuerlichen Trainerwechsel, stören sich aber am Personenkult um Tim Walter. Dieser muss sportlichem Erfolg per se ja auch nicht hinderlich sein, man schaue nur mal kurz nach Liverpool!

Ich kann dieses Misstrauen, was einem Misstrauen in Mislintat und Hitzlsperger gleichkommt, nicht nachvollziehen. Wir brauchen Kontinuität, die vielen Trainerwechsel der letzten Jahre haben uns mürbe gemacht, deshalb hoffe ich sehr, dass man am jetzt eingeschlagenen Weg festhält und endlich mal Geduld beweist.

So ruhig und harmonisch es derzeit an der sportlichen Front zugeht, so ungewiss ist es, wie es nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 15.12.2019 weitergehen wird.

Die Bewerbungsfrist zum VfB-Präsidenten ist abgelaufen, nun liegt es am Vereinsbeirat aus zehn Bewerbungen, den Mitgliedern die zwei aussichtsreichsten Kandidaten zur Wahl zu stellen, wenn der Vereinsbeirat nicht noch einen elften Kandidaten aus dem Ärmel schüttelt, was ihm gestattet wäre.

Eigentlich ist es mir fast egal, wer Präsident wird, schlimmer als Dietrich kann er (oder sie?) nicht sein. Das Wichtigste am neuen Präsidenten ist mir, dass er sich selbst zurücknimmt und der so verheißungsvoll gestarteten neuen sportlichen Leitung nicht ins Handwerk pfuscht, was im Übrigen auch für Anwärter des neu geschaffenen Postens des Vorstandsvorsitzenden gilt.

Was wir nicht brauchen, ist ein Unternehmer, der an Aufmerksamkeitsdefizit leidet und sich in den Vordergrund stellt, genauso wenig wie einen Ex-Sportler, der sich dazu berufen fühlt, seine Vorstellungen der sportlichen Ausrichtung möglichst schnell auf den VfB zu übertragen. Beides würde Unruhe stiften die weitere Entwicklung gefährden.

Ich hoffe auf ein gutes Händchen des Vereinsbeirates mit der größtmöglichen Transparenz, um verloren gegangenes Vertrauen Stück für Stück zurück erlangen zu können.

Auf die bisher bekannten Kandidaten möchte ich nicht näher eingehen. Dass ich nach dem Spalter keinen Politiker in der Rolle des VfB-Präsidenten sehen möchte, der schon im Vorfeld in politische Lager spalten würde, hatte ich bereits in einem früheren Beitrag ausgeführt. Nur zur Kandidatur von Guido Buchwald ein paar Worte.

Ich finde es ungerecht, wie er bereits im Vorfeld diskreditiert wird und ihm die Fähigkeit abgesprochen wird, VfB-Präsident sein zu können. Gäbe es die AG nicht und wir wären noch eingetragener Verein, wäre Guido für mich der prädestinierteste Kandidat, den man sich vorstellen könnte. Ein Präsident soll repräsentieren, das könnte er von seiner Vita und seinem Auftreten her sicherlich perfekt. In wieweit er die wirtschaftlichen Erfordernisse mitbringt und sich außerhalb des japanischen Marktes im Fußball auskennt, sprich, ob er ein Fußball-Unternehmen führen kann, dies herauszufinden obliegt nun auch dem Vereinsbeirat.

Ihn jedoch im Vorfeld bereits madig zu machen und ihm sämtliche Fähigkeiten abzusprechen, ohne überhaupt zu wissen, wie sein Plan aussehen könnte und wen er unterstützend an seiner Seite hat, finde ich ungerecht. Dass er Interna aus dem Aufsichtsrat ausgeplaudert haben soll, ist für mich noch kein Kriterium, ihn als Präsidenten abzulehnen. Die Ära Dietrich würde ich, von allem was man aus dem Verein so mitbekommt, fast schon als Diktatur bezeichnen, in der selbst der Aufsichtsrat „auf Linie“ getrimmt war, damit ja alle Entscheidungen „einstimmig“ ausfielen. Wenn dann einer ausschert und sich nicht mehr anders zu helfen weiß, zum Wohl des VfB übrigens, ist er für mich eher ein Revoluzzer als einer, dem man nicht mehr über den Weg trauen könnte.

Guido Buchwald ist (m)ein Idol, zweimaliger deutscher Meister mit dem VfB und Weltmeister und hat eine sensationelle Epoche des Vereins, die ich enthusiastisch begleitet habe, entscheidend mitgeprägt. Er hat es sowohl nicht verdient, dass ihn ein Sponsorenvertreter bzw. Vertreter des Anteilseigners als VfB-Idol in aller Öffentlichkeit verunglimpft, als auch, dass man seine Kandidatur nicht mit dem angebrachten Respekt würdigt und einfach mal abwartet, wen der Vereinsbeirat ins Rennen zu schicken gedenkt.

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