16. Juni 2010

Die Revolution kommt ins Rollen

Der Kapitän kommt als Erster aus der Kabine. Durch ein Spalier fragender Reporter bahnt er sich den Weg, über ihm hängen Bildschirme in den Stadionkatakomben. Während er so redet, blickt Philipp Lahm ab und zu nach oben. Dort sind noch einmal die schönsten Szenen der vorangegangenen Partie zu sehen.

Man sieht Spieler in weißen Trikots, die sich den Ball zupassen, und Spieler in dunklen Trikots, die vergeblich hinterherrennen. Minutenlang geht das so. Viele Torchancen sieht man, alle prächtig herausgespielt, und man denkt erst: das ist eine Dauerschleife, da werden immer die gleichen Szenen gezeigt. Dann schaut man länger hin und merkt: das sind gar keine Wiederholungen! Die Spieler in Weiß haben wirklich so viele schöne Spielzüge produziert!

Das 4:0 (2:0) der deutschen Nationalmannschaft am Sonntagabend in Durban – es ist viel mehr als der erwartete WM-Auftaktsieg gegen Australien gewesen. Es war eine Demonstration der Spielfreude, der Leichtigkeit, des Tempofußballs, wie man es in dieser Form von einer DFB-Auswahl noch nicht oft gesehen hat.

Nach fünf Minuten war die Nervosität abgeschüttelt

Natürlich war es nur Australien, ein Team mit sehr beschränkten Mitteln. Und natürlich “spielte uns vieles in die Karten”, wie Per Mertesacker sagt. Auf die frühe Führung verwies der Innenverteidiger und auf die Rote Karte für den Gegner. Doch hatten sich die Franzosen und Engländer gegen vergleichbare Kontrahenten ungleich schwerer getan. Die Deutschen hingegen sind so spektakulär in das Turnier gestartet wie bisher keine andere Nation.

Joachim Löw, der Baumeister dieser Mannschaft, hatte im Vorfeld ja viel versprochen. Sein Team, sagte der Bundestrainer, werde bei der WM Fußball spielen und nicht verwalten; es werde kombinieren und nicht zerstören; es werde furchtlos den Weg nach vorne suchen – also ganz anders spielen als Generationen von deutschen WM-Mannschaften vorher, auch die des verklärten Jahrgangs 2006. Beim 3:1-Sieg im letzten Testspiel gegen Bosnien hatten die jungen Spieler erstmals angedeutet, was damit gemeint sein könnte – doch die Frage war: können sie das auch bei einer WM, wenn die ganze Welt ihnen zuschaut und der Druck ungleich höher ist?

Ungefähr fünf Minuten brauchte die Mannschaft gegen Australien, um die Nervosität abzuschütteln. Dann gingen sie los, die atemberaubenden Ballstaffetten, die zwangsläufig zu Toren führten. Nur vier waren es am Ende, viel zu wenig eigentlich, “an der Chancenverwertung”, sagt Löw streng, “müssen wir noch arbeiten”. Und dennoch: die Revolution, die er angekündigt hat, sie ist ins Rollen gekommen.

“Sami Khedira spielt wie ein junger Michael Ballack”

Ihr Anführer auf dem Platz ist Mesut Özil, ein stiller Mann von 21 Jahren, dem 74 Minuten genügten, um sich in den Kreis der potenziellen WM-Superstars zu katapultieren. Der Fußball, den Löw immer spielen lassen wollte, er funktioniert vor allem dank Özil. Auch ohne ihn, sagt der Bundestrainer, würde er nicht von seiner Spielphilosophie abweichen – “aber selbstverständlich passt er ideal in dieses System”. Und Miroslav Klose, einer der Profiteure von Özils Kunst, sagt: “Wir haben immer solch einen Spieler gebraucht und gesucht – jetzt haben wir ihn gefunden.”

An 1972 fühlen sich die älteren Beobachter bereits erinnert, an jene legendäre deutsche Mannschaft, die Europameister wurde und bis heute als die beste aller Zeiten gilt. Tatsächlich gibt es unübersehbare Parallelen. Die Leichtigkeit des Spiels ist eine, die Besetzung eine andere. Paul Breitner und Uli Hoeneß waren damals zwei Emporkömmlinge in einer stark verjüngten Elf, in der in Wolfgang Overath einer der Anführer verletzt fehlte. Jetzt sind es Holger Badstuber und vor allem Thomas Müller vom FC Bayern wie Breitner und Hoeneß, auch sie bereichern das deutsche Spiel mit ihrer Unbekümmertheit, während der eigentliche Chef zuschauen muss.

Joachim Löw käme nie auf die Idee zu behaupten, dass sein Team ohne Michael Ballack besser sei. Auf dessen “Erfahrung und Internationalität” verweist der Bundestrainer, er sagt aber auch: “Wir haben jetzt eine Konstellation, mit der wir sehr gut klarkommen.” Und: “Sami Khedira spielt wie ein junger Michael Ballack.”

Im Gegensatz zu seinem Kapitänsnachfolger Philipp Lahm ist der ältere Michael Ballack übrigens immer als Letzter aus der Kabine gekommen. Es hat sich also auch in dieser Beziehung einiges grundlegend geändert im Auftritt der deutschen Nationalelf.

(Stuttgarter Zeitung 15.6.10)

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