19. Juni 2010

Aus allen Träumen gerissen

Port Elizabeth – Joachim Löw steht an der Seitenlinie und breitet flehentlich die Arme aus. Am liebsten würde der Bundestrainer selbst in das Geschehen auf dem Platz eingreifen. Aber das geht nicht. So muss Löw tatenlos zuschauen, wie sich seine Spieler die erste Niederlage bei dieser WM einfangen. Die Landung auf dem Boden der Tatsachen ist schmerzhaft. Nach dem 0:1 gegen Serbien droht gar ein Horrorszenario – das Aus in der Gruppenphase und das Verpassen des Achtelinales. Alles hängt von der Partie am Mittwoch gegen Ghana ab. “Wir stehen jetzt verstärkt unter Druck”, sagte Löw. Er war bereits vor dem Anpfiff nervös. Für ihn kam das Spiel gegen Serbien einer ersten echten Standortbestimmung gleich, nachdem sein Team beim 4:0 am Sonntag gegen Australien mit Lob überschüttet worden war. Wann hatte es das zuletzt gegeben? Deutschland spielt schönen Fußball, holländisch sozusagen, und die Welt staunt.

Fünf Tage später lautet das Fazit: der Härtetest wurde nicht bestanden. Die DFB-Auswahl will lange in Südafrika bleiben, möglichst bis zum Finale am 11. Juli. Gegen Australien machte sie den Anfang, aber dass Serbien nicht Australien ist, zeigte sich schnell. Zwar scheiterte Lukas Podolski in aussichtsreicher Position (7.), insgesamt jedoch kamen die Angriffe nicht recht auf Touren. Immerhin war die Bereitschaft erkennbar, sich gegenseitig zu helfen – eine Tugend, die diese Mannschaft auszeichnet, und vielleicht auch eine Folge davon, dass in dem verletzten Michael Ballack der Platzhirsch nicht dabei ist. Für die Gruppendynamik ist der Ausfall des dominanten Kapitäns eventuell sogar förderlich, aber sportlich fehlte er mit seinen Qualitäten zumindest gestern. Ballack hat schon viele wichtige Tore erzielt, doch gegen Serbien tat sich das Team schon beim Erarbeiten von Chancen schwer. Deutschland spielte auch nicht mehr holländisch, sondern ziemlich deutsch. Das bedeutete: viel Kampf, wenig Brillanz. So neutralisierten sich beide Mannschaften – bis zur 37. Minute, als die Karten neu gemischt wurden.

Die Partie als Lernprozess

Elf Serben gegen zehn Deutsche hieß es fortan, weil Miroslav Klose wegen wiederholten Foulspiels die Gelb-Rote Karte sah. Das war die einzig auffällige Aktion des glücklosen Stürmers. Wenig später kam es noch schlimmer. Nach einer Kopfballvorlage von Zigic bugsierte der vor einem Jahr vom VfB Stuttgart umworbene Milan Jovanovic den Ball zum serbischen Führungstor über die Linie. So wie gegen Australien nicht alles gut war, so war jetzt aber trotzdem nicht alles schlecht. Ein Beispiel: Sami Khedira traf nur die Unterkante der Latte (45.). In Unterzahl rackerte die Elf und bemühte sich um den Ausgleich. “Wir haben eine gute Moral bewiesen”, sagte Löw. Als sich der zunächst blasse Regisseur Mesut Özil steigerte, wurden die Aktionen dann auch zwingender. Podolski schoss zweimal am serbischen Gehäuse vorbei (58., 59.), ehe der Kölner auch seine dritte Gelegenheit innerhalb von drei Minuten nicht nutzte – und das war die mit Abstand beste. Nach einem unnötigen Handspiel von Vidic im Strafraum gab es Elfmeter, den Podolski aber so schwach ausführte, dass Stojkovic fast mühelos abwehren konnte.

Auf der anderen Seite hatte erneut Jovanovic die Vorentscheidung auf dem Fuß, doch der Ball landete am Pfosten (67.). Obwohl sich Missverständnisse einschlichen, steckte die deutsche Mannschaft nicht auf – und Löw setzte auch noch ein Zeichen, indem er Marco Marin und Cacau für Özil und Thomas Müller einwechselte (70.), die nach ihrem glänzenden Auftritt gegen die Australier gestern etwas Lehrgeld zahlen mussten. Die ausgebufften Serben nahmen die beiden Talente an die kurze Leine. Insofern war die Partie auch ein Lernprozess für die vielen jungen Spieler im deutschen Team, zu denen auch Khedira und Holger Badstuber gehören. Sie präsentieren sich erstmals auf dieser Bühne – und dass es vor allem Badstuber an Erfahrung mangelt, deckten die Serben auf. So wurde Deutschland aus allen Träumen gerissen. Entscheidend für den weiteren Fortgang der WM wird sein, wie schnell der begonnene Lernprozess jetzt Früchte trägt.

Deutschland

Neuer – Lahm, Mertesacker, Friedrich, Badstuber ( 77. Gomez) – Khedira, Schweinsteiger – Müller (70. Marin), Özil (70. Cacau), Podolski – Klose.

Serbien

Stojkovic – Ivanovic, Vidic, Subotic, Kolarov – Stankovic – Krasic, Kuzmanovic (75. Petrovic), Ninkovic (70. Kacar), Jovanovic (79. Lazovic) – Zigic.

Schiedsrichter

Undiano (Spanien).

Zuschauer

38.294.

Tor
0:1 Jovanovic (38.). Besonderes Vorkommnis Podolski scheitert mit Handelfmeter an Stojkovic (60.). Gelb-Rote Karte Klose wegen wiederholten Foulspiels (37.).

(STZ online 18.6.10)

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