13. Februar 2011

Der Offenbarungseid!

Hatte man nach dem ersten Auswärtssieg in der letzten Woche wieder eine leise Hoffnung, dass es nun doch aufwärts gehen würde mit dem VfB, so wurde diese gestern gegen den Club auf fürchterliche Weise wieder zerstört. Dass der Club sich in den letzten Jahren zum Angstgegner vom VfB aufgeschwungen hat, dass es sicher auch nicht einfacher werden würde als gegen die Freiburger im letzten Heimspiel, das war mir schon vor dem Spiel klar. Trotzdem war ich gestern vor dem Spiel guter Hoffnung, dass es dem VfB erstmals in der Saison gelingen würde, zwei Mal nacheinander zu siegen. Der Auftritt in der 2. Halbzeit in Mönchengladbach, als es erstmals in dieser Spielzeit gelang, einen Rückstand noch in einen Sieg umzumünzen, machte Mut. Vor allem in Person von Tamas Hajnal, der Spielkultur einbrachte und seine neuen Kollegen ein ums andere Mal gekonnt in Szene setzte. So ein Spielertyp würde auch helfen können, die kompakten Nürnberger zu Fehlern zu zwingen und Räume für die Stürmer zu schaffen. So meine Hoffnung vor dem Spiel.

Als wir das Neckarstadion betraten, merkte man vielen Fans die Vorfreude auf das Spiel bei den vorfrühlinghaften Temperaturen. Die VfB-Fans empfingen die Mannschaft mit einem farbenfrohen Fahnenmeer und signalisierten der Mannschaft, dass sie sich einmal mehr der Unterstützung der Kurve sicher sein konnten.

Schon vor dem Anpfiff überraschte mich die Mannschaftsaufstellung von unserem Trainer Bruno Labbadia. Dass unser Kapitän Delpierre zurückkehren würde, davon war auszugehen. Dass aber nicht Didavi sondern Elson in der Startformation stand, damit war nicht zu rechnen. Ein Elson der lange nicht gut genug war und lange nicht in System passte, der, nach der Verpflichtung von Hajnal faktisch noch mehr aufs Abstellgleis geschoben wurde, ausgerechnet dieser Elson durfte von Beginn an ran. Und das beim Startelfdebut von Hajnal. Erst war beim VfB überhaupt kein Platz für einen Spielmacher, und nun standen auf einmal zwei 10er auf dem Platz. Elson spielte im linken Mittelfeld, auf einer Linie mit Hajnal zentral und Träsch rechts. Kuzmanovic stand als einziger Sechser auf dem Platz, Pogrebnjak und Harnik bildeten das Sturmduo. Überraschend nicht im Kader stand unsere japanische Stürmerhoffnung Shinji Okazaki. Sein Ex-Verein Shimizu S-Pulse verweigere die Spielberechtigung, da er auch dort noch ein gültiges Arbeitspapier habe, und die FIFA habe über diesen Fall zu entscheiden. Ich bin sehr gespannt, wie dieser Fall ausgeht. Nicht dass wir für den ablösefreien Spieler am Ende noch eine Transferentschädigung bezahlen müssen. Da es sich noch um ein schwebendes Verfahren handelt, halte ich mich mit einer Bewertung und eventuellen Schuldzuweisungen zurück. Jaaaa, der VfB!

Der VfB begann eigentlich ganz gefällig, ohne aber richtig gefährlich vor Raphael Schäfers Gehäuse aufzutauchen. Gleich die erste vernünftige Kombination der Franken führte dann aber auf der anderen Seite zum 0:1. Dieses Tor war ein Spiegelbild des VfB in der Saison 2010/11. Es ging viel zu einfach für die Nürnberger, ausgehend von einem Einwurf, dann ein dilettantischer Abwehrversuch von Molinaro zu einem ungedeckten Clubberer, der den Ball ins von Ulreich aus gesehen linke Eck einnetzte. Ich bin mir nicht sicher, ob der Ball haltbar war, stark geschossen war er jedenfalls nicht. Möglicherweise war Ulreich die Sicht etwas versperrt. Aus meiner Perspektive sah es aber so aus, als sei er zu langsam in Richtung Ball abgetaucht. Wie so oft in letzter Zeit führte also gleich der erste Schuss aufs Tor zum 0:1. Dieser Treffer löste für kurze Zeit eine richtige Schockstarre im weiten Rund aus. Die Hoffnungen, die noch vor dem Spiel vorhanden waren, waren bereits nach gut 10 Minuten einer brutalen Ernüchterung gewichen.

Auch den VfBlern auf dem Platz merkte man die Verunsicherung von Minute zu Minute mehr an. Der VfB versuchte zwar das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, hatte mehr Ballbesitz als die Nürnberger, kam aber kaum einmal gefährlich vor das Nürnberger Tor. Hinten war der VfB anfällig, so dass man schon fast von Auflösungserscheinungen sprechen konnte. Bezeichnend dafür das 0:2 durch unsere Leihgabe Julian Schieber. Weder Elson noch Molinaro hinderten Chandler am Flanken, in der Mitte genügte ein Hüpfer von Julian Schieber, um die Lufthoheit gegen Serdar Tasci zu erlangen. Tasci stand völlig neben sich, auch beim 3. Tor erweckte er den Eindruck, dass er das Leihgeschäft Schiebers nach Nürnberg nicht mitbekommen hat und ihn noch als Mannschaftskameraden wähnte. Tasci, der eigentlich in den letzten Wochen aufsteigende Tendenz zeigte, war gestern unterirdisch schlecht. Es war wieder einmal eine Länderspielwoche, in der er wohl mehr darüber lamentierte, nicht in den Kreis der Auserwählten berufen worden zu sein, als seine volle Konzentration auf seine derzeitige Hauptaufgabe, den Abstiegskampf mit dem VfB, zu lenken. Tasci, der ja an einer ausgeprägten Selbstüberschätzung “leidet”, sollte sich, bevor er überhaupt über das Thema Nationalmannschaft nachdenkt, erst einmal wieder dem kleinen Einmaleins auf dem Fußballplatz widmen und sich verdammt nochmal konzentrieren. Gestern war es eine unterirdische Leistung von ihm, genauo wie von Molinaro und Kuzmanovic, die auf ihren Positionen hoffnungslos überfordert waren.

Kurz vor der Pause gelang dem VfB durch ein Glückstor von Patrick Funk der Anschluss, wodurch wieder ein wenig Hoffnung aufkeimte. Diese war aber bereits in der 51. Minute wieder verflogen, als Schieber Tasci problemlos davon lief und dieser punktgenau Chandler bediente. Julian Schieber verkniff sich ganz gentlemanlike einen überschwänglichen Torjubel, da sein Herz doch für den VfB schlägt. Tragisch ist aber trotzdem, dass er mit seiner hervorragenden Leistungen den VfB dem Abgrund wieder ein Stück näher gebracht hat.

Die VfB-Abwehr war spätestens zu diesem Zeitpunkt ein Selbstbedienungsladen geworden. Danach brach die Moral vom VfB komplett, die Nürnberger konnten noch das 1:4 erzielen und hätten auch noch deutlich höher gewinnen können. Doch auch ein 1:4 gegen Nürnberg ist ein Debakel sondersgleichen. Einmal mehr zeigte sich, dass der Kader zu schwach ist, um eine bessere Rolle in der Liga zu spielen als die derzeitige.

Sowohl ein Fredi Bobic, als auch ein Erwin Staudt hatten uns für die Wintertransferperiode Transfers in Aussicht gestellt, die uns weiter bringen würden. Nichts ist geschehen. Ein Japaner, dem die Spielberechtigung fehlt, der sich in einer völlig neuen Welt erst einmal akklimatisieren muss, dazu im Sturm, wo im derzeitigen Kader noch am wenigstens der Schuh drückt. Dazu noch Tamas Hajnal, der obligatorische Last-Second-Transfer, ein Spieler, der in Dortmund ins 3. oder 4. Glied gedrängt worden ist, dem ein gewisser Toni Da Silva den Rang abgelaufen hat für eine Position, die wir eigentlich nicht im Angebot haben. Diese Personalpolitik verstehe wer will. Dass die größte Problemzone die Abwehr bildet, wurde gestern einmal mehr offenkundig. Dass ein Kuzmanovic, der sich analog zu Tasci stets zu höherem berufen fühlt, auch gestern wieder total überfordert war, dass dieser Spieler, der immer wieder mal mit angeblichen Angeboten aus der Serie A kokettiert, dem die Fans nach eigener Aussage sch…egal sind, nicht mit der Schubkarre über den Brenner gefahren wurde, habe ich auch nicht verstanden. Trotz eines Überangebots im defensiven Mittelfeld fehlt es uns dort an Qualität. Ein Typ Marke Van Bommel oder Jermaine Jones, selbst ein Christian Tiffert hätte uns gut getan, getan wurde nichts. Schon nach den verpassten Chancen während der Sommertransferperiode war klar, dass man mit diesem Kader irgendwie in den Winter kommen muss. Jetzt haben wir den Salat und müssen durch bis zum Bitteren Ende, das, und die Gefahr ist seit gestern präsent wie nie, den Abstieg in die 2. Liga bedeuten kann.

Langsam schwindet bei mir die Hoffnung auf ein gutes Ende auf den Nullpunkt. Der VfB hat einfach Baustellen in allen Manschaftsteilen. Der Torwart gefällt zwar durch einige Paraden, strahlt aber insgesamt zu wenig Sicherheit aus, die man im Abstiegskampf braucht. Die gesamte Viererabwehrkette leistet sich zu viele Unkonzentriertheiten und wirkt nicht abgestimmt. Bei Funk wechseln Licht und Schatten. Ihm kann man Fehler noch am ehesten verzeihen, da er ein Greenhorn ist und erst seine erste Bundesligasaison spielt. Dennoch kräht nach Degen, Celozzi oder Boulahrouz als Alternative derzeit kein Hahn.

Was auf der anderen Seite aber Molinaro seit seiner festen Verpflichtung abliefert ist eine Frechheit. Klar profitierte er in der letzten Saison noch von Hleb, mit dem er gut harmonierte. Aber auch in der Rückwärtsbewegung war er in der letzten Saison um Klassen besser, als das was er jetzt abruft. Gestern einfach unterirdisch. Auch die Innenverteidigung taumelt in dieser Saison von einer Verlegenheit in die nächste, egal ob die Protagonisten Tasci, Delpierre, Niedermeier oder Boulahrouz hießen. Zum defensiven Mittelfeld habe ich mich weiter oben schon ausführlich geäußert. Auf den Außenbahnen haben wir jetzt nach den Ausfällen von Boka und Gebhart fast ein Vakuum und eigentlich keine antrittschnellen Spieler mehr, die notwendig wären. Auch hier hätte eine Verstärkung frischen Wind bringen können. Wie Hajnal eingebaut wird, muss sich erst noch zeigen.

Dass wir fußballerisch im Vergleich zur Vorsaison entscheidend an Qualität verloren haben, ist augenscheinlich. Dazu ist kein Häuptling vorhanden, der das Heft des Handelns in die Hand nimmt und die Kameraden mitreißt. Die Spiele plätschern oft leidenschaftslos vor sich hin. Eigentlich müssten Profis ja mit den Hufen scharren, wenn sie nach einer Woche Training herausgelassen werden. Beim VfB ist davon nichts zu spüren. Die ersten Halbzeiten werden regelmäßig verschlafen. Kein Spielwitz, kein Esprit, gestern wieder bis auf Ausnahmen wie Pogrebnjak und Träsch auch kein Kampf und zu wenig Laufbereitschaft. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er der Mannschaft wirklich helfen könnte.  Was hier noch helfen kann? Ich weiß es nicht, vielleicht sollten die Verantwortlichen die Dienste eines Psychologen in Anspruch nehmen, der Blockaden lösen könnte, die auch nach zweimaligem Trainerwechsel noch vorhanden sind.

Apropos Trainerwechsel: noch immer bin ich überzeugt davon, dass die Misere nicht solche Ausmaße angenommen hätte, hätte man an Christian Gross festgehalten. Für mich ist er nach wie vor der beste VfB-Trainer seit langem gewesen. Ausnahmsweise muss ich hier dem ungeliebten W. S. aus KA Recht geben, der kürzlich im Dritten angeprangert hatte, dass ein erfahrener Trainer wie Gross dem Managernovizen Bobic erklären musste, wie er die Mannschaft aus der damaligen Krise zu bringen gedenkt.  Und, dass spätestens nach dem zweiten Trainerwechsel auch der Manager hinterfragt gehört. Für mich jedenfalls hat er die Probezeit nicht bestanden und ist, aufgrund verfrühter Trainerentlassung und verfehlter Personalpolitik einer der Hauptschuldigen der derzeitigen Talfahrt.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der schweren Zeit werden wir den VfB auch am Donnerstag in Lissabon und am Sonntag in Leverkusen lautstark unterstützen. Eines ist klar, nach den Ergebnissen vom Wochenende ist in Leverkusen ein Sieg Pflicht. Nach der gestrigen “Leistung” eigentlich unvorstellbar aber auch nicht unmöglich, hat Leverkusen doch auch so seine Probleme zu Hause. Allerdings sollten es unsere Jungs tunlichst vermeiden, die Pillendreher ähnlich zum Toreschießen einzuladen, wie die Nürnberger gestern. Es ist eine konzentrierte und couragierte Leistung notwendig, dann kann das Unmögliche möglich gemacht werden.

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