26. November 2012

Bukarest 2012: In jeder Hinsicht legendär!

Ein Spiel jagt das Andere, so schnelllebig wie die Zeit ist, so hetzt man derzeit als Allesfahrer von Spiel zu Spiel. Daher ist es auch nicht immer ganz einfach, nebenher noch ausführliche Spielberichte zu liefern.

So folgten dem Spiel in Kopenhagen, von dem ich letztmals berichtete, die Auftritte gegen Hannover (2:4), in Mönchengladbach (2:1), in Bukarest (5:1) und in Freiburg (0:3). So wie sich diese Ergebnisse leben, so fühlt sich die Saison an. Wie eine Achterbahnfahrt. Waren wir in Bukarest noch am höchsten Punkt angelangt, folgte gestern die rasante Fahrt in den Abgrund. Um den Bukarest-Bericht dem Erlebten angemessen launig werden zu lassen, klammere ich Freiburg an dieser Stelle aus und komme darauf separat zurück.

Zu Hannover und Gladbach auch nur ein kleiner Abriss, da diese Spiele schon wieder sehr weit weg sind. Gegen Hannover spielte der VfB 45 Minuten einen begeisternden Fußball und Hannover fast an die Wand. Da Hannover wie der VfB auch donnerstags noch in der Europa League unterwegs war, sollte sich der Substanzverlust nicht besonders nachteilig auswirken, Chancengleichheit war gegeben. Es ging nach Toren von Gentner und Ibisevic mit einer beruhigenden 2:0-Pausenführung in die Kabinen. Auf den Tribünen herrschte eine ausgelassene Stimmung, war der VfB doch an Hannover in der Blitztabelle vorbeigezogen und stand auf Platz 7. Doch wie schon jedes Mal in dieser Saison, wenn es möglich gewesen wäre, sich an die Europapokalplätze heranzupirschen, so folgte auch dieses Mal wieder der Einbruch. Innerhalb von 16 Minuten drehte Hannover das Spiel und machte aus dem 2:0 ein 2:4. Sven Ulreich leitete den Untergang ein, als er eine Hereingabe von der Seite dem Torschützen Sobiech vor die Füße abklatschte, der nur noch einzuschieben brauchte. Hannover nahm die Geschenke gnadenlos an, auch als der Schiedsrichter eine Schutzhand von Tasci als absichtliches Handspiel, unnatürliche Handbewegung oder was auch immer wertete und Schlaudraff den fälligen Elfer verwandelte. Das Spiel lief schon längst in eine fatale Richtung, ohne, dass man den Eindruck hatte, dass Labbadia eingreifen würde, obwohl das Unheil längst seinen Lauf genommen hatte. Standardmäßig kamen seine Auswechslungen ab der 70. Minute, als das Spiel bereits verloren war.

Spätestens seit dem Länderspiel Deutschland gegen Schweden im Oktober sollte man eigentlich begriffen haben, dass es auch mit einer eigentlich beruhigenden Führung im Rücken keinen Grund gibt, die Zügel schleifen zu lassen oder sich schon auf die dritte Halbzeit zu freuen.

Wenigstens zeigte der VfB sechs Tage später in Mönchengladbach eine Reaktion und holte sich die drei Punkte dort zurück Zwar etwas glücklich, doch durchaus aus verdient. Gladbach war zugegebenermaßen der richtige (Aufbau-) Gegner zur rechten Zeit, sind wir doch DER Angstgegner der Borussia. Mönchengladbach hat mittlerweile gerade einmal zwei der letzten 29 Begegnungen gegen den VfB gewonnen. Dem frühen 1:0 für Gladbach durch Stranzl, auch hier sah Sven Ulreich unglücklich aus, folgte nur zwei Minuten später der Ausgleich durch Martin Harnik. In einem offenen Spiel auf mäßigem Niveau, hatte der VfB dann in der zweiten Halbzeit das Glück, dass Brouwers eine harmlose Flanke von Kuzmanovic sehenswert unter die Latte zum Eigentor einnetzte. Gladbach wurde danach kaum noch richtig gefährlich, so dass der VfB den Dreier unter dem Strich recht souverän nach Hause brachte und uns eine launige Rückfahrt im Bus mit dem RWS bescherte.

Unser Trip nach Bukarest begann im Grunde bereits am Mittwochabend. Darauf arbeitete ich hin, darauf freute ich mich. Analog zur Reise zum Spiel nach Lissabon vor knapp zwei Jahren, flogen wir erneut von Köln/ Bonn aus. Analog zu damals reiste unser Freund Winne aus Konstanz bereits am Vortag des Fluges an, um bei uns zu übernachten. Die Fahrt mit dem Rail & Fly Ticket muss erst am Folgetag abgeschlossen sein, so dass dies möglich und auch praktikabel ist.  Und, analog zu dem damals ebenfalls sehr gelungenen Ausflug trafen wir uns Mittwochabend in netter Runde in S-Freiberg zum essen und vorglühen. Trotz des frühen Aufstehens am nächsten Tag wurde es ein sehr langer Abend mit reichhaltigem deutschem Essen zum Abschluss und nicht minder schmackhaftem Bier. Ausklingen ließen wir den Abend bei uns zu Hause, in dem wir noch die Zusammenfassungen der Champions League Spiele anschauten, die leider in der Lokalität nicht liefen.

Am Donnerstag klingelte der Wecker bereits um 5 Uhr, da wir den ICE um 6.51 Uhr erwischen wollten. Trotz der nur etwas über vier Stunden Schlaf starteten wir einigermaßen fit und voller Vorfreude in den Tag. Planmäßig erreichten wir den Zug, den Anschluss in Mannheim, sowie die beiden S-Bahnen in Siegburg/ Bonn bzw. Porz-Wahn. Stuttgart Hauptbahnhof-Köln/ Bonn Flughafen in 2 ½ Stunden. Aufgrund dieser schnellen Verbindung und der Tatsache, dass ich mit Germanwings weitestgehend gute Erfahrungen gemacht habe und es bei dieser Airline möglich ist, den Zug zum Flug mit zu buchen, wird dies für mich immer eine der ersten Optionen sein, wenn ein Flug ab Stuttgart nicht möglich oder zu teuer ist.

Um 9.23 Uhr kamen wir planmäßig am Flughafen an und erreichten aufgrund der guten Beschilderung auch schnell das Germanwings-Terminal. Kurz durch die Passkontrolle und schon waren wir am Abfluggate, wo der Flug dann sogar etwas früher als geplant um 10.45 Uhr in Richtung der rumänischen Metropole abhob.

Ich muss zugeben, ein wenig Unbehagen beschlich mich schon, wenn ich in den Wochen zuvor an diese Reise dachte. Ich reiste zum ersten Mal nach Rumänien und wusste nicht, was mich erwartete. Die Warnungen waren groß, vor den dortigen Ultras, der Kriminalität, etc. So las ich mich durch diverse Erfahrungsberichte und wartete auf die Fan-Infos des VfB. Außer der Meldung, dass wir vor Ort unsere Eintrittskarten tauschen müssten, kam jedoch leider vom VfB überhaupt nichts. Zu jedem Kirmes-Kick werden Infos veröffentlicht, vor einer Reise  ins Ungewisse, nichts, nothing! Ich für meinen Teil wäre hocherfreut gewesen, wenn der VfB einem Tipps zum Weg zum Stadion, was uns in Bezug auf die dortige Fanszene zu erwarten hätte, wo man sich gut und sicher bewegen kann, welche Kontrollen der dortige Ordnungsdienst vorgesehen hätte, wie man sich zu verhalten hat, etc. pp. mit auf den Weg gegeben hätte.

So waren wir also zunächst auf uns alleine gestellt bzw. mussten uns auf das berufen, was man im Internet sonst über Rumänien las und vor allem, wie man sich vor Betrügern beschützen kann. Wie ich feststellte, fängt der Nepp bereits am Flughafen an, wo man wohl, je nachdem wie naiv man ist, für die Fahrt in die Stadt zwischen 8 und 100 Euro los werden kann. Wir hatten das Glück, dass wir mit einer Deutsch-Rumänin im Flieger saßen, die uns den Tipp gab, zum Abflug-Terminal zu gehen, da dort die Taxis, die aus der Stadt kommen und Fluggäste zum Flughafen chauffieren, stehen würden, die oft sehr günstige Kilometerpauschalen auf den Türen stehen hätten. Eigentlich logisch, trotzdem unsicher, ob wir selbst darauf gekommen wären. So fuhren wir für 23 Lei ins Stadtzentrum, das immerhin 16 Kilometer vom Flughafen entfernt ist, was guten 5 Euro entspricht. Uns war dieser Preis geteilt durch drei schon fast peinlich, so dass wir dem Fahrer 30 Lei gaben, für uns auch leichter zum teilen. :-) . Den ersten Sieg des Tages hatten wir errungen. Mit Abstand die günstigste Taxifahrt von allen, die wir zu diesem Thema befragten. Wir konnten als gegen 15 Uhr bereits in unserem Hotel Berthelot im Zentrum von Bukarest, unweit des Radisson Blu gelegen, einchecken. Kurz darauf traf eine weitere Dreiergruppe, die mit uns gebucht hatte, ein, bevor eine gute Stunde später der Rest unserer Achtergruppe, die mit uns im Hotel logierten, eintraf. Die Nachhut wollte und konnte sich nicht mit uns über unser Schnäppchen bzgl. der Taxifahrt freuen, waren sie doch mit Bus und Taxi eine Stunde länger unterwegs und das doppelte Geld los. ;-) . Joa, einer von, mich eingerechnet, sechs Berkheimern mit uns im Hotel, hatte das Hotel ausfindig gemacht. Schon als ich sah, dass das Hotel in den Bewertungsportalen als „exzellent“ eingestuft war, wusste ich, dass wir damit nichts falsch gemacht haben dürften, was sich auch bewahrheitete. Zentral gelegen, Zimmer tip-top, Frühstück einschließlich Kaffee einwandfrei, es gab aus meiner Sicht überhaupt nichts zu bemängeln, danke Joa!

Da sich welche im Hotel noch etwas zu essen bestellt hatten, die spät hinzugestoßenen sich erst noch häuslich einrichteten und Tom, Winne und ich es nicht erwarten konnten, die Stadt zu entern, machten wir uns bereits auf den Weg, um die „Partymeile“ zu suchen und uns ins Getümmel zu stürzen. An Spieltagen ist man ja doch gierig darauf, die Atmosphäre aufzusaugen, vor allem bei Auswärtsspielen international.

Eine grobe Wegbeschreibung incl. Stadtplan wurde uns vom Hotelpersonal mitgegeben, so dass wir keinen Schritt zu viel machten und auch recht schnell, etwa 1.000 Meter vom Hotel entfernt, die ersten Gesänge wahrnehmen konnten. Mitten in der Altstadt befand sich das Kneipenviertel, das für mein Empfinden bspw. dem in der Düsseldorfer Altstadt in nichts nachstehen sollte. Kneipe an Kneipe, für jeden Geschmack etwas, ob man jetzt Bierkneipe, Speiselokal, Heavy-Schuppen oder was auch immer suchte. In einem Lokal namens Oktoberfest tummelten sich dann schon jede Menge Brustringträger, vor dem Lokal ebenfalls, umringt von Polizisten, die das Geschehen beobachteten, aber einen recht freundlichen und entspannten Eindruck machten. Im Lokal trafen wir dann auch schon viele Bekannte, die Party konnte beginnen. Kurze Zeit später hielt ich auch schon meine erste Maß rumänisches Bier in Händen und war erfreut, wie gut und süffig es schmeckte. Die ersten Berührungsängste mit der Stadt und dem Land waren schnell verflogen. Gut, man muss zugeben, das was wir hier sahen war auch nicht Rumänien sondern eine rumänische Kneipe in (fast) deutscher Hand, dennoch, der erste Eindruck sollte sich nicht verschlimmern. Im Lokal wurde ich dann erst einmal von einem rumänischen Fernsehteam auf Englisch interviewt. Dass der VfB gewinnen muss, brachte ich noch heraus. Auf die Frage, was ich über Land und Leute wüsste, da musste ich (leider) passen. Schon etwas peinlich, aber, so ad hoc und dann noch auf Englisch mit einer Maß Bier in der Hand und jeder Menge Interessierter drum herum, war nicht ganz einfach. Hätten sie mir die Fragen Samstag vor dem Abflug gestellt, hätte ich mehr dazu sagen können.

Immer, wenn der VfB auswärts spielt, kommt man sich vor wie in einer großen Familie, so viele bekannte Gesichter, wie man immer trifft und wie viele Hände man schüttelt. Man kennt sich und freut sich jedes Mal aufs Neue, wenn man sich trifft. Bei einem Spiel wie in Bukarest ist das aber noch einmal etwas intensiver, hat doch jeder irgendwie über seine ganz spezielle Anreiseroute zu berichten und ist doch eher der ganz harte Kern da. Respekt vor den Jungs vom Commando Cannstatt, die eine 30-stündige Busfahrt hinter sich gebracht hatten. Ansonsten war an Reiserouten und Zwischenstopps fast alles anzutreffen, was Europa so zu bieten hat.

Irgendwann stießen die anderen Berkheimer auch noch dazu und wir genossen die (friedliche) Atmosphäre in der Stadt beim einen oder anderen Bierchen, und stimmten uns langsam aber sicher auf das Spiel ein. Dann folgte ein recht abrupter Aufbruch, der uns etwas überrumpelte. Es wurden uns Busse zur Verfügung gestellt, die uns zum Stadion bringen sollten. Wir wussten daher erst einmal nicht, wie uns geschah und wollten so früh auch noch nicht zum Stadion. Bier war noch fast voll und der Spielbeginn ja erst 22.05 Uhr rumänischer Zeit. Also blieben wir noch hocken und machten uns später individuell per Taxi auf den Weg. Hier machten wir zum ersten Mal schlechte Erfahrungen mit einem rumänischen Taxifahrer, war die Fahrt mit knapp 100 Lei doch reichlich überteuert. Dennoch jammert man hier auf hohem Niveau, denn die Rede ist von etwa sieben, acht Euro pro Person. Durch den Stadionverkehr zog sich diese Fahrt recht lang und war dennoch ein Erlebnis, wenn man sah, welch Schleichwege der Chauffeur in petto hatte und auch vor einem Ausweichen auf die Straßenbahnschienen nicht Halt machte. Am Stadion angekommen fanden wir sofort den Schalter, an dem wir unsere Eintrittskarten umtauschen konnten und ließen uns den Weg zu unserem Eingang weisen, der uns weiträumig ums halbe Stadion herum führte. Dass nach den Vorkommnissen von Kopenhagen die Kontrollen es in sich haben könnten hatten wir schon befürchtet. Dass man aber an drei Punkten durchsucht wird und deshalb der Weg ins Stadion so zähfließend sein würde, hatte ich nicht gedacht. Zwischenzeitlich befürchteten wir, den Spielbeginn zu verpassen, was mich nervös machte, hatte ich doch schon im Vorfeld gehört, dass die Steaua-Ultras eine Choreo geplant hatten. Je näher der Spielbeginn rückte, desto schneller gingen dann die Kontrollen, so dass wir doch noch rechtzeitig hinein kamen. U. a. musste man Feuerzeuge und Münzgeld abgeben, ich denke mal, für die Ordner ergab das Eingesammelte einen schönen „Mannschaftsabend“. Münzen hatte ich keine am Mann, die Euros blieben im Hotel, rumänisches Münzgeld hatte ich während der drei Tage nicht einmal in der Hand, dies der Tatsache geschuldet, dass der kleinste Schein, 1 Lei, nicht einmal 25 Cent entspricht.

Als wir endlich im Stadion angekommen waren, sortierten sich die verschiedenen Gruppen recht schnell, wir standen links versetzt, etwas oberhalb vom CC97. Aufgrund der Nähe und der Steile der Ränge natürlich nicht die optimale Position um unseren Stimmungsblock zu fotografieren, ansonsten war der Platz o. k. Mein Pech war, dass ich in diesem Nichtraucherstadion direkt an der von Ordnern und Polizei bewachten Pufferzone stand und somit unter Privatbeobachtung einer allzu eifrigen Polizistin stand. Überall qualmte es, mich hatte sie aber besonders auf dem Kieker und mir auch schon mal leicht mit dem Knüppel Haue angedroht. ;-) . Die Stimmung unter den rund 600 mitgereisten VfBlern war klasse, auch wenn es natürlich nicht einfach war, gegen die Heimfans stimmlich mitzuhalten – dem einen oder anderen waren auch die Reisestrapazen anzumerken.

Die National Arena war mit 55.000 Zuschauern ausverkauft, was Steaua den Zuschauerrekord für ein Vorrundenspiel in der Europa League bescherte.  Von so einer Kulisse dürfen wir bei Wochentagspielen leider nur träumen. Es hat den Anschein, dass die Steaua-Fans eben noch wegen ihrem Verein und nicht wegen dem Gegner ins Stadion kommen, denn, gegen Molde war es auch schon eine großartige Kulisse. Anders bei uns, wo sich bei solchen Spielen kaum einmal mehr als 15.000 Zuschauer ins weite Rund verirren. Gegen Molde sind nach meinem Kenntnisstand gerade einmal 10.000 Karten verkauft, ich hoffe, die Konstellation in unserer Gruppe und der glanzvolle Auftritt von Bukarest wir mehr Leute animieren, ins Stadion zu kommen. Ich habe ja Verständnis für diejenigen, die eine weite Anreise haben und für die es deswegen nicht zu schaffen ist, bei 19 Uhr Spielen rechtzeitig da zu sein oder bei 21.05 Uhr Spielen wieder heim zu kommen. Für diejenigen aber, aus Stuttgart oder unmittelbarer Umgebung fehlt mir das Verständnis. Oft höre ich dann noch die paradoxe Begründung, „bei einer solchen Geisterkulisse macht es keinen Spaß“, wobei doch jeder selbst dazu beitragen kann, den Rahmen ein bisschen würdiger erscheinen zu lassen.

Respekt also vor dem Bukarester Publikum. Gut, das Ticket in der Kurve kostet dort gerade einmal 15 Lei, was knapp 4 Euro entspricht, allerdings liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Rumänien auch nur bei etwa 350 Euro netto im Monat. Wenn man bedenkt, dass wir seinerzeit in Getafe in einem weitaus weniger komfortablen Stadion 50 Euronen hinblättern durften, war der Preis für uns natürlich mehr als lächerlich. Der VfB knöpfte uns für das Ticket sagenhafte 8 Euro ab, versprach aber in vfb direkt eine Rückerstattung der zu viel bezahlten eingenommenen vier Euro, hoffentlich mit Zins und Zinseszins. :-) .  Wie schon erwähnt beglückte uns dann der Steaua-Anhang mit einer schönen Choreo „Magisches Steaua“, die dem Rahmen angemessen und nett anzuschauen war. Meine Erwartungen ans Stadion wurden erfüllt, ein immens lauter Hexenkessel mit begeisterungsfähigen Fans und Ultras-Blöcken in beiden Kurven. Nach der Seitenwahl, die unser Kapitän Serdar Tasci schon einmal gewann, ging es auch gleich los. Unserer Reisegruppe war nicht anzumerken, dass wir zu Spielbeginn bereits 16 Stunden auf den Beinen waren, wir gaben alles und das Spiel sollte ja auch alles andere als ermüdend werden. Ich hatte große Bedenken, wie beeindruckt unser Team von dieser Kulisse werden könnte und dass sie überrannt werden könnten. Doch nichts von dem! Der VfB war vom Anstoß weg hell wach, präsent in den Zweikämpfen, kompakt in der Defensive und mit blitzschnellem Umschalten auf Offensive bei Ballbesitz. So dauerte es gerade einmal bis zur 5. Minute, ehe Kuzmanovic eine Ecke in den Strafraum schlug und Tasci mit dem Kopf völlig freistehend einköpfte. Unserem Kapitän gönne ich diesen Treffer ganz besonders, beißt er doch schon seit Wochen mit dem einen oder anderen Wehwehchen auf die Zähne und stellt sich vorbildlich in den Dienst des Teams. Ein klasse Tor, ein klasse Auftakt und bei uns zum ersten Mal das Gefühl, dass hier was gehen könnte, war doch, wie bereits in Kopenhagen, ein Sieg Pflicht, um das Weiterkommen in eigener Hand zu haben.

Bukarest sichtlich beeindruckt von der Bissigkeit der Brustringträger, der VfB wie entfesselt. So nahm ein denkwürdiger Abend seinen Lauf, der mir jetzt noch, beim schreiben dieser Zeilen, Gänsehaut bereitet. Der VfB präsentierte sich ballsicher und zielstrebig, wie ich ihn schon lange nicht mehr gesehen habe. Bei manchen Szenen hatte ich den Eindruck, da hätte jemand die brasilianische Nationalmannschaft in unsere weißen Trikots mit rotem Brustring gepackt, so wie die Rumänen phasenweise her gespielt wurden. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei, hier ein Beinschuss, dort eine Finte, ich fühlte mich wie im falschen Film und konnte es stellenweise nicht glauben, dass das MEIN VfB ist, der dort auf dem Rasen eine Gala vom feinsten ablieferte. Als Harnik nach 18 Minuten, abermals nach Kuzmanovic-Flanke und unter gütiger Mithilfe des Steaua-Keepers am langen Pfosten zum 0:2 einköpfte, schien Steaua der Zahn bereits gezogen. Mit einem solchen VfB hatte Steaua sicherlich nicht gerechnet, wir ja, wie schon erwähnt, auch nicht. Zugegeben: in den Spielbeobachtungen der Steaua-Späher war sicherlich der ein oder andere Gurkenkick, so dass sie mit ihrer offensiven Ausrichtung wohl gedacht haben, uns mal kurz überrennen und den Sack in der Gruppe zumachen zu können.  Steaua konsterniert, der VfB auf Wolke sieben. So ging es weiter. Mittlerweile waren auch unsere Japaner heiß gelaufen. Okazaki legte quer auf Sakai, der hämmerte mit seinem schwächeren linken Fuß den Ball volley ins Kreuzeck, Marke Tor des Monats. Sakais allererstes Tor im VfB-Trikot. Der war so happy, die ganze Mannschaft einschließlich Trainer- und Auswechselbank freute sich sichtlich mit ihm, so dass er sich umgehend revanchieren wollte. Gesagt, getan. Sakai-Flanke maßgerecht auf Okazakis Kopf, 0:4 in der 31. Minute. Auf der Tribüne hatte man wirklich Tränen in den Augen und konnte das Glück kaum fassen. An der Stelle auch einmal einen herzlichen Gruß an diejenigen zu Hause auf der Couch, die einen des Öfteren fragen, weshalb ich mir das alles „antue“. Neben dem Drumherum wie oben beschrieben und dem Zusammentreffen mit der VfB-Familie ist es einfach geil, an einem der denkwürdigsten Abende der VfB-Europapokalgeschichte dabei gewesen zu sein. Diese innere Befriedigung, die einen bei einem solchen Spiel beschleicht ist durch nichts zu ersetzen. Der VfB hatte noch Chancen, das Ergebnis höher zu schrauben, es ging jedoch mit der bis dato höchsten Pausenführung der VfB-Europapokalgeschichte, nämlich dem 0:4,  hinein in die Katakomben.

Der VfB kam zurück mit Hajnal anstelle des starken, aber grippegeschwächten Gentner und baute die Führung in der 55. Minute durch das zweite Tor von Shinji Okazaki sogar noch aus. Harnik drang in den Strafraum ein, der Ball gelangte zu Hajnal, der ihn zu Okazaki weiter stocherte. Angesichts der wunderschön herausgespielten Tore zuvor ein fast schon unwürdiger Treffer an diesem Abend. :-) .

Am Ende gelang den Rumänen noch der Ehrentreffer zum 1:5, den ich ihnen von Herzen gönnte. Phantastisch der Support und die Gesänge der Steaua-Fans, auch noch beim Stand von 0:5 wurde gesungen und supportet, es verließen nur einzelne „Fans“ die Arena. Nicht auszudenken welch Lärmpegel uns bei anderem Spielverlauf ins Gesicht geschlagen hätte.

Unvorstellbar so etwas in Stuttgart, bei einem Stand von 0:4 zur Pause hätte die Mannschaft das Neckarstadion sicherlich fast leer gespielt! Die Stimmung in unserem Block, natürlich unfassbar. „Oh, wie ist das schön“ wurde gesungen, bis die Stimmbänder versagten.

Die gut 20-minütige Blocksperre ließ sich nach dieser Vorstellung auch gut aushalten, persönlich konnte ich mich auch endlich meiner Bewachung entziehen. Für den Rückweg entschlossen wir uns, auf das „Busangebot“ zurück zu kommen, wurde man doch sicher und kostenlos zurück in die City befördert. Man wusste ja nicht, wie die Steaua-Fans drauf sein würden, also „Safety first“. Hinein also in die Busse, Baujahr schätzungsweise irgendwann in den 1970er Jahren, TÜV, in Deutschland sicherlich undenkbar. Normal ist es ja auch nicht, dass man während der Fahrt seinen eigenen Sitz festhalten muss, um nicht umzukippen. :-) Trotzdem, alter Schwabe, „am gschenkta Gaul, guckt mr net ens Maul“, so fand ich dies trotz allem einen tollen Service, zumal ja, wie oben beschrieben, keine Empfehlungen seitens des VfB vorlagen!

In der Stadt angekommen versammelten wir uns etwa mit einer zehnköpfigen Gruppe und testeten die eine oder andere Kneipe. Ich war wirklich angetan von der guten Stimmung und wie wir aufgenommen wurden. Die Steaua-Fans waren zwar ein wenig geknickt, gratulierten uns aber fair zur grandiosen Leistung und dass es am Sieg nichts zu deuteln gab. Den Rapid- und Dinamo Bukarest-Fans tat es sichtlich gut, dass Steaua so richtig eine auf den Sack bekam. So mussten wir in diesem armem Land wirklich aufpassen, nicht ausgehalten zu werden. Tolle Gastfreundschaft, die einem allerorten entgegenschlug. Wir waren sehr überrascht, wie viel dort in dem Kneipenviertel unter der Woche noch los war. Es wurde ein toller Abend, kurz vor 5 Uhr morgens lagen wir schließlich im Bett.

Knapp vier Stunden Schlaf später sind wir wieder aufgestanden, um das Frühstück, das es leider nur bis 10 Uhr gab, nicht zu verpassen. Wie aber weiter oben bereits aufgeführt, das Aufstehen hat sich gelohnt, wenn auch das Personal schon mit der Stoppuhr parat stand. Wie immer bei unseren Städtetrips sollte auch der Kulturteil nicht zu kurz kommen. Unser Plan war, einen der Sightseeing-Busse zu ergattern, um im offenen Doppeldecker an die eine oder andere Sehenswürdigkeit herangefahren zu werden. Leider stellte sich dann heraus, dass diese im November nicht mehr verkehren, so dass wir uns zu Fuß in Richtung des Palastes des Parlaments, errichtet nach den Vorstellungen Ceaușescus, aufmachten. Das größte Gebäude Europas und nach dem Pentagon das zweigrößte der Welt ist schon ein beeindruckendes Bauwerk. Auf dem Weg dorthin und durch unsere Taxifahrten, wovon uns die Fahrt vom Flughafen in die Stadt auch am Triumphbogen vorbei führte, konnte man schon einen Eindruck von der Stadt gewinnen, die geprägt ist durch Bauwerke verschiedener Stilepochen. Frappierend fanden wir den Wechsel von total zerfallenen Gebäuden zu hypermodernen, neu errichteten Gebäuden, was teilweise überhaupt nicht zusammen passt. Vierzig Jahre Sozialismus lassen sich eben auch dort nicht von heute auf morgen wegwischen, schon gar nicht, wenn man nicht einen solch potenten Geldgeber hat, wie seinerzeit die DDR mit der BRD zur Verfügung hat.

Eine große Sünde ist sicherlich der Straßenverkehr in der Stadt und damit die Luftverschmutzung. Ich selbst bin ja „Städter“ und nicht empfindlich was Lärm und Abgase angeht. Dort jedoch ging mir dies so sehr auf den Geist, so dass wir den Kulturteil um 13 Uhr einvernehmlich für beendet erklärten. Die Bukarester Stadtväter haben wohl weder etwas von Umweltzonen oder –plaketten, noch von Parkuhren und –zonen gehört. Beides gibt es natürlich nicht. Dort wird nach Herzenslust geparkt, wie Kraut und Rüben sozusagen, wo eben Platz ist, so dass man sich teilweise auch auf Fußwegen um die Autos herum schlängeln muss. Radfahrer leben dort sehr gefährlich, wahrscheinlich auch deswegen haben wir gerade einmal einen einzigen mutigen entdeckt.

Also, noch zu dritt gingen wir zurück ins Lipscani-Viertel, wie der Bezirk mit den vielen Kneipen offiziell heißt und kehrten bei erstbester Gelegenheit in einem netten Pub auf das erste Bierchen an diesem Tag ein. Dort verabredeten wir uns dann per Handy mit anderen Bekannten im Caru‘ Cu Bere, einer prächtigen Brauereigaststätte, in der es sich wunderbar speisen und trinken lässt. An einer elends langen Tafel ließen es sich schon gut 30 Schwaben schmecken, so dass wir uns dazu gesellten. Anschließend machten wir noch eine schöne Kneipentour und feierten zwei Mal (0 Uhr rumänischer, 0 Uhr deutscher Zeit) in Winnes Geburtstag hinein. Zu dieser Zeit befanden wir uns bereits in einer Karaoke-Bar, wo wirklich der Bär steppte und ob der einen oder anderen Einlage auch kein Auge trocken blieb. Hammer, was überall, wo wir hin kamen, los war.

Erneut blieben wir bis um 5 Uhr standhaft, ehe am Samstag der Abreisetag bevorstand. Ob der Abflugzeit 14.45 Uhr rumänischer Zeit blieb genügend Zeit langsam in den Tag zu starten und sich um sich auf den Weg zum Flughafen zu begeben. Am Flughafen trafen wir dann wieder auf unsere Hotelgenossen vom RWS und auch die Kumpelz aus dem Bierhexle, mit denen wir wirklich eine tolle Zeit erlebten. Von den Leuten her hat es absolut gepasst. Wir sind auch wunderbar ohne unsere Frauen ausgekommen, auch wenn man(n) auf das ein oder andere, das ihm sonst abgenommen wird, selbst achten musste. :-)

Erneut überpünktlich ging es mit dem Flug nach Köln/ Bonn los. Um die Reise noch vollends abzurunden, fuhren wir, wie schon beim Lissabon-Trip, direkt nach der Landung nach Köln, schlossen das Gepäck ein und genossen noch reichlich Kölsch in der Kölner Altstadt und feierten Geburtstag, bevor wir um 21.55 Uhr mit etwas Wehmut den Zug nach Stuttgart bestiegen. Hätte ich nicht gerade Sonntagmorgen um 10 Uhr in ES-Berkheim zur Busabfahrt nach Freiburg sein müssen und hätte Tom keine Verpflichtungen zu Hause gehabt, hätten wir Köln sicherlich noch etwas später verlassen.

So endete die Tour standesgemäß, mit toller Gaudi, guter Laune und dem, was zählt, den drei Punkten im Gepäck!

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