1. April 2013

Unglückliche Heimniederlage gegen den Deutschen Meister

Nach der Länderspielpause und einer gefühlten Ewigkeit mal wieder hatte der VfB ein Heimspiel zur traditionellen Fußballzeit, Samstag 15.30 Uhr, vor der Brust. Voller Vorfreude und auch mit einem gewissen Optimismus machte ich mich an diesem Samstag schon sehr frühzeitig auf zu einem Bierchen und Fachsimpeleien mit Freunden. Diese Rituale gehören dazu wie das Treiben auf dem grünen Rasen und können an einem Samstag-Nachmittag natürlich weitaus genüsslicher angegangen werden als bei Sonntag-Spielen.

Durchaus optimistisch deswegen, weil der VfB dem BVB zuletzt vier Mal in Folge ein Remis abringen konnte, weil, durch die Länderspielpause und den Wegfall der Dreifachbelastung ein wenig Zeit zum durchschnaufen war und weil der VfB zuletzt durch den Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt den Tabellendruck etwas abmildern und sich Selbstvertrauen zurück holen konnte.

Das Stadion war seit längerem mal wieder ausverkauft, was einmal mehr verdeutlicht, dass zum VfB viele Leute eher wegen dem Gegner als wegen dem VfB kommen. Ein Phänomen, das nun mal so ist. Vor allem in Zeiten, des sportlichen Misserfolgs, in einer Saison, in der sich eine emotionslose Partie an die nächste reiht, in der sich Verein und Mannschaft immer mehr vom Publikum entfremden, in denen man für immer weniger Gegenleistung immer mehr Geld bezahlen soll, da ist ein Stadionbesuch einfach nicht mehr so selbstverständlich wie vielleicht noch vor einigen Jahren.

Und die VfBler, die zu Hause blieben, ermöglichten den unzähligen Gelb-Schwarzen sich einen Platz inmitten des weiten Runds zu sichern. Dies hatte zur Folge, dass sicherlich rund 10.000 BVB-Fans das Neckarstadion bevölkerten. Dortmunder möchte ich nicht sagen, da es unter denen doch sehr geschwäbelt hat.

Im Vergleich zum Frankfurt-Spiel änderte Labbadia die Anfangsformation gleich auf vier Positionen. Tasci wegen Grippe, Kvist und Molinaro gesperrt fielen ebenso aus wie der verletzt von der Nationalelf zurückgekehrte Shinji Okazaki. Für diese rückten Rüdiger hinten rechts, Felipe, Maxim und Harnik ins Team. Der VfB begann engagiert und hatte durch Niedermeier und Traore erste gute Tormöglichkeiten, hatte aber auch Glück, dass Reus in der Anfangsphase an Sven Ulreich scheiterte. Der VfB war von Beginn an im Spiel und es entwickelte sich, wie so oft in letzter Zeit gegen den BVB, ein Spiel mit offenem Visier. Man merkte den Brustringträgern an, dass sie sich etwas vorgenommen hatten und keineswegs dem scheinbar übermächtigen Gegner das Feld kampflos überlassen wollten. Anders als in so vielen Spielen zuvor , als man verhalten ins Spiel ging und erst einmal abwartete, den Sicherheitsrückpass dem Steilpass stets vorzog, war auf einmal Bewegung und Kampfgeist drin, was sich auch aufs Publikum projizierte. Gerade bei uns, Haupttribüne Seite Richtung Untertürkheimer Kurve, wo man oft den gegnerischen Anhang lauter hört als den unseren, wo sich gegnerische Fans in großer Anzahl tummeln, wo sich zuletzt eine unfassbare Lethargie und Gleichgültigkeit breit machte, gerade hier spürte ich, wie sich das Feuer vom Rasen auf die Ränge übertrug und Gift wie lange nicht mehr drin war.

Dass, wenn David gegen Goliath spielt, der vermeintlich kleine auch einmal zu unlauteren Mitteln greifen muss um nicht Katz und Maus mit sich spielen zu lassen, liegt in der Natur der Sache. Dass die Dortmunder Spieler, die meist unheimlich flink auf den Beinen sind, das eine oder andere Mal auch rustikal ausgebremst werden müssen, ist doch normal in diesem Sport. Wie sehr würde man sich aufregen, würde man sich sang- und klanglos ergeben und hätte nach dem Schlusspfiff nicht eine gelbe Karte zu verzeichnen.

Ich betone hierbei rustikal und meine nicht brutal oder fies. Die Aktion von Martin Harnik gegen Schmelzer fand ich überflüssig, da, so wie der Ball kam, eigentlich keine Gefahr mehr entstehen konnte. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, sieht man auch, dass Harnik schon vor dem „hohen Fuß“ Körperkontakt mit Schmelzer hatte, also genau wusste, dass er „in der Nähe“ war und es einfach nicht so ist, wie er hinterher zum Besten gab, dass er ihn nicht gesehen hätte. Ob jetzt der Fuß hoch oder der Kopf zu tief war, ist müßig zu diskutieren. In dieser Situation hätte er nicht so einsteigen brauchen, fertig. Allerdings, dieses Vergehen wurde richtigerweise mit Gelb sanktioniert, eine härtere Strafe wäre überzogen gewesen. Es war Harniks fünfte Gelbe Karte, so hat er jetzt auch ausreichend Zeit, darüber nachzudenken, ob das hat sein müssen.

Und, Marcel Schmelzer, nichts für ungut. Der BVB hat Erfahrungen mit Gesichtsverletzungen und wird sicherlich die bestmögliche Versorgung gewährleisten können. Dass man auch mit Nasenbeinbruch nicht so schwer gehandicapt ist wie bei einem Fußbruch zeigt derzeit unsere Winterneuerwerbung Alexandru Maxim. Er stand erstmals in der Bundesliga in der Startelf und wird dort hoffentlich nicht so schnell wieder rausfliegen, auch wenn er damit Brunos Wunschelf sprengen sollte. Er ist DER Lichtblick in Zeiten fußballerischer Armut, ist er doch ein Spieler, dessen Freund der Ball ist und der einzige weit und breit in unserem Kader, Raphael Holzhauser mit Abstrichen ausgenommen, der es vermag einen Eckball bzw. Freistoß zum eigenen Mann und vor allem über den ersten Abwehrspieler hinweg zu bringen. Bei ihm geht mir derzeit das Herz auf und nicht umsonst gilt er als der „Mario Götze Rumäniens“. Ich bin guter Hoffnung, dass wir an ihm noch viel Freude haben werden und freute mich riesig, dass er es war, der sich für seine starke Leistung mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich belohnte.

Brunos Wunschformation wurde unter anderem durch Kvists Gelbsperre gesprengt. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen Kvists Sperre und dem neuen Angriffsschwung besteht? Für mich liegt dieser „Verdacht“ nahe, war das VfB-Spiel doch plötzlich viel schneller und ansehnlicher. Wenn man sich die Verfassung des dänischen Nationalspielers zuletzt vor Augen führt, war seine Sperre für das Team mehr Segen als Fluch.

Eine andere Maßnahme, zu der Bruno Labbadia buchstäblich gezwungen wurde, war, Antonio Rüdiger als Rechtsverteidiger aufzustellen und Gotoku Sakai links verteidigen zu lassen. Eine personelle Rochade, die ich mir schon nach dem Bayern-Spiel gewünscht hätte, als Rüdiger großartig gegen Ribery spielte, und, nachdem Sakai zurückkehrte, sofort wieder auf der Bank oder Tribüne verschwand. Gerade junge Spieler verstehen doch die Welt nicht mehr, wenn sie nach starken Leistungen sofort wieder aus dem Team genommen werden, wenn vermeintliche Leistungsträger von Sperren, Verletzungen oder Afrika-Cup zurückkehren. Ein Trainer sollte doch immer zuerst die formstärksten Spieler bringen und gute Leistungen belohnen, anstatt blind seiner inneren Überzeugung zu folgen, und sich Woche für Woche von SEINEN Lieblingen enttäuschen zu lassen. Diesbezüglich erinnert mich Labbadia oft an Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede bzw. den Auszug davon „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“.  Bei solch sturem Festhalten an manchen Spielern bin ich (dann) gegenteiliger Meinung!

Doch nun zurück zum Spiel. Für Schmelzer kam Piszczek, der eigentlich für die Champions League Partie in Málaga geschont werden sollte, ins Spiel. Ausgerechnet der polnische Rechtsverteidiger war es dann, der fünf Minuten nach seiner Einwechslung seine Farben in Führung köpfte. So gesehen war der Tritt von Harnik gegen Schmelzer für den BVB ein „Glückstritt“. Beim VfB war die Aufregung groß, war dem Freistoß, der dem 0:1 voranging doch ein unberechtigter Einwurf für Dortmund vorausgegangen.   Bei aller Aufregung aber, eine vom BVB schon hundertfach gesehene Freistoßvariante darf man auch besser verteidigen…

So rächte sich in einem bis dato ausgeglichenen Spiel mit verteilten Torchancen, hüben wie drüben, die erneut schludrige Chancenverwertung vom VfB, die sich wie ein roter Faden durch die Saison zieht. Ibisevic, meist auf sich alleine gestellt, bekommt zu wenig Futter, um sein Torkonto erhöhen zu können, er fällt derzeit meist lediglich dadurch auf, dass er Bälle gut behaupten kann. Mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen, fast unermüdlich wirft er alles in den Ring, was er zur Verfügung hat. Wenn er sich Tore nicht selbst vorbereitet, trifft er aber (zur Zeit) nicht. Schade, dass er knapp im Abseits stand, als er Weidenfeller per Kopf überwunden hatte.

Stattdessen hätten aber Georg Niedermeier und vor allem Traore treffen müssen. Möchte man ein solches Spiel gegen einen starken Gegner gewinnen, dann muss man einfach die Kiste machen und 1:0 in Führung gehen. So fiel der Treffer auf der anderen Seite, was den VfB allerdings dieses Mal nicht lähmte und zurück warf. Nicht zuletzt, weil sie in Maxim endlich mal wieder einen kreativen Kopf auf dem Platz hatten, gelang es, dem BVB ein über weite Strecken ausgeglichenes Spiel zu bieten.

Nach einer guten Stunde Spieldauer kam der VfB dann zum verdienten Ausgleich durch Maxim, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft lag. Knackpunkt des Spiels war dann die gelb-rote Karte für Georg Niedermeier nach 70 Minuten. In meinen Augen einfach nur dumm dieses Einsteigen, wenn man bereits gelbverwarnt ist. Dieses Foul wäre vom einen oder anderen Referee auch mit glatt rot bestraft worden, daher auch ist es auch müßig darüber zu diskutieren, dass die erste gelbe Karte für Niedermeier keine war. Der Schorsch wirkte nicht nur in dieser Szene übermotiviert und machte seinem Spitznamen „Niederstrecker“ alle Ehre. Unschön, was dann geschah, als Götze im Fallen eine Bewegung mit seiner Hand in Richtung Schorsch machte, ihn wohl auch im Gesicht „streichelte“, der Schorsch sich aber danach wälzte, als habe ihm Mike Tyson seine gefürchtete Schlaghand ins Gesicht gedonnert. Diese Theatralik im „modernen“ Fußball widert mich einfach an, ob es jetzt ein Gegner ist oder wie in diesem Fall ein eigener Spieler. Wir haben doch gestandene Mannsbilder auf dem Platz und keine Memmen, also sollten sie sich auch wie Mannsbilder benehmen und nicht sämtliche guten Sitten vergessen, nur um sein eigenes Strafmaß abmildern zu wollen oder eine Bestrafung für den Gegenspieler herausschinden zu wollen. Was mich betrifft kann der Schorsch damit keinen Eindruck machen, ich fand das nur peinlich.

Schlimm ist eben, wo wir schon bei Schauspielerei sind, dass diese mittlerweile zum guten Ton in der Bundesliga gehört. Wie oft sieht man Spieler, die sich bei gegnerischem Ballbesitz herum wälzen, um zu erwirken, dass irgendeiner den Ball raus spielt und plötzlich wieder „fit“ sind, wenn die eigene Mannschaft den Ball gewinnt. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, plädiere ich dafür, gnadenlos weiter zu spielen, zumindest von der gegnerischen Mannschaft, ohne dabei irgendetwas von verletztem Fairplay zu faseln. Wo ist denn das Fairplay, wenn 60.000 Zuschauer im Stadion durch den Verfall der Sitten verarscht werden und das Spiel dazu noch unnötig verlangsamt wird.

So war die Hinausstellung Niedermeiers gerechtfertigt, ebenso wie die gelbe Karte für Götze. Für meinen Geschmack war das noch zu wenig, um hier eine Hinausstellung Götzes zu fordern. Allerdings hat mir der Schiedsrichter Aytekin insgesamt zu einseitig gepfiffen, bspw. hätte Gündogan ebenso gelb oder dann später auch gelb-rot sehen können bzw. müssen, in Situationen, als es weniger um den Ball ging, als bei der Aktion von Niedermeier, wo immerhin die Absicht unterstellt werden konnte, er wolle den Ball spielen. Auch muss man nicht zwingend bei jedem Körperkontakt gegen die wendigen Leichtgewichte Reus und Götze auf Freistoß für den BVB entscheiden. Diese wiederum forderten stets gestenreich, genauso wie die Dortmunder Bank und vor allem im Tor Ramona Weidenfeller Karten gegen den VfB. Dieses ständige Reklamieren, Gestikulieren und Rumgeheule, um den Schiri auf seine Seite zu bekommen, hätte genauso sanktioniert gehört. Der VfB hätte noch einen Handelfmeter bekommen können, dazu war die gelbe Karte für eine vermeintliche Schwalbe gegen Boka völlig überzeugen. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass der DFB dem Schiedsrichtergespann die Mission erteilt hatte, die Liga noch ein wenig „spannend“ zu halten und dass der VfB eben die Bayern nicht schon zum frühzeitigen Meister machen sollte.

Der VfB hat meiner Meinung nach über weite Strecken das getan, was er tun musste. Er begegnete dem BVB mit Einsatz, Kampf und Leidenschaft, Tugenden, die wir lange vermisst hatten. Daher verteufele ich keineswegs das eine oder andere harte Einsteigen, dies war notwendig, um dem BVB Paroli zu bieten und in gewisser Weise auch um sich Respekt zu verschaffen.

Aus diesem Blickwinkel kann ich auch die Aussage von Labbadia unterschreiben, dass die Dortmunder keineswegs unter Artenschutz stehen. Wir sind sicherlich nicht dafür zuständig, dass die Dortmunder am Mittwoch gegen Málaga eine schlagkräftige Elf auf dem Platz haben, auch wenn ich natürlich hoffe, dass der BVB diese Hürde nimmt. Der VfB kämpft ums Überleben in der Liga und kann auf solche Sentimentalitäten in der derzeitigen Situation keine Rücksicht nehmen.

Dass Klopp hinterher die überharte Gangart vom VfB und die eine oder andere Schramme seiner Kicker beklagte liegt ja mit daran, dass sie sich ebenfalls mit allem, was sie haben, ins Getümmel werfen und ordentlich austeilen. Diese Spielweise hat sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht, also sollte jetzt auch nicht gejammert werden, wenn der VfB gut dagegen hielt.

Als VfB-Fan ging ich trotz der Niederlage, die leider in Unterzahl nicht mehr verhindert werden konnte, zufrieden von dannen. Der VfB hat einiges ins Spiel investiert und hätte den einen Punkt sicherlich auch verdient gehabt. Sollte es gelingen, diese neu entdeckten Tugenden auch bei den kommenden Spielen in die Waagschale zu werfen, ist mir nicht bange. Mindestens gegen zwei Drittel der Liga würde eine solche Leistung zum Sieg reichen und diese aufopferungsvolle Hingabe belohnt werden.

Für den VfB wird es in den restlichen Spielen darum gehen, den Abstand auf Relegationsplatz 16 zu halten und mit der Abstiegszone nichts mehr zu tun zu bekommen. Die Spiele werden aber weniger und unten scheint das kurze Aufmucken des FC Augsburg schon wieder beendet zu sein. Alle anderen, die in der Tabelle hinter uns platziert sind, punkten ebenfalls nicht gerade furchteinflößend, so dass das Thema Abstiegsgefahr hoffentlich bald ad acta gelegt werden kann.

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