19. Mai 2013

Klassenerhalt: St. Pauli schlägt Braunschweig

Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich unser Spiel auf Schalke noch mitnehmen und von dort nach Hamburg fahren soll. Hätte es mir der VfB in dieser Saison öfter gedankt, fast überall hin mitgereist zu sein, hätten die Protagonisten auf dem Rasen stets genau so viel Einsatz und Hingabe geboten wie wir Fans auf den Rängen, wäre das Spiel sportlich noch von Bedeutung gewesen, dann hätte die Frage, vor der ich Stand, sicherlich nicht „ob“ sondern nur „wie“ geheißen. So aber entschloss ich mich erstmals der Facebook-Einladung des OFC Roter Brustring Hamburg zum VfB gucken in der Sportsbar O’Learys in Hamburg-Bahrenfeld zuzusagen und den VfB mit Gleichgesinnten in Hamburg zu verfolgen. Daher war es mein erstes Ziel an diesem Wochenende pünktlich dort einzutreffen und verabredete mich auch mit unseren Bekannten dort, bei denen wir, wie immer, auch Unterschlupf fanden. Da die Bahn- und Flugpreise, wohl auch wegen des Hafengeburtstages, schon exorbitant in die Höhe geschnellt waren – wie gesagt, die Entscheidung aufs Schalke-Spiel zu verzichten, zog sich etwas hin – setzten wir uns Samstag früh gegen 7 Uhr ins Auto und kamen nach weitestgehend staufreier, gemütlicher Fahrt schon um 14 Uhr in Bahrenfeld ein. Die Logistik dort war unschlagbar, was ich schon tags zuvor im Internet so recherchiert hatte. Direkt am S-Bahnhof Bahrenfeld steuerten wir den kostenlosen Park & Ride Platz an, der gerade einmal ca. 50 Meter von der Sportsbar entfernt ist. Besser geht es also überhaupt nicht.

Die Sportsbar machte auf mich auf Anhieb einen sympathischen Eindruck. Die Spiele des HSV und des FC St. Pauli werden dort immer übertragen. Auf Bestellung ist jedoch auch jedes Einzelspiel möglich, das dann in einer der vielen gemütlich angeordneten Nischen angeschaut werden kann. Da wir sehr früh da und daher die ersten VfBler waren, informierten wir uns kurz, wo denn „unser“ Spiel gezeigt werden würde und nahmen schon einmal Platz. Kurz mit einem leckeren Burger gestärkt und schon trafen auch die ersten Fanclubmitglieder ein. Zu Spielbeginn waren wir eine etwa 20 „Mann“ starke schwäbische Enklave mitten in Hamburg, drückten dem VfB die Daumen und konnten am Ende ja sogar einen Auswärtssieg bejubeln. Den Schalkern in die Champions League Suppe zu spucken, das fühlte sich nicht ganz so schlecht an. Nebenan bejubelten die Rauten-Fans den Auswärtssieg in Hoffenheim, so dass überall gute Stimmung herrschte. Hoffenheim so gut wie abgestiegen, der HSV mit einem Bein in der Europa League (mit einer Woche Abstand wissen wir, dass es in beiden Fällen anders kommen sollte…). Wir schauten noch gemütlich „Alle Spiele, alle Tore“, tranken noch einen Pitcher und zogen dann irgendwann weiter in Richtung Landungsbrücken. Das Auto ließen wir bis zum späten Abend stehen, waren doch Parkplätze in der Hansestadt am Hafengeburtstag-Wochenende Mangelware. Erstmals überhaupt durchlief ich den alten Elbtunnel, um die Parade einiger Kreuzfahrtschiffe und das Feuerwerk von der anderen Elb-Seite aus zu bewundern. Es wurde noch ein wunderschöner Abend in einer immer wieder aufs Neue faszinierenden Stadt.

Am Sonntag hatte ich dann ins Auge gefasst, schon frühzeitig von unserem Domizil in Kaltenkirchen nach Hamburg aufzubrechen, um erstmals die Queen Mary 2 live zu sehen. Gegen 7 Uhr sonntagmorgens sollte sie für eine knapp zwölfstündige Stippvisite in der Hansestadt eintreffen. Für die kleine Schwester der Queen Mary 2, der Queen Elizabeth, bin ich schon einmal früh aufgestanden und durch den Hamburger Nieselregen in Richtung Elbe geeilt. Ähnliches hatte ich mir für diesen Sonntag vorgenommen, zumal unsere Gastgeber meistens viel länger schlafen als wir selbst. Der Samstag entpuppte sich durch die lange Fahrt und dem, was dann noch kam, als sehr anstrengend, so dass ich sonntags Mühe hatte, in die Gänge zu kommen, und dieses Vorhaben dann wieder verwarf. Stattdessen genoss ich einen Kaffee nach dem nächsten und hoffte, bis zum Spiel am Millerntor fit zu sein.

Ich weiß, viele VfB-Fans hegen Antipathien gegen St. Pauli, wegen seiner „anderer“ Fans, wegen der vorwiegend linken Ausrichtung und welchen Gründen auch immer. Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Ich fühlte mich dort schon immer sehr wohl, auch rund um die VfB-Spiele in den 1980ern und 1990ern. Im Stadion herrschte Rivalität, danach in den Kneipen auf dem Kiez wurde man stets gut aufgenommen und konnte mit den St. Paulianern richtig einen drauf machen. So hegte ich schon immer Sympathien für die Freibeuter der Liga, ohne besondere Kontakte zum Kiez-Club zu haben. Dies veränderte sich vor nunmehr zehn Jahren. Am Rande unserer UEFA-Cup-Partien gegen Celtic Glasgow, die eine Fanfreundschaft mit St. Pauli pflegen, entwickelte sich ein reger Austausch per Mails und in Foren zwischen der VfB Fancommunity und dem Basis St. Pauli Forum, was darin gipfelte, dass die St. Paulianer uns zum Benefizspiel gegen den FC Bayern einluden. Wir fuhren damals zu dritt mit dem Zug nach Hamburg und wurden schon am Bahnhof von einer etwa zehnköpfigen Gruppe empfangen. Von Beginn an wurden wir sehr herzlich aufgenommen und waren gleich mittendrin statt nur dabei. Es entwickelte sich eine Freundschaft, so dass wir von nun an zumindest ein bis zwei Mal im Jahr ans Millerntor fuhren und auch Gegenbesuche, bspw. mit VfB-Spiel und Volksfest erhielten. Wie immer im Leben, Freundschaften muss man pflegen. Vieles aus der Anfangszeit ist auseinander gegangen, bei vielen Leuten, die damals dabei waren, haben sich teils die Prioritäten verschoben, einige wenige sind aber zu meiner Freude noch übrig geblieben. Ich bin einer der letzten Mohikaner aus dieser Zeit und pflege die Kontakte bis heute so gut es auf die Entfernung eben geht. Ich versuche pro Halbserie ein Spiel am Millerntor zu besuchen, was nicht immer einfach zu organisieren ist, wenn man die oft kurzfristigen Terminierungen in Betracht zieht. Ganz ärgerlich war es vor zwei Jahren, als das VfB-Spiel in Bremen wegen eines Castor-Transports verlegt wurde, so dass wir dann das schon fest eingeplante St. Pauli-Spiel gegen Dresden verpassten und zudem noch Züge und Hotels umzubuchen hatten.

Mittlerweile versuche ich bei Besuchen am Millerntor einen Stehplatz in der Süd zu ergattern, um mit unseren Bekannten und deren Clique zusammenstehen, mit der wir auch schon inzwischen gut bekannt sind und immer viel Spaß haben. Leider gab es gegen Braunschweig, wie auch schon in der Vorsaison, keinen Alkohol im Stadion, da das Spiel als Risikospiel eingestuft wurde. Sehr schade, zumal wir aufgrund der Anlaufschwierigkeiten in den Tag recht spät am Stadion waren und auch gleich hinein gingen.

Gegen den schon feststehenden Aufsteiger aus Braunschweig ging St. Pauli vom Anstoß an beherzt und kampfstark zu Werke und gönnte Braunschweig keinen Meter Boden. So lief das Spiel schon frühzeitig in die von St. Pauli gewünschte Richtung. Es wurde am Ende ein ungefährdeter 5:1-Sieg, der natürlich frenetisch bejubelt wurde. Die Atmosphäre im Stadion war sensationell, zum ersten Mal habe ich die neue Gegengerade voll besetzt gesehen und erlebt. Der Wechselgesang mit der Süd klappt schon ganz gut. Da natürlich durch die größere Kapazität auch „neue“ Leute auf der Tribüne stehen ist der Support natürlich noch etwas ausbaufähig. Gänsehautgarantie war unabhängig vom Ergebnis auch so gegeben. Es hieß Abschied zu nehmen von zwei langjährigen Spielern, nämlich von Florian Bruuuuuunnns und Marius Ebbers Fußballgott. Noch gut 20 Minuten nach Spielende war das Stadion weitestgehend gefüllt, als die beiden ihre Ehrenrunde liefen, und das obwohl es wegen dem zum Risikospiel auserkorenen Aufeinandertreffens kein Vollbier im Stadion gab. Die Jungs jedenfalls bekamen einen Abschied der sich gewaschen hatte. Falls sich der eine oder andere über die Plüschtier-Armada auf dem Rasen wundert: Ebbe hatte sich Spenden in dieser Form gewünscht, diese wurden eingesammelt und werden einem guten Zweck zuführt.
Für mich war das Spiel am Millerntor wie immer ein besonderes Erlebnis, das ich genossen habe. Ich freue mich auch darüber, dass der Klassenerhalt nun in trockenen Tüchern ist und es nicht mehr auf das Ergebnis am letzten Spieltag in Kaiserslautern ankommt. Paddy Funk, unseren Leihspieler, dessen Zukunft noch ungeklärt ist, habe ich noch nie so stark im St. Pauli-Trikot gesehen, wie an diesem Sonntag. Wenn St. Pauli ihn halten möchte und der VfB keine Verwendung mehr für ihn hat, wünsche ich mir, dass sich die beiden Parteien einigen mögen. Angeblich aber, so sickerte es im Laufe der letzten Woche durch, möchte Funk zurück zum VfB. Fände ich ein wenig schade, da ich es mir nicht vorstellen kann, dass er beim VfB Chancen auf einen Stammplatz hätte. In den zwei Jahren auf dem Kiez hat er einen soliden Part gespielt, sich jedoch nicht als der Über-Spieler aus der Bundesliga heraus kristallisiert, so dass er einer Hausnummer wie St. Pauli durchaus weiter gut tun könnte, beim VfB jedoch, der in höheren Kategorien denkt, würde er, zumindest in der ersten Mannschaft chancenlos sein. Eine kleine Hoffnung, dass es sich hierbei um eine Ente handeln könnte, habe ich noch. Angeblich hat der VfB ja eine für St. Pauli utopische Ablösesumme ausgerufen. Vielleicht möchte Paddy ja durch diese „Drohung“ seine Position stärken, indem der VfB nun vor der Wahl steht, einen Spieler, für den man keine Verwendung hat, durchzuschleppen, oder aber Funk für einen endgültigen Abgang keine Steine in den Weg zu legen.

Einen kleinen Wermutstropfen am Millerntor gab es für mich dann doch noch. Braunschweig und besonders Ermin Bicakcic gönne ich den Aufstieg sehr, eine 1:5-Klatsche hätte es jetzt nicht unbedingt sein müssen, ist sie ihrer bisherigen Saison doch nicht ganz würdig.
Vor diesem Spiel hatten einige St. Pauli-Fans ganz schönes Muffensausen, hätte doch bei einer neuerlichen Heimniederlage und einem gleichzeitigen Sieg von Aue und Dresden der Relegationsplatz gedroht. Dass der eine oder andere St. Paulianer recht abergläubisch ist, merkte ich dann schon vor dem Spiel. Viele, die mitbekamen, dass eigentlich der VfB der Club meines Herzens ist, fragten sofort nach „meiner“ Bilanz bei meinen Stippvisiten am Millerntor. Diesbezüglich konnte ich sie beruhigen, ich konnte mich nur an eine einzige Heimniederlage in meinem Beisein erinnern, und da stand ich in der anderen Kurve, als der VfB durch Schipplocks Tor 2:1 gewann. Nach dem Spiel dann wurde schon angekündigt, dass ich das nächste Mal, wenn es wieder Spitz auf Knopf stehen würde, als Talisman angefordert werden würde, was ich mir natürlich gerne gefallen lassen würde.

Gerade dieses Spiel herausgesucht haben wir uns aus zweierlei Gründen. Die Entscheidung dafür fiel bereits Ende des letzten Jahres. Zum einen, weil der vorletzte Spieltag fix terminiert war, zum anderen weil unser Leihspieler Paddy Funk auf unseren Ex-Verteidiger Ermin Bicakcic traf. Letzte Saison bei der gleichen Ansetzung noch, konnte ich mit beiden am Rande des Spiels Smalltalk betreiben und wollte dies eigentlich auch nach diesem Spiel tun.

Nach diesem Spiel aber hatte ich nur noch zwei Dinge im Sinn. Ein Bier und einen Sitzplatz. Es war doch ziemlich anstrengend, vor allem durch die Verabschiedungen in die Länge gezogen, so dass am Ende der Rücken ganz schön geschmerzt hatte. Wir zogen also gleich in Richtung Clubheim los um noch das eine oder andere Astra zu vernichten. Schon im Stadion wurde angekündigt, die Mannschaft würde sich am Hafen auf der Jolly Roger Bühne präsentieren und für das eine oder andere Gespräch zur Verfügung stehen. Unsere dritte Halbzeit am Clubheim dauerte aber wohl zu lang, so dass dieses Event schon vorüber war als wir dort eintrafen. Sei’s drum, es wurde auch so wieder ein netter Abend mit Auslaufparade der Luxusliner, auf der ich dann die Queen Mary 2 doch noch bestaunen durfte.

Mittlerweile bin ich drei, vier Mal im Jahr in Hamburg, meiner absoluten Lieblingsstadt in Deutschland, Stuttgart natürlich nicht mitgezählt. Der nächste Trip lässt so (aller Voraussicht nach) nicht mehr lang auf sich warten. Am letzten Juni-Wochenende steht wieder der Schlagermove an, ein Event, das ich mir schon in den letzten Jahren nicht entgehen ließ und inzwischen auch schon fast so etwas wie eine Pflichtveranstaltung ist.

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 10.0/10 (1 vote cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)
Klassenerhalt: St. Pauli schlägt Braunschweig, 10.0 out of 10 based on 1 rating

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. | TrackBack URI

Hinterlasse einen Kommentar

XHTML ( You can use these tags):
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> .