9. September 2013

Hoch soll er leben,

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , , – Franky @ 11:46

hoch soll er leben, drei Mal hoch!

Glückwunsch VfB, Glückwunsch 1893, mein Verein, der Du am 09.09.1893 das Licht der Welt erblicktest und heute 120 Jahre jung wirst.

Seit ich vor knapp 39 Jahren das erste Mal im Neckarstadion war, hast Du mich in Deinen Bann gezogen. Die glorreichen 50er-Jahre konnte ich noch nicht miterleben, doch auch „zu meiner Zeit“ gab es viele Highlights, angefangen mit dem Aufstieg 1977, dem Durchstarten in der Bundesliga mit dem 4. Platz auf Anhieb und einem Zuschauerschnitt von weit über 50.000. Danach hielt sich der VfB konstant in der Spitzengruppe der Liga und wurde schließlich und endlich 1984 mit Helmut Benthaus an der Seitenlinie zum dritten Mal deutscher Meister. 1986 machten wir zunächst in einem Spiel gegen Werder Bremen, in dem es für uns um nichts mehr ging, die Bayern zum Meister, indem wir Bremen mit 2:1 zurück an die Weser schickten. Eine Woche später dann in Berlin, Undank ist der Welt Lohn, zeigten die Bayern keine Gnade und holten durch ein 5:2 den DFB-Pokal. Den VfB und das VfB-Fan-Sein macht es einfach aus, dass bittere Niederlagen genauso dazu gehören wie große Siege. So setzte es 1985 eine bittere 0:6-Niederlage in Bremen, als Flieger noch nicht erschwinglich und ICEs noch ein Fremdwort waren. Wir saßen gefühlt das ganze Wochenende im Zug und hatten vor allem auf der Rückfahrt (leider) viel Zeit, über das Erlebte zu sinnieren. Noch dramatischer 1989 die 1:2 Niederlage in Neapel, als wir machen konnten, was wir wollten, der griechische Schiedsrichter hätte niemals einen Auswärtssieg geduldet. Keine Ahnung mit was ihn die Camorra & Co. bestochen hatten, es muss jedenfalls ein sehr lukratives Geschäft für ihn gewesen sein. Er hat, glaube ich, danach nie mehr ein Spiel geleitet. Im Rückspiel bedeutete das 3:3, dem letzten Spiel von Jürgen Klinsmann im VfB-Dress, die Finalniederlage gegen den SSC Neapel mit Diego Maradona. Schon damals wurden mir für dieses Spiel vom italienischen Wirt meiner damaligen Stammkneipe 500 DM für mein Ticket geboten, was ich natürlich ablehnte. Damals wir heute käme es für mich nie Frage, ein Ticket zu verhökern, erst recht nicht an einen Fan der gegnerischen Mannschaft.

Dies war im Grunde schon eine Zeit, wie wir sie heute kennen. Konstanz war beim VfB seit eh und je ein Fremdwort. Mal schaffte man es in die Phalanx an der Tabellenspitze einzubrechen, kurz danach setzte es wieder unsägliche Niederlagenserien und das Abrutschen in Richtung Abstiegsregionen. Die einzige Konstante zu dieser Zeit war unser Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, der stets schnell, manchmal überstürzt, die Reißleine zog, wenn „sein“ VfB drohte im Niemandsland der Tabelle zu versinken. So auch im November 1990 (ja, auch damals schon war es im Herbst für VfB-Trainer ungemütlich…), als Christoph Daum Willi Entenmann beerbte. An sein erstes Spiel als Chef-Trainer erinnere mich noch gut, es ging ausgerechnet gegen seine alte Liebe 1. FC Köln, den man nach 0:2-Rückstand noch mit 3:2 niederringen konnte. Die Zeit mit Daum brachte uns die Meisterschaft 1992 und endete kurz nach dem ärgerlichen Wechselfehler gegen Leeds United. Auch heute noch ärgere ich mich darüber, dass dieser das Ende seiner VfB-Zeit einläutete, waren doch noch genug andere Leute um ihn herum, denen es hätte auffallen müssen, dass ein Ausländer zu viel auf dem Platz stand. Heute hat diese Aufgabe einer aus dem im Laufe der Jahre angewachsenen Betreuerstab inne, der darüber wacht, dass die Regularien eingehalten werden.

Ab Mitte der 90er-Jahre bereitete uns das magische Dreieck so viel Freude und bescherte uns unter Trainer-Newcomer Jogi Löw mit dem Pokalsieg 1997 sogar einen weiteren Titel. Im Folgejahr erreichte der VfB nach einer durchwachsenen Saison, die man am Ende immerhin noch im oberen Tabellendrittel abschloss, das letzte Finale im Wettbewerb „Europapokal der Pokalsieger“ im Rasunda-Stadion zu Stockholm, bei dem ich natürlich zugegen war.

Leider wurde auch dieses europäische Finale gegen den FC Chelsea London unglücklich verloren. Heute noch hallt mir der Stadionsprecher in den Ohren, der die Einwechslung Gianfranco Zolas in mehreren Sprachen durchsagte, einzig, unsere Jungs auf dem Rasen schienen dies nicht mitbekommen zu haben. Kurz nach seiner Einwechslung nämlich dribbelte er unbehelligt durch unsere Reihen und nagelte das Runde ins Eckige. Unserem in die Jahre gekommenen Präsidenten MV missfiel bedauerlicherweise die lockere, kumpelhafte Art von Jogi Löw und meinte festgestellt zu haben, dass seine Autorität darunter entscheidend gelitten habe, so dass er den allseits beliebten Löw durch das Hassobjekt der 90er-Jahre schlechthin, Winfried S. aus KA, ersetzte.

Völlig ohne Not also leitete MV eine Saison ein, die wohl als die „trainerreichste“ in die Annalen eingegangen ist. Schäfer wurde nach gerade einmal fünf Monaten durch seinen ebenfalls nicht beliebten „Co“ Wolfang Rolff ersetzt, dieser nach noch nicht einmal einem Monat Amtszeit durch die nächste Interims-Lösung Rainer Adrion, bis schließlich Ralf Rangnick das Zepter übernahm, der seinen Dienst eigentlich erst zum 1.7. antreten sollte. Zu Zeiten des Vertragsabschlusses stand er noch beim SSV Ulm in der Verantwortung, wo er jedoch, nachdem feststand, dass er den Verein verlassen würde, nicht mehr glücklich und schließlich vorzeitig gefeuert wurde.

Auch danach war beim VfB die einzige Konstante die Inkonstanz. Nach dramatischem Abstiegskampf 2001 und der Rettung durch Balakovs Treffer gegen Schalke 04, damals schon mit Felix Magath auf der VfB-Bank, führte uns dieser zunächst in den UEFA-Cup und später dann in die Champions League. Großartige Erlebnisse wie die Spiele gegen Celtic und gegen ManU und die Jungen Wilden Vol. 1 bleiben aus dieser Zeit für immer im weiß-roten Gedächtnis haften. Nachdem Magath seinen Wechsel zu den Bayern erzwungen hatte, folgten auf der Trainerposition kurze Gastspiele bzw. Missverständnisse von Sammer und Trapattoni, ehe Heldt, damals zum Manager-Azubi von den Profis weggelobt, seinen alten Spezi aus 1860er-Zeiten Armin Veh aus dem Hut zauberte und zum Nachfolger des Maestro kürte. Unter Veh wurde mit der Meisterschaft 2007 der größte Erfolg der Neuzeit gefeiert. Nach dem Sommermärchen 2006 setzte das Stuttgarter Publikum noch einen drauf. Unvergessen, der über mehrere Stunden andauernde Autokorso vom Neckarstadion zum Schlossplatz. Eine Viertelmillion Menschen säumten die Straßen, die Begeisterung für diese Truppe um Hitzlsperger, Delpierre, Gomez, Khedira, Hildebrand und die Mexikaner kannte keine Grenzen.

Es heißt ja so schön, die größten (Management-) Fehler mache man in Zeiten des Erfolgs, was sich nach der Meisterschaft 2007 und der damit verbundenen Teilnahme an der Champions League bewahrheitete. Für viel Geld wurde Masse statt Klasse verpflichtet. Verdienten Meisterspielern wurden zweitklassige bzw. dauerverletzte Großverdiener vor die Nase gesetzt, was bei den Platzhirschen natürlich zu Missgunst führte. Dadurch und durch eine erneute Champions League Teilnahme zwei Jahre später geriet das Gehaltsgefüge des VfB aus den Fugen, was zwangsläufig, ohne Champions League Einnahmen, zum finanziellen Kollaps führen musste.

Unter Anderem dadurch begann der schleichende Abstieg, mit Krisen allerorten, sei es auf der Präsidentenebene, der Managerebene, Trainerebene und auch was den Charakter der Herren Profis anging, die Jahr für Jahr auf ihre Weise beschließen, einen neuen Impuls auf der Trainerposition haben zu wollen und diesen Wunsch dann auch nach Monaten des Leidens erfüllt bekommen.

In meine Zeit als VfB-Fan fallen die höchsten Siege wie auch die derbsten Niederlagen. Beim 7:0 in Düsseldorf, als Klinsmann fünf Mal traf, war ich ebenso anwesend, wie bei den 7:0 Heimerfolgen gegen Nürnberg, Hannover, Dortmund (mit 3x Sverisson) und Mönchengladbach. Bemerkenswert, dass wir in der Meistersaison 1984 nach dem 7:0 zu Hause gegen den Club, ein 6:0 auswärts drauf setzten. Unvergessen, der damalige Stadionsprecher, der, berauscht von der Spielweise der Brustringträger,  bereits einige Spieltage vor Saisonende anmerkte „wohl den neuen Deutschen Meister gesehen zu haben“. Außer dem angesprochenen 0:6 in Bremen, setzte es in grauer Vorzeit zu Hause ein 0:4 gegen Bochum und ein 0:5 gegen Dortmund. Auch das 0:4 gegen Freiburg in ihrer ersten Bundesligasaison tat weh, als die gesamte Untertürkheimer Kurve in Freiburger Hand war. Aus der jüngeren Vergangenheit wären in der Kategorie „Größte Enttäuschungen“ noch das 0:3 gegen SAP Sinsheim sowie das 1:5 gegen die Bayern im Pokal zu nennen.

Beim VfB weiß man nie woran man ist und das macht das VfB-Fan-Dasein so spannend. Nach 2 ½ Jahren Labbadia, in denen wir Demut kennengelernt haben, schätzen gelernt haben, dass ein dreckiges 1:0 mehr zählt, als ein Fußballfest, bei dem man mit wehenden Fahnen untergeht, dass das Stuttgarter Umfeld zu anspruchsvoll wäre und „Nicht-Leistungen“ nicht noch mit entsprechendem Beifall goutiert, stehen wir einmal mehr vor dem Scherbenhaufen der vergangenen Jahre und einem Neubeginn. Der Anfang ist durch das 6:2 gegen Hoffenheim gemacht. Jetzt gilt es dran zu bleiben und Thomas Schneider eine glückliche Hand beim Formen der Mannschaft zu wünschen.

Die Voraussetzungen für den Aufbruch in eine bessere Ära scheinen gut zu sein. Wir haben einen neuen Präsidenten, der einen guten Eindruck macht. Mir kommt die Wahl auf Wahler immer noch so vor, als hätten wir die eierlegende Wollmilchsau gefunden. Ein VfB-Fan, ein Top-Manager, ein Mann des Sports mit Kontakten aus Wirtschaft und Sport, besser geht es eigentlich nicht. Ich hoffe, er kann diesen Vorschusslorbeeren gerecht werden und steuert das in Schräglage geratene Schiff VfB wirtschaftlich wieder in sicherere Fahrwasser. Die Voraussetzungen wären da, wichtig wäre jetzt ein Miteinander, vom Vorstand bis zum Kurvenfan, um verloren gegangene Harmonie wiederherzustellen. Außerdem noch bekommen wir das Wappen unserer Väter zurück und haben zu guter Letzt einen neuen Mann an der Linie, der jung und forsch wirkt und seinen Worten hoffentlich Taten folgen lässt, nämlich, indem er den Fundus unserer hervorragenden Jugendarbeit nutzt, um in naher Zukunft wieder einmal einen Nationalspieler aus Reihen des VfB hervorzubringen.

Das Feld ist bereitet, Aufbruch 1893, auf die nächsten 120 Jahre!

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