26. September 2015

Aus-, Aus-, Auswärtssieg!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 07:58

Der Saisonstart hat uns Allesfahrern einiges abverlangt. Wegen Kiel, Hamburg, Berlin sowie Hannover unter der Woche legten wir bereits knapp 5.200 Kilometer auf Schiene und Straße zurück, verbrachten etwa 60 Stunden in Zug und Bus und „opferten“ für Hannover auch noch zwei Urlaubstage. Unser Aufwand und der bisherige Ertrag an Punkten stehen hier in keinem Verhältnis, manchmal hätte man hier eine Tapferkeitsmedaille verdient.
Dem holprigen Auftakt in Kiel (wobei ich damit zufrieden war, da es „nur“ ums Weiterkommen ging) folgten zwei völlig unnötige Pleiten in Hamburg und in Berlin sowie der verdiente Erfolg am Mittwoch in Hannover, der allerdings auch lange noch am seidenen Faden hing.
Irgendwann, Anfang Juli, als die ersten Spiele terminiert waren, kamen wir auf die glorreiche Idee die Züge nach Hannover so zu buchen, dass wir bereits gegen 10 Uhr vormittags in der niedersächsischen Landeshauptstadt aufschlugen. Die Sparpreise der Bahn lassen grüßen, der frühe Vogel spart Geld. Nach einem Begrüßungsbierchen noch im Bahnhofsbereich waren wir sehr motiviert ein wenig Sightseeing zu betreiben und Hannover etwas besser kennenzulernen.
Dazu kam es dann „leider“ nicht, da es uns
a) in einer kleinen Kneipe sehr gut gefiel,
b) der eine oder andere Regentropfen zu spüren war und
c) ein Pastor in der Kneipe auch seine Bierchen genoss und wir im festen Glauben waren, ein wenig kirchlicher Beistand für das anstehende Spiel könne nicht schaden. Alles für den Verein eben. ;-) .
So verließen wir dieses nette Örtchen erst gegen 16 Uhr und begaben uns langsam aber sicher in Richtung Stadion. So früh war ich selten einmal vor Ort. Die Polizisten formierten sich zum „Zorniger-Gedächtnis-Kreis“ und stimmten sich auf das bevorstehende Aufeinandertreffen ein, am einzigen Bierstand vor dem Gästeeingang lief das Bier noch nicht (aber bald), so dass wir dort Position bezogen, wo nach und nach unsere Fanbetreuung, die ersten bekannten Gesichter und wenig später auch der Mannschaftsbus eintrafen.
Es war langsam alles angerichtet für das Mittwoch-Abend-Spiel. Ob die DFL in irgendeinem verqueren Datensatz hinterlegt hat, dass der VfB in englischen Wochen grundsätzlich auswärts anzutreten hat, weiß man nicht. Naheliegend wäre es schon, in Anbetracht der Tatsache, dass es in der letzten Saison drei englische Wochen, in denen wir in Dortmund, in Hamburg und in Köln antraten und es in dieser deren zwei gibt, in denen es uns nach Hannover und nach Mönchengladbach verschlägt. Es gibt Angenehmeres, als „für normale Bundesligaspiele“ ständig Urlaub nehmen und die Nächte nach den Spielen im Bus auf der Autobahn verbringen zu müssen. Zu dieser Thematik und im werben um fangerechte Ansetzungen und Anstoßzeiten gab es ein nettes Transparent der 96-Fans, die damit ihr Mitgefühl für die angereisten Stuttgarter zum Ausdruck brachten.
Ein weiteres Ärgernis ist das ewige Galama, ob man eine Bridge-Kamera mit ins Stadion hineinbekommt oder nicht. In der Stadionordnung des Niedersachsenstadions ist nur die Rede davon, dass „professionelle“ Kameras verboten sind, in unseren Faninfos dagegen, wurde aufgeführt, es wären lediglich Kompaktkameras zugelassen. Dadurch ist alles Auslegungssache und letzten Endes ist man auf den Goodwill des 1-Euro-Jobbers am Eingang angewiesen und man steht im schlechtesten Fall ohne Kamera da. Um auf Nummer sicher zu gehen und auch, weil ich auf unserer Tour keine Lust hatte, zwei Kameras „mitzuschleppen“ habe ich mich für „die Kleine“ entschieden, was ein bisschen schade war, ob des guten und vergleichsweise teuren Platzes, den ich mir gegönnt hatte. Gerade bei Flutlichtspielen stößt sie an ihre Grenzen und liefert weitgehend unbefriedigende Ergebnisse, vor allem bei Zoom-Aufnahmen.
Noch kurz die Arena-Card geholt und aufgeladen, Bier und Bratwurst geschnappt, ging es auch schon hinein ins weite Rund. Letzte Saison war es merklich ruhig geworden, in der Nordkurve des Niedersachsenstadions, nachdem sich einige Ultra-Gruppierungen mit Clubchef Martin Kind überworfen hatten. Diese supporteten im Fast-Abstiegsjahr lediglich die Amateure, so dass eine gespenstische Atmosphäre herrschte und dies sicherlich mitverantwortlich für den tabellarischen Absturz war. Die Ultras konnten Kind zur neuen Saison einige Zugeständnisse abringen, wie bspw. die Errichtung weiterer Stehplätze oder auch die Gründung eines Fanbeirates, so dass sie sich in dieser Saison wieder der vollen Unterstützung sicher sein können.
Früher, in den 1980er- und 1990er-Jahren war das Auswärtsspiel in Hannover allenfalls ein notwendiges Übel. Oft war der Gästeblock mit gerade einmal zwischen 50 und 100 VfBlern „gefüllt“, es zog der nordische Wind durch das Stadion und durch die Laufbahn war man genauso weit weg vom Geschehen wie im alten Neckarstadion. Die Stimmung glich der einer Beerdigung, die Anreise war schier endlos.
Heutzutage ist man mit dem ICE in vier Stunden da und das umgebaute Stadion ist für mich zu einem richtigen Schmuckkästchen geworden. Zudem ging das als unterkühlt geltende Publikum vor allem in den Europapokal-Jahren so richtig aus sich heraus, so dass ich schon öfter mal eine überragende Stimmung dort erlebt habe, die natürlich damit einherging, dass der VfB dort in den letzten Jahren einige Spiele verloren hatte. Unser letzter Sieg in Hannover gelang in der Meistersaison vor rund neun Jahren. Da mir der Gästeblock im Oberrang nicht besonders zusagt und der besseren Perspektive zum Fotografieren wegen besorge ich mir für Hannover mein Ticket meist bei `96 direkt. So saß ich dieses Mal knapp versetzt hinter unserer Trainerbank in Reihe 1, quasi in Rufweite und mit direktem Blickkontakt zu Meuschi und Günne.
Nach fünf Spielen ohne Punktgewinn stand der VfB mächtig unter Druck. So sehr die Spielweise des „neuen VfB“ gelobt wurde, so wenig es die bisherigen VfB-Gegner verstanden, wie sie die Spiele gegen uns überhaupt gewonnen hatten, so wenig gibt es eben auch einen Schönheitspreis zu gewinnen. Was zählt sind die Punkte und die ließen bisher auf sich warten So war es immens wichtig, in Hannover die ersten Punkte einzufahren, um wenigstens ein bisschen Ruhe zu haben und die aufkeimende Trainerdiskussion verstummen zu lassen.
Der VfB trat fast mit der gleichen Aufstellung an wie beim mitreißenden Auftritt gegen Schalke 04. Lediglich der zuletzt angeschlagene Daniel Didavi ersetzte Alexandru Maxim. Didavis Knie hält bislang, toi, toi, toi. In seiner gesamten Zeit bei den VfB-Profis war er wohl noch nie so lang am Stück einsatzbereit wie momentan. Somit hat der VfB ein echtes Luxusproblem, weil dem Vernehmen nach immer nur einer der beiden Künstler spielen kann, wenngleich ich auch gerne nochmal beide zusammen auf dem Platz sehen würde. Auf der anderen Seite scheint sich aber auch so langsam eine Formation zu finden, die guten Fußball spielt und defensiv weniger zulässt als noch zu Beginn der Saison. Hieß also auch, dass erneut Timo Werner den Vorzug vor Martin Harnik erhielt. Werner kommt das neue System mit zwei Spitzen entgegen, um es vorweg zu nehmen, war er „mein“ Man of the Match in Hannover.
Wie schon in Berlin ging der VfB zunächst abwartender als bei den Heimspielen zu Werke, was uns offensichtlich nicht so liegt. Wir haben ein Team, das lieber agiert als reagiert und sich in der Vorwärtsbewegung deutlich wohler fühlt, als wenn man hinterher laufen und zunächst einmal auf das Heimteam reagieren muss. So setzte Hannover 96 die ersten Akzente und hätte schon in der 13. Minute in Führung gehen können, wenn das Schiedsrichtergespann Andreasen nicht fälschlicherweise zurückgepfiffen hätte. Eine Zeigerumdrehung später war es aber doch so weit. Wie schon in Berlin über die linke Abwehrseite kam der Ball nach innen zu Karaman, der Tytoń im Kasten keine Chance ließ. Auf der Tribüne konnte man es nicht fassen, geht denn die Sch… schon wieder los, murmelte man vor sich hin und sah das neuerliche Unheil seinen Lauf nehmen. Bei Hannoveranern, die ebenfalls sehr verunsichert waren und erst ein mageres Pünktchen in den ersten fünf Spielen ergatterten und deren Trainer Michael Frontzeck ähnlich unter Beschuss war wie unser Übungsleiter Alexander Zorniger.
Noch ehe man das 1:0 für Hannover so richtig verarbeiten konnte, rappelte es auf der anderen Seite. Timo Werner schickte unseren Kapitän auf die Reise, der sehenswert an Zieler vorbei zum Ausgleich einschlenzte. Ein schönes Tor, eine Befreiung, den frühen Rückstand umgehend korrigiert. Doch damit nicht genug, durch aggressives Forechecking in der Hannoveraner Hälfte zwang der VfB den Gegner zu einem Ballverlust, der Ball landete bei Ginczek, der etwas unter Ladehemmung leidet und Zieler anschoss, der Ball sprang aber zu Timo Werner, der ins leere Tor abstauben konnte.
Sein erstes Tor seit dem Dezember 2014, eine große Befreiung für ihn, der eine schwere Zeit beim VfB durchlebt und sich in einem Wechselbad der Gefühle befinden muss, nach seiner Nichtnominierung fürs Berlin-Spiel und zwei Startelfeinsätzen danach. Erst Peitsche, dann Zuckerbrot, erst von Zorniger gerüffelt, er sei nicht sein Kindermädchen, um ihn nun stark zu reden und ihm auch schon 24 Stunden vor dem Gladbach-Spiel eine Startgarantie zu geben. Timo Werner hat verstanden und ist auf dem Weg zu alter Stärke.
Nach drei Toren binnen vier Minuten verflachte die Partie etwas, so dass es bis kurz vor dem Pausenpfiff dauerte, ehe Hannover durch einen Pfostenschuss ein Lebenszeichen sendete und im Gegenzug Kostic aus spitzem Winkel knapp scheiterte.
In der zweiten Halbzeit versuchte Hannover im Rahmen seiner Möglichkeiten das Spiel zu drehen, kam aber kaum mehr zu erwähnenswerten Torabschlüssen. Der VfB war zwar etwas gefährlicher und insgesamt auch spielbestimmend, die letzte Genauigkeit, die Angriffe sauber zu Ende zu spielen und der konzentrierte Torabschluss fehlten aber. Mich erinnerte die Partie, je länger es 1:2 stand, an das Spiel in Hamburg. Fahrigkeit im Abschluss, eine dumme rote Karte und schon macht man einen eigentlich am Boden liegenden Gegner stark und verschenkt ein Spiel. Diese Bedenken begleiteten mich bis in die Nachspielzeit hinein, ehe Maxim nach gutem Einsatz von Daniel Ginczek für die Entscheidung sorgte. Auch Daniel Ginczek erhielt von Trainer Zorniger ein Sonderlob, in dem er äußerte, könne er sich einen Stürmer backen, käme Ginni dabei heraus. Dieses Lob hat sich der Junge mehr als verdient. Was er rackert und ackert, unermüdlich 90 Minuten lang die Gegner, oftmals aussichtslos, den Ball zu erobern, anläuft, für Unruhe sorgt und dazu noch große Torgefahr ausstrahlt, auch für mich überragend. Dass bei diesem steten Kampf am Limit mal die Konzentration beim Torabschluss fehlt, dafür muss man Verständnis aufbringen und ihm weiter den Rücken stärken, und nicht schon wieder, wie nach dem Schalke-Spiel gehört, eine Chancentod-Diskussion eröffnen. Wenn denn dann, wie beim 1:2, ein Timo Werner dasteht und abstauben kann, ist doch alles gut letztendlich.
Timo Werner sprintete nach seinem Treffer auf Zeugwart Michael Meusch zu, der ihm ein guter Freund und manchmal wohl auch Seelendoktor ist, Schwaben unter sich sozusagen, was ihm jedoch einen kleinen Rüffel von Trainer Zorniger einbrachte. Dieser erwartete von ihm, dass er sich bei seinen Mitspielern zu bedanken hätte, die seinen Treffer durch aggressives Pressing erst ermöglicht hatten. Diese Aussage von Zorniger und auch der Kreis, den die Spieler mehrmals im Training sowie vor und nach den Spielen auf dem Platz bilden, sich umklammern und in dem Zorniger stets ein paar Worte an die Mannschaft richtet, gehören zu den teambildenden Maßnahmen, auf die Zorniger großen Wert legt. Manche mögen das belächeln, ich finde es stark. Für Zorniger steht die Mannschaft und der Teamgeist über allem, was eine positive Erwähnung wert sein sollte, nach Jahren, in denen wir es vorwiegend mit Egoisten und Ich-AG’s auf dem Platz zu tun hatten. Man spürt, dass eine Einheit zusammenwächst, dass die Bereitschaft sich gegenseitig auf dem Platz zu helfen wieder da ist, was wir lange Zeit vermisst haben.
Dennoch ist mit Hannover und gegen die derzeit vermutlich schwächste Bundesligamannschaft nur ein erster Schritt getan. Viele weitere müssen folgen, um endlich mal wieder in gesicherte Tabellenregionen vorzustoßen und dem Team ein ruhiges Arbeiten zu gewährleisten.
Heute steht das nächste schwere Spiel bevor, gegen den Champions League Teilnehmer Borussia Mönchengladbach, der genauso katastrophal in die Saison startete wie der VfB. Auch den Gladbachern gelang am Mittwoch der Befreiungsschlag, indem sie mit Interimstrainer Andre Schubert nach 21 Minuten bereits mit 4:0 gegen den FC Augsburg führten. Auch hier kann man konstatieren, wehe, wenn sie losgelassen. Der VfB muss auf der Hut sein und eine ähnliche Gala wie gegen Schalke auf den Platz zaubern, seine Chancen dabei jedoch nutzen. Dann kann es was werden mit dem zweiten Sieg in Folge und dem ersten Heimsieg. Die Gladbacher stehen mit Sicherheit auch nicht umsonst dort wo sie stehen, das Gebilde dürfte weiter fragil sein, so dass sie Gefahr laufen, beim einen oder anderen Gegentor, in ihre Einzelteile zu zerfallen. So muss sie sich der VfB zurechtlegen, dann bin ich guter Dinge!
Ein Wort noch zum Rücktritt von Lucien Favre. Langsam mutet mir das Gebaren der Trainer an wie die Rache an den Vereinen, die, Trainer um Trainer entließen und vor allem sie zu den alleinigen Sündenböcken erklärten.
Hatte ich nach dem Rücktritt von Armin Veh zunächst das Gefühl, man würde dem VfB den Boden unter den Füßen wegziehen, müssen sich nun die Gladbacher ähnlich fühlen. Es ist immer schwierig für einen Verein, der ambitionierte Ziele hat, so kurzfristig eine gute und langfristig vielversprechende Lösung zu präsentieren. Da bewundere ich die Ruhe und die Seriosität, mit der Max Eberl an das Problem herangeht und wohl keinen Schnellschuss macht.
Ich halte solch Rücktritte, beim 1. FC Kaiserslautern ja auch, für charakterlich höchst verwerflich und hoffe, dass sie nicht zur Mode werden. Ich finde das sehr egoistisch gedacht von Lucien Favre, seinen Verein im Stich zu lassen und womöglich auch kleineren Vereinen Schaden zuzufügen, bei denen sich der betroffene Verein nach einer Alternative umsehen muss.
So könnte es die Stuttgarter Kickers, immerhin in der 3. Liga im Aufstiegsrennen, treffen, deren Trainer Horst Steffen eine Gladbacher Vergangenheit hat und vom Niederrhein stammt, und der offensichtlich einer der Kandidaten für die Favre-Nachfolge ist. Sehr kurz gedacht von Favre also, mir nichts, dir nichts das Handtuch zu werfen und mehrere Vereine dadurch vor große Probleme zu stellen.
Es ist zwar nicht unser Thema, aber, mich beschäftigen eben auch sonstige Entwicklungen im Fußball, der mehr und mehr dabei ist, sich selbst abzuschaffen oder zumindest von der Basis immer weiter zu entfernen, wenn Verträge die Tinte nicht mehr wert sind, mit der sie unterzeichnet wurden.
Heute aber liegt unser Augenmerk auf dem Spiel. Was ein Tag, erstes Wasenwochenende, schönes Wetter, ein fast ausverkauftes Haus und eine Truppe auf dem Platz, der es Spaß macht zuzuschauen. Bin schon ganz aufgeregt und schließe an dieser Stelle, fertig machen, Aufbruch 1893, der Wasen ruft!

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