27. September 2015

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 18:19

Der Heimkomplex setzt sich fort, viertes Heimspiel, vierte Niederlage! Zum vierten Mal mit einem deutlichen Chancen-Plus, aber auch zum vierten Mal den Gegner durch zu naives Abwehrverhalten zum Siegen eingeladen. Wieder einmal weist uns nahezu jede Statistik als bessere Mannschaft aus. Ob Passquote, gewonnene Zweikämpfe oder die Torschussstatistik, es ist schon grotesk, wie es der VfB immer wieder schafft, diese sonst so aussagekräftigen Parameter ad absurdum zu führen.
Dieses Spiel führte uns wieder einmal schmerzhaft vor Augen, dass wir ein riesen Qualitätsproblem in der Abwehr haben. Einzig Insúa hebt das Niveau (defensiv) ein wenig an. Przemyslaw Tytoń ist (noch) keine Verstärkung, was die Nachfolge von Sven Ulreich betrifft, was schon viel über seine bisherigen „Leistungen“ aussagt. Keines der drei gestrigen Gegentore kann man ihm direkt anlasten, dennoch hätte bspw. ein Jens Lehmann die Flanke, die zum 0:1 führte, mühelos herunter gepflückt und das wohl auch jetzt noch im gesetzten Alter und ohne Training. Dass man in solchen Situationen Ulreich aber auch nicht hinterher zu weinen braucht, ist selbstredend klar, dieser klebte ja ähnlich auf der Linie wie Tytoń. Bitter, dass Mitch Langerak weiterhin auf unbestimmte Zeit ausfallen wird und Odisseas Vlachodimos auch nicht der Heilsbringer auf dieser Position ist.
Die Fehlerkette, die zum wohl spielentscheidenden Rückstand führte, ist aber natürlich länger. Der Ball war eine Ewigkeit in der Luft, zudem kennt man die Standards von Raffael zur Genüge, das muss einfach besser (bzw. überhaupt) verteidigt werden und auch Granit Xhaka darf im Leben nicht so frei am Fünfmeter-Raum zum Kopfball kommen.
Die Innenverteidigung mit Toni Sunjic und Timo Baumgartl wirkt schlecht abgestimmt, Sunjic lässt sich mittlerweile auch schon von der allgemeinen Verunsicherung anstecken, Respekt, gerade einmal drei Spiele hat er dafür benötigt. Timo Baumgartl hingegen wird immer mehr zum Bruder Leichtfuß und wirkt mehr und mehr verunsichert. Eigentlich täte ihm eine Pause einmal gut, umso bitterer ist es, dass wir in der Innenverteidigung keine ernsthafte Alternative zu den beiden haben. Daniel Schwaab und Georg Niedermeier scheinen mehr denn je von der Stammelf entfernt zu sein und überhaupt kein Vertrauen zu genießen, allein beim Gedanken an Adam Hlousek als mögliche Alternative bekomme ich schon Panikattacken.
Auch Florian Klein befindet sich derzeit in einem schon länger währenden Tief und wird seiner Rolle als Führungsspieler in keinster Weise gerecht. Schwere Stellungsfehler (wie beim 0:2) gepaart mit fahrigen Abspielen lassen auch ihn zu einem Unsicherheitsfaktor in einer ohnehin schon verunsicherten Truppe werden. Zu Klein haben wir jedoch ebenfalls keine ernsthafte Alternative im Kader, der ihm mal Druck machen könnte. Nominell steht Daniel Schwaab zwar parat, der zwar seit seiner Verpflichtung braver und ruhiger Gehaltsempfänger ist, auf dem Platz aber selten überzeugen konnte und für mich eher Innen- als Außenverteidiger ist.
Auch wenn Defensivarbeit im Offensivbereich beginnt, auch wenn wir außer Serey Dié im Mittelfeld keine weitere Bank haben, die gedankenschnell eine gesunde Balance aus Absicherung nach hinten und Ankurbelung nach vorne verkörpert, steht eine Blutauffrischung in der Viererkette in der Prioritätenliste an oberster Stelle und kann im Normalfall erst im Wintertransferfenster erfolgen. Ob man allerdings bis zum Winter warten möchte und warten kann müssen die Verantwortlichen mit sich ausmachen. Als Fan auf der Tribüne ist es äußerst ärgerlich mitzuerleben, wie einem durch ein solch amateurhaftes Abwehrverhalten ständig die Butter vom Brot gekratzt wird. Was einen dabei fast schon verzweifeln lässt, ist, dass mit diesem Kader wenig Hoffnung auf baldige Besserung besteht. Natürlich liegt es bei der Fülle an Torchancen, die erarbeitet werden, immer auch im Bereich des Möglichen, dass wir mal ein Spiel 4:3 oder 5:4 gewinnen, sehr wahrscheinlich ist das wiederum auch nicht. Im Gegenteil, mit dem neuen Hurra-Stil rennen wir jedem Gegner derzeit ins offene Messer, der sich darauf verlassen kann, dass der VfB seine Chancen fahrlässig liegen lässt und es auf der anderen Seite ob der hohen Verteidigungsstrategie fast zwangsläufig zu Kontersituationen in Überzahl kommt.
Reift in den Verantwortlichen jedoch die Erkenntnis, dass dieser Kader und speziell der Abwehrverbund Bundesligaansprüchen wider Erwarten doch nicht genügt, lohnt sich womöglich ein Blick auf die Liste der arbeitslosen Fußballer, die man auch außerhalb einer Transferperiode auch noch unter Vertrag nehmen könnte.
Prominenteste Namen auf dieser Liste (in Deutschland) und in Bezug auf unseren Problem-Stellen wären Alexander Madlung für die Innenverteidigung und Patrick Ochs für die des Rechtsverteidigers. Beide haben eine ordentliche Vergangenheit, über ihr derzeitiges Leistungsvermögen und wie sie momentan im Saft stehen, weiß man natürlich wenig. Eine Überlegung wert wäre es meiner Ansicht nach schon, diese beiden spätestens zur Bundesligapause einzuladen und sie im Training unter die Lupe zu nehmen. Bei allem Jugendwahn und sich auf die Fahnen geschriebenem Grundsatz, Lücken lieber aus den eigenen Reihen zu schließen, als Leute von außerhalb zu holen, die die Qualität nicht spürbar anheben, steht uns das Wasser schon fast bis zum Hals, so dass man nichts unversucht lassen sollte, um das Abwehrproblem zu beheben.
Eine andere Baustelle ist man offensichtlich noch immer nicht bereit ernsthaft anzugehen. Christian Gentner, der gestern sein 200. Bundesligaspiel für den VfB absolvierte und zur Feier des Tages auch (ins eigene Tor) traf, gehört durch Carlos Gruezo oder Lukas Rupp ersetzt, die beide mehr Dynamik versprühen und auch durch eine größere Spielintelligenz und Handlungsschnelligkeit bestechen. In schwierigen Zeiten wie diesen, in denen mehr und mehr der Trainer hinterfragt wird, darf vor unpopulären Maßnahmen nicht Halt gemacht werden. Unsere ärmste Sau auf dem Platz ist doch derzeit Serey Die, der aber nicht überall sein kann und tatkräftige Unterstützung im defensiven Mittelfeld dringend gebrauchen könnte.
Auch offensiv ist derzeit längst nicht alles Gold was glänzt. Daniel Ginczek reibt sich zwar bewundernswert auf, powert sich aus, ihm fehlt aber seine alte Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Symptomatisch, wie er aussichtsreich in der 1. Halbzeit ein Luftloch schlug.
Timo Werner hat sein Tor in Hannover und das wiedergekehrte Vertrauen in seine Leistungsstärke sichtlich gut getan, er ist wieder im Kommen und dürfte Martin Harnik fürs erste verdrängt zu haben. Harnik ist ein Schatten seiner selbst, was nicht zuletzt an seiner ungeklärten Vertragssituation liegen dürfte. Es ist ein Teufelskreis derzeit, zum einen wollte er abwarten, wie die Entwicklung des VfB verlaufen würde und ob er sich dann ggf. eine Vertragsverlängerung vorstellen könnte. Zum anderen beschäftigt ihn dies offensichtlich so stark, dass er einen großen Anteil daran hat, dass die Entwicklung nicht wie erwünscht verläuft. Die Zeichen stehen im Moment ganz klar auf Trennung.
Ähnlich auch die Personalie Daniel Didavi. Auch er wollte abwarten, nachdem man ihm einen sofortigen Wechsel zu Bayer Leverkusen verwehrt hatte. Dieser stand kurz vor Schließung des Transferfensters noch zur Debatte, seitdem, namentlich seit dem 1:4 gegen Eintracht Frankfurt ist er für mich auch nur noch ein Schatten seiner selbst. Der für mich beste Fußballer in Reihen des VfB setzt zwar nach wie vor Akzente und reibt sich auch in der Defensivarbeit auf, aber, er trägt den Kopf sichtbar unten, von der Spielfreude der ersten Spiele ist er weit entfernt. Es ist einfach traurig zu sehen, wie sehr die Schere zwischen arm und reich, zwischen einem „normalen“ Bundesligaverein und einem Werksclub und Champions League Dauergast inzwischen auseinander gegangen ist. Der VfB kann sich noch so strecken und seinem besten Spieler drei Millionen Euro Jahresgehalt anbieten, wenn dann aber ein reicher Verein kommt und dem Spieler bis zu acht (!) Millionen Euro anbietet, hast Du als VfB keine Chance und beim Spieler selbst beginnt das große Kopfkino. Ich werde den Eindruck nicht los, dass Dida der Kopf gehörig verdreht wurde und er dadurch nicht mehr voll bei der Sache ist. Ihm unterstelle ich nicht einmal Söldnertum, hat er doch eine hohe Identifikation mit dem VfB. Dennoch werden in ihm Zweifel hoch kommen, ob er nicht eine große Chance verpasst hat, was ihn zusätzlich blockieren könnte.
Auch Filip Kostic war Objekt der Begierde und erscheint mir seither unzufrieden mit der Gesamtsituation zu sein. Die Leichtigkeit ist ihm abhanden gekommen. Zudem verzettelt er sich zu oft in Einzelaktionen, auf die sich die gegnerischen Teams inzwischen eingestellt haben, er war schon wirkungsvoller für das VfB-Spiel wie zuletzt. Zu allem Überfluss zog er sich gestern auch noch einen Muskelfaserriss zu und wird in Sinsheim ausfallen. Ich bin schon wieder am Punkt angelangt, dass ich nach der Niederlagenserie den Ausfall eines gesetzten Spielers auch als Chance begreife für denjenigen, der ins Team rückt, vor allem, weil unser Spiel zunächst schwerer auszurechnen ist und die Mitspieler seines Eigensinns überdrüssig zu sein scheinen.
Wir sind an einem gefährlichen Punkt angelangt. Eigensinn, latente Unzufriedenheit und dadurch immer öfter auch fehlendes Vertrauen zum oder Hadern mit dem Nebenmann. Diesen Tendenzen muss das Trainerteam, evtl. auch unter zu Rate ziehen des Sportpsychologen Laux, schnellstens entgegen wirken. Es wird ja bereits gemunkelt, die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer stimme nicht, Nachtigall ick hör dir trapsen. Sollte dem so sein und vor allem, sollte dies nicht nur Bank- oder Tribünenhocker betreffen, wäre das womöglich schon wieder der Anfang vom Ende der Zorniger-Ära. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die Mannschaft, in wechselnder Besetzung, einen Trainer im Herbst zum Abschuss freigibt.
Dutt und Zorniger müssen hier genau in die Mannschaft hinein horchen und etwaigen Tendenzen in eine solche Richtung vehement entgegenwirken. Der VfB tut gut daran, sich vom eingeschlagenen Weg mit Zorniger nicht abbringen zu lassen und den Teamumbau einhergehend mit dem Systemwechsel konsequent weiterzuverfolgen.
Ein Trainer kann die Torchancen nicht selbst verwerten und er ist auch nicht dafür verantwortlich, wenn hochbezahlte Profifußballer anfängerhafte Fehler machen. Seine Möglichkeiten beschränken sich darauf, die fußballerisch beste, vielleicht zugleich nervenstärkste, Truppe auf den Platz zu schicken. Der VfB muss nun bestrebt sein, sich mit einem blauen Auge und noch drei oder vier Siegen in die Winterpause retten und dann personell nachbessern.
Wir befinden uns doch erst am Anfang des Umbruchs, der zwar Zeit braucht, dessen Preis jedoch auf keinen Fall der Abstieg sein darf. Hier muss die Balance zwischen Aufbauarbeit und Konkurrenzfähigkeit gefunden werden. Behält die Mannschaft die Offensivpower bei, ist mir dabei auch nicht bange. Die große Gefahr ist nur die, dass die Verunsicherung immer größer wird und Versagensängste weiter zunehmen werden, je mehr Niederlagen eingesteckt werden müssen. Würde dies offensichtlich zu Tage treten, würden langsam aber sicher die Mechanismen des Geschäfts greifen, und Rufe nach einem neuen Trainer, der die mentalen Blockaden löst, würden lauter werden.
Ich hoffe nicht, dass dieser Fall eintritt, dann träten wir weiter auf der Stelle und im nächsten Sommer würde das ganze Theater wieder losgehen. Und jährlich grüßt das Murmeltier…

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