10. November 2016

Auf einem guten Weg

Die 2. Liga bockt, die 2. Liga rockt. Die Fans rennen dem VfB die Bude ein, was den VfB im europäischen Vergleich auf Platz 16 der Zuschauerrangliste hievt und wodurch mit Newcastle United europaweit nur ein Zweitligist einen knapp höheren Zuschauerschnitt aufweist.

So fanden sich auch gegen den vergleichsweise unattraktiven Gegner Arminia Bielefeld 55.160 Zuschauer im Neckarstadion ein und tauschten zur familienunfreundlichen Anstoßzeit, Sonntag, 13.30 Uhr, die Aussicht auf den Sonntagsbraten gegen das Gemeinschaftserlebnis Fußball.

Eigentlich ist es unfassbar, welchen Zuspruch der VfB auch in der 2. Liga genießt. Für einen Allesfahrer wie mich, war es sowieso klar, weiterhin dabei zu bleiben und dass ich der Abwechslung, was Gegner und Stadien angeht, zunächst einmal viel Positives abgewinne.

Dass aber plötzlich wieder Leute ins Stadion kommen, die der VfB in den letzten Jahren Stück für Stück verloren hat, das hätte ich nicht erwartet. Würde man sie in die Kategorie „Erfolgsfans“ stecken, täte man ihnen ganz sicher unrecht. Es sind vielmehr solche, die, auch wenn sie nicht ins Stadion gehen, mit dem Herzen dabei sind, jene, die bei Kampagnen wie der „Zusammenhalten“-Aktion, als erste wieder auf der Matte standen, um dann doch wieder maßlos enttäuscht zu werden.

Solche „alte Bekannte“ sehe ich derzeit vermehrt wieder und das freudestrahlend, wie am Sonntag, nach einem wahrlich nicht berauschenden Spiel. Gut, für Siege gibt es keinen Ersatz, schon deshalb macht die 2. Liga bedeutend mehr Spaß als die Bundesliga zuletzt.

Lang vor dem Abstieg habe ich mich ja schon mehr vor einem weiteren Herumdümpeln in der Bundesliga, als vor dem Abstieg gefürchtet und fühle mich jetzt bestätigt, wenn ich verfolge, wie bemitleidenswert der HSV zum Beispiel durch die Bundesliga stümpert.

Hätten wir mit Glück die Klasse gehalten, würde Robin Dutt wohl weiterhin sein Unwesen treiben und Jürgen Kramny möglicherweise noch Trainer sein. Man hätte aus Dankbarkeit Verträge im Überfluss verlängert, so dass der Abstieg weiterhin nur eine Frage der Zeit gewesen wäre.

Jetzt hat der VfB auf einmal glänzende Perspektiven. Er ist personell runderneuert, von der einen oder anderen „Altlast“ einmal abgesehen, hat einen jungen, erfolgshungrigen Trainer und einen neuen Sportdirektor, dem man bislang ein hervorragendes Zwischenzeugnis ausstellen kann. Nach Jahren der rasanten Talfahrt ist so etwas wie ein Plan zu erkennen, an dem sich jeder orientieren kann und muss.

Während es zuletzt ein „In den Tag hinein leben“ war, wird neuerdings auch an morgen und an übermorgen gedacht, was durch die Verpflichtung von Pavard, Asano und Mané und der daraus folgenden Trennung von Jos Luhukay deutlich wurde.

So sind wir auf der einen Seite Zeugen einer spannenden Entwicklung, während wir auf der anderen, ganz nebenbei, auch in der Liga in die Spur gefunden haben. Diese Kombination ist es, die die Leute zum VfB strömen und optimistisch wie lange nicht in die Zukunft blicken lässt.

Bielefeld fuhr nach der Entlassung vom Ex-Großaspacher Trainer Rüdiger Rehm unter Interims-Coach Carsten Rump zuletzt zwei Siege in Folge ein und war deshalb mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet.

Wolf stimmte in die allgemeinen Lobhudeleien nach dem Derbysieg nicht ein, sondern sandte Mahnungen an sein Team, dass ihm vieles nicht gefallen habe. Dass er, gerade bei dieser Truppe, mit viel Lob sparen und die Spannung jederzeit hoch halten sollte, hat er spätestens nach dem 0:5 in Dresden, dem das 4:0 gegen Fürth vorausging, leidvoll erkennen müssen.

Maxim, der nach seiner Einwechslung ordentlich Schwung brachte und schließlich mit dem 1:3 für die Entscheidung sorgte, nahm er in die Pflicht, „sich nicht über einzelne Szenen zu definieren“, sondern dass er das ganze Spiel tragen müsse. Maxim ist noch immer weit davon entfernt, legitimer Didavi-Nachfolger der letztjährigen Nummer 10 auch auf dem Platz zu sein, vielleicht bekommt ihn mit Wolf ja endlich einer seiner unzähligen Trainer beim VfB dort hin.

Außerdem ließ Wolf sich, nachdem er gegen die Ost-Franzosen Marcin Kamiński aus dem Hut zauberte, nicht auf ein, DAS, Innenverteidiger-Duo festlegen. Er stellte dabei die (berechtigte) Gegenfrage, was er denn dann den anderen erzählen solle, wenn sie Woche für Woche im Training Gas geben und sich aufdrängen. Daher darf sich niemand (!?) im Team seines Stammplatzes zu sicher sein, mit dem positiven Nebeneffekt, für die Gegner schwerer ausrechenbar zu sein.

So lautete gegen Bielefeld das Innenverteidiger-Duo erstmals in der Liga Baumgartl/ Kamiński. In Grassau beim Trainingslager deutete sich dieses Paar schon an, jedoch machte Baumgartls Verletzung zu Saisonbeginn diesen Planspielen von Ex-Trainer Luhukay einen Strich durch die Rechnung. Da er nicht sonderlich risikofreudig war, brachte er daher zunächst das andere Paar, das sich in Grassau eingespielt hatte, Sama/ Šunjić, so dass in erster Linie deshalb Kamiński zunächst einmal völlig außen vor war.

Kamiński bot, wie vor Wochenfrist auch schon, eigentlich eine solide Partie, die durch seinen kapitalen Aussetzer vor dem Ausgleich geschmälert wurde. Ein Facebook-User meinte gar, Šunjić im Kamiński-Kostüm erkannt zu haben, was die besagte Szene wohl treffend charakterisiert.
Da es für den Derbysieg, auch wenn man ob der bei vielen seither herrschenden Euphorie anderes vermuten könnte, auch nur drei Punkte gab, galt es diesen Auswärtsdreier durch einen Heimsieg nun zu vergolden.

Dies gelang, wenn auch nicht besonders eindrucksvoll. Die Bielefelder waren sehr gut eingestellt und machten dem VfB das Leben schwer, indem sie eine gute Raumaufteilung an den Tag legten und den VfB nicht zur Entfaltung kommen ließen. Im Gegenteil, im ersten Abschnitt übernahmen eher die Arminen die Initiative, wenngleich sie nicht in wirklich gefährliche Abschlusssituationen kamen.

Der VfB war in diesem Spiel lange zu passiv und machte sich durch nicht erzwungene Fehlpässe und Ballverluste das Leben selbst schwer. Zwar ging man nach einem katastrophalen Torwartfehler von Hesl (HSV-Schule) durch Simon Terodde in Führung und mit diesem Ergebnis auch in die Halbzeitpause, doch, zur allgemeinen Sicherheit trug dieser Treffer auch nicht bei.

Wolf wollte nach dem Wechsel für Stabilität sorgen und brachte Klein auf der Sechs anstelle des an diesem Tag schwachen Berkay Özcan. Der VfB trat zwar zu Beginn des zweiten Abschnitts offensiv mehr in Erscheinung, musste aber dennoch nach einer guten Stunde Spielzeit den nicht unverdienten Ausgleich der Ostwestfalen durch Voglsammer hinnehmen. Beinahe kam es gar noch schlimmer, als die Bielefelder nur den Pfosten trafen.

Danach war den Bielefeldern der Zahn gezogen und ihnen ging sprichwörtlich die Puste aus. Terodde köpfte, wie schon vor Wochenfrist in Ost-Frankreich nach Insúa-Flanke, die Führung und ließ in der Folgezeit zwei Hochkaräter liegen, ehe er in der Nachspielzeit mit dem 3:1 für den Schlusspunkt sorgte und zur allgemeinen Beruhigung beitrug. So bekleckerte sich der VfB zwar nicht mit Ruhm, fuhr aber dennoch den so wichtigen Arbeitssieg ein.

Mit nunmehr drei Liga-Siegen in Folge sind wir so etwas wie die Mannschaft der Stunde, drei Siege hintereinander gab es zuletzt am Ende der Saison 2014/2015. Personell kann Wolf in Bälde komplett aus dem Vollen schöpfen, vor allem dann, wenn Daniel Ginczek eine Option über 90 Minuten darstellt.

Nach dem Spiel war Wolf in erster Linie mit dem Ergebnis zufrieden, bemängelte jedoch fehlende Intensität und „fehlendes schnelles Denken“. Gerade bei letzterem trifft er DEN wunden Punkt überhaupt beim VfB. Noch immer hat man bei einigen den Eindruck, dass sie die Kugel (alibimäßig) nur schnell wieder losbekommen wollen, noch immer bevorzugen vermeintliche Taktgeber im Mittelfeld eher den Rück- als den Steilpass auf unsere schnellen Spitzen. Was das Umschaltspiel betrifft, bringt Wolf aus Dortmund sicherlich eine andere Idealvorstellung mit, als das, was er beim VfB vorgefunden hat.

Hat man Spieler wie Carlos Mané und Takuma Asano in seinen Reihen, die mit ihrer trickreichen Spielweise und ihrer Schnelligkeit mehr und mehr zu einer Waffe erwachsen, ist man eigentlich schön blöd, dieses Potential brach liegen zu lassen und nicht so oft es geht einzusetzen.

Ich freue mich schon jetzt auf das Trainingslager in Lagos, bei dem Wolf erstmals die Gelegenheit hat, seine Mannschaft auf eine Halbserie vorzubereiten und sie seinem Ideal, in körperlicher und in spielerischer Hinsicht, näher zu bringen.

Durch jene drei Siege in Folge hat sich der VfB im Kampf um den Aufstieg in eine glänzende Ausgangsposition gebracht. An Braunschweig hat man sich bis auf einen Punkt herangepirscht, auf Platz drei ein Polster von drei Punkten (real zwei, wenn man das Torverhältnis zugrunde legt) gelegt. Diese Position gilt es bis zur Winterpause zu festigen. Es warten bis Weihnachten durchweg starke und unbequeme Gegner auf den VfB, so dass sich ein Nachlassen von selbst verbietet.

Zunächst muss der VfB nach der Länderspielpause zum derzeit schwächelnden Aufstiegsaspiranten Union Berlin reisen. Nach dem unglücklichen Aus erst im Elfmeterschießen im DFB-Pokal beim BVB hat „Eisern Union“ in der Liga etwas den Faden verloren und zuletzt zwei Mal in Folge verloren.
Den Unionern dürfte die Länderspielpause daher sehr gelegen kommen, um sich vor dem großen Duell gegen den VfB neu zu sortieren.

Das seit dieser Saison von Jens Keller gecoachte Team hat zu Hause, ausgenommen die Heimniederlage zuletzt gegen Fortuna Düsseldorf, nicht verloren, und unter anderem Hannover 96 geschlagen. Zudem sollten beim VfB die Alarmglocken schon deshalb schrillen, weil man in den letzten Jahren nach Länderspielpausen meist schwer zurück in die Spur fand und nach der letzten gar 0:5 in Dresden verlor. In der Alten Försterei erwartet die Brustringträger zudem ein ähnlich enthusiastisches Publikum wie in Dresden, so dass die Vorzeichen bedenklich ähnlich sind.

Für mich steht mit dem Abstecher nach Köpenick ein absolutes Highlight der Saison auf dem Programm, eines, wegen dem sich der Abstieg allein schon „gelohnt“ hat. Ein geiles Stadion, eine sensationelle Atmosphäre im Stadion und eine Fanszene, die mit dem Verein in den letzten Jahren wahrlich durch dick und dünn gegangen ist und Dienste weit über das „normale“ Fan-Dasein für den Verein geleistet hat.

Nach dem Spiel sind wir dann schlauer, ob der VfB diese Reifeprüfung bestanden und ob er von Dresden tatsächlich schon etwas gelernt hat.

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