5. März 2017

Alles richtig gemacht, VfB!

Nach der Vertragsauflösung des VfB Stuttgart 1893 e. V. mit dem Spieler Kevin Großkreutz macht sich Empörung in großen Teilen der Stuttgarter Fanszene breit und schiebt der Vereinsführung den schwarzen Peter in dieser Angelegenheit zu. Von einer Online-Petition „Großkreutz zurück zum VfB“ über „Kevin, für immer einer von uns“ bis hin zu „Je suis Großkreutz“ und dem Vorwurf, der VfB habe völlig überzogen auf die Geschehnisse in der Nacht vom Rosenmontag auf den Faschingsdienstag reagiert, gehen die Vorwürfe in Richtung unserer Vereinsführung.

Dass die Trennung in gegenseitigem Einvernehmen erfolgt ist, interessiert dabei überhaupt nicht! Um eine Schlammschlacht zu vermeiden, wurde Stillschweigen über die Gründe der Trennung vereinbart. Es geht offensichtlich darum, weiteren Schaden von Großkreutz abzuwenden und ihm auf seinem weiteren, privaten und beruflichen, keine Steine in den Weg zu legen. Dieser hat zunächst genug damit zu tun, sich wegen der peinlichen Details, die aus besagter Nacht im Raum stehen, vor seinen Freunden und seiner Familie zu erklären und sein Leben zunächst einmal neu zu ordnen.
Kevin Großkreutz will sich jetzt erst einmal komplett vom Profifußball zurückziehen. Dabei kann man ihm in erster Linie die Daumen drücken, dass er schnell wieder gesund wird. Ich hoffe sehr, dass wir ihn bald wieder auf dem Platz sehen werden. Dabei ist ihm zu wünschen, dass er aus seinen Fehlern der Vergangenheit lernt und sich gegebenenfalls auch professioneller Hilfe nicht verschließt. Er mag auf dem Platz und in puncto Fan-Nähe ein Musterprofi, außerhalb des Platzes ist er es nicht.

Viele Medien und selbsternannte Experten, die das Innenleben des Vereins noch weniger kennen als wir Fans, kritisieren die Entscheidung ebenfalls, vergessen dabei aber, dass zu einer Trennung im gegenseitigen Einvernehmen stets zwei gehören und es wohl KEINEN Profifußballer gibt, der freiwillig auf seine weiteren Bezüge verzichten würde, wenn er nur die geringste Chance hätte, diese vor Gericht einklagen zu können.

Noch vor nicht allzu langer Zeit beklagten wir uns über die Wohlfühloase auf dem Cannstatter Wasen und darüber, dass den Spielern alles andere wichtiger sei, als die Identifikation mit dem Verein und einer bedingungslosen Einsatzbereitschaft auf dem grünen Rasen für eben jenen diesen.
Seit Jan Schindelmeiser und später Hannes Wolf das Zepter beim VfB übernommen haben, weht ein anderer Wind. Mit den beiden kehrte Professionalität ein und der VfB ist auf dem Weg zurück zu einer Leistungsgesellschaft, was sich u. a. darin ausdrückt, dass Spielern ohne Perspektive dies schonungslos offengelegt wurde und dass junge, hungrige Jungs dazu gekommen sind, die den Arrivierten Feuer unterm Arsch machen sollen.

Jüngst hatte ich davon geschwärmt, dass derzeit ein ergebnisoffener Konkurrenzkampf im Kader herrscht, wie schon lange nicht mehr. Um den „neuen“ Leistungsgedanken im Club nicht ad absurdum zu führen, war der Rauswurf von Großkreutz, der er de facto war, absolut alternativlos. Was will man von den anderen Spielern sonst auch einfordern, wenn man den Lebensstil eines Kevin Großkreutz, der nicht dem eines Profifußballers entspricht, dauerhaft durchgehen lässt.

Die neue Devise auf der Mercedesstraße lautet „kein Spieler ist größer als der Verein“, auch ein Weltmeister nicht. Es herrscht Chancengleichheit, dafür muss sich aber auch ein jeder, wie im Mannschaftssport üblich, an gewisse Regeln halten.

Kurz nach dem Amtsantritt von Präsident Wolfgang Dietrich, wurde ALLEN Vereinsmitarbeitern ein Verhaltenskodex auferlegt, an den sich ein jeder zu halten hat. Dieser enthält neben vielen Selbstverständlichkeiten im Umgang miteinander auch Maßgaben die Außendarstellung des Vereins betreffend.

Der VfB ist sportlich in der Spur und bis letzten Montag herrschte eine fast gespenstische und lange nicht gekannte Ruhe im Verein, bis eben Kevin Großkreutz mal wieder für „Schlag“zeilen sorgte.

Seit Jan Schindelmeiser beim VfB das Sagen hat, dringen keine Interna mehr nach außen. Dass er sich im Spätsommer dennoch dazu gezwungen sah, Großkreutz wegen seiner Häme anderen Vereinen gegenüber öffentlich zu schelten und ihn an seine repräsentative Verantwortung dem VfB gegenüber zu erinnern, lässt einen davon ausgehen, dass intern schon viel versucht wurde, Großkreutz diesbezüglich zu größerer Zurückhaltung zu bewegen.

Ob gelegentlich übermäßiger Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit und prolliges Auftreten, von dem man hier und da schon hörte, auch schon Themen interner Unterredungen waren, ist nicht bekannt.

Nun kam letzten Montag ein Vorfall dazu, der das Fass zum überlaufen brachte. Nicht nur, dass Großkreutz verletzt ist und somit sicher besser zu Hause die Füße hochgelegt hätte, nein, er zog mit Spielern aus dem VfB-Jugendinternat nachts um die Häuser, was in einer Schlägerei, aus der Großkreutz schlimme Kopfverletzungen davon trug, mündete.

Das sind die Fakten, die bestätigt sind und für mein Dafürhalten allein schon die Konsequenz einer sofortigen Trennung rechtfertigen. Einfach nur dumm war es dann von Kevin Großkreutz, Bilder seiner Verletzungen aufnehmen und im Internet verbreiten zu lassen. Sollte je ein Interesse beider Parteien vorgelegen haben, die Sache unter der Decke zu halten, damit war diese Gelegenheit vom Tisch.

Dass Großkreutz auch noch Spieler aus dem VfB-Jugendinternat dabei hatte und diese Gerüchten zufolge von der Polizei zurück ins Internat gebracht wurden, ließ dem VfB keine andere Wahl als diese Eskapade hart (und öffentlichkeitswirksam) zu sanktionieren.

Daher konnte der VfB einfach nicht zur Tagesordnung übergehen, wie es einige wohl gerne gesehen hätten, sondern musste sich die Grundsatzfrage stellen, ob man einem (bei den Fans beliebten) Spieler zum wiederholten Male verzeiht und auf Besserung hofft, oder ob man nicht doch irgendwann die Reißleine ziehen muss.

Dass man sich für Letzteres entschieden hat, nötigt mir allergrößten Respekt ab. Der VfB, allen voran Jan Schindelmeiser, beweist Mut zu unpopulären Entscheidungen, die auch keinen Halt vor einem Weltmeister machen. Zudem ist diese harte Maßnahme als Warnung für Großkreutz‘ ehemalige Mitspieler zu verstehen, dass es der Verein nicht duldet, wenn einer aus der Gruppe ausschert und das Erreichen der gemeinsamen Ziele grob fahrlässig gefährdet.

Es geht dabei aber bei weitem nicht nur um die Glaubwürdigkeit den anderen Spielern gegenüber, es geht auch um die Glaubwürdigkeit den Eltern gegenüber, die ihre Sprösslinge in die Obhut des VfB geben haben und um die Glaubwürdigkeit den Sponsoren gegenüber, die, wie künftig Porsche, eine Menge Geld in die VfB-Jugendarbeit stecken werden und sicherlich erwarten, dort auch eine gewisse Professionalität vorzufinden.

Man kann natürlich argumentieren, dass es sich bei den Jugendspielern um Heranwachsende handelt, die mutmaßlich auch ohne Kevin Großkreutz herumgezogen wären. Dass auch dies die Erziehungsberechtigten höchstwahrscheinlich nicht goutiert hätten und sich Eltern da eben auf die Internatsleitung verlassen müssen, ist trotzdem nicht wegzudiskutieren. Hätte, wenn und aber ist jedoch völlig unwichtig, Fakt ist, dass Großkreutz die Jungs im Schlepptau hatte und weder seiner Vorbildfunktion noch seiner Pflicht den Verein standesgemäß zu repräsentieren nachkam.
So hat der Verein nur konsequent reagiert, auf das, was Großkreutz da veranstaltete, so dass es völlig fehl am Platze ist, Täter- und Opferrolle zu vertauschen.

Berichten zufolge war Großkreutz ja auch nicht reines Opfer des tätlichen Übergriffes, sondern soll diesen durch Pöbeleien provoziert haben. Daher ist er nicht rein als Opfer anzusehen, wenngleich er beim Sturz auf den Hinterkopf Glück im Unglück hatte.

Diejenigen, die Jan Schindelmeiser vorwerfen, unangemessen hart reagiert zu haben, kommen mitunter auf diffuseste Vergleiche, und rechnen Vorfälle mit anderen Spielern bei anderen Vereinen, die weniger hart sanktioniert wurden, dagegen auf.

Sei es Franck Ribéry’s Techtelmechtel mit einer minderjährigen Prostituierten, Reus‘ Fahren ohne Führerschein oder auch Hoeneß‘ Steuerhinterziehung. Jede Untat für sich hätte auch für mich strenger bestraft gehört, ist aber weder unser Thema noch unmittelbar miteinander vergleichbar.

Wären bei deren Straftaten andere, womöglich minderjährige, Vereinsmitglieder involviert gewesen, wären die Strafen unter Umständen auch härter ausgefallen, daher müßig, sich den Kopf darüber zu brechen.

Spekuliert werden kann darüber, ob dem VfB dieser Vorfall gerade recht kam, um einen Großverdiener aus dem Kader zu werfen, bei dem das Preis-/ Leistungsverhältnis nie so richtig gestimmt hat. Das glaube ich nicht, dazu menschelt es neuerdings zu sehr auf dem Clubgelände. Zudem ist Trainer Hannes Wolf für jede zusätzliche Option im Kader dankbar.

Wie man hört, soll Großkreutz nicht sonderlich beliebt in der Mannschaft gewesen sein, so dass uns dessen Demission auf dem Weg zum Aufstieg auch nicht ausbremsen sollte. In wieweit Großkreutz als Mentalitätsspieler der Truppe fehlen wird, oder auch nicht, kann ich nicht seriös einschätzen. Für mich standen seine großmaulig anmutenden Posts und sein schmallippiges Auftreten, wenn man ihn „live“ erlebt hat, schon immer in krassem Gegensatz. Vielleicht war das ja auch teamintern der Fall, so dass man seine Rolle dort von außen wichtiger einschätzt, als sie es tatsächlich war.

Insgesamt stand die Zeit von Kevin Großkreutz beim VfB unter keinem guten Stern. Überragende Vorstellungen, die man sich vom Weltmeister erhofft hatte, sind mir überhaupt nicht im Gedächtnis. Unterm Strich stehen der erste Abstieg seit vierzig Jahren und seine Verletzungsanfälligkeit. Dass er sich dabei angeschlagen und selbstlos in Ingolstadt und gegen Mainz für den VfB aufgeopfert hat, ist zwar aller Ehren wert, hat aber nichts gebracht.

Ein 28-jähriger Profi, der schon früher (zu Dortmunder Zeiten) eine sehr lange Ausfallzeit wegen eines Muskelbündelrisses zu beklagen hatte, sollte seinen Körper gut genug kennen und sensibler auf ihn hören, wenn dieser nach einer Pause schreit. So verschlimmerte sich die Muskelverletzung in Ingolstadt eher noch, so standen wir gegen Mainz de facto mit einem Mann weniger Platz und so zogen sich die Nachwehen dieser Verletzung fast bis zur Winterpause hin.

Man kann ihm zu Gute halten, dass er dem Team im Abstiegskampf unbedingt noch einmal helfen wollte, womit er uns Fans ja auch noch einen Funken Hoffnung gegeben hat. Ebenfalls hoch anrechenbar ist ihm, dass er nach dem Abstieg einer der ersten war, der sich bekannt hat, auch in der 2. Liga an für den VfB an Bord sein und mithelfen wollte, sofort wieder aufzusteigen. Da war er ganz Ehrenmann und wollte sich schon aus Dankbarkeit dem VfB gegenüber, der ihn von seinem unglücklich verlaufenen Türkei-Engagement erlöste, nicht mit dem Abstieg gleich wieder verabschieden.

Großkreutz ist zweifellos kein Profi wie jeder andere. Er stand als Junge in der Kurve, weiß wie die Fans ticken und weiß auch, wie er den Nerv der Fans trifft. Grundtugenden wie Ehrlichkeit, Kampf und bedingungslose Maloche auf dem Platz wurden ihm als gebürtigem Dortmunder fast schon in die Wiege gelegt. Deshalb und weil er auf dem Platz immer alles aus sich herausholt und nach den Spielen nicht die Standardfloskeln von sich gibt, ist er so beliebt.

Um ein Typ zu sein, den man sich als Fan in seinem Team wünscht, gehören allerdings nicht derartige nächtliche Eskapaden mit Party, Suff, Puff (mutmaßlich) und Schlägereien. Seine Vorgeschichte, Stichworte Döner- und Pinkel-Affäre, waren mir völlig egal, als er zum VfB gekommen war und doch holen sie ihn jetzt wieder ein, weil sich dieser neuerliche Vorfall genau dort einreiht.

Großkreutz scheint aus seinen Fehlern der Vergangenheit, zumindest bis letzten Montag, nichts gelernt zu haben und weiter von einem Fettnäpfchen ins nächste zu treten. Wer derart lern- und wohl auch beratungsresistent wie Großkreutz ist, ist letztlich selber schuld, wenn er jetzt vor dem Scherbenhaufen seiner doch so großen Karriere steht.

Den Hype um Großkreutz, den einige derzeit veranstalten und die ihn nach gerade einmal 14 (dürftig verlaufenen) Monaten am liebsten schon in die Hall of Fame vom VfB aufnehmen würden, kann ich in keinster Weise nachvollziehen.

In der gut 123-jährigen Vereinsgeschichte haben sich ganz andere um den VfB verdient gemacht, Großkreutz sicher nicht. Ich mochte ihn, weil er anders war als andere und es mit ihm im Team sicher auch nie langweilig wird.

In Grassau hat er nach Trainingseinheiten noch mit der Dorfjugend und den Jungs von Bekannten herum gekickt oder kam noch schnell auf ein Weizen ins Vereinslokal, während die anderen zur Pflege und Massage ins Hotel abzogen. Das machen nicht viele Profifußballer! Daher finde ich es auch schade, wie die Liaison jetzt geendet ist, werde dabei jedoch nicht sentimental wie so viele Andere. Spieler kommen und gehen, wichtig ist nur der VfB!

Auch die Pressekonferenz vom Freitag, auf der er sich immerhin stellte und verabschiedete, konnte mich nicht zu Tränen rühren. Ich wüsste nicht, weshalb ich Mitleid mit Großkreutz haben sollte. Zum einen ist er selbst verantwortlich für die Lage, in der er nun steckt, zum zweiten fällt er als langjähriger Profi sehr weich und zum dritten hege ich eher einen Groll auf ihn, weil er den Verein kurzzeitig ins Chaos gestürzt hat.

Deshalb bin ich auch so froh darüber, dass unsere Vereinsführung nach sorgfältiger Abwägung die Trennung zeitnah vollzogen und verkündet hat, damit der VfB schnell wieder zur Tagesordnung übergehen kann. Ich bin froh, dass wir mittlerweile eine Vereinsführung haben, die Probleme löst und unpopuläre Entscheidungen zeitnah trifft, anstatt sie vor sich herzuschieben, und wünsche mir von Teilen der Fanszene einfach mehr Vertrauen in das Handeln dieser Herren.

Petitionen „pro Großkreutz“ oder der Aufruf, Transparente zu basteln, die darauf abzielen, dass man Großkreutz zurückholen sollte, sind für mich Kindergarten-Getue. Da hoffe ich schwer darauf, dass unsere Ultras ihre anfängliche Skepsis und Aversion gegen den mit Dortmunder Desperados und Kölner Boyz befreundeten Großkreutz über die 14 Monate bewahrt haben und auch in der Kurve „Business as usual“ einkehrt. Man darf gerne verdienten Spielern huldigen und das auch weit über ihr Karriereende hinaus, Großkreutz jedoch gehört nicht dazu.

Die Tatsache, dass Großkreutz kein VfB-Spieler mehr ist, sollte nun von allen akzeptiert werden. Es ist traurig genug, dass sich Hannes Wolf auf der heutigen PK dazu genötigt sah, um Unterstützung wie bisher zu bitten und seine Hoffnung zum Ausdruck brachte, dass sich die Fanszene durch die Vorfälle nicht entzweit.

Morgen steht ein ganz wichtiges Spiel in Braunschweig an, bei dem wir alles versuchen sollten, den VfB zum Sieg zu schreien. Es könnte ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Aufstieg sein, denn, mit einem Auswärtssieg hätte der VfB schon acht Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz und gleichzeitig hätte man Eintracht Braunschweig schon fast aus dem Titelrennen geboxt. Ein Big Point also, den die Mannschaft trotz der turbulenten Woche nicht liegen lassen sollte.

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 9.0/10 (41 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: +16 (from 18 votes)
Alles richtig gemacht, VfB! , 9.0 out of 10 based on 41 ratings

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS Feed für Kommentare zu diesem Artikel. | TrackBack URI

Hinterlasse einen Kommentar

XHTML ( You can use these tags):
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong> .