28. April 2017

Erstligareif

Wahnsinn, was für ein Spiel, was für eine Atmosphäre am Montag! Alle Gazetten titeln „erstligareif“ und das war es in jeder Hinsicht. Der Aufstieg ist nun greifbar. Wenn er denn Realität wird, werde ich sowohl ein weinendes als auch ein lachendes Auge haben. Weinend, weil wir die geilste 2. Liga nach „nur“ einem Jahr wieder verlassen (müssen). Tolle Stadien, geile Fanszenen, Traditionsvereine, wohin das Auge blickt, Abwechslung zum oft eintönigen Bundesligaalltag.

Das lachende Auge deshalb, weil die Voraussetzungen gut sind, mit dieser Mannschaft und punktuellen Verstärkungen eine gute Rolle im Oberhaus zu spielen. Gestern war ein Teamspirit zu spüren, wie man ihn schon lang nimmer beim VfB gesehen hat. Einer für alle, alle für einen, dazu die Symbiose mit dem Publikum. Es wächst was zusammen. Sollte der Aufstieg nicht gelingen, stünde der nächste Neuanfang mit ungewissem Ausgang bevor. Daher gilt es jetzt, nicht nachzulassen und das Ding durchzuziehen.

Hannes Wolf begann zunächst mit Josip Brekalo anstelle von Berkay Özcan. Gentner rückte dafür nach hinten auf die Doppel-Sechs und Maxim auf seine Lieblingsposition hinter den Spitzen.

Von Beginn an entwickelte der VfB im Spitzenspiel Erster gegen Dritter viel Zug nach vorne und zeigte sich eminent spielfreudig. Vor allem der wiedererstarkte Alexandru Maxim tat sich dabei zunächst hervor und stellte unter Beweis, dass er den in den letzten Spielen zurückeroberten Stammplatz in dieser Saison nicht mehr herzugeben gewillt ist. Selbst nach hinten arbeitete er fleißig mit, so dass man sich schon fragen darf, warum nicht immer so?

Die Zeichen standen ja längst auf Trennung im Sommer, da Maxim beim VfB seit Jahren stagniert und sich letztlich bei keinem einzigen der vielen Trainer durchsetzen konnte. Immer wieder vorgeworfen wurde ihm dabei Trainingsfaulheit, Bequemlichkeit, kein Integrationswillen (Sprachbarriere), eine sehr ausgeprägte Laissez-Faire-Mentalität und zudem mangelnde Professionalität.

Daher bin ich auch sehr vorsichtig mit Prognosen, was die Zukunft von Maxim angeht. Spielt er immer so auf wie zuletzt, wäre er auf jeden Fall eine Bereicherung und es wäre fast schon fahrlässig ihn (derzeit) unter Wert ziehen zu lassen.

Oder gibt Maxim gerade deswegen so Gas, um Umfeld und Verantwortliche um den Finger zu wickeln und weiter hier seinen Dienst verrichten zu können, um in der nächsten Saison wieder in den alten Schlendrian zu verfallen? Gerade vorm Hintergrund, dass Carlos Mané mindestens sechs Monate lang ausfallen wird, könnte Maxim, zumindest in der Vorrunde, auch in der nächsten Saison noch wichtig werden.

Maxim war es dann auch, der nach einer knappen halben Stunde die hochverdiente Führung durch einen direkt verwandelten Freistoß erzielte. Unterschlagen darf man freilich nicht, dass der 1. FC Union Berlin im vorausgegangenen Spielzug eine hundertprozentige Chance zur Führung durch Polter vergab und der Treffer auf die Kappe von Keeper Mesenhöler ging, da der Ball im Torwarteck einschlug.

Dennoch sind Freistoß-Tore beim VfB seit dem Karriereende von Krassimir Balakow zur absoluten Rarität geworden, so dass man bis 2010 zurückdenken muss, als Kuzmanovic mal einen direkt verwandelte. In unserem bislang letzten Bundesligaspiel in Wolfsburg traf zwar auch Didavi per Freistoß, dieses Tor stellte jedoch nur noch Ergebniskosmetik dar und änderte am Abstieg nichts mehr. Da er zudem in seinem letzten Spiel bei seinem neuen Arbeitgeber allenfalls Eigenwerbung betrieb, verdränge ich diesen Treffer lieber.

Der zweite VfB-Treffer resultierte dann aus einem Bilderbuch-Konter, an dem drei weitere ganz starke Akteure dieses Montagabend-Topspiels beteiligt waren. Zunächst einmal trieb Ebenezer Ofori die Kugel durch das Mittelfeld, hatte die Übersicht und passte Brekalo in den Lauf, dieser schnörkellos und mit Übersicht weiter auf Simon Terodde, welcher direkt zum 2:0 einschob.

Was dieser Ofori mit seinen erst 21 Jahren und als Neuankömmling bereits leistet, ist nicht hoch genug zu bewerten. Der Junge hat eine Übersicht und eine Ballbehandlung zum Zunge schnalzen, ist zudem schnell, geschickt im Zweikampf und hat ein ausgeprägtes Raum- und Spielverständnis. Wenn er bald auch noch Luft für 90 Minuten hat und seine Form anhält, haben wir einen Sechser, wie wir ihn jahrelang vermisst haben.

Ferner zeigte Josip Brekalo eine ganz starke Vorstellung, auch wenn er unglücklich im Abschluss war und das eine oder andere Mal noch immer zu eigensinnig ist. Dass er lieber an einem weiteren Tor des Monats arbeitet, anstatt einfach und zielgerichtet zu spielen, ist wohl seiner Jugend geschuldet. Darüber kann man hinwegsehen, wenn das Spiel trotzdem gewonnen wird. Positiv ist es doch erst einmal, überhaupt in aussichtsreiche Positionen zu kommen, das Tor kann er gerne dann machen, wenn wir es dringender benötigen, so wie einst in Heidenheim oder auch kommenden Samstag in Nürnberg.

Der letzte in der Kette des 2:0 war Simon Terodde. Er ist nicht der Typ Mittelstürmer, der im Zentrum wartet, bis ihm die Kugel auf den Kopf oder den Fuß fällt, sondern arbeitet mit und antizipiert herausragend. Wie er darüber hinaus rackert, ballführende Spieler des Gegners anläuft und zu Fehlern zwingt, ist immens wichtig für die Mannschaft.

Durch diesen Treffer schraubte er seine Marke auf 20 hoch und ist der erste 2. Liga Spieler überhaupt, dem es zwei Saisons in Folge gelang, 20 Tore und mehr, und das noch für zwei unterschiedliche Vereine, zu erzielen. Da dieses Tor zum richtigen Zeitpunkt fiel und die Führung in diesem so wichtigen Spiel auf 2:0 schraubte, verhehlte Terodde auch gegen seinen Ex-Verein seine Freude nicht und deutete sein Markenzeichen nach Toren, die Ahoi-Geste, wenigstens an.

Nach dem 2:0 hatte der VfB die Angelegenheit gut im Griff, bis durch eine Unachtsamkeit in der 57. Minute aus dem Nichts der Anschlusstreffer durch Sebastian Polter fiel. Der VfB zeigte sich jedoch nur kurz erschrocken und nahm das Zepter schnell wieder in die Hand.

Ginczek kam in der 63. Minute für den oft unglücklich wirkenden Asano und erzielte nur fünf Minuten später die Entscheidung. In Bielefeld noch legte Ginni Simon Terodde den Siegtreffer auf, gegen Union war es nun umgekehrt. Ginnis aggressivem Pressing und seiner Balleroberung war es zu verdanken, dass der Ball zu Terodde gelangte, dieser zurück auf Ginczek, der eiskalt gegen die Laufrichtung des Torwarts das vielumjubelte 3:1 machte. An der Art, wie sich das komplette Team für Ginni mitfreute, ließ sich erkennen, wie sehr man es ihm gönnt, dass er wieder ganz der Alte wird.

Daniel Ginczek hat es nicht leicht in dieser Rückrunde. Er selbst sieht sich offensichtlich schon weiter und scharrt mit den Hufen, während er von Hannes Wolf langsamer herangeführt wird und sich dieser zudem glücklich schätzen kann, einen solchen Joker in der Hinterhand zu haben. Bei wohl jedem Ligakonkurrenten würde der Spieler in der Stammelf stehen. Da Simon Terodde aber über jeden Zweifel erhaben ist und das Experiment mit beiden zusammen in der Startelf in Fürth gründlich daneben ging, wird sich Ginni bis zum Rest der Saison mit der Joker-Rolle zufrieden geben müssen, ehe im Sommer die Karten neu gemischt werden.

Mit dem 3:1 war das Ding durch, danach war Jubel, Trubel, Heiterkeit im Neckarstadion angesagt. Die La-Ola-Welle schwappte durchs Stadion, „Oh, wie ist das schön“-Gesänge und „Wenn Du mich fragst, wer Meister wird“ wurden intoniert. In den letzten zehn Minuten stand das ganze Stadion und huldigte der Mannschaft für diese reife Vorstellung.

Die rund 3.000 Unioner, die an diesem Werktag die weite Reise auf sich genommen hatten, trugen die sich anbahnende Niederlage mit Fassung und sangen minutenlang und bis weit nach Spielende „Always look on the bright side of life“. Die Köpenicker sind nicht zum Aufsteigen verdammt und erfreuen sich an ihrer guten Saison, weshalb diese Niederlage auch kein Beinbruch für sie war. Zudem sind sie nach der Niederlage noch nicht aus dem Aufstiegsrennen und haben im allerletzten Montagabend-Topspiel der Saison in Braunschweig die Möglichkeit, einen Bigpoint zu landen.

Wenngleich ich Union und auch Hannover 96 es gönne, mit uns aufzusteigen, müssen zunächst einmal wir selbst unsere Hausaufgaben machen. Gegen Union kam die Leistungssteigerung zur rechten Zeit, so dass ich seit Montag sehr optimistisch, fast schon überzeugt davon bin, dass wir in der nächsten Saison wieder aus der Bundesliga grüßen werden.

Noch immer bin ich perplex, wie cool die Mannschaft die wichtige Hürde genommen hat und wie wenig sie sich von den äußeren Einflüssen beeindrucken ließ. Man darf nicht vergessen, dass wir eine sehr junge Mannschaft haben, die mit dem Druck des „Gewinnen Müssens“ vor ausverkauftem Haus und mit einer Live-Übertragung im Free-TV erst einmal fertig werden muss. Da war die Nervosität unter uns Fans vermutlich größer, als die der Protagonisten.

In Nürnberg erwartet den VfB ein schwer ausrechenbarer Gegner, der zuletzt vier Punkte aus zwei Spielen holte und sich in den letzten Spielen defensiv stabilisiert hat. Mit 39 Punkten hat der 1. FC Nürnberg den Nichtabstieg fast geschafft, aber eben nur fast. Die Clubberer werden alles daran setzen, den Haken darunter ausgerechnet im fast ausverkauften Max-Morlock-Stadion im Süd-Schlager gegen den Top-Favoriten VfB zu setzen, und uns gleichzeitig gehörig in die Aufstiegs-Suppe zu spucken.

Vermutlich weit über 15.000 Schwaben begleiten den VfB ins Frankenland, dies dürfte Motivation für beide Seiten bedeuten. Spiele gegen den Glubb boten in der Vergangenheit alle Facetten, die man sich im Fußball nur vorstellen kann. Am liebsten erinnere ich mich ans Meisterjahr 1983/1984 als wir den Club im Hinspiel im Neckarstadion nach einem 0:0 zur Halbzeit mit 7:0 aus dem Stadion schossen und im Rückspiel beim 0:6 einen Meilenstein auf dem Weg zur Meisterschaft setzten. Damals wie heute gab es eine Völkerwanderung an den Valznerweiher, wenn auch nicht ganz in diesem Ausmaß, so zumindest meine Erinnerung.

Dann war da das Meisterjahr 2007, in dem wir einschließlich Pokalfinale alle drei Spiele gegen den Club teils derbe verloren haben und schließlich zuletzt im März 2014 das „Abstiegsendspiel“ unter der Woche, das der VfB sang- und klanglos 2:0 verlor, was gleichbedeutend mit einem der unzähligen gefühlten Abstiege in den letzten Jahren war.

Raphael Schäfer ist für mich seit dem Pokalfinale und erstrecht seit seinem VfB-Jahr noch immer ein absolutes Feindbild, erlebt beim Club indes aber seinen mindestens schon vierten Frühling. So wurmt es mich bis heute, dass es dem VfB seit seiner Rückkehr zum Club nicht ein einziges Mal gelungen ist, ihm die Bude so richtig voll zu hauen. Der Samstag wäre, zumal Schäfer zum Saisonende seine Karriere beendet, ein guter Zeitpunkt genau das zu tun!

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