22. August 2017

Endlich wieder Bundesliga!

Exakt 462 Tage nach dem Abstieg beim VfL Wolfsburg am 14. Mai 2016 kehrte der VfB auf die große Bundesliga-Bühne zurück.

Nach der kräftezehrenden Busfahrt in der Vorwoche an die polnische Grenze nach Cottbus, stand gleich zum Bundesligaauftakt die nach Hamburg weiteste Reise in der Liga an. Als das Hertha-Spiel terminiert wurde, befand ich mich gerade mit dem VfB im Trainingslager in Grassau und buchte, schnell schnell, eine Bahnfahrt, nichts ahnend, dass ich mit meiner tollen Verbindung bis zum Schluss alleine da stand.

Da ich nach Samstag-Spielen auch mal froh bin, sonntags zu Hause zu sein, mich von der Auswärtsfahrt erholen und in Ruhe die Bilder machen und einen Blog anfangen zu können, entschied ich mich für eine 22-Stunden-Tour mit Hin- und Rückfahrt am selben Tag. Weil ich bereits unzählige Male in Berlin war, hatte ich keine große Lust, dort zu übernachten.

Da sehne ich schon fast das einige Jahre traditionell am Freitagabend stattfindende Spiel Hertha BSC gegen den VfB herbei, wo es sich immer anbot, die Nacht beim in Berlin ansässigen OFC „Cannstatter Kurve Berlin ’08“ in deren Vereinslokal „Rössle“ in Neukölln durchzumachen und Samstag früh mit dem ersten ICE zurückzufahren.

Vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus startete ich meine (Tor-)Tour mit Direktverbindung um 6.51 Uhr. Möchte man ohne Umwege zum Olympiastadion gelangen, empfiehlt sich der Ausstieg bereits in Berlin-Spandau, von wo aus man in wenigen Minuten mit der S-Bahn das Ziel erreicht.

Leider gab es jedoch einige Idioten, die mir und vielen anderen Reisenden einen Strich durch diese Rechnung machten. Da in Berlin-Spandau für diesen Samstag ein Neonazi-Aufmarsch im Gedenken an Rudolf Heß angekündigt war, legten Linksextremisten mittels Brandsätzen die wichtigsten Bahntrassen von und nach Berlin lahm, um noch mehr Neo-Nazis an der Anreise zu hindern.

Dass sie damit nicht „nur“ ein paar hundert Unverbesserliche trafen, sondern tausende andere Bahnreisende auch und diese massiv in ihrer geplanten Freizeitgestaltung hinderten, ist logisch. Ich hoffe, diese selbsternannten Weltverbesserer werden geschnappt und bekommen die Rechnung für den entstandenen Schaden präsentiert.

Im Gegensatz zu vielen, die aus Richtung Hamburg anreisten und das Spiel wegen diesen Chaoten verpassten, kam ich dabei noch glimpflich davon. Mein Zug wurde über Magdeburg und Potsdam umgeleitet, so dass der Halt in Spandau entfiel und ich etwa 45 Minuten später als geplant zum Vorglühen im Biergarten direkt am Stadion eingetroffen bin. Das war aber natürlich trotzdem ärgerlich für mich und verkürzte meinen Kurzaufenthalt in Berlin noch mehr.

Auch nach dem Spiel war von Normalität noch keine Spur. Im Stadion erklangen Durchsagen, die von Problemen am Bahnhof Spandau berichteten, die ich leider nicht genau mitbekam, so dass mir Bekannte rieten, doch lieber mal schnell zum Hauptbahnhof zu fahren. Ich wollte zwar am S-Bahn-Halt Olympiastadion noch verifizieren, ob in Spandau tatsächlich noch immer keine Züge halten, doch traf ich keinen einzigen Bahnbediensteten an, der überhaupt von Problemen am Bahnhof Spandau wusste (!).

Wegen überfüllter und nur im Schritttempo verkehrender Bahnen in Richtung Hauptbahnhof erreichte ich meinen Zug gerade noch so, um dann, noch etwas außer Atem, festzustellen, dass dieser doch in Spandau hielt.

Die Rückfahrt hielt für mich Umstiege in Hannover und Frankfurt bereit, geplante Ankunft in Stuttgart um 3.20 Uhr. Der Plan sah vor, in Hannover 58 Minuten Aufenthalt zu haben, worauf ich mich richtig freute. Von einigen anderen Fahrten wusste ich, dass es sich im Bahnhof oder auch nahe des Bahnhofes ordentlich speisen lässt, was mir sehr entgegen kam, hatte ich doch außer der obligatorischen Stadion-Currywurst bislang nur flüssige Nahrung zu mir genommen.

Dieser Plan wurde jäh durchkreuzt, weil der ICE von Berlin nach Hannover auf eine eigentlich Regionalbahnen zugedachte Strecke ausweichen musste und für diese eine geschlagene Stunde länger brauchen sollte. Anstatt gemütlich zu schlemmen und ein kühles Gilde zu genießen, hieß es in Hannover, die Füße in die Hand zu nehmen und im Laufschritt zur Abfahrt des nächsten Zuges zu eilen.

Dort angekommen, platzierte ich mich umgehend im Bordrestaurant, in der Hoffnung auf etwas Essbares. Obwohl die Uhr erst 21.30 Uhr anzeigte und das Bordbistro bzw. -restaurant um 22.00 Uhr offiziell schließt, nahm der Kellner weder im Bordrestaurant noch im -bistro Bestellungen mehr auf. Seine Begründung, er sei alleine, was meinen Unmut aber natürlich nicht schmälerte.

Jedenfalls war es das mit Essen auf der Heimfahrt gewesen, es waren ja auch nur noch gut sechs Stunden, bis ich zu Hause sein würde. Natürlich beschwerte ich mich bei dem Kollegen und erinnerte ihn an das Chaos an diesem Tag, doch, keine Chance, keine Flexibilität, ein typischer (Bahn-) Beamter halt!

Bei nahezu jeder Bahnfahrt, von der Rückfahrt vom Spiel bei Union Berlin hatte ich ja berichtet, werde ich mit unsouveränem und überfordertem Personal konfrontiert, so dass ich mich schon frage, ob die Bahn irgendwelche Kriterien wie „in Stresssituationen kühlen Kopf bewahren“ als Einstellungsvoraussetzung vorgibt und sein Personal dahingehend auch prüft, bevor man es auf die Kundschaft loslässt oder ob dort jeder genommen wird, der nicht bei drei auf dem Baum ist.

Nach etlichen derartiger Erfahrungen lache ich laut schallend über Zeitungsberichte wie von diesem Wochenende, als eine Zugbegleiterin die Notbremse gezogen haben soll, weil sie sich von „angetrunkenen“ FCK-Fans belästigt gefühlt habe. Da sich die Bahn, wie sich bei Beschwerden u. a. nach dem Union-Spiel herausgestellt hat, vorbehaltlos und ohne Prüfung hinter ihr Personal stellt und Vorwürfe der Kundschaft als aus der Luft gegriffen darstellt, schenke ich solchen Berichten keinerlei Glauben.

Apropos FCK: zur zweiten DFB-Pokal-Hauptrunde bescherte uns die Losfee Carolin Kebekus bei der Auslosung auswärts den 1. FC Kaiserslautern. Ein geileres Los kann ich mir kaum vorstellen. Sicher wäre auch ein Heimspiel gegen einen machbaren Gegner ganz nett gewesen, doch, wer weiß, wann wir das nächste Mal wieder auf den Betzenberg kommen.

In der 2. Liga war das Spiel auf dem „Betze“ ein absolutes Highlight, das wir aufgrund der Spielansetzung samstags auch gleich zu einem gefühlten Heimspiel machten. Geschätzt zwischen 15.000 und 20.000 VfBler waren damals vor Ort und trugen zu einem wunderbaren Rahmen beim 2:0-Auswärtssieg bei. Es spricht auch dieses Mal einiges dafür, alle Hebel in Bewegung zu setzen und sich diesen Pokalkracher nicht entgehen zu lassen. Ein absolutes Traditions-Duell zweier befreundeter Fanszenen in einem der stimmungsvollsten Fußballtempel überhaupt, dazu eine auch unter der Woche machbare Entfernung, wenn einem der Schichtplan nicht gerade einen Strich durch die Rechnung macht, daher sollte am 24. oder 25. Oktober die nächste weiß-rote Invasion die A6 entlang rollen.

So gern man auf das Aufeinandertreffen mit den Pfälzern und so gut wie allen Zweitligapartien zurückblickt, so schön und wichtig ist es jetzt, wieder im Konzert der Großen mitspielen zu dürfen. Irgendwie fühlt es sich dann doch so an, dass man nie richtig weg gewesen wäre. Außer den kleineren Stadien im Unterhaus erinnerte so gut wie überhaupt nichts an 2. Liga. Der VfB war „in“, sorgte für einen phänomenalen Zuschauerrekord, war in den Medien omnipräsent und sorgte für eine Euphorie, ja, fast Hysterie, wie sie beim Abstieg in Wolfsburg wohl kein Mensch für möglich gehalten hätte.

Nach Jahren des Dahinsiechens, die von Dauerfrust und schlechter Laune geprägt waren, wollte einem im Zweitligajahr das Dauergrinsen partout nicht aus dem Gesicht weichen. Weshalb man sich während dieser Zeit wie in einem schönen Traum wähnte, lag mit daran, dass die Qualität der Gegner meist zu wünschen übrig ließ und man auch schlechtere Spiele für sich entschied und Rückstände scheinbar mühelos zu drehen vermochte.

Spätestens nach dem Hertha-Spiel hieß es dann „aufwachen“ aus diesem Traum! Der Bundesligaalltag hat uns schneller wieder, als uns lieb ist. Dass Berlin ein schwerer Auftakt sein würde und uns dort nichts geschenkt werden würde, befürchtete man im Vorfeld schon. Dass der Hertha aber ein absolut durchschnittlicher Auftritt genügen und das Spiel nach dem Rückstand quasi gelaufen sein würde, das war dann doch ernüchternd.

In einem ereignisarmen Spiel, das man zur Halbzeit als typisches 0:0-Spiel eingeordnet hatte, befand sich der VfB gedanklich noch in der Pause, als die Hertha das Spiel mit einem Einwurf schnell machte, Ailton sich von Leckie ausspielen ließ, und dieser frei vor Zieler zur Hertha-Führung einschob. Hertha hatte zwar bis dahin mehr Spielanteile, da der VfB hinten aber stets Überzahl herstellen konnte und Hertha nicht viel einfiel, den Riegel zu knacken, kam es zu kaum brenzligen Situationen.

Der VfB beschränkte sich dabei für meinen Geschmack zu sehr auf das Verteidigen des eigenen Tores und suchte nicht konsequent genug den Weg nach vorne. Das von unserem Claim abgewandelte „mutlos und scheu“ kam mir dabei mal wieder in den Sinn. Die Offensive fand über weite Strecken der ersten Halbzeit nicht statt.

In einem Spiel bislang ohne Torchancen, war es dann bezeichnend, dies der große Unterschied zur 2. Liga, dass gleich der erste Fehler der Stuttgarter Hintermannschaft bestraft wurde.

Dieser Treffer gab den heimstarken Berlinern mit ihrer eingespielten Mannschaft die nötige Sicherheit. Ausgerechnet Leckie möchte man meinen, dem im Vorjahr für Ingolstadt bei 30 Einsätzen kein einziger Treffer gelang und der im Jahr zuvor gerade einmal drei Treffer (einen davon beim 3:3 in Ingolstadt gegen den VfB) zustande brachte. Dass einem der harmlosesten aktuellen Bundesligastürmer überhaupt nach einem Eckball aus dem Gewühl heraus gar noch ein zweiter Treffer gelang, spottete jeder Beschreibung.

Nach dem 2:0 nach gut einer Stunde war das Spiel dann gelaufen. Das sah auch Hannes Wolf so, kaum anders ist es zu erklären, dass er defensiv wechselte und Dennis Aogo und Holger Badstuber zu ihren ersten Einsätzen für den VfB verhalf. Diese beiden durften Spielpraxis sammeln und verhalfen der VfB-Defensive auf Anhieb zu mehr Stabilität, so dass beide wohl Kandidaten für die Startelf gegen Mainz 05 sind. Der VfB hatte zwar in der Schlussphase durch Asano und Donis, die beide das Außennetz trafen, noch zwei Torchancen, doch insgesamt fehlte es an Durchschlagskraft, um die Hausherren ernsthaft zu gefährden.

Der insgesamt eher biedere Auftritt im Berliner Olympiastadion offenbarte, dass noch viel Arbeit vor Hannes Wolf und Michael Reschke liegt. Das Duo auf der Doppelsechs, das sich während der Trainingslager für die Liga heraus kristallisiert hatte, wurde komplett gesprengt. Burnić stand wegen einer laut Hannes Wolf schlechten Trainingswoche nicht im Kader, Ofori, der in Cottbus als alleiniger Sechser auf verlorenem Posten stand, saß zunächst auf der Bank, so dass Mangala und Gentner die defensive Schaltzentrale bekleideten.

Da man auch diese beiden nicht als der Weisheit letzten Schluss ansieht und Sarpai und Grgic verliehen werden sollen, wird weiter nach einem aggressiven Sechser Ausschau gehalten. Der 20-jährige Argentinier Santiago Ascacíbar soll bereits in Stuttgart sein und in Kürze als Neuzugang Nummer acht vorgestellt werden.

Dass nicht nur zentral defensiv sondern auch zentral offensiv Verstärkung willkommen wäre, zeigte der lange Zeit harm- und ideenlose Auftritt in Berlin. Auf den Außen sind wir zwar gut besetzt, doch verpufft deren Wirkung, wenn die Unterstützung der Kollegen fehlt und keine zündenden Ideen aus dem zentralen Mittelfeld kommen.

Da ist es doch gut, dass wenigstens Alexandru Maxim am Samstag wieder im Neckarstadion aufläuft, nur, eben auf der anderen Seite. Diesen nicht annähernd ersetzt zu haben wird Jan Schindelmeiser hauptsächlich vorgeworfen, deshalb hat man Michael Reschke geholt, um unter anderem diesen Fehler auszumerzen.

Bis sich eine Stammmannschaft gefunden hat, wird noch viel Wasser den Neckar hinunter laufen. Durch den Sportdirektoren-Wechsel scheint sich auch ein Paradigmenwechsel vollzogen zu haben. Das Anforderungsprofil bei Neuzugängen, das bislang hieß „jung und entwicklungsfähig“, änderte sich schlagartig. Die Transfers von Badstuber und Aogo und der möglicherweise in Kürze von Erik Durm, stehen eher für Erfahrung und Spieler, die ihre besten Zeiten möglicherweise schon hinter sich haben. Dazu sind alle diese Transfers extrem risikobehaftet, haben doch alle in jüngster Vergangenheit eine lange Verletzungsgeschichte vorzuweisen. In dieses Beuteschema würde wiederum Daniel Didavi ganz gut passen, sollte er denn tatsächlich zu haben und an einer Rückkehr interessiert sein. Für den Kreativsektor wäre frisches Blut hilfreich, denn, ob Donis, Asano oder wie jüngst Akolo den Zehner mimen, das wirkt doch alles zu sehr improvisiert.

Etwas traurig aber nicht mehr zu ändern ist es, diesen Wechsel der Philosophie so spät vollzogen zu haben. Jetzt, wo die Saison begonnen hat, muss sich die Mannschaft erst noch finden und einspielen, womit die Vorbereitung, außer des Schaffens der konditionellen Grundlagen, so ziemlich für die Katz war. Da kann man nur hoffen, dass, bis sich die Mannschaft endgültig gefunden hat, auch der eine oder andere Punktgewinn herausspringt.

Dass wir in Berlin nicht die schlechtere Mannschaft waren, dafür können wir uns leider nichts kaufen. Die Punkte sind unwiederbringlich weg, was so richtig wehtun dürfte, sollte gegen Mainz 05 kein Heimsieg gelingen. Dann stünde man bereits auf Schalke mit dem Rücken zur Wand und der Fehlstart bekäme Konturen.

Deshalb ist jede vergebene Chance zu punkten sehr ärgerlich, auch die am Samstag, obwohl wir uns in Berlin traditionell schwer tun, die Hertha heimstark und Europaleague-Teilnehmer ist. Das alles darf nicht als Alibi herhalten, Punkte leichtfertig herzuschenken. Ich hoffe, das Team zieht daraus seine Lehren und investiert, vor allem in seine Offensivbemühungen, zukünftig auch auswärts mehr.

Zunächst steht aber das erste Heimspiel an, auf das ich mich sehr freue. Vor dem Spiel findet wie immer zum ersten Heimspiel die „Karawane Cannstatt“ statt. Das diesjährige Motto heißt „Den Fans gehört das Spiel“, der Dresscode dazu lautet „Alle in Weiß“.

Stoßt alle dazu, singt Euch ein, bringt Euch in Stimmung, hüpft und schreit, was das Zeug hält, aber, lasst bitte Eure Kameras stecken. Vor allem die Armada derer, die vor der Karawane herumturnen und nicht mitlaufen, stört den Ablauf seit Jahren massiv. Respektiert die Anweisungen der Ordner und leistet ihnen Folge, sie sind es letztlich, die für einen reibungslosen Ablauf verantwortlich zeichnen. Überlasst das Knipsen und Filmen den in der Szene bekannten Stadionfotografen, auf deren Webseiten die schönsten Fotos zeitnah präsentiert werden.

Reiht Euch also ein und konzentriert Euch auf den bedingungslosen Support. Das Ziel muss es sein, eine Dezibel-Zahl auf die Mercedesstraße und ins Stadion zu bringen, bei der die Mainzer vor Ehrfurcht erstarren und die Katakomben am liebsten überhaupt nicht verlassen wollen. Wir benötigen die Punkte, wir holen die Punkte, wir sind der 12. Mann!

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