13. Mai 2019

Vereinslegenden

Der VfB hat sich nun am Samstag tatsächlich für das von Nico Willig ausgerufene Relegationspokalfinale qualifiziert.

Dabei hat die Wundertüte VfB beim Sieg gegen die mit Championsleague-Ambitionen angetretenen Wölfe positiv überrascht und ihr bestes Saisonspiel hingelegt. Man ist geneigt zu fragen, warum nicht immer so? Mit Leidenschaft, Hingabe und einem Hauch von Spielkultur ließ man den Mannen von der Autostadt keine Chance und ist nun von Platz 16 nicht mehr zu verdrängen.

Als Fan fühle ich mich dabei von der Truppe reichlich verarscht. Für mich ist es schlimmer, zu erkennen, dass das Team kann, wenn es will, und eben offensichtlich in der Mehrzahl der Spiele „nur“ nicht wollte.
Die Gefühle würden geradezu Achterbahn fahren, wäre man noch mit derartigen Emotionen dabei, die jahrelang in einem steckten. Aber, diese sind bei mir inzwischen raus! Bei dieser Ansammlung von Ich-AGs, die jegliche Identifikation mit dem Verein und seinen Fans vermissen lassen, fällt es von Jahr zu Jahr schwerer, eine innige Bindung zu ihnen aufzubauen.

Wenn sie noch da wären, würde es mich wahnsinnig machen, wenn nach einem 0:6 in Augsburg mit darauffolgendem Trainerwechsel Mönchengladbach förmlich niedergerungen wird, um eine Woche später im Berliner Olympiastadion wie eine Seniorengruppe beim Weinwandertag aufzutreten und wieder eine Woche später formstarken Wölfen nicht den Hauch einer Chance zu lassen.

Gerade der Berlin-Trip, zu dem ich morgens hingeflogen und abends mit dem Zug zurückgefahren bin, ließ mich extrem erbosen, und spätestens nach diesem kann mich dieser charakterlose Sauhaufen einfach mal.

In einer Saison ist immer mal ein blutleerer Auftritt drin, doch, in der Fülle, wie uns diese durch die Saison begleiten, ist jeder einzelne eine absolute Frechheit und eine Beleidigung für unser Wappen und unser Trikot!

Ich bin durch mit dieser Truppe, egal, wie die Saison noch endet. Daher machte mich der Auftritt vom Samstag eher aggressiv und gingen mir die Freudengesänge in der Kurve während des Spiels gehörig auf den Sack. Im Ansatz war es richtig, gegen Mönchengladbach auszurufen, „verdient Euch diese Kurve“, doch, damit ist es eben nach zwei, drei gelungenen Ballannahmen nicht getan. Charakter und Mentalität sind gefragt, dass diese Tugenden im Kader mit dem Fernglas gesucht werden müssen, ist allgemein bekannt.

Daher erwarte ich von dieser Truppe bis zum Saisonende nur noch eines: dass sie auftreten, wie man es von hochbezahlten Profis erwarten können muss. Alles dem Beruf unterordnen, sich ins Team einzuordnen und sämtliche persönliche Eitelkeiten hintenanzustellen.

Auch wenn es danach hoffentlich für mindestens 80% dieser Trümmertruppe heißt, Briefmarke auf den Arsch, und fort, darf die Zukunftsplanung in den nächsten zwei Wochen keine Rolle spielen und schon gar keine Ausrede sein.

Diese Jungs haben so viel kaputt gemacht in dieser Saison, zwei Trainer verschlissen und einen Sportdirektor, glänzten vor allem durch Undiszipliniertheiten und nicht durch Leistung auf dem Platz, tanzten Fans und Bossen auf der Nase herum, bildeten Grüppchen anstatt ihren Anteil zu leisten, dass eine Mannschaft entstehen kann, all das darf nicht in Vergessenheit geraten und ungesühnt bleiben, auch wenn die verbleibenden drei Spiele gewonnen und die Klasse erhalten werden sollte.

Christian Gentner äußerte sich nach dem Wolfsburg-Spiel erbost darüber, dass seine eigene Zukunft ungeklärt sei und er demnach nicht wisse, wie es mit ihm persönlich weitergehe. Ich finde, um es milde auszudrücken, interessant, dass sich jetzt ausgerechnet der Kapitän in Stellung bringt, in einer Phase, für die Thomas Hitzlsperger ausgerufen hat, JEDER müsse seine persönlichen Befindlichkeiten hintenanstellen. Durch dieses Vorpreschen wirkt Gentner gerade wie einer, der Wasser predigt und Wein trinkt, wenn er sich doch sonst als so ein Teamplayer präsentiert.

LeGente, wie er sich in den sozialen Netzwerken selbst nennt, wird auch von manchen Medien beim VfB ein Legendenstatus zugeschrieben, den er für mich nicht innehat. Meister 2007 wurde er als Greenhorn, sein Anteil an der Meisterschaft ist überschaubar. Danach folgte er dem Lockruf des Geldes und wechselte in die Autostadt, seit seiner Rückkehr zum VfB geht es gefühlt nur noch bergab. Der Abwärtstrend nahm an Rasanz zu, seit er 2013 die Kapitänsbinde übergestreift bekam.

Wie das obige Beispiel zeigt, scheint sein eigenes Ego doch extremer ausgeprägt zu sein, als er uns weismachen möchte. Da ich keinen Einblick in das Innenleben der Mannschaft habe, fußen meine Schilderungen auf Eindrücken, die ich als Außenstehender gewonnen habe.

Da ist zunächst der Eindruck, dass Gentner ohne die Macht seines Beraters Jürgen Schwab, der beim VfB ein und aus geht, nie zu der Führungsrolle innerhalb des Teams gekommen wäre, die er seit Jahren begleitet.

Zu Zeiten von Fredi Bobic, dessen Kumpel und Geschäftspartner Schwab ist, wurde Gentner, wie auch der zweite Schwab-Schützling Sven Ulreich, in den Unantastbarkeits-Status erhoben.

Während der Ära Gentner verschlief der VfB die Entwicklung hin zum modernen Fußball, in der jeder Verein, der vorankommen wollte und etwas auf sich hielt, lauf-, zweikampf- und spielstarke sowie handlungsschnelle Spieler im zentralen Mittelfeld installierte, während beim VfB der gepflegte Rück- und Querpass Einzug erhielt.

Spieler, die diesen Typus verkörperten, spontan fällt mir Zdravko Kuzmanović ein, wurden ihrer Stärken beraubt, weil sie sich die Bälle immer nur hinten abholen mussten und keiner größer werden durfte als der König, so dass sie entnervt von dannen zogen, weil in der Ära Gentner das Leistungsprinzip ad absurdum geführt wurde.

Als Menschen schätze ich Christian Gentner sehr, einer der Etikette besitzt und ein netter und freundlicher Typ ist.

Jedoch gehört für mich mehr dazu, als langjährige Vereinstreue (gab es für ihn seit seiner Rückkehr überhaupt Interessenten/ Angebote?), um als Vereinslegende in die Annalen eingehen zu können.

In einer Truppe, in der es menschlich nicht stimmt und die sich spinnefeind ist, hat auch der Kapitän versagt. Die Truppe der Gegenwart ist ja beileibe nicht die erste in der Ära Gentner, die vom Potential mehr könnte, dieses aber nicht zeigt, weil es im Team nicht stimmt. Wenn man dann noch hört, dass es auf Mannschaftsabenden zum großen Aufbruch kommt, während der Kapitän eine Ansprache halten möchte, ist dies mehr als ein Indiz dafür, dass Gentes Zeit als Kapitän abgelaufen ist.

Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger täten gut daran, es sich genau zu überlegen, ob man Gente noch einmal einen neuen Vertrag, möglicherweise als Standby-Profi, gibt oder ob nicht auch der Kapitän dem nötigen Neuanfang im Wege stehen würde.

Mit Legendenbildung, die allein darauf fußt, dass einer lang im Verein war, tue ich mich schwer. Als VfB-Fan seit 1974, der Buffy Ettmayer noch kicken gesehen, die Entwicklung von Hansi Müller und den Förster-Brüdern begleitet, der Jürgen Klinsmann bewundert und über Asgeir Sigurvinsson gestaunt hat. Als einer der Respekt davor hatte, wie sich Dieter Hoeneß, Erwin Hadewicz und Guido Buchwald, die nicht mit dem allergrößten Talent gesegnet waren, durchgebissen und zu unverzichtbaren Größen entwickelt haben, als einer, dessen Allzeit-Lieblingsspieler Karl Allgöwer ist, der die Waldhof-Connection Gaudino und Fritz Walter liebte, der stolz war, als es MV gelang Matthias Sommer oder Carlos Dunga an den Neckar zu lotsen, für den Günne Schäfers Rettungstat in Leverkusen heute noch unfassbar ist, der wegen des Magischen Dreiecks aus dem mit der Zunge schnalzen nicht mehr raus kam, fällt es mir schwer, Christian Gentner in diese Hall of Fame aufzunehmen.

Die Jungen Wilden Magaths und die von einer Euphoriewelle getragenen Meister von 2007 spare ich an dieser Stelle aus, weil die Erinnerungen wohl bei allen noch frisch genug sind. Auch da waren es andere, an die man sich gerne zurückerinnert.

Auf einen der Meister von 2007 möchte ich dann aber doch noch eingehen: Timo Hildebrand. Unvergessen seine Parade in Bochum, als er zu einem wichtigen Baustein der Meisterschaft wurde und sich unsterblich gemacht hat. Dennoch ist es mir auch bei ihm zu weit hergeholt, ihn als VfB-Legende zu betiteln.

Noch mehr als seine Rettungstat in Bochum bleibt mir das ständige Transfertheater in Erinnerung. Er, mit tatkräftiger Unterstützung seines Beraters Bukovac, damals so etwas wie eine persona non grata beim VfB, tanzten der VfB-Führung jahrelang auf der Nase herum, weil sie sich zu höherem als dem VfB berufen sahen.

So schlug Hildebrand mehrmals Angebote zur Vertragsverlängerung aus, ehe dem VfB der Kragen platzte und die Verhandlungen Ende 2006 (endlich) für gescheitert erklärte. Ich war seinerzeit erleichtert, weil sich dieses Theater schon jahrelang hingezogen hat. Hildebrands Plan, Kahns Nachfolger bei den Bayern zerschlug sich, so dass er sich nach der Meisterschaft dem FC Valencia anschloss. Bei einem Verein, in dem es drunter und drüber ging und bei dem der nur hartgesottenen Ché (so werden die Fans von Valencia genannt) bekannte Deutsche einen schweren Stand gegenüber Vereinslegende Santiago Cañizares hatte, wurde Hildebrand nie richtig glücklich.

Zur selben Zeit stümperte ein Raphael Schäfer im VfB-Tor umher, wo schnell klar geworden ist, dass es sich hierbei um ein millionenschweres Missverständnis handelte. Seit dem Nürnberger Pokalsieg hatte es Schäfer ohnehin bei großen Teil der Fans verschissen, seine nicht vorhandenen Leistungen taten ihr übriges, dass die Zeichen schnell auf Trennung standen und ihm zeitweise sogar der junge Ulreich vor die Nase gesetzt wurde.

Im Sommer 2008 hätte die große Möglichkeit bestanden, wieder zueinander zu finden. Der VfB wäre wohl einer Rückkehraktion gegenüber nicht abgeneigt gewesen. Ich für meinen Teil hätte sie damals auch begrüßt, schließlich wusste man wenigstens, was man an Timo hatte und zudem hätte die Möglichkeit bestanden, geläutert einen beiderseitigen Neuanfang zu wagen. Doch Herr Hildebrand war sich damals zu fein, sich (und uns) seinen Wechselfehler einzugestehen und wollte sich in Valencia durchbeißen.

Mich ärgert dessen Sturheit bis heute. Zwar folgten zwei super Jahre mit Jens Lehmann als unserer Nummer eins, auch einer, über den ich stolz war, dass er das VfB-Trikot trug. Die Verpflichtung Lehmanns für zwei Jahre war damals mit der Zusage verknüpft, dass Ulreich von Lehmann lernen solle und danach die Nummer die Eins werde. Diese Zusage war an keinerlei Bedingungen, wie zum Beispiel einer vorausgesetzten Entwicklung, geknüpft, so dass wir fortan ein ständiges Torhüterproblem hatten.

Das nehme ich Hildebrand bis heute übel, genauso wie, dass er danach nicht mehr richtig auf die Beine kam und bei einem scheiß Verein nach dem nächsten anheuerte. Herzensentscheidungen schienen es jedenfalls keine gewesen zu sein, es wirkte stets, ob bei Hoffenheim, Schalke oder Frankfurt, so, als dass er nur froh war, untergekommen zu sein. Ob als Nummer eins oder zwei, egal, der Biss schien ihm in Spanien abhandengekommen zu sein.

Als der VfB 2009 zur selben Zeit wie Hoffenheim sein Trainingslager in Leogang absolvierte, trafen wir die Kraichgauer beim Joggen. Wir, das könnt ihr mir glauben, begrüßten die vielen Ex-VfBler äußerst freundlich. Nicht umsonst blieben Tobi Weis und Andi Beck für einen kurzen Plausch stehen und selbst Ralf Rangnick huschte ein Lächeln übers Gesicht, während Hildebrand verschämt auf den Boden blickte, weil ihm die Begegnung offensichtlich peinlich war. Dies bestärkte mich in meiner Meinung über Hildebrand, dass er „falsch“ und berechnend ist.

Dieser Hildebrand, der sich vor den Ausgliederungskarren spannen ließ, ohne zum damaligen Zeitpunkt überhaupt VfB-Mitglied gewesen zu sein, möchte jetzt also als Nachfolger von Thomas Hitzlsperger fürs VfB-Präsidium kandidieren. Dass ich nicht lache! Denkt er etwa, er habe sich nun genug eingeschleimt und würde mit offenen Armen empfangen werden? Warum? Nur weil er keiner ordentlichen Tätigkeit nachgehen möchte? Was hat er außerhalb des Fußballplatzes vorzuweisen? Was sollte ihn dazu befähigen? Was hat er vor, außer es sich auf Kosten von uns allen in den VIP-Katakomben bequem zu machen?
Ich jedenfalls werde ihn nicht wählen und hoffe, dass seine Bewerbung schon am Veto des Vereinsbeirats scheitert. Hildebrand erweckt bei mir auch hier wieder den Eindruck unterkommen zu wollen, klappt es bei uns nicht, heuert er eben in Hoffenheim an.

Um den Status einer Vereinslegende zu erlangen, bedarf es mehr, als langjähriger Spieler zu sein oder seinen Anteil an einem Titel zu haben. Auch ein Spieler, um den Bogen zurück zur sportlichen Gegenwart zu spannen, der uns zum Klassenerhalt schießt, hat nicht zwangsläufig das Zeug zur Vereinslegende.

Hier erinnere ich mich gerne an ein Ultras-Spruchband „Nichts erreicht, nur verhindert“. Nur um das Verhindern geht es jetzt noch am Ende dieser desaströsten Saison. Ich hoffe, dass bei Hitz und Mislintat die Ursachenforschung in vollem Gange ist und der VfB zur neuen Saison ein völlig neues und auch sympathischeres Gesicht erhält.

Wir Fans sind zwar leidensfähig, doch auch die Leidensfähigkeit hat ihre Grenzen. Ich kann mich nicht erinnern, in nunmehr 45 Jahren Fanjahren, ein Saisonende so herbeigesehnt zu haben wie dieses. Noch drei Spiele…

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