26. Mai 2017

“Nein zur AG” heißt nicht #neinzumerfolg

Nach dem „So gut wie Aufstieg“ in Hannover durch das Bielefelder 6:0 gegen Eintracht Braunschweig, machte der VfB am Sonntag gegen die Würzburger Kickers erwartungsgemäß sein Meisterstück. Dem Schlusspfiff folgten Platzsturm und eine rauschende Feier auf dem Wasen, der ich, wie wohl viele andere auch, wegen der befürchteten Überfüllung gleich von selbst fern geblieben bin.

Jedoch muss ich auch zugeben, dass ich wegen des Aufstiegs nicht in eine allzu große Euphorie verfallen bin und auch nicht das Bedürfnis hatte, ein Stück Rasen oder einen Torpfosten mitzunehmen oder gar die „Aufstiegshelden“ zu herzen. Einige davon sind immerhin auch die Versager des Vorjahres, die lediglich mitgeholfen haben, zu reparieren, was über all die Jahre kaputt gegangen ist.

Die Aufstiege von Hannover 96 und vom VfB waren reine Pflichterfüllung, alles andere als der Aufstieg wäre in beiden Städten schlicht nicht zu vermitteln gewesen. Der finanzielle Vorsprung vor dem Rest der Liga war einfach zu gewaltig, um erneut ein Übergangsjahr zu gestatten. Zudem war in dieser 2. Liga kein Team, wie noch im Vorjahr Red Bull Leipzig, mit von der Partie, welches mit unlauteren Mitteln gekämpft hätte. Daher war es eher überraschend, dass bis zum letzten Spieltag noch kein Aufsteiger definitiv fest stand und letzte Restzweifel noch ausgeräumt werden mussten.

Dabei möchte ich die 2. Liga nicht kleiner reden, als sie ist. Auch dort wird ordentlicher Fußball gespielt, die meisten Vereine und Fanszenen habe ich im Laufe des Jahres ohnehin in mein Herz geschlossen, und dennoch, ein Blick auf das Budgetranking allein genügt, um zu erkennen, dass Hannover 96 und der VfB finanziell in einer anderen Liga spielten.

Der VfB schloss die Saison also als Meister ab und bekam als Lohn die „Radkappe“ überreicht. Schmückt dieser Titel alsbald noch unseren Briefkopf wäre dies der Gipfel der aufgesetzt wirkenden Euphorie. Als Fan begleitet mich derzeit eher Wehmut, diese tolle Liga nach nur einem Jahr schon wieder verlassen zu müssen.

Für den Verein war der Aufstieg jedoch überlebensnotwendig, um nicht Gefahr zu laufen, den Anschluss nach oben völlig zu verpassen und ein „normaler“ Zweitligaverein zu werden wie bspw. Fortuna Düsseldorf, VfL Bochum, 1. FC Kaiserslautern und mittlerweile auch der 1. FC Nürnberg. Zukünftig spielen wir also wieder mit im Konzert der Großen und die Intention der Vereinsführung ist es, den zweiten vor dem ersten Schritt tun zu wollen.

Anstatt sich zunächst einmal wieder zu etablieren, möchte man mit den Daimler-Millionen den Großangriff nach oben starten. Dafür wurde für kommenden Donnerstag (01.06.) eine außerordentliche Mitgliederversammlung angesetzt, um im Zuge (der erhofften) Euphorie die Ausgliederung durchpeitschen zu können.

Euphorisch mögen die Selfie-Knipser auf dem Rasen gewesen sein, ich war es nicht und, wäre ich es gewesen, wäre meine Euphorie seither schon wieder längst verflogen.

Bereits am Tag nach dem Aufstieg, kaum trocken von den Bierduschen, wurde publik, dass Controller Heim und Trikotverkäufer Röttgermann, zwischen Dutts Entlassung und Schindelmeisers Amtsantritt so etwas wie die letzten Mohikaner in der Vereinsführung, Simon Terodde eine Ausstiegsklausel in den Vertrag drucken ließen, die es ihm erlaubt, für die festgeschriebene Ablösesumme von sechs Millionen Euro den Verein bis zum 31.5. verlassen zu können.

Unser Aufstiegsgarant also vor dem Absprung? Knallhart holte uns somit die Bundesligarealität schon wenige Tage nach dem Aufstieg ein, nämlich, dass wir im Vergleich zu etablierten Bundesligisten doch nur ein kleines Licht sind und in Sachen Gehaltsangeboten auch mit Vereinen aus der Tabellenmitte nicht mithalten können. Einige fühlten sich in diesen Diskussionen bestätigt, der VfB brauche die Ausgliederung schon deshalb, um einen wie Terodde halten zu können. Ich sage, beim zunächst kolportierten Vertragsangebot von Borussia Mönchengladbach, 4-Jahresvertrag für einen 29-jährigen und 6 Millionen Euro Jahresgehalt, mitzubieten, wäre wahnwitzig gewesen, egal wie viel man auf dem Konto hat. Natürlich verleitet es, je mehr Geld man zur Verfügung hat, auch unvernünftige Sachen zu machen, doch, wollen wir das wirklich?

Wenn ich schon nicht sonderlich euphorisch war, ob des zu erwartenden Aufstiegs, gefallen haben mir die „ERSTKLASSIG“-T-Shirts schon, mit denen die Jungs zusammen mit den Fantastischen Vier auf der Bühne des Cannstatter Wasens herumgehüpft sind. Der Slogan „ERSTKLASSIG“ ist zwar nicht sonderlich der Rede wert, waren wir doch die meiste Zeit der Vereinsgeschichte erstklassig, aber, sei’s drum. Einen Aufstieg erlebt man trotzdem nicht alle Tage, so war ich gewillt, mir dieses Shirt für stolze 20 Euro zu gönnen.

Dann allerdings das böse Erwachen: einen Tag nach dem Aufstieg (und bis heute) war dieses Shirt im Online-Shop auf der VfB-Seite nur in extrem kleinen Größen bestellbar. Es ist ja auch nicht so, dass man in seinem Online-Shop unbegrenzt Bestellungen annehmen und nach Auftragseingang produzieren lassen könnte, nein, beim VfB ist in einem solchen Fall die Bestellung überhaupt nicht möglich! Für mich wäre das Shirt JETZT interessant gewesen, nach der Terodde-Ernüchterung und wohl erstrecht nach der Mitgliederversammlung ist es das wohl nicht mehr.

Ich habe mir zwar sagen lassen, im Shop sei das Shirt in rauen Mengen und sämtlichen Größen verfügbar, doch, manchmal kommt man einfach nicht „runter“ und zahlt dann lieber die Versandkosten, um ein Produkt bequem nach Hause geliefert zu bekommen. Ein wirkliches Argument ist die Verfügbarkeit vor Ort ohnehin nicht, in Anbetracht der vielen auswärtigen Fans, die schon gar nicht die Möglichkeit haben, den Shop außerhalb von Spieltagen zu besuchen.

Solang der VfB nicht in der Lage ist, die bei vielen Fans existente Euphorie in bare Münze umzuwandeln, frage ich mich, weshalb man dem Verein mehr Geld in die Hand geben sollte. Um solche Versäumnisse zu kaschieren? Der VfB hat durchaus, auch ohne die Daimler-Millionen, noch längst nicht alle Potentiale ausgeschöpft, um mehr Geld als bisher einzunehmen.

Nicht nur aus diesem Grund steht es mittlerweile fest, dass ich am kommenden Donnerstag für „Nein“ stimmen werde. Es ist die Art des „Wahlkampfs“, die mir so sauer aufstößt. Je mehr Skeptiker, als solche hingestellt werden, die „nein zum Erfolg“ sagen würden, je mehr Vorbehalte gegen die Ausgliederung, wie sie vollzogen werden soll, ganz im Trump-Stil als „Fake-News“ abgetan werden, desto mehr wächst mein Misstrauen, desto mehr bin ich mir sicher, dass wir unser blaues Wunder erleben würden, wenn denn mit „Ja“ gestimmt wird.

Es ist natürlich gutes Recht vom VfB, seine Position als die einzig wahre darzustellen, wenn er derart vom eigenen Konzept überzeugt ist. Solang er aber lediglich seine Position propagiert und keinerlei Informationen zu Alternativen mit deren Fürs und Widers zur Entscheidungsfindung an die Hand gibt, darf er sich nicht wundern, wenn man sich anderer Quellen bedient und der Vereinsführung und deren Propaganda kein Wort mehr glaubt.

Die Propaganda nimmt dabei immer groteskere Züge an. Dass ein Vereinsangestellter wie Thomas Hitzlsperger für das Vorhaben des Vereins wirbt und dass der Aufsichtsrat Hermann Ohlicher sich fürs neu zu wählende Gremium in Stellung bringen lässt, verständlich.

Wenn jedoch zudem ein Sami Khedira vor den Propaganda-Karren gespannt wird, ist das für mich an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Wir stehen vor einer ernsten Entscheidung, die genau abgewogen gehört und zu der die Mitglieder gut beraten wären, sich eingehend zu informieren.

Da gehört es sich einfach nicht, Vereinsikonen als Stimmungsmacher zu missbrauchen und dadurch Stimmenfang betreiben zu wollen. Ich würde gerne einmal von Sami Khedira wissen, inwieweit er sich nach dem Gewinn der Coppa Italia und des Scudetto und mitten in den Vorbereitungen für das große und alles überstrahlende Champions League Final gegen Real Madrid mit den Auswirkungen der Ausgliederung befasst und sich in die Materie eingelesen hat.

Den Gegnern der Ausgliederung wird von den Befürwortern, weil ihnen echte Argumente fehlen, meist vorgeworfen, Ewiggestrige oder Ultras zu sein. Ich bin weder Fortschritt nicht aufgeschlossen, noch ein Ultra und dennoch dagegen, am Donnerstag dem Vorhaben des Vereins zuzustimmen.

Dass der e. V. in der derzeitigen Form für Profivereine bald ausgedient hat und irgendwann auch nicht mehr zulässig sein dürfte, dem verschließe ich mich nicht. Schon aufgrund dieser Tatsache bin ich kein „e. V.-Verfechter“, sondern sehe die gewählte Rechtsform der AG als diskussionswürdig an.

Es gäbe andere Formen, durch die sowohl den Steuergesetzen als auch neuer Möglichkeiten von Kapitalbeschaffung Rechnung getragen würde. Das Commando Cannstatt 97 hat die Alternativen was die Rechtsform angeht fundiert beleuchtet unter http://www.cc97.de/stellungnahme-zur-aomv und kommt zu dem Schluss, dass der VfB (und die Daimler AG) die Rechtsform der AG wohl in erster Linie deshalb gewählt haben dürfte, um dem Investor größtmöglichen Einfluss zu gewähren.

Auch auf die schwindende Möglichkeit der Mitbestimmung wird dabei eingegangen und zu dem Schluss gelangt, dass der Investor (bzw. die Investoren) im Aufsichtsrat in der Überzahl sein wird und das Mitglied eben nur noch bei belangloseren Entscheidungen weiterhin Mitspracherecht genießt.

Geht diese Ausgliederung durch, hinterfrage ich meine Mitgliedschaft auf jeden Fall und werde höchstwahrscheinlich aus dem Verein austreten. Meine Verbundenheit zum Verein bringe ich auch anders zum Ausdruck, der einzige „Vorteil“, den meine Mitgliedschaft dann noch mit sich brächte, wäre die vierteljährlich erscheinende Ausgabe von Dunkelrot. Als Dauerkarteninhaber, Allesfahrer und Fanclubmitglied ist für mich bspw. das Vorkaufsrecht auf Eintrittskarten völlig uninteressant und somit kein Grund, an der Mitgliedschaft festzuhalten.

Da der Verein durch sein Vorgehen eine unnötige Schärfe in die Debatte bringt, in „Gute und Schlechte Mitglieder“ unterteilt, sich selbst einen unnötigen Zeitdruck auferlegt und sich offensichtlich auch noch erhofft, Mitglieder durch materielle Anreize ködern zu können, bin ich mal gespannt, wie sich das Klima entwickelt, sollte der Ausgliederung die Zustimmung verweigert werden.

Das, was man bei Präsident Dietrich schon aufgrund seines ehemaligen Postens als Stuttgart21-Sprecher befürchtet hatte, nämlich, dass er die Mitglieder eher spaltet als eint, steht nun auf dem Prüfstand. Es wurden Horrorszenarien für den Fall einer Ablehnung gesponnen, auch Jan Schindelmeiser meinte in diesen Tagen, ohne Ausgliederung würde es „sehr schwer für uns“ werden.

Dabei fußt meine Hoffnung auf eine bessere Zukunft sehr auf der Kompetenz eines Jan Schindelmeiser, auch mit geringeren Mitteln erfolgreich wirtschaften zu können. Unser Problem in den letzten Jahren war ja auch nicht, dass zu wenig Geld vorhanden war, sondern, dass der VfB das sich selbst auf die Fahne geschriebene “Ausbildungsverein” auch bei der Ernennung der Sportdirektoren wörtlich nahm. Seit Rolf Rüssmann war kein Mann vom Fach mehr in dieser Position tätig. Von Übergangslösungen wie Briem/ Schneider über Heldt, den man vom Spielfeld direkt auf den Posten des Sportdirektors hob, über Fredi Bobic, seines Zeichens bis dahin als Dummschwätzer in der Krombacher Saufrunde tätig und als ehemaliger Einzelhandelskaufmann-Azubi bei Hertie prädestiniert für den Job, bis hin zu Robin Dutt, der zwar Trainer durch und durch war, als Sportdirektor beim DFB jedoch schon heillos überfordert war. Diese Personalentscheidungen auf der für ein Fußballunternehmen neben dem Trainer wichtigsten Position, haben uns schleichend dem Abgrund näher gebracht. In Folge dessen wurde auf falsche Trainer gesetzt, das Gehaltsniveau unverantwortlich angehoben, falsche Spieler geholt und dafür gesorgt, dass uns Koryphäen im Nachwuchsbereich fluchtartig verließen und inzwischen Leipzig noch größer machen, als die ohnehin schon geworden sind. Mit Jan Schindelmeiser haben wir erstmals seit langem einen Mann vom Fach, dessen Geschick bei Transfers er ja bereits in den 10 Monaten, in denen er beim VfB ist, unter Beweis gestellt hat.

Spannend dürfte es in jedem Fall werden, wie die „Verlierer“ der Abstimmung mit dem Ergebnis umgehen werden und ob es gelingt, die Fangemeinde dann wiederzuvereinen.

Mir erschließt es sich noch immer nicht, wie man am Tiefpunkt der Vereinshistorie Anteile verscherbeln kann und warum man das nicht tut, wenn man wieder in der Bundesliga Fuß gefasst hat und im besten Fall mal wieder international spielt. Dass die Qualifikation fürs internationale Geschäft noch immer durch gute, kontinuierliche Arbeit geschafft werden kann, bewies in der abgelaufenen Saison der 1. FC Köln.
Von Vereinsseite wird immer kommuniziert, der Daimler engagiere sich allein aus Verbundenheit zum Verein und verlange keinerlei Gegenleistung. In diesem Licht stelle ich mir die Frage, wie es kommt, dass der VfB jetzt als Aufsteiger über 300 Millionen Euro wert sein soll, wenn vor anderthalb Jahren, als der Verein 40 Jahre ununterbrochen Bundesliga gespielt hat, schon 180 Millionen Euro als zu hoch gegriffen erschienen.

Ist die Marke von 41,5 Millionen Euro, die der Daimler dem VfB sofort zur Verfügung stellen würde, ein „Zuckerle“ für die Mitglieder, um ja nicht auf die Idee zu kommen, „falsch“ abzustimmen?

Bei #vfbimdialog trat zutage, dass es sich bei den 300 Millionen Euro gar nicht um den derzeitigen Wert des Vereins handelt, sondern man diesen mit Hoffnungen in die Zukunft errechnet habe.

„Ja zum Erfolg“, besserer Tabellenplatz, dadurch mehr Fernseheinnahmen, dadurch exorbitantes Ansteigen der Merchandising- und Sponsoring-Erlöse, und, und, und. Siehe oben, gerade im Merchandising-Bereich genügt es meiner Ansicht nach, einfach besser zu werden, um brach liegende Potentiale zu nutzen. Das oben aufgeführte war nur eines von unzähligen Beispielen der jüngeren Vergangenheit, bei dem man nur den Kopf schütteln kann. Größen fallen höchst unterschiedlich aus, die Qualität ist nicht die beste und fehlende Verfügbarkeit führen dazu, dass mit Rabattgutscheinen um sich geschmissen wird, um die wütende Kundenschar zu besänftigen.

Die Errechnung eines Unternehmenswertes mit Hoffnungen in die Zukunft erscheint mir höchst fragwürdig. Was passiert denn, wenn diese Hoffnungen nicht eintreten? Was, wenn Jan Schindelmeiser mit seinen nächsten Transfers daneben liegt, Hannes Wolf im Herbst entlassen wird und wir dem neuerlichen Abstieg entgegen taumeln sollten? Sind dann die bislang lediglich feststehenden 41,5 Millionen Euro nicht nur die Anschub-, sondern auch die Endfinanzierung?

Ist das dann die Summe, für die wir uns letztlich in die Hände eines Investors begeben haben? Wer davon träumt, dass wir mit diesem Geld auf Anhieb in der Bundesliga oben mitspielen werden, ist ein Phantast. Es fließt zunächst nur ein Bruchteil in den Kader. Ein Großteil wird für die Sanierung der Trainingsplätze und des Clubheims benötigt, zudem soll der Jugend- und Scouting-Bereich weiter professionalisiert werden. Die restlichen 58,5 Millionen Euro, um die 100 mit weiteren Investoren voll zu machen, sind derzeit noch genauso unsicher wie der weitere sportliche Werdegang unseres VfB. Abstimmen tun wir also zunächst einmal über eine 41,5 Millionen Euro Finanzspritze.

Magnus Missel hat in seinem Blog unter https://dervfbblog.wordpress.com/2017/05/26/rueckblick_ausblick_blicksch-du-s-net/ einige von mir am Rande erwähnten zu hinterfragenden Punkte analytisch herausgearbeitet und wundert sich ebenso wie ich, weshalb plötzlich im Nachwuchsbereich ein so großer Renovierungsbedarf herrschen soll.

Der VfB rechnet diese 41,5 Millionen Euro zwar dem Eigenkapital zu, weil er diese unverzinst erhält. Das Geld soll in Beine und Steine investiert werden und ist demzufolge in Kürze weg. Was aber, wenn der Daimler von seinem theoretischen Recht Gebrauch macht und seine Anteile weiter veräußern möchte? Der VfB hat zwar die Möglichkeit, beim Weiterverkauf an einen Dritten sein Veto einzulegen und die Anteile selbst zurückzukaufen, doch, wie soll das funktionieren, wenn kein Geld mehr da ist? Es wurde zwar wohl ein Modell ausgearbeitet, die es dem VfB erlaubt, die Anteile „im Rahmen seiner Möglichkeiten“ vom Daimler zurückzukaufen bzw. abzustottern und doch würde uns dieses Szenario über Jahre belasten.

Was mir ferner Angst macht, ist, dass Jan Schindelmeiser bei #vfbimdialog gesagt hat, um mit den Emporkömmlingen der letzten Jahre, wie Hoffenheim und Leipzig, (finanziell) konkurrieren zu können, müsse sich unser Gehaltsvolumen von derzeit 25 Millionen Euro in den nächsten Jahren bis auf 100 Millionen Euro erhöhen.

Bei einem Kader von 20 Spielern hieße das, dass JEDER im Schnitt fünf Millionen Euro mit nach Hause nehmen würde. Ich dachte, wir hätten aus der Vergangenheit unsere Lehren gezogen und würden nicht noch einmal in die Championsleague-Falle tappen.

Persönlich habe ich ein Problem mit der Gehälterentwicklung im Profifußball und bin froh, dass der Verein sein Gehaltsniveau von ca. 60 Millionen in der Heldt-Ära auf jene 25 Millionen Euro heruntergefahren hat. Dieses darf sich auch gerne jetzt wieder auf ein Normalmaß für Bundesligaverhältnisse erhöhen. Normalmaß heißt für mich, dass die Ausgaben- die Einnahmenseite nicht übersteigt und wir keine Gehälter zu stemmen haben, die uns bei Misserfolg um die Ohren fliegen. Hier bin ich ganz Fußballromantiker und sage, man muss nicht jeden Irrsinn auf Teufel komm raus mitmachen.

Das Investment des Daimler und mutmaßlich weiterer Investoren fließt ja auch nicht jährlich sondern einmalig, so dass jeder Euro, der zusätzlich in die Taschen der Spieler fließt, an anderer Stelle wieder eingenommen werden muss. Sollten wir je mal wieder Champions League spielen, dürfen die Spieler gerne an den Einnahmen partizipiert werden, jedoch wäre ich vorsichtig, wie in der Vergangenheit, mit horrenden Grundgehältern in Vorleistung zu gehen, die einem die Luft zum Atmen nehmen, sollte der sportliche Erfolg ausbleiben.

Daher ist für mich noch immer Vernunft das oberste Gebot. Ich sehe als den Lauf der Zeit an, dass wir niemals alle Spieler werden halten können und es immer Vereine geben wird, die einem Spieler mehr bereit sind zu bezahlen als es der VfB tun sollte. Gibt man diesen Befindlichkeiten nach und macht die Preistreiberei gegen Vereine wie Hoffenheim und Leipzig mit, ufert das aus und weckt neue Begehrlichkeiten bei denen, die schon da sind. Auch hier gilt es langsam zu wachsen und nicht plötzlich das Geld mit vollen Händen hinaus- bzw. in den Rachen der Spieler zu werfen.

Das Stellen des Nachwuchsbereiches auf eigene finanzielle Beine ist für mich ein großer Schritt in die richtige Richtung. Hier benötigt es Geduld, bis die erfolgten Umstrukturierungen den ersten Ertrag bringen. Durch Ungeduld und finanzielle Unvernunft würde der Druck gewaltig und unnötig erhöht werden, schnellen sportlichen Erfolg einzufahren.

Da freunde ich mich doch lieber mit dem „Freiburger Modell“ an und kalkuliere notfalls auch einen Abstieg mit ein, wenn die getroffenen Personalentscheidungen nicht ins Schwarze trafen oder ein Jahrgang aus dem Jugendinternat nicht die erhoffte Verstärkung für den Profifußball brachte. Freiburg ging aus seinem letzten Abstieg gestärkt hervor, indem man Leistungsträger gewinnträchtig verkaufen und die Mannschaft für die 2. Liga weitestgehend aus dem eigenen Nachwuchs und günstigen Neuzugängen rekrutierte. Die Transfererlöse wurden also überwiegend für schlechtere Zeiten auf die hohe Kante gelegt, so dass der SC derzeit liquider als der (große) VfB sein dürfte.

Auch der VfB konnte nach dem Abstieg hohe Transfererlöse erzielen, um den finanziellen Aderlass durch den Abstieg aufzufangen. Vor allem seit Jan Schindelmeiser und Hannes Wolf hier sind, wird wieder vermehrt auf die Jugend gesetzt, was auch der Schlüssel für die meisten großen Erfolge der Vergangenheit war. Dieser Weg muss konsequent weiter gegangen werden. Hat man mal wieder ein absolutes Top-Talent wie Joshua Kimmich in den eigenen Reihen, muss dieses erkannt und gefördert werden und darf uns nicht noch einmal durch die Lappen gehen. Die vom Daimler versprochenen 41,5 Millionen Euro sind im heutigen Fußball-Business nicht mehr die Welt und könnten heute allein durch einen Verkauf eines Spielers wie Kimmich generiert werden, ganz ohne die Seele des Vereins zu verkaufen.

Der VfB ist ein Ausbildungsverein und wird meiner Ansicht nach auch einer bleiben (müssen). An die Mär, die uns die Vereinsführung in ihrem im „Sendung mit der Maus“-Style erstellten Erklärbär-Video weismachen möchte, dass wir durch die Ausgliederung wieder in der Lage sein würden, Spieler zu halten, glaube ich im modernen Fußball nicht. So gut wie jeder wird dorthin gehen, wo es mehr zu „verdienen“ gibt, fast immer gibt es für Spieler, die Begehrlichkeiten anderer Clubs geweckt haben, einen Verein, der über das vom VfB vertretbare Maß hinaus eine Schippe drauf legt, so dass es nur vernünftig ist, irgendwann aus den Verhandlungen auszusteigen.

Auch wenn ich ein Gegner der Ausgliederung in der zur Abstimmung stehenden Form bin, heißt das nicht, dass ich den VfB nicht auch gerne erfolgreich sehen möchte. Erfolg ist dabei jedoch relativ. Im letzten Jahrzehnt hat der VfB derart den Anschluss verpasst, so dass dieser auch mit einer 41,5 Millionen Euro Spritze nicht so schnell wieder hergestellt werden kann.

Der Aufstieg war ein erster Schritt. Wie die Fans den Verein auch in der 2. Liga unterstützt haben, war phänomenal. Das ist das Fundament, auf dem sich aufbauen lässt. Das Wissen um eine treue Fangemeinde, die dem Verein auch in schwierigeren Zeiten die Stange hält. Wunderdinge werden nach dem Wiederaufstieg die wenigsten vom VfB jetzt erwarten.

Der Verein muss sich weiter konsolidieren und nach zehn Jahren Misswirtschaft den Anschluss langsam wieder herstellen. Die einmalige Finanzspritze der Daimler AG würde zwar helfen, diesen Prozess zu beschleunigen, jedoch zu einem für mich zu hohen Preis, ohne Erfolgsgarantie und mit erheblichen Risiken!

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 7.8/10 (40 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: +7 (from 15 votes)