27. April 2010

Torwartfrage: “Ich hoffe, dass der VfB mich ranlässt”

Das Dörfchen Grünheide mit seinen Angelseen liegt verschlafen im märkischen Sand vor den Toren Berlins. Privat hätte sich der VfB-Torwart Sven Ulreich wohl niemals hierher, nach “jwd”, verirrt. Doch “janz weit draußen”, wie man in der Hauptstadt sagt, im Ortsteil Kienbaum, trainierten einst die DDR-Leistungskader. Geblieben ist aus dieser Zeit eine Anlage, die bis heute viele Spitzensportler in ihren Bann zieht: Die Höhenkammer, in der sich ein geringerer Sauerstoffgehalt wie in 3000 Metern Höhe simulieren lässt. “In der Höhenkammer kann man mit geringerem Widerstand die Grundlagenausdauer verbessern, was nach Verletzungen optimal ist. Der Körper bildet mehr rote Blutkörperchen”, erklärt Sven Ulreich, der sich nach dem Wochenende bei der Familie gestern Abend wieder ins Flugzeug Richtung Berlin gesetzt hat. Schließlich gilt es für den 21-Jährigen, keine Zeit zu verlieren. Nach seinem Bruch des Wadenbeinköpfchens im linken Knie am 2. März im U-21-Länderspiel der DFB-Auswahl gegen Island setzt Ulreich alles daran, schnell wieder voll belastbar zu sein.

Vertragsverlängerung als Vertrauensbeweis

“Das Training schlägt gut an – ich mache große Fortschritte”, sagt Ulreich, der bisher 15 Bundesligaspiele, 44 Drittliga- und 29 Regionalligaspiele für den VfB absolviert hat und nun die große Chance besitzt, Jens Lehmann im Stuttgarter Tor zu beerben. “Seit ich im Verein bin, ist es mein Ziel, der Bundesliga-Stammtorwart zu werden”, sagt Ulreich, der in der E-Jugend zum VfB kam und in Berlin in seiner täglichen Reha-Arbeit von einem Physiotherapeuten des Clubs begleitet und behandelt wird. Die Vertragsverlängerung bis 2013 vor knapp drei Wochen hat Ulreich bereits als einen großen Vertrauensbeweis empfunden. Jetzt hofft er, “dass mich der Club als Nummer eins ran lässt. Ich erwarte mir für die nächste Saison viel.” Fast fünf Wochen hat sich der 1,91 Meter große Schlussmann nur mit einer Spezialschiene am Knie an Krücken vorwärts bewegt – und konnte daher vor allem den Oberkörper trainieren.

Also hat er im Sitzen Bälle gefaustet und gefangen. In dieser Woche soll es nun erstmals “fast ohne Krücken” gehen. Von Mai an will Ulreich das Knie dann erstmals wieder ohne orthopädische Hilfe belasten. Sven Ulreich ist ehrgeizig, wittert seine Chance, weiß aber, “dass für die Nummer eins eine schnelle Genesung und eine Topvorbereitung auf die neue Saison absolute Pflicht sind.” Neben den Aufbaumaßnahmen hat der Torwart aufmerksam Zeitung gelesen. Also ist auch ihm nicht entgangen, dass ihm vermutlich ein altbekanntes VfB-Gesicht zur Seite gestellt wird, sollte die Heilung des Knies weiter so gut verlaufen wie bisher: Marc Ziegler, 33, bei Borussia Dortmund angestellt und in der Saison 1995/96 Stammtorwart in Stuttgart, soll nach Plan A der erfahrene Gegenpol zum jungen Ulreich werden. “Es ist richtig, dass es ein Stuttgarter Interesse an Marc Ziegler gibt”, sagt der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc, “aber wir müssen erst mal unsere Szenarien auf der Torwartposition durchspielen. Deshalb lässt sich momentan nicht mehr sagen.”

Der VfB hat einen Plan B in der Tasche

Durchgesickert ist allerdings, dass der BVB gerne Bernd Leno, der beim VfB II das Tor hütet, im Gegenzug für Ziegler haben möchte. Aber diese Rochade lehnt der VfB ab. Auch die derzeitige Nummer drei bei den VfB-Profis, Alexander Stolz, ist bei den Westfalen im Gespräch. Doch an dem ist wiederum das Dortmunder Interesse nicht besonders groß. Es gibt in Sachen Lehmann-Nachfolge bei den Stuttgartern aber auch einen Plan B, der zum Tragen kommen könnte, sollte Ulreich nicht rechtzeitig das alte Niveau erreichen. Daher muss sich der Manager Horst Heldt auch die Alternativen prüfen – und ist dabei wieder auf einen vertrauten Namen gestoßen: auf Timo Hildebrand. Mit 221 Bundesligaspielen und tollen Paraden in der Meistersaison 2007 ist der gebürtige Wormser ein populärer Name in der Clubgeschichte. So wurde der Torwart in einer Zuschauerumfrage des SWR-Fernsehens nach den beliebtesten VfB-Akteuren aller Zeiten auf Rang neun gewählt – und der Cheftrainer Christian Gross nennt den Goalie wohl nicht ohne Hintergedanken “einen erfahrenen Mann”.

Ist Hildebrand also einer, mit dem sich der VfB – und vor allem Christian Gross – ernsthaft beschäftigt? Seit seinem Abschied aus Stuttgart blickt der 31-Jährige auf wechselvolle drei Jahre zurück: Da gab es die 18 verlorenen Monate in Valencia – und die Ausbootung aus der Nationalelf vor der EM 2008. Auch in Hoffenheim agieren der Trainer Ralf Rangnick und der Manager Jan Schindelmeiser beim Thema Hildebrand sehr defensiv. Bei saisonübergreifend 41 Spielen hätte sich Hildebrands Vertrag automatisch verlängert. Diese Marke kann der Goalie nicht mehr erreichen. Sven Ulreich hat ohnehin keine Angst vor möglicher Konkurrenz – ob sie nun Hildebrand heißt oder nicht. “Ich bin inzwischen so stark”, sagt der 21-Jährige, “dass ich auch erfahrenen Torhütern ordentlich Dampf machen kann.”

(STZ 25.4.10)

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