7. Juli 2010

Deutschland vs. Spanien: Die Duelle

Deutschland kämpft gegen Spanien um den Einzug ins WM-Finale und kann sich gleichzeitig für das verlorene EM-Finale 2008 revanchieren. Die Spanier haben das beste Mittelfeld der Welt, ihren Kaiser in der Abwehr und einen Heiligen im Tor.

Manuel Neuer vs. Iker Casillas

Wo Casillas schon ist, will Neuer hin. Casillas gehört zu den drei besten Torhütern des Planeten. Trotzdem stand er schon vor der WM etwas in der Kritik und leistete sich zu Beginn des Turniers einige Unsicherheiten (SPOX-Durchschnitts-Note 3,2). Machte mehr Schlagzeilen wegen seiner Beziehung zur Chefinterviewerin eines spanischen Privatsenders, Sara Carbonero, als wegen sportlicher Heldentaten. Zeigte aber gegen Paraguay mit einem gehaltenen Elfmeter und einer starken Rettungstat kurz vor Schluss gegen Santa Cruz, warum sie ihn in Spanien “San Iker” (Heiliger Iker) nennen. Trotz seiner durchwachsenen WM hat Spanien erst zwei Gegentore kassiert. Ebenso wenige wie die deutsche Mannschaft. Neuer spielt – vom Fehler gegen England abgesehen – ein starkes Turnier und machte auch gegen Argentinien einen sehr sicheren Eindruck.

Per Mertesacker/Arne Friedrich vs. Fernando Torres

Mertesacker kommt pünktlich zum Endspurt in Form und ruft von Spiel zu Spiel bessere Leistungen ab. Gegen Argentinien umsichtig im Stellungsspiel und souverän im Zweikampf. Bei Friedrich hat man sich an diese Eigenschaften in den letzten Wochen ohnehin gewohnt. Erzielte gegen Argentinien im 77. Länderspiel sogar sein erstes Tor. Und wer gegen Argentiniens Traumsturm so gut wie keine Chance zulässt, muss sich auch vor Torres nicht fürchten – zumindest vor dem aktuellen Torres (SPOX-Note 4,6).

El Nino ist nach zwei Meniskusoperationen in diesem Jahr außer Form, ihm fehlen Schnelligkeit, Durchsetzungsvermögen und Abschlussstärke. Alles Attribute, die ihn zum Siegtorschützen des EM-Finals 2008 machten. Trotzdem hielt Trainer Vicente Del Bosque an ihm fest. Könnte im Halbfinale aber zugunsten eines weiteren Mittelfeldspielers geopfert werden. Dann würde David Villa ins Sturmzentrum rücken. Eine ungleich größere Herausforderung für das deutsche Abwehrduo.

P. Lahm/P. Trochowski oder T. Kroos vs. J. Capdevila/D. Villa

Zum zweiten Mal muss Joachim Löw seine Offensive umbauen. Nachdem Miroslav Klose beim abschließenden Gruppenspiel gesperrt fehlte, muss nun der überragende Thomas Müller zuschauen. Als erster Ersatzmann fühlt sich wohl Trochowski, der noch in den Vorbereitungsspielen gegen Malta, Ungarn und Bosnien-Herzegowina in der Startelf stand. Aber: Er fühlt sich auf rechts überhaupt nicht wohl, fiel da schon in der Bundesliga beim HSV durch.

Auch Kroos ist auf links beheimatet und hat auf rechts so gut wie keine Erfahrung. Egal wer aufläuft, das deutsche Spiel wird ohne Müller ein anderes sein. Trochowski und Kroos wollen den Ball lieber in den Fuß als in die Tiefe, im Vergleich zu Müller fehlt es ihnen an Geschwindigkeit und Zug zum Tor.

Das kommt Capdevila (SPOX-Note 3,4) zugute. Der 32-Jährige ist das kleinste Licht im spanischen Starensemble und nicht mehr der Allerschnellste. Noch mehr als in den letzten Spielen wird es auf Lahm ankommen, seinen Vordermann zu unterstützen und so Überzahl zu schaffen. Denn Villa, der als zweite Spitze einen verkappten Linksaußen gibt, lässt Capdevila in der Defensive oft allein. Der Außenverteidiger muss dann von einem Mittelfeldspieler unterstützt werden, was Räume im Zentrum öffnet.

Villa darf sich diesen Luxus erlauben, um Kräfte für sein Offensivspiel zu schonen und bei Ballgewinn als Anspielstation zu dienen. Sobald “el guaje” (der Bursche) Platz hat, ist er kaum noch zu bremsen. Er ist schnell, dribbelstark und sicher im Abschluss. Lahm ist allerdings für seine Stärke im Eins-gegen-eins bekannt und passt auch körperlich hervorragend zu Villa (SPOX-Note 2,6).

Mit seiner wuseligen Art wäre er für Mertesacker und Friedrich im Zentrum schwieriger zu verteidigen. Villa erzielte fünf der sechs spanischen WM-Treffer und schickt sich an, als erster Spieler nach Gerd Müller (1970, 1972) bei zwei aufeinanderfolgenden Welt- und Europameisterschaften Torschützenkönig zu werden. Ist einer von diesen “mehreren Messis”, die Löw bei den Spaniern geortet hat.

Jerome Boateng/Lukas Podolski vs. Sergio Ramos

Zahlenmäßig ein deutliches Mismatch. Ramos (SPOX-Note 3,4) wird wegen seiner Frisur und dem dazugehörigen Stirnband auch Tarzan genannt. Da Spanien – anders als bei der EM 2008 – ohne echte offensive Flügelspieler agiert, dafür aber vier zentrale Mittelfeldspieler aufbietet, ist Ramos auf seiner rechten Seite eine Art Einzelkämpfer. Iniesta, der auf dem Papier auf rechts vorgesehen ist, treibt sich vielmehr im Zentrum vor, hinter und neben Xavi herum.

Also ist es an Ramos, über die Seite Druck nach vorne zu entwickeln. Auch wenn er seine dynamischen, manchmal aber auch blindlings vorgetragenen Vorstöße etwas gezügelt hat, bietet seine nach vorne ausgerichtete Spielweise Lücken, die für Podolski zu gern gesehenen Einladungen werden könnten. In der Defensive ein knallharter und kompromissloser Zweikämpfer. Trägt nicht umsonst den Spitznamen Sergio Rambo. Gehört sicher nicht zu Spaniens Messis. Bei Standards als wuchtiger Kopfballspieler immer gefährlich.

Sollte sich Del Bosque aber doch dazu entscheiden, auf Torres zu verzichten und einen weiteren Mittelfeldspieler zu bringen, würde die Entscheidung wohl zwischen David Silva und Pedro fallen. Beide sind klassische Außenspieler und könnten mit ihrer Dribbelstärke und Geschwindigkeit Druck auf Boateng ausüben. Der offenbarte sowohl gegen Ghana als auch gegen England und Argentinien Schwächen im Eins-gegen-eins.

Bastian Schweinsteiger/Sami Khedira vs. Xavi/Andres Iniesta

Die nächsten Messis der Spanier. Xavi und Iniesta sind Herz und Hirn des FC Barcelona und auch der Nationalmannschaft. Xavi (SPOX-Note 3,0) bestimmt Rhythmus und Geschwindigkeit des Spiels und ist bisher der laufstärkste Spieler der Spanier (52,9 km). Iniesta (SPOX-Note 2,5) ist der Umschaltkasten des spanischen Spiels. Iniestas Ex-Trainer Frank Rijkaard sagte einmal, dass er Pässe wie Bonbons verteilt. Er erhöht das Tempo und leitet den Ball Richtung Tor. So leitete der 26-Jährige auch die Treffer gegen Portugal und Paraguay ein.

Um Spaniens Passkreisel zu stoppen, muss man Xavi und Iniesta so weit wie möglich aus dem Spiel nehmen. Schweinsteiger ist bisher der beste Mittelfeldspieler des Turniers und genauso wie Khedira noch knapp vier Kilometer mehr gelaufen als Xavi. Es ist die Aufgabe des Mittelfeldduos, die Passwege der Spanier zuzustellen und Druck auf die spanischen Strategen auszuüben. Khedira hat seine Rolle im Laufe des Turniers gefunden und seine Vorstöße reduziert. Auch gegen Spanien wird er zuerst in der Defensive gefordert sein, um Schweinsteiger den Rücken freizuhalten, damit dieser seine Fähigkeiten in der Spieleröffnung ausspielen kann.

Mesut Özil vs. Xabi Alonso/Sergi Busquets

Özil war gegen Argentinien nicht ganz so brillant wie gegen England, war für die Albiceleste in vielen Fällen trotzdem zu schnell. Allerdings hatten beide Mannschaften nur einen echten defensiven Mittelfeldspieler auf dem Platz. Gegen Spanien muss sich Özil mit zwei Defensiven auseinandersetzen, wobei Barca-Spieler Busquets (SPOX-Note 3,0) den etwas defensiveren Part ausfüllt. Der 21-Jährige ist eine Mischung aus seinem Kollegen Xavi und seinem Klubtrainer Pep Guardiola. Busquets ist extrem ballsicher, elegant im Aufbauspiel und mit einem guten Gespür für den Raum ausgestattet. Allerdings fehlt ihm im Vergleich zu Özil die Spritzigkeit. Xabi Alonso (SPOX-Note 3,4) ist der Spielmacher von hinten heraus, der sich je nach Bedarf nach vorne schiebt oder zurückfallen lässt. Nur Xavi hat bei der WM mehr Pässe gespielt als der Mittelfeldstratege von Real Madrid. Özil muss gegen Spanien mehr mit nach hinten arbeiten als in den Spielen zuvor, damit Schweinsteiger und Khedira gegen Xavi, Iniesta und Xabi Alonso nicht in Unterzahl geraten.

Miroslav Klose vs. Carles Puyol/Gerard Pique

Während Villa noch auf Müllers Fersen ist, hat Klose den Bomber mit 14 WM-Toren schon eingeholt. Einen Treffer braucht Klose noch, um sich neben Ronaldo zum besten WM-Torschützen aller Zeiten zu machen. Puyol und Pique sind aber das qualitativ beste Verteidigerduo, mit dem es die deutsche Elf bisher zu tun hatte. Die Barca-Verteidiger kennen sich aus dem Verein bestens, sind daher sehr gut abgestimmt und ergänzen sich ideal.

Puyol (SPOX-Note 3,2) ist der robuste Zweikämpfer und Zerstörer. Der Zahn der Zeit hat aber auch am mittlerweile 32-Jährigen genagt. Schon in der abgelaufenen Saison ließ er die gewohnte Souveränität und die nötige Schnelligkeit oft vermissen. Der gleichaltrige Klose ist noch deutlich spritziger.

Pique (SPOX-Note 2,8) ist der elegantere Abwehrspieler. Er kann die meisten Situationen spielerisch lösen und ist extrem abgeklärt. Spielt sehr gute Bälle in der Spieleröffnung, geht auch gerne selbst mit Tempo tief in die gegnerische Hälfte und wird wegen seiner Spielweise in Anlehnung an Franz Beckenbauer auch Piquenbauer genannt. Verschuldete gegen Paraguay durch ungewohnt plumpes Abwehrverhalten aber einen Elfmeter. Auch das lässt Klose vom Rekord träumen.

(spox.com)

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6. Juli 2010

Keine Grenzen mehr

Und dann rollt noch ein Angriff auf das Tor der Argentinier zu. Direkt hat Per Mertesacker den Ball aus der Abwehr herausgespielt, Lukas Podolski treibt ihn nach vorne und spielt links herüber zu Mesut Özil. Der flankt sofort in den Strafraum hinein, über die Gegenspieler hinweg, dorthin, wo Miroslav Klose wartet. Volley schießt er ein, das Endergebnis steht fest und lautet tatsächlich: 4:0 für Deutschland. “Da stehst du dann auf dem Platz und denkst dir: unglaublich”, sagt der Kapitän Philipp Lahm hinterher und wiederholt: “Wirklich unglaublich.” Man hat der deutschen Mannschaft ja vieles zugetraut. Schon gegen Australien hat sie zum Auftakt der Weltmeisterschaft in Südafrika 4:0 gewonnen, und anschließend England im Achtelfinale mit 4:1 aus dem Weg geräumt. Glänzende Spiele hat sie gezeigt – und trotzdem ist das, was am Samstagnachmittag im Green-Point-Stadion von Kapstadt geschehen ist, viel mehr, als alle für möglich gehalten haben.

Wieder hat die DFB-Auswahl vier Tore erzielt, eines schöner als das andere. Und: sie hat einen Gegner besiegt, “der nicht Aserbaidschan hieß” (Lukas Podolski) sondern Argentinien und der mit seinen ganzen Superstars um Lionel Messi zu den großen WM-Favoriten gehörte. Nun ist es Deutschland, dem die Experten in der ganzen Welt zutrauen, am nächsten Sonntag in Johannesburg die WM-Trophäe in Empfang zu nehmen.

“Es war ein sehr, sehr großer Schritt, denn wir haben schon lange keinen großen Gegner mehr geschlagen”, sagt Philipp Lahm. Den Sieg im Achtelfinale zählt er nicht dazu, weil England “kein großer Gegner” sei. Und auch der Erfolg gegen Argentinien vor vier Jahren gelte nicht, weil dafür ein Elfmeterschießen notwendig gewesen sei. “Anschließend haben wir gegen Italien verloren und bei der EM vor zwei Jahren gegen Spanien und dabei nie so gespielt, wie wir es wollten”, sagt Lahm: “Deshalb war es jetzt für jeden Spieler unheimlich wichtig zu sehen, dass man auch solch einen Gegner schlagen kann.”

Maradona hat keinen Taktikplan

Es ist nicht allein der Sieg, der große Zuversicht auslöst – es ist vor allem die Art und Weise, wie er zustande kam. Von der ersten Minute an war Argentinien machtlos gegen das Spiel der DFB-Mannschaft. Die stolzen Südamerikaner wurden von den jungen Deutschen zurechtgelegt, auseinandergenommen, am Ende vorgeführt. Keinen Plan und keine Vorstellung hatten sie offenbar vom Spiel des Gegners. Allein auf die Offensivkraft seiner Stürmer setzte Diego Maradona – und musste dann tatenlos mitansehen, wie sie den Deutschen ein ums andere Mal in die Falle gingen.

Und so war es, wieder einmal, auch ein Sieg der Taktik. Im Gegensatz zu seinem Trainerkollegen hatte sich Joachim Löw intensiv mit der gegnerischen Spielweise auseinandergesetzt. Er habe gewusst, dass Argentinien “eine zweigeteilte Mannschaft” mit einer Offensiv- und eine Defensivabteilung sei: “So entstehen Lücken, wenn man mit Tempo kommt”, sagt Löw, der in dem mittlerweile 32-jährigen Verteidiger Gabriel Heinze die Schwachstelle ausgemacht hatte: “Ich habe meinen Jungs gesagt: ihr seid jünger, ihr seid schneller, ihr seid ausdauernder. Macht Druck, dann bekommen sie Probleme. Ein Heinze kann euch nicht folgen.”

Selbst Löw findet keinen Fehler

Löw neigt normalerweise nicht zum Überschwang, eifrig bemüht er sich immer, nach Fehlern zu suchen, auch wenn seine Mannschaft gewonnen hat. An diesem Tag jedoch muss auch er die Suche ergebnislos einstellen. Es gibt nichts zu kritisieren und zu bemängeln – es war, sagt er, “fantastisch”, “unvorstellbar”, “einfach toll”.

Noch nie hat man den Bundestrainer derart euphorisch erlebt – auch was die Beurteilung einzelner Spieler betrifft. Bastian Schweinsteiger etwa bescheinigt er “eine grandiose Leistung”, der Mittelfeldspieler habe “in jeder Beziehung herausragend” gespielt: “Wie er die Mannschaft geführt und das zweite Tor vorbereitet hat – besser kann man es nicht machen.”

Tatsächlich war es eine Weltklassevorstellung, die Schweinsteiger bot. Er ist der bislang überzeugendste Mittelfeldspieler dieser Weltmeisterschaft – und hat nun die Gelegenheit, sich mit dem Besten der vergangenen Jahre zu messen: mit Xavi, dem famosen Spielmacher der Spanier.

Das Halbfinale am Mittwoch (20.30 Uhr/ARD) in Durban ist die Neuauflage des EM-Endspiels vor zwei Jahren. 0:1 unterlag die deutsche Mannschaft damals und war chancenlos. Auch wegen dieser Erfahrung leitete Löw den großen Umbruch ein. Die Spielweise der Spanier, das Kurzpassspiel und der Tempofußball, wurde zum Vorbild für die DFB-Auswahl, die sich nun anschickt, das Original zu überholen.

“Es ist wichtig, dass wir jetzt emotional nicht überdrehen”, sagt Löw und will einen Plan finden, wie auch Spanien zu bezwingen ist. Aussichtslos erscheint dies keineswegs. Denn sicher ist spätestens seit dem 4:0 gegen Argentinien: für das deutsche Team gibt es keine Grenzen mehr.

(STZ online)

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5. Juli 2010

Auf dem Weg zum 4. WM-Titel

Das beste Deutschland aller Zeiten?!

Die größten DFB-Teams hatten immer jeweils ein herausragendes Merkmal. Das aktuelle nicht. Sein Erfolg hat viele Facetten. Ist es jetzt schon besser als Beckenbauer und Co.? Wenn man derzeit über die deutsche Nationalmannschaft nachzudenken beginnt, wird man schnell stutzig und auch ein bisschen verwirrt. Wenn sich der Nebel dann allmählich lichtet und man die beiden letzten Meisterwerke und überhaupt das gesamte WM-Turnier Revue passieren lässt, dann hat man plötzlich sie im Sinn: Gerd Müller und Günter Netzer. Wie sie sich durch die Schweizer Abwehr brillieren, Hacke Müller, Spannstoß Netzer, Tor. Das schönste des Jahres 1972. Es war jenes magische Jahr, das aus den frisch gekürten Europameistern die Mannschaft des Jahrhunderts machte.

Mit Maier, Beckenbauer, Breitner, Overath, Netzer, Müller. Und die zwei Jahre später auch Weltmeister werden sollte. Den schönsten und nebenbei auch erfolgreichsten Fußball aller Zeiten hat Deutschland mit dieser Mannschaft gespielt. Gleichzeitig Welt- und Europameister war eine DFB-Auswahl seither nie mehr. Aber jetzt gibt es tatsächlich eine Gruppe, die der Mystik der 70er-Helden ihren Geist austreiben kann. Oder vielleicht schon ausgetrieben hat. Denn noch nie wurde Deutschland außerhalb seiner Grenzen so viel Respekt und Beifall entgegengebracht. Für das Spektakel waren bisher fast immer andere zuständig, Deutschland beschränkte sich zumeist auf den Gewinn der Titel. Jetzt entbrennt eine hitzige Diskussion, ob diese neue deutsche Nationalmannschaft tatsächlich schon besser sein kann als ihre erfolgreichen Vorgänger, zu denen sicherlich auch die Mannschaften von 1990 und 1996 zu zählen sind. Jede dieser Mannschaften hatte eine besonders herausstechende Eigenschaft. Das Team um Beckenbauer war die spielerisch beste bis zur laufenden WM, die 90er Weltmeister um Lothar Matthäus hatten die größte Dynamik, Berti Vogts’ Europameister die größte Willensstärke. Aber selbst in diesen Paradedisziplinen kann ihnen Joachim Löws Truppe zumindest das Wasser reichen.

Das neue System:

Die Mannschaft hat eine feste Spielidee. Angriff als erste Option, ohne dabei aber die Grundlagen in der Defensivarbeit zu vergessen. Löw hat sich seit zwei Jahren seinen Stamm von Spielern ausgesucht, die nicht unbedingt die Besten der letzten Saison waren, sondern am besten in das Kollektiv und auf den für sie vorgesehenen Platz passen. Dafür gab es reichlich Kritik, selbst von Trainerkollegen aus der Liga, die ja eigentlich wissen sollten, dass Form jederzeit Klasse schlagen kann – sofern ein durchdachter Plan dahinter steckt. Vor zwei Jahren war das 4-4-2 mit Doppel-Sechs das bevorzugte Spielsystem. Über das 4-5-1 ging es fließend in das derzeitige 4-2-3-1 über, das deutlich offensiver ausgerichtet ist. Das ursprüngliche System bleibt als Schablone zurück, die man jederzeit falls nötig über die Mannschaft stülpen könnte. “Eine Rückkehr zum 4-4-2 ist immer eine Option”, sagt Löw. Auch wenn er vom erfolgreichen System derzeit bei der WM wohl ziemlich sicher nicht mehr abrücken wird. Deutschland ist flexibel, kann auf den anstehenden Gegner reagieren und auf bestimmte Spielsituationen.

Das Offensivspiel:

Seit Jürgen Klinsmann pflegt Deutschland einen anderen Stil. Allerdings war das Klinsmann-Credo noch sehr auf überfallartiges Attackieren ausgelegt – so sehr, dass ihn seine eigenen Spieler einige Male zügeln mussten, nicht zu naiv-offensiv in ein Spiel zu gehen. Löw hat schon damals die Hauptarbeit im Hintergrund gemacht und die Dinge im Laufe seiner vierjährigen Amtszeit verfeinert. Vor allem die letzten Monate waren von ganz entscheidender Bedeutung. Deutschland spielt einen präzisen, ausgeklügelten Ball. Ohne große Hektik, dafür mit jeder Menge Variationen und Kreativität. “Fußball ist ein Kopfspiel”, sagt Bayern-Trainer Louis van Gaal. Vom Niederländer scheint sich Löw in der Erschaffung und Umsetzung seiner Idee jede Menge abgeschaut zu haben. In fünf WM-Spielen hat die DFB-Elf jetzt 13 Tore erzielt, dreimal dabei vier in einem Spiel. Lediglich die Mannschaft der 70er Jahre kann der Offensivpower der heutigen Mannschaft noch das Wasser reichen. Sonst gab es in der jüngeren Geschichte keine Mannschaft, die offensiv stärker gewesen wäre.

Die Harmonie im Team:

Nach Michael Ballacks Verletzung entstand schnell ein kaum zu schließendes Machtvakuum innerhalb der Mannschaft. Die Hierarchie, die sich seit mehr als acht Jahren um Ballack herum aufgebaut hatte, krachte in sich zusammen. Die Kapitänsfrage war schnell geklärt, wenn auch mit einigen Nebengeräuschen. Aber schnell war erkennbar, dass diese Mannschaft gar keinen großen Anführer mehr braucht. Ihr reichen die fünf kleinen, “halben” Anführer aus dem Mannschaftsrat, die mehr Demokratie zulassen und mehr auf Augenhöhe mit den vielen jungen Spielern agieren, als es zuvor der Fall war. Die Älteren wurden schon Wochen vor dem Turnier nicht müde, den ausgezeichneten Zusammenhalt und die Chemie innerhalb des Kaders zu loben. Die Mannschaft von 1996 und vielleicht auch die von 1990 hatten einen ähnlichen Teamgeist – angesichts der sehr ungewöhnlichen Freizeitverhältnisse in der Einöde des Velmore Grand Hotels im südafrikanischen Niemandsland aber eine außergewöhnliche Leistung.

Das Trainerteam:

Löw hatte als Chef einige sehr brenzlige Situationen zu überstehen seit der EM 2008. Zuerst der Streit mit Ballack und Frings, die Demission Kuranyis, Ärger mit der Liga, die andauernden Personaldiskussionen und zuletzt die geplatzte vorzeitige Vertragsverlängerung. Aber er hat sich durchgesetzt, ist seinen Weg gegangen. Löw hat enorm dazugelernt in den letzten Jahren, auch im Bezug auf seinen Trainings- und Coaching-Stil. Die Mannschaft scheint auf den Punkt topfit, die Trainingssteuerung der Fitnesscoaches sitzt. Dazu kommen die Analysen von Urs Siegenthaler, der den kommenden Gegner in zahllosen kleinen Häppchen serviert und Löw sich davon in Absprache die wichtigsten Details herauspickt. In der Gesamtheit hatte der DFB nie mehr seiner so genannten Funktionäre und ein größeres Funktionsteam bei einem Endturnier dabei. Die vielen Aufwendungen scheinen sich aber bezahlt zu machen. Zumal auch hier ein Rad ins andere greift.

Die Einzelspieler:

Um es kurz zu machen: Bastian Schweinsteiger ist auf dem besten Weg, der Spieler des Turniers zu werden. Kein anderer leitet seine Mannschaft wie der Münchener, kein Xavi, kein Gerrard, kein Messi, kein Lucio. Dazu kommen in den WM-Neulingen Mesut Özil und Thomas Müller zwei Kandidaten für den besten Nachwuchsspieler des Turniers. Müller dürfte die Wahl bei sieben Scorerpunkten aus fünf Spielen längst gewonnen haben. Eine Umfrage des größten südafrikanischen Sportsenders Supersport sieht derzeit Müller mit großen Vorsprung vor Özil. Danach kommen Ayew (Ghana), Suarez (Uruguay) und dos Santos (Mexiko). Natürlich gab es ähnliche Ehrungen früher noch nicht. Der letzte, der als der wertvollste Spieler einer WM ausgelobt wurde, war Matthäus 1990. Der hatte da noch den jungen Klinsmann als aufstrebenden Star an seiner Seite.

Die Perspektive:

Auf der letzten Pressekonferenz vor dem Auftaktspiel gegen Australien machte Löw ein bisschen den Eindruck, als würde er die Mannschaft quasi schon vorbeugend für kommende Turniere groß reden. Es hörte sich so an, als würde der Bundestrainer über einen Perspektivkader reden, dem ab der EM 2012 ganz sicher die Zukunft gehöre – dann aber wohl eher nicht mehr unter seiner Regie. Jetzt schickt sich der Perspektivkader an, Weltmeister zu werden. Die jüngste DFB-Auswahl seit 76 Jahren steht in der Tat vor einer großen Zukunft. Aber wenn die Chance schon mal da ist… Verglichen mit den anderen großen deutschen Mannschaften wird dieses Team wohl noch einige Jahre mit demselben Stamm zusammenspielen können. Was das Deutschland aus 2010 aber noch von seinen Vorgängern unterscheidet: Dieses Team hat noch nichts gewonnen. Und erst Titel machen aus talentierten Mannschaften große Mannschaften.

(spox.com)

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4. Juli 2010

4:0! Jubilar Klose entzaubert die “Albiceleste”

Deutschland steht im Halbfinale gegen Spanien! Nach starkem Beginn mit einem Auftakt nach Maß erwehrten sich die Löw-Schützlinge dem Druck der “Albiceleste” in einer rasanten Partie erfolgreich, befreiten sich und schlugen Mitte des zweiten Durchgangs eiskalt zu. Zweimal Klose und Friedrich entzauberten die Maradona-Schützlinge mit drei blitzsauber herausgespielten Treffern. Argentiniens Trainer Diego Maradona vertraute exakt auf seine Startelf, die beim 3:1-Achtelfinalsieg gegen Mexiko zu Beginn auf dem Platz gestanden hatte.

Auch bei der deutschen Elf setzte Trainer Joachim Löw auf die Formation, die sich im Achtelfinale mit 4:1 gegen England durchgesetzt hatte. Löw konnte bis auf Cacau (Bauchmuskelzerrung) aus dem Vollen schöpfen. Miroslav Klose trug zum 100. Mal das Nationaltrikot. Es ging von Beginn an zur Sache: Klose fällte Mascherano gelbwürdig, auch Otamendi langte gegen Podolski zu. Und der Rechtsverteidiger stand auch bei der ersten Chance des Spiels im Blickpunkt: Schweinsteigers Freistoß aus dem linken Halbfeld flog in den Strafraum, Müller war schneller als Otamendi und nickte an Romero vorbei zur Führung ein – was für ein Auftakt (3.)!

Die “Albiceleste” war geschockt, die Löw-Elf blieb zunächst gegen eine nervöse Defensive des Kontrahenten am Drücker, ohne weitere klare Möglichkeiten erspielen zu können. Auf der anderen Seite verschob sich das laufstarke DFB-Team gut und unterband erfolgreich schon den Spielaufbau der Südamerikaner – Schweinsteiger agierte dabei als “Generalbeauftragter” in Sachen Messi, der zunächst unauffällig blieb.

Nach einer guten Viertelstunde endete die Dominanz des WM-Dritten von 2006, Argentinien begann sich langsam in die Partie hineinzutasten, eine gefährliche Torannäherung gegen ein nun tiefer stehendes DFB-Team aber blieb noch aus, weil Keeper Manuel Neuer einen Schritt schneller als Tevez war (22.).

Dafür hätte es auf der Gegenseite für eine sich immer wieder gut befreienden und teilweise flüssig kombinierende Nationalelf fast geklingelt: Nach Müllers Blitzantritt in die Schnittstelle der Viererkette folgte ein toller Querpass auf Klose, der aber aus elf Metern über den Balken knallte – da war mehr drin (24.)!

Nach einer halben Stunde wurden die Südamerikaner präsenter. Messi entzog sich der deutschen Bewachung, holte sich die Bälle schon in der eigenen Hälfte und trieb sein Team an – vor allem über die linke Abwehrseite wurde es immer wieder gefährlich. Neuer parierte Flachschüsse von di Maria (33.) und Higuain (35.), die sich im Strafraum durchgesetzt hatten, sicher. Bitter wurde es dann für Müller, der für ein vermeintliches Handspiel Gelb sah – seine zweite im Wettbewerb, der Münchner fehlt im Halbfinale. Messi jagte den Freistoß in die Abwehrmauer (36.).

Überhaupt hatten beide Mannschaften ihr Visier bis zur Pause nicht genau genug eingestellt. Lahm & Co. konnten sich wieder befreien und setzten vermehrt Nadelstiche, doch weder Özil (41.), Müller (43.) noch Schweinsteiger (45.) trafen das Tor, wie auch auf der Gegenseite Messi in der Nachspielzeit des ersten Durchgangs.

Personell unverändert kamen die Kontrahenten aus der Kabine. Argentinien gab gleich die Richtung vor, in die es gehen sollte, und drückte massiv. Die Löw-Schützlinge hatten keinerlei Ballkontrolle mehr, verloren das Leder schon im Spielaufbau – di Maria wäre drei Minuten nach Wiederanpfiff per Distanzschuss fast der Ausgleich gelungen. Die Begegnung gewann an Intensität, der Maradona-Elf war die Entschlossenheit deutlich anzumerken. Mertesacker wehrte Tevez’ Knaller per Kopf gerade noch zur Ecke ab (54.). Deutschland konnte sich nach zehn Minuten etwas vom Druck der “Albiceleste” freimachen, startete vielversprechende Gegenangriffe, denen es aber am Ende an Präzision und am Abschluss fehlte. Die rasante Partie wogte mit Vorteilen für die Südamerikaner hin und her, Neuer zeigte sich binnen einer Minute gegen Tevez und Higuain auf dem Posten (63.), Lahm grätschte dem Real-Angreifer den Ball in letzter Sekunde vom Fuß (64.).

Lahm & Co. konnten danach erstmals im zweiten Abschnitt etwas durchschnaufen und schlugen eiskalt zu: Müller erkämpfte sich den Ball, spielt im Liegen zu Podolski. Der steuerte halblinks auf Romero zu und legte quer zu Klose. Der Münchner hatte keine Mühe, das Sportgerät bei seinem 100. Länderspiel ins leere Tor zu drücken – sein 51. Länderspieltor (67.)! Damit nicht genug. Nach kleinem Aufreger durch den eingewechselten Pastore (70.) entschied die junge DFB-Elf die Partie endgültig: In seinem 77. Länderspiel gelang Friedrich sein erster Treffer! Schweinsteiger dribbelte an vier Argentiniern vorbei links in den Strafraum, passte zurück auf Friedrich, der einen Tick schneller war als Higuain und das Leder im Fallen ins Tor grätschte – 3:0 (74.)!

Die Begegnung war entschieden, Argentinien war trotz weiterer Bemühungen auch das Ehrentor nicht vergönnt – vielmehr demütigte die deutsche Elf den Gegner mit einem weiteren Treffer, der den Schlusspunkt darstellen sollte: Schweinsteiger bediente Özil, dessen Flanke Klose gekonnt direkt im linken unteren Eck versenkte. Kloses 14. WM-Treffer, damit zog der Torjäger mit Gerd Müller gleich (88.)!

Nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 2006 war für Argentinien erneut gegen Deutschland Schluss. Die Löw-Elf darf im Halbfinale am Mittwoch, 7. Juli, erneut ran. Dort wartet der amtierende Europameister Spanien, der Paraguay mit 1:0 niederrang. Es kommt also zur Neuauflage des EURO-Endspiels von 2008, das die Iberer seinerzeit in Wien dank Fernando Torres gewannen.

(kicker.de)

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1. Juli 2010

Maradona: Keine Zeit für Schweinsteiger

“Das ist respektlos, aber die Argentinier sind so”: Bastian Schweinsteiger hatte am Mittag gegen die argentinische Mannschaft gestichelt – doch deren Trainer Diego Maradona lässt sich nicht auf Psycho-Duell mit der deutschen Nationalelf ein. Die hat ohnehin andere Sorgen, schließlich hatte sie bei der Trainingseinheit im Super Stadium von Atteridgeville eine Schrecksekunde zu überstehen.

Lukas Podolski musste die Trainingseinheit der DFB-Auswahl im Super Stadium von Atteridgeville verletzungsbedingt vorzeitig beenden. Die Entwarnung folgte aber schnell, sein Einsatz am Samstag im Viertelfinale (16 Uhr) gegen Argentinien sei nicht gefährdet.

Dass der Profi des 1. FC Köln das Training abgebrochen habe, sei eine “reine Vorsichtsmaßnahme”, sagte ein Sprecher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf Anfrage. Der 25-Jährige klagte über muskuläre Probleme. Der leicht angeschlagene Podolski soll schon am Donnerstag wieder beim Training der DFB-Auswahl dabei sein. “Es ist nichts Schlimmes”, ließ die medizinische Abteilung des DFB ausrichten.

Schlechter sieht es immer noch bei Cacau aus. Der Stuttgarter konnte wegen seiner Bauchmuskelzerrung auch am Mittwoch noch nicht trainieren, nachdem er bereits beim 4:1 gegen England im Achtelfinale am vergangenen Sonntag nicht zur Verfügung gestanden hatte.

“Wir werden am Freitag noch einmal testen, ob es geht. Es sieht aber nicht so gut aus”, sagte Löw im deutschen WM-Quartier in Erasmia vor den Toren Pretorias. Alle anderen 22 Akteure sind für den Klassiker gegen die Gauchos fit.

Die drittletzte Übungseinheit vor dem Viertelfinale durften auch rund 50 deutsche Anhänger vom Fanklub Nationalmannschaft verfolgen. “Es soll ein klares Zeichen sein, wie sehr wir uns den Fans verbunden fühlen”, hatte Bierhoff gesagt. Für gut 30 Minuten durften die Fans der Mannschaft zuschauen.

Am Donnerstag bricht das Team schließlich in Richtung Kapstadt auf, wo erstmals der verletzte Kapitän Michael Ballack während des Turniers auf die Mannschaft trifft, um sie am Samstag dann allerdings wieder von der Tribüne aus zu unterstützen. Ein Syndesmoseanriss machte Ballack kurz vor der WM zum Zuschauer.

Schweinsteiger stichelt, “Gauchos” antworten nicht

Die Sticheleien von Bastian Schweinsteiger haben derweil das argentinische Lager kalt gelassen. “Er sollte an sich denken, wir denken an uns”, ließ sich Mittelfeldspieler Javier Pastore auf die Frage eines deutschen Journalisten am Mittwochabend nicht auf ein Psycho-Duell ein. Am Abend meldete sich auch Nationalcoach Diego Maradona beim TV-Sender “Fox” zu Wort: “Wir haben keine Zeit, an Schweinsteiger zu denken.” Er sei nicht besorgt nach den Aussagen aus Deutschland, man werde auf dem Platz die Antwort geben.

Schweinsteiger hatte mit Blick auf das WM-Viertelfinale 2006 gegen die Gauchos gesagt: “Es geht schon vor dem Spiel los, wie sie gestikulieren und versuchen, den Schiedsrichter zu beeinflussen. Das ist respektlos, aber die Argentinier sind so.”

(kicker.de)

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