2. Juli 2010

Interview mit VfB-Trainer Christian Gross

“Ich bin schon etwas enttäuscht”

St. Moritz – Mit viel Elan stimmt der Trainer Christian Gross den VfB in St. Moritz auf die neue Saison ein. Allerdings musste der 55-Jährige auch einen Rückschlag hinnehmen: “Ich bin schon etwas enttäuscht”, sagt Gross zum bevorstehenden Abgang des Managers Horst Heldt.

Herr Gross, mit einer Canyoningtour, einem Museumsbesuch und gemeinsamen Ausfahrten mit dem Moutainbike steht der Teamcharakter im Trainingslager im Vordergrund. Welche Ziele verfolgen Sie in St. Moritz?

Wissen Sie, ich beobachte die Mannschaft sehr genau, denn wir müssen uns nach einer erfolgreichen Rückrunde wieder neu finden. Wer ist bereit, dem anderen auch in einer Extremsituation zu helfen – wer zieht den anderen mit? Das sind Fragen, die mich beschäftigen. Denn auch später auf dem Platz müssen die Spieler bereit sein, für den Kollegen den extremen, den schmerzhaften Weg zu gehen.

Die Spieler sagen, sie hätten eine neue Seite an Christian Gross kennen gelernt.

Während eines Bundesligaspiels bin ich an der Außenlinie oder bei den Interviews nach dem Schlusspfiff immer sehr konzentriert. Da wirke ich vielleicht unnahbar. Denn gerade nach den Spielen ist die richtige Wortwahl sehr wichtig. Ein Trainer sollte aber vor allem stets authentisch auftreten – und das tue ich.

Die Schweizer Bergwelt scheint allerdings ihre lockere Seite zu stimulieren. Oder ist das alles nur Taktik?

Nein. Diese Woche in St. Moritz dient der Einstimmung. Die klaren Zielvorgaben an die Spieler kommen später – in der heißen Phase vor der Qualifikationsrunde zur Europa League. Zunächst will ich, dass die Spieler – und hierbei gerade die Neuen – sich so einbringen wie sie sind. Sie sollen positive Impulse geben. Und da ist es hilfreich, wenn auch der Trainer lockerer ist und sie nicht gleich einschränkt.

Das Konzept scheint aufzugehen. Die Spieler sind vom Verlauf bisher angetan.

Ich bin jemand, der von innen heraus sehr positiv gepolt ist. Das will ich dann an meine Spieler weiter geben. Meine Spieler sollen hinterher sagen können: Ja, es hat sich gelohnt, Fußballprofi zu werden.

Meinen Sie, die Vorgaben kommen an?

Ich sehe es manchmal in den Augen eines Spielers, die mir sagen: Jetzt verlangt er zu viel von mir. Doch grundsätzlich versuche ich, die anderen mitzureißen, denn ich bin begeistert von dem, was wir tun. Ich selbst hatte das Glück, dass mich meine Eltern immer sehr gefördert haben. Und auch im Verlauf einer erfolgreichen Profikarriere braucht es jemanden, der einen fördert. Ich will meine Spieler positiv beeinflussen. Das ist mir sehr wichtig.

Dazu kommen Sie gerne in Ihre Schweizer Heimat – immer wieder ins Oberengadin.

Es gibt bestimmt einige, die sich fragen: Wieso kommt der denn ständig hierher? Fällt dem nichts Besseres ein? Aber diese Gegend ist nun mal sehr energiegeladen. Das Licht ist sehr speziell – und das ganze Ambiente hier gibt Kraft.

Die werden Sie und ihr Team für eine lange Saison auch brauchen. Fühlen Sie sich in Stuttgart angekommen?

Die Spieler kennen mich und wissen, dass ich großen Wert auf das Resultat lege und darauf, dass wir möglichst kein Gegentor bekommen. Ich will ein Team sehen, dass ballorientiert verteidigt, dass sich unterstützt, wir müssen schnell von Angriff auf Abwehr umschalten.

Das bedeutet, der VfB vollzieht einen Umbruch?

Die Mannschaft wird in der Tat ein neues Gesicht haben. Jens Lehmann ist nicht mehr da, der das Team in den vergangenen zwei Jahren sehr geprägt hat. Im zentralen Mittelfeld und in der Verteidigung sind wir, wenn alle da sind, recht gut bestückt. In der Offensive wünsche ich mir viel Variabilität. Dabei war gerade die Verlängerung mit Cacau wichtig, da wir mit ihm taktisch flexibel sind. Er interpretiert die Rolle der zweiten Sturmspitze hervorragend. Auf den Außenpositionen wünsche ich mir noch zwei offensive Mittelfeldspieler.

Welche Spieler sehen Sie besonders in der Verantwortung?

Ich freue mich auf Spieler wie Christian Gentner, der viel Erfahrung und Persönlichkeit mitbringt. Wir brauchen eine gute Mittelachse, etwa mit dem jungen Torhüter Sven Ulreich sowie mit Matthieu Delpierre in der Innenverteidigung. Im zentralen Mittelfeld besitzen wir viele Spieler, die eine Führungsrolle einnehmen können. Christian Träsch etwa, der eine sehr hohe Präsenz hat.

Sie haben in Ihrer Aufzählung Serdar Tasci und Sami Khedira ausgelassen. Kann es sein, dass die beiden Nationalspieler den Verein noch vor dem Saisonstart verlassen?

Die Gefahr besteht.

Der Sportdirektor Jochen Schneider sagte, Khedira habe ihm gegenüber erklärt, er werde auf jeden Fall noch ein Jahr beim VfB spielen.

Ich werde mich grundsätzlich nicht in die Überlegungen des Managements einmischen. Die Philosophie des Vereines ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Doch nur mit jungen Spielern allein geht es nicht. Deshalb muss man auch wirtschaftliche Überlegungen anstellen – so wie im Vorjahr beim Verkauf von Mario Gomez. Das Management hat erklärt, dass wir nur neue Spieler kaufen können, wenn wir auch Transfererlöse erzielen. Und es würde unheimlich wehtun, wenn Sami Khedira im nächsten Sommer nach Ende seines Vertrages ablösefrei gehen würde.

Das bedeutet, man könnte jetzt das Geld eines möglichen Khedira-Transfers nehmen, um es in neue Außenspieler zu investieren.

Das werden wir sehen. Aber eines ist mir auch sehr wichtig: Ich halte sehr viel von Sami Khedira, er ist ein großartiger Spieler. Und ich glaube er wird nur zu einem internationalen Topclub wechseln. Doch wenn so einer anklopfen sollte, könnte für beide Seiten der Fall eintreten, über so einen Transfer nachzudenken.

Bei Serdar Tasci sieht es ähnlich aus.

Serdar hat sich mir gegenüber immer sehr positiv über den VfB geäußert, auch wenn ich in der vergangenen Rückrunde sehr hart mit ihm war. Aber ich weiß, dass er noch besser spielen kann.

Nach dem möglichen Abschied von Horst Heldt ist im Management eine Vakanz entstanden. Werden Sie sich stärker einbinden?

Ich bin neu hier beim VfB – und ich stelle da keine Ansprüche. Ich habe mir in diese Richtung keine Gedanken gemacht. Wir haben mit Jochen Schneider einen hervorragenden Mann im Management.

Hat Sie der Abgang von Horst Heldt befremdet?

Ich spreche jetzt als Trainer – und sage: Ich selbst habe alle Verträge, die ich unterschrieben habe, auch eingehalten. Horst Heldt hat vor einem Jahr bis 2013 verlängert. Und ich empfand ihn während der Saison nicht so, dass er frustriert war.

Traf Sie sein Entschluss unvorbereitet?

Ich war sehr überrascht. Wobei man sagen muss, dass bei einem Wechsel eines Trainers oder Managers im Profifußball das richtige Timing stets mit zum Schwierigsten zählt. Ich bin aber schon etwas enttäuscht, das gebe ich zu. Denn Horst Heldt und ich haben sehr erfolgreich zusammen gearbeitet. Es waren gute sechs Monate.

(STZ online)

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