6. November 2010

Die Achterbahnfahrt geht weiter

Ein bisschen Aufmunterung kann in diesen grauen VfB-Tagen nicht schaden – vor allem dann, wenn sie aus der großen, glitzernden Fußballwelt kommt: von Sami Khedira, einem der neuen Stars von Real Madrid. Beim Spiel seines Exclubs war der verlorene Sohn am Donnerstagabend zwar verhindert, dafür schaute er mittags im Mannschaftshotel der Stuttgarter vorbei. Sehr herzlich war das Wiedersehen, und so gab sich Khedira alle Mühe, den früheren Weggefährten etwas Mut zu machen. “Ich bin überzeugt davon”, sagte er, “dass die Mannschaft genügend Potenzial hat, um aus dieser schwierigen Situation wieder rauszukommen.”

In der Bundesliga hat das Potenzial bisher nur zu einem Platz im Tabellenkeller gereicht – international aber ist der VfB weiter auf der Überholspur. Beim FC Getafe gewann das Team von Jens Keller gestern nach sehr überzeugender Leistung mit 3:0 (1:0) und feierte in der vierten Europa-League-Partie den vierten Sieg. Bereits vor den beiden abschließenden Gruppenspielen in Bern (1.Dezember) und gegen Odense (16.Dezember) steht damit fest, dass der VfB die Runde der letzten 32 Mannschaften erreicht hat. “Ich bin hochzufrieden, denn wir haben ein Superspiel geboten”, sagte Jens Keller.

Der Trainer hatte sein Team gründlich durcheinander gewirbelt. Patrick Funk spielte rechts hinten (und bot eine durchaus ansprechende Leistung), Matthieu Delpierre kehrte 45 Minuten lang in die Innenverteidigung zurück; im Mittelfeld bekam Mamadou Bah eine Bewährungschance, und vorne stürmte Ciprian Marica vor Martin Harnik, der als hängende Spitze agierte. Cacau blieb also ebenso auf der Bank wie Christian Träsch, Christian Gentner und Timo Gebhart – sie alle wurden zunächst geschont. Denn auch wenn es niemand so klar formulieren wollte, stand außer Frage: wichtiger als das Spiel in Getafe ist für den VfB das Bundesligaheimspiel am Sonntag gegen Bremen.

VfB von Beginn an das bessere Team

Mit seiner runderneuerten Elf fand der VfB vor der Geisterkulisse von bestenfalls 5000 Zuschauern erstaunlich gut ins Spiel. Die Stuttgarter waren von Beginn an die klar bessere Mannschaft und kombinierten vor allem über die linke Seite sehr gefällig. Dort spielte diesmal Arthur Boka im Mittelfeld, er war der auffälligste Akteur und empfahl sich wärmstens für weitere Einsätze auf dieser Position.

Sehr agil präsentierte sich in der Anfangsphase auch Marica. Zweimal scheiterte der Stürmer aus aussichtsreicher Position – und erzielte im dritten Anlauf die verdiente Führung: Nach einem haarsträubenden Fehlpass des früheren Kölners Derek Boateng traf Marica aus 25 Metern (26.). Noch klarer war anschließend die Überlegenheit der Stuttgarter gegen erschütternd harmlose Spanier, die den VfB zum Toreschießen einluden. Das Problem war nur, dass beste Chancen ungenutzt blieben. Nach einer Molinaro-Flanke köpfte Harnik erst an den Pfosten (37.) und schoss kurz darauf Ustari an. Schon bis zur Pause hätte der VfB also längst alles klar machen müssen. Zu Beginn des zweiten Abschnitts blieb Delpierre in der Kabine, kurz darauf folgte ihm sein Verteidigerkollege Serdar Tasci, der sich am Oberschenkel verletzte und länger auszufallen droht. Immer größer werden damit die Personalsorgen in der Innenverteidigung – auch deshalb prüft der VfB die Verpflichtung des Brasilianers Welinton (21) von Flamengo Rio de Janeiro.

Der eingewechselte Georg Niedermeier und Molinaro bildeten nun das zentrale Abwehrgespann, Boka rückte nach links hinten, Timo Gebhart ins Mittelfeld. Lange dauerte es nicht, bis sich der VfB neu sortiert hatte. Erst sechs Minuten war Gebhart auf dem Feld, schon traf er zum 2:0: Von Mauro Camoranesi klug bedient, schloss der Mittelfeldspieler mit einem Flachschuss ab (64.). Wenn es mal läuft, dann läuft es – auf kuriose Weise gelang Harnik der Treffer zum 3:0-Endstand: Bei einer Flanke von Boka rutschte der Angreifer in der Mitte aus und köpfte den Ball kurzerhand im Liegen ins Tor (76.).

Getafe reagierte mit übertriebener Härte auf die Stuttgarter Überlegenheit – die Rote Karte jedoch sah Marica, der sich provozieren ließ und seinem Gegenspieler ins Ohr kniff. “Das darf ihm bei diesem Spielstand nicht passieren”, sagte Keller. Und so hatte die ansonsten rundum gelungene VfB-Dienstreise nach Spanien doch noch ihren Schönheitsfehler.

Getafe

Ustari – Victor Sanchez, Cata Diaz, Ibrahim Kas (65. Micu), Mané – D. Boateng (46. Casquero) – Borja , Albin – Arizmendi, Adrian Colunga, Adrian Sardinero (58. Manu).

Stuttgart:

Ulreich – Funk, Tasci (58. Gebhart), Delpierre (46. Niedermeier), Molinaro – Bah, Kuzmanovic – Camoranesi (71. Gentner), Boka – Harnik – Marica.

Schiedsrichter:

Strahonja (Kroatien).

Zuschauer

5000.

Tore:

0:1 Marica (26.), 0:2 Gebhart (64.), 0:3 Harnik (76.).

Rote Karte:

Marica (79./Unsportlichkeit).

(STZ online 4.11.10)

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27. April 2010

2:0 – VfB fegt Bochum vom Platz

Der VfB ist auf alles eingestellt gewesen, nur nicht auf eine Partie, die bereits nach 18 Minuten entschieden ist und in der der abstiegsbedrohte Gegner ein bemitleidenswertes Bild abgibt. Eine angenehme Überraschung für das Überraschungsteam der Rückrunde. Die Teilnahme an der Europa League ist nach dem 2:0-Sieg in Bochum und vor den ausstehenden letzen beiden Saisonspielen gegen Mainz und in Hoffenheim nun greifbar nahe. Selbst die Champions-League-Qualifikation scheint kein Tabuthema mehr zu sein: “Wir wollen Druck nach vorne ausüben”, sagt der Sportdirektor Horst Heldt.

Spiele gegen den VfL Bochum hatten für den VfB zuletzt schon zweimal weitreichende Folgen. Am vorletzten Spieltag der Saison 2006/2007 übernahmen die Stuttgarter durch einen 3:2-Auswärtssieg die Tabellenführung und wurden Meister. In der Hinrunde war das Team von Markus Babbel zuhause nicht über ein 1:1 gegen Bochum hinausgekommen, was wütende Stuttgarter Fanproteste und die Entlassung des Teamchefs nach sich zog. Seitdem steht Christian Gross der Mannschaft vor, der Anfang der achtziger Jahre ausgerechnet für die Bochumer zwei Jahre am Ball war. Was den Schweizer allerdings nicht daran hinderte “emotionslos”, wie er sagte, in diese Parte zu gehen.

Auch die VfB-Spieler agierten am Freitagabend sehr abgebrüht. Nach 18 Minuten und zwei Stuttgarter Chancen führte der VfB schon mit 2:0. Erst drückte Cacau den Ball nach der Vorarbeit von Ciprian Marica und Timo Gebhart über die Linie (14. Minute). Dann erhöhte Marica nach schönem Zuspiel von Cacau sehr entspannt. Mit dieser Vorlage und seinem vorangegangenen 12. Saisontor verbesserte Cacau vor den Vertragsgesprächen mit dem VfB, die in der nächsten Woche wieder aufgenommen werden, weiter seine Verhandlungsposition.

Aber auch die Defensive agierte gegen die nur anfangs um den Klassenverbleib kämpfenden und spielerisch limitierten Bochumer souverän. Für den am Knie verletzten Stefano Celozzi begann auf der rechten Abwehrseite Ricardo Osorio. Der Mexikaner, der Stuttgart am Ende der Saison wohl in Richtung FC Villarreal verlassen wird, bekam den Vorzug vor Khalid Boulahrouz, der das als deutliches Zeichen werten muss. Zumal er auch nach Osorios Verletzung in der zweiten Halbzeit abermals nicht zum Zug kam.

Auf der Stuttgarter Bank saß außerdem noch Alexander Hleb. Der Weißrusse dürfte den Ärger des Trainers durch eine etwas laxe Einstellung auf sich gezogen haben. So hatte Hleb beispielsweise zuletzt eine Trainingsübung sitzend verfolgt.

Das zeigt aber gleichzeitig auch: die Stärke der besten Rückrundenmannschaft, die nun schon den sechsten Sieg in Folge verbucht hat, ist die Ausgeglichenheit des Kaders. Fast jeder Spieler scheint ersetzbar zu sein. Ausnahmen bilden im Moment der Linksverteidiger Cristian Molinaro, Cacau, der mit 29 Jahren möglicherweise seine besten Jahre noch vor sich hat, und Christian Träsch im defensiven Mittelfeld, dessen Chancen auf eine WM-Teilnahme stetig steigen.

Gegen harmlose Bochumer verlegte sich der VfB in der zweiten Halbzeit auf Konter, die allerdings nicht mit letzter Entschlossenheit vorgetragen wurden. Konzentriert verrichtete dagegen weiterhin die VfB-Abwehr ihre Arbeit. Nicht eine einzige ernstzunehmende Torchance über die gesamten 90 Minuten wurde den Bochumern gestattet. Das war für den VfB-Torhüter Jens Lehmann eine ganz gute Einstimmung auf den bevorstehenden Ruhestand.

So schlug die Stimmung der zunächst geduldigen Bochumer Fans am Ende auch in fassungslose Enttäuschung um, so wie einst bei der Stuttgarter Anhängerschaft nach dem 1:1 im November-Hinspiel. Aber auch das dürfte Christian Gross wieder einmal ziemlich egal gewesen sein.

VfL Bochum:

Heerwagen – Pfertzel, Maltritz, Mavraj, Bönig – Maric, Yahia, Fuchs – Holtby (84. Freier) – Sestak (69. Dedic), Epallé (62. Azaouagh)

VfB Stuttgart:

Lehmann – Osorio (64. Kuzmanovic), Tasci, Delpierre, Molinaro – Träsch, Khedira – Gebhart, Hilbert – Marica (79. Schieber), Cacau

Schiedsrichter:

Gagelmann (Bremen)

Zuschauer: 25.431
Tore:

0:1 Cacau (14.), 0:2 Marica (18.)

Gelbe Karten:

Bönig (3), Maltritz (4), Pfertzel (4), Sestak (4)

(STZ 23.4.10)

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