2. November 2018

Cannstatter Chaos-Club

Category: Presse — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 11:07

So lautete das Motto der großen Choreographie vor dem vorletzten Heimspiel gegen Werder Bremen, aus dem der bis dato einzige Saisonsieg resultierte.

Dass man als Tabellenschlusslicht, wenn man das Kunststück fertig bringt, von bislang zehn Pflichtspielen in sieben davon torlos zu bleiben, und als erstes Team der Bundesliga in der noch jungen Saison den Trainer wechselt, von der Presse nicht gerade zimperlich behandelt wird, liegt in der Natur der Sache.

Dass aber der neue Hoffnungsträger Markus Weinzierl nach zwei 0:4-Pleiten gegen zwei Championsleague-Teilnehmer schon ein Fehlstart angedichtet wird und hineininterpretiert wird, der Trainer-Effekt sei bereits verpufft, halte ich für weit hergeholt.

Diesen Fehlstart hat sich einzig und allein die Vereinsführung zuzuschreiben, die Korkut gewähren ließ und ihn schließlich viel zu spät entließ. Natürlich kann man einwerfen, Korkut hätte die beiden Spiele auch nicht schlechter coachen können, womöglich sogar mit weniger Gegentoren verloren, doch, das ist hypothetisch und brächte uns auch nicht wirklich weiter.

Weinzierl hatte nicht nur mit den Gegnern zum falschen Zeitpunkt Pech, auch die Spielverläufe müssen den „Neuen“ doch in den Wahnsinn treiben. Gegen Dortmund konnte er sein Konzept bereits nach zwei Minuten in die Tonne kippen, in Sinsheim nach 8 Minuten. Für die Unterzahl hat der VfB in Sinsheim eine ordentliche erste Halbzeit, wohl die beste der bisherigen Saison, gespielt und fiel dann nach dem Wechsel in seine Einzelteile auseinander. Das viel zitierte Spielglück war nicht auf unserer Seite, so dass es völlig verfrüht wäre, den Kopf in den Sand zu stecken.

Mir gefällt Weinzierl bislang, auch mit welcher Locker- aber auch Klarheit er die Pressekonferenzen absolviert. Im Gegensatz zu Vorgänger Korkut, der zwar viel stammelte, aber wenig sagte, hat man bei Weinzierl den Eindruck, dass er mit seiner lockeren aber doch bestimmten Art auch auf das Team überzeugend einwirken kann und sich etwas bewegt.

Es ist eine Frage der Zeit, bis sich die ersten Erfolge einstellen und dann auch nach und nach die Verletzten zurückkehren. Ob heute schon das Glück auf unserer Seite ist und wir endlich mal in Führung gehen oder erst nächste Woche in Nürnberg, wir werden sehen. Jetzt bereits den Trainer anzuzählen wäre absurd, denn, er ist der, der am wenigsten für die Misere kann.

Diese hat sich die Vereinsführung zuzuschreiben. Natürlich waren wir, ich ja auch, im Sommer sehr guter Dinge, dass Reschke gut eingekauft hatte und Korkut genug Zeit gehabt hat, aus dem Personal eine schlagkräftige Mannschaft zu formen. Auf dem Papier lesen sich die Namen ja auch toll, ob sie charakterlich passen, ob sie gesund sind und ob der Trainer überhaupt etwas mit ihnen anfangen kann, dies zu hinterfragen und zu beurteilen ist aber doch Aufgabe der Verantwortlichen.

Offensichtlich passt es vorne und hinten nicht. Wenn man liest, dass Didavi mit den Problemen an der Achillesferse bereits aus Wolfsburg gekommen und es somit nicht verwunderlich ist, dass er selten einsatzbereit ist, muss man sich schon fragen, ob sie da unten noch alle haben, auf dieser elementar wichtigen Position auf einen Invaliden zu setzen. Ich mag Didavi unheimlich gerne und habe mich über dessen Rückkehr sehr gefreut, doch, unter diesen Umständen hätte ein verantwortungsvoll handelnder Sportdirektor und der Arzt, der den Medizincheck durchführte, Abstand nehmen müssen, den Transfer zu tätigen.

Welche Rolle Castro einnehmen soll(te), ist mir auch noch nicht so ganz klar. Mit seiner Vita erhebt er doch sicher einen Führungsanspruch im Team. Lassen das aber die Gestandenen, allen voran ein Gentner, überhaupt zu, dass hier ein neuer König ins Team drängt, der größer zu werden droht als man es selbst ist?

Ähnlich verhält es sich mit den jungen Wilden, die man dazu geholt hat. Alles ambitionierte Talente, doch, die Frage ist, hat einer der Arrivierten überhaupt ein Interesse daran, dass diese sich verbessern und an ihrer Stelle spielen oder hält man sie nicht bewusst klein?

Dies scheint noch immer das Kardinalproblem des VfB und die Wurzel des Übels der unzähligen Trainerwechsel der letzten Jahre zu sein, dass Neuzugänge bei uns eher schlechter werden und schneller die Lust verlieren, wie der Transfer eingetütet war.

Hat man dazu noch einen schwachen Trainer, wie es Korkut offensichtlich war, der lieber den Weg des geringsten Widerstands wählt und diesem Treiben keinen Einhalt gebietet, um bei den vermeintlichen Führungsspielern nicht anzuecken, kommt eben das heraus, was wir Woche für Woche bestaunen dürfen. Elf Einzelspieler, keine Mannschaft, und ein vogelwildes Auftreten in allen Mannschaftsteilen.
Dass der Trainer hier den falschen Ansatz wählte, hätte Reschke, der ja immer so nah dran ist, merken und schon aus ureigenem Interesse, nämlich dass seine Neuzugänge zünden, vehement dazwischen grätschen müssen. Ich bleibe dabei, spätestens nach dem Bayern-Spiel hätte Korkut weggemusst, was den Start von Weinzierl wohl um einiges leichter gemacht hätte.

So steht jetzt unweigerlich Reschke in der Kritik, der nicht nur die Fans als ahnungslose Vollidioten betitelt hat, sondern auch noch unverhohlen lügt. Zudem wird der VfB AG inzwischen vorgeworfen, dass man seit der Ära Mayer-Vorfelder keinem auf dem Wasen mehr eine solche Machtfülle eingeräumt hat, wie sie Reschke wohl genießt.

Der freie Journalist Oliver Trust konfrontierte den Aufsichtsratsvorsitzenden und Vereinspräsidenten Wolfgang Dietrich letzten Sonntag bei Sport 1 mit diesem Vorwurf, worauf Dietrich in gewohnt dünnhäutiger Manier reagierte. Mit dem einen oder anderen Vorwurf mag Trust übers Ziel hinausgeschossen sein, doch, was haften blieb, war, dass es in der AG vorne und hinten nicht stimmt. Dass es beim VfB keine One-Man-Shows mehr geben dürfe, hatte seinerzeit schon Robin Dutt angemerkt und viel Beifall dafür erhalten, nachdem er Fredi Bobic abgelöst hatte.

Nun, erst gute drei Jahre später haben wir sie wieder und zwar in einer noch nie dagewesenen Form. An der Spitze stehen mit Dietrich, dem Trust in Sachen Fußball-Kompetenz Ahnungslosigkeit vorwarf, ein Sonnenkönig, der andere Meinungen nicht akzeptiert und mit Reschke ein Sportdirektor, der erstmals in der ersten Reihe steht und Interview für Interview unterstreicht, weshalb man ihn bislang nicht auf die Öffentlichkeit losgelassen hat. Da wünsche ich mir doch den smarten Jan Schindelmeiser zurück, dessen Entlassung Dietrich noch immer nicht plausibel begründet hat.

Dass Trust mit seinen Vorwürfen in Richtung Vereinsführung bei manchem offene Türen einrannte, offenbart, dass Guido Buchwald nun aus der Deckung trat und unter der Woche scharf aus der Hüfte schoss. Er kritisierte die Vertragsverlängerung mit Tayfun Korkut und eben auch, dass es in der Vereinsführung an Sportkompetenz fehle. Ausgerechnet Buchwald bin ich geneigt zu sagen. Es klingt sehr nach verletzter Eitelkeit von einem, der es beim VfB in diesem Leben wohl zu nichts mehr bringen wird, außer eben zu einem einfachen Aufsichtsratsmitglied.

Als Aufsichtsrat Interna an die Öffentlichkeit zu tragen, damit hatte sich bereits Hansi Müller sein eigenes Grab geschaufelt. Wenn Dietrich dazu anmerkt, dass diese Vorwürfe von Buchwald Thema der nächsten AR-Sitzung seien, darf daraus geschlossen werden, dass Buchwalds Tage beim VfB ebenso gezählt sind.

Jedoch, bestimmt steckt auch bei Buchwalds Worten ein Fünkchen Wahrheit. Interessant dabei, dass auch ihm offensichtlich die Rolle, die Thomas Hitzlsperger spielt, nicht so ganz klar zu sein scheint. Er wird gerne als Sympathieträger vor den VfB-Karren gespannt, seine Kompetenz herausgestrichen, doch, was er genau mitzubestimmen hat, außer dass er der Gute-Laune-Onkel für die Jungs im Nachwuchsleistungszentrum ist, hat sich auch mir noch nicht so recht erschlossen.

Auch das Mitbestimmungsrecht des Aufsichtsrats erscheint nun in einem anderen Licht. Es ist mir schon klar, dass der Aufsichtsrat per Definition ein reines Kontrollorgan ist und sich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten hat. Doch, beim VfB ticken die Uhren eben anders. Der Aufsichtsrat hat sich selten herausgehalten und tut es auch heute nicht, wie die öffentliche Präsenz dessen Vorsitzenden unterstreicht. Bei der Schindelmeiser-Entlassung wurde Einstimmigkeit des Aufsichtsrats und Alternativlosigkeit vorgegaukelt, um von Dietrich bei Sport 1 erklärt zu bekommen, dass es noch ein (im Organigramm wohl nicht auftauchendes) Gremium, besetzt von Dietrich, Porth und Reschke, gäbe, das Entscheidungen treffe, „wenn diese schnell getroffen werden müssten“, so wohl die Korkut-Entlassung am (übrigen) Aufsichtsrat vorbei.

Es scheint so zu sein, als spiele der VfB schon seit der erfolgreichen Ausgliederungs-Mitgliederversammlung ein falsches Spiel. Zu lügen, dass sich die Balken biegen, wurde von den handelnden Personen salonfähig gemacht, schließlich kann man im schmutzigen Geschäft Profifußball selten die Wahrheit sagen, so will man uns weismachen.

Angefangen damit, dass man mit der Entlassung von Schindelmeiser erst herausrückte, als die Einspruchsfrist bzgl. der Ausgliederung verstrichen war und dass man uns bis heute nicht die Wahrheit gesagt hat. Dabei stand dem Vernehmen nach lang vor der (offiziell verkündeten) Schindelmeiser-Entlassung fest, dass Dietrich seinen Spezi Reschke holen möchte, hat Reschke doch bereits im Juni bei den Bayern um die Auflösung seines Kontraktes ersucht.

Dieses Gebaren zieht sich durch die Amtszeit Dietrichs wie ein roter Faden und ist das, was am Ende von seiner Amtszeit (hoffentlich kein weiterer Abstieg, hoffentlich auch kein (regionaler) chinesischer Investor) hängen bleiben wird. Den Kader, von dem man so überzeugt gewesen ist, will Dietrich indes im Winter aufbessern, damit auch die letzte Kohle, die die Ausgliederung in die Kassen spülte, verballert wird. Bislang hat man diese ja hauptsächlich in ein Gnadenbrot für Alt-Stars ohne Wiederverkaufswert gesteckt, das hat sich manch einer, der für „Ja“ stimmte, bestimmt anders vorgestellt.

Der VfB entpuppt sich einmal mehr als DER Chaosverein mit katastrophaler Außendarstellung. Gerade jetzt kommen solche Nebenkriegsschauplätze zur Unzeit, wünscht man es Weinzierl doch, dass er einigermaßen unbelastet an seine Aufgabe herangehen kann und ihm diese nicht schon in seinen ersten Wochen vom „schwierigen Umfeld“ erschwert wird.

Der VfB braucht auf Sicht wieder eine Identität, ein Wiedererkennungsmerkmal, für das er steht. Dieses erkennt momentan kein Mensch, seit der HSV in die Niederungen der 2. Liga verschwunden ist, wird kein Verein in der Bundesliga mehr mit Chaos assoziiert als der VfB. Daher gebietet es die sportliche Situation, dass sich alle beim VfB zurück nehmen und der Fokus allein aufs Sportliche gelegt wird.
Weinzierl ist die ärmste Sau und muss aus einem zu dünnen Kader (danke, Reschke!) mit etlichen Verletzten den Turnaround schaffen. Reschke, der ihm diese Situation (zu späte Korkut-Entlassung) und den zu dünnen Kader eingebrockt hat, sollte Weinzierl jetzt einmal vertrauen und dort den Hebel ansetzen lassen, wo er den Eindruck hat, dass es am meisten krankt.

Weinzierl sollte möglichst unbelastet und ohne vorgekaut zu bekommen, wer im Team wichtig zu sein hat, hier beginnen können. Ja, beginnen, denn, die Aufholjagd fängt ja jetzt erst an.

Dazu gehört es auch, der Ära Gentner endlich ein Ende zu bereiten und ihn draußen zu lassen, wenn er offensichtlich formschwach ist. Wenn mittlerweile selbst bei den Experten, siehe Sammer in dieser Woche, zur Achse des VfB nur noch meinen, Gentner gehöre dieser an, „er ist ja der Kapitän“, und nicht Leistung oder Wert der VfB-Ikone heraus gestrichen wird, sollte auch den Letzten klar werden, dass Vereinsliebe allein nicht genügen darf, Woche für Woche sein Unwesen auf dem Platz zu treiben. Dem VfB-Spiel, die wenigen herausgespielten Torchancen unterstreichen das, fehlt es an Geschwindigkeit, schon allein deshalb muss sich das Gerüst des Teams verändern, weg von der Rentnerband, hin zum (unbeschwerten) Jugendstil.

Jedes Mal, wenn es Gente drohte, an den Kragen zu gehen, war kurz darauf der Trainer weg, ich baue darauf, dass Weinzierl beim VfB etwas erreichen möchte und eventuellen Widerständen trotzt. Reschke täte gut daran, sich bei derartigen Entscheidungen herauszuhalten, schließlich ist Weinzierl wohl auch seine letzte Patrone.

Erstmals seit Wochen habe ich für heute ein gutes Gefühl! Freitagabend, Flutlicht, volles Haus und ein Gegner, der uns in der Vergangenheit meist gelegen hat. Ein guter Tag, den Bock umzustoßen, wenn, ja wenn nicht Leichtsinnsfehler oder sonstige Widrigkeiten wie bei Weinzierls ersten Spielen eintreten. Dann ist auch der beste Trainer machtlos.

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30. August 2015

Trotz Fehlstart, bitte, keine Panik auf der Titanic!

Tja, was soll man sagen. Als Inhaber der roten Laterne fehlen einem die guten Argumente, die Schwarzseher und die Zweifler haben erst einmal Oberwasser. Zorniger als Trainer mit der schlechtesten Startbilanz aller VfB-Trainer hat zunächst einmal einen schweren Stand. Nicht nur nach außen, wo das große Murren schon wieder einsetzt, auch bei der Mannschaft, die sein System noch nicht mit der nötigen Überzeugung umsetzt und wohl auch schon daran zweifelt.
Ich dagegen sage (noch), kein Grund zur Panik, noch haben wir 31 Spiele Zeit, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu schaffen. Um mehr geht es nicht, wer mehr erwartet hat nach den verkorksten letzten Jahren gehört zu den Phantasten und hat wohl nicht richtig hingesehen, wie der VfB fast schon systematisch heruntergewirtschaftet wurde.
Man muss einfach der Realität ins Auge blicken und sehen, dass seit der Meisterschaft 2007 zu viel schief lief auf dem Wasen. Zunächst einmal weckte der Erfolg Begehrlichkeiten, es wurde ein Gehaltsgefüge zugelassen, das nur mit dauerhaften Champions League Geldern zu stemmen gewesen wäre, danke Horst Heldt. Heldt machte (rechtzeitig) den Abflug und zog weiter zu Schalke, wo er im großen Managerspiel auf dem nächsthöheren Level sein Unwesen treiben darf.
Dann kam der Einzelhandelskaufmann und Sport-1-„Experte“ Fredi Bobic zu Manager- und Sport-Vorstands-Ehren, entließ zuerst Christian Groß, der davor noch eine sensationelle Rückrunde hingelegt hatte und installierte erst Jens Keller und später Bruno Labbadia als neue Übungsleiter. Der Kader wurde gnadenlos ausgedünnt und die Mannschaft Jahr für Jahr noch mehr geschwächt. Querdenker, die offen Kritik an den Personalentscheidungen Bobic‘ geäußert hatten, wurden mundtot gemacht oder weggemobbt, Ja-Sager und Bobic-Freunde wurden auf existentiell wichtigen Positionen installiert oder, auf Deutsch gesagt, „kamen unter“. Kritik war intern verpönt, ein Kuschelkurs begleitet vom sportlichen Niedergang. Der mächtige Aufsichtsrat sah diesem Treiben tatenlos zu, ging und geht es noch immer auch dort nur um das Behalten seines Postens und seiner Macht. Der Leistungsgedanke wurde lange Jahre ad absurdum geführt, der große Knall oder das Platzen dieser Seifenblase kam im letzten Jahr.
Zu einem Zeitpunkt, als es bereits klar war, dass die Liaison mit Labbadia sich dem Ende zuneigt, nickte der Aufsichtsrat sowohl dessen Vertragsverlängerung ab, wie 1 ½ Jahre später auch die Vertragsverlängerung von Vedad Ibisevic, der in der Fangemeinde spätestens seit seines Aussetzers gegen Augsburg eine persona non grata war. Die versprochene Aufarbeitung der vorletzten Saison blieb gänzlich aus, Bobic durfte noch weiter wursteln, um (endlich) im Herbst 2014 von seinen Aufgaben entbunden zu werden. Wie bei Labbadia im Übrigen erst nachdem die Kurve mobil gemacht hat, davor wurden die Probleme ausgesessen und dem weiteren Niedergang tatenlos zugeschaut.
Armin Veh, für mich inzwischen ebenfalls eines der Gesichter unseres sportlichen Niedergangs, man erinnere sich nur an seine Wunschspieler Bastürk, Ewerthon und Gledson, aber auch an die Naivität, mit der er in der letzten Saison in seine zweite Amtszeit ging, kam also gestern als Eintracht-Trainer zurück ins Neckarstadion. Ihm würde ich in Frankfurt einen ähnlichen Abgang wünschen, wie er ihn bei uns im letzten Jahr hingelegt hat, umso bitterer, dass wir ihm zumindest gestern dazu verholfen haben, dass er sich erst einmal nicht über mangelndes Glück zu beklagen braucht.
Aber, zurück zu den Sünden der Vergangenheit. Nach Veh kam Retter Huub, dessen Aufgabe es lediglich war, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und uns die Bundesliga zu sichern, was er letztendlich, hauchdünn zwar, aber doch mit Bravour erledigt hat. Dennoch verstehe ich die Rufe nach einer erneuten Rückkehr des Niederländers nicht.
Für mich steht das Projekt Wiederaufbau unter Dutt/ Zorniger am Anfang und genießt eine Art Welpenschutz. Viele Jahre Misswirtschaft lassen sich nicht durch Handauflegen und auf einen Schlag wegwischen. Eine langfristig angelegte Strategie hat Dutt bei der vielbeachteten PK nach der Saison vorgestellt und uns dabei auch wissen lassen, dass es einige Transferperioden dauern würde, bis man sämtliche Altlasten beseitigt haben wird. Diese Geduld ist nicht nur gefragt, wenn es darum geht, Schwachstellen loszuwerden sondern auch, was Neuzugänge angeht, die Zornigers Personalpuzzle vervollständigen. Zorniger warb bei Amtsantritt ebenfalls um Geduld und bereitete uns darauf vor, dass das neue VfB-Spiel „wild“ werden würde.
So wild hat er es sich sicherlich auch nicht vorgestellt. Zehn Gegentore und zwei Platzverweise nach drei Bundesligaspielen sind eindeutig zu viel. Und trotzdem müssten wir darüber wohl nicht diskutieren, wenn alle hundertprozentigen Torchancen verwertet worden wären. Ich sehe eine Verbesserung und vor allem gesteigerte Attraktivität in unserem Spiel im Vergleich zu den Vorjahren. Phasenweise spielt der VfB einen begeisternden Fußball, der nicht mehr mit den einschläfernden Partien aus der Labbadia-Ära zu vergleichen ist. Es ist Action drin, Spielfreude, offensichtlich keine taktischen Fesseln für unsere Offensivkräfte. In Mittelfeld und Angriff sind wir sehr gut besetzt, die Abwehr ist und bleibt aber die Achillesferse. Das hohe Verteidigen, wie es im neuen System vorgesehen ist, birgt Risiken und hat einen Hauch von Harakiri, wenn man nicht die richtigen Spieler dafür hat. Dafür brauchst Du pfeilschnelle, aufmerksame und auch intelligente Spieler, die einen Blick für die Abseitslinie haben und gedankenschnell sind.
Hlousek ist zum einen kein gelernter Innenverteidiger, bringt für mich aber auch sonst nichts mit, was rechtfertigt, dass er Woche für Woche in der Startelf spielt. Sein gestriges Eigentor verstehe ich auch heute noch nicht, diesen Ball hätte er ins Aus klären müssen oder auch, mit einer gewissen Technik, gar mit der Hacke wegbefördern können. Zudem hebt er immer wieder das Abseits auf, so dass er für mich ein absolutes Sicherheitsrisiko darstellt und nach der Verpflichtung von Sunjic hoffentlich wieder ins zweite Glied zurückkehrt. Das eigentlich skandalöse bei diesem Trauerspiel Innenverteidigung ist, dass Schwaab und Niedermeier noch schwächer sind und wohl bis auf weiteres keine Alternative für die Position neben Timo Baumgartl sind. Konsequent wäre es also, in einer der nächsten Transferperioden auch Abnehmer für diese beiden zu suchen!
Schwaab durfte gestern dennoch (erwartungsgemäß) mal wieder sein Unwesen treiben, als Ersatz für den gesperrten Klein. Der Ex-Freiburger ist für mich einer derer Spieler, die nicht für #aufbruch1893 stehen sondern eher für #bauchschmerzenreloaded. In Co-Produktion mit Gentner und Werner leitete er unseren gestrigen Genickbruch, das 1:3 und damit auch die rote Karte von Tytoń ein.
Tytoń machte jetzt bereits im dritten Bundesligaspiel zum dritten Mal keine glückliche Figur, auch wenn er, wie erwähnt, gestern von seinen Vorderleuten sträflich im Stich gelassen wurde. Auf dieser Position haben wir uns noch nicht verbessert, was ich mir nach Ulreich nicht hätte vorstellen können. Umso bitterer, dass die vorgesehen Nummer 1 Mitch Langerak wohl mindestens noch zwei Monate ausfallen wird. Kommt jetzt die große Chance für Odisseas Vlachodimos oder wird doch noch ein weiterer Torwart, gestern soll Timo Hildebrand im Gespräch gewesen sein, verpflichtet? Bei Hildebrand würde zumindest die Zeit nicht drängen, da er derzeit vereinslos ist und somit auch noch nach dem 31.08. kommen könnte.
Sollte der Platzverweis Tytons aber der (vorgeschobene) Auslöser sein, doch noch einen Schlussmann zu verpflichten, wäre es ein Indiz dafür, dass man weder Tytoń noch Vlachodimos es so richtig zutraut Platzhalter für Langerak zu sein.
Apropos rote Karte, für mich hätte es gelb auch getan, weil ja noch Abwehrspieler auf gleicher Höhe angestürmt kamen und der Stürmer vom Tor weg zog. Der Schiri hat es aber allgemein nicht gut mit uns gemeint. Mindestens einen Elfer müssen wir bekommen. Auch Elfmeter, wie das Handspiel von Abraham, haben wir schon gegen uns bekommen, das sind immer die „Kann-„ aber nicht „Muss-Entscheidungen“, die einen Schiedsrichter gut aussehen lassen, egal was er zusammen pfeift. Die Leidtragenden, mal wieder wir.
Insgesamt habe ich zwei ordentliche Spiele vom VfB gegen Köln und in Hamburg gesehen, die wir aufgrund mangelnder Chancenverwertung und einer Dummheit von Florian Klein verloren haben. Natürlich ist es augenscheinlich, dass die Mannschaft gegen Ende platt ist und die Einwechselspieler mehr Chaos verursachen anstatt Ruhe reinzubringen, dennoch, verwerten wir unsere Chancen zu Beginn der Spiele, könnte man ein Spiel auch mal mit halber Kraft in den letzten 15-20 Minuten nach Hause schaukeln.
Auch nach dem Spiel gegen die Eintracht müssten wir heute nicht unsere Wunden lecken, wenn wir in der ersten Halbzeit die Chancen genutzt hätten. Unbegreiflich wie Martin Harnik es immer wieder „schafft“ in aussichtsreichsten Positionen den Ball zu verstolpern oder aus zwei Metern Torentfernung den Ball in Richtung Cannstatter Wasen zu dreschen. Ich habe lange meine schützende Hand über Harnik gehalten, was er aber in dieser Saison an hochkarätigen Chancen liegen gelassen hat, da fehlen mir die Worte. Stimmt es im Kopf nicht, ist es Unvermögen oder doch mangelnde Klasse? Hier wäre mal unser Psychologe Philipp Laux gefragt. Eine Denkpause auf der Bank dürfte ihm fürs erste gut tun.
Kostic und vor allem Didavi wirkten gestern teilweise gehemmt, kein Wunder nach den Wechselgerüchten dieser Woche und den Zahlen, mit denen den Jungs der Kopf verdreht wird. Es ist ein Unding, dass quasi mitten in der Saison durch einige Transfers eine Lawine losgetreten wird. Von den Engländern werden Summen ausgerufen, die jede menschliche Vorstellungskraft übersteigen. Wenn ein Son für 30 Millionen zu den Tottenham Hotspurs wechselt und Leverkusen, um diese Lücke zu schließen, einen erneuten Anlauf bei Didavi startet, ist das für einen Verein wie den VfB fatal. Natürlich kannst Du Deine Wertschätzung für den Spieler dokumentieren und ihm einen neuen Vertrag anbieten, gehst auch an Deine Schmerzgrenze, lass sie zwischen 2,5 Millionen und 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt sein, wenn dann aber ein Verein wie Leverkusen lockt und zwischen 6 und 10 Millionen bietet, hast Du als VfB keine Chance, den Spieler langfristig zu halten. Da kann man nur darauf hoffen, dass Dankbarkeit und Heimatverbundenheit mehr zählen als der schnöde Mammon, Dida seinen Vertrag vielleicht noch verlängert, um uns irgendwann einmal eine stattliche Ablösesumme zu sichern.
Bei Kostic ist der Fall etwas anders gelagert. Wolfsburg, durch den De Bruyne Transfer um mindestens 75 (!) Millionen Euro reicher, sucht, zwei Tage vor Transferschluss, Ersatz und ist natürlich auch auf Filip Kostic aufmerksam geworden. Ein Verkauf ist aus VfB-Sicht nicht notwendig, da Kostic einen Vertrag bis 2019 besitzt und sicherlich noch günstigere Zeiten kommen werden, ihn für viel Geld abzugeben, nämlich dann, wenn man noch ein ausreichend großes Zeitfenster hat, um sich um einen adäquaten Ersatz zu bemühen.
Auf der anderen Seite aber wird es für den klammen VfB immer eine Schmerzgrenze geben, bei der man fast nicht anders kann, als einem Wechsel zuzustimmen. Daher nehme ich die Statements von Dutt, dass kein Leistungsträger mehr abgegeben werde, nicht ganz ernst. Im Fußballgeschäft ist doch alles nur noch eine Frage des Preises.
Ob die Meldungen stimmen, nach denen Kostic unbedingt weg möchte, weiß man nicht. Schwach wäre es von ihm auf jeden Fall, da er den Vertrag bei uns sicherlich im Zuge voller geistiger Zurechnungsfähigkeit unterschrieben hat. Außerdem fiele ihm das recht früh ein, dass er sich hier und mit seiner etwas anderen Rolle nicht mehr wohlfühle. Seine „Unzufriedenheit“ scheint also seine Ursache darin zu haben, dass Bewegung in den Transfermarkt gekommen ist. Holt Wolfsburg einen De Bruyne Ersatz? Hat man sich Kostic ausgeguckt oder doch Draxler? Wenn Draxler, ist dann Kostic ein Thema auf Schalke als dessen Nachfolger? Sportlich wäre sein Abgang ein herber Verlust, mit seiner Schnelligkeit ist er in unserem Spiel eine Waffe, auf der anderen Seite sagte Zorniger ja bereits vor Saisonbeginn, wer sich mit der Aufgabe beim VfB nicht identifiziere und wer nicht gerne und mit Überzeugung das Trikot mit dem Brustring überstreife, solle bei ihm vorstellig werden und man würde eine Lösung finden.
Diese Möglichkeit nutzte bereits Antonio Rüdiger, der nach langem Hickhack und möglicherweise unter Wert zur Roma wechselt. Dieses Theater und auch seine Verletzung, die er sich zuzog, als es schon keinen Weg zurück mehr gab, sind für mich maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir mit einer Not-Innenverteidigung in die Saison gehen mussten. Dutt sind nun mal die Hände gebunden, so dass er zunächst Transfererlöse generieren musste, bevor er auf große Shopping-Tour gehen durfte. Das Ausdünnen des Kaders hat ja nicht nur Geld gebracht, sondern auch Abfindungszahlungen bis hin zu weiteren (Teil-)Gehaltszahlungen an Spieler, die uns verlassen haben, nach sich gezogen. Bis der Kader, an dem sich Fredi Bobic messen lassen wollte, endgültig Geschichte ist, dauert es also noch eine ganze Weile. Rüdiger war somit der einzige, für den ein fetter Transfererlös zu erwarten war. Daher umso ärgerlicher das Possenspiel, das sein Halbbruder Sahr Senesie und Rüdiger selbst über Wochen abgezogen haben, weil es den VfB wertvolle Zeit und mangelnde Planungssicherheit gekostet hat.
Heute wurde endlich der Abschied von Vedad Ibisevic, ausgerechnet zur Berliner Hertha, unserem nächsten Gegner, verkündet. Ich hätte ihn zwar lieber in der griechischen Liga gesehen bzw. nicht gesehen, aber, Hauptsache weg. Hoffentlich zahlt die Hertha wenigstens sein volles Gehalt, wenn auch schon vermutlich keine Ablöse fällig werden dürfte. Wie schon erwähnt, seine Vertragsverlängerung, eine dieser vielen nicht nachvollziehbaren Handlungen des Einzelhandelskaufmanns aus dem Hallschlag. Ich hoffe jetzt schon, dass sein bosnischer Nationalmannschaftskollege Sunjic in Berlin sein Debüt feiert und vor allem weiß, wie man Vedad an die Kette legt, sollte dieser überhaupt schon für die Hertha ran dürfen. Er wäre schließlich nicht der erste Ex-VfBler, der uns genüsslich ein Ei ins Nest legt.
Gut, dass auch dieses Kapitel beendet ist, ein Weg zurück in den Kader wäre schwer vorstellbar gewesen, auch wenn ich Ibisevic in St. Gallen fast schon als vorbildlichen und auch volksnahen Profi erlebt habe. Immer höflich, wohlerzogen und als vollwertiges Mitglied der Mannschaft. Als Tribünendauergast war er natürlich zu teuer, würde Ginczek mal wieder langfristig ausfallen, aber, wäre es noch einigermaßen beruhigend gewesen, auf einen Ibisevic zurückgreifen zu können. Kliment ist noch nicht so weit, Harnik und Werner treffen das Tor nicht und ob Dida und Kostic auch am Dienstag noch da sind, weiß man derzeit noch nicht. Daher darf Daniel Ginczek im Grunde nichts passieren, es sei denn, man holt noch eine weitere Alternative fürs Sturmzentrum.
Ich hoffe sehr, dass der VfB personell noch nachlegt bzw. auch nachlegen kann. Außer einem Stoßstürmer, evtl. einem Torwart, stünden uns auch ein weiterer Innenverteidiger (damit Hlousek nur noch zweite Alternative ist) und ein zentraler Mittelfeldmotor, der unserem Kapitän mal Beine macht, gut zu Gesicht.
Man weiß nicht, was Zorniger von Gentner hält, ob er ihn als Fixpunkt seines Systems sieht oder er ihn „nur“ übernommen hat und sich nicht getraute, gleich zu Beginn ein Denkmal, den Kapitän zu rasieren. Er ist für mich nach wie vor meist nur ein Mitläufer, im wahrsten Sinne des Wortes, einer, der mit dem Strom schwimmt und vor allem auch im Strom untergeht, ohne sich groß zu wehren. Sinnbildlich gestern vor dem 1:3, das durch seinen schlampigen Pass auf Schwaab eingeleitet wurde. Im Gegensatz zur Ära Bobic/ Labbadia sind die Stimmen zum Spiel von Dutt und Zorniger ja wohltuend selbstkritisch und vor allem realistisch. Keine Schönrederei, Klartext, man merkt endlich mal, dass diese Herren das gleiche Spiel gesehen haben. Wenn ich dann aber unter den Stimmen zum Spiel das Statement von Christian Gentner lese, führt mir dieses deutlich vor Augen, dass Gentner eben auch noch ein Überbleibsel aus der schlechten alten Zeit ist:
„Beim Spielstand von 1:3 zu zehnt gegen einen solchen Gegner zurückzukommen ist nicht einfach. Aber es ist, wie es ist. Und in der Pause gilt es, für die, die das sind, hart zu arbeiten, sodass wir topmotiviert zum nächsten Spiel zurückkommen.“
Hört sich fast so an, dass das Spiel erst beim Stand von 1:3 begonnen hat, „hart arbeiten“ und „topmotiviert zurückkommen“ kann man in den Stimmen aus den letzten vier Jahren wohl hundertfach nachlesen.
Aber, zurück zu den Transfergerüchten und der Hektik, die jetzt noch auf dem Transfermarkt herrscht. Meiner Meinung nach sollte der Transfermarkt vor Saisonbeginn geschlossen werden und, wenn nicht, ein Reglement ähnlich dem der europäischen Wettbewerbe eingeführt werden, wonach man innerhalb einer (wenigstens) Halbserie nicht für zwei Vereine im gleichen Wettbewerb auflaufen darf. Für die Öffentlichkeit und die zahlungskräftigen Vereine mag es ja ein Spektakel sein, für einen kleinen Verein wie den VfB, als den wir uns demütig zählen sollten, ist es sehr gefährlich, womöglich jetzt, zur Unzeit, noch einen Leistungsträger zu verlieren.
Zu Beginn dieses Berichts habe ich weit ausgeholt und Punkte aufgeführt, die zu unserem sportlichen Niedergang führten. Vom Deutschen Meister durchgereicht zu einer grauen Maus der Bundesliga, Vereine, die man 2007 noch gar nicht wahrgenommen hatte, haben uns inzwischen den Rang abgelaufen und uns überholt.
Wenn ich einmal die von Labbadia und Bobic vielzitierte Demut unterschrieben hätte, dann jetzt, wo alle Zeichen auf Neubeginn stehen. Darum ärgert es mich auch maßlos, wenn von vielen schon nach drei Spielen alles in Frage gestellt wird und dem Projekt keine Zeit zugestanden wird. Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn wir die Spiele chancenlos hergegeben hätten, dem war aber nicht so. Bis auf die zweite Halbzeit gestern waren wir die spielbestimmende Mannschaft, agierten aktiver, zwangen den Gegner zu Fehlern und arbeiteten uns hochkarätige Chancen heraus. Dass Zorniger diese offensive Ausrichtung selbst überdenken wird, hat er gestern verlauten lassen.
Was wir jetzt unbedingt brauchen, ist Ruhe im Umfeld und keine Panik. Diejenigen, die jetzt schon wieder nach Huub schreien oder zumindest prophezeien, dass Zorniger spätestens nach dem Schalke-Spiel nicht mehr auf der VfB-Bank sitzen würde, wünschen sich wohl den „Fußball“ der letzten Jahre zurück. Ich tue das nicht. Ich habe vollstes Vertrauen in die Arbeit von Dutt und Zorniger und bin bei ihnen, dass dieser Umbau Zeit braucht. Natürlich müssen schnellstmöglich Ergebnisse her, diese werden aber kommen, daran habe ich keine Zweifel. In der Liga gibt es einige Mannschaften, die wir am Ende hinter uns lassen können sollten, 30 Punkte plus „x“ zu erreichen sollte für die Truppe kein Problem darstellen.
Ich fände es fatal, schon jetzt wieder zurückzurudern und gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Zorniger trat seinen Dienst beim VfB topmotiviert an. Er hat es scheinbar geschafft – er darf erstmals als Trainer eines Bundesligisten fungieren, das dazu noch direkt vor der Haustür und wo man seinen schwäbischen Dialekt versteht und er zudem noch viele Bekannte aus seiner Co-Trainer-Tätigkeit 2009 wiedertraf. Ein richtiger Traumjob für ihn also und daher sicher als langfristiges Projekt angelegt. Er ist keiner derer Trainer, die eben weiterziehen, wenn es nicht funktioniert oder einfach abhauen, wenn das Glück fehlt. Zu letzterem wäre ja bereits nach den ersten drei Spielen der Anlass gegeben, aber, Zorniger wird kämpfen und versuchen mit aller Macht den Bock umzustoßen, bevor die Mechanismen der Branche zu greifen drohen. Er dürfte auch nicht so stur sein, die Mannschaft Woche für Woche ins Verderben rennen zu lassen, sondern wird, wenn man am Montagabend endlich weiß, wie die Mannschaft für den Rest der Vorrunde aussehen wird, die Mannschaft defensiv zu stabilisieren versuchen und sich vor allem auf die Suche nach einer ausgewogenen Balance zwischen Offensive und Defensive begeben, am besten ohne sich unseres enormen Offensivpotentials zu berauben. Zu denen, die ihm das nicht zutrauen, fällt mir immer noch der gute alte Trapattoni-Klassiker „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“ ein.
Die Länderspielpause kommt für uns zur rechten Zeit. Der eine oder andere Nationalspieler wird mit einem Erfolgserlebnis und breiter Brust zurückkehren, Sunjic und vielleicht der eine oder andere weitere Neuzugang stehen in Berlin erstmals zur Verfügung und Leute wie Didavi und Kostic haben jetzt zwei Wochen lang Zeit, sich damit abzufinden, dass sie mindestens noch ein weiteres Jahr beim VfB bleiben werden. Als Schlusslicht werden wir dort erst einmal als Außenseiter antreten, ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass wir dort die Wende einleiten können, wenn wir ähnlich forsch wie in Hamburg antreten. Freue mich schon darauf, den VfB in die Hauptstadt zu begleiten, und das ausnahmsweise mal nicht an einem Freitagabend.
Ein Wort noch zur gestrigen „Schweigeminute“ für unseren verstorbenen Ehrenpräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. Die Frankfurter Würstchen haben einmal mehr die Grenzen des schlechten Geschmacks unterschritten, ein No-Go und menschlich ein Armutszeugnis, wenn man nicht dazu imstande ist, einen Mann für einen Moment zu würdigen, der in seinem Leben allein mehr erreicht hat, als die 2.000 Assis im Gästeblock zusammen.

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