30. August 2015

Trotz Fehlstart, bitte, keine Panik auf der Titanic!

Tja, was soll man sagen. Als Inhaber der roten Laterne fehlen einem die guten Argumente, die Schwarzseher und die Zweifler haben erst einmal Oberwasser. Zorniger als Trainer mit der schlechtesten Startbilanz aller VfB-Trainer hat zunächst einmal einen schweren Stand. Nicht nur nach außen, wo das große Murren schon wieder einsetzt, auch bei der Mannschaft, die sein System noch nicht mit der nötigen Überzeugung umsetzt und wohl auch schon daran zweifelt.
Ich dagegen sage (noch), kein Grund zur Panik, noch haben wir 31 Spiele Zeit, die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu schaffen. Um mehr geht es nicht, wer mehr erwartet hat nach den verkorksten letzten Jahren gehört zu den Phantasten und hat wohl nicht richtig hingesehen, wie der VfB fast schon systematisch heruntergewirtschaftet wurde.
Man muss einfach der Realität ins Auge blicken und sehen, dass seit der Meisterschaft 2007 zu viel schief lief auf dem Wasen. Zunächst einmal weckte der Erfolg Begehrlichkeiten, es wurde ein Gehaltsgefüge zugelassen, das nur mit dauerhaften Champions League Geldern zu stemmen gewesen wäre, danke Horst Heldt. Heldt machte (rechtzeitig) den Abflug und zog weiter zu Schalke, wo er im großen Managerspiel auf dem nächsthöheren Level sein Unwesen treiben darf.
Dann kam der Einzelhandelskaufmann und Sport-1-„Experte“ Fredi Bobic zu Manager- und Sport-Vorstands-Ehren, entließ zuerst Christian Groß, der davor noch eine sensationelle Rückrunde hingelegt hatte und installierte erst Jens Keller und später Bruno Labbadia als neue Übungsleiter. Der Kader wurde gnadenlos ausgedünnt und die Mannschaft Jahr für Jahr noch mehr geschwächt. Querdenker, die offen Kritik an den Personalentscheidungen Bobic‘ geäußert hatten, wurden mundtot gemacht oder weggemobbt, Ja-Sager und Bobic-Freunde wurden auf existentiell wichtigen Positionen installiert oder, auf Deutsch gesagt, „kamen unter“. Kritik war intern verpönt, ein Kuschelkurs begleitet vom sportlichen Niedergang. Der mächtige Aufsichtsrat sah diesem Treiben tatenlos zu, ging und geht es noch immer auch dort nur um das Behalten seines Postens und seiner Macht. Der Leistungsgedanke wurde lange Jahre ad absurdum geführt, der große Knall oder das Platzen dieser Seifenblase kam im letzten Jahr.
Zu einem Zeitpunkt, als es bereits klar war, dass die Liaison mit Labbadia sich dem Ende zuneigt, nickte der Aufsichtsrat sowohl dessen Vertragsverlängerung ab, wie 1 ½ Jahre später auch die Vertragsverlängerung von Vedad Ibisevic, der in der Fangemeinde spätestens seit seines Aussetzers gegen Augsburg eine persona non grata war. Die versprochene Aufarbeitung der vorletzten Saison blieb gänzlich aus, Bobic durfte noch weiter wursteln, um (endlich) im Herbst 2014 von seinen Aufgaben entbunden zu werden. Wie bei Labbadia im Übrigen erst nachdem die Kurve mobil gemacht hat, davor wurden die Probleme ausgesessen und dem weiteren Niedergang tatenlos zugeschaut.
Armin Veh, für mich inzwischen ebenfalls eines der Gesichter unseres sportlichen Niedergangs, man erinnere sich nur an seine Wunschspieler Bastürk, Ewerthon und Gledson, aber auch an die Naivität, mit der er in der letzten Saison in seine zweite Amtszeit ging, kam also gestern als Eintracht-Trainer zurück ins Neckarstadion. Ihm würde ich in Frankfurt einen ähnlichen Abgang wünschen, wie er ihn bei uns im letzten Jahr hingelegt hat, umso bitterer, dass wir ihm zumindest gestern dazu verholfen haben, dass er sich erst einmal nicht über mangelndes Glück zu beklagen braucht.
Aber, zurück zu den Sünden der Vergangenheit. Nach Veh kam Retter Huub, dessen Aufgabe es lediglich war, den Karren aus dem Dreck zu ziehen und uns die Bundesliga zu sichern, was er letztendlich, hauchdünn zwar, aber doch mit Bravour erledigt hat. Dennoch verstehe ich die Rufe nach einer erneuten Rückkehr des Niederländers nicht.
Für mich steht das Projekt Wiederaufbau unter Dutt/ Zorniger am Anfang und genießt eine Art Welpenschutz. Viele Jahre Misswirtschaft lassen sich nicht durch Handauflegen und auf einen Schlag wegwischen. Eine langfristig angelegte Strategie hat Dutt bei der vielbeachteten PK nach der Saison vorgestellt und uns dabei auch wissen lassen, dass es einige Transferperioden dauern würde, bis man sämtliche Altlasten beseitigt haben wird. Diese Geduld ist nicht nur gefragt, wenn es darum geht, Schwachstellen loszuwerden sondern auch, was Neuzugänge angeht, die Zornigers Personalpuzzle vervollständigen. Zorniger warb bei Amtsantritt ebenfalls um Geduld und bereitete uns darauf vor, dass das neue VfB-Spiel „wild“ werden würde.
So wild hat er es sich sicherlich auch nicht vorgestellt. Zehn Gegentore und zwei Platzverweise nach drei Bundesligaspielen sind eindeutig zu viel. Und trotzdem müssten wir darüber wohl nicht diskutieren, wenn alle hundertprozentigen Torchancen verwertet worden wären. Ich sehe eine Verbesserung und vor allem gesteigerte Attraktivität in unserem Spiel im Vergleich zu den Vorjahren. Phasenweise spielt der VfB einen begeisternden Fußball, der nicht mehr mit den einschläfernden Partien aus der Labbadia-Ära zu vergleichen ist. Es ist Action drin, Spielfreude, offensichtlich keine taktischen Fesseln für unsere Offensivkräfte. In Mittelfeld und Angriff sind wir sehr gut besetzt, die Abwehr ist und bleibt aber die Achillesferse. Das hohe Verteidigen, wie es im neuen System vorgesehen ist, birgt Risiken und hat einen Hauch von Harakiri, wenn man nicht die richtigen Spieler dafür hat. Dafür brauchst Du pfeilschnelle, aufmerksame und auch intelligente Spieler, die einen Blick für die Abseitslinie haben und gedankenschnell sind.
Hlousek ist zum einen kein gelernter Innenverteidiger, bringt für mich aber auch sonst nichts mit, was rechtfertigt, dass er Woche für Woche in der Startelf spielt. Sein gestriges Eigentor verstehe ich auch heute noch nicht, diesen Ball hätte er ins Aus klären müssen oder auch, mit einer gewissen Technik, gar mit der Hacke wegbefördern können. Zudem hebt er immer wieder das Abseits auf, so dass er für mich ein absolutes Sicherheitsrisiko darstellt und nach der Verpflichtung von Sunjic hoffentlich wieder ins zweite Glied zurückkehrt. Das eigentlich skandalöse bei diesem Trauerspiel Innenverteidigung ist, dass Schwaab und Niedermeier noch schwächer sind und wohl bis auf weiteres keine Alternative für die Position neben Timo Baumgartl sind. Konsequent wäre es also, in einer der nächsten Transferperioden auch Abnehmer für diese beiden zu suchen!
Schwaab durfte gestern dennoch (erwartungsgemäß) mal wieder sein Unwesen treiben, als Ersatz für den gesperrten Klein. Der Ex-Freiburger ist für mich einer derer Spieler, die nicht für #aufbruch1893 stehen sondern eher für #bauchschmerzenreloaded. In Co-Produktion mit Gentner und Werner leitete er unseren gestrigen Genickbruch, das 1:3 und damit auch die rote Karte von Tytoń ein.
Tytoń machte jetzt bereits im dritten Bundesligaspiel zum dritten Mal keine glückliche Figur, auch wenn er, wie erwähnt, gestern von seinen Vorderleuten sträflich im Stich gelassen wurde. Auf dieser Position haben wir uns noch nicht verbessert, was ich mir nach Ulreich nicht hätte vorstellen können. Umso bitterer, dass die vorgesehen Nummer 1 Mitch Langerak wohl mindestens noch zwei Monate ausfallen wird. Kommt jetzt die große Chance für Odisseas Vlachodimos oder wird doch noch ein weiterer Torwart, gestern soll Timo Hildebrand im Gespräch gewesen sein, verpflichtet? Bei Hildebrand würde zumindest die Zeit nicht drängen, da er derzeit vereinslos ist und somit auch noch nach dem 31.08. kommen könnte.
Sollte der Platzverweis Tytons aber der (vorgeschobene) Auslöser sein, doch noch einen Schlussmann zu verpflichten, wäre es ein Indiz dafür, dass man weder Tytoń noch Vlachodimos es so richtig zutraut Platzhalter für Langerak zu sein.
Apropos rote Karte, für mich hätte es gelb auch getan, weil ja noch Abwehrspieler auf gleicher Höhe angestürmt kamen und der Stürmer vom Tor weg zog. Der Schiri hat es aber allgemein nicht gut mit uns gemeint. Mindestens einen Elfer müssen wir bekommen. Auch Elfmeter, wie das Handspiel von Abraham, haben wir schon gegen uns bekommen, das sind immer die „Kann-„ aber nicht „Muss-Entscheidungen“, die einen Schiedsrichter gut aussehen lassen, egal was er zusammen pfeift. Die Leidtragenden, mal wieder wir.
Insgesamt habe ich zwei ordentliche Spiele vom VfB gegen Köln und in Hamburg gesehen, die wir aufgrund mangelnder Chancenverwertung und einer Dummheit von Florian Klein verloren haben. Natürlich ist es augenscheinlich, dass die Mannschaft gegen Ende platt ist und die Einwechselspieler mehr Chaos verursachen anstatt Ruhe reinzubringen, dennoch, verwerten wir unsere Chancen zu Beginn der Spiele, könnte man ein Spiel auch mal mit halber Kraft in den letzten 15-20 Minuten nach Hause schaukeln.
Auch nach dem Spiel gegen die Eintracht müssten wir heute nicht unsere Wunden lecken, wenn wir in der ersten Halbzeit die Chancen genutzt hätten. Unbegreiflich wie Martin Harnik es immer wieder „schafft“ in aussichtsreichsten Positionen den Ball zu verstolpern oder aus zwei Metern Torentfernung den Ball in Richtung Cannstatter Wasen zu dreschen. Ich habe lange meine schützende Hand über Harnik gehalten, was er aber in dieser Saison an hochkarätigen Chancen liegen gelassen hat, da fehlen mir die Worte. Stimmt es im Kopf nicht, ist es Unvermögen oder doch mangelnde Klasse? Hier wäre mal unser Psychologe Philipp Laux gefragt. Eine Denkpause auf der Bank dürfte ihm fürs erste gut tun.
Kostic und vor allem Didavi wirkten gestern teilweise gehemmt, kein Wunder nach den Wechselgerüchten dieser Woche und den Zahlen, mit denen den Jungs der Kopf verdreht wird. Es ist ein Unding, dass quasi mitten in der Saison durch einige Transfers eine Lawine losgetreten wird. Von den Engländern werden Summen ausgerufen, die jede menschliche Vorstellungskraft übersteigen. Wenn ein Son für 30 Millionen zu den Tottenham Hotspurs wechselt und Leverkusen, um diese Lücke zu schließen, einen erneuten Anlauf bei Didavi startet, ist das für einen Verein wie den VfB fatal. Natürlich kannst Du Deine Wertschätzung für den Spieler dokumentieren und ihm einen neuen Vertrag anbieten, gehst auch an Deine Schmerzgrenze, lass sie zwischen 2,5 Millionen und 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt sein, wenn dann aber ein Verein wie Leverkusen lockt und zwischen 6 und 10 Millionen bietet, hast Du als VfB keine Chance, den Spieler langfristig zu halten. Da kann man nur darauf hoffen, dass Dankbarkeit und Heimatverbundenheit mehr zählen als der schnöde Mammon, Dida seinen Vertrag vielleicht noch verlängert, um uns irgendwann einmal eine stattliche Ablösesumme zu sichern.
Bei Kostic ist der Fall etwas anders gelagert. Wolfsburg, durch den De Bruyne Transfer um mindestens 75 (!) Millionen Euro reicher, sucht, zwei Tage vor Transferschluss, Ersatz und ist natürlich auch auf Filip Kostic aufmerksam geworden. Ein Verkauf ist aus VfB-Sicht nicht notwendig, da Kostic einen Vertrag bis 2019 besitzt und sicherlich noch günstigere Zeiten kommen werden, ihn für viel Geld abzugeben, nämlich dann, wenn man noch ein ausreichend großes Zeitfenster hat, um sich um einen adäquaten Ersatz zu bemühen.
Auf der anderen Seite aber wird es für den klammen VfB immer eine Schmerzgrenze geben, bei der man fast nicht anders kann, als einem Wechsel zuzustimmen. Daher nehme ich die Statements von Dutt, dass kein Leistungsträger mehr abgegeben werde, nicht ganz ernst. Im Fußballgeschäft ist doch alles nur noch eine Frage des Preises.
Ob die Meldungen stimmen, nach denen Kostic unbedingt weg möchte, weiß man nicht. Schwach wäre es von ihm auf jeden Fall, da er den Vertrag bei uns sicherlich im Zuge voller geistiger Zurechnungsfähigkeit unterschrieben hat. Außerdem fiele ihm das recht früh ein, dass er sich hier und mit seiner etwas anderen Rolle nicht mehr wohlfühle. Seine „Unzufriedenheit“ scheint also seine Ursache darin zu haben, dass Bewegung in den Transfermarkt gekommen ist. Holt Wolfsburg einen De Bruyne Ersatz? Hat man sich Kostic ausgeguckt oder doch Draxler? Wenn Draxler, ist dann Kostic ein Thema auf Schalke als dessen Nachfolger? Sportlich wäre sein Abgang ein herber Verlust, mit seiner Schnelligkeit ist er in unserem Spiel eine Waffe, auf der anderen Seite sagte Zorniger ja bereits vor Saisonbeginn, wer sich mit der Aufgabe beim VfB nicht identifiziere und wer nicht gerne und mit Überzeugung das Trikot mit dem Brustring überstreife, solle bei ihm vorstellig werden und man würde eine Lösung finden.
Diese Möglichkeit nutzte bereits Antonio Rüdiger, der nach langem Hickhack und möglicherweise unter Wert zur Roma wechselt. Dieses Theater und auch seine Verletzung, die er sich zuzog, als es schon keinen Weg zurück mehr gab, sind für mich maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir mit einer Not-Innenverteidigung in die Saison gehen mussten. Dutt sind nun mal die Hände gebunden, so dass er zunächst Transfererlöse generieren musste, bevor er auf große Shopping-Tour gehen durfte. Das Ausdünnen des Kaders hat ja nicht nur Geld gebracht, sondern auch Abfindungszahlungen bis hin zu weiteren (Teil-)Gehaltszahlungen an Spieler, die uns verlassen haben, nach sich gezogen. Bis der Kader, an dem sich Fredi Bobic messen lassen wollte, endgültig Geschichte ist, dauert es also noch eine ganze Weile. Rüdiger war somit der einzige, für den ein fetter Transfererlös zu erwarten war. Daher umso ärgerlicher das Possenspiel, das sein Halbbruder Sahr Senesie und Rüdiger selbst über Wochen abgezogen haben, weil es den VfB wertvolle Zeit und mangelnde Planungssicherheit gekostet hat.
Heute wurde endlich der Abschied von Vedad Ibisevic, ausgerechnet zur Berliner Hertha, unserem nächsten Gegner, verkündet. Ich hätte ihn zwar lieber in der griechischen Liga gesehen bzw. nicht gesehen, aber, Hauptsache weg. Hoffentlich zahlt die Hertha wenigstens sein volles Gehalt, wenn auch schon vermutlich keine Ablöse fällig werden dürfte. Wie schon erwähnt, seine Vertragsverlängerung, eine dieser vielen nicht nachvollziehbaren Handlungen des Einzelhandelskaufmanns aus dem Hallschlag. Ich hoffe jetzt schon, dass sein bosnischer Nationalmannschaftskollege Sunjic in Berlin sein Debüt feiert und vor allem weiß, wie man Vedad an die Kette legt, sollte dieser überhaupt schon für die Hertha ran dürfen. Er wäre schließlich nicht der erste Ex-VfBler, der uns genüsslich ein Ei ins Nest legt.
Gut, dass auch dieses Kapitel beendet ist, ein Weg zurück in den Kader wäre schwer vorstellbar gewesen, auch wenn ich Ibisevic in St. Gallen fast schon als vorbildlichen und auch volksnahen Profi erlebt habe. Immer höflich, wohlerzogen und als vollwertiges Mitglied der Mannschaft. Als Tribünendauergast war er natürlich zu teuer, würde Ginczek mal wieder langfristig ausfallen, aber, wäre es noch einigermaßen beruhigend gewesen, auf einen Ibisevic zurückgreifen zu können. Kliment ist noch nicht so weit, Harnik und Werner treffen das Tor nicht und ob Dida und Kostic auch am Dienstag noch da sind, weiß man derzeit noch nicht. Daher darf Daniel Ginczek im Grunde nichts passieren, es sei denn, man holt noch eine weitere Alternative fürs Sturmzentrum.
Ich hoffe sehr, dass der VfB personell noch nachlegt bzw. auch nachlegen kann. Außer einem Stoßstürmer, evtl. einem Torwart, stünden uns auch ein weiterer Innenverteidiger (damit Hlousek nur noch zweite Alternative ist) und ein zentraler Mittelfeldmotor, der unserem Kapitän mal Beine macht, gut zu Gesicht.
Man weiß nicht, was Zorniger von Gentner hält, ob er ihn als Fixpunkt seines Systems sieht oder er ihn „nur“ übernommen hat und sich nicht getraute, gleich zu Beginn ein Denkmal, den Kapitän zu rasieren. Er ist für mich nach wie vor meist nur ein Mitläufer, im wahrsten Sinne des Wortes, einer, der mit dem Strom schwimmt und vor allem auch im Strom untergeht, ohne sich groß zu wehren. Sinnbildlich gestern vor dem 1:3, das durch seinen schlampigen Pass auf Schwaab eingeleitet wurde. Im Gegensatz zur Ära Bobic/ Labbadia sind die Stimmen zum Spiel von Dutt und Zorniger ja wohltuend selbstkritisch und vor allem realistisch. Keine Schönrederei, Klartext, man merkt endlich mal, dass diese Herren das gleiche Spiel gesehen haben. Wenn ich dann aber unter den Stimmen zum Spiel das Statement von Christian Gentner lese, führt mir dieses deutlich vor Augen, dass Gentner eben auch noch ein Überbleibsel aus der schlechten alten Zeit ist:
„Beim Spielstand von 1:3 zu zehnt gegen einen solchen Gegner zurückzukommen ist nicht einfach. Aber es ist, wie es ist. Und in der Pause gilt es, für die, die das sind, hart zu arbeiten, sodass wir topmotiviert zum nächsten Spiel zurückkommen.“
Hört sich fast so an, dass das Spiel erst beim Stand von 1:3 begonnen hat, „hart arbeiten“ und „topmotiviert zurückkommen“ kann man in den Stimmen aus den letzten vier Jahren wohl hundertfach nachlesen.
Aber, zurück zu den Transfergerüchten und der Hektik, die jetzt noch auf dem Transfermarkt herrscht. Meiner Meinung nach sollte der Transfermarkt vor Saisonbeginn geschlossen werden und, wenn nicht, ein Reglement ähnlich dem der europäischen Wettbewerbe eingeführt werden, wonach man innerhalb einer (wenigstens) Halbserie nicht für zwei Vereine im gleichen Wettbewerb auflaufen darf. Für die Öffentlichkeit und die zahlungskräftigen Vereine mag es ja ein Spektakel sein, für einen kleinen Verein wie den VfB, als den wir uns demütig zählen sollten, ist es sehr gefährlich, womöglich jetzt, zur Unzeit, noch einen Leistungsträger zu verlieren.
Zu Beginn dieses Berichts habe ich weit ausgeholt und Punkte aufgeführt, die zu unserem sportlichen Niedergang führten. Vom Deutschen Meister durchgereicht zu einer grauen Maus der Bundesliga, Vereine, die man 2007 noch gar nicht wahrgenommen hatte, haben uns inzwischen den Rang abgelaufen und uns überholt.
Wenn ich einmal die von Labbadia und Bobic vielzitierte Demut unterschrieben hätte, dann jetzt, wo alle Zeichen auf Neubeginn stehen. Darum ärgert es mich auch maßlos, wenn von vielen schon nach drei Spielen alles in Frage gestellt wird und dem Projekt keine Zeit zugestanden wird. Viel schlimmer wäre es für mich gewesen, wenn wir die Spiele chancenlos hergegeben hätten, dem war aber nicht so. Bis auf die zweite Halbzeit gestern waren wir die spielbestimmende Mannschaft, agierten aktiver, zwangen den Gegner zu Fehlern und arbeiteten uns hochkarätige Chancen heraus. Dass Zorniger diese offensive Ausrichtung selbst überdenken wird, hat er gestern verlauten lassen.
Was wir jetzt unbedingt brauchen, ist Ruhe im Umfeld und keine Panik. Diejenigen, die jetzt schon wieder nach Huub schreien oder zumindest prophezeien, dass Zorniger spätestens nach dem Schalke-Spiel nicht mehr auf der VfB-Bank sitzen würde, wünschen sich wohl den „Fußball“ der letzten Jahre zurück. Ich tue das nicht. Ich habe vollstes Vertrauen in die Arbeit von Dutt und Zorniger und bin bei ihnen, dass dieser Umbau Zeit braucht. Natürlich müssen schnellstmöglich Ergebnisse her, diese werden aber kommen, daran habe ich keine Zweifel. In der Liga gibt es einige Mannschaften, die wir am Ende hinter uns lassen können sollten, 30 Punkte plus „x“ zu erreichen sollte für die Truppe kein Problem darstellen.
Ich fände es fatal, schon jetzt wieder zurückzurudern und gegen seine eigene Überzeugung zu handeln. Zorniger trat seinen Dienst beim VfB topmotiviert an. Er hat es scheinbar geschafft – er darf erstmals als Trainer eines Bundesligisten fungieren, das dazu noch direkt vor der Haustür und wo man seinen schwäbischen Dialekt versteht und er zudem noch viele Bekannte aus seiner Co-Trainer-Tätigkeit 2009 wiedertraf. Ein richtiger Traumjob für ihn also und daher sicher als langfristiges Projekt angelegt. Er ist keiner derer Trainer, die eben weiterziehen, wenn es nicht funktioniert oder einfach abhauen, wenn das Glück fehlt. Zu letzterem wäre ja bereits nach den ersten drei Spielen der Anlass gegeben, aber, Zorniger wird kämpfen und versuchen mit aller Macht den Bock umzustoßen, bevor die Mechanismen der Branche zu greifen drohen. Er dürfte auch nicht so stur sein, die Mannschaft Woche für Woche ins Verderben rennen zu lassen, sondern wird, wenn man am Montagabend endlich weiß, wie die Mannschaft für den Rest der Vorrunde aussehen wird, die Mannschaft defensiv zu stabilisieren versuchen und sich vor allem auf die Suche nach einer ausgewogenen Balance zwischen Offensive und Defensive begeben, am besten ohne sich unseres enormen Offensivpotentials zu berauben. Zu denen, die ihm das nicht zutrauen, fällt mir immer noch der gute alte Trapattoni-Klassiker „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“ ein.
Die Länderspielpause kommt für uns zur rechten Zeit. Der eine oder andere Nationalspieler wird mit einem Erfolgserlebnis und breiter Brust zurückkehren, Sunjic und vielleicht der eine oder andere weitere Neuzugang stehen in Berlin erstmals zur Verfügung und Leute wie Didavi und Kostic haben jetzt zwei Wochen lang Zeit, sich damit abzufinden, dass sie mindestens noch ein weiteres Jahr beim VfB bleiben werden. Als Schlusslicht werden wir dort erst einmal als Außenseiter antreten, ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass wir dort die Wende einleiten können, wenn wir ähnlich forsch wie in Hamburg antreten. Freue mich schon darauf, den VfB in die Hauptstadt zu begleiten, und das ausnahmsweise mal nicht an einem Freitagabend.
Ein Wort noch zur gestrigen „Schweigeminute“ für unseren verstorbenen Ehrenpräsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. Die Frankfurter Würstchen haben einmal mehr die Grenzen des schlechten Geschmacks unterschritten, ein No-Go und menschlich ein Armutszeugnis, wenn man nicht dazu imstande ist, einen Mann für einen Moment zu würdigen, der in seinem Leben allein mehr erreicht hat, als die 2.000 Assis im Gästeblock zusammen.

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13. September 2010

Fehlstart zu Saisonbeginn: Alarmstufe eins beim VfB

Es sind 85 Minuten vorbei, als Joachim Löw einen Zwischenspurt einlegt und sich zügig auf den Heimweg macht. So muss er keine ragen zum VfB beantworten. Das ist gut für ihn, denn wenn der Bundestrainer bis zur 90. Minute geblieben wäre und dann die Wahrheit gesagt hätte, hätte er sich in Stuttgart keine Freunde gemacht. Schließlich konnte jeder im Stadion sehen, dass die Mannschaft in der Krise steckt. Nach dem 1:2 beim SC Freiburg und der dritten Niederlage im dritten Saisonspiel ist der Fehlstart perfekt.

Durch seinen Abgang versäumt Löw eine Szene nach dem Schlusspfiff, die womöglich bezeichnend für die Stimmungslage ist. Wie üblich will sich Timo Gebhart bei den mitgereisten Anhängern für die Unterstützung bedanken. Im Mittelkreis wartet er auf seine Kollegen, die teilweise jedoch schon in der Kabine verschwunden sind. Gebhart winkt aufgeregt. Zumindest einige folgen ihm dann doch noch und marschieren in Richtung Kurve – um auf halber Strecke wieder umzudrehen. Ein Affront gegen die Fans soll das wohl nicht sein. Eher spiegelt sich darin das Innenleben der Mannschaft wider. Es herrscht der Eindruck, dass jeder in erster Linie an sich selber denkt. So spielen sie übrigens auch.

Der Teamgeist fehlt

Diese Entwicklung hat nun sogar Erwin Staudt auf den Plan gerufen. Am Sonntag redete er dem Team eindringlich ins Gewissen. Der Präsident forderte die Profis auf, sich wieder auf ihren Job zu konzentrieren. Das Fazit der Bestandsaufnahme lautete, dass es so nicht weitergehen kann. Staudt betonte, dass er mehr erwartet. Das zeigt: die Verantwortlichen beim VfB sind schon sehr nervös. Es herrscht Alarmstufe eins.

Wenn der Appell an die Spieler nicht fruchtet, wird sich Staudt an den Trainer wenden. So sind die Mechanismen, das weiß Christian Gross. Er ist der Erste, der sich am Samstag in die Katakomben zurückzieht – und danach ziemlich ratlos wirkt. Wie schon zuletzt sagt er erneut, dass die Niederlage unnötig gewesen sei. Oder dass die Gegentore nach Fehlern gefallen seien. Oder dass sich die Mannschaft das selbst eingebrockt habe. Oder dass es nun hart werde. “Wir müssen da bald rauskommen.” Wie das gelingen soll, sagt Gross nicht.

Vielleicht hat auch ihm die Körpersprache in der zweiten Halbzeit zu denken gegeben, als die Spieler mutlos über den Platz gelaufen sind. Da war kein Aufbäumen, kein Wille, kein Zusammenhalt. Der VfB schien auseinanderzufallen und wirkte, als sei er mit den Kräften am Ende – als Folge einer komplizierten Saisonvorbereitung? Jedenfalls gibt es Spieler, die nicht gerade begeistert über die vielen Trainingscamps im Sommer waren. Außerdem wird in der Mannschaft auch über den Sinn der intensiven Belastungseinheiten am Tag vor einigen Europa-League-Spielen diskutiert.

Vorbereitungsphase war schwierig

Allerdings war es auch nicht einfach für Gross, der zum einen dafür sorgen musste, dass der VfB international im Rennen bleibt – und andererseits auch fit in die Bundesliga geht. Zudem konnte der Trainer lange nicht mit dem kompletten Kader arbeiten, wegen der WM und weil viele Neuzugänge erst spät verpflichtet wurden. Dazu passt, dass die im August geholten Johan Audel und Philipp Degen sofort ausgefallen sind und bis auf weiteres fehlen. So kommt ein Problem zum anderen.

Offensichtlich ist beispielsweise auch, dass die Mannschaft keinen Anführer hat – eine Rolle, die Sami Khedira und Jens Lehmann in der Rückrunde zumindest teilweise ausfüllten. Beide sind nicht mehr hier. Der Aushilfskapitän Cacau versucht in die Bresche zu springen, aber dabei verzettelt er sich. Er meint, überall auf dem Spielfeld präsent sein und vieles auf eigene Faust unternehmen zu müssen. Damit wird Cacau für die eigenen Kollegen jedoch noch unberechenbarer als für den Gegner.

Im Mittelfeld harmonieren Christian Gentner und Zdravko Kuzmanovic nicht. Den für diese Position bestens geeigneten Christian Träsch lässt Gross nur als Verteidiger ran. Auch die Entscheidung des Trainers, zu Saisonbeginn trotz schwacher Leistungen auf Georg Niedermeier und Khalid Boulahrouz zu bauen und Serdar Tasci draußen zu lassen, beschäftigt die Mannschaft weiter.

Insofern steht der VfB vor einer wichtigen Woche mit den Spielen am Donnerstag in der Europa League gegen Bern und am Samstag in der Liga gegen Gladbach. Der negative Lauf muss schnell gestoppt werden. Sonst dürfte es nicht lange dauern, bis Erwin Staudt seinen nächsten Auftritt hat.

Freiburg:

Baumann – Mujdza, Barth, Butscher, Bastians – Schuster – Abdessadki, Makiadi, Jäger (49. Nicu) – Cissé (83. Toprak), Reisinger (57. Yano).

Stuttgart:

Ulreich – Träsch, Niedermeier, Tasci, Molinaro – Kuzmanovic, Gentner – Camoranesi (61. Gebhart), Didavi (76. Boka) – Pogrebnjak (76. Harnik), Cacau.

Schiedsrichter:

Sippel (München).

Tore:

0:1 Pogrebnjak (27.), 1:1 Cissé (58.), 2:1 Schuster (71.).

(STZ 13.9.2010)

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