29. Februar 2016

Noch kein Beinbruch

Die schlimmsten Befürchtungen wurden am Samstag im Neckarstadion leider bestätigt. Der VfB wurde seinem Ruf als Aufbaugegner einmal mehr gerecht und unterlag nach zuletzt acht nicht verlorenen Spielen in Folge dem Schlusslicht Hannover 96, das seinerseits acht (!) Niederlagen am Stück hatte hinnehmen müssen.

Wie konnte es nur dazu kommen? Vielleicht spielte ins Unterbewusstsein doch mit hinein, dass man dem abgeschlagenen Schlusslicht hochüberlegen sein sollte und Hannover unter Schaaf ja ohnehin nichts auf die Kette bringen würde. Waren es diese 10% weniger, die man in die Waagschale warf und die diese schließlich zu Gunsten der 96er senkte? War es Unvermögen oder fehlendes Glück oder fehlte doch unser Spielmacher Daniel Didavi an allen Ecken und Enden?

Ich finde, von allem etwas. Alexandru Maxim war einmal mehr kein gleichwertiger Ersatz für Dida. Seine besten Spiele macht er, wohl sehr zu seinem Leidwesen, als Einwechselspieler, so dass der VfB schon jetzt seine Rückschlüsse ziehen sollte und im Falle eines Weggangs von Didavi, einen möglichst gleichwertigen Ersatz parat haben sollte. Bei 17:1 Ecken und 22:12 Torschüssen, 60% Ballbesitz und einer ordentlichen Passquote muss einfach mehr herausspringen, als dieses mickrige von Werner erzielte Törchen. Die Ecken, ob von Maxim oder später von Kostic waren meist sichere Beute des guten und großgewachsenen 96-Keepers Zieler, der die hereingeschlagenen Bälle mühelos herunterpflücken konnte, sofern die Pille es überhaupt bis zu ihm schaffte und nicht schon beim ersten Abwehrspieler Endstation war. Großchancen von Timo Werner und Filip Kostic wurden leichtfertig vergeben, so dass am Ende zwei Unachtsamkeiten in der Abwehr genügten, um zwei vermeidbare Tore zu kassieren und am Ende mit leeren Händen dazustehen. Kommt dann noch Pech dazu und kann Sorg zwei Mal auf der Linie klären, geht der Schuss eben auch mal nach hinten los, alte Fußballerweisheit.

Die schlechte Chancenverwertung war grotesk und erinnerte an die ersten Saisonspiele unter Zorniger. Hier muss der Hebel angesetzt werden, auch wenn es fraglich erscheint, ob aus Timo Werner noch ein echter Goalgetter wird. Er rackert, reibt sich auf, ist durch seine Schnelligkeit eine Waffe, aber, den Torabschluss hat er nicht erfunden. Er verstolperte DIE Chance zum 2:1 in Mittelstürmerposition kläglich, so dass Stimmen lauter werden, die einen echten Mittelstürmer wie Kravets oder auch Martin Harnik in der Sturmmitte fordern und Timo Werner eher auf Außen oder gar auf der Ersatzbank sehen möchten.

Meine Geduld mit ihm ist noch lang nicht am Ende. Er ist noch jung (wird nächsten Sonntag 20!) und hat als Eigengewächs bei mir einen Bonus, zudem lebt er den VfB und identifiziert sich mit ihm, wie kaum ein zweiter im derzeitigen Kader. Er hat in dieser Saison einen gewaltigen Sprung gemacht und ist noch lang nicht am Ende seiner Entwicklung, so dass man nicht schon jetzt den Stab über ihn brechen sollte.
Vielleicht täte ihm eine Denkpause in Mönchengladbach gut, fallen lassen darf man ihn aber nicht. Immerhin erzielte er ja auch den vielumjubelten Führungstreffer, halb mit dem Kopf, halb mit der Schulter, als die Hannoveraner ihn bei einem Maxim-Freistoß sträflich frei ließen. Damit schraubte er sein Torekonto auf fünf hoch, und hat bereits jetzt so viele Treffer erzielt wie noch nie zuvor in seiner Bundesligakarriere.

Auf der anderen Seite lud der VfB Christian Schultz freimütig zum Toreschießen ein. Schultz, dem in den letzten vier Saisons gerade einmal jeweils ein Treffer gelang und der in dieser Saison vorher noch überhaupt nicht getroffen hatte, wurde gegen den VfB zum Doppelpacker, weil sowohl Schwaab als auch Großkreutz bei beiden von Kiyotake hereingeschlagenen Standards nicht auf der Höhe waren. Diese beiden Unkonzentriertheiten beraubten uns schließlich der Punkte, die gegen das Schlusslicht ohne Wenn und Aber eingeplant waren. Unterm Strich war es eine sehr ärgerliche und vermeidbare Niederlage und sie ist dennoch kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken.

Auch wenn der VfB ein klares Chancenplus zu verzeichnen hatte, ganz unverdient war der Hannoveraner Sieg auch wieder nicht. Schon vor dem 0:1 hatten die 96er die bessere Spielanlage zu bieten und wurden durch Distanzschüsse gefährlich, die dankbare Beute von Tytoń waren.

Mit der allerersten Chance ging der VfB dann (überraschend) in Führung, wodurch sich das Schlusslicht aber nicht hängen ließ. Für den VfB war das Spiel der Hannoveraner schwer zu durchschauen, da sie ohne echten Stürmer antraten und unsere Innenverteidigung um Schwaab und Niedermeier in der Luft hing und mit den vielen Freiheiten nicht wirklich etwas anzufangen wusste. Hier hatte Schaaf Kramny offensichtlich ausgetrickst, bis sich der VfB einigermaßen darauf einstellte, stand es auch schon 1:1.

Rühmte ich letzte Woche noch die Auswechslungen Kramnys, kamen mir die Wechsel dieses Mal zu spät. Vor allem die Herausnahme von Serey Dié konnte ich nicht nachvollziehen, war er doch bis zu diesem Zeitpunkt DER Antreiber, der es wenigstens noch versuchte, durch die Mitte Räume zu schaffen. In Anbetracht dessen, dass unsere Innenverteidiger ohnehin beschäftigungslos waren, hätte man, bei ein wenig mehr Flexibilität, auch auf eine Dreierkette umstellen und das Signal auf Attacke stellen können.

Ich hatte letzte Woche schon geschrieben, dass dies wohl das schwerste Spiel der letzten Wochen werden und einen echten Charaktertest darstellen würde, ernsthaft vorstellen konnte ich es mir aber auch nicht, dass ausgerechnet wir diejenigen sein würden, die Hannover zum Leben erwecken würden. Aber, so ist der Fußball und speziell der in der Bundesliga. Die Leistungsdichte ist enorm, ein Nachlassen oder gar ein Unterschätzen des Gegners wird gnadenlos bestraft. Und doch müsste man nicht darüber philosophieren, ob der VfB zu leichtfertig an die Aufgabe herangegangen ist, wenn aus dem Chancenplus Kapital geschlagen worden wäre.

Der VfB war drauf und dran die Herzen der Gelegenheitsstadionbesucher zurückzuerobern und verzeichnete mit 54.356 Zuschauern den besten Besuch seit langem. Hoffen wir, dass diese sich wegen der Niederlage nicht umgehend wieder abwenden und dem Verein und der Mannschaft wieder die kalte Schulter zeigen. Für Spektakel und guten Fußball ist in dieser Saison stets gesorgt, dass dies nicht immer mit einem befriedigenden Ergebnis einhergeht, bringt unser Lieblingssport so mit sich. Alles in allem war auch der Auftritt gestern wieder ein aufregender und zwar in jeder Hinsicht. Wenn der VfB im Rollen ist und ein Angriff nach dem anderen auf des Gegners Tor zurollt, ist das aufregend mitzuerleben, die Fehler in der Abwehr, die Hannover schließlich jubeln ließen, regten mich dann aber auch gewaltig auf.
Nach dieser großartigen Serie von acht Spielen ohne Niederlage, befinden wir uns nun in einer leichten Abwärtsspirale mit zuletzt zwei Spielen ohne Sieg. Den Punkt auf Schalke hätte man gegen Hannover versilbern können, während man jetzt doch eher den beiden verlorenen Punkten nachtrauert, vor allem, wenn man gesehen hat, wie Schachtjor Donezk die Knappen unter der Woche auseinandergenommen hat.

Die nächste Gelegenheit, diesen leichten Negativtrend zu stoppen, besteht bereits am Mittwoch im Borussia-Park zu Mönchengladbach. Es dürfte ein ganz schweres Spiel bei der drittbesten Heimmannschaft, die noch um die Championsleague-Qualifikation kämpft, werden.

Allerdings ist Gladbach auch ein extrem gutes Pflaster für uns, die letzte Niederlage im Borussia-Park liegt bereits knapp elf Jahre zurück, zuletzt holten wir dort vier Siege und fünf Unentschieden.
Nach dieser Niederlage besteht für Kramny durchaus Anlass, seine bisher meist unumstößliche Aufstellung zu überdenken. Wer ist frisch genug? Gönnt man Werner, Rupp und/ oder Insúa, die allesamt am Samstag überspielt wirkten, mal eine Pause? Geht man das Unternehmen Auswärtssieg mit frischeren Kräften an und zwingt Gladbach, ein hohes Tempo mitzugehen? Immerhin haben die Borussen noch einen Tag weniger zur Regeneration zur Verfügung, so dass sich am Ende, wie bereits auf Schalke, auszahlen könnte, noch zulegen zu können.

Kravets und/ oder Harnik drängen langsam aber sicher ins Team, während Didavi seinen angestammten Platz wieder einnehmen dürfte. Vielleicht dürfen die beiden genannten ja mal zusammen von Beginn an ran. Während man Werner 1:1 ersetzen könnte, fiele dies bei Rupp schwerer. Auch in den zuletzt nicht so überragenden Spielen, leistete er als Balleroberer und mit seinem guten Spielverständnis wertvolle Dienste fürs Team.

Die Gefahr bei einer übertriebenen Rotation besteht allerdings, dass etwas an Stabilität verloren geht, wie man beim Pokalspiel gegen den BVB leidvoll miterleben musste, wobei der Einschnitt damals gravierender war, weil man durch die Hereinnahme von Langerak und Šunjić die zuletzt funktionierende Abwehrformation auseinander gerissen hatte.

Auf der anderen Seite belohnt man gute Trainingsleistungen derer, die momentan etwas außen vor sind, am ehesten damit, dass diese belohnt werden und sie auch dann die Chance haben, ins Team zu rücken, wenn sich nicht gerade einer verletzt hat oder gesperrt ist.

Dieser Rückschlag ist (noch) kein Beinbruch, mit 28 Punkten stehen wir momentan noch voll im Soll. Das Team als Ganzes ist jetzt gefragt, die gute Stimmung und den respektvollen Umgang untereinander auch dann aufrecht zu erhalten, wenn nicht alles eitel Sonnenschein ist und Gegenwind aufkommt. Hier wird sich zeigen, ob die Truppe an Charakterstärke gewonnen hat im Vergleich zum Vorjahr und ob die Trotzreaktion aus der Mannschaft heraus erfolgt.

Die Tabellensituation stellt sich noch komfortabel dar, was allerdings schon wieder anders aussehen könnte, sollten wir aus Mönchengladbach mit leeren Händen zurückkehren und auch gegen Hoffenheim, an dem sich gestern schon der BVB bis zur roten Karte extrem die Zähne ausgebissen hat, verlieren. Dieses Szenario ist nicht ganz unrealistisch, auf der anderen Seite aber hat der VfB in dieser Saison außer den großen Zwei schon jeden Gegner, zumindest phasenweise, an die Wand gespielt, so dass in fast jedem der ausstehenden Spiele eine reelle Siegchance besteht.

Vor einem neuerlichen totalen Absturz, den viele schon wieder prophezeien, habe ich keine Angst. Niederlagen gehören zum Spiel dazu, noch haben wir genügend Möglichkeiten es besser zu machen, noch ist der Vorsprung auf den Relegationsplatz beruhigend groß und vor allem, von Hoffenheim vielleicht einmal abgesehen, stehen durchweg deutlich limitiertere Truppen hinter uns, als dass man vor irgendeinem Team im Tabellenkeller Schiss haben müsste.

Daher wird der VfB weiter seinen Weg gehen und, da nicht am Samstag, eben in den nächsten Spielen die nötigen Punkte einfahren, um die letzten Zweifel am Klassenerhalt zu beseitigen und die notorischen Schwarzseher zu besänftigen.

Mittlerweile herrscht ein ganz neuer Geist in der Truppe, wir haben wieder den einen oder anderen Typen im Team. Qualität, vor allem offensiv, ist vorhanden und, was uns die letzten Jahre total abging, es herrscht Spielfreude. Die einen pushen, die anderen berauschen sich an ihrem atemberaubenden Spiel, und mit Kramny steht ein Mann an der Linie, der den richtigen Ton zu treffen scheint und ein feines Gespür dafür hat, wie er die Mannschaft anzupacken und auch jetzt wieder aufzurichten hat. Das alles sind Faktoren, die mich zuversichtlich stimmen, dass wir in dieser Saison lang nicht so lang zittern müssen wie in den beiden Vorjahren.

Eine Rückrundenserie gilt es zumindest in Mönchengladbach zu verteidigen. Wir punkteten bisher ausschließlich gegen jene Mannschaften, gegen die wir in der Vorrunde mit leeren Händen dastanden und verloren nun just gegen das Team, gegen das in den ersten sieben Saisonspielen der einzige Siege heraus sprang. Gegen Gladbach setzte es Ende September eine 1:3-Niederlage, also, durchaus als gutes Omen zu werten!

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1. April 2013

Unglückliche Heimniederlage gegen den Deutschen Meister

Nach der Länderspielpause und einer gefühlten Ewigkeit mal wieder hatte der VfB ein Heimspiel zur traditionellen Fußballzeit, Samstag 15.30 Uhr, vor der Brust. Voller Vorfreude und auch mit einem gewissen Optimismus machte ich mich an diesem Samstag schon sehr frühzeitig auf zu einem Bierchen und Fachsimpeleien mit Freunden. Diese Rituale gehören dazu wie das Treiben auf dem grünen Rasen und können an einem Samstag-Nachmittag natürlich weitaus genüsslicher angegangen werden als bei Sonntag-Spielen.

Durchaus optimistisch deswegen, weil der VfB dem BVB zuletzt vier Mal in Folge ein Remis abringen konnte, weil, durch die Länderspielpause und den Wegfall der Dreifachbelastung ein wenig Zeit zum durchschnaufen war und weil der VfB zuletzt durch den Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt den Tabellendruck etwas abmildern und sich Selbstvertrauen zurück holen konnte.

Das Stadion war seit längerem mal wieder ausverkauft, was einmal mehr verdeutlicht, dass zum VfB viele Leute eher wegen dem Gegner als wegen dem VfB kommen. Ein Phänomen, das nun mal so ist. Vor allem in Zeiten, des sportlichen Misserfolgs, in einer Saison, in der sich eine emotionslose Partie an die nächste reiht, in der sich Verein und Mannschaft immer mehr vom Publikum entfremden, in denen man für immer weniger Gegenleistung immer mehr Geld bezahlen soll, da ist ein Stadionbesuch einfach nicht mehr so selbstverständlich wie vielleicht noch vor einigen Jahren.

Und die VfBler, die zu Hause blieben, ermöglichten den unzähligen Gelb-Schwarzen sich einen Platz inmitten des weiten Runds zu sichern. Dies hatte zur Folge, dass sicherlich rund 10.000 BVB-Fans das Neckarstadion bevölkerten. Dortmunder möchte ich nicht sagen, da es unter denen doch sehr geschwäbelt hat.

Im Vergleich zum Frankfurt-Spiel änderte Labbadia die Anfangsformation gleich auf vier Positionen. Tasci wegen Grippe, Kvist und Molinaro gesperrt fielen ebenso aus wie der verletzt von der Nationalelf zurückgekehrte Shinji Okazaki. Für diese rückten Rüdiger hinten rechts, Felipe, Maxim und Harnik ins Team. Der VfB begann engagiert und hatte durch Niedermeier und Traore erste gute Tormöglichkeiten, hatte aber auch Glück, dass Reus in der Anfangsphase an Sven Ulreich scheiterte. Der VfB war von Beginn an im Spiel und es entwickelte sich, wie so oft in letzter Zeit gegen den BVB, ein Spiel mit offenem Visier. Man merkte den Brustringträgern an, dass sie sich etwas vorgenommen hatten und keineswegs dem scheinbar übermächtigen Gegner das Feld kampflos überlassen wollten. Anders als in so vielen Spielen zuvor , als man verhalten ins Spiel ging und erst einmal abwartete, den Sicherheitsrückpass dem Steilpass stets vorzog, war auf einmal Bewegung und Kampfgeist drin, was sich auch aufs Publikum projizierte. Gerade bei uns, Haupttribüne Seite Richtung Untertürkheimer Kurve, wo man oft den gegnerischen Anhang lauter hört als den unseren, wo sich gegnerische Fans in großer Anzahl tummeln, wo sich zuletzt eine unfassbare Lethargie und Gleichgültigkeit breit machte, gerade hier spürte ich, wie sich das Feuer vom Rasen auf die Ränge übertrug und Gift wie lange nicht mehr drin war.

Dass, wenn David gegen Goliath spielt, der vermeintlich kleine auch einmal zu unlauteren Mitteln greifen muss um nicht Katz und Maus mit sich spielen zu lassen, liegt in der Natur der Sache. Dass die Dortmunder Spieler, die meist unheimlich flink auf den Beinen sind, das eine oder andere Mal auch rustikal ausgebremst werden müssen, ist doch normal in diesem Sport. Wie sehr würde man sich aufregen, würde man sich sang- und klanglos ergeben und hätte nach dem Schlusspfiff nicht eine gelbe Karte zu verzeichnen.

Ich betone hierbei rustikal und meine nicht brutal oder fies. Die Aktion von Martin Harnik gegen Schmelzer fand ich überflüssig, da, so wie der Ball kam, eigentlich keine Gefahr mehr entstehen konnte. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, sieht man auch, dass Harnik schon vor dem „hohen Fuß“ Körperkontakt mit Schmelzer hatte, also genau wusste, dass er „in der Nähe“ war und es einfach nicht so ist, wie er hinterher zum Besten gab, dass er ihn nicht gesehen hätte. Ob jetzt der Fuß hoch oder der Kopf zu tief war, ist müßig zu diskutieren. In dieser Situation hätte er nicht so einsteigen brauchen, fertig. Allerdings, dieses Vergehen wurde richtigerweise mit Gelb sanktioniert, eine härtere Strafe wäre überzogen gewesen. Es war Harniks fünfte Gelbe Karte, so hat er jetzt auch ausreichend Zeit, darüber nachzudenken, ob das hat sein müssen.

Und, Marcel Schmelzer, nichts für ungut. Der BVB hat Erfahrungen mit Gesichtsverletzungen und wird sicherlich die bestmögliche Versorgung gewährleisten können. Dass man auch mit Nasenbeinbruch nicht so schwer gehandicapt ist wie bei einem Fußbruch zeigt derzeit unsere Winterneuerwerbung Alexandru Maxim. Er stand erstmals in der Bundesliga in der Startelf und wird dort hoffentlich nicht so schnell wieder rausfliegen, auch wenn er damit Brunos Wunschelf sprengen sollte. Er ist DER Lichtblick in Zeiten fußballerischer Armut, ist er doch ein Spieler, dessen Freund der Ball ist und der einzige weit und breit in unserem Kader, Raphael Holzhauser mit Abstrichen ausgenommen, der es vermag einen Eckball bzw. Freistoß zum eigenen Mann und vor allem über den ersten Abwehrspieler hinweg zu bringen. Bei ihm geht mir derzeit das Herz auf und nicht umsonst gilt er als der „Mario Götze Rumäniens“. Ich bin guter Hoffnung, dass wir an ihm noch viel Freude haben werden und freute mich riesig, dass er es war, der sich für seine starke Leistung mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich belohnte.

Brunos Wunschformation wurde unter anderem durch Kvists Gelbsperre gesprengt. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen Kvists Sperre und dem neuen Angriffsschwung besteht? Für mich liegt dieser „Verdacht“ nahe, war das VfB-Spiel doch plötzlich viel schneller und ansehnlicher. Wenn man sich die Verfassung des dänischen Nationalspielers zuletzt vor Augen führt, war seine Sperre für das Team mehr Segen als Fluch.

Eine andere Maßnahme, zu der Bruno Labbadia buchstäblich gezwungen wurde, war, Antonio Rüdiger als Rechtsverteidiger aufzustellen und Gotoku Sakai links verteidigen zu lassen. Eine personelle Rochade, die ich mir schon nach dem Bayern-Spiel gewünscht hätte, als Rüdiger großartig gegen Ribery spielte, und, nachdem Sakai zurückkehrte, sofort wieder auf der Bank oder Tribüne verschwand. Gerade junge Spieler verstehen doch die Welt nicht mehr, wenn sie nach starken Leistungen sofort wieder aus dem Team genommen werden, wenn vermeintliche Leistungsträger von Sperren, Verletzungen oder Afrika-Cup zurückkehren. Ein Trainer sollte doch immer zuerst die formstärksten Spieler bringen und gute Leistungen belohnen, anstatt blind seiner inneren Überzeugung zu folgen, und sich Woche für Woche von SEINEN Lieblingen enttäuschen zu lassen. Diesbezüglich erinnert mich Labbadia oft an Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede bzw. den Auszug davon „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“.  Bei solch sturem Festhalten an manchen Spielern bin ich (dann) gegenteiliger Meinung!

Doch nun zurück zum Spiel. Für Schmelzer kam Piszczek, der eigentlich für die Champions League Partie in Málaga geschont werden sollte, ins Spiel. Ausgerechnet der polnische Rechtsverteidiger war es dann, der fünf Minuten nach seiner Einwechslung seine Farben in Führung köpfte. So gesehen war der Tritt von Harnik gegen Schmelzer für den BVB ein „Glückstritt“. Beim VfB war die Aufregung groß, war dem Freistoß, der dem 0:1 voranging doch ein unberechtigter Einwurf für Dortmund vorausgegangen.   Bei aller Aufregung aber, eine vom BVB schon hundertfach gesehene Freistoßvariante darf man auch besser verteidigen…

So rächte sich in einem bis dato ausgeglichenen Spiel mit verteilten Torchancen, hüben wie drüben, die erneut schludrige Chancenverwertung vom VfB, die sich wie ein roter Faden durch die Saison zieht. Ibisevic, meist auf sich alleine gestellt, bekommt zu wenig Futter, um sein Torkonto erhöhen zu können, er fällt derzeit meist lediglich dadurch auf, dass er Bälle gut behaupten kann. Mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen, fast unermüdlich wirft er alles in den Ring, was er zur Verfügung hat. Wenn er sich Tore nicht selbst vorbereitet, trifft er aber (zur Zeit) nicht. Schade, dass er knapp im Abseits stand, als er Weidenfeller per Kopf überwunden hatte.

Stattdessen hätten aber Georg Niedermeier und vor allem Traore treffen müssen. Möchte man ein solches Spiel gegen einen starken Gegner gewinnen, dann muss man einfach die Kiste machen und 1:0 in Führung gehen. So fiel der Treffer auf der anderen Seite, was den VfB allerdings dieses Mal nicht lähmte und zurück warf. Nicht zuletzt, weil sie in Maxim endlich mal wieder einen kreativen Kopf auf dem Platz hatten, gelang es, dem BVB ein über weite Strecken ausgeglichenes Spiel zu bieten.

Nach einer guten Stunde Spieldauer kam der VfB dann zum verdienten Ausgleich durch Maxim, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft lag. Knackpunkt des Spiels war dann die gelb-rote Karte für Georg Niedermeier nach 70 Minuten. In meinen Augen einfach nur dumm dieses Einsteigen, wenn man bereits gelbverwarnt ist. Dieses Foul wäre vom einen oder anderen Referee auch mit glatt rot bestraft worden, daher auch ist es auch müßig darüber zu diskutieren, dass die erste gelbe Karte für Niedermeier keine war. Der Schorsch wirkte nicht nur in dieser Szene übermotiviert und machte seinem Spitznamen „Niederstrecker“ alle Ehre. Unschön, was dann geschah, als Götze im Fallen eine Bewegung mit seiner Hand in Richtung Schorsch machte, ihn wohl auch im Gesicht „streichelte“, der Schorsch sich aber danach wälzte, als habe ihm Mike Tyson seine gefürchtete Schlaghand ins Gesicht gedonnert. Diese Theatralik im „modernen“ Fußball widert mich einfach an, ob es jetzt ein Gegner ist oder wie in diesem Fall ein eigener Spieler. Wir haben doch gestandene Mannsbilder auf dem Platz und keine Memmen, also sollten sie sich auch wie Mannsbilder benehmen und nicht sämtliche guten Sitten vergessen, nur um sein eigenes Strafmaß abmildern zu wollen oder eine Bestrafung für den Gegenspieler herausschinden zu wollen. Was mich betrifft kann der Schorsch damit keinen Eindruck machen, ich fand das nur peinlich.

Schlimm ist eben, wo wir schon bei Schauspielerei sind, dass diese mittlerweile zum guten Ton in der Bundesliga gehört. Wie oft sieht man Spieler, die sich bei gegnerischem Ballbesitz herum wälzen, um zu erwirken, dass irgendeiner den Ball raus spielt und plötzlich wieder „fit“ sind, wenn die eigene Mannschaft den Ball gewinnt. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, plädiere ich dafür, gnadenlos weiter zu spielen, zumindest von der gegnerischen Mannschaft, ohne dabei irgendetwas von verletztem Fairplay zu faseln. Wo ist denn das Fairplay, wenn 60.000 Zuschauer im Stadion durch den Verfall der Sitten verarscht werden und das Spiel dazu noch unnötig verlangsamt wird.

So war die Hinausstellung Niedermeiers gerechtfertigt, ebenso wie die gelbe Karte für Götze. Für meinen Geschmack war das noch zu wenig, um hier eine Hinausstellung Götzes zu fordern. Allerdings hat mir der Schiedsrichter Aytekin insgesamt zu einseitig gepfiffen, bspw. hätte Gündogan ebenso gelb oder dann später auch gelb-rot sehen können bzw. müssen, in Situationen, als es weniger um den Ball ging, als bei der Aktion von Niedermeier, wo immerhin die Absicht unterstellt werden konnte, er wolle den Ball spielen. Auch muss man nicht zwingend bei jedem Körperkontakt gegen die wendigen Leichtgewichte Reus und Götze auf Freistoß für den BVB entscheiden. Diese wiederum forderten stets gestenreich, genauso wie die Dortmunder Bank und vor allem im Tor Ramona Weidenfeller Karten gegen den VfB. Dieses ständige Reklamieren, Gestikulieren und Rumgeheule, um den Schiri auf seine Seite zu bekommen, hätte genauso sanktioniert gehört. Der VfB hätte noch einen Handelfmeter bekommen können, dazu war die gelbe Karte für eine vermeintliche Schwalbe gegen Boka völlig überzeugen. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass der DFB dem Schiedsrichtergespann die Mission erteilt hatte, die Liga noch ein wenig „spannend“ zu halten und dass der VfB eben die Bayern nicht schon zum frühzeitigen Meister machen sollte.

Der VfB hat meiner Meinung nach über weite Strecken das getan, was er tun musste. Er begegnete dem BVB mit Einsatz, Kampf und Leidenschaft, Tugenden, die wir lange vermisst hatten. Daher verteufele ich keineswegs das eine oder andere harte Einsteigen, dies war notwendig, um dem BVB Paroli zu bieten und in gewisser Weise auch um sich Respekt zu verschaffen.

Aus diesem Blickwinkel kann ich auch die Aussage von Labbadia unterschreiben, dass die Dortmunder keineswegs unter Artenschutz stehen. Wir sind sicherlich nicht dafür zuständig, dass die Dortmunder am Mittwoch gegen Málaga eine schlagkräftige Elf auf dem Platz haben, auch wenn ich natürlich hoffe, dass der BVB diese Hürde nimmt. Der VfB kämpft ums Überleben in der Liga und kann auf solche Sentimentalitäten in der derzeitigen Situation keine Rücksicht nehmen.

Dass Klopp hinterher die überharte Gangart vom VfB und die eine oder andere Schramme seiner Kicker beklagte liegt ja mit daran, dass sie sich ebenfalls mit allem, was sie haben, ins Getümmel werfen und ordentlich austeilen. Diese Spielweise hat sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht, also sollte jetzt auch nicht gejammert werden, wenn der VfB gut dagegen hielt.

Als VfB-Fan ging ich trotz der Niederlage, die leider in Unterzahl nicht mehr verhindert werden konnte, zufrieden von dannen. Der VfB hat einiges ins Spiel investiert und hätte den einen Punkt sicherlich auch verdient gehabt. Sollte es gelingen, diese neu entdeckten Tugenden auch bei den kommenden Spielen in die Waagschale zu werfen, ist mir nicht bange. Mindestens gegen zwei Drittel der Liga würde eine solche Leistung zum Sieg reichen und diese aufopferungsvolle Hingabe belohnt werden.

Für den VfB wird es in den restlichen Spielen darum gehen, den Abstand auf Relegationsplatz 16 zu halten und mit der Abstiegszone nichts mehr zu tun zu bekommen. Die Spiele werden aber weniger und unten scheint das kurze Aufmucken des FC Augsburg schon wieder beendet zu sein. Alle anderen, die in der Tabelle hinter uns platziert sind, punkten ebenfalls nicht gerade furchteinflößend, so dass das Thema Abstiegsgefahr hoffentlich bald ad acta gelegt werden kann.

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23. Oktober 2009

Hoher Aufwand, kein Ertrag

Category: Presse — Tags: , , , , , , – Franky @ 07:47

Wie am Schnürchen läuft die Sache mit dem Toreschießen erst am Tag danach. Im Minutentakt schlagen im Trainingsspiel der Reservisten die Schüsse im Gehäuse ein, mal rechts, mal links, mal fulminant. Mit der Brust nimmt beispielsweise Thomas Hitzlsperger den Ball an, mit dem Rücken zum Tor, und vollendet per Fallrückzieher. Es könnte alles so schön sein.

Dummerweise jedoch war von all der Pracht im Torabschluss am Abend vorher sehr wenig zu sehen. Elson traf zwar mit einem sehenswerten Freistoß, die anderen Offensivkräfte aber versemmelten reihenweise beste Chancen. Und weil zudem die Verteidiger in entscheidenden Situationen schliefen, unterlag der VfB Stuttgart auch dieses Mal, mit 1:3 gegen den FC Sevilla. Und wie schon drei Tage zuvor gegen Schalke 04 (1:2) in der Bundesliga lautete die Erkenntnis: hoher Aufwand, null Ertrag; gut gespielt, doch verloren.

An den nackten Zahlen wird ein Trainer gemeinhin gemessen – und die sind verheerend. Viermal nacheinander hat der VfB nun zu Hause verloren. In den vergangenen zwölf Pflichtspielen unter Markus Babbel gab es nur zwei Siege. Auf Rang 13 liegen die Stuttgarter in der Liga und haben in der Champions League erst zwei Punkte gesammelt. Die Chancen, ins Achtelfinale einzuziehen, sind weiter gesunken, zumal es als Nächstes zum Rückspiel nach Sevilla geht. Kurzum: der VfB wäre nicht der erste Club, der in einer solchen Situation die Notbremse zieht.

Vor Babbel geht es den Spielern an den Kragen

Trotzdem will der Verein vorerst an Babbel festhalten. Das bekräftigt der Aufsichtsratschef Dieter Hundt (siehe “Eine Trainerdebatte ist unangemessen”). Und das sagt auch Horst Heldt: “Babbel hat die Situation und die Mannschaft im Griff. Wir wollen mit ihm Ergebnisse erzielen.” Der Trainer sei “nicht der Erste in der Kette”, bevor es ihm an den Kragen gehe, “passiert etwas mit den Spielern”. Als weitere Warnung ist dies zu verstehen, nachdem gegen Sevilla neben Ludovic Magnin auch Roberto Hilbert und Timo Gebhart aus dem Kader geflogen waren. Beide hatten sich zuletzt Disziplinlosigkeiten abseits des Platzes geleistet.

Es sind derzeit nicht die harten Zahlen, die für Babbel sprechen, sondern die weichen Faktoren des Fußballs. Denn wahr ist auch: der VfB hat gegen Sevilla über weite Strecken eine überzeugende Vorstellung geboten. Vor dem 0:1 war er das klar bessere Team, und selbst nach dem 0:3 kämpften die Spieler bis zum Schlusspfiff unverdrossen weiter. So spielt keine Mannschaft, die den Glauben an sich und die Bindung zu ihrem Chef verloren hat. “Wir stehen hinter dem Trainer”, sagt der Mittelfeldspieler Zdravko Kuzmanovic: “Was kann er dafür, wenn wir das Tor nicht treffen?”

Als nächsten Schritt auf dem Weg der Besserung wertet der VfB das Sevilla-Spiel trotz der erneuten Niederlage. Der rechte Außenverteidiger Ricardo Osorio zeigte in seinem ersten Saisoneinsatz eine gute Leistung; beeindruckend war gar der Auftritt von Christian Träsch als Abräumer im defensiven Mittelfeld (Babbel: “Er hat genau das verkörpert, was die Leute sehen wollen”). Und auch Kuzmanovic kommt immer besser zurecht und fühlt sich mittlerweile angekommen.

Der Sturm ist viel zu harmlos

Trotzdem sind nicht allein die permanenten individuellen Fehler in der Abwehr, die die Verantwortlichen Woche für Woche für die Niederlagen verantwortlich machen, schuld an der Krise. Noch immer hinkt Alexander Hleb den Erwartungen weit hinterher – bei seiner Auswechslung musste er sich am Dienstag Pfiffe des ansonsten bemerkenswert geduldigen Publikums anhören. Und viel zu harmlos ist vor allem der Sturm. Julian Schieber ist als 20-Jähriger noch in der Lernphase, ihm ist kein Vorwurf zu machen. Von Pawel Pogrebnjak allerdings muss mehr kommen. Und zu allem Überfluss fällt Cacau wegen eines Muskelfaserrisses in der Hüfte drei Wochen aus.

“Früher oder später”, sagt Babbel, werde er die Probleme in den Griff bekommen und für den Umschwung sorgen. Früher wäre besser als später – allzu lange jedenfalls sollte sich der Teamchef nicht Zeit lassen. Schon am Samstag geht es nach Hannover. Und dort zählen nur die nackten Zahlen in Form des Ergebnisses.

STZ online 22.10.2009

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