11. November 2012

Dunkle Schatten über dem Sieg in Kopenhagen

„Stuttgart international, kann man nur besoffen sehn“, ein inzwischen geflügeltes Wort unter den Fans, die den VfB öfter auch über die Landesgrenzen hinaus begleiten. Eine Floskel, die durchaus wiedergibt, welch unnötige Niederlagen im Gepäck gegen nicht unbedingt als stärker einzuschätzende Teams man des Öfteren eingesteckt hat, wenn es wieder auf die Heimreise geht. „Stuttgart international, kann man nur besoffen sehn“ kommt einem auch wieder in den Sinn, wenn man sich die Gruppengegner bewusst macht, und dass man gegen diese nach drei Spielen gerade mal zwei läppische Pünktchen auf der Haben-Seite hat. Noch bei der Auslosung sagte fast jeder, gut, die Gegner nicht besonders attraktiv, dafür ist das Weiterkommen kein Problem. Fahren wir eben in der nächsten Runde nach Liverpool oder Mailand….

Die Auswärtstouren an sich wollen ja frühzeitig, bestenfalls direkt nach der Auslosung, gebucht werden, da man schon am Tag der Auslosung stündlich beobachten kann, wie die Preise bei den Flugsuchmaschinen in die Höhe schnellen. Nachdem Molde bei mir leider zeitlich nicht hinhaute, entschied ich mich dafür, dann wenigstens Kopenhagen und Bukarest einzutüten. Lange musste ich also warten, auf die erste Auswärtstour nach Lissabon im Februar 2011. Meine größte Sorge war, dass nach dem Spiel in Kopenhagen in der Gruppe schon alles vorbei sein könnte und wir nur noch zum „Betriebsausflug“ ohne sportlichen Anreiz nach Bukarest reisen würden.

Doch, wie es auch für das Team gilt, sollte man zunächst den ersten Schritt bewältigen, bevor man an den zweiten denkt. Also ging es für uns am Mittwoch erst einmal in die dänische Hauptstadt. Ich freute mich wie ein kleines Kind darauf, endlich wieder international unsere Farben in die Welt hinaus zu tragen und darauf, mit etwa 2.500 Gleichgesinnten, die dänische Hauptstadt in ein weiß-rotes Meer zu tauchen. Wir buchten einen Flug ab Stuttgart, mit Umstieg in Amsterdam bei der Königlich Niederländischen Fluggesellschaft KLM. Der Rest unserer Clique nahm einen Direktflug vom Euroairport Basel-Mulhouse-Fribourg. Uns war dieser Weg zum Flug dieses Mal zu weit, flogen wir doch bereits nach Barcelona und Lissabon von diesem Airport ab und steckten auf der Rückfahrt jeweils freitags stundenlang im Wochenend- und Feierabendverkehr auf der A5 und A8 fest. So fanden wir uns am Mittwoch pünktlich gegen 13.45 Uhr am Boarding-Gate ein, um zu erfahren, dass der Flug aus Amsterdam erst gut zwei Stunden später als geplant eintreffen würde. Wie es dann weiter gehen würde, würden wir erst in Amsterdam erfahren, das konnte, wollte oder durfte uns das Stuttgarter Bodenpersonal nicht sagen. Für den ungeplanten, längeren Aufenthalt in Stuttgart erhielten wir jeweils einen 5-Euro-Gutschein, mit dem man bei den Preisen dort oben nicht weit kommt, blätterte ich doch schon für eine halbe Bier 5,70 € hin. Eine weitere Verzögerung in Stuttgart blieb uns erspart. In Amsterdam angekommen, machten wir uns am riesigen Amsterdamer Flughafen Schiphol auf den Weg, einen KLM-Schalter zu finden, leider erfolglos. Auf Nachfrage wurden wir zu Automaten gelotst, an denen wir erfuhren, dass wir auf den Flug um 20.55 Uhr umgebucht wurden. Neben dem Flugticket bekamen wir dort noch einen 10-Euro-Verzehrgutschein, einen 50 Euro-KLM-Fluggutschein sowie einen Voucher für eine niederländische Telefonkarte mit ausgedruckt, den wir am Flughafen hätten einlösen können. Da aber überall freies WLAN vorhanden war und wir niemanden groß zu informieren hatten, verzichteten wir darauf, diesen einzulösen. Bei den Preisen am Flughafen waren auch die 10 Euro nicht unbedingt das wert, was wir „draußen“ dafür bekommen hätten, aber immerhin. Wir „gönnten“ uns auf Kosten von KLM ein Menü beim dortigen Burger King und kamen wenigstens nicht hungrig in Dänemark an. Später erfuhr ich dann, dass der Rest unserer Truppe unweit des Hotels in Kopenhagen ein indisches Buffet zu sich nahm, was es mich auf einmal positiv sehen ließ, dass wir beim Burger King noch „gewohnte“ Kost zu uns nehmen konnten. Statt um 18.15 Uhr sollten wir knapp vier Stunden später als geplant in Kopenhagen eintreffen. Den Weg zum Hotel hatte ich bereits zu Hause verinnerlicht, so dass wir am Kopenhagener Airport Kastrup schnurstracks in Richtung Bahnhof liefen und von dort die etwa 10-minütige Fahrt zum Hauptbahnhof antraten. Dank Google Streetview liefen wir bereits im Hauptbahnhof in die richtige Richtung, so dass wir bereits knapp 45 Minuten nach der Landung im Copenhagen Crown Hotel einchecken konnten. Wenn man in einer großen Gruppe unterwegs ist und diese möglichst alle im selben Hotel untergebracht sein wollen, muss man sicherlich den ein- oder anderen Abstrich machen. So auch bei diesem Hotel, das für dänische Verhältnisse günstig war und zentral gelegen ist, Stichwort „kurze Wege“. Die sanitären Einrichtungen jedoch waren stark renovierungsbedürftig und nicht wirklich sauber. Das Frühstück sehr spartanisch und der Kaffee für mich ungenießbar. Als Kaffeejunkie, der einfach nicht in die Gänge kommt, wenn er morgens keinen gescheiten Kaffee bekommt, ein No-Go. Daher ließ ich am zweiten Tag das Frühstück komplett ausfallen und lief lieber in Richtung des Bahnhofs, um in einem Cafe meiner Sucht zu frönen.

Nach kurzem Check-In und frisch machen machten wir uns umgehend auf den Weg, die anderen zu suchen. Kaum aus dem Hotel raus kam uns schon ein Pärchen entgegen, die uns sagten, wo „ungefähr“ sich die anderen aufhalten würden. Die fanden wir dann auch, keine 200 Meter vom Hotel entfernt. Schnell merkten wir, dieser Anreisetag hatte dem Rest der Truppe Tribut abverlangt. Die Verluste waren riesig, saß doch gerade noch ein Haufen von fünf Leuten zusammen, alle anderen hatten sich mehr oder weniger heftig und zu früh abgeschossen oder waren einfach müde. Wir kamen eigentlich recht fit und vor allem durstig an, starteten wir doch noch recht spät und gemütlich in diesen Anreisetag. Auch die Wartezeit an beiden Flughäfen hat mich weniger geschlaucht oder geärgert, ändern konnte man es ja sowieso nicht, also nutzte auch alles herum lamentieren nichts, zumal wir ja noch am Tag vor dem Spiel ankamen. Wir freuten uns jedenfalls über die bekannten Gesichter und hatten in einem netten Pub auch noch einen schönen Restabend.

Am nächsten Morgen nach dem unbefriedigenden Frühstück hatte es ein Teil unserer Truppe eilig und konnte nicht warten, bis die letzten fertig waren, so dass diese bereits die Stadtbesichtigung in Angriff nahmen, während wir noch warteten und kurz darauf im, Gott sei Dank, kleinen Kreis aufbrachen. Gott sei Dank deshalb, weil ich es eher gemütlich haben wollte und noch irgendwo einen gescheiten Kaffee benötigte, anstatt dem „Reiseleiter“ ohne Rast und ohne Ziel hinterher zu hecheln. Trotz leichten Nieselregens entschieden wir uns, zum späteren Fantreffpunkt, Nyhavn, zu gehen und nicht, wie die Anderen, den Bus zu nehmen und marschierten also in Richtung Wasser. Kopenhagen-Erfahrene haben nicht zu Unrecht von der dänischen Metropole geschwärmt, es gibt schon sehr nette und urige Ecken in der mit vielen Wasserwegen gespickten Stadt. Zu einer anderen Jahreszeit ist es sicher noch prickelnder, um einen bleibenden Eindruck zu gewinnen, genügte aber auch dieser eine Tag. Am Nyhavn-Gebiet angekommen, sahen wir schon zur Mittagszeit einige VfBler, schließlich sind die Busse auch inzwischen eingetroffen. In einem Pasta-Schnellimbiss aßen wir noch kurz etwas, man weiß ja an Spieltagen nie, ob es nach dem Spiel noch etwas geben würde. Außerdem sah ich in diesem Laden ein Segafredo-Emblem, was für guten Kaffee sprach. Nachdem ich endlich etwas Vernünftiges im Magen hatte und zudem der Kopf langsam fit wurde, war die Zeit gekommen, sich fürs Spiel einzustimmen und das ein oder andere Bierchen zu trinken. Einige unserer Bekannten trafen wir dort auch gleich wieder, der Rest war noch mit der Stadtbesichtigung zugange. Dass die Preise skandinavisch hoch sein würden, darauf waren wir gefasst. Eine halbe Bier für etwa 7 Euro, schon happig. Ich allerdings sehe den Trip im Gesamtpaket mit Bukarest, wo wir sicherlich wieder einiges einsparen werden. So verweilten wir einige Zeit in einer netten Seemannskneipe. Wir nahmen morgens schon alles mit, was wir für den Stadionbesuch benötigen würden, die Anderen mussten noch einmal zurück zum Hotel. So waren wir kurzzeitig nur noch zu dritt und gingen nach draußen, wo sich die Straße zunehmend mit VfBlern gefüllt hatte und wo wir jede Menge bekannte Gesichter trafen und den einen oder anderen Smalltalk hielten. Unter Anderen sprach ich auch mit unserem Fanbetreuer Christian Schmidt sowie unserem Stadionsprecher und vfbtv-Gesicht Holger  Laser, die beide mit der Mannschaft anreisten. Ich erkundigte mich natürlich sofort, wie die Jungs drauf sein würden und welchen Eindruck sie sonst machen würden. Mir wurde versichert, das Team wäre voll fokussiert darauf, aus Kopenhagen etwas mitzunehmen und dass der Trainer auch nicht in Erwägung ziehe, nicht mit der bestmöglichen Mannschaft aufzulaufen. Außerdem wäre es eine ungeheure Motivation für sie, dass sie von so vielen Brustringträgern begleitet werden würden. Diese Aussagen gingen natürlich runter wie Öl und machten mir erstmals Hoffnung an diesem Tag, dass das Team die diesjährige Europa League nicht sang- und klanglos abschenken würde, um sich nur noch auf Pokal und Bundesliga zu konzentrieren. An diesem Fantreffpunkt fielen mir aber auch Jungs auf, die ich noch nie gesehen hätte und welche, die man zwar kennt, auf deren Anwesenheit man bei Auswärtsspielen aber lieber verzichten würde. Polizeipräsenz war auch vorhanden, jedoch waren es die wahren Freunde und Helfer, die einem Infoflyer in die Hand drückten und für das eine oder andere Erinnerungsfoto zur Verfügung standen.

Je mehr sich der Platz füllte, desto mehr hatte man den Eindruck, die Bierpreise würden steigen, kostete doch ein Fläschchen Tuborg auf der Straße schon so viel, wie zuvor eine Halbe in der Kneipe. Zu dritt entschlossen wir uns dann, schon einmal in Richtung des Stadions zu laufen, in der Hoffnung, ferner ab des großen Trubels noch eine Kneipe mit moderateren Preisen zu finden. Tatsächlich fanden wir nach längerem Marsch eine nette Kneipe und kehrten noch einmal ein. Ich stürmte nach dem langen Weg erst einmal in die Toilette, nicht ohne die beiden Anderen zu beauftragen, mir eine Halbe mitzubestellen. Als ich zurück kam, bekam ich jedoch zu hören, sie hätten mir nichts mitbestellt, hier wäre das reinste Bierparadies, was sich beim Blick in die Karte auch bestätigte. Meine Leib- und Hausmarke, Franziskaner Weißbier, mitten in Kopenhagen, dazu bestimmt weitere 50 Sorten international bekannter Biermarken. Da ließ ich mich natürlich nicht zwei Mal bitten. Preislich in etwa so, wie wir zuvor auch schon bezahlt hatten, ging also… Dass wir den richtigen Weg eingeschlagen hatten, bemerkten wir, als wir hörten, dass die Karawane der VfB-Fans lautstark, durch Gesänge, aber auch durch Kanonenschläge, unweit von unserem Lokal vorbei zog. Drei Franzis später liefen wir dann den Spuren, die die Karawane hinterlassen hatte, hinterher und kamen, nach viel längerem Fußweg als gedacht, erst gut eine halbe Stunde vor Spielbeginn recht geplättet am Stadion Parken an.

Nach der Pyro-Einlage in Molde und nach der Erkenntnis von der Karawane, dass auch dieses Mal reichlich Munition vorhanden sein würde, rechnete ich eigentlich mit strengen Einlasskontrollen und machte mir ernsthaft Sorgen, ob wir rechtzeitig Einlass finden würden. Diese Sorge aber war unbegründet. Es befand sich zwar eine lange Schlange vor dem Eingang unseres Blockes D2, die Kontrollen waren aber vergleichsweise lasch, so dass sich kaum einer eine länger als 10 Sekunden andauernde Abtastprozedur unterziehen musste.

Nachdem ich an den Verpflegungsständen weitere Bekannte traf, ging es hinein in ein wirklich schmuckes Stadion, ein neuer Ground, sogar ein neuer Länderpunkt, wie die Groundhopper, zu denen ich nicht zu zählen bin, zu sagen pflegen. Dafür bin ich noch zu wenig und vor allem bei zu wenig Spielen ohne VfB-Beteiligung unterwegs. Dennoch freue ich mich jedes Mal tierisch darauf, wenn es in ein Stadion geht, in dem ich noch nicht war. Der Block war erwartungsgemäß bereits gut gefüllt. Aus Macht der Gewohnheit suchte ich zunächst die auf meiner Karte aufgedruckte Reihe 13 auf, um schnell festzustellen, dass es trotz der bei internationalen Spielen obligatorischen Sitzplätze, freie Platzwahl gibt und die vorderen Reihen dem Commando Cannstatt vorbehalten sind. Dennoch, wie es der Zufall so will, standen just in dieser Reihe direkt an der Treppe weitere Freunde von mir. Nach einem kurzen Plausch schaute ich rundherum, und sah ganz oben im Block die Arme von Anita wedeln und dass sich dort die Anderen, die wir teilweise seit dem Frühstück nicht mehr gesehen hatten, versammelt hatten. Also ging ich auch dort hoch und holte zum ersten Mal meine Kamera heraus, um einmal rundherum zu knipsen. Dass die Gastgeber eine Choreo geplant hatten, sah ich bereits an den auf Kopenhagener- und Gegentribüne an den Plätzen ausgelegten Tafeln. Die Spieler beider Mannschaften waren sich bereits eifrig am Aufwärmen und gingen kurze Zeit später schon zurück in die Katakomben, für eine letzte Konzentrationsphase und um die letzten Anweisungen der Trainer in Empfang zu nehmen.

Den Einlauf der Mannschaften verpasste ich, weil ich damit beschäftigt war, die Choreographie der dänischen Fans über zwei Tribünen zu fotografieren. Nachdem die VfBler, wie in den letzten Spielen auch, zu einem letzten Einschwören einen Kreis bildeten ging es auch gleich los.

Meine Erwartungen an das VfB-Team waren die, dass sie sofort untermauern sollten, dass hier unbedingt gewonnen werden muss. Trainer Labbadia unterstrich dieses Vorhaben, indem er anstelle vom zuletzt starken Spielmacher Raphael Holzhauser Shinji Okazaki als zweite Sturmspitze aufbot. Ansonsten spielte noch Molinaro für Boka im Vergleich zum Auftritt in Dortmund. Der Beginn des Spiels spiegelte meine Erwartungen leider noch nicht wider. Anstelle des VfB übernahmen zunächst die Dänen das Kommando und kamen zu ersten zaghaften Torannäherungen. Dass Fußball ein einfaches Spiel ist, zeigt sich immer wieder, wenn man international auf eigentlich limitiertere Teams trifft, die es schaffen, dem VfB durch eine solide Grundordnung den Zahn zu ziehen. Nach einer Viertelstunde hatten die Dänen die erst Großchance des Spiels, als sich Gentner und Tasci nicht einig waren, doch der seit Wochen solide spielende Sven Ulreich parierte glänzend. Auch nach gut 35 Minuten hatte der VfB bis auf zwei, drei zaghafte Torannäherungen nichts Nennenswertes zustande gebracht. Harmlos, wenig kreativ, nicht zielstrebig genug, Ballverluste im Spielaufbau und wenn mal freie Schussbahn war, kamen Schüsschen heraus, über die auch ein Kreisliga-B-Keeper nur milde gelächelt hätte.

Action gab es dann (leider) auf den Rängen anstatt auf dem Spielfeld. Angefangen hat es relativ harmlos mit einer Pyroshow. Als Stadionfotograf liebe ich solche Bilder und bin auch bei denen, die eine Legalisierung des kontrollierten Abbrennens fordern. Es macht die Stadionatmosphäre noch bunter und lebhafter und ist ein Stilmittel der Fankultur, wenn verantwortungsvoll damit umgegangen wird. Nichts anderes fordern ja die Ultravertreter. Ich für meinen Teil fühle mich beim Stadionbesuch nach wie vor sicher und muss ja nicht mittendrin stehen, wenn ich Ängste hegen sollte, mich könnte so ein Teil verletzen. Was aber überhaupt nicht geht sind die danach abgefeuerten Feuerwerkskörper und das zünden von Böllern. Ein jeder wird es an Silvester schon einmal erlebt habe, welch Ohrensausen, bis hin zum Knalltrauma, ein in unmittelbarer Nähe abgefeuerter Böller verursachen kann. Trauriger Höhepunkt waren dann aber die Feuerwerksraketen, die vom Stadiondach abprallten und aufs Spielfeld fielen. Nicht auszudenken, wenn jemand davon getroffen worden wäre und Verbrennungen davon getragen hätte. In diesem Moment schämt man sich einfach nur noch für eine kleine Gruppe Unverbesserlicher, die unsere Stadt, unseren Verein, unser Wappen zutiefst beschädigen und in den Dreck ziehen. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen identifiziert und zur Rechenschaft gezogen werden können. Lange musste man mit einem Spielabbruch rechnen, dazu kam es Gott sei Dank nicht. Dass dem VfB die Punkte am grünen Tisch entzogen werde könnten, diese Befürchtung hege ich nicht. Nach meinem Kenntnisstand sind wir international nicht vorbestraft. Den VfB wird voraussichtlich eine hohe Geldstrafe und uns Fans womöglich in Bukarest strengere Einlasskontrollen und sonstige Restriktionen drohen. Das Commando Cannstatt hat sich inzwischen klar und deutlich von den Raketen- und Böllerabschüssen in Richtung Rasen distanziert und verwies auf den von der Ultra-Szene auferlegten Ehrenkodex, eben keine brennenden Gegenstände aufs Spielfeld zu werfen bzw. schießen und keine Böller zu zünden. Laut einiger Zeugenberichte besteht der Verdacht, dass diese Gegenstände überhaupt nicht von VfBlern sondern möglicherweise von Lauterer und Cottbusser „Fans“ geworfen wurden, die eine „Freundschaft“ zu Stuttgarter Althools hegen und mit denen im Stadion zugegen waren. Solche Gruppen sind meist auf der großen internationalen Bühne anzutreffen, so z. B. auch letztes Jahr beim EM-Qualifikations-Spiel Österreich-Deutschland in Wien. Ob dies damit zusammenhängt, dass einige derer in Deutschland Stadionverbot haben oder ob es darum geht im Ausland einen auf dicke Hose zu machen, weiß ich nicht, da ich in solchen Kreisen nicht verkehre. Fakt ist aber auch, dass sie die Karten durch beim VfB registrierte Fans erhalten haben müssen. Diese müssen sich fragen lassen, ob ihnen der VfB tatsächlich am Herzen hängt.

Die Aussagen dazu nach dem Spiel von Manager Bobic und Präsident Mäuser machen mir Hoffnung, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt nach der Tat die Aufklärungsarbeit weit voran geschritten sein könnte, da beide sehr wohl zu differenzieren wussten und nicht auf „DIE Fans“ eingedroschen haben. Irritiert hat mich lediglich die Aussage von Mäuser, die dem Fanausschuss für den Fall ausbleibender Randale zugesicherten 15.000 Euro „hätten sie verspielt“.  Vermutlich war es eine Gruppe von etwa 25 Leuten, also 1% der VfB-Anhänger, die das Image zutiefst beschädigten. Alle anderen, wirklich alle, gaben ein großartiges Bild in der dänischen Hauptstadt ab. Ich bin gottfroh, dass auch bei diesen Vorfällen die dänischen Ordnungs- und Sicherheitskräfte kühlen Kopf bewahrten und nicht planlos den Block gestürmt haben. Großen Respekt für diese Besonnenheit.

Ich habe mich unheimlich geschämt in diesen Momenten, weil mir sofort klar war, dass es, egal wie das Spiel ausgehen würde, diese Bilder sein würden, die in die Welt transportiert werden. Und das zur Unzeit. Wasser auf die Mühlen derer, die Käfighaltung für Fans fordern und möglichst alles abschaffen möchten, was den Stadionbesuch so einzigartig macht. Absolut kontraproduktiv für die Debatten um den Erhalt der Fankultur. Und das Traurige daran ist, dass sich diejenigen, die darum kämpfen, nicht einmal an die eigene Nase fassen müssen, sondern, offensichtlich, von Leuten konterkariert werden, denen es ausschließlich um die „3. Halbzeit“ geht. Bin immer noch stinksauer.

Danach war an ein ordentliches Fußballspiel kaum mehr zu denken. Wir schämten uns ob der Vorfälle und diskutierten, ob der Ausgang des Spiels womöglich letztendlich egal sein würde, weil uns ein möglicher Sieg sowieso wieder aberkannt werden könnte. Ich war in dieser Hinsicht weniger skeptisch als einige Bekannte, da beim VfB doch relativ wenig passiert. Wenn die UEFA solch harte Geschütze auffahren würde, müssten wahrscheinlich in jeder Runde Spiele am grünen Tisch umentschieden werden. Klar ist aber auch, dass so etwas nie mehr vorkommen sollte, um die UEFA nicht weiter herauszufordern. Rapid Wien hatte nach mehreren Verfehlungen seiner Fans anfangs dieser Saison ein Geisterspiel auszutragen. Wie gesagt, ich hoffe, Zeugenaussagen tragen dazu bei, die Täter ausfindig zu machen, dass diese zur Rechenschaft gezogen und zur Kasse gebeten werden können. Wie von mehreren Seiten kommuniziert, wird am Montag der Fanausschuss turnusgemäß zusammen kommen und auch (natürlich) über diese Vorfälle beraten. Hoffentlich wird der interessierten Öffentlichkeit das Ergebnis der Zusammenkunft nicht vorenthalten.

Das Spiel fand dann irgendwann doch seine Fortsetzung. Der für mich erste ernsthafte Torschuss stellte eine Kopfballchance von Okazaki in der Schlussminute der ersten Halbzeit dar. Eindeutig zu wenig in einem Spiel, das unbedingt gewonnen werden muss.

Nach Presseberichten sollen die Böllerwerfer in der Halbzeit schon das Weite gesucht haben, soviel dazu, wie viel diesen Feiglingen das Geschehen auf dem Rasen wert war.

Nach Wiederbeginn auf dem Platz das unveränderte Bild. Kaum zwingende Aktionen, beide Teams neutralisierten sich weitestgehend. Nach 65 Minuten, also bereits 155 gespielten Minuten beider Mannschaften stand noch immer auf beiden Seiten die Null, als Labbadia Boka für den dieses Mal wirkungslosen Traoré brachte. Ein Wechsel, den ich erst einmal überhaupt nicht mitbekam, wurde doch auf den Rängen weiter heftig diskutiert.

Schon bald aber erkannte ich unseren kleinen Ivorer auf dem Platz, da über dessen linke Seite auf einmal merklich mehr lief. Boka war unheimlich präsent, zog auch in die Mitte und versuchte zum Torabschluss zu kommen. Ihm war deutlich anzumerken, dass er sich etwas vorgenommen hatte. So war es schließlich kein Zufall, dass er es war, der knapp eine Viertelstunde nach seiner Einwechslung punktgenau auf unseren Knipser Vedad Ibisevic flankte und dieser per Kopf zum 0:1 traf. Ein Tor, an das ich fast nicht mehr zu glauben wagte.  Kurz zuvor stieg noch einmal Rauch aus dem Ultrablock auf. Hier denke ich, haben sich die Jungs selbst diszipliniert, und den Bengalo vorsichtshalber gleich wieder gelöscht haben, um nicht weiteren Ärger zu provozieren. Bravo, wenn die Selbstreinigung soweit funktioniert.

Kurz vor Spielende erlöste uns unser Ösi Martin Harnik, als er von seiner rechten Seite nach innen zog und sehenswert ins lange Eck schlenzte. 0:2, der so sehr ersehnte erste Sieg in der Europa League war unter Dach und Fach. Dieser Sieg spült uns in der Tabelle auf den zweiten Platz, was uns wieder alle Möglichkeiten eröffnet. Selbst der Gruppensieg ist jetzt noch drin, wenn in Bukarest gewonnen werden sollte. Der Mannschaft war es nach den Vorkommnissen und der aufgeheizten Atmosphäre (auch die Dänen ließen sich anstecken und warfen Feuerzeuge in Richtung Sven Ulreich) nicht nach großer Party vor der VfB-Kurve, wofür ich an diesem Tag vollstes Verständnis hatte. Die Spieler liefen kurz an uns vorbei und klatschten uns zu, danach verschwanden sie im Bauch des Stadions. Einzig der Ex-Kopenhagener William Kvist war ein gefragter Gesprächspartner und eilte von Kamerateam zu Kamerateam. Alles in allem also ein erfolgreicher Abend mit einem VfB, der zumindest vom Ergebnis her, den Aufwärtstrend unterstrich.

Sehr überrascht war ich dann, dass die im Flyer vorher angekündigte „mögliche“ Blocksperre nicht angewandt wurde und wir sofort das Stadion verlassen durften. Auch hier Kompliment an die Dänen, sowohl Fans als auch Sicherheitskräfte, die trotz der Vorfälle, genau so liberal, freundlich und hilfsbereit waren wie zuvor. Kein böses Wort, kein Gepöbele, auch hier noch einmal Respekt von meiner Seite. Wir wollten dann auf schnellstem Weg in die Stadt zurück, möglichst nicht mehr viel laufen und nahmen, nachdem auch in einer gefühlten Ewigkeit kein Bus kam, ein Taxi und fuhren direkt zu Streckers – Vesterbro Bryghus in der Nähe des Tivoli und des Hauptbahnhofs, wo bereits einige andere unserer Clique auf uns warteten. Dort verbrachten wir noch einen netten Abend, und trafen weitere Bekannte, die die Nacht noch in der Stadt verbrachten, was mich sehr freute.

Am Freitag ging es dann wieder zurück, drei Punkte im Gepäck und die Erkenntnis, dass einige wenige Idioten, die mit dem VfB rein überhaupt nichts am Hut haben (dazu zähle ich auch die, die denen die Karten besorgt haben!), einem einen solchen Trip vermiesen oder zumindest ein bitteres Gschmäckle verpassen können.

Jetzt bin ich froh, dass mein Bericht Sonntag um die Mittagszeit fertig geworden ist. Rechtzeitig noch, um ab sofort die Vorbereitungen für das Hannover-Spiel aufnehmen und mich frühzeitig bei unserem Treffpunkt im SSC einfinden zu können.

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