29. Juni 2010

Der Meister des Umbruchs

Irgendwann stößt die von Bundestrainer Joachim Löw beschworene Hochgeschwindigkeitstaktik auch an ihre Grenzen. Zwischen Tür und Angel schickte sein Spieler Thomas Müller während eines Fernsehinterviews bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika einfach mal Grüße an die Großeltern nach Deutschland – so viel Zeit muss sein. Was aber nichts daran ändert, dass der 20 Jahre alte Müller, der beim 4:1-Achtelfinalsieg über England gleich zweimal traf, das personifizierte deutsche Spielsystem darstellt: schnell, frech und unberechenbar.

Spätestens seit dem Viertelfinaleinzug staunt die Fußballwelt über die deutsche Mannschaft – allerdings weniger über die Tatsache, dass die DFB-Elf die Runde der letzten Acht erreicht hat, sondern über das mitreißende Wie. Dabei ist es lediglich eine Überraschung, dass die jüngste deutsche WM-Mannschaft aller Zeiten ihr Potenzial bereits in Südafrika voll ausschöpft und nicht – wie frühestens erwartet – bei der Europameisterschaft in zwei Jahren. Der von Löw verordnete Tempofußball scheint auch die Entwicklung der jungen Spieler ungemein zu beschleunigen.

Vorbild für einen geglückten Umbruch

Die Geburt des neuen deutschen Fußballs findet aber nicht zur Stunde in Südafrika statt, sie liegt bereits zwei Jahre zurück. Joachim Löw hat aus der EM und dem gegen Spanien verlorenen Finale das richtige Fazit gezogen: So geht es nicht weiter. Während seine Vorgänger nach einer Endspielteilnahme keinerlei Grund gesehen hatten, etwas zu ändern, machte Löw einen personellen und taktischen Schnitt und schob so den oft praktizierten Schlafwagenfußball aufs Abstellgleis. Fortan orientierte er sich am Europameister Spanien, der mit einem jungen, schnellen und kombinationssicheren Team den Titel geholt hatte.

2008 hat der Bundestrainer den notwendigen Positionswechsel verordnet, den er bereits ein paar Jahre zuvor als Assistent und Klinsmann-Flüsterer dezent in die Wege geleitet hatte. Aus dem oberlehrerhaft daherkommenden Fußball-Deutschland wurde so ein lernwilliger Schüler. Im Moment ist die Nationalmannschaft dabei, dieser Rolle auch schon wieder zu entwachsen. Schließlich sehen viele andere Länder in der DFB-Auswahl bereits das Vorbild für einen geglückten Umbruch.

Vor allem in den einstigen europäischen Vorzeigeländern Italien und Frankreich dürfte das jetzt viel zitierte “Neue Deutschland” auf große Beachtung stoßen. Schließlich erleben der noch amtierende Weltmeister und der Vizeweltmeister gerade die fußballerische Stunde null. Beide Teams stellen nach dem Vorrunden-Aus nur noch Trümmerhaufen dar – weil ihre Trainer Marcello Lippi und Raymond Domenech zu lange an satten Stars festgehalten haben.

Matthias Sammer steht schon lange als Löws Nachfolger bereit

Doch auch das deutsche Nationalteam steht vor einer ungewissen Zukunft, nachdem noch nicht klar ist, ob Joachim Löw über die Weltmeisterschaft hinaus im Amt bleibt. Mittlerweile würde der DFB-Chef Theo Zwanziger viel dafür tun, den Bundestrainer zum Weitermachen zu bewegen. Das war vor der WM nicht unbedingt der Fall, nachdem eine vorzeitige Vertragsverlängerung auch an Indiskretionen aus Verbandskreisen gescheitert war.

Erschwerend kommt hinzu, dass der aussichtsreichste Kandidat für die potenzielle Löw-Nachfolge nicht überzeugend ist. Der DFB-Sportdirektor Matthias Sammer steht schon lange bereit. Doch seine Ernennung zum Bundestrainer würde einen Rückschritt bedeuten. Sammers Philosophie basiert auf den altdeutschen Fußballtugenden Kampf, Einsatz und Wille. Diese Merkmale sind im Spitzenbereich mittlerweile aber lediglich noch Grundvoraussetzungen. Fast wünschte man sich deshalb, der deutsche Höhenflug würde nicht ganz so weit führen. Zum einen sähe Löw seine Mission dann noch nicht als abgeschlossen an, zum anderen schleichen sich auf höchstem Niveau oft gravierende Fehler ein – wie die Beispiele Frankreich und Italien zeigen.

(STZ online)

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12. Juni 2010

Nationalspieler mit Migrationshintergrund: Das neue Deutschland

Der Unmut landet per Post und E-Mail beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt. Seit Wochen geht das so. Mal ist es mehr, mal ist es weniger. Am Montag wird es mehr sein, wenn manch Zuschauer am Sonntag feststellt, dass die Nationalspieler mit Migrationshintergrund vor dem Spiel schweigen. Die Hymne ist ein heikles Thema. Man kann das lächerlich finden und für eine unsägliche Debatte halten, schließlich geht es nicht um einen German Song Contest und auch nicht jeder “Urdeutsche” singt mit, aber so einfach ist es nicht.

Für manchen ist es ein Zeichen mangelnder Identifikation. “In eine Nationalhymne muss man reinwachsen. Das ist ein Prozess, bei dem wir erst am Anfang stehen. Die Spieler sollen ja nicht nur den Mund auf- und zumachen, sondern mit Begeisterung die Hymne singen”, sagt Gül Keskinler, seit 2006 Integrationsbeauftragte des DFB. Sie verweist auf den für die Spieler nicht leichten Umgang mit dem Zwiespalt der Familie und bittet um Verständnis für die “Jungs”.

Der fast schon traditionelle Ärger um die Hymne ist ein Symbol für das, was im deutschen Fußball, in der deutschen Gesellschaft, vor sich geht. Ein tiefgreifender demografischer Wandel, der sich an der Nationalmannschaft ablesen lässt. Von den 23 Mann im Kader haben elf einen Migrationshintergrund. Die Zahl mag auf den ersten Blick überraschend sein, in Wahrheit aber ist es nur die Fortsetzung dessen, was seit Jahren in Nachwuchsmannschaften zu beobachten ist (wie übrigens auch beim Nachbarn Schweiz). Bei der U-21-EM im vergangenen Jahr, als Deutschland den Titel holte, hatten von den elf Stammspielern acht einen Migrationshintergrund. Die zweite Generation der Gastarbeiterkinder drängt nach vorne. Im Fußball, aber so auch in großer Zahl im Basketball. Es ist ein Ankommen in der Gesellschaft.

Integration über Leistung

Als Deutschlands neuer Liebling Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewann, ließ es sich auch Kanzlerin Angela Merkel nicht nehmen, der Sängerin zu gratulieren. “Sie ist ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands.” Das junge Deutschland? Deutschland ist Lena, aber es ist auch Mesut, Sami und Serdar. Vielleicht ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sogar ein besseres Beispiel für dieses neue Deutschland, in dem heute etwa 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.

Es gibt kaum ein selektiveres System als den Leistungssport. Er ist gnadenlos, ein darwinistisches Konstrukt, das nur jene durchlässt, die den Willen, das Talent und die nötige Anpassungsfähigkeit mitbringen. Es ist eine Integration über Leistung, nicht beeinflusst von Vor- und Nachnamen, dem Aussehen oder der Sprache, so dass überproportional viele Spieler die Auswahlmannschaften bereichern und die Chance zum sozialen Aufstieg nutzen. Die Özils und Co. leisten durch ihren Erfolg zudem einen großen Beitrag zur Akzeptanz von Migranten im Land. “Sie haben es durch Fleiß und Können geschafft – und damit sind sie Vorbild für alle anderen mit Migrationshintergrund”, sagt Keskinler.

Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland wie die USA, die Geschichte der Einwanderung und die damit verbundenen gesellschaftliche Veränderungen ist jung. Deutschland hat auch nicht die Migrationstradition einstiger Kolonialmächte wie England, Frankreich, Portugal oder die Niederlande, deren Nationalteams schon lange viele Spieler mit Migrationshintergrund vorweisen.

Theo Zwanziger als Integrationsvorreiter

Der DFB, unter Theo Zwanziger Integrationsvorreiter, hat das Thema früher auch schon anders interpretiert. Weniger als Angelegenheit des Herzens, sondern als Chance, erfolgreicher zu werden. Spieler wie Paolo Rink oder Sean Dundee wurden im Hauruckverfahren eingebürgert. Es ging nicht um Integration, sondern um Interessen. Sie wurden Deutsche, weil Deutschland meinte, dass man sie bräuchte. Das ist heute anders. Einzig Cacau ist nicht hier aufgewachsen. Er wurde Deutscher, weil dieses Land seine Heimat geworden ist. Nicht, weil er für Deutschland Tore schießen wollte. Cacau übrigens singt auch die Hymne mit.

Gül Keskinler sagt, dass die Frage der Hymne auch eine Frage der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Migrationskindern ist: “Es muss selbstverständlich sein, dass die Spieler mitsingen, daran müssen wir als Gesellschaft arbeiten, nicht allein der Fußball.”

(STZ 11.6.10)

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