30. Januar 2017

Auswärtssieg am Millerntor!

Genau 42 Tage lagen zwischen der Schmach von Würzburg und dem Gastspiel zum Rückrundenauftakt am Hamburger Millerntor. 42 Tage Zeit, aus einer instabilen Truppe eine Mannschaft zu formen, die dem Druck aufsteigen zu müssen, auch standhält.

Auf den ersten Blick ist relativ wenig passiert. In Šunjić, Sama und Heise verließen drei Defensivspieler den Verein, während mit Julian Green lediglich ein (offensiver) Neuzugang vermeldet wurde. Dessen Verpflichtung allerdings unterstreicht, dass der VfB seine Verpflichtungen neuerdings mit Weitsicht tätigt und dann zuschlägt, wenn sich die Möglichkeit ergibt, auf einer Position, für die nicht unbedingt sofortiger Handlungsbedarf bestand.

Viel dringlicher wäre es, die vor allem nach den genannten Abgängen unterrepräsentierte Defensive zu stärken und diese Planstellen neu zu besetzen. Für die Innenverteidigung stehen gerade noch Timo Baumgartl, Marcin Kaminski und Benjamin Pavard zur Verfügung, auf der linken Außenverteidiger-Position hat Emiliano Insúa nach Heises Abgang überhaupt keinen Konkurrenten mehr, der ihm Druck machen könnte.

Eine Ausdünnung des Kaders sollte jedoch nicht nur negativ gesehen werden, hat doch ein jeder Trainer so seine eigenen Vorstellungen, was die Kadergröße angeht. Hannes Wolf ist einer, der sich als Fußballlehrer sieht und lieber „Inhalte“ in einer kleineren und aufnahmefähigeren Gruppe vermittelt, zudem hebt es die Stimmung in der Truppe an, wenn unzufriedene Recken abgegeben werden, die ohnehin ständig mit einem Wechsel kokettierten (Heise), Unsicherheitsfaktoren und in der VfB-Gemeinde nicht wohlgelitten waren (Šunjić) oder einfach den Ansprüchen (noch) nicht genügen (Sama).

Die Verletzungen von Tobias Werner, bei dem fast schon das Rückrundenaus zu befürchten ist, und in den ich nach dem Trainingslager große Hoffnungen setzte und der gestrigen von Matthias „Zimbo“ Zimmermann kamen freilich noch zur rechten Zeit, um sämtliche Alarmglocken schrillen zu lassen und in den letzten zwei Tagen der Transferperiode noch einmal aktiv zu werden. Man möchte sich nicht ausmalen, welches Chaos bei der derzeitigen Personaldecke auf einmal herrschen würde, sollte Timo Baumgartl, der auch gestern wieder ein überragendes Spiel machte, über einen längeren Zeitraum ausfallen.

Zimmermann fehlt zwar laut vfb.de „nur“ zwei bis drei Wochen, kennt man jedoch die Treffsicherheit unserer medizinischen Abteilung was Ausfall-Prognosen angeht, darf diese Zeitangabe getrost „mal zwei“ genommen werden, so dass uns Zimbo wohl erst im März wieder zur Verfügung stehen dürfte. Zimmermann wurde zwar durch Grgić, wie ich fand sehr ordentlich, ersetzt und Hajime Hosogai gibt es auch noch, dennoch würde ich mir im defensiven Mittelfeld noch einen kompromisslosen Abräumer Marke Drecksau wünschen, der dem Gegner schon durch seine bloße Anwesenheit Furcht einflößt.

Wie aus den Gesprächen mit Verantwortlichen und nah am Team befindlichen Leuten in Lagos herauszuhören war, steckt der VfB etwas im Dilemma, was Spielerverpflichtungen angeht. Man hat sich auf die Fahnen geschrieben, nur Jungs an den Neckar zu lotsen, die sich zum Verein bekennen und notfalls auch in einem zweiten Jahr in der 2. Liga zur Verfügung stehen würden, und, sie sollen nicht nur Lückenbüßer und Platzhalter sein, sondern dem Stamm Druck machen und Alternativen für die erste Elf darstellen.

Ich kann mit dieser neuen Denke zwar gut leben und hätte trotzdem Bauchschmerzen, würde man auf dem Transfermarkt nicht mehr zuschlagen. Da mit abgehalfterten und teuren Reservisten, wie wir sie mit Felipe und Haggui zum Beispiel schon zur Genüge hatten, eher nicht zu rechnen ist, hoffe ich insgeheim noch auf eine Transfersensation.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Ermin Bičakčić in Hoffenheim mit seiner Reservistenrolle zufrieden ist. Hier könnte Jan Schindelmeiser seine Kontakte nach Hoffenheim spielen lassen und Ermin zumindest leihweise zurück auf den Wasen holen. Bičakčić würde das Anforderungsprofil erfüllen, wäre er doch zum einen ein starker Nebenmann für Timo Baumgartl und vereint zum anderen Tugenden wie fußballerische Klasse, Kämpferherz und der noch immer vorhandenen Verbundenheit mit dem VfB.

In dieser Saison stand er lediglich an den ersten fünf Spieltagen in der Startelf und kam seit dem elften Spieltag überhaupt nicht mehr zum Einsatz. Dass er im Groll gegangen wäre, ist mir nicht bekannt. Er wollte spielen und der VfB legte ihm mit einer vergleichsweise geringen Ablöseforderung beim Wechsel nach Braunschweig keine Steine in den Weg, so dass der Wechsel aus meiner Sicht sauber vonstattenging.

Außer der (bisher) relativ ruhig verlaufenen Transferperiode war das Hauptthema natürlich die allererste Vorbereitung von Hannes Wolf und dabei vorwiegend das Trainingslager in Lagos. Meine Eindrücke habe ich an gleicher Stelle bereits geschildert, beeindruckend mit welcher Akribie Wolf arbeitet, auf dem Trainingsplatz Kommandos gibt und korrigierend eingreift. Nebenbei, auch dem kleiner gewordenen Kader geschuldet, scheint man in Sachen Teamgeist vorangekommen und die Stimmung bestens zu sein.

Die Wahrheit liegt aber bekanntlich auf dem Platz und so durfte die Mannschaft am gestrigen Sonntag in St. Pauli zeigen, welche Früchte das Trainingslager getragen hat.

Nach einer sehr kurzen Nacht begann der Tag mit dem vom Hamburger VfB-Fanclub Roter Brustring Hamburg (RBHH) veranstalteten Warm-Up-Frühschoppen in der Sportsbar „Relaunch“, in Sichtweite des Stadions gelegen, den wir uns natürlich entgehen ließen. Rund 150 VfBler, darunter die Fanbetreuung, stimmten sich bei Kaffee, Bier und Gesprächen auf den Rückrundenauftakt ein.

Den anschließenden, von der Polizei begleiteten, Marsch zum Gästeblock machten wir dann allerdings nicht mit, zum einen waren es noch zwei Stunden bis Spielbeginn, zum anderen wollten wir mit St. Paulianer Freunden vor dem Spiel noch dem Clubheim St. Pauli einen Besuch abstatten, abgesehen davon, dass wir ja ohnehin einen näher gelegenen Eingang zu nehmen hatten.

Für mich als St. Pauli-Sympathisant war es, zusammen mit der Reise an die Alte Försterei zu Union Berlin, DAS Highlight der Saison. In den letzten Jahren schaffte ich es in jeder Saison, trotz der Allesfahrerei mit dem VfB, wenigstens ein Heimspiel des FC St. Pauli zu besuchen und stehe dort gerne auch mal mit meinen Freunden beim „magischen FC auf der Süd, der Heimtribüne, wobei am Millerntor auch die Gegengerade und der Stehplatzbereich auf der Nordtribüne zum Heimbereich gerechnet werden können.

Für gestern, wo ich als Gegner zu Gast am Millerntor war, entschied ich mich bewusst für Plätze auf der Haupttribüne, um nicht unnötig zu provozieren. Die Gegengerade wäre auch eine Option gewesen, die es erlaubt hätte, gute Bilder von beiden Fanlagern zu machen. Da dort jedoch auch eine hohe Anzahl hartgesottener St. Pauli-Fans seine Heimat hat und man als Fanfotograf den einen oder anderen schon allein wegen der ständigen Knipserei nervt, entschloss ich mich, Karten auf der Haupttribüne zu ordern.

Das Stadion und die Atmosphäre am Millerntor faszinieren mich schon seit den 1980er-Jahren, seit ich eben das erste Mal dort zu Gast war und man dort noch zentimetertief im Schlamm watete, um zum Gästeblock zu gelangen. Schon damals entwickelte ich ein Faible für den Verein und den Stadtteil sowieso. Der FC St. Pauli ist in St. Pauli allgegenwärtig und wird von allen Bevölkerungsschichten gelebt, ob Punk, Obdachloser, Hure oder Banker, wenn’s ins Stadion geht, sind alle nur noch braun-weiß.

Im Stadion gefällt mir der Support und dass alle Tribünen in den Support eingebunden werden. Die Selbstironie, ohne die ein St. Paulianer wohl nicht überlebensfähig wäre, und dass man den sportlichen Erfolg oder Misserfolg nicht so bierernst nimmt wie andernorts, amüsiert mich bisweilen. Groß finde ich immer wieder, dass man die eigene Mannschaft während eines Spiels selten auspfeift und Ex-Spieler, wie gestern Daniel Ginczek, mit Applaus empfangen werden, während sie bei uns meist aus dem Stadion gepfiffen werden.

Was die übertriebene politische Correctness angeht, die auch gestern wieder wegen einer als sexistisch interpretierten Einblendung einer Werbetafel („nix für Pussies) zum Ausdruck kam, kann ich oft nur den Kopf schütteln, wie übrigens einige meiner Freunde bei St. Pauli auch.

Meine Sympathie beschränkt sich hier auf das atmosphärische, die coolen Leute und das meist friedliche Ambiente. Gestern war das Millerntor freilich nicht so laut, wie ich es schon erlebt habe, was ja auch gut für uns war.

Allein schon, dass in St. Pauli für die gegnerischen Fans deren Vereinshymne (gut, wir haben keine, dann kommt eben „VfB, ein Leben lang“) aus den Lautsprechern dröhnt, gibt dem Gast das Gefühl, in St. Pauli willkommen zu sein.

Weshalb dann aus unserem Block dieses unsägliche „Scheiß St. Pauli“ oder nach dem Führungstreffer „Absteiger, Absteiger“ Rufe kommen mussten, kann ich nicht nachvollziehen.

Gerade als ein der Tradition verschriebener Fußball-Fan, muss man doch schon ein ureigenes Interesse daran haben, dass ein Farbtupfer, wie es der FC St. Pauli zweifellos ist, dem bezahlten Fußball erhalten bleibt. Für mich, wie schon bei Union „Scheiß Berliner“ völlig daneben und zum schämen! Dies empfanden übrigens nicht „nur“ die St. Paulianer ums uns herum so, sondern auch die vielen, vielen VfB-Fans, die ebenfalls Karten in unserem Bereich ergattert hatten. Dort war die Atmosphäre absolut friedlich und schlug selbst nicht um, als sich in den letzten Minuten einige bei „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid“ erhoben haben.

Das Spiel selbst würde ich als schwere Geburt bezeichnen. Hannes Wolf überraschte doch sehr mit der einen oder anderen Personalie. Während Neuzugang Green und Zimmer von Beginn an ran durften, fand sich die geballte fußballerische Kompetenz mit Mané, Maxim und Ginczek auf der Bank wieder. Allein die Aufstellung unterstrich, welches Spiel Hannes Wolf erwartete, nämlich ein kampfbetontes auf schwer zu bespielendem Untergrund. Zudem war er sich des Luxus‘ bewusst, gegen müder werdende Braun-Weiße hochwertig nachlegen zu können.

Das Spiel war eines auf mäßigem Niveau, indem ein Außenstehender kaum hätte erraten können, wer das Schlusslicht und wer Aufstiegsaspirant ist. Safety first lautete die Devise beim VfB, weshalb die Bälle eher humorlos ins Aus geschlagen wurden, als dass man versucht hätte, zu zaubern. Das hat Wolf den Jungs vom Neckar dann wohl in der Vorbereitung eingetrichtert, dass sie bei weitem nicht so gut und unfehlbar sind, wie es der eine oder andere vielleicht von sich denkt bzw. gedacht hat. Ich hoffe, diese Art und Weise war nicht nur ein Strohfeuer, sondern ist auch die Devise im weiteren Rückrundenverlauf. Unsere Nerven werden es ihnen danken!

So blieben Torchancen hüben und drüben Mangelware, die beste noch vergab Asano, als er frei vor Keeper Heerwagen auftauchte, diesem, der den Winkel geschickt verkürzte, jedoch in die Arme schoss. Nach einer halben Stunde bereits musste Grgić den verletzten Zimmermann ersetzen, ein Einsatz allerdings, den sich dieser in der Vorbereitung verdient hat. Nach den Eindrücken von Lagos rechnete ich ohnehin mit dem Schweiz-Kroaten in der Anfangsformation.

Julian Green fehlte noch die Bindung zum Spiel, auch wenn er die einzige Torchance im ersten Durchgang von Asano vorbereitet hatte, so dass er zur Pause durch Carlos Mané ersetzt wurde. Mané plagten laut Trainer Hannes Wolf noch Achillessehnenbeschwerden, so dass ein Einsatz über 90 Minuten nicht in Frage kam.

Auch in der zweiten Hälfte war zunächst eher der FC St. Pauli am Drücker und spielte sich beängstigend oft bis zur Grundlinie durch, brachte jedoch den letzten Pass nicht zum Mann, weshalb Mitch Langerak kaum einmal ernsthaft eingreifen musste.

Und trotzdem entwickelt sich Langerak für mich mehr und mehr zum Sorgenkind, fehlt ihm doch (derzeit) die für einen Torwart nötige Souveränität. Auf der Linie zwar stark, steht er mittlerweile in puncto mangelhafter Strafraumbeherrschung einem Sven Ulreich kaum mehr in etwas nach, so dass ich eine Torwartdiskussion befürchte, sollte sich Mitch nicht stabilisieren. Leider ist Jens Grahl jetzt nicht unbedingt DER große Konkurrent für ihn, den es für eine Konkurrenzsituation eigentlich bräuchte.

Wie schon im Hinspiel ging St. Pauli auch im Rückspiel mit zunehmender Spieldauer förmlich die Luft aus. Da rächte sich der Vollgasfußball, den man als Heimmannschaft vor begeisterungsfähiger Kulisse versucht zu spielen, während der Gast das Ganze eher dosiert angehen kann.

Ob das ausschließlich an der schwindenden Kraft der Hausherren gelegen hat oder ob die intensive Vorbereitung Hannes Wolfs erste Früchte trägt, wird der weitere Verlauf der Rückrunde zeigen. Seit langem konnte der VfB gegen Ende hin noch zulegen.

Spätestens mit der Einwechslung von Daniel Ginczek in der 74. Minute blies der VfB zur Schlussoffensive, während die sportliche Leitung damit zugleich das Signal an die Mannschaft sendete, hier unbedingt noch gewinnen zu wollen. Der VfB schnürte St. Pauli daraufhin mehr und mehr ein und die Einwechslung Ginczeks machte sich bereits zehn Minuten später bezahlt, als es gerade diese zusätzliche Anspielstation in vorderster Front war, die das Kopfballduell gewann und den Ball zu Terodde beförderte, dieser den Ball mit etwas Glück zu Mané spitzelte, welcher von der Strafraumgrenze aus mit einem sehenswerten Rechtsschuss in den Winkel die St. Paulianer mitten ins Herz traf. Man hatte schon fast (zwangsläufig) mit der Punkteteilung vorliebgenommen, als doch noch der Lucky Punch gelang.

Bitter natürlich für St. Pauli, denen ich von Herzen den Klassenerhalt gönne und für die ich hoffe, dass die Mechanismen des Geschäfts weiterhin nicht greifen und Ewald Lienen ihr Trainer bleibt. Eigentlich, finde ich als Außenstehender, passt Lienen wie die Faust aufs Auge zu St. Pauli, so dass es schon ein Jammer wäre, müssten sie sich jetzt trennen, nachdem man in der Vorsaison zwischenzeitlich gar vom Aufstieg träumte. Die Aufholjagd der Kiezkicker darf gerne am nächsten Wochenende beginnen, dann nämlich gastiert der FC in Braunschweig.

Für den VfB war dieser Arbeitssieg ein Auftakt nach Maß in die hoffentlich letzte Halbserie in der 2. Liga. Nach den beiden Niederlagen zum Abschluss des Jahres 2016 konnte diese Minikrise zudem beendet und der Grundstein für den Angriff auf die Tabellenspitze gelegt werden.

Nun folgen zwei Heimspiele in Folge, gegen Fortuna Düsseldorf und den SV Sandhausen. Auch wenn die Fortuna gegen eben jenes Sandhausen am Freitag 0:3 vor eigenem Publikum verloren hat, kommen bei mir äußerst unangenehme Erinnerungen hoch, wenn ich an unsere letzten Spiele gegen Fortuna zurückdenke.

Die Funkel-Elf ist ein Gegner, der uns absolut nicht liegt und gegen den wir es, trotz meist drückender Überlegenheit, nicht schaffen, dreifach zu punkten. Unser letzter Heimsieg gegen Fortuna stammt aus der Meistersaison 1992, wobei wir zugegebenermaßen seitdem auch selten mit ihr die Klingen kreuzten. Dennoch sage ich, Obacht und halte ein 0:0 für realistischer als einen berauschenden Heimsieg.

Eine glanzlose Nullnummer oder gar eine Heimniederlage wären die Höchststrafe, ist man als Arbeitnehmer doch schon begeistert genug, im Winter bei eisigen Temperaturen an einem Montagabend ins Stadion zu „müssen“.

Eine Prognose über den weiteren Saisonverlauf kann ich jetzt beim besten Willen noch nicht abgeben. Diese hängt zu sehr davon ab, wie erfolgreich der VfB noch auf dem Transfermarkt ist und ob nicht nur Ergänzungen, sondern auch Verstärkungen an Land gezogen werden können, morgen, am „Deadline-Day“ sind wir schlauer!

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 10.0/10 (2 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)
16. Februar 2016

Kramny rockt

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 08:47

Ein rundum gelungenes und erfolgreiches Fußball-Wochenende liegt hinter mir.

Bereits am Freitag war ich bei meinen Freunden von St. Pauli zu Gast, als der große Aufstiegs-Favorit Rattenball Leipzig mit Ralf Rangnick auf der Bank mit 1:0 am Millerntor niedergerungen wurde. Dieser Sieg dürfte den Aufstieg der Leipziger zwar auch nicht verhindern, aber, es war trotzdem ein gutes Gefühl, dass ihnen ein wenig in die Suppe gespuckt wurde, auch wenn wir in erster Linie wegen der Atmosphäre im Stadion und der Stadt nach Hamburg reisten und der Gegner zweitrangig war.
Nach langer Nacht auf dem Kiez und kurzer Schlafpause ging es am Samstagmorgen bereits kurz nach 7 Uhr mit dem ICE zurück in Richtung Landeshauptstadt, um rechtzeitig zum Spiel unseres VfB gegen Hertha BSC im Neckarstadion zu sein.

Planmäßige Ankunft wäre 12.35 Uhr gewesen, doch schon vor Hannover zeichnete sich ab, dass dies reines Wunschdenken war. In Hannover hatten wir bereits 45 Minuten Verspätung angesammelt, so dass sich die Deutsche Bahn kurzerhand entschloss, den Zug, der eigentlich direkt bis nach Stuttgart gefahren wäre, in Frankfurt enden zu lassen.

Wäre das alles nicht schon ärgerlich genug gewesen, mussten wir die Fahrt mit einem aus Berlin kommenden ICE fortsetzen, in dem sich hunderte von KSC-Freunden aufhielten und echten Abschaum darstellten. Ich bin ja viel unterwegs und habe trotzdem selten einen von der Anzahl so großen alkoholisierten, niveaulosen, aggressiven und provozierenden Mob durch sämtliche Altersklassen hinweg gesehen, wie ihn diesem Zug. Der durchschnittliche Alkoholpegel dürfte bei etwa drei Promille gelegen haben.

Mit dem DB-Logo auf der Brust schienen manche zu meinen, mit einem Freibrief für schlechtes Benehmen ausgestattet zu sein und dass die „Kollegen“ ihren Dreck ja schon irgendwie beseitigen würden. Wir sind ja auch viel unterwegs und trinken auch „mal“ was, meist jedoch gesitteter und vor allem so, dass wir anderen Reisenden nicht auf den Nerv gehen.

Da der Zug ohnehin ziemlich überfüllt war und wir uns mit diesem niveaulosen Haufen nicht auseinandersetzen wollten, begaben wir uns sofort und ohne erst einen Platz in der 2. Klasse gesucht zu haben, in die 1. Klasse. Nach all den Umständen durfte ein eigenmächtiges Upgrade ja drin gelegen haben.

Außer „Stuttgarter Arschlöcher“ und „Hertha und der KSC“ kennen diese geistigen Tiefflieger auch keine Lieder, diese schmetterten sie allen entgegen, die ihnen begegneten und so „begrüßten“ sie auch unsere schöne Stadt bei der Ankunft. Nur gut, dass sie gleich von der Polizei eingesammelt und zur S1, die direkt zum Neckarpark fährt, gebracht wurden, während wir auf andere Linien ausweichen konnten, um dieses Gesocks endgültig loszuwerden. Einige Straßburger und auch Karlsruher, denen es offensichtlich wichtiger war, gegen den VfB zu pöbeln, als die eigene Mannschaft in Duisburg zu unterstützen, mischten sich noch unters asoziale Berliner Volk, so dass in mir der große Wunsch aufkeimte, die Berliner auf dem Platz gehörig abzuschießen und ihnen somit die Heimreise zu vermiesen.

Gegen 13.45 Uhr erreichten wir schließlich Bad Cannstatt, so dass noch etwas Zeit, wenn auch weniger als geplant, blieb, es erstmals an diesem Tag mit fester Nahrung zu versuchen und mit saurem Radler nachzuspülen.

Kurz darauf ging es auch schon hinein ins Neckarstadion, obwohl sich die Einlasskontrolle einmal mehr hinzog und es zu langen Schlangen kam.

Die meist diskutierte Frage vor dem Spiel gegen den aktuellen Tabellendritten war, ob der VfB an dem Pokal-Aus gegen Borussia Dortmund noch zu knabbern hätte oder dieses so weggesteckt hat, wie Kramny bei der Spieltagspressekonferenz weismachen wollte.

Als leidgeprüfter Fan wird es wohl noch lange dauern, bis man eine solche Siegesserie, wie man sie zuletzt in der Bundesliga hingelegt hat, als selbstverständlich erachtet und dem Braten zu trauen sich traut. Man hat zu große Zweifel und kann es noch nicht so richtig einschätzen, wie stabil das Gebilde schon oder wie fragil es noch ist, so dass das Spiel gegen Hertha einem kleinen Charaktertest gleich kam.

Bei der Aufarbeitung der Pokalniederlage war Kramny zunächst einmal als Psychologe gefragt. Er musste die Fehler, die zum K. O. führten anzusprechen und gleichzeitig die Jungs wieder aufzurichten. Schon an der Aufstellung gegen den BVB ließ sich ablesen, dass das Weiterkommen nicht allerhöchste Priorität besaß, was ich schade fand, denn, welcher Fan nimmt einen Abstecher nach Berlin im Mai nicht gerne mit?

Dass Langerak erstmals in einem Pflichtspiel für den VfB und gegen seine alten Kameraden auflaufen durfte, ist sicherlich als ein Zeichen zu deuten, Mitch zu zeigen, wie wichtig er fürs Team ist, auch wenn er sich derzeit hinten anstellen muss. Sunjic durfte für Schwaab ran, so dass der in der Liga immer besser funktionierende Abwehrverbund gleich auf zwei Positionen gesprengt war.

Die nicht vorhandene Abstimmung machte sich gegen den BVB schon früh beim 0:1 bemerkbar. Daher lässt sich schon ein wenig hineininterpretieren, dass Kramny das Ausscheiden zumindest einkalkuliert hat, als er seine Aufstellung festlegte. Dass er es bewusst provoziert hat, um Kräfte zu sparen und den Kopf frei für die Liga zu haben, soweit möchte ich nicht gehen, es war eher die Gelegenheit, Spielern die momentan keine Chance auf die erste Elf haben, zu signalisieren, dass sie dicht dran sind.

Hertha ist nicht Dortmund, so dass Kramny zwar vor den Berlinern warnte, jedoch auch Mut machte und einen Plan aufstellte, wie man die Berliner knacken kann.

Über den Ausfall des in Frankfurt mit Gelb-Rot des Feldes verwiesenen Daniel Didavi lamentierte Kramny nicht und schob die ganze Verantwortung der Vertretung auch nicht Alexandru Maxim zu. Er wies darauf hin, man könne Dida nicht 1:1 ersetzen und forderte dies im Kollektiv zu tun, womit er automatisch das ganze Team in die Pflicht nahm. Psychologisch sicher nicht ganz so ungeschickt.

Timo Werner, der gegen den BVB noch wegen eines grippalen Infekts passen musste, stand gegen die Hertha wieder zur Verfügung, so dass bis auf die Hereinnahme Maxims, keine Wechsel in der zuletzt in der Bundesliga so erfolgreichen Elf vorgenommen wurden.

Hertha BSC hatte nach dem Pokal-Spiel einen Tag weniger zur Regeneration zur Verfügung, was Pal Dardai im Vorfeld als Wettbewerbsverzerrung anprangerte, wobei die Hertha nach dem Pokal psychologisch im Vorteil war, da ihr Traum vom Finale daheim weiter lebt und sie sicherlich, wenn auch auswärts, die weitaus leichtere Aufgabe zu bewältigen hatten.

Für beide Teams von Nachteil war der vom Pokalspiel sehr ramponierte Rasen, da beide eher die feine Sohle bevorzugen und nicht so gern rustikal zur Sache gehen.

Und dennoch begann das Spiel aus VfB-Sicht gleich mit einem Paukenschlag. Der starke Timo Werner setzte sich auf der rechten Seite durch und passte scharf an Freund und Feind vorbei in Richtung Filip Kostic, welcher etwas überrascht schien und den Ball in Rücklage am Tor vorbei schoss. Gegen einen bekanntermaßen defensivstarken Gegner wäre dieses frühe Tor in der 2. Spielminute Gold wert gewesen.
Im Anschluss neutralisierten sich beide Teams weitestgehend in einem Spiel, das von gegenseitigem Respekt geprägt war. Hertha ließ aufblitzen, weshalb es auf dem 3. Tabellenplatz steht, ball- und kombinationssicher, aus einer guten Ordnung heraus spielend, ließen sie unserer zuletzt so hochgelobten Offensive kaum Räume, in die man hineinstoßen hätte können.

Einzig Maxims nah aufs Tor geschlagene Eckbälle brachten Keeper Jarstein ein ums andere Mal in die Bredouille.

Schiedsrichter Dingert rückte dann in den Mittelpunkt und machte sich unter denjenigen Zuschauern, die es mit dem VfB hielten, keine Freunde. Eine Balleroberung Gentners gegen Lustenberger pfiff er ab, kann man machen, muss man aber auch wiederum nicht unbedingt, Gentner wäre alleine aufs Tor zugelaufen. In der 27. Minute dann der nächste Aufreger, als Timo Werner im Strafraum gefoult wurde, jedoch nicht abhob, sondern sich aufrappelte und weiter spielte und im Anschluss zu dieser Szene wenigstens noch zum Kopfballabschluss kam.

Der rein ergebnisorientierte Fußball-Interessierte mag ihm danach geraten haben, bei Arjen Robben nachzufragen, auf welche Schauspielschule er denn gegangen ist, um das nächste Mal „cleverer“ zu agieren. Wem dagegen Fairness und Gerechtigkeit im Fußball wichtiger ist als das schnöde Ergebnis, sagt einfach „Chapeau“ zu Timo. Eine faire Aktion unseres Youngsters und überhaupt ist es doch nur „foul, wenn der Schiedsrichter pfeift“. Legt er sich und das Spiel läuft weiter, ist der Aufschrei auch groß. Einzig Schiedsrichter stand in der Pflicht, auf den Elfmeterpunkt zu zeigen und darf keine Unterschiede machen, ob einer den sterbenden Schwan mimt oder nicht. So lang Schiedsrichter schäbige Schauspieleinlagen mehr belohnen als faires Verhalten, werden die Robbens dieser (Fußball-)Welt nie aussterben.
Nach dieser Szene wurden die Berliner mutiger und hatten zunächst eine Freistoßchance durch Plattenhardt, der wegen seiner Heimatverbundenheit auch gerne mal zum VfB gewechselt wäre, und danach einen echten Hochkaräter durch Ibišević.

Dieser wurde im richtigen Moment von Cigerci angespielt und lief allein auf Przemysław Tytoń zu, der seinen Schuss artistisch und gerade noch mit dem rechten Fuß abwehren konnte.
Wie wurde der Pole doch anfangs gescholten, selbst ich sah uns zwischenzeitlich nach Ulle schon vom Regen in die Traufe gekommen zu sein (und das will was heißen), da Tytoń regelmäßige unerklärliche Aussetzer an den Tag legte.

Tytoń hat sich enorm stabilisiert und auch schon unter Zorniger erste Spiele für uns gewonnen, man denke bspw. an die Zu-Null-Spiele gegen Ingolstadt und Darmstadt. Jetzt aber, wo er seit Wochen die gleichen Vorderleute vor sich hat, das Team insgesamt besser und vor allem gemeinsam nach hinten arbeitet, ist er ein enorm starker Rückhalt geworden. Durch diese starke Parade zählt auch Tytoń zweifellos zu den Matchwinnern vom Samstag.

Ein Mitch Langerak kann einem dabei mittlerweile fast schon leidtun. Eigentlich als Nummer eins verpflichtet, danach gleich lange verletzt und jetzt im Wartestand, wie schon in den letzten Jahren beim BVB. Das hätte er sich sicher anders vorgestellt. Derzeit gibt es keinen Grund an Tytońs Status als Nummer eins zu rütteln.

Ibišević dagegen, dessen Gehalt der VfB zu großen Teilen weiterhin bezahlt, war somit zunächst das nicht vergönnt, was uns durch Ex-Spieler gefühlt jedes Mal ereilt, nämlich, dass sie gegen den VfB sicher treffen.

Auch Julian Schieber gelang das im Übrigen nicht, der nach einer Stunde eingewechselt wurde. Er wurde, wie nahezu jeder Ex-Spieler, der für seinen neuen Verein gegen den VfB aufläuft, mit einem gellenden Pfeifkonzert „begrüßt“, was ich persönlich immer etwas daneben finde. Von Schieber muss ja nicht nur haften geblieben sein, dass er dem Lockruf des Geldes und der Aussicht Championsleague spielen zu können, folgte, sondern auch seine zwei Tore beim 4:4 beim BVB, einem der unfassbarsten Spiele überhaupt. An diesem Samstag aber hatte seine Einwechslung noch eine ganz andere Note, betrat er doch nach exakt einjähriger Verletzungspause erstmals wieder das Spielfeld, so dass man ihn auch mit warmem und aufmunterndem Applaus hätte empfangen können.

Unmittelbar nach Wiederanpfiff hatte der VfB nach Insúa-Hereingabe eine Chance durch Timo Werner, ehe Cigerci eine gute Kopfball-Chance hatte und auch Ibisevic mit einem harmlosen Flachschuss wieder in Erscheinung trat.

Doch dann schlug die große Stunde von Serey Dié. Erst eroberte er im Mittelfeld selbst den Ball, dieser gelangte über Umwege zu Alexandru Maxim, der scharf abzog, dass Jarstein nur abklatschen konnte. Den Abpraller ließ Kostic für den heranrauschenden Serey Dié passieren, welcher volley und mit dem Außenrist abzog und Jarstein keine Chance ließ. Ein Wahnsinnstor unserer Nummer 26, sein allererstes im VfB-Trikot, womit er seine herausragende Leistung krönte. Er legte einen Weltklasseauftritt hin, sehr passsicher, sehr zweikampfstark, aufopfernd kämpfend und ein wahrer Leader. Serey Dié steht wie einige andere auch sinnbildlich für den Aufschwung. Dutt drückte es so aus, dass das Trainerteam hart an seiner Positionstreue gearbeitet habe, was bedeutet, dass er sich mehr auf sein Kerngeschäft konzentriert und seine Vorstöße dosierter ausfallen. Ganz großes Kino des Ivorers, dem jeder, wirklich jeder, diesen Treffer von Herzen gönnte.

Nach dem brustlösenden Führungstreffer intensivierte die Hertha ihre Offensivbemühungen, kam aber bis auf einen Schuss von Brooks an den Außenpfosten kaum zu nennenswerten Möglichkeiten. Da hatte der VfB das Glück des Tüchtigen, ansonsten hatte unsere Defensive mit den immer besser funktionierenden Schwaab und Niedermeier die Berliner gut im Griff. Der VfB hatte das ganze Spiel über mehr und auch bessere Tormöglichkeiten, so dass die Führung mehr als verdient war.

Und trotzdem sollte es bis 84. Minute dauern, bis der Deckel drauf war. Symptomatisch für den „neuen“ VfB, der mittlerweile dosierter auftritt als noch zu Zorniger-Zeiten und auch mal das Tempo herausnimmt, dass der VfB zu diesem späten Zeitpunkt und mit dem Pokalspiel in den Knochen in den Schlussminuten noch ein Offensiv-Pressing betrieb, das schließlich den Berliner Ballverlust provozierte und woraus das erlösende 2:0 durch Filip Kostic resultierte. Auch Kostic einer der großen Profiteure unter Kramny, weil er wieder losgelassen wurde und seinem Instinkt folgen darf, statt dem Diktat Zornigers zu unterliegen, stur in die Mitte zu ziehen. Da ist er wieder, der Kostic aus den letzten Spielen der Rückrunde.

Ich war ja auch skeptisch, was die Installation Kramnys als Cheftrainer anging, weil ich es ihm zunächst nicht zutraute, diese schwierige Mannschaft in den Griff zu bekommen und weil die Lösung für mich aussah, als wolle man sich seiner womöglich letzten Patrone (noch) nicht berauben und lasse Kramny daher erst mal machen. Die Uhr stand auf fünf vor zwölf, so dass eigentlich keine Zeit für Experimente mehr vorhanden war.

Was Kramny aber seither angepackt hat, wie er sich gibt, wie er es verstanden hat, das Team zusammenzuschweißen, wie er die Mannschaft das spielen lässt, was sie am besten kann und vor allem, wie es ihm die Mannschaft dankt, ich hätte das nicht für möglich gehalten.

Der VfB stellt die beste Rückrundenmannschaft und wies den Tabellendritten Hertha BSC, der seinerzeit zuvor sechs Mal nicht verloren hatte, hochverdient und relativ deutlich in die Schranken. Mit nunmehr fünf Siegen in Folge, der besten Serie seit 2010, noch unter Christian Gross, hat der VfB nun nach 21 Spieltagen bereits 27 Punkte auf dem Konto und nimmt den zehnten Platz ein.

Zwölf Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegs-, der vor zwei Monaten noch VfB-Stammplatz war, schon sieben Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, jedoch nur noch fünf Punkte Rückstand auf Platz sieben, der möglicherweise zur Europaleague-Qualifikation berechtigt.

Wohin soll man in der Tabelle also blicken? Ist die Zeit (schon) reif, ein neues Saisonziel auszugeben? Ich finde nicht! Da bin ich bei Jürgen Kramny, von Spiel zu Spiel denken und vor allem erst einmal die 40-Punkte-Marke knacken, ehe man zu spinnen anfängt. Wenn man die Truppe derzeit spielen sieht, kann man es sich zwar schwerlich vorstellen, dass das Team noch dermaßen einbrechen und in Gefahr geraten könnte, aber, der Teufel ist ein Eichhörnchen, wir sind gebrannte Kinder und tun gut daran, von Woche zu Woche weiterzusehen und erst einmal kleine Brötchen zu backen.

Schafft es Kramny jedoch, das Team weiterhin so bei Laune, die Stimmung hoch zu halten, ist noch vieles möglich. Der Teamgeist, auch unter den Reservisten, scheint überragend zu sein, so dass sich die Spieler gegenseitig zu Höchstleistungen pushen und der Lauf durchaus eine Eigendynamik annehmen kann, wie wir sie zuletzt 2007 erlebt haben.

Durch Handauflegen und die Krise weglächeln hat Kramny mit seinem Trainerteam zusammen sicherlich nicht für den Aufschwung gesorgt. Die Grundlagen, die in Belek gelegt wurden, zahlen sich schon jetzt aus, die Team-Building-Maßnahmen dort ebenfalls.

Die Neuzugänge Großkreutz und Kravets passen bislang wie die Faust aufs Auge. Großkreutz ist schon von seiner Siegermentalität und seiner offenen Art her ein Gewinn, dass er wie ein Irrer läuft und kämpft und stets bereit ist, sich völlig auszupowern, und das als Spieler, der schon alles erreicht hat, nötigt den Mitspielern Respekt ab und animiert die Anderen dazu, ebenfalls eine Schippe draufzulegen.

Kravets hingegen ist eine ernsthafte Alternative für Timo Werner, wofür er mir fast zu schade ist. Aber, Timo Werner selbst hat in dieser Saison einen enormen Sprung gemacht und machte auch am Samstag wieder ein starkes Spiel, so dass Timo nicht gerecht werden, ihn für Kravets zu opfern. Kravets wiederum war nun bereits zum dritten Mal in Folge nach seiner Einwechslung an einem Tor beteiligt, wenn auch am Samstag unorthodox und unfreiwillig, so dass Kramny ein Luxusproblem hat, wem er denn sein Vertrauen schenkt. Momentan ist auch Timo Werner sehr wertvoll für sein Team, erläuft Bälle und holt durch seine Schnelligkeit Freistöße heraus. Deshalb würde ich an dieser Formation derzeit nicht rütteln, zumal es ja auch sehr wertvoll für einen Trainer ist, jemanden in der Hinterhand zu haben, der sofort da ist und müde Abwehrreihen vor große Probleme stellen kann.

Nur schade, dass der dritte Neue, Federico Barba, eigentlich ja der Winterkönigstransfer, noch eine ganze Weile verletzt ausfällt.

Was mir an Kramny noch imponiert, ist, dass mir seine Auswechslungen bislang meist plausibel und zum richtigen Zeitpunkt erscheinen, mit Ausnahme vielleicht davon, dass er Didavi nach seiner gelben Karte in Frankfurt hätte schützen und auswechseln können und auch eine Auswechslung Insúas am Samstag Sinn gemacht hätte, spätestens nachdem er Glück hatte, nicht mit Gelb-Rot vom Platz geflogen zu sein. Da vertraut er aber seinen Mannen, dass sie sich im Griff haben und nicht durch eine dumme Aktion das eigene Team schädigen.

Ansonsten aber, Kravets für Werner habe ich thematisiert, aber auch Harnik für Maxim machte Sinn. Nicht nur, weil Maxim müde war, der Wechsel fiel just in eine Phase, in der die Berliner drohten, des Öfteren gefährlich durchs Zentrum nach vorne zu gelangen. Harnik lief diese Räume dann zu und hatte zum Schluss noch die Großchance zum 3:0.

Der letzte Wechsel, Klein für Serey Dié, diente freilich nur noch dazu, dem Mann des Spiels einen gebührenden Abgang zu verschaffen. Holger Laser, unser Stadionsprecher, rief dazu auf für Serey Dié aufzustehen und gut 40.000 VfB-Fans folgten dem Aufruf. Standing Ovations der glückseligen schwäbischen Fangemeinde, die geradezu entzückt ist, vom neuen VfB. Dass die Mannschaft schön spielen kann, erlebten wir unter Alexander Zorniger ja auch zur Genüge, der Unterschied im Hier und Jetzt aber ist, dass wir nicht nur schön spielen sondern auch gewinnen.

Begann man die Saison nach teilweise hervorragenden Leistungen mit vier Niederlagen, schaffte man nun gegen die gleichen Gegner zum Auftakt der Rückserie vier Siege.

Bratwurst-Fredi, der in diversen Kolumnen und auf kleinen unbedeutenden Spartensendern seinen unqualifizierten Senf hinzugeben darf, sprach Kramny jüngst ja die Bundesligatauglichkeit ab. Man darf gespannt sein, was ihm diese Woche dazu einfällt.

Ich möchte Kramny nun auch nicht in die höchsten Sphären heben, um ein erfolgreicher Bundesligatrainer zu sein, gehören viele Jahre Erfahrung auf hohem Niveau und nicht nur ein paar Spiele dazu, aber, jeder Große fing mal klein an, einen sehr guten Auftakt hat er jedenfalls hingelegt.

Was ihn grundlegend von Zorniger unterscheidet ist, dass es für Kramny wohl kein Beinbruch wäre, wenn er irgendwann einmal wieder ins zweite Glied zurückgestuft werden würde, während Zorniger den Eindruck erweckte, nichts ginge ihm schnell genug, dass er alles mit Gewalt einreißen und der neue Schwaben-Mourinho sein wollte. Dabei machte er leider den zweiten vor dem ersten Schritt, so dass die Trennung spätestens dann nicht mehr zu vermeiden war, als er die Mannschaft gänzlich verloren hatte.

Kramny hingegen macht seinen Job ruhig und unaufgeregt, hört auf sein Umfeld und auch auf die Mannschaft, was sie ihm derzeit unwiderstehlich dankt. Hoffen wir, dass es so weiter geht. Nächste Ausfahrt Schalke und ich ertappe mich tatsächlich dabei, darüber enttäuscht zu sein, sollten wir mit leeren Händen vom Pott zurückkehren. So schnell ändern sich die Zeiten.

Nach diesem gigantischen Wochenende verschwand mein Dauergrinsen am Sonntag dann von einem Moment auf den Anderen. Es wurde Gewissheit, was man nach der morgendlichen Einheit schon befürchten musste, nämlich, als Daniel Ginczek, gestützt von Gerhard Wörn, vom Platz humpelte.

Ginni hat sich erneut das Kreuzband gerissen, dieses Mal im anderen Knie. Seit dem 3.10.15 hatte Ginczek wegen eines Bandscheibenvorfalls pausieren müssen und war nach viereinhalb Monaten gerade erst wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen und dann das. Einfach nur unfassbar traurig. Ich hoffe, die Operation und anschließende Reha verlaufen optimal, so dass uns Ginni zum Bundesligastart 2016/2017 wieder zur Verfügung steht. Kopf hoch Ginni, YNWA!

So manch einer schreibt Ginni jetzt schon für immer ab, weil seine Verletzungshistorie badstubersche Züge annehmen würde. Ich sehe da nicht so schwarz, zum einen ist Ginni noch jung und zum anderen hätte man es Daniel Didavi vor zwei Jahren auch nicht mehr zugetraut, so stark zurückzukommen und über einen jetzt doch erfreulich langen Zeitraum beschwerdefrei zu sein.

Der erwähnte Holger Badstuber bleibt der ganz große Pechvogel im deutschen Fußball und zog sich am Wochenende einen Fußbruch zu, der ihn die Euro in Frankreich kosten wird. Bitter für ihn, der einst in der VfB-Jugend gekickt hat und sich in den letzten Jahren mehr in der Reha als auf dem Platz befand. Auch ihm gute Besserung und dass er nach der neuerlichen Reha endlich mal gesund bleiben darf.

Nun freue ich mich auf eine Europapokal-Woche, auch wenn das Championsleague-Achtelfinale so gestückelt wurde und sich über vier Wochen erstreckt. Schalke wünsche ich eine gute Reise in die Ukraine, ein anstrengendes Spiel und eine beschwerliche Reise zurück. Die Trauben am Sonntag hängen zwar hoch in der Turnhalle, aber, dieser Mannschaft ist momentan vieles zuzutrauen, auch ein Sieg im Pott.

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 9.5/10 (11 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: +2 (from 2 votes)
13. Oktober 2014

Hertha-VfB/ St. Pauli-Union – ein WE im Zeichen des Fußballs!

Gut eineinhalb Wochen ist die unnötige Niederlage von Berlin schon wieder her. Wegen des anstrengenden Wochenendes und einer noch stressigeren Woche kam ich leider nicht früher dazu, meine Eindrücke und Erlebnisse zu schildern.
Wir machten uns am frühen Morgen des Tags der Deutschen Einheit auf den Weg nach Berlin, jedoch nicht, um den Feierlichkeiten zu selbigem in der Hauptstadt beizuwohnen, sondern, um den VfB zu unterstützen, der, wie schon fast traditionell, das Freitagabend-Spiel im 625 Kilometer entfernt liegenden Berliner Olympiastadion zu bestreiten hatte. Die Fahrt dorthin verlief feuchtfröhlich, ohne besondere Zwischenfälle und ohne Verspätung, so dass wir wie geplant gegen 14.45 Uhr unser Domizil am Berliner Kaiserdamm, nur drei U-Bahn-Stationen vom Olympiastadion entfernt gelegen, erreichten und uns kurz darauf in einer Pizzeria mit Freunden treffen konnten. Ein paar Bier und ein paar leckere Bruschetta später begaben wir uns in Richtung Stadion.
Eigentlich wollten wir noch im Biergarten direkt vor dem Stadion Freunde treffen, da wir aber auf der falschen Seite ankamen und es auch im Stadioninnern Vollbier gibt, gingen wir sofort hinein ins altehrwürdige und denkmalgeschützte Stadion.
Erst später fiel mir ein, dass ich eigentlich noch Karten zum verkaufen gehabt hätte, da ich kurz vor Abreise noch zwei Eintrittskarten auf der Gegengeraden gewonnen hatte. Wenn schon, denn schon, dachte ich mir und nahm diesen Platz dann selbstverständlich auch ein, versprach er doch eine bessere Perspektive zum fotografieren. Schade eben, dass ich dadurch einige Leute, die man sonst immer trifft im Gästeblock, dieses Mal nicht sehen konnte. Aber, einen Tod muss man eben sterben. Der Platz war jedenfalls super, unsere Reihe fast leer, von den insgesamt in Stuttgart verlosten 20 Karten waren offensichtlich nur vier in Anspruch genommen worden.
Noch heute kann man den verlorenen Punkten hinterher trauern, denn, viel einfacher als bei der alten Dame dürfte es in den nächsten Wochen nicht werden, das Punktekonto aufzubessern. Man hatte die Berliner gut im Griff, die Führung lediglich durch einen höchstfragwürdigen Elfmeter aus der Hand gegeben, als Antonio Rüdiger anfangs der zweiten Halbzeit die Geduld verlor und mit dem Kopf durch die Wand einen Angriff starten wollte. Das Ende ist bekannt, Ballverlust, schulmäßiger Hertha-Konter und das (vor-) entscheidende 2:1 für die Hertha, die wohl selbst nicht wusste, wie ihr geschah. Bis dahin hatte der VfB das Spiel gut und die Hertha wartete „nur“ darauf, bis der allgegenwärtige Fehlerteufel seinen Auftritt hatte.
Bezeichnend diese Aktion für Toni Rüdiger. Zuletzt hatte ich ihn ja gelobt, dass er, seit er sich zum Stamm des Kaders der Nationalmannschaft zählen darf, eine stärkere Präsenz zeigt, gewillt ist Verantwortung zu übernehmen und vor allem eine Körpersprache an den Tag legt, die man sich vom Rest der Truppe wünschen würde. Dass er mit 21 Jahren (noch) überfordert ist, die Führungsrolle in der Mannschaft zu übernehmen, liegt auf der Hand. Er sollte zunächst sein eigenes Spiel verbessern und daran arbeiten seine Fehlerquote zu minimieren, hat er doch auch schon gegen Köln das vorentscheidende Tor maßgeblich mit verursacht. Dennoch liegt es mir fern, Rüdiger zum Sündenbock für die Niederlage in Berlin abzustempeln. Es ist doch traurig genug, dass es sonst keinen gibt in unserer Mannschaft, der Verantwortung übernimmt und voran geht.
Ein Christian Gentner trägt im Aktionsradius eines Bierdeckels die Kapitänsbinde spazieren, während sich Jungspunde im Team aufopfern und es wenigstens versuchen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. DIE Achse im VfB-Spiel muss sich erst noch finden.
Hier, so finde ich, sind wir auf gar keinem ganz so schlechten Weg. Spielerisch sind Fortschritte erkennbar. Kirschbaum als Ulle-Nachfolger macht seine Sache ordentlich und strahlt eine wohltuende Sicherheit aus.
Rüdiger befindet sich in einer Entwicklung und kann durchaus in absehbarer Zeit Abwehrchef werden, allerdings hielte ich es nach wie vor für notwendig, ihm einen erfahrenen Haudegen an die Seite zu stellen. Rüdiger und Schwaab bildeten bei der fürchterlichen Niederlagenserie unter Thomas Schneider weitestgehend unsere Innenverteidigung, Ergebnis bekannt. Hier hat es der VfB durch seine nicht erfolgte Saisonnachbereitung einfach versäumt, an den Stellschrauben zu drehen, die schon lang als die Achillesferse des VfB bekannt waren. Ich wünsche es mir, dass Rüdiger auf dem Boden bleibt und an seinen Schwächen arbeitet. Es ist sicherlich nicht einfach für den Jungen die Bodenhaftung zu wahren, wenn er, wie heute geschrieben, als einer der heißesten Transferkandidaten gehandelt wird und angeblich selbst der FC Chelsea seine Fühler nach ihm ausgestreckt habe.
Im zentralen Mittelfeld sind Romeu, Gruezo und zuletzt auch Leitner Lichtblicke, während Gentner im modernen Fußball eigentlich ein Auslaufmodell ist. Es nützt nichts, sinnlos Kilometer abzuspulen. Uns nützt auch ein Kapitän nichts, den man im Spiel 90 Minuten so gut wie nicht wahrnimmt. Ich bin mir relativ sicher, dass er die nächste „Ikone“ ist, die dem „neuen“ VfB zum Opfer fallen wird. Auch Vedad Ibisevic, dem ich allerdings in Berlin eine verbesserte Form attestiere und der das 0:1 schön vorbereitet hat, wird sich sehr bald einer neuen Konkurrenzsituation stellen müssen, denn, Daniel Ginczek scharrt schon mit den Hufen.
Armin Veh, das zeigt auch die Absetzung von Sven Ulreich, macht vor Namen, alten Verdiensten oder dem Standing im Verein keinen Halt und ist auf der Suche nach der bestfunktionierenden Mannschaft. Somit haben wir jetzt eine Situation wie schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr, nämlich, dass allein die Leistung zählt. Veh hat es sich in den Kopf gesetzt, den VfB wieder in angenehmere Tabellengefilde zu führen und hier nicht zu scheitern. Für einen Trainer ist es doch ein leichtes irgendwo ein Himmelfahrtskommando zu übernehmen, einiges zu probieren und gegen Windmühlen anzukämpfen, um sich dann mit einer fetten Abfindung oder unter weiterem Kassieren der Bezüge wieder entlassen zu lassen. Das hat Veh ganz sicher nicht vor. Für ihn ist der VfB eine Herzensangelegenheit, also wird er weiter kämpfen und sämtliche Register ziehen. Sollte, wie man munkelt, an der Möglichkeit etwas dran sein, dass Veh vor hat, auf Sicht den Posten des Sportdirektors zu übernehmen und man womöglich Thomas Tuchel als Trainer auf den Wasen locken möchte, auch dann wäre es eminent wichtig, dass Veh sich nicht verbiegen lässt und vor allem nicht an Widerständen aus dem Verein und dem Umfeld scheitert und damit verbrannt wäre. Ich drücke ihm fest die Daumen, dass das Umfeld geduldig bleibt und dass wir mit ihm die Kurve bekommen. Natürlich probiert er einiges, natürlich macht er dabei auch Fehler, dennoch sehe ich Bewegung wie lange nicht in der ersten Elf und bin daher weiter guter Dinge, dass wir schon bald die Früchte dieses Umbruchs ernten können.
In Sachen Bobic-Nachfolge ist fürs Erste Ruhe eingekehrt. Wie man vernimmt, gibt Jochen Schneider den Manager auf Probe, mindestens bis zur Winterpause. Damit kann ich persönlich gut leben, wenn Veh als eine Art Teammanager fungiert und Schneider lediglich in Sachen PR mehr in den Vordergrund tritt. Wie schon öfter von mir thematisiert, ist einfach der Zeitpunkt für die Managersuche beschissen, so dass eine wirklich große Lösung erst nach Ende der Saison möglich sein dürfte. Gute Leute wachsen nicht auf den Bäumen, gescheiterte Manager (z. B. Kreuzer) oder erneut ein Anfänger (Lehmann, Kahn, Effenberg, etc.…) würden meine Kopfschmerzen, die mir mein Verein sowieso schon bereitet, eher noch verstärken. Der einzige der Namen, die bisher so durch die Presse geisterten, der einen gewissen Charme versprüht, wäre Jan Schindelmeiser. Ich gebe es zu, dass ich zunächst erschrocken bin, als ich seinen Namen las, den ich in erster Linie mit dem Nachbarn von der Autobahnraststätte in Verbindung bringe. Bei näherem Hinschauen und einem genaueren Blick auf seine Vita aber, brächte er eine große Eignung für diesen vakanten Posten mit. Und, es wäre ein Mann mit Erfahrung im Fußball-Business und ohne Stallgeruch. Ob sich unsere Granden eine solche Lösung ernsthaft vorstellen können, bezweifle ich allerdings. Es ist ja sooo wichtig, dass man den Verein und die ach so eigenen Abläufe darin kennt, ein Außenstehender würde da gar nicht durchblicken. So lang sich Vorstand und Aufsichtsrat nicht neuen Wegen öffnen, wird sich grundlegend in näherer Zukunft nichts ändern.
In der Bundesligapause fand auf dem Trainingsgelände des VfB ein Trainingsspiel gegen den Landesligisten Germania Bargau statt. Dieses Spiel wurde auf der VfB-Seite nicht beworben, allerdings konnte man auf der Seite von Bargau, regionalen Sportseiten und auch Tageszeitungen wie dem Schwarzwälder Boten Kenntnis davon erlangen. Als Austragungsort war das Robert-Schlienz-Stadion angegeben, zur besten Frühschoppenzeit, Samstagmorgen 11 Uhr. Trotz Wasen-Besuchs am Vortag standen wir rechtzeitig auf, um uns diesen Kick nicht entgehen zu lassen, was einigermaßen schwer fiel. Da die Bundesligapause meist langweilig ist, einfach etwas fehlt, und wenn man die Gelegenheit hat, die Daheimgebliebenen am Ball zu sehen, ist es fast klar, dass man diese nicht auslässt. Das böse Erwachen folgte auf dem Fuß. Angekommen auf dem Trainingsgelände war das Robert-Schlienz-Stadion verwaist, also pilgerten wir weiter in Richtung Trainingsplatz, wo wir von der Straße aus Action vernommen hatten. Dort standen wir vor verschlossenen Türen, ein Ordner wies uns ab, weil ich eine VfB-Jacke an hatte. Bargauer dagegen wurden rein gelassen.
Da verstand ich mal kurz die Welt nicht mehr. Als Allesfahrer darf man einem solchen Kirmeskick nicht beiwohnen, Gäste dagegen schon? Wo ist da die Logik? Laut Ordner „wollte der Trainer ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit“.
Mir erschließt sich der Sinn dieser Aussperrung überhaupt nicht, da es sich wohl kaum um einen ernsthaften Test handeln konnte, wenn mehr als zehn Nationalspieler fehlen. Es dürfte ja wohl nicht möglich gewesen sein, etwas einzuspielen, das Leverkusen im nächsten Spiel das Fürchten lehren soll. Ich war wirklich perplex und verzichtete spontan auf den Fanshop-Besuch, weil ich in diesem Moment vom VfB nichts mehr sehen und hören mochte. Das Spiel endete 7:1 und hatte eine gute und eine bittere Nachricht im Köcher. Daniel Ginczek traf vierfach und kommt immer besser in Schuss, während der große Pechvogel Daniel Didavi einen Muskelbündelriss erlitt und erneut vier bis sechs Wochen fehlen wird. Ganz, ganz bitter für ihn und auch für das Team, ist er doch zum Taktgeber unseres Spiels herangereift. Gute Besserung, Dida, kann man da nur sagen.
Schließlich noch ein paar Worte zu unserem Berlin-Trip. Unweit unseres Hotels befindet sich das Cancun, ein mexikanisches Restaurant und Cocktailbar, bei dem wir uns schon vor einem Jahr bestens aufgehoben fühlten und wo es bis weit in die Nacht Essen und Getränke vom feinsten gibt. Da wir Samstags relativ früh raus mussten, wollten wir nicht mehr in die Stadt oder ins vom Berliner Fanclub „CKB08“ betriebenen Rössle nach Neukölln fahren, sondern verweilten in „Bettnähe“ und hofften auf mehr als nur eine Mütze voll Schlaf.
Weit gefehlt, trotz der Niederlage wurde der Abend noch richtig lustig, so dass wir erst gegen halb fünf Uhr im Zimmer waren. Gut zwei Stunden später klingelte der Wecker schon wieder, da uns unsere Tour weiter nach Hamburg führen sollte. Auf dem Programm stand das 2. Liga-Spiel FC St. Pauli-Union Berlin.
Mein zweiter Verein, spätestens seit unseren UEFA-Cup-Spielen gegen Celtic Glasgow, mit denen St. Pauli eine Fanfreundschaft verbindet, sind ja die braunweißen, zumindest wenn sie in einer anderen Liga spielen als wir.
Der gemeinsame Abstiegskampf 2010/2011 war da schon eine harte Probe dieses besonderen Verhältnisses und für das zu meinen Freunden beim magischen FC. Sonst aber finde ich es ziemlich wohltuend, wie anders St. Pauli im Vergleich zu „normalen“ Profivereinen ist.
Wegen der unchristlichen Anstoßzeit um 13 Uhr verließen wir Berlin also gegen 8.30 Uhr und traten die 1 ½-stündige Fahrt im ICE an. Sichtlich übermüdet und dennoch voller Vorfreude waren wir unterwegs. Nach Ankunft in der Hansestadt kurz das Gepäck in unser Bestwestern Hotel gebracht und schon ging es weiter in Richtung Kiez.
Bereits beim Umstieg in die U3 hatten wir den ersten Bekannten getroffen, mit ihm zogen wir weiter in die neu errichteten Fanräume im Bauch der neuen Gegengeraden. Dort bekamen wir gleich mal eine Einführung, wie sich jeder Fanclub dort einbringen durfte und welche Devotionalien der alten Stadiongaststätte dort ihren neuen Platz fanden.
Ganz interessant, zudem war das Astra, das schon wieder extrem gut mundete, für Stadionverhältnisse recht günstig. Kurz noch die hinterlegten Eintrittskarten abgeholt und schon ging es hinein ins Millerntorstadion. Diese Paarung hatte ich schon lang mal auf dem Zettel, pflegen diese beiden Fanszenen nach gegenseitigen Unterstützungsaktionen, als die Clubs finanziell am Tropf hingen, ein recht gutes Verhältnis miteinander. Einer der wenigen Ost-Vereine, die am Millerntor wohl gelitten und gerne gesehen sind. So war außer dem Spiel also auch noch ein gemeinsamer Umtrunk mit den Union-Fans zu erwarten. Wir hatten Sitzplätze auf der Süd, oberhalb des Ultra-Blocks und inmitten der braun-weißen Fangemeinde. Die Stimmung war während des gesamten Spiels bombastisch, der Spielverlauf tat ein Übriges. Nach einer Notbremse, der daraus resultierenden Roten Karte und dem verwandelten Elfmeter Mitte der ersten Halbzeit war das Spiel quasi entschieden. Es dauerte dann zwar noch bis zur 73. Minute, ehe St. Pauli mit dem 2:0 das Spiel endgültig entschied, große Spannung kam dennoch nicht auf, zu überlegen war St. Pauli, zu wenig hatten die Unioner entgegen zu setzen. Beiden Teams stand vor dem Spiel das Wasser bis zum Hals, so dass die Erleichterung über den am Ende deutlichen 3:0-Sieg überall spürbar war.
Die Union-Ultras hängten in der Halbzeit ihre Zaunfahnen ab und stellten den Support ein, offensichtlich jedoch nicht wegen der Leistung der eigenen Mannschaft. Angeblich gab es vor dem Block Tumulte zwischen einigen St. Pauli-Fans und Berliner Stadionverbotlern, woraufhin einige Ultras das Stadion verlassen wollten, von der Polizei jedoch daran gehindert wurden. In Folge dessen soll es zu einem massiven Pfeffersprayeinsatz der Wachtmeister im Gästeblock gekommen sein, was die Ultras dazu bewegte, den Block geschlossen zu verlassen. In der ersten Halbzeit noch machten sie richtig Alarm.
In den St. Pauli-Bereichen dagegen herrschte 90 Minuten lang Dauersupport. Im Gegensatz zum Neckarstadion wird auf allen Tribünen mitgemacht, im Gegensatz zu unseren Ultras werden von den St. Pauli Ultras fast nur Lieder angestimmt, die der eigenen Mannschaft huldigen, sie nach vorne peitschen und manchmal auch voller Selbstironie getragen sind. Sind bei uns gefühlte 80% der Songs, in denen sich die Ultras selbst feiern oder den Gegner verunglimpfen, wird diesem in St. Pauli meistens Respekt entgegengebracht. Natürlich lassen sich diese beiden Vereine und vor allem die Stadien schlecht miteinander vergleichen, dennoch würde ich mir ein wenig Umdenken in der Fanszene wünschen. Ich stelle jedes Mal dort fest, dass schon die Grundstimmung eine bessere ist, was vielleicht auch daran liegen mag, dass nicht jeder das Stadion mit dem Messer zwischen den Zähnen betritt.
Wir haben den Besuch im ausverkauften Millerntor sehr genossen. Abends auf dem Kiez verließen uns dann aber leider irgendwann einmal die Kräfte und die Müdigkeit gewann die Oberhand. War zwar schade, jedoch nicht zu vermeiden. Wäre ich in diesem Jahr nicht schon zwei Mal in Hamburg gewesen, stünde das vierte Mal Hamburg im Dezember nicht schon wieder fast vor der Tür, hätte es mich sicherlich richtig genervt, so war es gerade noch zu verkraften, gegen 22 Uhr in Richtung Hotel aufzubrechen zu müssen.
Schließlich wurde gestern noch die SWR-Dokumentation „Fußballfieber – der VfB Stuttgart und seine Geschichte ausgestrahlt“. Als einer der Gewinner beim SWR-Gewinnspiel durfte ich beim Preview beim SWR am vergangenen Dienstag dabei sein und mir den Streifen schon vorab zu Gemüte führen. Johannes Seemüller moderierte, Talkgäste waren Hansi Müller, Günther Schäfer, Lothar Weise sowie die für die Doku verantwortlich zeichnenden SWR-Sportjournalisten Jens Ottmann und Thomas Wehrle. Da ich an diesem Tag höllische Rückenschmerzen hatte, war lang nicht klar, ob ich mir das tatsächlich antue. Im Nachhinein kann man fast sagen, dass es mir gereicht hätte, die Doku sonntags im Fernsehen anzuschauen. Da ich direkt vom Geschäft dort hin ging, hätte ich mir wenigstens einen kleinen Imbiss und ein Bierchen dazu gewünscht, doch leider, außer einem Sektempfang gab es nichts für Gaumen und Leber. Mir ist zwar klar, dass man das jetzt nicht unbedingt erwarten konnte, aber, darauf hoffen durfte man ja schon, wenn schon so mit Exklusivität geworben wird. Die Doku war absolut sehenswert, vor allem an die Sternstunden, die ich selbst hautnah miterlebt habe, erinnert man sich immer wieder gerne zurück und genießt die Bilder dazu. Ehrensache, dass gestern der HDD-Receiver einprogrammiert wurde und der Streifen aufgehoben wird.

Die Talkrunde war relativ kurz, aber aufschlussreich und amüsant. Bei Hansi Müller, als Aufsichtsrat und Würdenträger, wirkte es für mich aufgesetzt, als er meinte „der VfB ist noch immer ein geiler Club“. Auch befremdlich und realitätsfern fand ich, als er von regelmäßig 50.000 und mehr Zuschauern schwärmte. Gerade als Amtsträger sollte ihm doch bewusst sein, dass der Verein drauf und dran ist sein Klientel vollends zu vergraulen und weniger als 40.000 zahlende Zuschauer keine Seltenheit mehr sind. Lothar Weise, VfB-Spieler von 1958-1963 und Siegtorschütze im Pokalfinale 1958 gegen Fortuna Düsseldorf plauderte von der guten alten Zeit, als VfB noch „Vorbild für Bayern“ bedeutete und die Bayern keine Chance gegen den VfB hatten. Und, dass heutzutage der beste VfB-Spieler keine Chance mehr hätte, bei den Bayern zu spielen.
Wie er bei Heimspielen noch bis zwei Stunden vor Spielbeginn an seiner Tankstelle den Tankwart gab, ehe seine Frau das Kommando zur Abfahrt ins Neckarstadion gab.
Und, schließlich war da noch „Günne“ Günther Schäfer, mein Held der Meistermannschaft 1992, der durch seine unfassbare Rettungsaktion das 2:0 für Leverkusen verhinderte und dadurch den Titel erst möglich machte. Er gefiel mir am besten, beschrieb, wie er bei einem seiner ersten Trainings bei den Profis von Bernd Förster umgesenst wurde, was ihm drei Wochen Verletzungspause einbrachte. Wie er nach dieser Pause sich dann jenen Bernd Förster schnappte und ihn ebenfalls niederstreckte. Wie er am Blick des Gefoulten erschrak und „Wunder was“ dachte, was er wohl gleich mit ihm anstellen würde. Und, wie überrascht er dann gewesen ist, als Förster ihm die Hand reichte und trocken meinte „ich bin der Bernd“. Diese Anekdote sollte verdeutlichen, wie die damaligen Platzhirsche ihr Revier verteidigt haben, aber auch, wie man sich als Jungspund selbst Respekt im Mannschaftskreis erarbeiten konnte. Weiter führte Schäfer aus, wie wichtig ihm als Verantwortlichem der Fußballschule Respekt ist, wie er versucht, den Jungs Werte zu vermitteln und den Wächter gibt, ob die Jungs diese auch annehmen.
Hier schließt sich für mich wieder der Kreis zu unserer aktuellen Spielergeneration, zu unserer Profimannschaft, hat doch Armin Veh in jüngster Vergangenheit gerade bemängelt, die Jungs heutzutage wüssten überhaupt nicht mehr, was Respekt bedeute, würden ihn unberechtigterweise einfordern, diesen anderen jedoch nicht entgegenbringen. Bleibt zu hoffen, dass Günne den Jungs etwas von seinen Werten vermitteln kann. Er war für mich der Inbegriff von Vereinstreue, gepaart mit steter Leistungsbereitschaft und Loyalität. Einen solchen Mann sucht man schon seit längerer Zeit, vermutlich seit Soldo, in unseren Reihen vergeblich!

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0.0/10 (0 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)
19. Mai 2013

Klassenerhalt: St. Pauli schlägt Braunschweig

Lange hatte ich mit mir gerungen, ob ich unser Spiel auf Schalke noch mitnehmen und von dort nach Hamburg fahren soll. Hätte es mir der VfB in dieser Saison öfter gedankt, fast überall hin mitgereist zu sein, hätten die Protagonisten auf dem Rasen stets genau so viel Einsatz und Hingabe geboten wie wir Fans auf den Rängen, wäre das Spiel sportlich noch von Bedeutung gewesen, dann hätte die Frage, vor der ich Stand, sicherlich nicht „ob“ sondern nur „wie“ geheißen. So aber entschloss ich mich erstmals der Facebook-Einladung des OFC Roter Brustring Hamburg zum VfB gucken in der Sportsbar O’Learys in Hamburg-Bahrenfeld zuzusagen und den VfB mit Gleichgesinnten in Hamburg zu verfolgen. Daher war es mein erstes Ziel an diesem Wochenende pünktlich dort einzutreffen und verabredete mich auch mit unseren Bekannten dort, bei denen wir, wie immer, auch Unterschlupf fanden. Da die Bahn- und Flugpreise, wohl auch wegen des Hafengeburtstages, schon exorbitant in die Höhe geschnellt waren – wie gesagt, die Entscheidung aufs Schalke-Spiel zu verzichten, zog sich etwas hin – setzten wir uns Samstag früh gegen 7 Uhr ins Auto und kamen nach weitestgehend staufreier, gemütlicher Fahrt schon um 14 Uhr in Bahrenfeld ein. Die Logistik dort war unschlagbar, was ich schon tags zuvor im Internet so recherchiert hatte. Direkt am S-Bahnhof Bahrenfeld steuerten wir den kostenlosen Park & Ride Platz an, der gerade einmal ca. 50 Meter von der Sportsbar entfernt ist. Besser geht es also überhaupt nicht.

Die Sportsbar machte auf mich auf Anhieb einen sympathischen Eindruck. Die Spiele des HSV und des FC St. Pauli werden dort immer übertragen. Auf Bestellung ist jedoch auch jedes Einzelspiel möglich, das dann in einer der vielen gemütlich angeordneten Nischen angeschaut werden kann. Da wir sehr früh da und daher die ersten VfBler waren, informierten wir uns kurz, wo denn „unser“ Spiel gezeigt werden würde und nahmen schon einmal Platz. Kurz mit einem leckeren Burger gestärkt und schon trafen auch die ersten Fanclubmitglieder ein. Zu Spielbeginn waren wir eine etwa 20 „Mann“ starke schwäbische Enklave mitten in Hamburg, drückten dem VfB die Daumen und konnten am Ende ja sogar einen Auswärtssieg bejubeln. Den Schalkern in die Champions League Suppe zu spucken, das fühlte sich nicht ganz so schlecht an. Nebenan bejubelten die Rauten-Fans den Auswärtssieg in Hoffenheim, so dass überall gute Stimmung herrschte. Hoffenheim so gut wie abgestiegen, der HSV mit einem Bein in der Europa League (mit einer Woche Abstand wissen wir, dass es in beiden Fällen anders kommen sollte…). Wir schauten noch gemütlich „Alle Spiele, alle Tore“, tranken noch einen Pitcher und zogen dann irgendwann weiter in Richtung Landungsbrücken. Das Auto ließen wir bis zum späten Abend stehen, waren doch Parkplätze in der Hansestadt am Hafengeburtstag-Wochenende Mangelware. Erstmals überhaupt durchlief ich den alten Elbtunnel, um die Parade einiger Kreuzfahrtschiffe und das Feuerwerk von der anderen Elb-Seite aus zu bewundern. Es wurde noch ein wunderschöner Abend in einer immer wieder aufs Neue faszinierenden Stadt.

Am Sonntag hatte ich dann ins Auge gefasst, schon frühzeitig von unserem Domizil in Kaltenkirchen nach Hamburg aufzubrechen, um erstmals die Queen Mary 2 live zu sehen. Gegen 7 Uhr sonntagmorgens sollte sie für eine knapp zwölfstündige Stippvisite in der Hansestadt eintreffen. Für die kleine Schwester der Queen Mary 2, der Queen Elizabeth, bin ich schon einmal früh aufgestanden und durch den Hamburger Nieselregen in Richtung Elbe geeilt. Ähnliches hatte ich mir für diesen Sonntag vorgenommen, zumal unsere Gastgeber meistens viel länger schlafen als wir selbst. Der Samstag entpuppte sich durch die lange Fahrt und dem, was dann noch kam, als sehr anstrengend, so dass ich sonntags Mühe hatte, in die Gänge zu kommen, und dieses Vorhaben dann wieder verwarf. Stattdessen genoss ich einen Kaffee nach dem nächsten und hoffte, bis zum Spiel am Millerntor fit zu sein.

Ich weiß, viele VfB-Fans hegen Antipathien gegen St. Pauli, wegen seiner „anderer“ Fans, wegen der vorwiegend linken Ausrichtung und welchen Gründen auch immer. Ich kann das alles nicht nachvollziehen. Ich fühlte mich dort schon immer sehr wohl, auch rund um die VfB-Spiele in den 1980ern und 1990ern. Im Stadion herrschte Rivalität, danach in den Kneipen auf dem Kiez wurde man stets gut aufgenommen und konnte mit den St. Paulianern richtig einen drauf machen. So hegte ich schon immer Sympathien für die Freibeuter der Liga, ohne besondere Kontakte zum Kiez-Club zu haben. Dies veränderte sich vor nunmehr zehn Jahren. Am Rande unserer UEFA-Cup-Partien gegen Celtic Glasgow, die eine Fanfreundschaft mit St. Pauli pflegen, entwickelte sich ein reger Austausch per Mails und in Foren zwischen der VfB Fancommunity und dem Basis St. Pauli Forum, was darin gipfelte, dass die St. Paulianer uns zum Benefizspiel gegen den FC Bayern einluden. Wir fuhren damals zu dritt mit dem Zug nach Hamburg und wurden schon am Bahnhof von einer etwa zehnköpfigen Gruppe empfangen. Von Beginn an wurden wir sehr herzlich aufgenommen und waren gleich mittendrin statt nur dabei. Es entwickelte sich eine Freundschaft, so dass wir von nun an zumindest ein bis zwei Mal im Jahr ans Millerntor fuhren und auch Gegenbesuche, bspw. mit VfB-Spiel und Volksfest erhielten. Wie immer im Leben, Freundschaften muss man pflegen. Vieles aus der Anfangszeit ist auseinander gegangen, bei vielen Leuten, die damals dabei waren, haben sich teils die Prioritäten verschoben, einige wenige sind aber zu meiner Freude noch übrig geblieben. Ich bin einer der letzten Mohikaner aus dieser Zeit und pflege die Kontakte bis heute so gut es auf die Entfernung eben geht. Ich versuche pro Halbserie ein Spiel am Millerntor zu besuchen, was nicht immer einfach zu organisieren ist, wenn man die oft kurzfristigen Terminierungen in Betracht zieht. Ganz ärgerlich war es vor zwei Jahren, als das VfB-Spiel in Bremen wegen eines Castor-Transports verlegt wurde, so dass wir dann das schon fest eingeplante St. Pauli-Spiel gegen Dresden verpassten und zudem noch Züge und Hotels umzubuchen hatten.

Mittlerweile versuche ich bei Besuchen am Millerntor einen Stehplatz in der Süd zu ergattern, um mit unseren Bekannten und deren Clique zusammenstehen, mit der wir auch schon inzwischen gut bekannt sind und immer viel Spaß haben. Leider gab es gegen Braunschweig, wie auch schon in der Vorsaison, keinen Alkohol im Stadion, da das Spiel als Risikospiel eingestuft wurde. Sehr schade, zumal wir aufgrund der Anlaufschwierigkeiten in den Tag recht spät am Stadion waren und auch gleich hinein gingen.

Gegen den schon feststehenden Aufsteiger aus Braunschweig ging St. Pauli vom Anstoß an beherzt und kampfstark zu Werke und gönnte Braunschweig keinen Meter Boden. So lief das Spiel schon frühzeitig in die von St. Pauli gewünschte Richtung. Es wurde am Ende ein ungefährdeter 5:1-Sieg, der natürlich frenetisch bejubelt wurde. Die Atmosphäre im Stadion war sensationell, zum ersten Mal habe ich die neue Gegengerade voll besetzt gesehen und erlebt. Der Wechselgesang mit der Süd klappt schon ganz gut. Da natürlich durch die größere Kapazität auch „neue“ Leute auf der Tribüne stehen ist der Support natürlich noch etwas ausbaufähig. Gänsehautgarantie war unabhängig vom Ergebnis auch so gegeben. Es hieß Abschied zu nehmen von zwei langjährigen Spielern, nämlich von Florian Bruuuuuunnns und Marius Ebbers Fußballgott. Noch gut 20 Minuten nach Spielende war das Stadion weitestgehend gefüllt, als die beiden ihre Ehrenrunde liefen, und das obwohl es wegen dem zum Risikospiel auserkorenen Aufeinandertreffens kein Vollbier im Stadion gab. Die Jungs jedenfalls bekamen einen Abschied der sich gewaschen hatte. Falls sich der eine oder andere über die Plüschtier-Armada auf dem Rasen wundert: Ebbe hatte sich Spenden in dieser Form gewünscht, diese wurden eingesammelt und werden einem guten Zweck zuführt.
Für mich war das Spiel am Millerntor wie immer ein besonderes Erlebnis, das ich genossen habe. Ich freue mich auch darüber, dass der Klassenerhalt nun in trockenen Tüchern ist und es nicht mehr auf das Ergebnis am letzten Spieltag in Kaiserslautern ankommt. Paddy Funk, unseren Leihspieler, dessen Zukunft noch ungeklärt ist, habe ich noch nie so stark im St. Pauli-Trikot gesehen, wie an diesem Sonntag. Wenn St. Pauli ihn halten möchte und der VfB keine Verwendung mehr für ihn hat, wünsche ich mir, dass sich die beiden Parteien einigen mögen. Angeblich aber, so sickerte es im Laufe der letzten Woche durch, möchte Funk zurück zum VfB. Fände ich ein wenig schade, da ich es mir nicht vorstellen kann, dass er beim VfB Chancen auf einen Stammplatz hätte. In den zwei Jahren auf dem Kiez hat er einen soliden Part gespielt, sich jedoch nicht als der Über-Spieler aus der Bundesliga heraus kristallisiert, so dass er einer Hausnummer wie St. Pauli durchaus weiter gut tun könnte, beim VfB jedoch, der in höheren Kategorien denkt, würde er, zumindest in der ersten Mannschaft chancenlos sein. Eine kleine Hoffnung, dass es sich hierbei um eine Ente handeln könnte, habe ich noch. Angeblich hat der VfB ja eine für St. Pauli utopische Ablösesumme ausgerufen. Vielleicht möchte Paddy ja durch diese „Drohung“ seine Position stärken, indem der VfB nun vor der Wahl steht, einen Spieler, für den man keine Verwendung hat, durchzuschleppen, oder aber Funk für einen endgültigen Abgang keine Steine in den Weg zu legen.

Einen kleinen Wermutstropfen am Millerntor gab es für mich dann doch noch. Braunschweig und besonders Ermin Bicakcic gönne ich den Aufstieg sehr, eine 1:5-Klatsche hätte es jetzt nicht unbedingt sein müssen, ist sie ihrer bisherigen Saison doch nicht ganz würdig.
Vor diesem Spiel hatten einige St. Pauli-Fans ganz schönes Muffensausen, hätte doch bei einer neuerlichen Heimniederlage und einem gleichzeitigen Sieg von Aue und Dresden der Relegationsplatz gedroht. Dass der eine oder andere St. Paulianer recht abergläubisch ist, merkte ich dann schon vor dem Spiel. Viele, die mitbekamen, dass eigentlich der VfB der Club meines Herzens ist, fragten sofort nach „meiner“ Bilanz bei meinen Stippvisiten am Millerntor. Diesbezüglich konnte ich sie beruhigen, ich konnte mich nur an eine einzige Heimniederlage in meinem Beisein erinnern, und da stand ich in der anderen Kurve, als der VfB durch Schipplocks Tor 2:1 gewann. Nach dem Spiel dann wurde schon angekündigt, dass ich das nächste Mal, wenn es wieder Spitz auf Knopf stehen würde, als Talisman angefordert werden würde, was ich mir natürlich gerne gefallen lassen würde.

Gerade dieses Spiel herausgesucht haben wir uns aus zweierlei Gründen. Die Entscheidung dafür fiel bereits Ende des letzten Jahres. Zum einen, weil der vorletzte Spieltag fix terminiert war, zum anderen weil unser Leihspieler Paddy Funk auf unseren Ex-Verteidiger Ermin Bicakcic traf. Letzte Saison bei der gleichen Ansetzung noch, konnte ich mit beiden am Rande des Spiels Smalltalk betreiben und wollte dies eigentlich auch nach diesem Spiel tun.

Nach diesem Spiel aber hatte ich nur noch zwei Dinge im Sinn. Ein Bier und einen Sitzplatz. Es war doch ziemlich anstrengend, vor allem durch die Verabschiedungen in die Länge gezogen, so dass am Ende der Rücken ganz schön geschmerzt hatte. Wir zogen also gleich in Richtung Clubheim los um noch das eine oder andere Astra zu vernichten. Schon im Stadion wurde angekündigt, die Mannschaft würde sich am Hafen auf der Jolly Roger Bühne präsentieren und für das eine oder andere Gespräch zur Verfügung stehen. Unsere dritte Halbzeit am Clubheim dauerte aber wohl zu lang, so dass dieses Event schon vorüber war als wir dort eintrafen. Sei’s drum, es wurde auch so wieder ein netter Abend mit Auslaufparade der Luxusliner, auf der ich dann die Queen Mary 2 doch noch bestaunen durfte.

Mittlerweile bin ich drei, vier Mal im Jahr in Hamburg, meiner absoluten Lieblingsstadt in Deutschland, Stuttgart natürlich nicht mitgezählt. Der nächste Trip lässt so (aller Voraussicht nach) nicht mehr lang auf sich warten. Am letzten Juni-Wochenende steht wieder der Schlagermove an, ein Event, das ich mir schon in den letzten Jahren nicht entgehen ließ und inzwischen auch schon fast so etwas wie eine Pflichtveranstaltung ist.

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 10.0/10 (1 vote cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)
27. Februar 2012

Immer eine Reise wert: St. Pauli

Nach dem Sieg gegen Freiburg fiel natürlich trotz des bevorstehenden Hamburg-Trips die 3. Halbzeit nicht komplett aus.

Daher war ich doch einigermaßen gerädert, als am Sonntag um 4 Uhr mein Wecker klingelte und ich fragte mich zunächst einmal, ob ich denn bekloppt wäre mal geschwind für ein Spiel durch die Republik zu düsen, zumal es ja nicht für meinen VfB sondern „nur“ zum Zweitligaspiel St. Pauli gegen die Eintracht aus Braunchweig war. Die Vorfreude auf das Millerntor und darauf einige Bekannte zu treffen, übertünchte diese Gedanken aber im Nu. Der VfB ist mein Herzensverein, St. Pauli kommt mit einigem Abstand aber direkt danach. In den überschaubaren Bundesligajahren des FC St. Pauli war es immer eine tolle Auswärtsfahrt, ohne Trouble wurden wir schon damals stets gastfreundlich aufgenommen.

Rund um unsere UEFA-Cup-Spiele gegen Celtic Glasgow entwickelte sich mit mehreren St. Pauli-Fans eine Freundschaft, die in Teilen bis heute Bestand hat. Mir war es wichtig, diese aufrecht zu erhalten und so finden bis heute regelmäßige Besuche und Gegenbesuche statt, und das nicht nur wenn ein Fußballspiel ansteht.

Für mich war die Begegnung von St. Pauli gegen Braunschweig bereits das 2. Spiel am Millerntor in dieser Saison. Unser Auswärtsspiel in Wolfsburg nutzten wir zur Weiterfahrt nach Hamburg und dem Besuch des Spitzenspiels gegen Eintracht Frankfurt (2:0). Dieses Spiel am Sonntag übte mich für mich, außer der immer faszinierenden Atmosphäre am Millerntor, einen besonderen Reiz aus, trafen doch unser an St. Pauli verliehene Patrick Funk und Ermin Bicakcic, der im Winter zu Braunschweig wechselte, aufeinander. Beide habe ich im Trainingslager als normal und authentisch gebliebene junge Kerle erlebt, die einfach sympathisch sind und deren weiteren Karriereverlauf ich gespannt verfolgen werde. Patrick Funk, der sich in St. Pauli sehr wohlfühlt, soll ja zum VfB zurück wechseln, während Ermin Bicakcic an Braunschweig verkauft wurde. Ermin konnte ich gestern noch persönlich zum Ausdruck bringen, dass ich es sehr schade finde, dass er es nach seiner in Wehen-Wiesbaden erlittenen Verletzung nicht mehr zurück ins Team schaffte und unser Trainer Labbadia scheinbar lieber auf arrivierte Kräfte denn auf den eigenen Nachwuchs setzt. Die Jungs haben doch bislang selten enttäuscht, wenn sie ins kalte Wasser geworfen wurden, wie z. B. erst Ermin und danach Bauer in Wehen-Wiesbaden. Die Verpflichtung von Maza verbaute diesen beiden Jungs den Weg zur nächsten Karrierestufe, ebenso wie die Verpflichtung von Ibisevic Hemlein den Weg ins Team versperrt. Soviel zum Stuttgarter Weg!

So war es mir also auch eine Herzensangelegenheit das Aufeinandertreffen dieser, im übrigen noch gut befreundeten, Jungs live und im Stadion anzusehen. Recht angeschlagen vom Vortag bestieg ich den um 5.51 Uhr startenden ICE nach Dortmund. In Mannheim musste ich umsteigen, hatte dort aber zunächst 40 Minuten Aufenthalt. Da wurde es mir dann bewusst, dass es vielleicht keine so gute Idee war, mit einer VfB-Tüte unterwegs zu sein, da am selben Bahnsteig ein Regionalexpress nach Mainz erwartet wurde, und mich doch etliche dunkle Gestalten unter den Nachtschwärmern deswegen schief anschauten. So war ich froh, als sich der Bahnsteig leerte, als deren Zug einfuhr und wieder lediglich „normale“ Reisende den Bahnsteig bevölkerten. Während des Halts versuchte ich dann erstmals an diesem Morgen feste Nahrung zu mir zu nehmen, was meinem Magen überhaupt nicht gut tat. Als mein Zug dann schließlich einfuhr trank ich entgegen meiner sonstigen Gepflogenheiten und auch der Tatsache geschuldet, dass die Maschine für den Cafe Crema ihren Dienst verweigerte, einen Schwarztee, der mir, toi, toi, toi, richtig gut tat. Die weitere Fahrt verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse. Kurz nach halb zwölf kam ich am Hamburger Hauptbahnhof, wo mir schon ein massives Polizeiaufgebot auffiel. Ich denke, die warteten auf einen Sonderzug aus Braunschweig. 2.500 Braunschweiger wurden erwartet. Ich fuhr dann gleich weiter mit der S-Bahn zum Bahnhof Reeperbahn. Geschickter wäre die U-Bahn gewesen, die direkt am Heiligengeistfeld hält, da mein Bahnticket aber auch in der S-Bahn Gültigkeit besaß, entschied ich mich für diese Variante und einen kurzen Fußweg die Reeperbahn hoch.

Am Stadion angekommen telefonierte ich mich dann gleich mit Bekannten zusammen, die auch „meine“ Karte hatten. Da ein Bekannter für das Spiel abgesagt hatte, kam ich mit einer Dauerkarte ins Stadion, wie früher bei uns auch, noch zum abknipsen. Da wir Stehplätze hatten und die Gruppe sich immer an einem bestimmten Platz im Stehplatzbereich trifft, gingen wir dann auch gleich ins Stadion hinein. Nach der obligatorischen Einlasskontrolle, inklusive dem Begutachten meiner Kamera, waren wir also schon recht früh im Stadion. Dort wurde dann bestätigt, was ich gerüchteweise schon hörte. Das Spiel galt als Risikospiel, daher gab es im gesamten Stadion nur alkoholfreies Bier. Mittlerweile hatte sich auch mein Magen erholt, so dass ich vor Betreten des Stehplatzbereiches, eine gute Stadionwurst essen konnte, wie in Hamburg üblich, mit spärlich Brot dazu.

Dann ging es also rein, in das altehrwürdige Stadion am Millerntor. Mir bereitet es jedes Mal aufs neue Gänsehaut, was die Fans dort abziehen und wie sich mit einigen Gesängen auch selbst auf die Schippe nehmen, wie z. B. gestern erstmals gehört „Ich liebe dich, Ich träum von dir, In meinen Träumen, Bist du Europacupsieger, Doch wenn ich aufwach, Fällt es mir wieder ein, Spielst ganz wo anders, In Liga 2.“ Zu diesem Spiel wurde eine riesige „Wir sind OOOOOH St. Pauli-Choreo“ auf der Südtribüne gezeigt, wofür gleich mal massig braune Fahnen im Block verteilt wurden. Da ich mittendrin war, konnte ich sie leider nicht schön fotografieren.

Die Geschichte des Spiels ist dann schnell erzählt. Das Spiel war von der ersten bis zur 92. Minute total zerfahren. Braunschweig stand gut und St. Pauli fiel wenig bis nichts ein, um die sich gut verschiebenden Braunschweiger Viererketten zu durchbrechen. Obwohl ich Paddy und Ermin mag, drückte ich gestern „natürlich“ St. Pauli die Daumen, auch weil St. Pauli die Punkte für den Aufstiegskampf dringender benötigt, als Braunschweig, die sich als starker Aufsteiger im gesicherten Mittelfeld befinden. Unsere beiden Stuttgarter machten ihre Sache ordentlich. Ermin Bicakcic war für einen Neuen als Innenverteidiger sehr präsent, dirigierte seine Vorderleute und war stets zur Stelle, wenn drohte, etwas anzubrennen. Und, Paddy Funk war bei St. Pauli der passsicherste Spieler. Das St. Pauli Spiel war von vielen Fehlpässen und Ungenauigkeiten geprägt, Paddy war weit und breit der einzige, der sich davon nicht anstecken ließ.

Ohne große Höhepunkte endete das Spiel also 0:0. Sehr ärgerlich aus St. Pauli-Sicht, da die Konkurrenz Federn ließ und mit einem Sieg der Sprung an die Tabellenspitze geglückt wäre. So ist  bei St. Pauli weiterhin die Unbeständigkeit das Beständigste. Nächsten Montag geht’s zum Topspiel zu den Münchner Löwen, die derzeit einen Lauf haben und mittlerweile auf Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen sind.

Nach dem Spiel organisierte ich mir natürlich zuerst ein Astra. Wir warteten dann noch auf Paddy Funk und Ermin Bicakcic. Paddy Funk musste sich sputen, da er seinen Zug zum Treffpunkt der U21-Nationalmannschaft bekommen wollte. Diese spielt am Mittwoch in Halle gegen Griechenland. Dennoch nahm er sich kurz Zeit für einen Smalltalk durch die geöffnete Scheibe seines Daimlers. Dann kam schließlich auch noch Ermin aus dem abgeschirmten Bereich heraus und nahm sich Zeit für einen Plausch und Erinnerungsfotos, bis sich der Braunschweiger Mannschaftsbus in Bewegung setzte. Ich hatte dann noch etwa 2 ½ Stunden Zeit bis zur Abfahrt meines Zuges. Diese nutzten wir noch für den Besuch des Schweinske auf der Reeperbahn, mittlerweile so etwas wie meine Lieblingsgastrokette in der Hansestadt. Einen Grillteller und zwei Franziskaner Weissbier später musste ich schon wieder Abschied nehmen. Um 19.24 Uhr war Abfahrt meines Zuges, gegen 1.10 Uhr, 20 Minuten verspätet, kam ich geschafft, aber wieder mit tollen Eindrücken in Stuttgart an. Die Fahrt selbst, die ich fast ausschließlich im Bordbistro verbrachte, war dann kurzweilig, bis Frankfurt hatte ich jedenfalls beste Unterhaltung.

Der Abschied von Hamburg tat dieses Mal nicht ganz so weh wie sonst. Bereits kommendes Wochenende hat Hamburg uns wieder, dann wieder mit dem VfB und der Hoffnung, dass wir seit langem mal wieder ein gutes Auswärtsspiel unseres VfB erleben dürfen.

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 10.0/10 (2 votes cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)