12. Juni 2010

Nationalspieler mit Migrationshintergrund: Das neue Deutschland

Der Unmut landet per Post und E-Mail beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt. Seit Wochen geht das so. Mal ist es mehr, mal ist es weniger. Am Montag wird es mehr sein, wenn manch Zuschauer am Sonntag feststellt, dass die Nationalspieler mit Migrationshintergrund vor dem Spiel schweigen. Die Hymne ist ein heikles Thema. Man kann das lächerlich finden und für eine unsägliche Debatte halten, schließlich geht es nicht um einen German Song Contest und auch nicht jeder “Urdeutsche” singt mit, aber so einfach ist es nicht.

Für manchen ist es ein Zeichen mangelnder Identifikation. “In eine Nationalhymne muss man reinwachsen. Das ist ein Prozess, bei dem wir erst am Anfang stehen. Die Spieler sollen ja nicht nur den Mund auf- und zumachen, sondern mit Begeisterung die Hymne singen”, sagt Gül Keskinler, seit 2006 Integrationsbeauftragte des DFB. Sie verweist auf den für die Spieler nicht leichten Umgang mit dem Zwiespalt der Familie und bittet um Verständnis für die “Jungs”.

Der fast schon traditionelle Ärger um die Hymne ist ein Symbol für das, was im deutschen Fußball, in der deutschen Gesellschaft, vor sich geht. Ein tiefgreifender demografischer Wandel, der sich an der Nationalmannschaft ablesen lässt. Von den 23 Mann im Kader haben elf einen Migrationshintergrund. Die Zahl mag auf den ersten Blick überraschend sein, in Wahrheit aber ist es nur die Fortsetzung dessen, was seit Jahren in Nachwuchsmannschaften zu beobachten ist (wie übrigens auch beim Nachbarn Schweiz). Bei der U-21-EM im vergangenen Jahr, als Deutschland den Titel holte, hatten von den elf Stammspielern acht einen Migrationshintergrund. Die zweite Generation der Gastarbeiterkinder drängt nach vorne. Im Fußball, aber so auch in großer Zahl im Basketball. Es ist ein Ankommen in der Gesellschaft.

Integration über Leistung

Als Deutschlands neuer Liebling Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewann, ließ es sich auch Kanzlerin Angela Merkel nicht nehmen, der Sängerin zu gratulieren. “Sie ist ein wunderbarer Ausdruck des jungen Deutschlands.” Das junge Deutschland? Deutschland ist Lena, aber es ist auch Mesut, Sami und Serdar. Vielleicht ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sogar ein besseres Beispiel für dieses neue Deutschland, in dem heute etwa 20 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund haben.

Es gibt kaum ein selektiveres System als den Leistungssport. Er ist gnadenlos, ein darwinistisches Konstrukt, das nur jene durchlässt, die den Willen, das Talent und die nötige Anpassungsfähigkeit mitbringen. Es ist eine Integration über Leistung, nicht beeinflusst von Vor- und Nachnamen, dem Aussehen oder der Sprache, so dass überproportional viele Spieler die Auswahlmannschaften bereichern und die Chance zum sozialen Aufstieg nutzen. Die Özils und Co. leisten durch ihren Erfolg zudem einen großen Beitrag zur Akzeptanz von Migranten im Land. “Sie haben es durch Fleiß und Können geschafft – und damit sind sie Vorbild für alle anderen mit Migrationshintergrund”, sagt Keskinler.

Deutschland ist kein klassisches Einwanderungsland wie die USA, die Geschichte der Einwanderung und die damit verbundenen gesellschaftliche Veränderungen ist jung. Deutschland hat auch nicht die Migrationstradition einstiger Kolonialmächte wie England, Frankreich, Portugal oder die Niederlande, deren Nationalteams schon lange viele Spieler mit Migrationshintergrund vorweisen.

Theo Zwanziger als Integrationsvorreiter

Der DFB, unter Theo Zwanziger Integrationsvorreiter, hat das Thema früher auch schon anders interpretiert. Weniger als Angelegenheit des Herzens, sondern als Chance, erfolgreicher zu werden. Spieler wie Paolo Rink oder Sean Dundee wurden im Hauruckverfahren eingebürgert. Es ging nicht um Integration, sondern um Interessen. Sie wurden Deutsche, weil Deutschland meinte, dass man sie bräuchte. Das ist heute anders. Einzig Cacau ist nicht hier aufgewachsen. Er wurde Deutscher, weil dieses Land seine Heimat geworden ist. Nicht, weil er für Deutschland Tore schießen wollte. Cacau übrigens singt auch die Hymne mit.

Gül Keskinler sagt, dass die Frage der Hymne auch eine Frage der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Migrationskindern ist: “Es muss selbstverständlich sein, dass die Spieler mitsingen, daran müssen wir als Gesellschaft arbeiten, nicht allein der Fußball.”

(STZ 11.6.10)

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15. November 2009

Nachruf: Abschied von Robert Enke

Schon damals, als der Medienrummel um den Fußball längst noch nicht derart ausgeprägt war, zählte die Position des Torhüters zu einer besonderen Spezies. Es regierten die Spaßmacher zwischen den Pfosten, Typen wie Sepp Maier oder „Radi“ Radenkovic. Heute diktieren die „Lautsprecher“ das Geschehen, vom Erfolg Besessene, die Kahns und Lehmanns, die bisweilen mit Aktionen nahe des Wahnsinns von sich reden machen. Was wenig verwundert: Denn für den Torwart ist auf dem Feld nur ein Platz reserviert. Erst recht im Tor der deutschen Nationalmannschaft.

Das alles verkörperte Robert Enke nicht. Der 32-Jährige gab keine spektakulären Interviews. Er drosch keine Phrasen, wählte intelligente Antworten. Schon gar nicht spielte Enke zwischen den Pfosten den großen Zampano. Er stand auch nicht im europäischen Club-Rampenlicht, kämpfte mit Hannover 96 erst gegen den Abstieg, dann bestenfalls im grauen Mittelmaß.  Es war ihm fremd, den Fußball, seine große Leidenschaft, als mediale Plattform zu nutzen, um Werbung in eigener Sache zu machen. Das überließ Hannovers Torwart anderen. Stattdessen glänzte Robert Enke im Tor. Trotzdem war er auf bestem Weg nach Südafrika. Die WM 2010 hätte die Krönung seiner Karriere werden können. Einer Karriere mit vielen Nackenschlägen.

Geh und spiel, es muss weitergehen“, hatte seine Frau Teresa einmal gesagt, als seine verstorbene Tochter Lara auf der Intensivstation lag. Rückblickend galt dieser Satz wohl immer für die viel zu kurze Laufbahn und gleichermaßen das Privatleben des Robert Enke. Doch um kurz nach sechs an diesem düsteren Novemberabend 2009 ging es nicht mehr weiter. Der Torhüter nahm sich an einem Bahnübergang das Leben. Über seine Motive kann man spekulieren. Daran beteiligen muss man sich aber nicht. Die zahlreichen Kommentare unserer User, die fassungslos und bestürzt reagierten, sprechen für sich.

Am Ende bleibt das Bild eines sensiblen Menschen, eines Sportlers, der immer für seine Kollegen da war. Selbst in den Stunden, in denen Enke eigene schwere Schicksalsschläge verarbeiten musste. Hannovers Torwart war kein Medien-Titan. Er suchte einzig und alleine das sportliche Duell. Deswegen taugte Robert Enke als echtes Vorbild für den Fußball-Nachwuchs. Und das nicht nur auf dem Platz, wo er stets durch Leistung und professionelles Verhalten überzeugte. Abseits des Fußballs engagierte Enke sich für viele soziale Projekte, unterstützte die Tierschutzorganisation PETA.

Robert Enke ließ sich nie blenden von Siegen, Ruhm und Geld. Dazu hatte er in seinem kurzem Leben zu viele Schicksalsschläge hinnehmen müssen. Er blieb aufrichtig, authentisch, einer, dem man den Erfolg gönnte. Weil er eine wohltuende Ausnahmeerscheinung in der Bundesliga war. Der Fußball braucht Typen, aber solche Menschen wie Robert Enke würden ihm noch viel besser zu Gesicht stehen. Damit Fans, Funktionäre und Vereine in Zukunft nicht nur über astronomische Ablösesummen und gigantische Gehälter diskutieren. Damit prominente Fußballer sich wieder ihrer Vorbildfunktion besinnen.

Aber auch, damit der Fußball die schönste Nebensache der Welt bleibt. Das wollen wir nicht vergessen. Wenn in diesen Stunden zahlreiche Anhänger am Vereinsgelände von Hannover 96 um ihren Torwart trauern und Kerzen aufstellen, dann ist Euch 96-Fans, der Familie und allen Freunden von Robert Enke das Mitgefühl der unserer Redaktion gewiss.  Wir verneigen uns in Gedenken eines tollen Torwarts und sympathischen Menschens.

Von www.goal.com

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