10. Juli 2010

Oskar-Beck-Kolumne: Ein Rambazamba-Gefühl wie 72

Category: Glossen/ Kolumnen — Tags: , , , , , , , – Franky @ 08:15

In den letzten Wochen sind die Geschichtsschreiber weltweit und scharenweise wie elektrisiert aufgesprungen, haben ihre Federn mit Tinte gefüllt und mit rauchenden Köpfen für die Nachwelt das Unfassbare festgehalten. Deutschland spielt Fußball! Richtigen Fußball, lockeren, leichten, lebensbejahenden Fußball, Passfußball, manchmal nahe der Perfektion. Nein, für die Spanier reicht es immer noch nicht, mit denen können sich unsere Schweinsteigers erst nächstes Mal messen – aber mit den Beckenbauers und Netzers von früher womöglich schon jetzt? “Das ist die beste deutsche Mannschaft, in der ich gespielt habe”, hat Philipp Lahm schon nach dem 4:0 gegen Australien behauptet, und jetzt, wo alles noch viel schöner gekommen ist, schlagen sich die Gelehrten die Köpfe ein beim Streit um die Frage, wo er historisch einzuordnen ist, dieser neue deutsche Fußball.Ist er gar besser als der von 1972? “Lassen wir die Kirche im Dorf”, hat Miroslav Klose darauf kürzlich in der Pressekonferenz im DFB-Camp geantwortet – das war allerdings noch vor den gefühlten 8:0-Freudenfesten gegen England und Argentinien.

1972 – wir müssen ihn für die Zuspätgeborenen erklären, diesen Fußball der damaligen Europameister. Er war streckenweise so unbeschreiblich, dass ihn Gerd “Bomber” Müller, der Strafraumschreck, dankenswerterweise sogar besungen hat. Sein autobiografischer Schlager geht so: “Dann macht es bumm, ja und dann kracht’s, und alles schreit: Der Müller macht’s!” Er hat es gemacht, und wie. Vom “Traumfußball des Jahres 2000″ schwärmte die Pariser “L’Equipe”, und “Bild” jubelte in voller Breite und Balkenhöhe: “Rambazamba!”

Der 72er-Fußball war ein Gedicht

Der Ramba war Beckenbauer und der Zamba war Netzer. Günter Netzer, der Playboy, war der Stratege diese unfassbaren Mannschaft, er stand für eine neue Ballkultur, er war der Beckham von damals, fuhr Ferrari, flankierte schöne Frauen mit großen Ohren, führte die Discothek “Lovers Lane”, trug die Haare schulterlang, und sein Spiel war der Ausdruck seines Lebensgefühls – er schlug hemmungslose Steilpässe, und aus jenem unwiderstehlichen, unvergesslichen Solo, das er beim damaligen Viertelfinal-3:1 gegen die Engländer in Wembley aus der Tiefe des Raumes hinlegte, würde man heute einen Videoclip basteln, unterlegt mit fetziger Rockmusik, und Netzer wäre damit wochenlang die Nummer eins in den Hitlisten.

Dieser 72er-Fußball war ein Gedicht, und Helmut Schön, der Trainer, hat noch kurz vor dem Totenbett geschwärmt: “Wenn es mir schlecht geht, hole ich mir das Video mit unserem Wembley-Spiel raus.” Also: Spielen wir heute wieder wie 72? Wir werden es nie erfahren. “Damals hat noch ein ganz anderer Fußball stattgefunden”, hat Jogi Löw dieser Tage erklärt – und was er meint, lässt sich am besten mit einem rückblickenden Schwenk in die Wutrede von Rudi Völler vor ein paar Jahren beschreiben, hören wir noch mal kurz rein: “Der Netzer soll sich nicht aufblasen, das war doch Standfußball damals!” So ist es: unwiderstehlicher, unvergleichlicher, traumhafter Standfußball war das, und die Betonung liegt auf unvergleichlich – wer diesen Traumfußball aus dem letzten Jahrtausend mit dem von Südafrika 2010 vergleichen will, der kann genauso die Frage stellen, ob der Regen 1972 nässer oder trockener war als der von 2010.

Sicher ist nur so viel: Wir spielen schöner und besser als 1996. Zwar sind wir damals Europameister geworden, aber nur, weil wir den heutigen Manager als Brechstange dabei hatten. “Der Bierhoff kann nix”, hatte vorher der Exbomber Müller persönlich erklärt, aber wenigstens köpfen konnte dieser Rumpelkicker. Sicher ist außerdem: wir spielen heute schöner und besser als die Vizeweltmeister von 2002. Die haben sich damals den drei deutschen Tugenden “Kahn, Kampf und Kopfball” (TV-Reporter Marcel Reif) hingegeben, sonst wären sie nicht im WM-Finale gelandet, sondern schon nach der Vorrunde wieder auf dem Rhein-Main-Flughafen, Lufthansa, Holzklasse.

Wir spielen wieder richtigen Fußball

Das war, verglichen mit heute, alles Schwerstarbeit, die Füße haben sich unsere Helden auf dem Weg ins Finale verstaucht, und noch bis 2004 hatte die deutsche Spielkunst derart die Schwindsucht, dass der ARD-Experte Netzer innere Krämpfe bekam, wenn er sah, dass da “fußballerisch mit Mitteln gearbeitet wird, die der Verzweiflung nahekommen”. Das war 72 anders.

Und 2006 ist es dann, Gott, Klinsmann und Löw sei Dank, schlagartig wieder besser geworden, und der Erste auf der Welt, der den Wandel bemerkte, war der große Rumäne Gheorghe Hagi. Aufgrund seines Ballzaubers war der früher bekannt als Karpaten-Maradona, und als Feinschmecker schnalzte er plötzlich mit der Zunge: “Heute steht bei den Deutschen ein Piccolo wie Lahm auf dem Platz – an der Stelle, wo früher ein Baum stand.”

Aber besser als 72? Damals war gleiche Höhe noch abseits, es gab andere Schuhe und ein anderes Tempo. “Sogar seit 2002″, hat Miroslav Klose gesagt, “ist der Fußball schon wieder viel schneller und dynamischer geworden.” Lassen wir also das Rätselraten – und belassen es bei dem Gefühl: Wir spielen heute wieder richtigen Fußball.

(STZ online)

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5. Juli 2010

Auf dem Weg zum 4. WM-Titel

Das beste Deutschland aller Zeiten?!

Die größten DFB-Teams hatten immer jeweils ein herausragendes Merkmal. Das aktuelle nicht. Sein Erfolg hat viele Facetten. Ist es jetzt schon besser als Beckenbauer und Co.? Wenn man derzeit über die deutsche Nationalmannschaft nachzudenken beginnt, wird man schnell stutzig und auch ein bisschen verwirrt. Wenn sich der Nebel dann allmählich lichtet und man die beiden letzten Meisterwerke und überhaupt das gesamte WM-Turnier Revue passieren lässt, dann hat man plötzlich sie im Sinn: Gerd Müller und Günter Netzer. Wie sie sich durch die Schweizer Abwehr brillieren, Hacke Müller, Spannstoß Netzer, Tor. Das schönste des Jahres 1972. Es war jenes magische Jahr, das aus den frisch gekürten Europameistern die Mannschaft des Jahrhunderts machte.

Mit Maier, Beckenbauer, Breitner, Overath, Netzer, Müller. Und die zwei Jahre später auch Weltmeister werden sollte. Den schönsten und nebenbei auch erfolgreichsten Fußball aller Zeiten hat Deutschland mit dieser Mannschaft gespielt. Gleichzeitig Welt- und Europameister war eine DFB-Auswahl seither nie mehr. Aber jetzt gibt es tatsächlich eine Gruppe, die der Mystik der 70er-Helden ihren Geist austreiben kann. Oder vielleicht schon ausgetrieben hat. Denn noch nie wurde Deutschland außerhalb seiner Grenzen so viel Respekt und Beifall entgegengebracht. Für das Spektakel waren bisher fast immer andere zuständig, Deutschland beschränkte sich zumeist auf den Gewinn der Titel. Jetzt entbrennt eine hitzige Diskussion, ob diese neue deutsche Nationalmannschaft tatsächlich schon besser sein kann als ihre erfolgreichen Vorgänger, zu denen sicherlich auch die Mannschaften von 1990 und 1996 zu zählen sind. Jede dieser Mannschaften hatte eine besonders herausstechende Eigenschaft. Das Team um Beckenbauer war die spielerisch beste bis zur laufenden WM, die 90er Weltmeister um Lothar Matthäus hatten die größte Dynamik, Berti Vogts’ Europameister die größte Willensstärke. Aber selbst in diesen Paradedisziplinen kann ihnen Joachim Löws Truppe zumindest das Wasser reichen.

Das neue System:

Die Mannschaft hat eine feste Spielidee. Angriff als erste Option, ohne dabei aber die Grundlagen in der Defensivarbeit zu vergessen. Löw hat sich seit zwei Jahren seinen Stamm von Spielern ausgesucht, die nicht unbedingt die Besten der letzten Saison waren, sondern am besten in das Kollektiv und auf den für sie vorgesehenen Platz passen. Dafür gab es reichlich Kritik, selbst von Trainerkollegen aus der Liga, die ja eigentlich wissen sollten, dass Form jederzeit Klasse schlagen kann – sofern ein durchdachter Plan dahinter steckt. Vor zwei Jahren war das 4-4-2 mit Doppel-Sechs das bevorzugte Spielsystem. Über das 4-5-1 ging es fließend in das derzeitige 4-2-3-1 über, das deutlich offensiver ausgerichtet ist. Das ursprüngliche System bleibt als Schablone zurück, die man jederzeit falls nötig über die Mannschaft stülpen könnte. “Eine Rückkehr zum 4-4-2 ist immer eine Option”, sagt Löw. Auch wenn er vom erfolgreichen System derzeit bei der WM wohl ziemlich sicher nicht mehr abrücken wird. Deutschland ist flexibel, kann auf den anstehenden Gegner reagieren und auf bestimmte Spielsituationen.

Das Offensivspiel:

Seit Jürgen Klinsmann pflegt Deutschland einen anderen Stil. Allerdings war das Klinsmann-Credo noch sehr auf überfallartiges Attackieren ausgelegt – so sehr, dass ihn seine eigenen Spieler einige Male zügeln mussten, nicht zu naiv-offensiv in ein Spiel zu gehen. Löw hat schon damals die Hauptarbeit im Hintergrund gemacht und die Dinge im Laufe seiner vierjährigen Amtszeit verfeinert. Vor allem die letzten Monate waren von ganz entscheidender Bedeutung. Deutschland spielt einen präzisen, ausgeklügelten Ball. Ohne große Hektik, dafür mit jeder Menge Variationen und Kreativität. “Fußball ist ein Kopfspiel”, sagt Bayern-Trainer Louis van Gaal. Vom Niederländer scheint sich Löw in der Erschaffung und Umsetzung seiner Idee jede Menge abgeschaut zu haben. In fünf WM-Spielen hat die DFB-Elf jetzt 13 Tore erzielt, dreimal dabei vier in einem Spiel. Lediglich die Mannschaft der 70er Jahre kann der Offensivpower der heutigen Mannschaft noch das Wasser reichen. Sonst gab es in der jüngeren Geschichte keine Mannschaft, die offensiv stärker gewesen wäre.

Die Harmonie im Team:

Nach Michael Ballacks Verletzung entstand schnell ein kaum zu schließendes Machtvakuum innerhalb der Mannschaft. Die Hierarchie, die sich seit mehr als acht Jahren um Ballack herum aufgebaut hatte, krachte in sich zusammen. Die Kapitänsfrage war schnell geklärt, wenn auch mit einigen Nebengeräuschen. Aber schnell war erkennbar, dass diese Mannschaft gar keinen großen Anführer mehr braucht. Ihr reichen die fünf kleinen, “halben” Anführer aus dem Mannschaftsrat, die mehr Demokratie zulassen und mehr auf Augenhöhe mit den vielen jungen Spielern agieren, als es zuvor der Fall war. Die Älteren wurden schon Wochen vor dem Turnier nicht müde, den ausgezeichneten Zusammenhalt und die Chemie innerhalb des Kaders zu loben. Die Mannschaft von 1996 und vielleicht auch die von 1990 hatten einen ähnlichen Teamgeist – angesichts der sehr ungewöhnlichen Freizeitverhältnisse in der Einöde des Velmore Grand Hotels im südafrikanischen Niemandsland aber eine außergewöhnliche Leistung.

Das Trainerteam:

Löw hatte als Chef einige sehr brenzlige Situationen zu überstehen seit der EM 2008. Zuerst der Streit mit Ballack und Frings, die Demission Kuranyis, Ärger mit der Liga, die andauernden Personaldiskussionen und zuletzt die geplatzte vorzeitige Vertragsverlängerung. Aber er hat sich durchgesetzt, ist seinen Weg gegangen. Löw hat enorm dazugelernt in den letzten Jahren, auch im Bezug auf seinen Trainings- und Coaching-Stil. Die Mannschaft scheint auf den Punkt topfit, die Trainingssteuerung der Fitnesscoaches sitzt. Dazu kommen die Analysen von Urs Siegenthaler, der den kommenden Gegner in zahllosen kleinen Häppchen serviert und Löw sich davon in Absprache die wichtigsten Details herauspickt. In der Gesamtheit hatte der DFB nie mehr seiner so genannten Funktionäre und ein größeres Funktionsteam bei einem Endturnier dabei. Die vielen Aufwendungen scheinen sich aber bezahlt zu machen. Zumal auch hier ein Rad ins andere greift.

Die Einzelspieler:

Um es kurz zu machen: Bastian Schweinsteiger ist auf dem besten Weg, der Spieler des Turniers zu werden. Kein anderer leitet seine Mannschaft wie der Münchener, kein Xavi, kein Gerrard, kein Messi, kein Lucio. Dazu kommen in den WM-Neulingen Mesut Özil und Thomas Müller zwei Kandidaten für den besten Nachwuchsspieler des Turniers. Müller dürfte die Wahl bei sieben Scorerpunkten aus fünf Spielen längst gewonnen haben. Eine Umfrage des größten südafrikanischen Sportsenders Supersport sieht derzeit Müller mit großen Vorsprung vor Özil. Danach kommen Ayew (Ghana), Suarez (Uruguay) und dos Santos (Mexiko). Natürlich gab es ähnliche Ehrungen früher noch nicht. Der letzte, der als der wertvollste Spieler einer WM ausgelobt wurde, war Matthäus 1990. Der hatte da noch den jungen Klinsmann als aufstrebenden Star an seiner Seite.

Die Perspektive:

Auf der letzten Pressekonferenz vor dem Auftaktspiel gegen Australien machte Löw ein bisschen den Eindruck, als würde er die Mannschaft quasi schon vorbeugend für kommende Turniere groß reden. Es hörte sich so an, als würde der Bundestrainer über einen Perspektivkader reden, dem ab der EM 2012 ganz sicher die Zukunft gehöre – dann aber wohl eher nicht mehr unter seiner Regie. Jetzt schickt sich der Perspektivkader an, Weltmeister zu werden. Die jüngste DFB-Auswahl seit 76 Jahren steht in der Tat vor einer großen Zukunft. Aber wenn die Chance schon mal da ist… Verglichen mit den anderen großen deutschen Mannschaften wird dieses Team wohl noch einige Jahre mit demselben Stamm zusammenspielen können. Was das Deutschland aus 2010 aber noch von seinen Vorgängern unterscheidet: Dieses Team hat noch nichts gewonnen. Und erst Titel machen aus talentierten Mannschaften große Mannschaften.

(spox.com)

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16. Juni 2010

Die Revolution kommt ins Rollen

Der Kapitän kommt als Erster aus der Kabine. Durch ein Spalier fragender Reporter bahnt er sich den Weg, über ihm hängen Bildschirme in den Stadionkatakomben. Während er so redet, blickt Philipp Lahm ab und zu nach oben. Dort sind noch einmal die schönsten Szenen der vorangegangenen Partie zu sehen.

Man sieht Spieler in weißen Trikots, die sich den Ball zupassen, und Spieler in dunklen Trikots, die vergeblich hinterherrennen. Minutenlang geht das so. Viele Torchancen sieht man, alle prächtig herausgespielt, und man denkt erst: das ist eine Dauerschleife, da werden immer die gleichen Szenen gezeigt. Dann schaut man länger hin und merkt: das sind gar keine Wiederholungen! Die Spieler in Weiß haben wirklich so viele schöne Spielzüge produziert!

Das 4:0 (2:0) der deutschen Nationalmannschaft am Sonntagabend in Durban – es ist viel mehr als der erwartete WM-Auftaktsieg gegen Australien gewesen. Es war eine Demonstration der Spielfreude, der Leichtigkeit, des Tempofußballs, wie man es in dieser Form von einer DFB-Auswahl noch nicht oft gesehen hat.

Nach fünf Minuten war die Nervosität abgeschüttelt

Natürlich war es nur Australien, ein Team mit sehr beschränkten Mitteln. Und natürlich “spielte uns vieles in die Karten”, wie Per Mertesacker sagt. Auf die frühe Führung verwies der Innenverteidiger und auf die Rote Karte für den Gegner. Doch hatten sich die Franzosen und Engländer gegen vergleichbare Kontrahenten ungleich schwerer getan. Die Deutschen hingegen sind so spektakulär in das Turnier gestartet wie bisher keine andere Nation.

Joachim Löw, der Baumeister dieser Mannschaft, hatte im Vorfeld ja viel versprochen. Sein Team, sagte der Bundestrainer, werde bei der WM Fußball spielen und nicht verwalten; es werde kombinieren und nicht zerstören; es werde furchtlos den Weg nach vorne suchen – also ganz anders spielen als Generationen von deutschen WM-Mannschaften vorher, auch die des verklärten Jahrgangs 2006. Beim 3:1-Sieg im letzten Testspiel gegen Bosnien hatten die jungen Spieler erstmals angedeutet, was damit gemeint sein könnte – doch die Frage war: können sie das auch bei einer WM, wenn die ganze Welt ihnen zuschaut und der Druck ungleich höher ist?

Ungefähr fünf Minuten brauchte die Mannschaft gegen Australien, um die Nervosität abzuschütteln. Dann gingen sie los, die atemberaubenden Ballstaffetten, die zwangsläufig zu Toren führten. Nur vier waren es am Ende, viel zu wenig eigentlich, “an der Chancenverwertung”, sagt Löw streng, “müssen wir noch arbeiten”. Und dennoch: die Revolution, die er angekündigt hat, sie ist ins Rollen gekommen.

“Sami Khedira spielt wie ein junger Michael Ballack”

Ihr Anführer auf dem Platz ist Mesut Özil, ein stiller Mann von 21 Jahren, dem 74 Minuten genügten, um sich in den Kreis der potenziellen WM-Superstars zu katapultieren. Der Fußball, den Löw immer spielen lassen wollte, er funktioniert vor allem dank Özil. Auch ohne ihn, sagt der Bundestrainer, würde er nicht von seiner Spielphilosophie abweichen – “aber selbstverständlich passt er ideal in dieses System”. Und Miroslav Klose, einer der Profiteure von Özils Kunst, sagt: “Wir haben immer solch einen Spieler gebraucht und gesucht – jetzt haben wir ihn gefunden.”

An 1972 fühlen sich die älteren Beobachter bereits erinnert, an jene legendäre deutsche Mannschaft, die Europameister wurde und bis heute als die beste aller Zeiten gilt. Tatsächlich gibt es unübersehbare Parallelen. Die Leichtigkeit des Spiels ist eine, die Besetzung eine andere. Paul Breitner und Uli Hoeneß waren damals zwei Emporkömmlinge in einer stark verjüngten Elf, in der in Wolfgang Overath einer der Anführer verletzt fehlte. Jetzt sind es Holger Badstuber und vor allem Thomas Müller vom FC Bayern wie Breitner und Hoeneß, auch sie bereichern das deutsche Spiel mit ihrer Unbekümmertheit, während der eigentliche Chef zuschauen muss.

Joachim Löw käme nie auf die Idee zu behaupten, dass sein Team ohne Michael Ballack besser sei. Auf dessen “Erfahrung und Internationalität” verweist der Bundestrainer, er sagt aber auch: “Wir haben jetzt eine Konstellation, mit der wir sehr gut klarkommen.” Und: “Sami Khedira spielt wie ein junger Michael Ballack.”

Im Gegensatz zu seinem Kapitänsnachfolger Philipp Lahm ist der ältere Michael Ballack übrigens immer als Letzter aus der Kabine gekommen. Es hat sich also auch in dieser Beziehung einiges grundlegend geändert im Auftritt der deutschen Nationalelf.

(Stuttgarter Zeitung 15.6.10)

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1. November 2009

Günter Netzer: Auch ein Manager ist schuld, wenn es nicht läuft

Category: Glossen/ Kolumnen — Tags: , , , , , , , – Franky @ 11:58

Was Markus Babbel mit dem VfB Stuttgart in der vergangenen Saison erreicht hat, war für mich mehr als erstaunlich. Diese Leistung kann man eigentlich gar nicht hoch genug würdigen. Der dritte Platz war Ausweis seiner hervorragenden Arbeit.

Dass die Stuttgarter jetzt so in Turbulenzen geraten sind, kann nicht allein am Verkauf von Mario Gomez liegen. Und auch nicht allein an Markus Babbel. Aber natürlich ist er am meisten gefährdet.

Dass die Stuttgarter trotzdem an Babbel festhalten, finde ich aller Ehren wert. Weil sie von Babbel überzeugt sind und ihm lieber mehr Zeit geben, als sich mit einem neuen Trainer in ein neues Abenteuer zu stürzen. Babbel hat sich durch die Erfolge der vergangenen Saison einen Vertrauensvorschuss erarbeitet. Und die Stuttgarter Verantwortliche glauben, dass er sie aus dieser misslichen Situation befreit. Das Unentschieden gegen Bayern war ein erster Schritt.

Natürlich hat ein Trainer die Verpflichtung zum Erfolg. Aber das Tempo, mit dem Trainer nach Misserfolgen entlassen werden, hat sich beschleunigt. Ich bin ein Gegner von vorschnellen Entlassungen. Weil eine vorübergehende Schwächeperiode nicht ausschlaggebend sein darf für die Zukunft des Trainers.

Aber diese schnellen Entlassungen sind auch Zeichen unserer Zeit. Trainern wird immer weniger Zeit gegeben, weil die Gesellschaft Misserfolg in unserer schnelllebigen Zeit nicht mehr zulässt. Durch dieses absolute Erfolgsdenken ist die Fußball-Branche unmenschlicher geworden. Wer sich diesem Denken nicht unterwirft, hat darin keinen Platz.

Deshalb wünsche ich mir mehr Verantwortliche in den Vereinen, die gegen den Druck der Öffentlichkeit, der Medien und vor allem der Fans resistenter sind. Es hat sich beispielsweise bewährt, an einem Alex Ferguson bei Manchester United festzuhalten, obwohl der sieben Jahre ohne Titel blieb. Oder auch in Bremen an Thomas Schaaf oder bei Arsenal an Arsene Wenger, die ebenfalls Jahre ohne Titel hatten.

Allzu oft schützen sich in Vereinen Personen mit einer Trainer-Entlassung, anstatt selbst die Verantwortung zu übernehmen. Aber ein Manager ist verantwortlich für die Verpflichtung des Trainers und somit auch verantwortlich, wenn es sportlich nicht läuft.

Ich begrüße die Besonnenheit, mit der in Stuttgart gearbeitet wird. Die Stuttgarter sind von Babbel überzeugt und sehen, dass er genauso arbeitet wie in der vergangenen Saison. Er macht nichts anders – und trotzdem stellt sich der Erfolg in dieser Saison bisher nicht so ein. Aber genau diese Unwägbarkeiten machen den Fußball besonders reizvoll und interessant.

Günter Netzer auf bild.de

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