3. Mai 2015

Hoffnung vs. Resignation

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , , – Franky @ 19:30

Am Tag eins nach der neuerlichen vergebenen Chance des Befreiungsschlags sitzt der Stachel noch tief, bin noch total geplättet und das nicht nur wegen der anstrengenden und vor allem heimwärts nicht enden wollenden Busfahrt.
Was ein Spiel, erst das Luftloch Niedermeiers, der Huntelaar sein erstes Tor noch knapp 1200 Minuten Flaute ermöglichte. Zu diesem Zeitpunkt rechnete ich schon mit einer Klatsche, wenn man einen taumelnden Gegner derart aufbaut. Dann kommt man zurück, feiner Pass von Ginczek in den Lauf von Martin Harnik und der mit einem gefühlvollen Lupfer über Fährmann hinweg zum bis dahin überraschenden Ausgleich. Nach der Pause dann gar die Führung, dieses Mal Kostic nach Ginczek-Pass, um das Spiel dann in den letzten 12 Minuten doch noch her zu schenken. Dieses Mal eine ganze Fehlerkette, Schwaab lässt Aogo flanken, Niedermeiers Kopfball-Abwehr geriet zu kurz und auch Ulle war einmal mehr nicht Herr seines Fünfmeterraums, so dass der völlig freistehende Huntelaar einschieben konnte. Zwei Minuten vor Schluss dann der so schmerzliche Knockout. Wieder entwischt Aogo Schwaab, Kevin-Prince Boateng, der in der laufenden Saison noch keinen Blumentopf traf, kam zum Schuss, Klein fälschte unglücklich ab und fertig war die sechzehnte (!) Saisonniederlage.
Durch die Ergebnisse der Konkurrenz mutet die Situation inzwischen dramatisch, wenn auch noch nicht völlig aussichtslos, an. Natürlich haben wir das vermeintlich leichteste Restprogramm aller Konkurrenten, natürlich sind theoretisch noch neun Punkte machbar, die mindestens für Platz 16 reichen sollten. Zusätzliche Brisanz erfährt dieser Abstiegskampf 2015 darin, dass es, im Gegensatz zur Vorsaison als die drei Schlusslichter allesamt ihre letzten fünf Partien verloren hatten, noch etliche direkte Duelle gibt, so dass sich fast jeder noch aus eigener Kraft retten kann. Wir, die auf dem letzten Platz festsitzen, können das freilich nicht mehr.
Die direkten Duelle werden den Abstiegskampf vermutlich entscheiden, irgendwann kommen dann auch Ergebnisse der Abstiegskandidaten gegen Mannschaften, für die es um nichts mehr geht, zustande, die es unter normalen Umständen nicht gäbe. So hat für mich der SC Freiburg gegen die Bayern noch nicht verloren, wenn sie nach dem Duell mit dem FC Barcelona mit einer B-Mannschaft antreten sollten. Letztendlich hilft nur hoffen, bangen, beten, um dem Abstieg noch zu entrinnen.

Was macht denn überhaupt noch Hoffnung?

- Es sind noch neun Punkte zu vergeben.

- Unsere Offensive setzt Glanzlichter, was Maxim, Kostic, Harnik und Ginczek zeitweise auf den Platz zaubern, ist nicht 2. Liga, im Gegenteil, das sieht schon nach gehobenem Bundesliganiveau aus.

- Wir haben jetzt zwei Heimspiele in Folge vor der Brust und damit immer noch die Gelegenheit uns in einen Lauf zu spielen.

- Die Fans, die bis zum letzten Atemzug zusammenstehen und ihr letztes Hemd für den Klassenverbleib geben würden.

- das schwere Programm des SC Paderborn und des SC Freiburg und die Tatsache, dass die Freiburger ihrerseits das Siegen ebenfalls verlernt zu haben scheinen. Auf der anderen Seite sind es eben auch zum Relegationsplatz, auf dem der SC Freiburg derzeit steht, quasi vier Punkte Rückstand, wenn man das Torverhältnis betrachtet. Hannover 96, mit dem Achtungserfolg des Punktgewinns beim VfL Wolfsburg im Gepäck, ist in der Rückrunde noch immer sieglos, sollten sie das bis zum Schluss bleiben, stünde ein sicherer Absteiger bereits fest.

- Dann wären da noch Phrasen wie „Totgesagte leben länger“, „Abgestiegen ist man erst, wenn rein rechnerisch nichts mehr geht“, „die Messe ist erst gelesen, wenn der letzte Pfiff ertönt“ und viele andere mehr.

Was gäbe Anlass zur Resignation?

- Die Statistik, der VfB spielt seine schlechteste Saison der Vereinshistorie, selbst im Abstiegsjahr 1974/1975 hatte man einen besseren Punkteschnitt. Seit Herbst 2013 hat der VfB keine zwei Siege in Folge mehr eingefahren. Diese Statistik kann kein Zufall sein sondern ist Zeugnis mangelnder Konstanz. Diese Serie MUSS jedoch gebrochen werden, möchte man in die Dramaturgie des Abstiegskampfes noch als einer der Hauptdarsteller eingreifen. Des Weiteren steht noch im Saisonzwischenzeugnis, dass wir von den 31 bisherigen Spielen gerade einmal sechs siegreich gestalten konnten, drei zu Hause, drei auswärts. Da fragt man sich dann schon, ob die Erwartung an drei Siege aus drei Spielen nicht zu hoch gegriffen ist.

- Die Abwehr! Fast zwei Gegentore im Schnitt pro Spiel, d. h. wir müssen schon mindestens drei Tore schießen, um ein Spiel gewinnen zu können. Anders als noch in der letzten Saison hat es Huub Stevens dieses Mal nicht geschafft, die Abwehr so zu stabilisieren, dass sie auch einmal ein 1:0 über die Zeit retten kann. Symptomatisch gestern wieder, als die komplette Viererkette, einschließlich Torwart, den Gegner zum Tore schießen einlud. Ob Schwaab, Baumgartl, Niedermeier oder Rüdiger, ob erfahren oder Greenhorn, unerklärliche Stockfehler, fehlende Übersicht, fehlende Frische im Kopf Situationen zu antizipieren, so dass es immer wieder vorkommt, dass des Gegners Torjäger „aus den Augen verloren“ wird und dieser dann leichtes Spiel hat. Da dieses Problem schon länger besteht und man es schon im Sommer versäumt hat, einen „Turm in der Schlacht“ zu verpflichten an dessen Seite ein Antonio Rüdiger oder Timo Baumgartl reifen und auf den sie sich verlassen könnten, gibt es wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich hier in den verbleibenden Spielen eine bisher nicht gekannte Stabilität einstellt.

- Kein Führungspersonal. Möchtegern-Führungsspieler wie Sven Ulreich, Georg Niedermeier und Christian Gentner haben nicht die Körpersprache und überzeugen erst recht nicht durch Leistung, um von den Anderen als „Chefs“ anerkannt zu werden. Führungsstärke zeigt eigentlich nur Serey Die, der mit Einsatz vorangeht, leider aber nicht alle Löcher stopfen kann, die sich so auftun.

- Wie bei den Hoffnungsschimmern ist auch hier das Restprogramm (der Konkurrenz) zu nennen. Direkte Duelle sorgen eben nicht nur dafür, dass sich die Konkurrenten die Punkte gegenseitig wegnehmen, sondern auch dafür, dass immer jemand der Konkurrenz punktet.

- In den letzten zwei Wochen haben wir drei Spiele leichtfertig her geschenkt, von neun möglichen Punkten gerade einmal einen geholt. Dann ist es klar, dass die Mitabstiegs-Kandidaten irgendwann selbst punkten und davon ziehen, wenn man selbst auf der Stelle tritt. Warum sollte sich das jetzt noch ändern? Es sieht einfach so aus, dass wir in Summe das schlechteste Team der Bundesliga haben und folgerichtig auf dem letzten Platz stehen. Augsburg hat in den letzten zwölf Spielen gerade einmal zwei Siege eingefahren, gegen Wolfsburg und gegen uns. Freiburg hat nunmehr fünf Spiele in Folge nicht gewinnen können, gegen uns schaffen sie es aber, nachdem sie bereits mausetot waren, aus einem 0:2 noch ein 2:2 zu machen. Schalke, zuletzt sechsmal sieglos, schafft gegen uns die Wende. In der gesamten Saison schafften die Königsblauen es lediglich gegen Paderborn ein Spiel nach Rückstand zu drehen, auch das gelingt gegen uns scheinbar mühelos. Und, großes Thema bei Königsblau, die „Lebensversicherung“ und Fast-VfBler (ich erinnere mich noch gut an Leogang, als wir nur noch auf Vollzug von Shopping-Hotte warteten…) Klaas-Jan Huntelaar, knapp 2000 Minuten ohne Tor, wird von Georg Niedermeier geradezu eingeladen, diesen Negativlauf zu beenden, Selbstvertrauen zu schöpfen, welches ihm wohl erst sein 2:2 und damit den Anfang unseres Endes ermöglichte. Wer derart Aufbauhilfe betreibt, fragt man sich, wie sich das Team dann erst gegen Gegner präsentieren soll, die frei von der Leber weg spielen können wie Mainz 05 und möglicherweise auch schon der HSV, bis wir auf ihn treffen, oder gegen ein Team, das nichts zu verlieren hat, jedoch um jeden Zentimeter kämpfen wird wie der SC Paderborn. Für mich ist keines der drei Spiele ein Selbstläufer und wenn doch, irgendeiner wird sich schon finden in dieser Truppe, der den Gegner zurück ins Spiel bringt.

- Es ist auffällig, dass der Mannschaft nach 70 Minuten sprichwörtlich die Luft ausgeht. Ob diese Tatsache auf konditionelle Schwächen zurückzuführen ist, was mir im Zusammenhang mit einer Profimannschaft schwer begreiflich wäre, oder die Mannschaft nicht in der Lage ist, die Konzentration über 90 Minuten auf hohem Level zu halten, sei dahingestellt. Auffällig auch, dass es zuletzt stets den Bach runter ging, nachdem Maxim und Kostic ausgewechselt wurden. Der Leistungsabfall ist dann schon frappierend, so dass es durchaus eine Überlegung wert wäre, auf diese Auswechslungen gegen Mainz gänzlich zu verzichten. Maxim und Kostic nehmen sich doch ohnehin während des Spiels ihre Kunstpausen, sind aber in der Schlussphase eines Spiels eher in der Lage für Entlastung zu sorgen, als es zuletzt Daniel Didavi und Timo Werner taten.
Bei nüchternem Gegenüberstellen der Fürs und Widers findet sich wahrlich nicht viel, an das man sich nach diesem beschissenen Wochenende noch klammern könnte. Es hilft aber nichts, wie die Mannschaft sollten auch wir Fans in der Woche die Köpfe wieder hochbekommen und zum Top-Spiel der Woche nächsten Samstag 18.30 Uhr Fußball-Deutschland zeigen, was der Liga fehlen würde, wenn es den VfB tatsächlich erwischen sollte. Die Unterstützung, auch gestern auf Schalke, ist nach wie vor phänomenal, leider gelingt es der Truppe nicht, daraus zusätzliche Kraft und Ansporn zu ziehen. Wir müssen weiter von Spiel zu denken und darauf hoffen, drei Spiele zu erleben, in denen die Kreativabteilung ihre Form beibehält und der Defensivverbund die Fehler minimiert. Schwer vorstellbar nach einer Saison, in der die Aha-Erlebnisse fast ausschließlich Fehler betrafen, die eigentlich nicht zu toppen gewesen wären, der VfB es aber dennoch immer wieder „schaffte“.

Sollte das schwere Spiel gegen Mainz tatsächlich gewonnen werden und die Ergebnisse der Konkurrenz entsprechend sein, könnte die Woche danach eine Eigendynamik entwickeln und eine Aufbruchsstimmung erzeugen, so dass der Glaube an das Wunder zurückkehren könnte.
Irgendwann, nach allem Rechnen, Debattieren, Sich Mut zusprechen, Zuversicht tanken, kommt man unweigerlich wieder auf die Mannschaft zu sprechen, die es richten muss und der zuletzt Zeit meist die Nerven versagten, wenn es darauf ankam. Huub Stevens und sein Team müssen wohl vor allem im mentalen Bereich ganze Arbeit leisten, um das Unmögliche noch möglich machen zu können.

Ich hoffe natürlich nach wie vor auf den Klassenerhalt, habe ihn auch noch nicht gänzlich abgeschrieben, aber, von nun an muss alles optimal laufen, darf sich das Team keinen Ausrutscher mehr erlauben.

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1. April 2013

Unglückliche Heimniederlage gegen den Deutschen Meister

Nach der Länderspielpause und einer gefühlten Ewigkeit mal wieder hatte der VfB ein Heimspiel zur traditionellen Fußballzeit, Samstag 15.30 Uhr, vor der Brust. Voller Vorfreude und auch mit einem gewissen Optimismus machte ich mich an diesem Samstag schon sehr frühzeitig auf zu einem Bierchen und Fachsimpeleien mit Freunden. Diese Rituale gehören dazu wie das Treiben auf dem grünen Rasen und können an einem Samstag-Nachmittag natürlich weitaus genüsslicher angegangen werden als bei Sonntag-Spielen.

Durchaus optimistisch deswegen, weil der VfB dem BVB zuletzt vier Mal in Folge ein Remis abringen konnte, weil, durch die Länderspielpause und den Wegfall der Dreifachbelastung ein wenig Zeit zum durchschnaufen war und weil der VfB zuletzt durch den Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt den Tabellendruck etwas abmildern und sich Selbstvertrauen zurück holen konnte.

Das Stadion war seit längerem mal wieder ausverkauft, was einmal mehr verdeutlicht, dass zum VfB viele Leute eher wegen dem Gegner als wegen dem VfB kommen. Ein Phänomen, das nun mal so ist. Vor allem in Zeiten, des sportlichen Misserfolgs, in einer Saison, in der sich eine emotionslose Partie an die nächste reiht, in der sich Verein und Mannschaft immer mehr vom Publikum entfremden, in denen man für immer weniger Gegenleistung immer mehr Geld bezahlen soll, da ist ein Stadionbesuch einfach nicht mehr so selbstverständlich wie vielleicht noch vor einigen Jahren.

Und die VfBler, die zu Hause blieben, ermöglichten den unzähligen Gelb-Schwarzen sich einen Platz inmitten des weiten Runds zu sichern. Dies hatte zur Folge, dass sicherlich rund 10.000 BVB-Fans das Neckarstadion bevölkerten. Dortmunder möchte ich nicht sagen, da es unter denen doch sehr geschwäbelt hat.

Im Vergleich zum Frankfurt-Spiel änderte Labbadia die Anfangsformation gleich auf vier Positionen. Tasci wegen Grippe, Kvist und Molinaro gesperrt fielen ebenso aus wie der verletzt von der Nationalelf zurückgekehrte Shinji Okazaki. Für diese rückten Rüdiger hinten rechts, Felipe, Maxim und Harnik ins Team. Der VfB begann engagiert und hatte durch Niedermeier und Traore erste gute Tormöglichkeiten, hatte aber auch Glück, dass Reus in der Anfangsphase an Sven Ulreich scheiterte. Der VfB war von Beginn an im Spiel und es entwickelte sich, wie so oft in letzter Zeit gegen den BVB, ein Spiel mit offenem Visier. Man merkte den Brustringträgern an, dass sie sich etwas vorgenommen hatten und keineswegs dem scheinbar übermächtigen Gegner das Feld kampflos überlassen wollten. Anders als in so vielen Spielen zuvor , als man verhalten ins Spiel ging und erst einmal abwartete, den Sicherheitsrückpass dem Steilpass stets vorzog, war auf einmal Bewegung und Kampfgeist drin, was sich auch aufs Publikum projizierte. Gerade bei uns, Haupttribüne Seite Richtung Untertürkheimer Kurve, wo man oft den gegnerischen Anhang lauter hört als den unseren, wo sich gegnerische Fans in großer Anzahl tummeln, wo sich zuletzt eine unfassbare Lethargie und Gleichgültigkeit breit machte, gerade hier spürte ich, wie sich das Feuer vom Rasen auf die Ränge übertrug und Gift wie lange nicht mehr drin war.

Dass, wenn David gegen Goliath spielt, der vermeintlich kleine auch einmal zu unlauteren Mitteln greifen muss um nicht Katz und Maus mit sich spielen zu lassen, liegt in der Natur der Sache. Dass die Dortmunder Spieler, die meist unheimlich flink auf den Beinen sind, das eine oder andere Mal auch rustikal ausgebremst werden müssen, ist doch normal in diesem Sport. Wie sehr würde man sich aufregen, würde man sich sang- und klanglos ergeben und hätte nach dem Schlusspfiff nicht eine gelbe Karte zu verzeichnen.

Ich betone hierbei rustikal und meine nicht brutal oder fies. Die Aktion von Martin Harnik gegen Schmelzer fand ich überflüssig, da, so wie der Ball kam, eigentlich keine Gefahr mehr entstehen konnte. Wenn man sich die Fernsehbilder anschaut, sieht man auch, dass Harnik schon vor dem „hohen Fuß“ Körperkontakt mit Schmelzer hatte, also genau wusste, dass er „in der Nähe“ war und es einfach nicht so ist, wie er hinterher zum Besten gab, dass er ihn nicht gesehen hätte. Ob jetzt der Fuß hoch oder der Kopf zu tief war, ist müßig zu diskutieren. In dieser Situation hätte er nicht so einsteigen brauchen, fertig. Allerdings, dieses Vergehen wurde richtigerweise mit Gelb sanktioniert, eine härtere Strafe wäre überzogen gewesen. Es war Harniks fünfte Gelbe Karte, so hat er jetzt auch ausreichend Zeit, darüber nachzudenken, ob das hat sein müssen.

Und, Marcel Schmelzer, nichts für ungut. Der BVB hat Erfahrungen mit Gesichtsverletzungen und wird sicherlich die bestmögliche Versorgung gewährleisten können. Dass man auch mit Nasenbeinbruch nicht so schwer gehandicapt ist wie bei einem Fußbruch zeigt derzeit unsere Winterneuerwerbung Alexandru Maxim. Er stand erstmals in der Bundesliga in der Startelf und wird dort hoffentlich nicht so schnell wieder rausfliegen, auch wenn er damit Brunos Wunschelf sprengen sollte. Er ist DER Lichtblick in Zeiten fußballerischer Armut, ist er doch ein Spieler, dessen Freund der Ball ist und der einzige weit und breit in unserem Kader, Raphael Holzhauser mit Abstrichen ausgenommen, der es vermag einen Eckball bzw. Freistoß zum eigenen Mann und vor allem über den ersten Abwehrspieler hinweg zu bringen. Bei ihm geht mir derzeit das Herz auf und nicht umsonst gilt er als der „Mario Götze Rumäniens“. Ich bin guter Hoffnung, dass wir an ihm noch viel Freude haben werden und freute mich riesig, dass er es war, der sich für seine starke Leistung mit dem zwischenzeitlichen Ausgleich belohnte.

Brunos Wunschformation wurde unter anderem durch Kvists Gelbsperre gesprengt. Ob ein Kausalzusammenhang zwischen Kvists Sperre und dem neuen Angriffsschwung besteht? Für mich liegt dieser „Verdacht“ nahe, war das VfB-Spiel doch plötzlich viel schneller und ansehnlicher. Wenn man sich die Verfassung des dänischen Nationalspielers zuletzt vor Augen führt, war seine Sperre für das Team mehr Segen als Fluch.

Eine andere Maßnahme, zu der Bruno Labbadia buchstäblich gezwungen wurde, war, Antonio Rüdiger als Rechtsverteidiger aufzustellen und Gotoku Sakai links verteidigen zu lassen. Eine personelle Rochade, die ich mir schon nach dem Bayern-Spiel gewünscht hätte, als Rüdiger großartig gegen Ribery spielte, und, nachdem Sakai zurückkehrte, sofort wieder auf der Bank oder Tribüne verschwand. Gerade junge Spieler verstehen doch die Welt nicht mehr, wenn sie nach starken Leistungen sofort wieder aus dem Team genommen werden, wenn vermeintliche Leistungsträger von Sperren, Verletzungen oder Afrika-Cup zurückkehren. Ein Trainer sollte doch immer zuerst die formstärksten Spieler bringen und gute Leistungen belohnen, anstatt blind seiner inneren Überzeugung zu folgen, und sich Woche für Woche von SEINEN Lieblingen enttäuschen zu lassen. Diesbezüglich erinnert mich Labbadia oft an Giovanni Trapattonis legendäre Wutrede bzw. den Auszug davon „Ein Trainer ist nicht ein Idiot“.  Bei solch sturem Festhalten an manchen Spielern bin ich (dann) gegenteiliger Meinung!

Doch nun zurück zum Spiel. Für Schmelzer kam Piszczek, der eigentlich für die Champions League Partie in Málaga geschont werden sollte, ins Spiel. Ausgerechnet der polnische Rechtsverteidiger war es dann, der fünf Minuten nach seiner Einwechslung seine Farben in Führung köpfte. So gesehen war der Tritt von Harnik gegen Schmelzer für den BVB ein „Glückstritt“. Beim VfB war die Aufregung groß, war dem Freistoß, der dem 0:1 voranging doch ein unberechtigter Einwurf für Dortmund vorausgegangen.   Bei aller Aufregung aber, eine vom BVB schon hundertfach gesehene Freistoßvariante darf man auch besser verteidigen…

So rächte sich in einem bis dato ausgeglichenen Spiel mit verteilten Torchancen, hüben wie drüben, die erneut schludrige Chancenverwertung vom VfB, die sich wie ein roter Faden durch die Saison zieht. Ibisevic, meist auf sich alleine gestellt, bekommt zu wenig Futter, um sein Torkonto erhöhen zu können, er fällt derzeit meist lediglich dadurch auf, dass er Bälle gut behaupten kann. Mangelndes Engagement kann man ihm nicht vorwerfen, fast unermüdlich wirft er alles in den Ring, was er zur Verfügung hat. Wenn er sich Tore nicht selbst vorbereitet, trifft er aber (zur Zeit) nicht. Schade, dass er knapp im Abseits stand, als er Weidenfeller per Kopf überwunden hatte.

Stattdessen hätten aber Georg Niedermeier und vor allem Traore treffen müssen. Möchte man ein solches Spiel gegen einen starken Gegner gewinnen, dann muss man einfach die Kiste machen und 1:0 in Führung gehen. So fiel der Treffer auf der anderen Seite, was den VfB allerdings dieses Mal nicht lähmte und zurück warf. Nicht zuletzt, weil sie in Maxim endlich mal wieder einen kreativen Kopf auf dem Platz hatten, gelang es, dem BVB ein über weite Strecken ausgeglichenes Spiel zu bieten.

Nach einer guten Stunde Spieldauer kam der VfB dann zum verdienten Ausgleich durch Maxim, der zu diesem Zeitpunkt in der Luft lag. Knackpunkt des Spiels war dann die gelb-rote Karte für Georg Niedermeier nach 70 Minuten. In meinen Augen einfach nur dumm dieses Einsteigen, wenn man bereits gelbverwarnt ist. Dieses Foul wäre vom einen oder anderen Referee auch mit glatt rot bestraft worden, daher auch ist es auch müßig darüber zu diskutieren, dass die erste gelbe Karte für Niedermeier keine war. Der Schorsch wirkte nicht nur in dieser Szene übermotiviert und machte seinem Spitznamen „Niederstrecker“ alle Ehre. Unschön, was dann geschah, als Götze im Fallen eine Bewegung mit seiner Hand in Richtung Schorsch machte, ihn wohl auch im Gesicht „streichelte“, der Schorsch sich aber danach wälzte, als habe ihm Mike Tyson seine gefürchtete Schlaghand ins Gesicht gedonnert. Diese Theatralik im „modernen“ Fußball widert mich einfach an, ob es jetzt ein Gegner ist oder wie in diesem Fall ein eigener Spieler. Wir haben doch gestandene Mannsbilder auf dem Platz und keine Memmen, also sollten sie sich auch wie Mannsbilder benehmen und nicht sämtliche guten Sitten vergessen, nur um sein eigenes Strafmaß abmildern zu wollen oder eine Bestrafung für den Gegenspieler herausschinden zu wollen. Was mich betrifft kann der Schorsch damit keinen Eindruck machen, ich fand das nur peinlich.

Schlimm ist eben, wo wir schon bei Schauspielerei sind, dass diese mittlerweile zum guten Ton in der Bundesliga gehört. Wie oft sieht man Spieler, die sich bei gegnerischem Ballbesitz herum wälzen, um zu erwirken, dass irgendeiner den Ball raus spielt und plötzlich wieder „fit“ sind, wenn die eigene Mannschaft den Ball gewinnt. Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, plädiere ich dafür, gnadenlos weiter zu spielen, zumindest von der gegnerischen Mannschaft, ohne dabei irgendetwas von verletztem Fairplay zu faseln. Wo ist denn das Fairplay, wenn 60.000 Zuschauer im Stadion durch den Verfall der Sitten verarscht werden und das Spiel dazu noch unnötig verlangsamt wird.

So war die Hinausstellung Niedermeiers gerechtfertigt, ebenso wie die gelbe Karte für Götze. Für meinen Geschmack war das noch zu wenig, um hier eine Hinausstellung Götzes zu fordern. Allerdings hat mir der Schiedsrichter Aytekin insgesamt zu einseitig gepfiffen, bspw. hätte Gündogan ebenso gelb oder dann später auch gelb-rot sehen können bzw. müssen, in Situationen, als es weniger um den Ball ging, als bei der Aktion von Niedermeier, wo immerhin die Absicht unterstellt werden konnte, er wolle den Ball spielen. Auch muss man nicht zwingend bei jedem Körperkontakt gegen die wendigen Leichtgewichte Reus und Götze auf Freistoß für den BVB entscheiden. Diese wiederum forderten stets gestenreich, genauso wie die Dortmunder Bank und vor allem im Tor Ramona Weidenfeller Karten gegen den VfB. Dieses ständige Reklamieren, Gestikulieren und Rumgeheule, um den Schiri auf seine Seite zu bekommen, hätte genauso sanktioniert gehört. Der VfB hätte noch einen Handelfmeter bekommen können, dazu war die gelbe Karte für eine vermeintliche Schwalbe gegen Boka völlig überzeugen. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass der DFB dem Schiedsrichtergespann die Mission erteilt hatte, die Liga noch ein wenig „spannend“ zu halten und dass der VfB eben die Bayern nicht schon zum frühzeitigen Meister machen sollte.

Der VfB hat meiner Meinung nach über weite Strecken das getan, was er tun musste. Er begegnete dem BVB mit Einsatz, Kampf und Leidenschaft, Tugenden, die wir lange vermisst hatten. Daher verteufele ich keineswegs das eine oder andere harte Einsteigen, dies war notwendig, um dem BVB Paroli zu bieten und in gewisser Weise auch um sich Respekt zu verschaffen.

Aus diesem Blickwinkel kann ich auch die Aussage von Labbadia unterschreiben, dass die Dortmunder keineswegs unter Artenschutz stehen. Wir sind sicherlich nicht dafür zuständig, dass die Dortmunder am Mittwoch gegen Málaga eine schlagkräftige Elf auf dem Platz haben, auch wenn ich natürlich hoffe, dass der BVB diese Hürde nimmt. Der VfB kämpft ums Überleben in der Liga und kann auf solche Sentimentalitäten in der derzeitigen Situation keine Rücksicht nehmen.

Dass Klopp hinterher die überharte Gangart vom VfB und die eine oder andere Schramme seiner Kicker beklagte liegt ja mit daran, dass sie sich ebenfalls mit allem, was sie haben, ins Getümmel werfen und ordentlich austeilen. Diese Spielweise hat sie in den letzten Jahren so erfolgreich gemacht, also sollte jetzt auch nicht gejammert werden, wenn der VfB gut dagegen hielt.

Als VfB-Fan ging ich trotz der Niederlage, die leider in Unterzahl nicht mehr verhindert werden konnte, zufrieden von dannen. Der VfB hat einiges ins Spiel investiert und hätte den einen Punkt sicherlich auch verdient gehabt. Sollte es gelingen, diese neu entdeckten Tugenden auch bei den kommenden Spielen in die Waagschale zu werfen, ist mir nicht bange. Mindestens gegen zwei Drittel der Liga würde eine solche Leistung zum Sieg reichen und diese aufopferungsvolle Hingabe belohnt werden.

Für den VfB wird es in den restlichen Spielen darum gehen, den Abstand auf Relegationsplatz 16 zu halten und mit der Abstiegszone nichts mehr zu tun zu bekommen. Die Spiele werden aber weniger und unten scheint das kurze Aufmucken des FC Augsburg schon wieder beendet zu sein. Alle anderen, die in der Tabelle hinter uns platziert sind, punkten ebenfalls nicht gerade furchteinflößend, so dass das Thema Abstiegsgefahr hoffentlich bald ad acta gelegt werden kann.

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18. März 2013

“Wir haben uns endlich einmal belohnt”

Erleichterung pur. Der VfB holte in Frankfurt einen immens wichtigen Dreier, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Augsburg tags zuvor beim HSV gewann und somit der Relegationsplatz bei Anpfiff nur noch fünf Punkte entfernt war. Der VfB mit vier Pflichtspielniederlagen in Folge, die Hessen mit fünf Spielen ohne eigenem Tor, die Folge war ein anfangs zerfahrenes Spiel ohne Torszenen. Der VfB hatte nach gut einer Viertelstunde die erste Chance, als Ibisevic einen Ausflug von Kevin Trapp nicht bestrafen konnte. Just im Gegenzug kassierte der VfB das 0:1 durch Aigner. Ein Tor aus dem Nichts also, das einmal mehr verdeutlichte, welch große Probleme wir in der Viererkette haben. Die Frankfurter verpassten es in der Folge gegen nun noch mehr verunsicherte Schwaben das zweite Tor nachzulegen. Der VfB war zwar kämpferisch da, doch wie schon in den letzten Wochen und Monaten fehlte die Genauigkeit, so dass gewonnene Bälle sofort wieder verloren wurden. Zu dieser Zeit hätte ich keinen Pfifferling mehr auf den VfB gewettet, war es doch ein Spiegelbild der bisherigen Saison und war zuletzt doch so oft ein 0:1 Rückstand gleichbedeutend mit der Niederlage.

Unverändert kam der VfB aus der Pause und auch zurück ins Spiel. Schwegler legte Boka, den Labbadia überraschend im defensiven Mittelfeld neben Kvist aufbot, elfmeterreif, Ibisevic verwandelte eiskalt, 1:1. Von da an wurde die Partie munterer, beiden Teams merkte man an, dass sie gewinnen wollten. Die besseren Chancen hatte zunächst die Eintracht, das Tor aber erzielte der VfB. Der kurz zuvor eingewechselte Alexandru Maxim schlug die bis dahin mit Abstand beste Ecke des Spiels direkt auf den Kopf von Schorsch Niedermeier, der brachial und mit Anlauf einköpfen konnte. Sein erstes Tor seit zwei Jahren, ein ganz wichtiges in der derzeitigen Situation vom VfB. Damit baute der VfB seine Serie in Frankfurt aus, wo man seit 2001 nicht mehr verloren hatte und verbesserte sich in der Tabelle auf Platz 12 bzw. auf Platz 9 der Teams, die das Mittelfeld und die Abstiegszone der Liga bilden. Die Bayern, Dortmund und Leverkusen spielen in einer anderen Liga, der überwiegende Rest darf sich gar noch Hoffnungen auf Platz vier und damit die Champions League Qualifikation machen. Paradox, dass dieser vierte Platz plötzlich näher ist als der Relegationsplatz.

Dennoch ist der VfB natürlich gut beraten, den Blick weiterhin nach unten zu richten und vor allem nur von Spiel zu Spiel zu denken. Jetzt steht erst einmal die Länderspielpause mit den Spielen der Nationalelf gegen Kasachstan auf dem Programm. Für den VfB bzw. die überraschend wenigen Spieler, die nicht zu ihren Nationalteams geladen wurden, die Gelegenheit nach der Vielzahl von englischen Wochen die Seele baumeln zu lassen, den Resetknopf zu drücken und den Akku wieder ein wenig aufzuladen. Denn, nach der Länderspielpause geht es gleich weiter gegen den Deutschen Meister Borussia Dortmund. Also sofort gegen eine Mannschaft mit einer unfassbar hohen Qualität, die man einfach gerne spielen sieht. Ein gutes Gefühl gibt einem aber auch, dass nicht nur wir vor dem BVB einen Heidenrespekt haben sondern wohl auch wir nicht zu den allerliebsten Gegnern der Dortmunder zählen. Immerhin endeten die letzten vier Liga-Duelle allesamt Remis, so dass kein Grund besteht, die Punkte von vornherein abzuschreiben.

Der VfB muss natürlich einen (sehr) guten Tag erwischen und auch das nötige Quäntchen Glück haben, um am Ende nicht mit leeren Händen da zustehen, doch, wer weiß, vielleicht setzt dieser Sieg in Frankfurt wieder neue Kräfte frei. Da der VfB in dieser Saison eher als Serientäter bekannt ist, war dies vielleicht ein neuer Anfang.

Was aber auch klar sein dürfte, ob der Absenz des Großteils des Kaders kann vor dem Dortmund-Spiel natürlich wenig daran gearbeitet werden, die Abstimmungsprobleme in der Defensive abzustellen. Ich möchte ja nicht unken, ob die Sperren von Molinaro, der Aigner vor dem 0:1 laufen ließ, und Kvist, der sich zwar verbessert zeigte, aber dennoch sehr verunsichert wirkt, ein Schlüssel zu einem guten Resultat sein könnten. Ein Maxim z. B. drängt in die Startelf. Er kann etwas am Ball und vor allem Standards. Ich bin guter Dinge, dass wir noch sehr viel Freude an ihm haben werden.

Die nächsten Wochen mit den Spielen gegen den BVB, in Hannover und gegen Mönchengladbach werden aufzeigen, wohin wir unseren Blick in der Tabelle zu richten haben. Ich kann es mir nach wie vor nicht vorstellen, dass wir mit den in dieser Saison gezeigten Leistungen noch viele Spiele gewinnen werden. Dieser Sieg nimmt natürlich jetzt Labbadia ein wenig aus der Schusslinie. In ruhigere Fahrwasser kommt er jedoch nur, wenn das Team konstant mehr Herz, Konzentration, Einsatzfreude und Spielkultur zeigt, als über weite Strecken seiner bisherigen Amtszeit. Die Zuschauerzahlen zuletzt sollten eigentlich Warnung genug sein, dass sich vor allem der Kunde, der sich teure Karten auf der Haupt- oder Gegentribüne kauft, Gedanken über das Preis-/ Leistungsverhältnis macht und lieber fern bleibt, als sich wegen Darbietungen wie zuletzt über sein rausgeschmissenes Geld aufzuregen. Wie bereits erwähnt, mittlerweile bin ich mehr als skeptisch, ob mit Trainer Labbadia diesbezüglich eine nachhaltige Verbesserung möglich ist. Seit zwei Jahren wird eigentlich nur auf Situationen reagiert anstatt agiert, ist das meiste (von außen betrachtet) auf Zufall aufgebaut. Auch gestern hätte das Spiel leicht in die andere Richtung laufen können, daher möchte ich den Sieg auf keinen Fall überbewerten. Es war ein Sieg der Moral zum richtigen Zeitpunkt und hoffentlich die Wende zum Besseren.

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29. April 2012

Sommerfußball in München

Zum zweiten Mal in Folge schaffte ich es, bei allen 17 Auswärtsspielen unseres VfB dabei zu sein. Der letzte Auswärtsauftritt der Saison 2011/12 führte uns also zum mit unbeliebtesten Trip in die Arroganz-Arena. Die Geschichte wiederholt sich doch leider immer wieder. Endlose Staus, ein „Stadion“ mitten in der Pampa und am Ende fahren wir meist ohne Punkte heim.

Gestern machten wir uns bereits gegen 9.30 Uhr auf den Weg in den Freistaat. Kaum in Wendlingen auf der A8 angekommen, fuhren wir schon vor Kirchheim/Teck in den ersten Stau, laut Verkehrsfunk bis zu 16km lang, Tendenz zunehmend. So nahmen wir auch schon wieder die Ausfahrt und versuchten es bis Merklingen über Landstraßen, wo wir zunächst eine ganze Weile auch nur im Schritttempo vorankamen. Gut zwei Stunden nach der Abfahrt kurvten wir noch auf der Schwäbischen Alb umher, München noch in weiter Ferne. Nachdem wir dann endlich in Merklingen wieder auf die Autobahn auffuhren, hatte sich der Stau aufgelöst und den Rest der Strecke lief es dann befriedigend. Auf dem P&R Platz Garching-Hochbrück stellten wir unseren PKW ab und fuhren mit der U6 eine Station bis nach Fröttmaning, um den Rest der Strecke per pedes bei gut 30° und strahlendem Sonnenschein zu bewältigen. Wirklich schwach, dass die Eintrittskarte in München nicht, wie in den meisten Stadien der Republik, als Fahrkarte im MVV gilt! Gegen 15 Uhr schließlich standen wir vor dem Schlauchboot und baten um Einlass. Die Kontrollen ließen wir schnell und problemlos hinter uns und machten uns auf den Weg in den Oberrang. Bei dieser Hitze und nach den Strapazen der Anreise erschienen die Stufen nach oben endlos. Daher freute ich mich dann erst einmal auf ein kühles Bierchen (wieder einmal „Leichtbier“), zumal wir noch eine aufgeladene Arena-Card aus der Vorsaison besaßen.

Unmittelbar danach ging es auch schon rein in die Schüssel. Wir hatten, wie auch schon in der letzten Saison, einen Sitzplatz zum Stehplatzpreis im Stimmungsblock ergattert, da es eigentlich in der Allianz Arena im Gästebereich keine eigentlichen Stehplätze gibt. Die Stimmung unter den VfBlern war schon gut und wie immer zu Beginn eines Spiels hoffnungsfroh. Man war gespannt, welches Gesicht die Wundertüte VfB heute zeigen würde. Die Vorzeichen standen ja dieses Mal gar nicht so schlecht. Der VfB kam mit breiter Brust und zuvor zehn niederlagenlosen Spielen in Folge und hatte die Chance den fünften Platz aus eigener Kraft zu halten, sollten aus den letzten beiden Spielen vier Punkte geholt werden. Die Bayern dagegen, für die es in der Liga um nichts mehr geht. Koan Titel, der zweite Platz auch schon sicher, dazu hatten sie unter der Woche das Champions League Finale im eigenen Wohnzimmer erreicht und sollten mental und körperlich in Madrid einige Körner gelassen haben. So rotierte Bayern-Trainer Jupp Heynckes gleich acht Spieler hinaus, was dem VfB eigentlich alle Möglichkeiten eröffnen sollte.

Nachdem ich in Köln so enttäuscht war, was die Einstellung unserer Truppe betraf, hatte ich die Hoffnung, dass die Jungs gemerkt haben, dass es mit 95% Engagement auch gegen einen Abstiegskandidaten nicht geht. Eine Woche hatte das Team Zeit, sich auf die Partie in München einzuschwören. Aus den Statements der Protagonisten konnte man durchaus die Hoffnung ableiten, dass die Mannschaft heiß ist und aus München unbedingt etwas mitnehmen möchte. Dass es im wahrsten Sinne des Wortes eine heiße Kiste werden würde, zeichnete sich auch schon Tage vorher ab. Gerade das könnte auch zum Vorteil gereichen, da die Bayern ja Mitte der Woche 120 Minuten gegangen sind und zudem noch Reisestrapazen in den Knochen hatten.

Also, auf geht’s Jungs aus Cannstatt!!!

Meine Ernüchterung stellte sich jedoch leider schon wieder in den Anfangsminuten ein. Ich hatte den Eindruck, dass der VfB einmal mehr zu lasch und zu fahrig in seinen Aktionen zu Werke ging. Frappierend auch die Tatsache, dass auch die B-Mannschaft der Bayern den unseren technisch hochüberlegen war. Ballan- und -mitnahme war beim VfB teilweise eine Katastrophe. Die Zeit, die unsere Jungs benötigten, um Zuspiele zu verarbeiten, die hat man auf diesem Niveau einfach nicht. Daraus resultierte, dass der VfB weitestgehend von Beginn an am hinterher laufen war. Für eine Mannschaft, die in den restlichen beiden Spielen noch unbedingt etwas erreichen möchten, fehlte mir der Biss und die Zweikampfhärte, mit denen man den Bayern vielleicht auch die Lust am Spiel hätte nehmen können. Beim Gegner wollte sich mit Sicherheit niemand verletzen und dadurch möglicherweise die beiden noch ausstehenden Endspiele verpassen. Also, wäre aus VfB-Sicht das ein oder andere Zeichen zu setzen, durchaus hilfreich gewesen, um den Bayern zu signalisieren, dass es notfalls auch auf die Socken gibt. Leider fehlte dem VfB diese positive Aggressivität. Im Gegenteil, durch die eingangs erwähnten technischen Unzulänglichkeiten waren wir von Beginn an am hinterherlaufen und luden durch Abspielfehler und vertändelte Bälle die Bayern zu Torchancen ein. Gerade Gomez, einer der wenigen nicht heraus rotierten Stammspieler, merkte man an, dass er sich unbedingt noch die Torjägerkanone sichern möchte. Er war stets gefährlich, wurde zudem noch angestachelt durch die schwäbischen Schmährufe. Die erste dicke Chance hatte allerdings der VfB als Georg Niedermeier nur die Querlatte traf. Danach gab es sehr viel Mittelfeldgeplänkel, die Bayern spielten ihren Stiefel herunter, dem VfB fehlten die Mittel und die Durchschlagskraft nach vorne. Nach einer verunglückten Rückgabe von Maza, der für den verletzten Tasci ins Team rückte, nahm das Unheil seinen Lauf. Unsere Nummer 1, Sven Ulreich, zögerte, ob er aus seinem Kasten kommen soll (meiner Meinung nach hätte er raus kommen müssen), Müller ersprintete die Kugel und passte zu Gomez, der nur noch ins leere Tor einschieben müsste. Die Gesten Richtung VfB-Block hätte er sich danach sparen können… Knackpunkt des Spiels war wohl die Szene unmittelbar danach als Okazaki zum zweiten Mal nur Aluminium traf und Gentner den Abpraller nicht genügend drücken konnte und über die Latte köpfte. Danach übernahmen die Bayern mehr und mehr die Spielkontrolle und dem VfB fehlte die letzte Konsequenz, den Gegner ernsthaft zu gefährden. Mit Beginn der zweiten Hälfte brachte unser Coach, Bruno Labbadia, Cacau für Kvist. Die ersten Minuten gehörten dem VfB, leider fehlte auch hier die Durchschlagskraft um Butt ernsthaft in Bedrängnis zu bringen. Die Bayern lauerten auf Konter im eigenen Stadion, spielten die aber zunächst zu unserem Glück nicht sauber zu Ende. So dauerte es bis zur Schlussminute bis Thomas Müller einen Konter zum 2:0-Endstand abschloss. Wie erwähnt, insgesamt war mir das zu wenig und sah schwer nach einem auslaufen lassen der Saison aus. Leverkusen hat uns durch den Sieg gegen Hannover vom fünften Platz, der zur Teilnahme an der Gruppenphase der Europa League berechtigt, verdrängt. Jetzt müssen wir auf die Nürnberger hoffen, dass sie um ihre Minichance auf den 7. Platz gegen Leverkusen kämpfen werden. Besonders ein Mann in deren Reihen, unser Leihspieler Daniel Didavi, wird bewusst sein, dem VfB helfen zu können, wenn er erneut eine Topleistung auf den Rasen bringt. Ich denke, wir dürfen uns auf ihn freuen, wenn er im Sommer zurückkommt, hat er doch eine überragende Rückrunde gespielt. Es würde mich freuen, wenn Labbadia in der neuen Saison Verwendung für ihn hätte. Er ist zwar nicht der schnellste und laufstärkste Spieler. Dafür hat er einen überragenden Schuss und schlägt starke Standards, Attribute die uns durchaus fehlen und stärker machen könnten. Der VfB seinerseits ist gegen Wolfsburg natürlich zum siegen verbannt. Wie in jeder Saison wird auch dieses Mal wieder dem Team daran gelegen sein, sich positiv in die Sommerpause zu verabschieden. Und, sollte Leverkusen in Nürnberg Federn lassen, muss der VfB da sein und sich den fünften Platz zurück erobern. Er würde eine ungestörtere Vorbereitung gewährleisten, da uns eine Qualifikationsrunde Anfang August, also mitten in der Saisonvorbereitung, erspart bliebe. Leider hat man die gute Ausgangsposition durch die beiden Auswärtsspiele in Köln und München aus der Hand gegeben. Spannend dürfte sein, wer gegen die Wölfe unsere Innenverteidigung bilden wird, fallen doch Tasci verletzt und Georg Niedermeier durch Gelbsperre aus. Zu allem Überfluss handelte sich Antonio Rüdiger gestern beim Spiel unserer Zweiten gegen den Zweitligaaufsteiger VfR Aalen eine rote Karte ein. Daher tippe ich auf das Abschiedsspiel unseres Ex-Kapitäns Matthieu Delpierre neben Maza.

Unterm Strich war es natürlich eine tolle Saison unseres VfB, egal, ob am Ende der 5. oder der 6. Platz steht. Nach dem Fastabstieg vor Jahresfrist jetzt wieder nach Europa gestürmt, was will man eigentlich mehr. Trotzdem wäre Stillstand Rückschritt, d. h. in der nächsten Saison wäre es durchaus mal wieder an der Zeit, die Top vier anzugreifen. Potential ist durchaus vorhanden, im Sommer kann man sich von etlichen Heldt’schen Altlasten trennen, die jahrelang ein Klotz am Bein waren, was die finanzielle Handlungsfähigkeit betraf. Die bisherige Transferbilanz von Fredi Bobic ist hervorragend, so habe ich durchaus Hoffnung, dass jetzt der nächste Schritt erfolgen kann. Dass die Mannschaft Qualität besitzt, zeigt sie in Nuancen immer wieder. Leider fehlt die Konstanz, siehe den Negativlauf November bis Februar, sonst wäre auch schon in dieser Saison zumindest Platz vier machbar  gewesen.

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30. Oktober 2010

3:1 Pokal-Krimi: Super-Joker Martin Harnik erlöst VfB

Category: Spielberichte — Tags: , , , , , , – Franky @ 05:03

Harnik, Harnik, Harnik! In der 76. Minute wechselte ihn VfB-Trainer Jens Keller ein. In der 79. Minute traf Harnik zum ersten Mal, glich den Rückstand durch Benjamin Förster (73.) aus. In der 106. Minute nahm Harnik ein Zuspiel von Cristian Molinaro auf, zog nach innen und hielt drauf. Und in der 119. Minute verwertete Harnik ein Zuspiel von Pawel Pogrebnjak zum 3:1. Der VfB steht im Achtelfinale, ist um rund 600000 Euro Prämie reicher und hat weiter die Chance, sich durch den Pokalsieg fürs internationale Geschäft zu qualifizieren. “Wenn ich reinkomme, will ich etwas bewegen. Das gelingt mir zurzeit ganz gut”, sagte Harnik.

Das besänftigte dann auch Jens Keller. “Wir können mit unserem Auftreten nicht zufrieden sein”, monierte der Trainer, “aber Harnik war heute wieder Gold wert. Nicht viele können von außen so viel bewegen wie er.” Auch Serdar Tasci war erleichtert: “Zum Glück kam Martin rein und hat das Spiel noch gedreht.” Das war auch bitter nötig. Denn die Chemnitzer quälten die Roten bis aufs Blut – weil die es zuließen. Drei Spiele in Folge hatte der VfB zuletzt nicht verloren, doch mehr Sicherheit verlieh ihnen das nicht. Sie stolperten und stümperten über weite Strecken vor sich hin. Das lag auch daran, dass Chemnitz bei gegnerischem Ballbesitz ein Bollwerk bildete, gegen das der VfB kaum ein Mittel fand. Ohne Ideen rannten die Roten an und ließen sich durch das giftige Auftreten des Außenseiters den Schneid abkaufen. Die Folge: viele Fehlpässe, wenig Struktur, kaum Druck nach vorn.

Dennoch kam Ciprian Marica gleich zu drei Torchancen (4., 19., 20.), die Torhüter Philipp Pentke allesamt zunichtemachte. Das war’s dann aber auch auf beiden Seiten – bis zur 42. Minute, als Timo Gebhart eine Flanke von Zdravko Kuzmanovic ins Tor köpfte. Das 1:0? Von wegen: Marica hatte zuvor sein Gegenüber Rene Trehkopf im Strafraum weggestoßen – Schiedsrichter Günter Perl pfiff die Aktion zu Recht ab. Um ein Haar wäre der erste Treffer auf der Gegenseite gefallen, doch Benjamin Förster bekam den Ball freistehend nicht unter Kontrolle und verlor ihn an Tasci. Der Nationalspieler trug die Kapitänsbinde, weil Spielführer Matthieu Delpierre und sein Vertreter Cacau verletzt fehlten. Bisher war die Binde dann an Georg Niedermeier gegangen, doch Trainer Keller entschied sich für Tasci – eine deutliche Aufwertung des Innenverteidigers, der zur Halbzeit seinen Nebenmann Niedermeier mit Verdacht auf Bänderriss verlor. Für ihn kam Ermin Bicakcic vom VfB II zu seinem ersten Profi-Einsatz. Nach dem Wechsel trat der VfB etwas energischer auf.

Marica scheiterte beim Freistoß erneut an Pentke (48.). Dann kam Chemnitz zu seiner ersten Torchance: Chris Löwe flankte auf Förster, VfB-Keeper Sven Ulreich faustete den Ball zur Ecke, die nichts einbrachte (59.). Es war Ulreichs erste Großtat, aber nicht seine letzte: Einmal lenkte er den Ball mit den Fingerspitzen übers Tor (74.), dann wehrte er einen Schuss von Raphael Schaschko ab (87.), wenig später pflückte er den Ball vor Ronny Garbuschewski aus der Luft (90.). Für den VfB vergab Marica die dickste Chance, als er nach Foul von Schaschko an Gebhart den Foulelfmeter an den Außenpfosten setzte (72.)! Nach 95 Minuten war Pogrebnjak durch, Chemnitz’ Kapitän Andreas Richter zog die Notbremse und sah Rot. Gegen zehn Mann tat sich der VfB nicht unbedingt leichter. Aber zum Glück hatte er ja noch Harnik.

(STN 27.10.10)

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