3. März 2016

Rückfall in eine vergessen geglaubte Zeit

Wir befinden uns in einer der seltenen englischen Wochen im deutschen Fußball. Dem VfB bot sich dabei nur wenige Tage nach der Schmach gegen Hannover 96, die Gelegenheit, unter Beweis zu stellen, dass die Heimniederlage ein einmaliger Ausrutscher war und dass die Mannschaft gefestigter ist als noch vor Weihnachten.

Einen Fan jedoch stellt eine englische Woche vor Probleme. Bekommt man Urlaub? Bekommt man keinen Urlaub und fährt trotzdem mit, im Bewusstsein am nächsten Arbeitstag gerädert zu sein und die Augen kaum aufzubringen? Ich hätte zwar zwei halbe Tage frei nehmen können, habe es dann aber doch sein lassen, weil ich heute auf der Arbeit nicht nur anwesend sondern auch leistungsfähig sein musste, die Vernunft hatte also gesiegt. Dennoch war es den ganzen gestrigen Tag über sehr befremdlich, von unzähligen Freunden und Bekannten zu lesen, „auf dem Weg nach Mönchengladbach“, während ich allenfalls einem schönen Fernsehabend entgegen blickte und mich darauf freute. Für die wenigsten, die dabei waren, war es ein großer Spaß, an diesem Mittwoch durch die halbe Republik zu rasen, so dass es eher als „Pflichtaufgabe“ angesehen werden kann, weil man als Fan ja schließlich dort zu sein hat, wo der Herzensverein gerade spielt.

Die „Mannschaft“ indes erklärte sich im Spiel von der ersten Minute an solidarisch mit den Fans. Auch sie fand es blöd, mitten in der Woche, im (kalendarischen) Winter, bei nasskaltem Wetter auflaufen zu müssen.

Von der ersten Minute an wirkte es so, als stünde die „Mannschaft“ überhaupt nicht auf dem Platz. Weder geistig, noch körperlich. Keine Konzentration, keine Passsicherheit, dilettantisches Stellungsspiel, kein Kampf, kein Wille, fußballerische Unzulänglichkeiten, alles, was man von einem Profifußballer erwarten können muss, ließen sie gestern vermissen.

Es war ein fußballerischer Offenbarungseid und ein Rückfall in die schlimmsten Zorniger-Zeiten, nämlich in jene Zeit hinein, in der die Mannschaft längst beschlossen hatte, ihren ungeliebten Trainer nach einem 0:4 gegen Augsburg hochkant hinaus zu katapultieren. Der VfB lud Mönchengladbach, das einen Stotterstart in die Rückrunde hinlegte und bereits drei Niederlagen zu verzeichnen hatte, geradezu ein, sich aus dem Sumpf zu ziehen und am Ende eine Gala-Vorstellung zu zelebrieren. Absolut unverständlich, wie man sich in „seinem“ Stadion, in dem man seit 2005 nicht mehr verloren hatte, derart hängen lassen und sich schließlich abschlachten lassen konnte.

Eine solche Solidarität mit den Fans ging dann eindeutig zu weit. Als Fan, der diese Strapazen auf sich nahm, musste man sich verarscht vorkommen. Verarscht von „Männern“, die im Grunde nichts anderes zu tun haben, als Fußball zu leben und Fußball zu spielen. Die tagtäglich trainieren (glaube ich zumindest, ich muss mal wieder vorbei schauen, um mich selbst davon zu überzeugen; nach einer Vorstellung wie gestern glaubt man eher, sie kommen lediglich zum fröhlichen Beisammensein zum Clubzentrum) und die das Einmaleins des Fußballs verinnerlicht haben sollten. Die einen Pass über drei Meter an den (eigenen) Mann zu bringen imstande sein sollten, die konzentriert und umsichtig den Rasen betreten sollten, die Spielsituationen erkennen und sich gegenseitig helfen sollten.

Nichts von alledem war zu sehen. Elf Einzel-Stümper auf dem Platz, die genug mit sich selbst zu tun hatten, als noch geistige Reserven zu besitzen, sich um den Nebenmann zu kümmern oder sogar noch die Gegenspieler im Blick zu behalten.

Schon das frühe 1:0 drückte die ganze Schlafmützigkeit aus. Mit einem einfachen Seitenwechsel, einem Ball der gefühlt fünf Minuten in der Luft war und auf dem schon Schnee zu liegen schien, auf Johnson, der mühelos am viel zu langsamen Emiliano Insúa vorbeizog, ein Hazard in der Mitte, den Georg Niedermeier komplett aus den Augen verloren hat und fertig war das 1:0.

Jeder Kreisligatrainer würde bei einem solch einfachen Tor fuchsteufelswild werden, einer Profimannschaft aber ist ein solches Verhalten, von Abwehrverhalten zu schreiben wäre übertrieben, nicht würdig.

Wer gehofft hatte, dieser Treffer wäre ein Weckruf für die davor lethargisch und desolat auftretende VfB-Mannschaft sah sich getäuscht. Nicht einmal das permanente Gewieher aus den Stadionlautsprechern, das über Spielstandsänderungen auf den anderen Plätzen informierte, schien unsere Jungs aus ihrem Tiefschlaf reißen zu können.

Gab es vor dem 1:0 noch zaghafte Versuche, eigene Angriffe zu initiieren, kam nach dem Rückstand – nichts mehr. Von Minute zu Minute wuchs die Verunsicherung. Jeder Versuch einer Ballstafette über mehrere Positionen blieb im Keim stecken, weil die technischen Unzulänglichkeiten derart gravierend waren. Einfachste Zuspiele landeten beim Gegner, im Zweifel, wenn einmal die Möglichkeit gegeben gewesen wäre, nach vorn zu spielen, drosch man die Kugel ins Aus, so dass gefühlt nur die Borussia vom Niederrhein in Ballbesitz und der VfB ständig am hinterher trotten war.
Die komplette „Mannschaft“ blieb alles schuldig, was man von ihr an diesem Abend erwartet hätte. Und doch gab es einige, die leistungstechnisch sogar noch abfielen, wobei die Einstufung lediglich zwischen schlecht und grottenschlecht zu erfolgen hat.

Niedermeier, völlig indisponiert, seit er die „3“ vor seiner Jahreszahl stehen hat. Er mag als Typ für das Teamgefüge ungemein wichtig sein, ist auch das eine oder andere Mal bei eigenen Standards torgefährlich, aber, wenn es drauf ankommt ist er zu langsam und zu unbeweglich und dadurch stets für plumpe Fouls „gut“.

Eine Zukunft in der Stammformation traue ich ihm nach derzeitigem Stand nicht zu, schon wenn Federico Barba wieder fit ist, könnte er seinen zurück eroberten Stammplatz wieder los sein. Bin sehr skeptisch und hin- und hergerissen, wenn es um das Thema Vertragsverlängerung geht, zumal er ja auch als vermeintlicher Führungsspieler zu den Besserverdienern gehört. Er ist zweifellos ein netter Kerl und identifiziert sich mit dem Verein, aber, ob das allein genügt, den Vertrag zu verlängern?

Insúa, schon angesprochen, leitete maßgeblich das 1:0 mit ein und war auch sonst nie Herr auf seiner Seite. Sobald er es mit schnellen, quirligen Leuten zu tun bekommt, zeigt sich deutlich, weshalb er sich noch nirgends dauerhaft durchsetzen konnte.

Serey Dié ging sang- und klanglos mit seinen Kameraden unter. Bei einem solchem Spielverlauf ist es wohl besser, ihn herunter zu nehmen, bevor er Amok läuft. Dies spricht wiederum auch für ihn, weil er noch einer der wenigen ist, die ein solch erbärmliches Auftreten extrem ärgert.

Christian Gentner, da war er wieder, der „Kapitän“ den man nicht sieht, gerade dann, wenn das Team einen Leader dringend bräuchte. Tauchte total ab, Slapstick vom feinsten das 2:0 in Co-Produktion mit Tytoń, als er seinem Keeper im Weg stand. Symptomatisch diese Szene, ein Kapitän, den man lang vergeblich suchte und bei dem man froh gewesen wäre, er wäre auch in dieser Situation irgendwo im Nirgendwo untergetaucht.

Martin Harnik, katastrophales Raumverhalten, was man ja am TV besser erkennt als im Stadion. Wie ein E-Jugendlicher rennt er in Richtung Ball und lässt seine eigentliche Position verwaist zurück anstatt sie zu halten und da zu sein, wenn er gebraucht wird.

Daniel Didavi, nach Schalke bereits das zweite Mal, dass er mich maßlos enttäuschte, nachdem er von einer Sperre, also nach einer Pause, zurückkam. Konnte dem Spiel ebenfalls keine Struktur verleihen und verlor in Anbetracht seiner Fähigkeiten viel zu viele Bälle.

Gut oder ordentlich war kein einziger. Tytoń bewahrte uns noch vor einem heftigeren Debakel, sah bei zwei Toren aber auch nicht glücklich aus. Viele fordern ja bereits jetzt schon wieder einen Torwartwechsel, vergesst dabei bitte nicht, wie viele Spiele Tytoń für uns schon gewonnen hat. Er steht und fällt mit den Leistungen seiner Vorderleute und die waren gestern einfach unterirdisch schlecht. Ernsthaft ankreiden muss man ihm ohnehin nur das vierte Tor und da war die Messe längst gelesen. Beim zweiten muss eher der Kapitän wegbleiben, damit sein Torwart den Ball in die Hand nehmen kann und nicht durch eine Ausholbewegung suggerieren, er schlüge den Ball weg, um dann seinem Keeper im Weg zu stehen.

Den weiteren Spielfilm nach dem 1:0 kann man sich im Grunde schenken. Nur durch den fahrigen Umgang der Gladbacher mit ihren Torchancen ging es mit diesem Ergebnis in die Kabinen, das eigentlich noch alle Möglichkeiten zugelassen hätte.

Via Facebook forderte ich in der Halbzeit die Einwechslung von Kravets und Rupp, was auch tatsächlich erhört wurde. Ich hätte zwar Martin Harnik und nicht Serey Dié herunter genommen, aber gut, bei den Auswechslungen hätte man gestern ohnehin nichts falsch machen können. Kramny hätte jeden Feldspieler herunter nehmen können.

Kurz nach der Einwechslung hatte Kravets dann auch gleich die einzige Chance des Spiels für unseren VfB, als sein Kopfball von Sommer pariert werden konnte. Doch, dieser Angriff gleich nach Wiederbeginn sollte ein Strohfeuer bleiben, danach kam einmal mehr – nichts!

Auch danach wieder, Einbahnstraßenfußball in Richtung VfB-Tor, an dem sich die Gladbacher von Minute zu Minute mehr berauschten und aufgrund dessen ich schon kaum mehr hinschauen konnte.

Nach einer Stunde schließlich dann die verhängnisvolle Szene mit den Hauptdarstellern Gentner und Tytoń. Raffael bedankte ich artig und schob ein zum vorentscheidenden 2:0. Der VfB schien einen großen Sack an Gastgeschenken dabei zu haben und dachte sich offensichtlich, bevor sich die Gladbacher weiterhin leidenschaftlich, aber erfolglos mühen, helfen wir eben nach. Diese Nächstenliebe, sieht man nicht oft im Profifußball!
Kurze Zeit später kam dann Patrick Herrmann zu seinem ersten Treffer nach gerade erst auskuriertem Kreuzbandriss. Er war gerade einmal 30 Sekunden auf dem Feld, ich unterstelle einmal, unsere schlafmützige Truppe hat seine Einwechslung überhaupt nicht mitbekommen, oder warum hatte keiner den deutschen Nationalspieler auf der Rechnung?

Als ob der schwäbische Komödienstadel nicht schon genügend Ahs und Ohs der negativen Art produziert gehabt hätte, hob man sich für den Schlussakkord noch eine besonders komische Szene auf. Tytoń segelte in Bahnschrankenmanier an einer Herangabe vorbei, Großkreutz war offensichtlich überrascht davon und lief fast mit dem Ball ins Tor. Noch ein Schenkelklopfer zum Abschluss, bevor die „Mannschaft“ in den dieses Mal nicht verdienten Feierabend entlassen wurde. Großkreutz‘ erstes Tor im VfB-Dress hatte ich mir auch anders vorgestellt.

Der Auftritt sah schwer nach kollektiver Leistungsverweigerung aus und erinnerte unweigerlich an das 0:4 gegen den FC Augsburg, durch das man sich schließlich Alexander Zornigers entledigte. Hätte man nicht die Bilder lachender und sich herzender Profis in Erinnerung, sei es aus Belek, sei es auch nach dem Start der Rückrunde, könnte man denken, auch Jürgen Kramnys wären die Kicker schon überdrüssig.

Ein Zufall, dass dieser Negativtrend gerade jetzt einsetzt, wo Martin Harnik wieder an die Tür zur Stammformation klopft? Ich könnte mir da schon einen Zusammenhang vorstellen, scheint er doch eines der großen Probleme der letzten Jahre und ein Egomane vor dem Herrn zu sein.

Auch ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ein solcher Leistungseinbruch in solch kurzer Zeit möglich wäre. Zu gut war die Stimmung seit dem Trainingslager, zu sehr haben die Neuzugänge eingeschlagen, zu gierig wirkte die Mannschaft. In den letzten Wochen stellte ich immer wieder in Frage, wie stabil oder etwa doch fragil dieses Gebilde denn wäre. Jetzt wissen wir es! Es hat sich nichts geändert, das Gebilde ist genauso fragil wie es in den vergangenen Jahren auch war. Da genügt eine einzige Heimniederlage gegen den Tabellenletzten, und die nicht einmal nach besonders schlechter Leistung, um das Kartenhaus zusammenfallen zu lassen.

Wir sind nun wieder genau dort, wo wir bereits im November waren und müssen einer Truppe von lauter Häufchen Elend das Vertrauen schenken, die Kohlen aus dem Feuer zu holen und die Klasse abermals zu halten. Die Selbstzweifel sind zurückgekehrt, Selbstbewusstsein Fehlanzeige.

Eine Darbietung wie in Mönchengladbach ist unentschuldbar und sollte vor allem nicht schon zum wiederholten Mal „passieren“. Nur, was macht Mut? Unter dem noch frischen Eindruck des Spiels sage ich unverblümt: gar nichts. Die „Mannschaft“ ist tot, die „Mannschaft liegt am Boden“, es gibt nichts, was mich positiv stimmt, dass wir am Samstag gegen Hopp punkten könnten. Der Dorfverein, bei dem Huub Stevens leider viel zu früh das Handtuch schmeißen musste, ist wiedererstarkt und schafft es mittlerweile wieder seine zweifellos vorhandene Qualität auf den Platz zu bringen. Dieser Fußball dürfte unseren Dauerläufern eine Nummer zu rasant sein, so dass mir Übles schwant.

Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass in den zwei „freien“ Tagen bis zum Spiel diese Demütigung lückenlos aufgearbeitet und die „Mannschaft“ wieder aufgerichtet werden kann. Man kennt doch unsere Pappenheimer. Der Kapitän, ein Leisetreter, der nicht mit Leistung vorangeht, die anderen Führungsspieler gehörten allesamt zu den Schwächeren, was wollen die groß erzählen? Wer hört auf sie, wenn sie in der Kabine große Sprüche klopfen und auf dem Platz untertauchen?

Tabellarisch besteht selbstredend kein Anlass, um schon wieder den Kopf in den Sand zu stecken. Die Siege von Bremen und Hoffenheim waren zwar ärgerlich, aber, im Tabellenkeller darf man auch nicht davon ausgehen, dass niemand auch hin und wieder punktet.

Der VfB hat es noch selbst in der Hand, hat noch Spiele in Ingolstadt, Darmstadt, Augsburg und Bremen, bei denen man sich durchaus Siegchancen ausrechnen kann und wo die Möglichkeit besteht, die vermutlich noch fehlenden drei Siege einzufahren: Allerdings muss sich der VfB dann gehörig steigern. Mit Nicht-Leistungen wie gestern gewinnt man vermutlich nicht einmal bei einem Drittligisten.

Jürgen Kramny ist nun erstmals als Krisenmanager gefragt. Dabei wird es spannend zu beobachten sein, wie er dabei mit der „Mannschaft“ umgeht, die ihn so kläglich im Stich gelassen hat. Kann er auch harter Hund oder gibt es nur den netten Herrn Kramny? Finden ihn die Spieler dann auch noch toll, wenn er die Zügel anzieht und Strafmaßnahmen verordnet? Oder produziert so etwas gleich wieder beleidigte Leberwürste im Mannschaftsrat, so dass wir bereits wieder am Anfang vom Ende der Ära Kramny stehen?

Wollen wir es nicht hoffen. Es ist sehr wünschenswert, dass bei diesen Machtspielchen endlich mal der Trainer gewinnt und man sich im Sommer vom einen oder anderen sogenannten Führungsspieler trennt, damit wir uns nicht ständig weiter im Kreis drehen.

Jetzt gilt es aber zunächst einmal den Fokus auf den Samstag zu legen. Ich hoffe sehr, dass mich die Jungs widerlegen und Wiedergutmachung betreiben. Ein Sieg wäre ein riesengroßer Schritt in Richtung Klassenerhalt und für die Moral wichtig vor dem Auswärtsspiel in Ingolstadt. Dazu bedarf es aber Männern auf dem Platz, die ich nicht, wie zum gestrigen Spiel, in Anführungszeichen setzen muss. Das Team ist gefordert, am Samstag alles, wirklich alles besser zu machen als gestern im Borussia-Park, tut sie das nicht, lässt sie sich womöglich erneut kampflos demütigen, dürfte es endgültig wieder vorbei sein mit der Harmonie zwischen Fans und „Mannschaft“, dann ist gewaltig Feuer unterm Dach!

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13. Februar 2011

Der Offenbarungseid!

Hatte man nach dem ersten Auswärtssieg in der letzten Woche wieder eine leise Hoffnung, dass es nun doch aufwärts gehen würde mit dem VfB, so wurde diese gestern gegen den Club auf fürchterliche Weise wieder zerstört. Dass der Club sich in den letzten Jahren zum Angstgegner vom VfB aufgeschwungen hat, dass es sicher auch nicht einfacher werden würde als gegen die Freiburger im letzten Heimspiel, das war mir schon vor dem Spiel klar. Trotzdem war ich gestern vor dem Spiel guter Hoffnung, dass es dem VfB erstmals in der Saison gelingen würde, zwei Mal nacheinander zu siegen. Der Auftritt in der 2. Halbzeit in Mönchengladbach, als es erstmals in dieser Spielzeit gelang, einen Rückstand noch in einen Sieg umzumünzen, machte Mut. Vor allem in Person von Tamas Hajnal, der Spielkultur einbrachte und seine neuen Kollegen ein ums andere Mal gekonnt in Szene setzte. So ein Spielertyp würde auch helfen können, die kompakten Nürnberger zu Fehlern zu zwingen und Räume für die Stürmer zu schaffen. So meine Hoffnung vor dem Spiel.

Als wir das Neckarstadion betraten, merkte man vielen Fans die Vorfreude auf das Spiel bei den vorfrühlinghaften Temperaturen. Die VfB-Fans empfingen die Mannschaft mit einem farbenfrohen Fahnenmeer und signalisierten der Mannschaft, dass sie sich einmal mehr der Unterstützung der Kurve sicher sein konnten.

Schon vor dem Anpfiff überraschte mich die Mannschaftsaufstellung von unserem Trainer Bruno Labbadia. Dass unser Kapitän Delpierre zurückkehren würde, davon war auszugehen. Dass aber nicht Didavi sondern Elson in der Startformation stand, damit war nicht zu rechnen. Ein Elson der lange nicht gut genug war und lange nicht in System passte, der, nach der Verpflichtung von Hajnal faktisch noch mehr aufs Abstellgleis geschoben wurde, ausgerechnet dieser Elson durfte von Beginn an ran. Und das beim Startelfdebut von Hajnal. Erst war beim VfB überhaupt kein Platz für einen Spielmacher, und nun standen auf einmal zwei 10er auf dem Platz. Elson spielte im linken Mittelfeld, auf einer Linie mit Hajnal zentral und Träsch rechts. Kuzmanovic stand als einziger Sechser auf dem Platz, Pogrebnjak und Harnik bildeten das Sturmduo. Überraschend nicht im Kader stand unsere japanische Stürmerhoffnung Shinji Okazaki. Sein Ex-Verein Shimizu S-Pulse verweigere die Spielberechtigung, da er auch dort noch ein gültiges Arbeitspapier habe, und die FIFA habe über diesen Fall zu entscheiden. Ich bin sehr gespannt, wie dieser Fall ausgeht. Nicht dass wir für den ablösefreien Spieler am Ende noch eine Transferentschädigung bezahlen müssen. Da es sich noch um ein schwebendes Verfahren handelt, halte ich mich mit einer Bewertung und eventuellen Schuldzuweisungen zurück. Jaaaa, der VfB!

Der VfB begann eigentlich ganz gefällig, ohne aber richtig gefährlich vor Raphael Schäfers Gehäuse aufzutauchen. Gleich die erste vernünftige Kombination der Franken führte dann aber auf der anderen Seite zum 0:1. Dieses Tor war ein Spiegelbild des VfB in der Saison 2010/11. Es ging viel zu einfach für die Nürnberger, ausgehend von einem Einwurf, dann ein dilettantischer Abwehrversuch von Molinaro zu einem ungedeckten Clubberer, der den Ball ins von Ulreich aus gesehen linke Eck einnetzte. Ich bin mir nicht sicher, ob der Ball haltbar war, stark geschossen war er jedenfalls nicht. Möglicherweise war Ulreich die Sicht etwas versperrt. Aus meiner Perspektive sah es aber so aus, als sei er zu langsam in Richtung Ball abgetaucht. Wie so oft in letzter Zeit führte also gleich der erste Schuss aufs Tor zum 0:1. Dieser Treffer löste für kurze Zeit eine richtige Schockstarre im weiten Rund aus. Die Hoffnungen, die noch vor dem Spiel vorhanden waren, waren bereits nach gut 10 Minuten einer brutalen Ernüchterung gewichen.

Auch den VfBlern auf dem Platz merkte man die Verunsicherung von Minute zu Minute mehr an. Der VfB versuchte zwar das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, hatte mehr Ballbesitz als die Nürnberger, kam aber kaum einmal gefährlich vor das Nürnberger Tor. Hinten war der VfB anfällig, so dass man schon fast von Auflösungserscheinungen sprechen konnte. Bezeichnend dafür das 0:2 durch unsere Leihgabe Julian Schieber. Weder Elson noch Molinaro hinderten Chandler am Flanken, in der Mitte genügte ein Hüpfer von Julian Schieber, um die Lufthoheit gegen Serdar Tasci zu erlangen. Tasci stand völlig neben sich, auch beim 3. Tor erweckte er den Eindruck, dass er das Leihgeschäft Schiebers nach Nürnberg nicht mitbekommen hat und ihn noch als Mannschaftskameraden wähnte. Tasci, der eigentlich in den letzten Wochen aufsteigende Tendenz zeigte, war gestern unterirdisch schlecht. Es war wieder einmal eine Länderspielwoche, in der er wohl mehr darüber lamentierte, nicht in den Kreis der Auserwählten berufen worden zu sein, als seine volle Konzentration auf seine derzeitige Hauptaufgabe, den Abstiegskampf mit dem VfB, zu lenken. Tasci, der ja an einer ausgeprägten Selbstüberschätzung “leidet”, sollte sich, bevor er überhaupt über das Thema Nationalmannschaft nachdenkt, erst einmal wieder dem kleinen Einmaleins auf dem Fußballplatz widmen und sich verdammt nochmal konzentrieren. Gestern war es eine unterirdische Leistung von ihm, genauo wie von Molinaro und Kuzmanovic, die auf ihren Positionen hoffnungslos überfordert waren.

Kurz vor der Pause gelang dem VfB durch ein Glückstor von Patrick Funk der Anschluss, wodurch wieder ein wenig Hoffnung aufkeimte. Diese war aber bereits in der 51. Minute wieder verflogen, als Schieber Tasci problemlos davon lief und dieser punktgenau Chandler bediente. Julian Schieber verkniff sich ganz gentlemanlike einen überschwänglichen Torjubel, da sein Herz doch für den VfB schlägt. Tragisch ist aber trotzdem, dass er mit seiner hervorragenden Leistungen den VfB dem Abgrund wieder ein Stück näher gebracht hat.

Die VfB-Abwehr war spätestens zu diesem Zeitpunkt ein Selbstbedienungsladen geworden. Danach brach die Moral vom VfB komplett, die Nürnberger konnten noch das 1:4 erzielen und hätten auch noch deutlich höher gewinnen können. Doch auch ein 1:4 gegen Nürnberg ist ein Debakel sondersgleichen. Einmal mehr zeigte sich, dass der Kader zu schwach ist, um eine bessere Rolle in der Liga zu spielen als die derzeitige.

Sowohl ein Fredi Bobic, als auch ein Erwin Staudt hatten uns für die Wintertransferperiode Transfers in Aussicht gestellt, die uns weiter bringen würden. Nichts ist geschehen. Ein Japaner, dem die Spielberechtigung fehlt, der sich in einer völlig neuen Welt erst einmal akklimatisieren muss, dazu im Sturm, wo im derzeitigen Kader noch am wenigstens der Schuh drückt. Dazu noch Tamas Hajnal, der obligatorische Last-Second-Transfer, ein Spieler, der in Dortmund ins 3. oder 4. Glied gedrängt worden ist, dem ein gewisser Toni Da Silva den Rang abgelaufen hat für eine Position, die wir eigentlich nicht im Angebot haben. Diese Personalpolitik verstehe wer will. Dass die größte Problemzone die Abwehr bildet, wurde gestern einmal mehr offenkundig. Dass ein Kuzmanovic, der sich analog zu Tasci stets zu höherem berufen fühlt, auch gestern wieder total überfordert war, dass dieser Spieler, der immer wieder mal mit angeblichen Angeboten aus der Serie A kokettiert, dem die Fans nach eigener Aussage sch…egal sind, nicht mit der Schubkarre über den Brenner gefahren wurde, habe ich auch nicht verstanden. Trotz eines Überangebots im defensiven Mittelfeld fehlt es uns dort an Qualität. Ein Typ Marke Van Bommel oder Jermaine Jones, selbst ein Christian Tiffert hätte uns gut getan, getan wurde nichts. Schon nach den verpassten Chancen während der Sommertransferperiode war klar, dass man mit diesem Kader irgendwie in den Winter kommen muss. Jetzt haben wir den Salat und müssen durch bis zum Bitteren Ende, das, und die Gefahr ist seit gestern präsent wie nie, den Abstieg in die 2. Liga bedeuten kann.

Langsam schwindet bei mir die Hoffnung auf ein gutes Ende auf den Nullpunkt. Der VfB hat einfach Baustellen in allen Manschaftsteilen. Der Torwart gefällt zwar durch einige Paraden, strahlt aber insgesamt zu wenig Sicherheit aus, die man im Abstiegskampf braucht. Die gesamte Viererabwehrkette leistet sich zu viele Unkonzentriertheiten und wirkt nicht abgestimmt. Bei Funk wechseln Licht und Schatten. Ihm kann man Fehler noch am ehesten verzeihen, da er ein Greenhorn ist und erst seine erste Bundesligasaison spielt. Dennoch kräht nach Degen, Celozzi oder Boulahrouz als Alternative derzeit kein Hahn.

Was auf der anderen Seite aber Molinaro seit seiner festen Verpflichtung abliefert ist eine Frechheit. Klar profitierte er in der letzten Saison noch von Hleb, mit dem er gut harmonierte. Aber auch in der Rückwärtsbewegung war er in der letzten Saison um Klassen besser, als das was er jetzt abruft. Gestern einfach unterirdisch. Auch die Innenverteidigung taumelt in dieser Saison von einer Verlegenheit in die nächste, egal ob die Protagonisten Tasci, Delpierre, Niedermeier oder Boulahrouz hießen. Zum defensiven Mittelfeld habe ich mich weiter oben schon ausführlich geäußert. Auf den Außenbahnen haben wir jetzt nach den Ausfällen von Boka und Gebhart fast ein Vakuum und eigentlich keine antrittschnellen Spieler mehr, die notwendig wären. Auch hier hätte eine Verstärkung frischen Wind bringen können. Wie Hajnal eingebaut wird, muss sich erst noch zeigen.

Dass wir fußballerisch im Vergleich zur Vorsaison entscheidend an Qualität verloren haben, ist augenscheinlich. Dazu ist kein Häuptling vorhanden, der das Heft des Handelns in die Hand nimmt und die Kameraden mitreißt. Die Spiele plätschern oft leidenschaftslos vor sich hin. Eigentlich müssten Profis ja mit den Hufen scharren, wenn sie nach einer Woche Training herausgelassen werden. Beim VfB ist davon nichts zu spüren. Die ersten Halbzeiten werden regelmäßig verschlafen. Kein Spielwitz, kein Esprit, gestern wieder bis auf Ausnahmen wie Pogrebnjak und Träsch auch kein Kampf und zu wenig Laufbereitschaft. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er der Mannschaft wirklich helfen könnte.  Was hier noch helfen kann? Ich weiß es nicht, vielleicht sollten die Verantwortlichen die Dienste eines Psychologen in Anspruch nehmen, der Blockaden lösen könnte, die auch nach zweimaligem Trainerwechsel noch vorhanden sind.

Apropos Trainerwechsel: noch immer bin ich überzeugt davon, dass die Misere nicht solche Ausmaße angenommen hätte, hätte man an Christian Gross festgehalten. Für mich ist er nach wie vor der beste VfB-Trainer seit langem gewesen. Ausnahmsweise muss ich hier dem ungeliebten W. S. aus KA Recht geben, der kürzlich im Dritten angeprangert hatte, dass ein erfahrener Trainer wie Gross dem Managernovizen Bobic erklären musste, wie er die Mannschaft aus der damaligen Krise zu bringen gedenkt.  Und, dass spätestens nach dem zweiten Trainerwechsel auch der Manager hinterfragt gehört. Für mich jedenfalls hat er die Probezeit nicht bestanden und ist, aufgrund verfrühter Trainerentlassung und verfehlter Personalpolitik einer der Hauptschuldigen der derzeitigen Talfahrt.

Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der schweren Zeit werden wir den VfB auch am Donnerstag in Lissabon und am Sonntag in Leverkusen lautstark unterstützen. Eines ist klar, nach den Ergebnissen vom Wochenende ist in Leverkusen ein Sieg Pflicht. Nach der gestrigen “Leistung” eigentlich unvorstellbar aber auch nicht unmöglich, hat Leverkusen doch auch so seine Probleme zu Hause. Allerdings sollten es unsere Jungs tunlichst vermeiden, die Pillendreher ähnlich zum Toreschießen einzuladen, wie die Nürnberger gestern. Es ist eine konzentrierte und couragierte Leistung notwendig, dann kann das Unmögliche möglich gemacht werden.

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30. November 2009

VfB am Abgrund: Heute soll Babbel entlassen werden

Der Blick geht ins Leere. 77 Minuten sind absolviert, als Markus Babbel einem Häufchen Elend gleicht. Der Teamchef erweckt den Eindruck, als könne er nicht fassen, was da auf dem Platz passiert. Teilnahmslos sitzt er auf seiner Bank. Damit passt er sich dem Bild an, das seine Profis hinterlassen. Am Ende steht eine 0:4-Pleite. Nach dem Abpfiff in Leverkusen verschwindet Babbel sofort in der Kabine – weil er spürt, dass das auch der Abpfiff für ihn beim VfB Stuttgart war?
Am Montag soll die Entlassung des Teamchefs verkündet werden. Das war das Signal am Sonntagabend – und dafür hat Horst Heldt schon in der Halbzeitpause das Feld bestellt. In einer Wutrede rechnete der Manager ab – direkt mit der Mannschaft, aber indirekt auch mit Babbel, der für den Zustand des Teams verantwortlich ist. Unfassbar sei das, was der VfB biete, sagte Heldt – und fuhr fort: Er sprach von einer “Vollkatastrophe” und davon, dass die Spieler nichts begriffen hätten. “Alle elf soll er auswechseln”, sagte der Manager. Das Zeichen war klar: das Maß ist voll.

Seit Wochen ist der VfB hin- und hergerissen, weil es im Club zwei Fraktionen gibt. Die eine Seite befürchtet, dass es unter Babbel immer schlimmer wird und dass die Mannschaft völlig aus dem Ruder läuft. Diese Position wurde in Leverkusen mehr als bestätigt. Die andere Hälfte der Vereinsführung wollte in der Trainerfrage trotz aller Bedenken nicht vor der Winterpause handeln – allerdings mit der Einschränkung, dass es bis dahin keinen sportlichen Offenbarungseid gibt. Den hat sich die Mannschaft aber in Leverkusen geleistet.

Schon am vergangenen Dienstag war intern klar besprochen worden, dass Babbel seinen Posten räumen muss, wenn der VfB in der Champions League bei den Glasgow Rangers verliert. Die Elf gewann dann zwar mit 2:0, doch in der Liga droht nun eine Horrorvision Wirklichkeit zu werden. Tabellenplatz 17 ist erreicht, was im Mai den direkten Abstieg in die zweite Liga bedeuten würde. In dieser bedrohlichen Situation sei sich der Vorstand seiner Verantwortung gegenüber dem Club bewusst, hieß es bereits vor der Partie bei den Rangers.

Allerdings hat den VfB das Debakel in Leverkusen unvorbereitet getroffen. Es existierte kein Plan wie in Glasgow, wonach ein bestimmtes Ergebnis automatisch die Trennung von Babbel nach sich zieht. Deshalb wird der VfB heute abschließend beraten, was zu tun ist. Dabei dürfte es jedoch kaum noch Argumente für ein Festhalten an Babbel geben. Nichts mehr spricht für ihn – auch wenn sich der Teamchef gestern Abend noch kämpferisch zeigte. Es könne doch nicht sein, dass jedes Jahr ein neuer Kopf hermüsse, “der die Jungs zum Laufen bringt”, sagte Babbel, “ich hoffe, dass ich weitermachen darf”.

Aber solche Sätze sagt er seit Wochen. Geholfen hat es nichts. Deshalb sondierte Heldt nicht erst seit gestern den Trainermarkt – und er ist fündig geworden. Die Entscheidung fällt zwischen zwei Kandidaten – wobei es nach StZ-Informationen einen Favoriten gibt: Christian Gross, dem am ehesten zugetraut wird, die Mannschaft auf Kurs zu bekommen. Der Schweizer betreute zuletzt zehn Jahre lang den FC Basel und gilt als autoritärer Trainer. Einen solchen suchte der VfB, weil die Disziplinlosigkeiten im Kader unübersehbar sind. Auch das hat dazu beigetragen, dass Babbel jetzt keinen Rückhalt mehr in der Vereinsführung besitzt.

STZ online 30.11.09

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