30. November 2019

Rächer in Polizeimontur

Da es beim bislang letzten Derby zwischen dem VfB und dem Karlsruher SC im Neckarstadion 2017 zu unschönen Szenen und beinahe einem Spielabbruch kam, war da die oberste Maxime der Einsatzkräfte am Sonntag, dass es im Stadion ruhig bleiben sollte.

Daran ist zunächst ja auch nichts auszusetzen. Wie sich die Derbys in den letzten Jahren hochgeschaukelt haben, wie sich die Ultras beharken, wo die Hemmschwelle immer mehr sinkt, wären eines Tages möglicherweise sogar Tote zu beklagen, wenn man dem nicht Einhalt geböte und für unbedarfte Stadiongänger nicht für die notwendige Sicherheit sorgen würde. Daher begrüßte ich zunächst das Konzept der totalen Fantrennung. Keine „Blauen“ in Bad Cannstatt, keine im Stadion außerhalb des Gästebereichs, alles in Ordnung soweit. Das alles geht unter präventiver Deeskalation durch und ist mittlerweile bei Hochrisikospielen nötig und Usus.

Dass Deeskalation von der Einsatzleiterschaft am Sonntag eher kleingeschrieben wurde, stellte sich jedoch sehr schnell heraus. Es sollte offensichtlich nicht „nur“ dieses Mal im Stadion ruhig bleiben, nein, es roch alles schwer nach Rache für zwanzig verletzte Polizeibeamte beim letzten Derby, wobei „Verletzungen“ der Polizeibeamte mit anschließender Krankschreibung oft dem eigens versprühten Pfefferspray zuzuschreiben und damit zu relativieren sind.

Für derartige Rachegedanken war es nach Ansicht der Einsatzleitung nur recht und billig eine gesamte Fanszene kollektiv in Sippenhaft zu nehmen, anstatt einfach den Job zu machen, nämlich, für Recht und Ordnung zu sorgen und Störenfriede aus der Gruppe heraus zu separieren.

Das ist dann der Punkt, an dem man sich als VfB-Fan anfängt, mit den sonst so verhassten KSC-Fans zu solidarisieren und Mitgefühlt zu entwickeln. Als Viel- und Allesfahrer hat man Situationen reiner Polizeiwillkür schon zuhauf erlebt und kann es auch nach über 40 Jahren Fansein nicht akzeptieren, rund um ein Fußballspiel seine im Grundgesetz festgeschriebenen Grund- und Menschenrechte abzugeben. Das ist nämlich an Spieltagen fast schon „normal“, dass man in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt ist und, wenn es dumm läuft, in einem Polizeikessel landet, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Verschiedene Organe, wie die Fanbetreuungen beider Vereine, Sicherheitsdienste, Polizei, etc. zermarterten sich seit August (!) in unzähligen Sitzungen den Kopf, opferten Zeit und Energie, und das nur dafür, uns Fans ein sicheres Fußballfest zu ermöglichen, bei dem kein Fan Angst haben muss, ins Stadion zu gehen. Dort wurden Strategien besprochen, eben jene der Fantrennung und wie die Anreise der Gästefans ohne Komplikationen zu erfolgen hat.

Normalos, Familien, Allesfahrer, etc. sollten auf dem Parkplatz P7 nahe des Gästeblocks parken bzw. Zugreisende am Bahnhof Untertürkheim in Empfang genommen werden, während die zwölf Ultras-Busse direkt zum Gästeeingang fahren und dort kontrolliert werden sollten.

Ein dubioser Fund am Vortag im Gästeblock, zunächst war von „pyroähnlichen Gegenständen“ die Rede, führte offensichtlich zu einer Abkehr der ausgeklügelten Strategie. Dabei wurden weder die Fanbetreuungen noch szenekundige Beamte aus Karlsruhe, die ihre Pappenheimer wohl am besten kennen, zurate gezogen und dabei die Vorbesprechungen allesamt ad absurdum geführt, womit das aufgebaute Vertrauen fürs erste wohl einen Totalschaden erlitt.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem Fund um rotes Rauchpulver, welches den Karlsruher Capo durch Fernsteuerung in roten Rauch hüllen sollte. Somit ist es also äußerst unwahrscheinlich, dass dieses von Karlsruher Ultras dort deponiert wurde, was die Einsatzleitung aber nicht daran hinderte, die KSCler dafür zu sanktionieren.

Ich würde diesen Fund auch eher als Jugendstreich abtun, wer wäre sonst so naiv daran zu glauben, dass das Pulver vor einem Hochrisikospiel nicht entdeckt werden würde. Gerade vor solchen Spielen inspiziert Sicherheitspersonal mit Sprengstoffspürhunden an der Leine die relevanten Bereiche, um am Spieltag keine bösen Überraschungen zu erleben.

So vermute ich dahinter, sofern der Fund überhaupt stimmt, dass dies ein willkommener Vorwand für die Polizei war, das „Problemklientel“ (und dabei meine ich außer den Ultras auch Fans wie Du und ich!) an einem Ort zu sammeln, um ihnen Herr zu werden. Ferner wurde vorgeschoben, in den Ultras-Bussen werde pyrotechnisches Material und Vermummungsgegenstände vermutet.

Dass die Ultras jedoch am Gästeblock viel wirkungsvoller kontrolliert hätten werden können, als mitten in einem 1.500 mannstarken Mob, dürfte wohl jedem klar gewesen sein, außer der völlig überforderten Einsatzleitung.

So setzte sich der Tross in Untertürkheim nach ca. einer Stunde und Diskussionen, ob die Busse nicht doch zum Gästeblock weiter fahren dürften, in Bewegung. Augenzeugenberichten zufolge erfolgten Informationen der Polizei nur spärlich, so dass die meisten überhaupt nicht wussten, woran sie waren und was die Polizei überhaupt mit ihnen vor hatte.

Nach einem, so die Polizei, massiven Einsatz von Pyrotechnik, wurden, schon nahe der Benzstraße, etwa 600 Leute willkürlich eingekesselt. Da Ultras und Normalos durch die Vermischung am Untertürkheimer Bahnhof schon nicht mehr zu unterscheiden waren, traf es dort jeden, der die Situation nicht schnell genug erfasste.

Die Leute wussten zunächst nicht, wie Ihnen geschah, denn, Informationen von der Einsatzleitung flossen weiterhin spärlich, während die Befehlsempfänger in Robocop-Montur ohnehin ahnungslos waren. Eine gute Viertelstunde zog sich wohl die Unwissenheit hin, ehe von den knapp 600 Eingekesselten jeweils zwei Leute zur erkennungsdienstlichen Behandlung von der BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) abgeführt wurden, so dass sich das Prozedere über Stunden hinzog.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem massiven Einsatz von Pyrotechnik um gerade einmal zwei (!) Böller, die Auslöser des Ganzen gewesen sein sollen, wobei man sich natürlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen muss. Zur besseren Einordnung der Vorkommnisse sei Euch außer dem Online-Auftritt der Fanhilfe Karlsruhe dieser offene Brief mit verlinkten Augenzeugenberichten ans Herz gelegt https://www.facebook.com/simon.treal.9/posts/3145697808780960.

Laut der Karlsruher Fanhilfe soll es sich in dem Kessel, anders als von der Polizei zunächst behauptet, um Leute jeglicher Couleur gehandelt haben, selbst welche, die überhaupt nicht zum Spiel wollten, seien im Kessel gelandet. Laut der Polizei brachte diese Maßnahme, für die der Steuerzahler wohl tief in die Kasse greifen muss, gerade einmal Vermummungsgegenstände (wobei es sich dabei um einen normalen Fanschal handeln kann), ein Messer, einen Böller und einen Mundschutz zutage. Zudem sein ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt worden. Gratulation!

Für all das beraubte man knapp 600 Leute über Stunden ihrer Freiheit, behandelte sie wie Schwerverbrecher und sprach schließlich Platzverweise wegen nichts aus. Den Leuten wurde über Stunden sowohl der Toilettengang verwehrt, als auch, sich verpflegen zu können. Auf Bitten von jungen Frauen, eine Toilette aufsuchen zu dürfen, wurde lapidar geantwortet, sie sollten doch an den Straßenrand pieseln, was bei einer wohl dazu führte, sich einnässen zu müssen. Dass die Polizei Dixi-Klos und Getränke zur Verfügung stellte und vor allem wann und wie viel, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen.

So also zeichnete sich früh ab, dass die Staatsmacht uns unseres ohnehin nur noch selten stattfindenden Derbys beraubt hat. Ohne einen dagegen ansingenden Gästeblock machen Schmähgesänge nun mal keinen Spaß.

Der Dilettantismus der Polizei setzte sich über den ganzen Spieltag hinweg fort. Der in allen Faninfos als Gästeparkplatz ausgewiesene P7 war sinnigerweise durch einen Wasserwerfer und einen Räumpanzer (!) blockiert, so dass Karlsruher auf den Wasenparkplatz ausweichen mussten.
Es lebe die Fantrennung.

User Eumelachtzig schreibt auf Twitter „Die Zufahrt zum ausgewiesenen Parkhaus war gesperrt. Wir mussten bei den VfB Fans auf dem Wasen parken. Als ich fragte, ob das sein muss, durch alle VfB Fans zum Auto laufen zu müssen, sagte der Polizist: “Wenn wir gewinnen, ist es eh egal.“

Anscheinend kam es durch diesen Fauxpas der Polizei, oh Wunder, zu einigen Scharmützeln auf dem Weg zum Wasenparkplatz. Das jedoch schien der Polizei egal gewesen zu sein, Hauptsache IM Stadion blieb es ruhig. Die Polizei rühmte sich ja bereits im Vorfeld mit weitaus weniger Polizisten auskommen zu wollen als 2017, wenn man das alles verfolgt, ist man geneigt zu sagen, es würden noch weniger genügen, nur fähig müssten sie eben sein!

Auch der Abmarsch der Karlsruher soll chaotisch verlaufen sein. Im Lautsprecherwagen der Polizei saß offensichtlich eine Polizistin, die rechts und links verwechselte und damit für Chaos sorgte, weil die Karlsruher nicht wussten in welche Richtung sie zu ihren Bussen laufen sollen. Als diese dann überfragt und der Polizei wohl zu zögerlich waren, kam die Anweisung, die Karlsruher sollten sich einfach in einen Bus begeben, ob sie mit diesem hergefahren sind, oder nicht.

Als das verständlicherweise zu Unmut führte, kamen nahe des Gästeausgangs noch Knüppel und Pfefferspray zum Einsatz, so dass sich die Rächer in Uniform endlich austoben durften.

Dass wir uns nicht falsch verstehen. Ich leugne gar nicht, dass unter den Karlsruhern nicht nur Unschuldslämmer waren und es an der einen oder anderen Stelle bestimmt auch die Richtigen getroffen hat. Sollte es Böllerwürfe auf Beamten gegeben haben oder sie mit Baustellenmaterial angegangen worden sein, verurteile ich das. Doch frage ich mich, wofür ist die Polizei mit hochauflösenden Kameras unterwegs, filmt jeden Furz, den einer lässt, und ist nicht in der Lage, die paar wenigen Übeltäter herauszuziehen und friedlichen, sich heraushaltenden Fans, das Fußball-Erlebnis zu ermöglichen. Das hat mit Gerechtigkeit in einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun, zumal die Vorgänge, selbst stimmten die Behauptungen der Polizei, in keinem Verhältnis zu den durchgeführten Maßnahmen stehen.

In Stuttgart macht es leider schon seit einiger Zeit Schule, Fanszenen auszusperren, man frage nur in Freiburg, Frankfurt oder München nach, die bereits mit ähnlich rabiatem Vorgehen der Stuttgarter Vollstreckungsbeamten Bekanntschaft machten.

Obwohl ich im Stadion noch nichts darüber wusste, weshalb der Gästeblock so leer war und sich eher mehr leerte als füllte, war mir nach Derbysiegerfreude zu keinem Zeitpunkt zumute.

Anstatt Derbysieger-Fotos postete ich in dieser Woche lediglich zwei vom Spiel, mit Bannern, die in der Cannstatter Kurve hochgehalten wurden: „Bullenschweine“ und „gegen Kollektivstrafen“ stand darauf.

Einzig die wunderbare Choreographie vor dem Spiel unter dem Motto „Sein oder Nicht(s) sein“ wird mir von diesem Tag positiv in Erinnerung bleiben. Der Sieg fühlt nicht anders an als gegen Greuther Fürth, was eigentlich alles aussagt. Ich freue mich über die drei Punkte und darüber, dass Tim Walter zumindest für eine Woche etwas Ruhe hatte, über mehr aber auch nicht.

Es ist bedenklich, wohin die Reise rund um die Kriminalisierung von Fußball-Fans noch hingehen soll. Nächste Woche findet die Innenminister-Konferenz statt, in der unter anderem eine härtere Bestrafung des Abbrennens von Pyrotechnik, eine Reformierung des Landfriedensbruchs sowie den Entzug der Fahrerlaubnis bei Vergehen im Zusammenhang mit Fußballspielen beschlossen werden soll.

Befasst man sich dann noch mit der geplanten Verschärfung der Polizeigesetze, nach der die Behandlung von Gästefans wie am Sonntag nicht das Ende der Fahnenstange ist, sondern mittels derer man schon und ohne nähere Begründung Anreiseverbote für Fans aussprechen kann, weiß man wohin die Reise noch gehen soll und vermutlich auch gehen wird.

Von Vorbeugehaft und Hausarresten ist die Rede, der Weg geht wohl dorthin, wie in einigen europäischen Ländern bereits Standard, dass Fußballspiele, zumindest jene mit dem Prädikat Hochrisikospiel, ohne Gästefans stattfinden sollen. Ich habe dafür keinerlei Verständnis.

Früher sorgte die Polizei für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit, und ihr Kernbetätigungsfeld lag in der Ermittlungsarbeit. Heutzutage wird nicht mehr gegen Straf- und Gewalttäter ermittelt, sondern kollektiv gegen große Gruppen vorgegangen, denn, es zählt ja schon, dass überhaupt eine Gefahr von diesen ausgehen könnte. In diesem Zusammenhang sei auch unser Stadtderby erwähnt, welches auf Geheiß der Polizei seit Jahren parallel zu den Profis stattfindet. Auch das nur deshalb, weil man sich zu fein ist, Störenfriede einfach herauszuziehen und so lieber tausende Fußball-Fans gängelt und, ganz nebenbei, den Kickers ein Heimspiel mehr beschert.

Ich hoffe, zu diesen Vorkommnissen erfolgt ein richtiges Nachspiel. Von der Fanhilfe Karlsruhe wird eine Klage vorbereitet, Betroffene sind dazu aufgerufen, Anzeige zu erstatten, was sich offensichtlich als gar nicht so einfach herausstellt. Getreu dem Motto “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” sollen sich Polizeireviere bereits geweigert haben, entsprechende Anzeigen aufzunehmen. Das alles darf nicht im Sande verlaufen, es müssen bei dieser Einsatzleitung Köpfe rollen, schon allein, um verloren gegangenes Vertrauen neu aufzubauen.

Wenn rund um Fußballspiele, bei denen mit Betrachtung der Gesamtzuschauerzahlen es verschwindend wenig Verletzte gibt, ganze Fanszenen eingekesselt und ausgesperrt werden, frage ich mich, wo die Verhältnismäßigkeit bei Volks- und Oktoberfesten bleibt, wo es nachweislich mehr Verletzte gibt als in einer gesamten Fußball-Saison.

Ich möchte es einmal erleben und somit einen zarten Hauch von Gleichbehandlung spüren, dass ein Festzelt wegen einer Schlägerei von einigen wenigen Unverbesserlichen geleert oder zumindest für Folgeveranstaltungen ein Alkoholverbot ausgesprochen wird.

Doch, das werden wir wohl nie erleben, saufen sich die zuständigen Politiker doch dort auch die Hucke voll und lassen sich bei Fußballspielen, wenn überhaupt, nur in der VIP-Loge blicken.

Armes Fußball-Deutschland!

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1. November 2010

“Gastfreundschaft” à la Wolfsburg und die sich zuspitzende Krise des VfB

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , , – Franky @ 10:49

Trotz der in dieser Saison meist desolaten Auftritte der Brustringträger, entschlossen wir uns, auch zum Spiel nach Wolfsburg zu fahren. Der Fanclub setzte leider keinen Bus ein, so dass wir uns am Samstag morgen gegen 7 Uhr ins Auto setzten und los brausten. 525 Kilometer lagen vor uns. Wir hofften natürlich gut durchzukommen, bauten aber natürlich ob der Entfernung einen zeitlichen Puffer ein, um auch einen größeren Stau mit Ruhe und Gelassenheit über uns ergehen lassen zu können. Es kam aber Gott sei Dank nicht so. Trotz einiger kleinen und einer größeren Kaffeepause erreichten wir bereits gegen 13 Uhr den kostenlosen Parkplatz nahe der Volkswagenarena.

Das Stadion wurde dem VfL Wolfsburg von der Volkswagen AG und der Wolfsburg AG quasi geschenkt, keinen müden Cent mussten die Wölfe dafür locker machen. Wie es möglich ist, die 50+1-Regelung zu untergraben, der VfL Wolfsburg ist das beste Beispiel. Sie gelten, wie auch Bayer 04 Leverkusen als Präzedenzfall, da sie in den jeweiligen Konzern integriert sind, was das ganze nach Auffassung der DFL “legal” macht. So wird es dem Retortenverein ermöglicht, teure Spieler wie Diego zu verpflichten oder Wahnsinns-Angebote für einen Dzeko abzulehnen. Mit Gerechtigkeit hat dies wenig zu tun, müssen sich doch andere Vereine einen solchen Geldsegen hart erwirtschaften. Es kommt ja in Mode, mit solchen Modellen den schnellen Erfolg kaufen zu wollen, siehe Hoffenheim, siehe auch Red Bull Leipzig, die in einigen Jahren wohl als weiterer Kandidat für die internationen Plätze in der Bundesliga in Frage kommen werden. Gute Nacht Fußball-Deutschland! Wirkliche Traditionsvereine verschwinden immer mehr von der Bildfläche, Retortenvereine ohne Fankultur, für die Fußball mehr Event als Sport ist, stampfen aus dem Boden. Ihnen werden ohne eigenes Zutun Arenen hingestellt und aus dem Einzugsgebiet Fans abgeworben. Auf diejenigen, die inzwischen von Eintracht Braunschweig zu Wolfsburg abwandert sind, kann Braunschweig sicher ebenso verzichten, wie wir auf diejenigen, die zu Hopps Dorfverein gehen. Dennoch machen solche Vereine auf Dauer den Fußball kaputt und verderben den Spielermarkt, indem Preise und Gehälter gezahlt werden, die sich ein normal wirtschaftender Verein nicht mehr leisten kann.

Wenn man sieht, wie Volkswagen in dieses “Projekt” Kohle buttert, dürfte eigentlich ein jeder Fan eines anderen Vereins, sich keinen VW kaufen. Man unterstützt doch nicht gerne die Konkurrenz. ;-)

Nachdem ich mein Tagwerk, was das Autofahren angeht, vollbracht hatte, Anita fährt ja traditionell zurück :-) , lechzte ich nach meinem ersten Bier. Also gingen wir in Richtung des Stadions. Die ersten beiden Krombacher-Stände waren noch nicht einsatzbereit, sie schickten uns in den Gästebereich, wo das Bier schon fließen würde, was sich auch bewahrheitete. Nach einer mehr schlechten als rechten Krakauer und einem Bier wollten wir zurück laufen, Richtung Parkplatz, wo wir also her kamen, um das Treiben rund ums Stadion zu beobachten. Wir hatten ja noch viel Zeit und wollten nicht die ganze Zeit an einem Fleck verbringen. Diese Rechnung hatten wir aber ohne die Wolfsburger Polizei gemacht.

Wie die Brecher standen sie da und ließen uns nicht mehr zurück, da wir ja offensichtlich VfB-Fans wären. Auch unser Einwand, dass unser Auto dort stehen würde, wir von dort auch hergekommen sind, fruchtete nicht, keine Chance. Freiheitsberaubung erster Güte also.

Jeder, der rüber wollte in Richtung der Haupttribüne, wurde gleich abgefangen und es wurde denjenigen der Zutritt verwehrt.

So wuchs natürlich bei einigen VfBlern schon vor dem Spiel der Unmut. Sind sie jetzt abgehoben die Wolfsburger? Bekommt ihnen die Höhenluft nicht? Wir sind doch nicht in Karlsruh oder Frankfurt, wo totale Fantrennung angebracht wäre, sondern nur in dem Retortenstädtchen Wolfsburg, die im wahrsten Sinne des Wortes, was Fußballtradition angeht, noch sehr grün hinter den Ohren sind. Es herrschte absolutes Unverständnis darüber.

Normal reden konnte man mit den Gören auch nicht. Als wir fragten, was das soll, deutete eine sofort auf den Schriftzug “POLIZEI”, nach dem Motto, dies wäre Begründung genug. Als wir dann einwarfen, früher wäre es hier auch noch nicht so gewesen, kam der Brüller, der die anwesenden VfBler zu Lachkrämpfen hinriss: “Damals gab es auch die Wolfsburger Ultraszene noch nicht”. Zunächst einmal warf das eher die Frage auf, ob sie ihre eigenen Leute nicht im Griff haben, ganz abgesehen davon, dass wir keine Ultras gesehen haben. Das Gros der Wolfsburger, die wir gesehen hatten, waren Familien mit Kindern und mehr oder weniger Gebrechliche, welche Ultras also? Vielleicht die?

oder etwa die?

Doch die?

Oder? Einen hab ich noch! Die?

Mir schlottern noch beim Hochladen die Knie. Ernsthaft, wir haben wirklich im Umfeld des Spiels keinen bösartigen Mob oder Vergleichbares bemerkt, auch nicht, als wir nach dem Spiel zum Parkplatz zurück liefen. Da war dann, ohne Blocksperre, der Weg sofort wieder für uns frei. Reine Polizeiwillkür also, die mit einem Rechtsstaat nichts zu tun hat. Als (Auswärts-)Fan gilt man immer mehr als Mensch zweiter Klasse, der seine Grundrechte mit Betreten des Stadiongeländes abgibt. Dass die in anderen Städten, wo es hin und wieder kracht, vorkommt, ist teilweise noch nachzuvollziehen, in Wolfsburg aber mutet es doch sehr lächerlich an. Die nehmen sich dort wichtiger als sie sind!!!

So verbrachten wir also die rund 2 Stunden bis zum Spielbeginn, in dem Bereich, in dem wir Bleiberecht hatten.

Wir tranken noch das ein oder andere Bier und trafen jede Menge Bekannte. Auch die Fanclubs CKB08 aus Berlin, mit denen wir nach dem Babelsberg-Spiel noch schön feierten sowie der Rote Brustring Hamburg, die nach dem HSV-Spiel wieder eine Barkassenfahrt veranstalten, zu der ich uns wieder angemeldet habe, trafen ein. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie die VfB-Fans aus allen Teilen der Republik unserem VfB die Treue halten.

Noch ein schnelles (Voll-)Bier draußen, drinnen gabs nur Krombacher alkoholfrei. Gegen 15 Uhr gingen wir dann hinein, die Einlasskontrollen waren teils auch übertrieben, wie wir mitbekommen haben, wir selbst hatten aber Glück und waren schnell drinnen.

Wie in vielen anderen Stadien auch im Gästeblock, kam man sich vor wie in einem Käfig. Eisengestänge drumrum und zum Bereich der Wolfsburger sogar ein Stromzaun. Wenn die Fans in einen Käfig gesperrt werden, braucht sich auch niemand zu wundern, wenn sich manche aufführen wie Tiere. So etwas, wie allgemein das Vorgehen gegen Gästefans, schürt natürlich die Aggressionen. Vor 20 Jahren hätte ich das Ganze auch nicht so ruhig über mich ergehen lassen…

Wir hatten unsere Plätze links neben dem Stehbereich und waren etwas sichtbehindert durch das Eisengestänge, zwei Pfosten und dem Fangnetz, was das Fotografieren erschwerte.

So langsam fieberte man dann schon dem Anpfiff entgegen. Der VfB war stark ersatzgeschwächt zu erwarten, da sich nach dem Pokalspiel in Chemnitz Niedermeier, Boka, Pogrebnjak und Marica verletzt abmeldeten und nicht einmal im Kader standen. Einer, mit dem ich nicht rechnete, war jedoch dabei: Christian Gentner. Dessen Verletzung gewann ich allerdings Positives ab, so dass sich die Begeisterung in Grenzen hielt, dass er doch dabei war. Auf ihn habe ich mich in den letzten Wochen und Monaten eingeschossen, da er weit hinter den Erwartungen zurückbleibt. Er wirkt auf dem Platz wie ein Spaziergänger, dazu noch einer, der das Spiel verschleppt, anstatt mal (gedanken-)schnell weiter zu spielen. Er wirkt, also ob ihm die ganze Situation, in der der VfB steckt, scheißegal wäre. Er zählt zu den Topverdienern beim VfB, hat bei seinem “ablösefreien” Wechsel sicherlich ein enormes Handgeld eingesackt und kann wieder bei Muttern zu Mittag essen. Er hat’s also geschafft… Dennoch hatte ich dann ein wenig Hoffnung, dass er vielleicht gegen seinen Ex-Verein zu der Form aufläuft, die ihn einst zum Nationalspieler werden ließ.

Beim Verlesen der Wolfsburger Aufstellung rief bei mir der Name Diego Unmut hervor.

Eigentlich mag ich den Spieler aufgrund seiner Spielintelligenz, Technik, Schussstärke, Eleganz, etc. Aber er ist eben auch immer wieder für einen Ausraster gut. So hätte er für seine Tätlichkeit im Spiel gegen Leverkusen an Vidal nachträglich gesperrt werden MÜSSEN. Diese fand hinter dem Rücken des Schiedsrichters statt. Weshalb das Verfahren eingestellt wurde, erschließt sich mir nicht. Bezeichnend, dass gerade Diego beide Tore vorbereitete. Auch Kjaer hätte bei seinem Bodycheck im letzten Spiel gegen Nürnberg vom Platz gestellt werden müssen. So konnte eben Wolfsburg das Spiel durch Mitwirkung des DFB in Bestbesetzung angehen. Es soll mir keiner erzählen, der DFB, zusammen mit seinen Schiedsrichtern, beeinflusse nicht den Ausgang der Meisterschaft in erheblichem Maße, wenn man sich vor Augen führt, wie wir schon benachteiligt wurden in dieser Saison.

Der VfB begann in den ersten 3, 4 Minuten ganz ordentlich und war bemüht nach vorne zu spielen. Doch bereits die erste Ecke der Wölfe (Diego auf Kjaer; da war doch was…) führte zum Rückstand. Ärgerlich, denn die Zuteilung bei Standards dürfte auch Azubi Keller vorher besprochen haben.

So war es natürlich von Beginn an schwer, in diesem Spiele den sanften Aufwärtstrend zu bestätigen, zumal die Wolfsburger enorme Qualität in ihren Reihen haben. Hätten die Wolfsburger ihre Chancen konsequenter genutzt, hätten wir dort auch böse unter die Räder kommen können. Der VfB war einmal mehr zu schwach, um die Wölfe ernsthaft in Gefahr bringen zu können. Es offenbaren sich technische Mängel, die einer Bundesligamannschaft einfach unwürdig sind. Kaum einmal ein sauberes Zuspiel, so dass der angespielte erst einmal zu tun hat, das Zuspiel zu verarbeiten. Dazu immer noch zu wenig Laufbereitschaft und Kampf, so dass null Überraschungsmomente erzeugt werden. Dem VfB im Jahr 2010 fehlt es eindeutig an Qualität. Ein Träsch alleine reicht nicht! Unsere linke Seite mit Molinaro und Gentner brachten einmal mehr kaum einen vernünftigen Angriff zustande. Gentner, in der Vorbereitung noch in der Innenverteidigung eingesetzt, versagte danach auf der Position des Doppelsechsers, durfte dieses Mal im linken Mittelfeld ran, wo er aber auch überfordert war. Sein Spiel ist einfach zu behäbig, dazu hat er keinen linken Fuß, um auch nur eine vernünftige Flanke schlagen zu können. Auch Keller hat das erkannt und ließ zur zweiten Halbzeit Gentner und Gebhart die Seiten tauschen, was aber leider auch nicht für mehr Durchschlagskraft sorgte. Das Spiel plätscherte so dahin, ohne eine Phase, in der man wirklich den Eindruck hatte, die Wende zum Guten könnte eintreten. So kam es wie es kommen musste. Zunächst hatte der VfB ncoh Glück, dass Boulahrouz kein Eigentor unterlief, im Anschluss daran aber köpfte Dzeko eine Diego-Ecke nahezu ungehindert ein.

Wie die Wende noch herbeigeführt werden kann? Ich habe kein Rezept. Der VfB hat es im Sommer versäumt, mit Qualität nachzulegen. Bis zur Winterpause müssen wir mit diesem Kader leben und dabei hoffen, dass nicht schon alles verspielt wird. Die Wirkund des Trainerwechsels, mit dem ich nach wie vor überhaupt nicht einverstanden bin, droht zu verpuffen. Kommenden Sonntag eine Niederlage gegen die angeschlagenen Werderaner und wir haben die nächste Trainerdiskussion. Keller wieder ins zweite Glied zu versetzen dürfte ein Leichtes sein, dann wäre einer gefragt, der sich im Abstiegskampf auskennt und nicht nur Phrasen drischt, sondern gefragte Tugenden auch auf dem Platz umsetzen läßt. Es ist allzu traurig, was die Herren vom Vorstand und vom Aufsichtsrat aus unserem VfB, vor drei Jahren noch Meister, gemacht haben. Keine Ahnung, keine Planung, kein Konzept: Vorstand raus! Es muss einfach Fußballsachverstand einkehren. Ein Staudt mit seiner Aussage vor der Saison vom Übergangsjahr ist nicht tragbar. Ein Übergangsjahr kann es in einer so engen Bundesliga nicht geben. Es ist eben so, man kämpft entweder um die internationalen Plätze oder gegen den Abstieg. Für letzteres haben sich die Herren wohl entschieden und dieser Schuss scheint nach hinten loszugehen. Es rächt sich die Sparpolitik, getrieben von der Motivation, die letzte Rate für den Stadionumbau etwas früher tilgen zu können. Sparen an sich ist ja nichts verwerfliches. Auch Dortmund oder Mainz haben ihren Kader nicht teuer verstärkt. Es fehlt an Sachverstand und an einem vernünftigen Scouting, wenn man einen teuren Gentner zurück holt, der seine Lieblingsposition als Doppel-Sechser hat, zu einem Zeitpunkt, wo sowohl Hitzlsperger, Lanig, Khedira, Träsch und Kuzmanovic da waren. Hier lasse ich mir als Backup eine Billiglösung à la Bah gefallen, aber doch nicht einen hochbezahlten Gentner, den man aufgrund seines Marktwertes nicht unbedingt auf der Bank versauern lassen möchte. Dass Degen in Liverpool kaum gespielt hatte, wusste man. Hier ist sicher auch Pech im Spiel, dass er kurz nach seiner Verpflichtung am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte. Einen Audel zu holen barg ebenfalls ein Risiko, da er als sehr verletzungsanfällig gilt. Bei ihm muss man abwarten, ob die Verletzung, erlitten im Pokalspiel in Babelsberg, einfach nur Pech war oder ob wir uns erneut einen Dauer-Reha-Patienten heranzüchten. Rudy zu verscherbeln und als Ersatz einen Camoranesi zu präsentieren, dafür fehlt mir auch das Verständnis. Bei Juve war er zuletzt nur noch Ergänzungsspieler und erhielt dort keinen neuen Vertrag mehr. Nach seinem Platzverweis gegen Leverkusen fand er sich in Wolfsburg auch bei uns auf der Bank wieder.  Diese Verpflichtung kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, war man doch gerade dran, das Gehaltsniveau zu senken! Von den Neuzugängen konnte bis auf Harnik noch kein einziger nachweisen, dass er es wert ist, den Brustring zu tragen.

Warum schafft es der VfB jedes Jahr aufs Neue nicht, zum Trainingsauftakt einen vollständigen Kader zu präsentieren, der sich in der Sommerpause einspielen kann. Wenn es sich dann herausstellt, dass man an der ein oder anderen Stelle zu dünn besetzt ist, kann man bis zum 31.8. nachbessern. Der VfB aber legt sein Handeln darauf aus, dass bis Ende der Transferperiode die Preise fallen, merkt aber nicht, dass dann fast nur noch Ramsch übrig ist, der bisher noch nirgends untergekommen ist. Wann lernt der VfB endlich aus diesem Fehlverhalten? Das mangelnde Scouting ist sicher einer der Hauptgründe des Niedergangs. Ein anderer ist die selbstherrliche Art des Vorstands, die keinen Kontrapart neben sich dulden und konstruktive Kritik nicht annehmen. Gross wäre ein Trainer gewesen, mit dem man etwas Kontinuität hätte hereinbringen können, allerdings hätte man dann einen Manager holen müssen, der mit ihm auf einer Wellenlänge funkt und nicht von vornherein auf Distanz zu ihm geht. Wer es jetzt noch richten soll, sollte auch Keller mit dem Spielermaterial scheitern, ich weiß es nicht. Die Situation jedenfalls ist sehr beängstigend.

Der Unmut der treuen Fans wächst inzwischen auch, das war deutlich zu spüren, als die Mannschaft nach dem vergeigten Spiel in die Kurve kam. Die Trainerentlassung stößt vielen, wie mir, noch immer auf, dazu kommt, dass kaum mehr Identifikation mit der Mannschaft vorhanden ist. Wer mit so wenig Esprit spielt und kein Aufbäumen an den Tag legt, dem kann die Situation nicht so ernst sein, wie es bei uns Fans der Fall ist. Wer nach dem Spiel Gentner gesehen hat, wie er mit Josue gelacht und rumgeflachst hat, der kann erahnen, wie wenig nahe ihm der Ernst der Lage geht.

Die Spieler machen ihr Ding, kommen artig in die Kurve und lachen hinterher die Fans noch aus, die ihnen wegen jedem Gurkenkick hinterher reisen. Und sollte dieses Rumgegurke am Ende im zweiten Abstieg nach 1975 münden, sind 90% weg und deren Nachfolger müssen den Karren wieder aus dem Dreck ziehen. In der Fanszene aber rumort es. Die “Aufwachen”-Rufe waren sicher ein sanfter Versuch des Wachrüttelns. Dass ein solches Rumoren auch in Eskalation münden kann, hat man letztes Jahr rund um das Bochum-Spiel gesehen. Hoffen wir, dass es nicht so weit kommt und die Mannschaft schnellstens in die Spur findet.

Am Donnerstag geht es bereits weiter in Getafe in der Europa League. Dort sind wir Tabellenführer und könnten mit einem Sieg bereits die Weichen für die nächste Runde stellen. Ich hoffe, dass der VfB mit der bestmöglichen Mannschaft antritt und das Spiel nicht herschenkt wegen der anstehenden Aufgabe gegen Bremen. Das wäre ein weiterer Affront gegen die mitreisenden Fans. Ich werde dort sein und hoffe auf ein gutes Spiel mit Leidenschaft vom VfB. Von dem leblosen Gekicke der letzten Wochen habe ich ehrlich gesagt die Nase voll. Bilder davon folgen am Freitag.

Bis dahin, eine schöne Woche und Grüße

Franky

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