29. Dezember 2015

Jahresrückblick 2015: Januar bis März

Joshua Kimmich verlässt den VfB gen München

Das Jahr 2015 begann noch vor dem Trainingsauftakt mit einer weniger schönen Mitteilung. Joshua Kimmich, einst mit einer Rückkaufoption nach Leipzig verschachert, kehrt dem VfB endgültig den Rücken und wechselt zum Rekordmeister Bayern München. Der VfB nahm zwar seine Rückkaufoption wahr, jedoch nur, um Kimmich zu den Bayern weiterzureichen.
Kimmich wurde, als Bobic und Labbadia noch die Verantwortung trugen, zu RB Leipzig abgeschoben, weil ihm, dem riesen Talent, keine Perspektiven im eigenen Verein aufgezeigt werden konnten. Man setzte damals offensichtlich auf die falschen Pferde wie Robin Yalcin und Rani Khedira wie man heute weiß und (ver)stärkte zudem den Brausenclub, womit man einen nicht unwesentlichen Anteil an derem Aufstieg hat. Bei Leipzig wirken die von Bobic weggemobbten und ehemals im VfB-Jugendbereich sehr erfolgreichen Thomas Albeck und Frieder Schrof, die wussten, welches Kronjuwel der VfB da in seinen Reihen hat und mit Kusshand zugriffen.
Dadurch entfremdete sich Kimmich logischerweise vom VfB, so dass er keine Lust mehr verspürte, noch einmal für den Krisenclub vom Cannstatter Wasen die Fußballschuhe zu schnüren. Diese Tatsache und jene, dass man ohnehin keine Chance hat, einen Spieler gegen seinen Willen zu halten, wenn der große FC Bayern ruft, taten ein Übriges. Und, nicht zu vernachlässigen, war der VfB auf die Kimmich-Millionen angewiesen, um das Geschäftsjahr 2014 noch mit einem leichten Gewinn verbuchen zu können und um für den Rest der Saison „flüssig” zu bleiben.
Der VfB indes, der auf Tabellenplatz 15 überwinterte, nahm als erster Bundesligist das Training wieder auf. Huub Stevens zog dabei die Zügel merklich an und ließ seine Mannen in der Vorbereitung um 6.30 Uhr früh antanzen und bat um 7 Uhr zum ersten Lauf. Beim so schwierigen Unterfangen Klassenerhalt sollte nichts dem Zufall überlassen werden.

Robin Dutt als Nachfolger von Fredi Bobic vorgestellt

Am Dreikönigstag wurde Robin Dutt als neuer Sportdirektor und damit als Nachfolger von Fredi Bobic vorgestellt. Dutt, der die Saison noch als Chef-Trainer von Werder Bremen begonnen hatte, wechselte also wieder einmal die Seiten. Nachdem er den Sportdirektor-Posten beim DFB geschmissen hatte, weil seine Berufung doch der Trainerjob sei, nun also die Rolle rückwärts. Ich war von Anfang nicht begeistert von dieser Personalie, auch wenn es nach Fredi Bobic im Grunde nur besser werden konnte. Immer wieder mal keimten Gerüchte auf, Dutt wäre deshalb die Nummer eins der VfB-Verantwortlichen gewesen, weil er vom selben Anwalt Christoph Schickhardt beraten würde, wie auch Präsident Bernd Wahler persönlich und der VfB in seiner Gesamtheit. Vetterleswirtschaft dieser Art kennt man vom VfB, daher wäre es auch keine Überraschung, wenn dies die vordergründigen Beweggründe für Dutts Verpflichtung gewesen wären und das Wohl des VfB erst an zweiter Stelle gekommen wäre.
Qualitäten als Schreibtischtäter konnte Dutt bislang keine vorweisen, eher im Gegenteil, aus Kreisen des DFB hörte man, konzeptionelles Arbeiten gehöre nicht unbedingt zu Dutts Stärken. Matthias Sammer hatte auf der Position des DFB-Sportdirektors Maßstäbe gesetzt, seine Fußstapfen waren für Robin Dutt merklich zu groß. Mir gefallen Leute grundsätzlich nicht, die sich Dinge vorher nicht richtig überlegen und andere dann aus egoistischen Motiven in ein plötzliches Vakuum stürzen, wie es Dutt mit dem DFB getan hatte, so dass ich äußerst skeptisch war, was seine Verpflichtung anging. Dutt hatte zwar nicht den sonst so präferierten Stallgeruch, ist aber in Leonberg zu Hause, so dass der VfB schon auch eine Art „heim kommen“ für Robin Dutt bedeutete.
Wer hat, der hat, daher stattete man Dutt gleich einmal und ohne eine vorher angesiedelte Probezeit abzuwarten mit einem 4-Jahres-Vertrag und einem Vorstandsposten aus. Mir persönlich wäre ein streitbarerer Geist wie Jens Lehmann oder auch Oliver Kahn lieber gewesen, wenn man schon einen Anfänger mit dieser anspruchsvollen Aufgabe betraut. Dennoch, sobald die Tinte unter einem Vertrag mit dem VfB trocken ist, gebe ich jedem Neuen die Chance, meine Vorurteile auszuräumen und wünsche ihm und vor allem dem VfB dabei alles Gute.

16. bis 24. Januar: Trainingslager in Lagos/ Portugal

Im Trainingslager in Lagos an der Algarve preschte Bernd Wahler, der sich ansonsten für meinen Geschmack zu bedeckt hält, damit vor, dass man daran denke, mit Huub Stevens den Vertrag zu verlängern, Stevens jedoch für seine Entscheidung alle Zeit der Welt geben würde. Ein Schelm, der Böses dabei denkt, mit dem Abstand von gut elf Monaten hatte er mit dieser Aussage wohl eher die Absicht, Stevens bei Laune zu halten.
Das Trainingslager in Portugal war zugleich „mein“ erstes Wintertrainingslager. Die Wintervorbereitung hatte ich bislang eher selten auf dem Schirm, zum einen, weil ich nicht gleich im Januar neuen Urlaub verbrauchen wollte, zum anderen aber auch, weil mich die Ziele meist nicht unbedingt reizten.
Eine Ausnahme wäre sicherlich Südafrika im Jahr zuvor gewesen, da war es mir nach der Bekanntgabe etwas zu knapp, diesen Trip zu planen und kurzfristig Urlaub zu bekommen, was ich mittlerweile schwer bereue. Jetzt also Lagos, wo ich seit 1983 schon etliche Urlaube verbrachte und wo mir Land und Leute einfach zusagen. Mit dem Wetter hatten wir Pech. Bevor der VfB ankam, hörten wir von Dauerurlaubern, hätte es sechs Wochen lang keinen Regentag gegeben. Als wir dort waren, machte sich die Sonne rar, es regnete immer wieder und es war, wie am Atlantik üblich, meist sehr windig. An manchen Tagen kletterte das Thermometer kaum über 10°, die Regel waren allerdings etwa 15°, die bei sehr böigem Wind auch schon unangenehm sein können. Die Trainingsbedingungen und das Hotel sollen für das Team super gewesen sein, für uns Fans war es nicht gerade optimal, da wir viele Einheiten nur hinter einem großen Fangnetz verfolgen konnten, welches ob der „Treffsicherheit“ der meisten Kicker allerdings auch nötig war.
Alles in allem waren es sehr schöne Tage an der Algarve. Etwa 20-30 Fans waren vor Ort und es herrschte eine sehr lockere Atmosphäre, auch zwischen Team und Betreuern und den Fans.
Auf dem Trainingsplatz indes gerieten Ibisevic und Harnik bei einer Keilerei aneinander und Moritz Leitner wurde von Stevens gerüffelt, weil er nach einem Zweikampf den sterbenden Schwan mimte und dafür mit einem Straftraining um 6 Uhr in der Früh bedacht wurde.

Das erste Testspiel gegen den albanischen Erstligisten KF Laçi gewann man indes mit 5:0. Da es der Fußball-Gott in diesen Zeiten mit dem VfB nicht gut meint, passte es ins Bild, dass einer der seltenen VfB-Siege wohl nur deshalb so deutlich ausfiel, weil das Spiel ins Visier der albanischen Wettmafia gerückt war und wohl verschoben worden ist. Als Augenzeuge wunderte man sich über diese Gerüchte freilich nicht, stellten die Albaner die Verteidigung in der zweiten Halbzeit doch fast gänzlich ein.

Am 22.01. wurde der Wechsel von Raphael Holzhauser zur Wiener Austria bestätigt. Der Sportdirektor von Austria Wien, ein gewisser Franz(l) Wohlfahrt, tütete den Transfer ein. Holzhauser, der mit den Amateuren wie auch die Austria in Belek im Trainingslager weilte, musste also nur das Hotel wechseln. Alles in allem ein logischer Wechsel, weil er beim VfB nicht über die Rolle des Reservisten hinauskam und auch sein Lebenswandel insgesamt nicht dem eines Bundesligaprofis entsprach. Bis er während seiner Leihe zum FC Augsburg in Ungnade gefallen ist, zeigte er durchaus, was er drauf hat, vor allem bei Standards, und mit seinem begnadeten linken Fuß.

Das zweite Testspiel in Lagos gegen den portugiesischen Zweitligisten SC Farense endete nach schwachem Auftritt 1:1 unentschieden, Kostic traf für die Schwaben. Außer dem windigen Wetter bleibt in negativer Erinnerung an das Trainingslager in Lagos, dass weit und breit kein anderes Team in diesen Gefilden seine Wintervorbereitung absolvierte, so dass es an Gegnern mangelte und diese Tests somit kein Gradmesser für die anstehenden Aufgaben waren.

Ein offizielles Fanfest gab es dieses Mal zwar nicht, jedoch lud uns der VfB auf „zwei, drei“ Getränke an die Hotelbar im Mannschaftshotel Cascade Resort ein. Zuletzt war es üblich, dass zu Fanfesten die gesamte Mannschaft einschließlich Trainer- und Betreuerstab kommt, dieses Mal fand dieses Treffen auf „freiwilliger“ Basis statt, wobei den Führungsspielern Gentner und Ulreich sowie auch Schwaab, Niedermeier und Klein sicherlich angeraten wurde, zu erscheinen. Umso erfreulicher, dass sich auch ein paar Youngsters wie Timo Werner und Mart Ristl blicken ließen. Letzterer hatte erst kurz vor Beginn des Trainingslagers beim Mercedes-Benz Junior Cup im Sindelfinger Glaspalast auf sich aufmerksam gemacht und stieß nach guten Leistungen dort gleich zum Kader der Profis. Auch die anderen jungen Wilden haben es mir nicht nur durch ihre Trainingsleistungen angetan, sondern auch deshalb, weil sie noch so wohltuend normal sind. Sie grüßen freundlich und helfen nach den Einheiten dem Meuschi noch beim zusammen räumen, während solche, die ihre Nase weit oben tragen (Leitner) ihr Zeug nur hinrotzen. An der Stelle macht sich eine gute Kinderstube schon bemerkbar.

Zum Abschluss des Trainingslagers dann noch ein nicht alltägliches Highlight. Die Mannschaft flog, wie wir, in der Holzklasse mit Germanwings zurück in die Heimat, wo wir sie jedoch nicht mehr belästigen oder in ihrem Ablauf stören wollten. Lediglich Robin Dutt schüttelte ich beim Warten aufs Gepäck am Stuttgarter Flughafen noch die Hände und wünschte ihm alles Gute. Allerdings nicht für seine Aufgabe beim VfB sondern anlässlich seines 50. Geburtstags, den er am Tag des Rückflugs beging.

Auftaktniederlage gegen Mönchengladbach

Am 31.01. schließlich endete sie, die Zeit voller neuer Hoffnungen, ohne Niederlagen und sonstiger größerer Enttäuschungen. Die Zeit der Wahrheit stand wieder an, der Rückrundenstart. Und den versemmelte der VfB mal wieder gründlich. Beim 0:1 gegen Borussia Mönchengladbach blieb der VfB im fünften Heimspiel in Folge ohne eigenes Tor, Negativrekord! Es war die nahtlose Fortsetzung einer katastrophalen Vorrunde, so dass die Vorfreude auf eine bessere Rückrunde schon in den Startlöchern stecken blieb. Nach einer katastrophalen Anfangsphase und hochkarätigen Chancen der Gladbacher schaffte es der VfB immerhin, den Champions League Anwärter auf sein Niveau herunterzuziehen, so dass die Partie zunehmend verflachte. Da zeigte sich dann, dass die Elf vom Niederrhein an diesem Tag zu packen gewesen wäre. Symptomatisch, dass sich der VfB beim entscheidenden 0:1 auch noch auskontern ließ. Dumm, dümmer, VfB! Und doch wäre in der vierten Minute der Nachspielzeit fast noch der Ausgleich geglückt, wenn, ja wenn, Georg Niedermeier aus vier Metern ins leere Tor und nicht nur die Latte getroffen hätte.

Verpflichtung von Serey Dié

Wenige Stunden vor Schließung des Transferfensters wurde schließlich noch der einzige Winterneuzugang an Land gezogen. Der ivorische Nationalspieler Serey Dié, der sich zum Zeitpunkt der Verpflichtung noch beim Afrika-Cup befand, gilt als Enfant terrible. Während seiner Zeit beim FC Basel war er zwar stets unumstrittener Publikumsliebling, fiel aber auch immer wieder negativ auf, so bspw. 2012 als er nach einem Spiel gegen den FC Lausanne einen Balljungen ohrfeigte, der ihm während des Spiels den Ball zu langsam zugeworfen hatte. Seine Eskapaden und Sperren beim FC Basel häuften sich, so dass dieser Hochkaräter plötzlich bezahlbar auf dem Markt war und Robin Dutt, der ihn auch schon zum SC Freiburg locken wollte, zugriff. Wie man aus heutiger Sicht sagen kann, saß eine der ersten Amtshandlungen Dutts gehörig, Dié schwang sich in der Rückrunde zum Leistungsträger und einem DER Garanten des Klassenerhalts auf. In der Bundesliga sollte Serey Dié noch zwei Spiele lang fehlen.

Nullnummer in Köln

Direkt nach der Winterpause setzten die Terminplaner eine englische Woche an. Für den VfB ging es dabei nach Köln, wo der VfB seit Ewigkeiten nicht mehr verloren hatte. Dritte englische Woche der Saison, nach Dortmund und Hamburg zum dritten Mal auswärts, was für mich bedeutete, dass ich einen Tag Urlaub nehmen musste, besser gesagt zwei halbe Tage. Am Spieltag nachmittags mit dem Zug in die Domstadt, Übernachtung und früh morgens mit dem Zug zurück und vom Hauptbahnhof direkt ins Geschäft. Was tut man nicht alles, um sich unter der Woche auswärts ein erbärmliches 0:0 reinzuziehen. Dieses Spiel war die Hochzeit des Stevenschen Defensiv-Wahns. Bei einem heimschwachen Gegner, der zu Hause ähnlich „treffsicher“ ist wie der VfB, mit einer Riegel-Rudi-Taktik anzutreten, und das nach einer Heimniederlage gegen Gladbach und der bevorstehenden Heimniederlage gegen die Münchner Bayern, spottet jeder Beschreibung. Das Spiel entwickelte sich erwartungsgemäß zum Duell Not gegen Elend auf unterstem Niveau. Das bewegendste an diesem Abend war noch die Gedenkminute für Udo Lattek, als sich das ganze Stadion einschließlich des VfB-Blocks erhob und dem Altmeister klatschend die letzte Ehre erwies.

Heimniederlage gegen die Bayern

Der Angsthasenfußball von Köln wurde als Mutmacher für die Partie gegen die Bayern verkauft, die Null sollte auch gegen den Spitzenreiter stehen. Nur, dass die Kölner Angriffsbemühungen ähnlich limitiert aussehen wie die vom VfB und die Durchschlagskraft der Bayern eine andere ist, wischte man in den Gedankenspielen kurzerhand beiseite. Die Bayern, in der Rückrunde nach einem Debakel in Wolfsburg und einem Remis gegen Schalke ebenfalls noch sieglos, mussten in Stuttgart schon gewinnen, um nicht in eine bajuwarische Krise zu schlittern. Doch, keine Angst, ihr Bayern, auch wenn der VfB vieles nicht kann, Aufbaugegner kann er wie kaum ein Anderer. Dass die Brust der Bayern schon einmal breiter war, merkte man ihrer Spielanlage an. Der VfB spielte gut mit, auch wenn er sich insgesamt zu wenig zutraute, um die Bayern ernsthaft zu gefährden. Und trotzdem hätte man durch Sakai in Führung gehen können, der aber nur den Außenpfosten traf. Kurz vor der Pause nahmen dann die Dinge ihren Lauf. Ein abgefälschter Ball fiel Arjen Robben vor die Füße, der humorlos und sehenswert über Ulreich hinweg abschloss. Und, als wäre es der Sonntagsschüsse noch nicht genug, traf David Alaba kurz nach dem Seitenwechsel per Freistoß in den Winkel. Das war’s, der VfB bekam mal wieder viel Lob, viele Respektsbekundungen, viel Honig ums Maul geschmiert, dass man ja gar nicht so schlecht wäre, wie es der Tabellenstand aussagt. Doch, die Tabelle lügt nicht und gestaltet sich aus VfB-Sicht gnadenlos, ohne Berücksichtigung einer B-Note weist sie nach 20 Spieltagen den 18. und damit letzten Tabellenplatz für den VfB aus.

Last-Minute-Knockout in Sinsheim

Das Warten auf Serey Dié hatte schließlich ein Ende. Die Ivorer gewannen den Afrika-Cup durch ein 9:8 nach Elfmeterschießen gegen Ghana, so dass Serey Dié erhobenen Hauptes seinen Dienst beim VfB antreten konnte. Freitags vor dem Hoffenheim-Spiel absolvierte Serey Dié seine erste Trainingseinheit mit dem Team, so dass er für einen Startelfeinsatz an der Autobahnraststätte noch nicht in Frage kam.
Stevens rückte auch in Sinsheim nicht von seiner Riegel-Taktik ab und war in erster Linie, analog zu Köln, darauf aus, ein 0:0 zu ermauern. Antifußball von der schlimmsten Sorte, destruktiv ohne Ende, um mit dem Team, an dem sich Bobic messen lassen wollte, überhaupt punkten zu können, schien Stevens jedes Mittel recht. In Timo Werner und Martin Harnik standen zu Beginn gerade einmal zwei Offensivkräfte auf dem Platz, der Rest waren durchweg mehr oder weniger Zerstörer. Mit solchen Auf- und Vorstellungen wie in der Saison bereits zuhauf gesehen, darf man sich nicht wundern, dass es mittlerweile viele außerhalb des Schwabenlands gibt, die dem VfB den Abstieg wünschten.
So trat der VfB also auch bei Hoffenheim an wie das Kaninchen vor der Schlange. Hoffenheim, mit drei Niederlagen in die Rückrunde gestartet und daher auch nicht mit sonderlich viel Selbstvertrauen ausgestattet, wurde damit eingeladen, selbst die Initiative zu ergreifen und sich ihre verloren gegangene Sicherheit zurückzuerlangen. Nach einer halben Stunde Not gegen Elend nutzte Roberto Firminho nach einer Standardsituation einen Abpraller, der vor seine Füße fiel, zum überraschenden 1:0. Dieses Gegentor war zunächst der Weckruf für den VfB, der aktiver wurde und kaum zehn Minuten später zum Ausgleich durch Gotoku Sakai kam. Der Japaner erzielte damit sein erstes Bundesligator überhaupt und das erste VfB-Tor in der Rückrunde.
In der zweiten Hälfte verflachte die Partie immer mehr, Chancen auf beiden Seiten waren Mangelware. Ob Robin Dutt während des Spiels schon Einfluss nahm und Huub Stevens dazu bewegte, in Maxim und Ibisevic zwei zusätzliche Offensivkräfte zu bringen, ist reine Spekulation. Vielleicht hat es Stevens ja selbst erkannt, dass selbst ein Unentschieden bei dieser Tabellenkonstellation zu wenig wäre. Klare Chancen sprangen indes keine heraus, weil aufgrund technischer Schlampigkeiten die letzte Präzision fehlte. Als man sich bereits auf dieses schiedliche friedliche Unentschieden geeinigt zu haben schien, schenkte Timo Baumgartl einen Ball leichtfertig her, der über Volland zu Sebastian Rudy gelangte und den dieser nur noch einzuschieben brauchte. Dritte Minute der Nachspielzeit und dann dieser Nackenschlag. Die Lichter schienen auszugehen auf dem Wasen, Huub Stevens raunzte auf der anschließenden Pressekonferenz einen Journalisten an: „Haben Sie einen Rat für mich?“. So ratlos hatte man den Knurrer aus Kerkrade selten erlebt, ich befürchtete seinerzeit nach Veh den zweiten Trainer-Rücktritt in dieser Saison. So weit kam es zum Glück nicht, wobei Stevens bei seinen Halbjahres-Engagements sicherlich auch die mutmaßlich exorbitant hohe Nichtabstiegsprämie im Kopf hat und schon daher nicht bereit ist, davon zu laufen. Augen zu und durch!

Fanliebe gegen “Echte Liebe”

Dutt stärkte Stevens zwar öffentlich den Rücken, intern wuchsen seine Zweifel aber, ob die geplante Erneuerung des VfB mit Stevens möglich wäre, so dass wohl (spätestens) nach dem Hoffenheim-Spiel die erste Kontaktaufnahme mit Alexander Zorniger erfolgte.
Für den VfB ging es nach dem Nackenschlag in Sinsheim gleich freitags gegen Borussia Dortmund weiter. Der BVB spielte selbst eine Horror-Saison und fand sich vor nicht allzu langer Zeit auf den Abstiegsrängen wieder, befand sich aber nach zuletzt zwei Siegen in Folge auf dem aufsteigenden Ast. Auch im dritten Heimspiel der Rückrunde versuchte es der VfB mit einer nominell defensiv aufgestellten Mannschaft. Frappierend schon in der Anfangsphase, wie sich ein Klassenunterschied zwischen den beiden Teams zeigte. Dortmund kombinationssicher und zielstrebig, der VfB ängstlich und ohne jegliches Selbstvertrauen, was in der frühen Führung durch Aubameyang mündete. Doch, völlig überraschend, kam der VfB zurück. Niedermeier wurde im Strafraum von Sahin von den Beinen geholt und holte dadurch einen Strafstoß für den VfB heraus. Da Sahin Niedermeier kurz vor der Torlinie von den Beinen holte, hätte er zwingend rot sehen müssen, doch Schiedsrichter Aytekin ließ seine Karten stecken, weil er, wie er später zugab, diese Doppelbestrafung doof findet und somit Selbstjustiz übte. Da es nur der VfB war, durfte Aytekin ohne jegliche Sanktionierung weiter sein Unwesen auf Deutschlands Fußballplätzen treiben, nicht auszudenken, was mit ihm passiert wäre, wenn er die Bayern so benachteiligt hätte. Müßig darüber zu spekulieren, ob der VfB in Überzahl gewonnen oder sich der BVB dann wenigstens mit einem Remis begnügt hätte. Gündogan brachte seine Farben noch vor der Pause in Führung, kurz vor Schluss, nach Fehler von Baumgartl in Co-Produktion mit Ulreich, erzielte Reus das entscheidende 1:3. Das 2:3 in den Schlusssekunden durch Georg Niedermeier stellte nur noch Ergebniskosmetik dar, so dass man auch im fünften Rückrundenspiel ohne Sieg und bereits mit fünf Punkten Rückstand auf den 15. Platz am Tabellenende festsaß.
Die Nerven, auch bei den Fans, lagen blank und dennoch spielten sich nach dem Dortmund-Spiel in der Cannstatter Kurve herzzerreißende Szenen ab. Die Spieler bekamen nicht etwa den Zorn der Fans ab wie noch vor Wochenfrist in Sinsheim, im Gegenteil, sie, allen voran Timo Baumgartl, wurden in den Arm genommen, geherzt und getröstet, Szenen so unglaublich, dass sie um die Welt gingen. Der Schulterschluss mit den Fans ist also vorhanden, das Signal klar. Wir zusammen, ihr für uns, wir für euch, wir geben nicht auf!

Remis im Kellerduell

In Hannover sprang Huub Stevens (endlich) über seinen Schatten und nominierte mit Harnik, Werner, Maxim und dem endlich zurückgekehrten Daniel Ginczek gleich vier Offensivkräfte. Bei den ebenfalls kriselnden 96ern reichte es freilich auch nicht zum Befreiungsschlag. Nach Toren von Gentner und Stindl trennte man sich 1:1. Dass die Nerven in diesem Kellerduell blank lagen zeigte sich auch bei einer Rangelei zwischen Harnik und Stindl, die beide des Feldes verwiesen wurden und für Harnik eine Zwei-Spiele-Sperre zur Folge hatte. Eigentlich dämlich und dennoch aus zweierlei Aspekten noch positiv hervorzuheben. Zum einen zeigt sich in solchen Szenen, dass dem Spieler die Situation nicht völlig am Arsch vorbeigeht und zum anderen hätte man Harnik schon länger mal eine Denkpause gewünscht, in der Hoffnung, dass er danach geläutert und stärker zurückkommen würde.

Nach dem Hannover-Spiel preschte erstmals Ralf Rangnick vor und erklärte auf Sky und ServusTV, dass Alexander Zorniger „spätestens“ zur neuen Saison neuer VfB-Trainer werden würde. Wie man heute weiß, war dies damals längst in trockenen Tüchern, so dass man mit Stevens ein falsches Spiel spielte. Kein Wunder, dass dieser immer gereizter auf in diese Richtung gehende Fragen reagierte. Und doch können wir dankbar sein für die Professionalität, die Huub Stevens an den Tag legte, indem er dieses Kasperletheater mitspielte und nicht einfach den Bettel hingeschmissen hat. Ich vermute mal, dass ihm seit dem Abstiegskampf des Vorjahres und den emotionalen Momenten, die er mit dem VfB und uns Fans erlebte, der VfB trotz allem ans Herz gewachsen war und er uns nicht im Stich lassen wollte, wie es ein halbes Jahr vorher Armin Veh getan hatte. Auf der anderen Seite war aber natürlich auch fraglich, ob der VfB sich eine Entlassung Stevens‘ überhaupt hätte leisten können, unabhängig davon wurde das Heimspiel gegen den Mit-Abstiegskonkurrenten Hertha BSC Berlin einmal mehr zum Schicksalsspiel für den Trainer hochstilisiert.
Am Ende stand die null auf beiden Seiten, obwohl der VfB die engagiertere Mannschaft mit den besseren Chancen war. Ein Heimsieg wäre verdient gewesen, gelang aber nicht, so dass man auch nach dem 24. Spieltag Schlusslicht war, mit noch immer fünf Punkten Abstand zum rettenden Ufer.
Mehr als das Ergebnis blieben die Ausschreitungen vor und nach dem Spiel in Erinnerung. Obwohl Bundesligavereine, Sicherheitsvertreter, Polizei, DFL und was weiß ich, wer noch, stets betonen, dass Spiele unter Berücksichtigung sämtlicher Sicherheitslagen angesetzt werden würden, setzte man dieses Spiel gegen die Hertha, deren Fans eine Freundschaft zu unseren Erzfeinden vom KSC pflegen, bei Dunkelheit und an einem Freitagabend an. Den KSC ließ man intelligenterweise an einem anderen Tag und nicht parallel spielen, so dass es vorprogrammiert war, dass einige hundert Gelbfüßler-Chaoten anreisen würden, die mit dem Spiel an sich nichts am Hut hatten und lediglich Ärger suchten.
Dass es dann bei Dunkelheit unübersichtlich wurde und zu unschönen Szenen kam, haben sich die Ordnungshüter selbst zuzuschreiben. Vor allem nach dem Spiel eskalierte die Situation, als die Polizei nichts besseres zu tun hatte, wegen ein paar hundert blauen Deppen den Bahnhof zuzusperren und tausende VfBler damit auszusperren und an ihrer Heimfahrt zu hindern.
Wohlgemerkt handelte es sich um ein Abendspiel und nach 23 Uhr schwimmen einem beim dürften ÖPNV-Angebot im Großraum Stuttgart nun mal die Felle davon, so dass die Nervosität vor den Toren stieg und vereinzelt versucht wurde, den Bahnhof zu stürmen. Auch da hatte dann die Polizei wieder ihren großen Auftritt, in dem sie durch Türschlitze Pfefferspray versprühte und somit zur allgemeinen Beunruhigung der Lage maßgeblich beitrug. Ganz großes Kino an diesem Abend!
Eher noch weiteres Öl goss Präsident Wahler dann ins Feuer, indem er die Vorkommnisse kritisierte, ohne ein vollständiges Bild über die Ereignisse gehabt zu haben. Vor allem von ihm, der selten etwas sagt, sollte, wenn er denn etwas sagt, gehaltvolleres kommen, nachdem er sich informiert hat und nicht einfach nachplappern, was Polizeichefs ihm in den Mund legen, die selbst auf der Suche nach Rechtfertigungen sind.

Debakel in Leverkusen

Wenn nicht bald die Wende und damit der erste Rückrundensieg gelingt, dürfte der VfB kaum mehr zu retten sein. Auch nach dem Hertha-Spiel stellte sich die Frage, ob der VfB mit Stevens weitermacht oder gar weitermachen muss. Abgesehen vom finanziellen Aspekt und der Fälligkeit einer Abfindung im Falle einer Stevens-Entlassung, hat sich Dutt durch die frühe Festlegung auf Alexander Zorniger maßgeblich dieser letzten Patrone beraubt. Würde Zorniger sofort einspringen (müssen) könnte er bereits vor seinem geplanten Amtsantritt verbrannt sein, nämlich dann, sollte das Unternehmen „Rettung“ schiefgehen. Daher war es schon logisch, dass Stevens auch in Leverkusen noch auf der Bank sitzen würde. Ausgerechnet beim Angstgegner Leverkusen auf die Wende zu hoffen, war schon reichlich vermessen. Der VfB begann zwar ordentlich und ließ die Werkself kaum zur Geltung kommen, leider schaffen es die Schwaben selten bis nie, eine solche Gangart konsequent und konzentriert über 90 Minuten auf den Platz zu bringen. Nach einer halben Stunde lud der VfB Bayer förmlich zur Führung ein, indem gleich fünf Spieler eine wahre Slapstick-Orgie hinlegten, und damit Wendell freispielten, der seinen ersten Bundesligatreffer erzielte. Vier Minuten später legte Drmic nach, so dass die gute erste halbe Stunde wie weggeblasen war und Bayer nun eindeutig Chef im Ring war. In der 50. Und 59. Minute erhöhte die Werkself auf 4:0 und spulte in der Folgezeit ihr Pensum im Schongang herunter, mit Gedanken beim schon dienstags anstehenden Championsleague Spiel bei Athletico Madrid. Nicht auszudenken, welche Dimension dieses Debakel angenommen hätte, wenn Bayer mit der gleichen Intensität der ersten Stunde weitergemacht hätte. Der VfB zerfiel in seine Einzelteile und hatte Bayer auch nichts mehr entgegenzusetzen, nachdem sie zwei Gänge heruntergeschaltet hatten. Beängstigend!

Erster Rückrundensieg!

Der erste Rückrundensieg gelang dann im folgenden Heimspiel gegen die Frankfurter Eintracht, die man auswärts schon 5:4 (!) schlagen konnte. Die Eintracht ging zwar kurz nach der Halbzeit in Führung, zwei Mal Ginczek sowie Alexandru Maxim drehten jedoch das Spiel. Der VfB blieb dadurch zwar immer noch Letzter, konnte den Rückstand auf Platz 15 aber auf zwei Punkte verkürzen, was neue Hoffnung auf den Klassenerhalt machte. Vor allem, dass Daniel Ginczek endlich seine ersten Tore für den VfB erzielte, nährte die Hoffnung auf mehr. Der Junge ist ein ganz starker Knipser, wenn er denn die Fitness, das Selbstvertrauen und auch die richtigen Zuspiele bekommt, wie an diesem Tag von Harnik und Maxim.
Der VfB spielte zwar eine Stunde lang wie ein Absteiger, kam aber mithilfe der Frankfurter wider Erwarten noch zurück. Wenn einer Aufbaugegner ähnlich gut kann wie wir, dann ist das die Eintracht. Auch an dieser Stelle nochmals vielen Dank, wenn wir das Spiel verloren hätten, wenn bei Ginczek der Knoten an diesem Tag nicht geplatzt wäre, wenn…? Vermutlich wäre eine Niederlage gegen die Eintracht dem Abstieg gleichgekommen. So machte sich zwar große Erleichterung breit, jedoch auch die Erkenntnis, dass man drei Punkte und nicht mehr gewonnen hatte. Die Situation ist brenzlig genug, der Sieg nährte aber die Hoffnung, dass die Jungs wieder an ihre eigenen Stärken glauben und in den nächsten Spielen befreiter aufspielen können.

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23. Februar 2015

Dem Abgrund entgegen

Die Woche nach der Last-Minute-Niederlage in Hoffenheim war geprägt von der Furcht, unaufhaltsam und ungebremst in Richtung zweite Liga zu taumeln und auf der anderen Seite von der Hoffnung, dass Huub Stevens nach seiner zur Schau getragenen Ratlosigkeit doch über seinen Schatten springen und mit dem Mute der Verzweiflung gegen den BVB offensiver antreten würde. Dass wir mittlerweile in einer (Tabellen-)Situation angekommen sind, in der nur noch Siege helfen, müsste auch Huub Stevens mittlerweile begriffen haben und sein Handeln danach ausrichten.
Natürlich wäre es legitim gewesen, gegen Mönchengladbach, die Bayern und Borussia Dortmund erst einmal zu versuchen Beton anzurühren, um sich keine Mega-Klatschen einzufangen. Aber, bei heimschwachen Kölnern, bei formschwachen Hoffenheimern musste man einfach mehr erwarten dürfen, und den Willen auf Sieg zu spielen erkennen können. Bei und nach diesen beiden Spielen war ich maßlos enttäuscht. Wie das Kaninchen vor der Schlange zog man sich zurück, spielte quer und zurück anstatt zu versuchen den Gegner unter Druck zu setzen und sich Respekt zu verschaffen. Was dort über weite Strecken gespielt wurde, hatte mit Fußball wenig zu tun. Ängstlich, behäbig legte man den Rückwärtsgang ein und wenn es mal nach vorne ging, verloren wir die Bälle aufgrund technischer Unzulänglichkeiten schnell wieder. Und wenn dann noch lediglich zwei Spieler der Anfangsformation die Lizenz zum Stürmen haben, ist natürlich bei einem versprungenen Ball keiner da, der helfen könnte. So ist man naturgemäß nur am Hinterherlaufen und lässt sich zudem von einem verunsicherten Gegner in die eigene Hälfte drängen.
Noch ärgerlicher war der blutleere Auftritt von Sinsheim zu bewerten, wenn man als nächstes Borussia Dortmund vor der Brust hat. Zwar krebst auch der BVB in der zweiten Tabellenhälfte herum, befindet sich aber nach zuletzt zwei Siegen in Folge im Aufwind und hat die Qualität in seinen Reihen, jeden Gegner an die Wand spielen zu können. Als ernsthaften Rivalen im Abstiegskampf sah ich die Borussen ohnehin nie an, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Kurve kriegen würden.
Meine Hoffnung auf eine Trendwende gerade in diesem Spiel hielt sich daher von vornherein in Grenzen. Früher gehörte das Bier davor und danach dazu, um sich aufs Spiel einzustimmen und es danach zu analysieren. Heutzutage sind diese Treffen mit Freunden der Hauptteil und das Spiel lässt man dazwischen so über sich ergehen. Daher trafen wir uns am Freitag schon sehr frühzeitig in einem Brauhaus in der Stuttgarter Innenstadt und hatten eine große und lustige Runde beisammen, so dass ich schon gar keine Lust hatte, aufzustehen und in Richtung Stadion zu pendeln.
Aber, hilft ja nichts, wir sind natürlich rechtzeitig gegangen. Zehn Minuten vor Spielbeginn erreichte ich meinen Platz schließlich und hätte schon da am liebsten auf dem Absatz wieder kehrt gemacht, als mir per Whatsapp-Nachricht die Aufstellung zuging und ich ohne jedes Verständnis dafür zur Kenntnis nehmen musste, dass Huub Stevens offensichtlich nicht dazu bereit war, von seiner destruktiven Defensiv-Taktik abzurücken. Erneut mit Werner und Harnik gerade einmal zwei Offensiv-Akteure und dahinter nur Abräumer und Abwehrspieler. Abgesehen davon, dass diese defensive Ausrichtung bislang noch nicht von Erfolg gekrönt war, ist es beschämend für eine Heimmannschaft so aufzulaufen. Dem Gegner macht es das natürlich nicht leicht, aber, das Verständnis für einen solchen Antifußball hält sich sowohl beim Gegner als auch beim heimischen Publikum in Grenzen. So liefert der VfB weiterhin wenig Argumente, dass ihm irgendjemand eine Träne nachweinen würde, wenn er tatsächlich den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten müsste. Der VfB steht bislang zu Recht da, wo er steht, und hat offensichtlich nicht die Mittel, den Bock endlich einmal umzustoßen.
So begann das Spiel, wie es zu befürchten war. Der BVB nahm sofort das Heft in die , der VfB stand tief in seiner eigenen Hälfte. Der VfB hatte gegen die schnellen Dortmunder Außen von Beginn an einen schweren Stand und lief fast ausschließlich staunend hinter- oder bestenfalls nebenher. Nachdem Ulreich bereits zwei Mal parieren konnte, lenkte er in der 15. Minute einen Schuss direkt vor die Füße von Aubameyang, Glück, dass dieser im Abseits stand. Auch diesen Warnschuss begriff der VfB nicht, indem er eigeninitiativ geworden wäre, so dass es zehn Minuten später geschehen war und der BVB die längst fällige Führung erzielte.
Völlig überraschend kamen wir dann aber zum Ausgleich. Bei der ersten (!) Torannäherung nach einer halben Stunde lief Sahin Georg Niedermeier in die Hacken und hinderte ihn somit drei Meter vor dem Tor am Torschuss. Folgerichtige Entscheidung, Elfmeter, den Klein platziert verwandelte.
Ebenfalls folgerichtig, Rot für Sahin, hat er doch eine klare Torchance vereitelt. Das Regelwerk schreibt dafür zwingend die Rote Karte vor und lässt keinen Interpretationsspielraum. Weshalb Aytekin die Karte stecken ließ, weiß wohl nur er selbst. Natürlich ist diese Regel blödsinnig, aber, sie gilt nun mal (noch), so dass es eine bodenlose Frechheit des fränkischen Schiedsrichters war, an dieser Stelle Selbstjustiz zu üben und sich darüber hinweg zu setzen. Man stelle sich nur vor, im nächsten Spiel in Hannover, gleiche Situation im VfB-Strafraum und ein VfB-Spieler fliegt für ein solches Vergehen vom Platz. Ungerecht ist die Welt!
Vielleicht hat Aytekin die Szenen vom Gladbach-Spiel ja gesehen und daraus geschlossen, der Schorsch träfe bestenfalls die Latte. Für mich eine absolute Frechheit, welche Narrenfreiheit die Schiedsrichter haben und dass sie Woche für Woche ungestraft in den Spielverlauf eingreifen dürfen und dafür auch noch ein hohes Honorar erhalten.
Ein klarer Regelverstoß, Protest dennoch wohl sinnlos, handelt es sich doch selbst bei solch glasklaren Szenen nach Auffassung des DFB um eine Tatsachenentscheidung und bestenfalls Wahrnehmungsstörung des Schiedsrichters. Weshalb es noch Linienrichter und einen vierten Offiziellen gibt, die ebenfalls eingreifen könnten, das aber so gut wie nie tun, ist deren Geheimnis. Für mich war es die Schlüsselszene des Spiels. Gegen zehn Dortmunder wäre vielleicht ein Punkt drin gewesen. Dortmund hat ja das wichtige Champions League Spiel gegen Juventus Turin vor der Brust und hätte sich zu zehnt möglicherweise nicht voll verausgabt und wäre womöglich mit einem Punkt dann zufrieden gewesen. Auch wenn ein Protest gegen die Spielwertung wohl wenig Aussicht auf Erfolg hätte, an Stelle des VfB würde ich Schritte einleiten und diese Unverschämtheit nicht einfach schlucken. Richtig zornig verfolgte ich dann die gestrigen Diskussionsrunden, wo Aytekin für seinen “Mut” noch gelobt wurde, anstatt dass mit aller Deutlichkeit herausgestrichen wurde, dass festgeschriebene Regeln für alle gleich gelten müssen und alles andere eine schreiende Ungerechtigkeit ist.
Schon fast zum Lachen, dass es die Rote Karte in ähnlicher Situation beim Spiel Paderborn-Bayern, als Robben gelegt wurde, gab. Vielleicht sollte der DFB hier seine Schiedsrichter mal auf den gleichen Stand bringen oder es auch nur zugeben, dass es den vielzitierten Bayern-Bonus tatsächlich gibt.
So lief das Spiel wie schon davor weiter, Dortmund kombinierte wie in besten Zeiten und erzielte keine zehn Minuten nach dem Ausgleich die erneute Führung. Ich war schon da stinksauer. Natürlich ließ das 1:2 noch alle Möglichkeiten offen. Dennoch war es fürchterlich mit anzusehen, wie unterlegen der VfB war, dass wir überhaupt nichts entgegenzusetzen hatten und immer einen Schritt zu spät dran waren. Positiv herauszuheben war lediglich das Startelf-Debüt von Serey Dié und das Comeback von Carlos Gruezo, auch wenn er noch lang nicht der Alte ist und zu allem Überfluss später auch noch verletzt ausgewechselt werden musste.
Das VfB-Spiel übertraf meine schlechtesten Erwartungen. Es war überhaupt nichts zu sehen, das für den Rest der Saison Hoffnung geben würde. Vogelwild in der Abwehr, harmlos im Sturm und ein Mittelfeld mit null Akzenten nach vorne. Dann noch ein Torwart, der den Ball lieber ins Seitenaus drischt, anstatt ihn einem Mitspieler anzuvertrauen. Es tat einfach weh!
So spielt ein Schlusslicht, so spielt ein Absteiger, so spielt ein Haufen von Einzelspielern, die trotz deutlicher Transparente in der Cannstatter Kurve den AbstiegsKAMPF noch immer nicht angenommen zu haben scheinen.
Nicht nur das erbärmliche Auftreten der Mannschaft schmerzte. Im ausverkauften Neckarstadion befanden sich sicherlich zwischen 15.000 und 20.000 Dortmunder Fans und diese natürlich dort, wo es nicht ganz so viele Dauerkarten gibt, also beispielsweise bei uns. Da ich ohnehin einen megadicken Hals hatte und dann noch beim Dortmunder Führungstreffer viele aufsprangen und selbst zu „Steht auf, wenn ihr Dortmunder seid“ stehen blieben, zog ich es vor, ins Cancun zu gehen und dort die zweite Halbzeit anzuschauen. Das kam bei mir schon lang nicht mehr vor, dass ich noch vor der Halbzeit gegangen bin, dieses Mal aber war das Gesamtpaket ausschlaggebend, da meine Hoffnung auf eine bessere zweite Halbzeit nicht vorhanden war.
Bereut habe ich diesen Entschluss zu keiner Zeit. Es war allein der Dortmunder Schludrigkeit geschuldet, dass es ergebnistechnisch kein Debakel gab. Als Timo Baumgartl, bis dahin bester VfBler, kurz vor Schluss nach schlampigem Pass von Klein der Ball versprang und seine Rückgabe dadurch zu kurz geriet, war das Spiel ohnehin bereits so gut wie verloren, so dass ich dem Youngster keinen Vorwurf mache. Ulle hätte die Situation auch antizipieren und entschlossener herauslaufen können. Der Deckel war also drauf, daran änderte das 2:3 durch Niedermeier in der Nachspielzeit auch nichts mehr.
In der Woche tauchte im Netz eine ältere Fake-Geschichte wieder auf, die davon erzählte, Marcel Reif wäre vom DFB für Bayern-Übertragungen gesperrt worden, weil er sie immer so in den Himmel lobe und nicht neutral kommentiere. Mein spaßiger Kommentar dazu, natürlich mit einem Augenzwinkern, war, dass er dann zur Strafe die VfB-Spiele kommentieren müsse, davon Augenkrebs bekäme und mich das nicht tangieren würde, weil ich ohnehin bei jedem Spiel bin. Weit gefehlt, nun saß ich also im Cancun und musste sein Gesabber über mich ergehen lassen. Das mit dem Augenkrebs traf tatsächlich zu, er war nahezu entsetzt. „Was ist nur aus diesem VfB geworden“, „Schockstarre“, „keiner will den Ball haben“, „erbärmlich“, waren so noch die freundlichsten Vokabeln. Ganz Fußball-Deutschland wurde ganz deutlich vor Augen geführt, dass der erste Absteiger eigentlich schon feststeht. Man kann es sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie in dieser verfahrenen Situation noch eine grundlegende Wende kommen soll.
Unterm Strich stehen also weiterhin 18 Punkte nach 22 Spielen. Nach meiner Rechnung müssen noch mindestens sechs Siege her, um dem Abstieg noch entgehen zu können. Nur, gegen wen sollen die gelingen?
Die Transparente in der Kurve vor dem Spiel wie „Wadenkrampf und Bluterguss, statt Selfiescheiß im Mannschaftsbus“ oder auch „Auf geht’s Stuttgart, kämpfen ihr Nieten“ waren eine deutliche Ansage, was von der Mannschaft erwartet wird. Bereits nach dem Hoffenheim-Spiel passten ja einige Ultras die Mannschaft am Clubgelände ab und stellten sie zur Rede. Anscheinend soll dies für so manchen Spieler erleichternd gewesen sein, sich einmal konstruktiv den Frust von der Seele reden zu können und in friedlichem Rahmen abgelaufen sein. Die Zeiten auf dem Wasen werden also rauer, die Mannschaft zunehmend in die Pflicht genommen, dem Abstiegskampf alles unterzuordnen und persönliche Eitelkeiten und Befindlichkeiten beiseite zu schieben. Ich hoffe sehr, dass auch weitere Aktionen im friedlichen Rahmen verlaufen und es nicht zu Eskalationen kommt, die wir schon erlebt haben und auf die ich wirklich verzichten kann.
Nach dem Spiel spielten sich herzzerreißende Szenen in der Kurve ab, die ein engeres Zusammenrücken zwischen Team und Fans dokumentieren. Waren es doch die Fans, die die Spieler trösteten und aufmunterten und nicht etwa die Mannschaft, die uns Mut gemacht hätte. Wie die Häufchen Elend kamen die Jungs in die Kurve, offensichtlich am Boden zerstört. Es wirkte fast so, als wären sie genauso erschrocken über die indiskutable Darbietung wie wir Fans.
Gerade die Youngsters, , unsere Timos, die sich mit dem VfB sicherlich am meisten identifizieren, hatten Tränen in den Augen und machten aus ihrem Herzen keine Mördergrube, wie sehr ihnen diese Situation an die Nieren geht. Gerade für die beiden muss die Vorstellung besonders schlimm und auch lähmend sein, für alle Ewigkeit mit der dunkelsten Stunde der VfB-Vergangenheit in Verbindung gebracht zu werden. Unsere Youngster tun mir in dieser Lage am meisten Leid, da wir keine Führungsspieler haben, die sie an die Hand und wieder aufrichten können, zumindest keine, deren Leistung und Auftreten sie dazu befähigen und glaubwürdig machen würden. Aber auch ein Moritz Leitner, dem man ja zutraut, dass ihm die Situation egal ist, stand da wie ein reumütiger Bub.
Am Freitagabend merkte man deutlich wie nie zuvor, welch immenser Druck der Mannschaft lastet und auch wie ratlos sie sind, damit umzugehen. Der Schulterschluss zwischen Fans und Mannschaft scheint also vorerst vorhanden zu sein, richten müssen es aber trotzdem diejenigen, die auf dem Platz stehen. Der Unterstützung dabei können sie sich nach wie vor sicher sein, so auch am nächsten Samstag in Hannover. Ob die Situation nach Niederlagen gegen Hannover und die Berliner Hertha noch die gleiche wäre, da habe ich meine Zweifel. Es ist purer Pragmatismus der Fanszene, still zu halten und das Team nicht noch weiter zu verunsichern, was dann womöglich noch kontraproduktiv wäre.
Sportdirektor Robin Dutt zählt inzwischen öffentlich den Trainer an, indem er ihn indirekt dazu auffordert, von seiner defensiven Grundordnung abzuweichen. Natürlich ist das in der Sache richtig, denkt doch fast jeder so, aber, ob es ein geschickter Schachzug ist, Stevens öffentlich Ratschläge zu erteilen, wage ich zu bezweifeln.
Wie ich Stevens einschätze kränkt ihn das, wenn man seine Überzeugung in Frage stellt und es würde mich nicht wundern, wenn er tatsächlich demnächst den Bettel hinwerfen würde. Da er ein ehrlicher, aber auch sturer Mensch ist, könnten die Äußerungen Dutts in die falsche Richtung gehen, nämlich dass Stevens, selbst sollte er schon andere Überlegungen angestellt haben, seine taktische Ausrichtung jetzt zum Bossen nicht ändern wird, nur um nicht den Eindruck zu erwecken, sich in die Aufstellung hineinreden zu lassen.
Inzwischen habe ich Zweifel, ob die Rückholaktion Stevens‘ richtig war. Nach Vehs Rücktritt war er zwar für mich der bestmögliche Nachfolger, da mir seine Art der Mannschaftsführung in der letzten Saison gefallen hat. Zudem merkte man ja unter Veh, dass der Hurra-Stil gefährliche Defensiv-Schwächen offenbarte. Mit Stevens erhoffte ich mir eine Stabilisierung der Defensive, aber natürlich nicht um den Preis, dass man sich sämtlicher Offensiv-Qualitäten berauben würde.
Maurizio Gaudino hat es letzte Woche beim Fußball-Stammtisch eigentlich plausibel erklärt, dass es falsch war, Stevens zurückzuholen. Die Spieler kannten ihn, so dass keine neuen Reize gesetzt wurden und somit auch keine Aufbruchsstimmung in der Mannschaft entfacht wurde. Natürlich ist das richtig, da Veh aber zurückgetreten war und sich die Mannschaft damals noch nicht ganz so schlecht präsentierte, waren diese Punkte für mich nicht vorrangig. Damals herrschte nach Vehs überraschendem Rücktritt erst einmal eine Leere und man war froh, diesen Abgang bestmöglich und vor allem schnell kompensiert zu haben.
Ob Stevens in den nächsten Spielen, in denen es weitestgehend gegen direkte Konkurrenten geht, bereit ist, mehr Risiko zu gehen, wird sich zeigen. Wenn nicht, muss eigentlich die Notbremse gezogen werden, denn so schlittern wir unweigerlich dem Abgrund entgegen.
Unser Königstransfer Kostic ist genauso außen vor wie Alexandru Maxim. Leitner darf genauso fast immer ran wie Hlousek. Martin Harnik soll den Stoßstürmer geben, während Ginczek zu den Amateuren verbannt wurde (und trifft und trifft).
Natürlich ist jede weitere Unruhe nicht förderlich und es spräche nicht für den VfB, beschäftigte man zum zweiten Mal in Folge drei Trainer in einer Saison. Aber, den Rücktritt Vehs würde ich da nicht einmal mitzählen, weil er ja selbst den Schlussstrich gezogen hatte und „freiwillig“ ging. Hier ist dem Verein „nur“ vorzuwerfen, dass er sich offensichtlich nicht über Veh informiert hatte, ob und inwiefern er sich seit seinem Rausschmiss 2008 verändert hat. Was so heraussickert, gab es mit Veh nämlich genau die gleichen Probleme, die man ihm schon damals nachgesagt hatte.
Ich möchte wahrlich keinen Trainerwechsel herbei reden, aber, wenn eine Situation verfahren ist, wenn einige Spiele hintereinander ähnlich und ohne Weiterentwicklung oder gar Verbesserung dahinplätschern, muss eventuell die letzte Patrone noch gezogen werden, um sich am Ende nicht vorwerfen zu müssen, nicht alles versucht zu haben.
Stevens wirkte schon in Sinsheim erschreckend ratlos und wusste auch nach dem Dortmund-Spiel keine Lösungsansätze. Dass die Kader-Zusammenstellung falsch ist, dass die individuellen Fehler abgestellt gehören und dass er kein Messias ist, sprach er in die Mikrofone.
Natürlich würde sich wohl jeder Trainer der Welt an diesem Kader die Zähne ausbeißen, aber, psychologisch scheint ihm in dieser Saison das Geschick zu fehlen, das ihn in der letzten Saison noch auszeichnete.
Die aufgeführten Thesen sind Tatsachen, die man weiß und jeder sieht, mir fehlt jetzt aber DER Spieler, den er stärkt (und der es ihm dann auch mit Leistung zurückzahlt), so wie er es in der letzten Saison mit Gruezo, Didavi und auch Traore schaffte. So etwas wäre ein Impuls, den man sich von einem Trainerwechsel erhofft, dieser ist leider seit Beginn seiner zweiten Amtszeit ausgeblieben. Mit Serey Dié hat man ja jetzt DEN Spielertyp, der gefehlt hat, der kratzt und beißt, so dass man das Mittelfeld offensiver ausrichten könnte. Mit neun defensiv denkenden Spielern werden wir es kaum aus dem Keller heraus schaffen.
Wenn man sich die Sportsendungen des Wochenendes wie den Fußball-Stammtisch und auch Sky 90 zu Gemüte geführt hat, muss man feststellen, dass dieser Offenbarungseid gegen Dortmund dazu geführt hat, das kaum noch jemand einen Pfifferling auf den VfB setzen würde. Alle sind mehr oder weniger sprachlos, wie hilf- und führungslos der VfB sich derzeit präsentiert.
Dennoch ist es natürlich verfrüht den Kopf in den Sand zu stecken, auch wenn sich immer mehr Teams aus der Abstiegszone verabschieden. Das nächste Spiel in Hannover dürfte (einmal mehr) richtungsweisend werden. Zeigt die Mannschaft eine Reaktion, hat der Zuspruch der Fans diese Wirkung und wird, Originalton Dutt, Energie freisetzen oder verfällt man weiterhin in die alte Lethargie und lässt das Spiel über sich geschehen. Natürlich haben wir in den letzten Jahren dort wenig gerissen, abgesehen vom 0:0 in der Rückrunde der letzten Saison, aber, der Sieg Paderborns in Hannover vor einer Woche sollte doch Mut machen, dass wir das auch schaffen könn(t)en. Sollte der Auswärtssieg gelingen, wäre Hannover zudem ebenfalls noch dick in der Verlosung.
Früher war Hannover der Inbegriff eines „Graue-Maus-Spiel“. Ein zugiges Stadion, überschaubare Unterstützung im Gästeblock und das in einer Stadt, wo man sonst eigentlich nur vorbei fahren würde. Mittlerweile hat sich Hannover gemausert. Nicht nur, dass sie sich seit Jahren in der Liga etabliert haben, das Stadion ist nach dem Umbau richtig schön geworden und es ist mittlerweile auch ein beliebtes Reiseziel des VfB-Anhangs. Die Stimmung im Stadion ist gut, auch wenn die Ultras „ihre Erste“ derzeit boykottieren. Ich freue mich also drauf, aber, wie immer in letzter Zeit, mehr auf das Drumherum und die Leute, als auf das Spiel.

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2. Februar 2011

Der VfB erfüllt alle Abstiegskriterien

Category: Spielberichte — Tags: , , , , , , , – Franky @ 21:32

Oft ist er der spielentscheidende Joker gewesen, aber diesmal musste Martin Harnik sein Gesicht voller Scham in seinen Fingerhandschuhen vergraben. Schließlich hat der VfB-Stürmer kurz vor dem Abpfiff ein Geschenk des Freiburger Torhüters ausgeschlagen. Oliver Baumann ließ den Ball im Fünfmeterraum aus den Händen gleiten (89.) – doch Harnik schoss das Leder aus vier Metern völlig frei stehend nur an den Außenpfosten. Der VfB hat damit das Derby gegen den SC Freiburg mit 0:1 (0:1) verloren. Die Elf steckt daher auch nach dem jüngsten Aufwärtstrend mit vier Punkten gegen Dortmund und Mainz auf einem Abstiegsplatz fest. Der Abstand zum rettenden Ufer beträgt vor der Auswärtspartie am Samstag in Gladbach sechs Punkte. “Wir haben die erste Halbzeit verschlafen – und da das Spiel verloren”, sagte der VfB-Trainer Bruno Labbadia, “aber auch die vergebenen Chancen nach der Pause tun weh.” Im Vergleich zum 1:1 in Dortmund hatte es drei personelle Veränderungen gegeben: Während im Sturm Ciprian Marcia an die Seite von Pawel Pogrebnjak rückte und Sven Schipplock auf die Bank musste, ersetzte der 20-jährige Jungprofi Daniel Didavi im linken Mittelfeld Arthur Boka.

In der Innenverteidigung lief derweil Georg Niedermeier für den verletzten Kapitän Matthieu Delpierre auf. Doch es nutzte alles nichts: Der VfB kontrollierte zwar zunächst rein optisch die Partie und hatte durch einen tollen 25-Meter-Schuss von Marica auch eine gute Torchance (22.) – das 1:0 erzielten aber die cleveren Freiburger, die hinten gut standen und immer wieder schnell in die Spitze spielten. Nach einer Ballstafette über Jan Rosenthal und Maximilian Nicu kam der Ball zu Johannes Flum, der das Leder im Sechzehner stehend mit rechts flach zur SC-Führung ins Tor schoss (24.). Der VfB-Torwart Sven Ulreich bekam dabei vor 38600 Besuchern den Fuß nicht schnell genug an den Ball. Letztlich war gerade die erste Hälfte ein Spiegelbild des bisherigen Saisonverlaufs.

Die Personalpolitik muss hinterfragt werden

Der VfB lieferte nach engagiertem Beginn eine spielerisch äußerst dürftige Vorstellung ab. Zu den vielen technischen Mängeln gesellte sich ein wenig durchdachtes Aufbauspiel. So reichte es für die Stuttgarter abermals nicht, ein kompakt stehendes Team, wie es diesmal die Freiburger stellten, zu gefährden. “Unsere Spieler agieren wie gelähmt, sind übernervös”, sagte der VfB-Präsident Erwin Staudt zur Pause. Deutlich zu erkennen war überdies, dass das fußballerische Element – einst die Stärke des VfB – im aktuellen Team total verkümmert ist. Vor dem Hintergrund, dass die Elf mit dem Brustring qualitativ vielleicht nicht viel besser ist, als es die Ergebnisse aussagen, ist auch die Personalpolitik des Clubs in der Winter-Transferperiode zu hinterfragen. Wäre es nicht besser gewesen, die Elf mit mehreren neuen Spielern aufzurüsten, um den Spielfluss zu beleben? Immerhin war den VfB-Akteuren gegen den SC Freiburg der Wille erneut nicht abzusprechen.

Doch Tugenden wie Geschlossenheit und Disziplin allein werden wohl nicht ausreichen, um im Abstiegskampf zu bestehen. Auch nach dem Wechsel spielte der VfB zwar gefällig, aber in seinen Aktionen nicht zwingend. So mussten sich die Gäste aus Baden nicht übermäßig mühen, um ihre 1:0-Führung zu verwalten. Ein Beispiel, wie wenig kreativ der VfB zu Werke ging, gab es in der 67. Minute zu sehen: Da drosch Pawel Pogrebnjak nach einem Foul von Heiko Butscher an Martin Harnik einen Freistoß aus zentraler Position 16 Meter vor dem SC-Tor ideenlos in die Mauer. Ehe Martin Harnik die Riesenchance zum 1:1-Ausgleich vergab, war der eingewechselte Schipplock an dem Torwart Baumann gescheitert (75.). Dann hatte der VfB Pech, als Butscher nach einem Schuss von Timo Gebhart im Strafraum den Ellenbogen ausfuhr. Denn der Schiedsrichter Jochen Drees ahndete das Handspiel nicht. “Dass das Elfmeter ist, sieht doch jeder”, ärgerte sich Labbadia, “aber wir müssen uns erst an die eigene Nase fassen.”

Stuttgart

Ulreich – Funk (60. Harnik), Tasci, Niedermeier, Molinaro – Gentner, Träsch, Kuzmanovic, Didavi (46. Gebhart) – Pogrebnjak, Marica (71. Schipplock).

Freiburg

Baumann – Mujdza, Barth, Butscher, Bastians – Makiadi – Putsila, Flum (85. Toprak), Rosenthal (64. Caligiuri – 90. Jendrisek), Nicu – Cissé. Schiedsrichter Drees (Münster-Sarmsheim).

Tor

0:1 Flum (24.).

(STZ online 30.1.11)

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