23. Mai 2016

Tabularasa auf dem Wasa!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 10:09

Heute jährt sich der in Paderborn geschaffte Klassenerhalt zum ersten Mal. Eigentlich sollte sich dieser 23.05.2015 in die VfB-Annalen eingebrannt haben, als jener Tag, an dem das Unvorstellbare, nämlich der Abstieg in die 2. Liga, gerade noch so abgewandt wurde und als der Tag, der den Beginn in eine glorreiche Zukunft markierte.

Jetzt wissen wir hingegen, schlimmer geht immer. Erst hatten wir kein Glück, dann kam Pech hinzu, dann kam Kramny, mit ihm Niedermeier und mit ihm wiederum erfuhren auch die anderen Gesichter des jahrelangen schleichenden Niedergangs ihre Renaissance.

Die Alarmsignale, die sanft schon beim unglücklichen 1:2 gegen Hannover ausgesandt wurden, und beim 0:4 in Mönchengladbach deutlicher wurden, wurden schlichtweg ignoriert. Man ergötzte sich am zwischenzeitlichen 5:1 gegen Hoffenheim, das uns an diesem Tag böse ins offene Messer lief und eigentlich nicht als Maßstab herhalten durfte. Dies war dann auch schon der letzte Saisonsieg, wohl auch der Tatsache geschuldet, dass man sich auf der sicheren Seite wähnte und danach Punkteteilungen in Ingolstadt und Darmstadt schon fast frenetisch gefeiert wurden, wie glücklich sie auch zustande kamen.
Entgegen der Beteuerungen von Robin Dutt auf seiner Saisonabschluss-Pressekonferenz des Vorjahres, dass die Zeiten einer One-Man-Show vorbei zu sein hätten, war gerade er das einzige Gesicht eines Verantwortlichen, der dem immer rasanter werden Absturz versuchen hätte müssen, Herr zu werden. Auch wenn ich die Kompetenz eines Robin Dutt schon vor seiner Verpflichtung in Frage gestellt hatte, war er weit und breit der einzige, dem man wenigstens eine solche unterstellen durfte.

Dutt jedoch ließ es einfach laufen, obwohl es immer offensichtlicher wurde, dass Kramny die Mittel fehlten, den Absturz zu stoppen und eine Kehrtwende herbeizuführen. Hier hätte es längst eines Impulses von außen bedurft, doch diese Notwendigkeit wurde schlicht ignoriert, so dass am Ende das Unvermeidliche, nämlich der Abstieg eintrat.

An den Tagen nach dem besiegelten Abstieg in Wolfsburg ging es turbulent zu auf dem Wasen. Kramnys Vertrag galt ohnehin nur für die Bundesliga. Präsident Wahler, der irgendwann auch mitbekommen zu haben schien, dass wir abgestiegen waren, trat zurück und Robin Dutt wurde folgerichtig seines Amtes enthoben. Hier zeigte sich der Aufsichtsrat, wenn auch „nur“ mittels Telefonkonferenzen und viel zu spät, handlungsfähig und legte den Grundstein für einen Neuanfang.

Am gleichen Tag, an dem die Trennung von Robin Dutt verkündet wurde, wurde mit Jos Luhukay auch schon der neue Trainer vorgestellt. Es mutet äußerst untypisch an, dass der Trainer vor einem Sportdirektor verpflichtet wird, und vor allem stellt sich die Frage, wer den Trainer ausgesucht und nach welchen Kriterien man den Daumen für Luhukay hob.

Das obligatorische Foto zur Trainer-Vorstellung war schon seltsam, waren dort doch die noch verbliebenen Herrschaften im Vorstand, Heim und Röttgermann, mit Luhukay abgelichtet. Der Buchhalter und der Trikotverkäufer also, um es salopp auszudrücken, werden es ja wohl kaum gewesen sein, die darüber zu befinden hatten, ob Luhukay ein geeigneter Mann ist, ob er mit einem zukunftsfähigen Konzept antritt und ob er zum VfB passt.

In der Vereinsführung herrscht das absolute Sportkompetenz-Vakuum, das einem Angst macht. Angst vor einer wenig durchdachten Entscheidung in der Sportdirektor-Frage, Angst auch vor einer falschen, weil unter Zeitdruck gefällten Entscheidung.

Für mich ist zumindest mal Luhukay nicht die schlechteste und sogar eine logische Wahl. Er kennt die 2. Liga aus dem Effeff, weiß, wie Aufstieg geht und welche Tugenden im Unterhaus notwendig sind. Mit Mönchengladbach, dem FC Augsburg und Hertha BSC ist er ebenso bereits aufgestiegen, wie als Co-Trainer von Huub Stevens mit dem 1. FC Köln. Da der VfB alles auf die Karte Aufstieg setzen muss, ist mir in dieser Situation ein solider Handwerker lieber als ein verquerer Visionär mit hohem Risikopotential. Bei Luhukay weiß man, was man kriegt, was in der Situation, in die sich der Verein hinein manövriert hat, existentiell wichtig ist.

Er wird dieser „Mannschaft“ das Laissez-faire austreiben und ihr jene Tugenden vermitteln, die es braucht, um in der 2. Liga zu bestehen. Er ist „der kleine General“, was mir Hoffnung macht, dass er mit eisernem Besen durch den Kader fährt und bei jenen, die da bleiben und neu dazu kommen, das Hauptaugenmerk darauf legen wird, wie kampf- und leistungsbereit sind und ob sie ihre eigenen Befindlichkeiten dem gemeinsamen Ziel Wiederaufstieg unterzuordnen bereit sind. Elementar wichtig ist dabei, schnell zu einer Einheit zusammenzuwachsen und eine neue Hierarchie zu entwickeln.

Luhukay kennt diese Situation und weiß, auf was es ankommt. Bis zum Trainingsauftakt wird Luhukay stark sein und sich etliches Videomaterial aus den letzten Saisons anschauen müssen, um zu erkennen, auf wen er weiter setzen kann und wem der Laufpass zu geben ist.

Umso dringlicher ist es jetzt, wo ohnehin schon von einem Wettbewerbsnachteil gegenüber jenen Vereinen gesprochen wird, deren Ligazugehörigkeit schon länger bekannt ist, den Kader für die 2. Liga aufzustellen.

Das ist jedoch ohne den neuen Sportdirektor, der wohl auch noch eine gewisse Einarbeitungszeit benötigen wird, ein Ding der Unmöglichkeit. Seit dem feststehenden Abstieg sind bereits neun Tage verstrichen, in denen sich weder auf der Zugangs- noch auf der Abgangsseite irgendetwas getan hat.

Je länger dieser Schwebezustand anhält, desto größer ist die Gefahr, dass Spieler, die man eigentlich gerne halten würde, auf Vereinssuche gehen und man am Ende jene behält, die den Weg für einen Neuanfang frei machen müssten.

Die ungewisse Zukunft des VfB, das Nichtvorhandensein eines Plans, wie man das Unternehmen Wiederaufstieg angehen möchte, mit welchen Spielern, was man ihnen bezahlen kann, welche Perspektive man ihnen aufzeigen kann, die noch nicht erzeugte Aufbruchsstimmung, all das sind Faktoren, die selbst jene Spieler zweifeln lassen, die man eigentlich als Fundament für den Neuaufbau vorgesehen hatte.
Tagtäglich kochen neue Gerüchte über mögliche Abgänge hoch, die mir schon jetzt, vier Wochen vor Trainingsstart, Bauchschmerzen bereiten.

Werner, Baumgartl zu Red Bull, Lukas Rupp auf die Insel und selbst der Verbleib von Maxim und Serey Dié scheint nicht mehr sicher zu sein. Es wächst die Befürchtung, dass uns gerade jene dann erhalten bleiben werden, für die es keine Interessenten gibt und die den Absturz maßgeblich zu verantworten haben.

In der Gerüchteküche treten auch schwere Management-Fehler aus der Dutt-Ära zutage. Kostic zum Beispiel, dem man völlig ohne Not im Zuge einer Gehaltserhöhung großzügig auch noch eine Ausstiegsklausel in den Vertrag schrieb, die es ihm erlauben soll, den Verein schon für eine Ablöse zwischen 10 und 15 Millionen Euro verlassen zu können, wo man bis vor ein paar Wochen noch mit mehr als 25 Millionen Euro für ihn spekulierte.

Auch die Transfervereinbarung zu Antonio Rüdiger ist lächerlich, wenn ein deutscher Nationalspieler den Verein für neun Millionen Euro Ablöse verlassen darf. Angeblich hat der BVB 24 Millionen Euro für Rüdiger geboten, was der Roma 15 Millionen Euro Gewinn bescheren würde für einen Spieler, der ihnen nicht einen Tag lang gehört hat. Natürlich muss man dabei die damaligen Umstände, Rüdigers Verletzung und das Provozieren seines Abgangs, betrachten, aber, als Verein sollte man sich eben von einem solchen Früchtchen nicht erpressen lassen. Ähnlich wie im Fall Ibišević, für den wir nach wie vor 1,8 Millionen Euro seines fürstlichen Gehalts überweisen, ging man hier den Weg des geringsten Widerstands, um ja keine Unruhe über die Wohlfühloase hereinziehen zu lassen.

Das sind alles so Vorkommnisse, die jetzt anstehenden Abfindungsverpflichtungen noch gar nicht eingerechnet, in denen klar wird, weshalb der VfB kein Geld hat.

Daran geknüpft fangen auch meine ersten Erwartungen an den neuen Sportvorstand an. Verkäufe der oben genannten Spieler, deren Verträge Gültigkeit auch für die 2. Liga besitzen, dürfen erst getätigt werden, wenn der VfB ausreichend entschädigt wird. Wenn ich bspw. lese, dass Red Bull, jetzt nach dem Abstieg, den Preis von Timo Werner auf zehn Millionen Euro drücken möchte, bekomme ich einen Hals.
Er ist einer, dem es zuzutrauen ist, dass er förmlich explodiert und das Zeug zum Nationalspieler hat, sofern er besser in Szene gesetzt wird und seine Abschlussschwäche ablegt. Einem Eigengewächs mit Potential könnte doch auch eine Perspektive im eigenen Verein aufgezeigt und anhand des Beispiels Podolski argumentiert werden, dass auch ein Schritt zurück einer großen Karriere keinen Abbruch tun muss. Es muss das Ziel sein, den Spieler zu halten, und ihn nur dann zu verkaufen, wenn das Angebot unmoralisch wird und man aus wirtschaftlicher Vernunft heraus schon nicht mehr nein sagen kann.

Dazu bedarf es eines Sportdirektors, der sein Geschäft versteht und ein gewiefter Verhandlungspartner ist und nicht einen, der schon froh ist, wenn eine Personalie „geklärt“ ist. Das kolportierte Gespann Joachim Sauer/ Stephan Schwarz hört sich für mich bei näherer Betrachtung vielversprechend an, weshalb ich hoffe, dass da etwas dran ist und beide schon bald an den VfB gebunden werden können.
Sauer hat noch ein Jahr Vertrag bei Red Bull Salzburg, ihn könnte es jedoch als gebürtigen Reutlinger zurück in die Heimat ziehen. Er wäre ein erfahrener Mann, der schon bei Hertha BSC die rechte Hand von Dieter Hoeneß war und auch in Wolfsburg im Management tätig war. Der aus Kirchheim/ Teck stammende Stephan Schwarz hingegen war bereits für den VfB tätig und gilt als Entdecker von Gomez und Sami Khedira, lotste Bordon und Delpierre zum VfB und entdeckte für Hoffenheim Roberto Firmino. Er steht noch für den FC Augsburg in Lohn und Brot und ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Scouting in Augsburg wesentlich besser funktioniert als beim VfB und die bayerischen Schwaben uns mittlerweile eindeutig den Rang abgelaufen haben.

Während die Sportdirektor-Suche Dringlichkeitsstufe eins besitzt, läuft nebenher auch die eines neuen Präsidentschaftskandidaten. Bei dieser muss der VfB mittlerweile schon sehr verzweifelt sein, wenn ernsthaft Namen wie der von Guenther Oettinger oder auch Bernd Hoffmann, ehemals HSV-Präsident, in den Ring geworfen werden. Bei allem Respekt für Hoffmann, in dessen Amtszeit eine durchaus sportlich erfolgreiche Zeit der Rauten fiel, sollte der Präsident meiner Meinung nach, anders als der Sportdirektor, den Verein schon im Herzen tragen und in ihm nicht „nur“ einen Arbeitgeber sehen.

Auf dem Präsidentenstuhl favorisiere ich eher eine Lösung mit Karl Allgöwer, wenn er denn beruflich abkömmlich wäre und dem VfB mehr als bisher helfen möchte. Ein Präsident ist für mich in erster Linie Repräsentant des Vereins und oberster Wächter, der auch mahnend in Erscheinung treten sollte. Für das Tagesgeschäft hat er in allen Bereichen seine Lakaien, denen er nicht unbedingt auch noch ins Handwerk pfuschen muss. Wahler missverstand seine Aufgaben, indem er seinen Untergebenen blind vertraute und ihr Tun nicht ausreichend hinterfragte. Allgöwer wäre einer, der schon immer gegen alle Widerstände seine Standpunkte vertrat und ein gutes Gespür dafür hat, woran es beim VfB schon seit Jahren krankt. Daher wäre es zu schön, um wahr zu sein, ginge er endlich in die Verantwortung und machte es besser.

Gerade jetzt, am Tiefpunkt, wäre es wünschenswert, wenn sich ehemalige Vereinsikonen mehr als bisher im Verein einbringen und mithelfen würden, den VfB wieder dorthin zu bringen, wo er hingehört, nämlich in die Bundesliga.

Die 2. Liga, so sehr ich mich persönlich darauf freue, darf für den VfB nur Durchgangsstation sein. Im ersten Jahr muss alles auf die Karte Wiederaufstieg gesetzt werden, da durch eine Übergangsregelung die Fernsehgelder noch gehaltvoller sprudeln als für die anderen Zweitligisten und auch der Kader erstklassiger bestückt sein sollte, als, wenn man einmal in der 2. Liga festsitzt.

Daher darf man nicht sämtlichen Verlockungen erliegen, gute Spieler loszuwerden, nur weil diese sich zu höherem berufen fühlen und ein paar Euro fünfzig in die Kasse spülen. Es gilt in erster Linie diejenigen von der Gehaltsliste zu bekommen, deren Verträge auslaufen, namentlich Schwaab, Niedermeier, Harnik und solche, die mehr die Klappe aufreißen, als Argumente auf dem Platz zu liefern (z. B. Klein).
Diese stehen, wie auch Gentner, dessen Vertrag unnötigerweise bereits verlängert wurde, für den mangelnden Erfolgshunger und die Bequemlichkeit der letzten Jahre. Abgänge dieser Spieler würden die Mentalität der Truppe nachhaltig verändern und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schüren.

Lassen sich die Neuen von diesen Leuten einlullen und schenken ihren Worten Glauben, dass sie gerne mithelfen würden, den Karren wieder flott zu bekommen, hätten wir bereits verloren und müssten uns notgedrungen auf ein „Weiter so“ einstellen. Hier müssen der neue Sportdirektor und Jos Luhukay nach ihrer Überzeugung handeln und dürfen auf Attribute wie Vereinstreue nichts geben. Die Gesänge „außer Kevin könnt ihr alle gehen“ und „ihr macht uns lächerlich“ sollten bei den anstehenden Personalentscheidungen unbedingt Gehör finden und vor allem verdeutlichen, dass uns keiner dieser Versager so sehr ans Herz gewachsen ist, dass es einen Aufschrei geben würde, wenn die eine oder andere langjährige „Stütze“ leise Servus sagen würde.

Je länger die Sportdirektor-Suche andauert, je länger niemand im Verein dazu imstande ist, Spielern, die es lohnen würde, zu halten, Perspektiven aufzuzeigen und ihnen schwarz auf weiß zu belegen, dass sie auch von ihrem 2. Liga-Gehalt zwei Mal am Tag warm essen könnten, desto größer ist die Gefahr, das sich diese nach neuen Vereinen umsehen. Die Außendarstellung des Vereins ist einmal mehr erbärmlich, man hat das Gefühl führungslos da zu stehen.

Aufsichtsräte, deren berufliche Verpflichtungen es nur zulassen, den VfB „nebenher“ zu führen, Vorstände, die eigentlich für Finanzen und Marketing zuständig sind und ein Ehrenrat, im dem sich zwar mit Ohlicher und Buchwald Sportkompetenz befindet, der jedoch bislang lediglich angehört wurde, aber noch nie wirklich etwas zu melden hatte. Da fällt es schwer, Zutrauen aufzubringen, dass die richtigen Weichen in eine erfolgreichere Zukunft gestellt werden.

Dabei wäre es jetzt gerade eminent wichtig, eine positive Stimmung zu erzeugen und der VfB-Familie Hoffnung zurückzugeben, nicht zuletzt auch wegen des in Kürze startenden Dauerkartenverkaufs.

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