2. Februar 2011

Der VfB erfüllt alle Abstiegskriterien

Category: Spielberichte — Tags: , , , , , , , – Franky @ 21:32

Oft ist er der spielentscheidende Joker gewesen, aber diesmal musste Martin Harnik sein Gesicht voller Scham in seinen Fingerhandschuhen vergraben. Schließlich hat der VfB-Stürmer kurz vor dem Abpfiff ein Geschenk des Freiburger Torhüters ausgeschlagen. Oliver Baumann ließ den Ball im Fünfmeterraum aus den Händen gleiten (89.) – doch Harnik schoss das Leder aus vier Metern völlig frei stehend nur an den Außenpfosten. Der VfB hat damit das Derby gegen den SC Freiburg mit 0:1 (0:1) verloren. Die Elf steckt daher auch nach dem jüngsten Aufwärtstrend mit vier Punkten gegen Dortmund und Mainz auf einem Abstiegsplatz fest. Der Abstand zum rettenden Ufer beträgt vor der Auswärtspartie am Samstag in Gladbach sechs Punkte. “Wir haben die erste Halbzeit verschlafen – und da das Spiel verloren”, sagte der VfB-Trainer Bruno Labbadia, “aber auch die vergebenen Chancen nach der Pause tun weh.” Im Vergleich zum 1:1 in Dortmund hatte es drei personelle Veränderungen gegeben: Während im Sturm Ciprian Marcia an die Seite von Pawel Pogrebnjak rückte und Sven Schipplock auf die Bank musste, ersetzte der 20-jährige Jungprofi Daniel Didavi im linken Mittelfeld Arthur Boka.

In der Innenverteidigung lief derweil Georg Niedermeier für den verletzten Kapitän Matthieu Delpierre auf. Doch es nutzte alles nichts: Der VfB kontrollierte zwar zunächst rein optisch die Partie und hatte durch einen tollen 25-Meter-Schuss von Marica auch eine gute Torchance (22.) – das 1:0 erzielten aber die cleveren Freiburger, die hinten gut standen und immer wieder schnell in die Spitze spielten. Nach einer Ballstafette über Jan Rosenthal und Maximilian Nicu kam der Ball zu Johannes Flum, der das Leder im Sechzehner stehend mit rechts flach zur SC-Führung ins Tor schoss (24.). Der VfB-Torwart Sven Ulreich bekam dabei vor 38600 Besuchern den Fuß nicht schnell genug an den Ball. Letztlich war gerade die erste Hälfte ein Spiegelbild des bisherigen Saisonverlaufs.

Die Personalpolitik muss hinterfragt werden

Der VfB lieferte nach engagiertem Beginn eine spielerisch äußerst dürftige Vorstellung ab. Zu den vielen technischen Mängeln gesellte sich ein wenig durchdachtes Aufbauspiel. So reichte es für die Stuttgarter abermals nicht, ein kompakt stehendes Team, wie es diesmal die Freiburger stellten, zu gefährden. “Unsere Spieler agieren wie gelähmt, sind übernervös”, sagte der VfB-Präsident Erwin Staudt zur Pause. Deutlich zu erkennen war überdies, dass das fußballerische Element – einst die Stärke des VfB – im aktuellen Team total verkümmert ist. Vor dem Hintergrund, dass die Elf mit dem Brustring qualitativ vielleicht nicht viel besser ist, als es die Ergebnisse aussagen, ist auch die Personalpolitik des Clubs in der Winter-Transferperiode zu hinterfragen. Wäre es nicht besser gewesen, die Elf mit mehreren neuen Spielern aufzurüsten, um den Spielfluss zu beleben? Immerhin war den VfB-Akteuren gegen den SC Freiburg der Wille erneut nicht abzusprechen.

Doch Tugenden wie Geschlossenheit und Disziplin allein werden wohl nicht ausreichen, um im Abstiegskampf zu bestehen. Auch nach dem Wechsel spielte der VfB zwar gefällig, aber in seinen Aktionen nicht zwingend. So mussten sich die Gäste aus Baden nicht übermäßig mühen, um ihre 1:0-Führung zu verwalten. Ein Beispiel, wie wenig kreativ der VfB zu Werke ging, gab es in der 67. Minute zu sehen: Da drosch Pawel Pogrebnjak nach einem Foul von Heiko Butscher an Martin Harnik einen Freistoß aus zentraler Position 16 Meter vor dem SC-Tor ideenlos in die Mauer. Ehe Martin Harnik die Riesenchance zum 1:1-Ausgleich vergab, war der eingewechselte Schipplock an dem Torwart Baumann gescheitert (75.). Dann hatte der VfB Pech, als Butscher nach einem Schuss von Timo Gebhart im Strafraum den Ellenbogen ausfuhr. Denn der Schiedsrichter Jochen Drees ahndete das Handspiel nicht. “Dass das Elfmeter ist, sieht doch jeder”, ärgerte sich Labbadia, “aber wir müssen uns erst an die eigene Nase fassen.”

Stuttgart

Ulreich – Funk (60. Harnik), Tasci, Niedermeier, Molinaro – Gentner, Träsch, Kuzmanovic, Didavi (46. Gebhart) – Pogrebnjak, Marica (71. Schipplock).

Freiburg

Baumann – Mujdza, Barth, Butscher, Bastians – Makiadi – Putsila, Flum (85. Toprak), Rosenthal (64. Caligiuri – 90. Jendrisek), Nicu – Cissé. Schiedsrichter Drees (Münster-Sarmsheim).

Tor

0:1 Flum (24.).

(STZ online 30.1.11)

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 10.0/10 (1 vote cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)
31. Dezember 2010

2:4 in Bern: Der VfB versinkt im Schneechaos

Fredi Bobic sieht aus wie ein begossener Pudel. Leise rieselt der Schnee, leise und unaufhörlich. Bobic wird nass. “Da kann man nichts machen. Die Zeiten sind eben ungemütlich”, sagt der Manager des VfB Stuttgart. Zuvor hatte er miterleben müssen, wie seine Elf bei Young Boys Bern mit 2:4 verlor. “Die Jungs haben sich selbst um den Lohn gebracht”, sagt Bobic. Dabei war das Ergebnis an diesem Abend aber sowieso Nebensache.

Denn wohl nur ganz selten in der Vereinsgeschichte hat ein internationales Pflichtspiel stattgefunden, das so bedeutungslos war wie jenes am Mittwochabend. Erstens war schon vor dem Anpfiff klar, dass der VfB in der Europa League überwintern würde und auch in der nächsten Runde im Februar noch im Rennen ist. Und zweitens gilt die Konzentration ohnehin dem Abstiegskampf in der Bundesliga, wo die Lage vor dem baden-würrtembergischen Derby am Samstag gegen Hoffenheim bedrohlich ist. “Das wird eine heiße Kiste”, sagt Bobic, “wir brauchen die Punkte unbedingt.”

Wenn die Partie in Bern angesichts dessen einen Sinn hatte, dann den, dass einige Reservisten die Gelegenheit erhielten, auf sich aufmerksam zu machen – speziell Zdravko Kuzmanovic, Pawel Pogrebnjak und Mauro Camoranesi. Die äußeren Umstände machten den Auftritt zwar zu einem Muster ohne große Aussagekraft. Das Fazit lautet aber dennoch, dass der zweikampfschwache Camoranesi trotz einiger gelungener Aktionen seine Chance nicht nutzte. Dagegen bemühten sich Kuzmanovic und Pogrebnjak zumindest.

Die Gewinner waren jedoch die Spieler, die der Trainer Jens Keller zur Schonung für Hoffenheim zu Hause gelassen hatte, etwa Cacau, Matthieu Delpierre und Christian Träsch. Sie saßen im Trockenen. Vor dem Fernseher dürften sie sich an einen alten Schlager von Roy Black erinnert gefühlt haben: “Ganz in Weiß”. Starker Schneefall sorgte dafür, dass der Schiedsrichter Alon Yefet die Partie mit einer halbstündigen Verspätung anpfiff. Der Platz musste erst geräumt werden. Zudem steckten viele Fans noch im Stau.

Neben den Spielern in der Heimat gab es beim VfB aber auch noch einen Gewinner: Michael Meusch, den Zeugwart. In weiser Voraussicht hatte er Petroleum eingepackt. Damit bestrich er die Sohlen der Kickstiefel – und verhinderte, dass der Schnee haften blieb. So waren die Spieler wenigstens einigermaßen standfest.

Gutes Sitzfleisch brauchten sie später auch. Denn wegen des Wintereinbruchs konnte die Chartermaschine des Clubs nach der Partie nicht wie geplant in Bern starten. Eine weitere Hotelübernachtung hatte der VfB nicht gebucht. So musste er schließlich mit dem Mannschaftsbus zurück nach Stuttgart fahren. Unterwegs konnten sich die Profis dann auch über ihren Auftritt unterhalten. Es hatte schlecht begonnen für den VfB, mit einem Lattentreffer für Bern durch Lulic (2.). Aber in der Folge hatten beide Mannschaften unter den Verhältnissen auf dem eigentlich unbespielbaren Platz zu leiden. Willkommen zum Schneewalzer von Bern. Nach 30 Minuten kamen die Räumfahrzeuge wieder zum Einsatz. Einige Helfer kehrten den Schnee von den Linien. Sogar Marc Ziegler griff zum Besen. Von der Haupttribüne aus war die Gegentribüne nicht zu erkennen. Bei minus drei Grad gingen zwischendurch auch noch ein paar Dachlawinen ab.

Solche Bilder sah man bei einem VfB-Spiel noch nie. Nicht neu waren dagegen die Abwehschwächen. Davon profitierte David Degen, der die Young Boys in Führung brachte (35.). Nach der Pause steigerte sich der VfB jedoch. Pogrebnjak erzielte den Ausgleich (48.). Dann schlug der eingewechselte Sven Schipplock zu. 93 Sekunden war er auf dem Feld, als er einen Pass von Camoranesi zum 2:1 nutzte. Aber es reichte nicht. In vier Minuten schossen Sutter (78.) und Mayuka (81., 82.) auch die Young Boys in der Europa League weiter. “Da haben wir geschlafen”, sagt Bobic. Es war also wie zuletzt in der Bundesliga. Der VfB war bedient, aber es könnte noch schlimmer kommen. Denn bei einer Niederlage am Samstag gegen Hoffenheim würde Fredi Bobic erneut wie ein begossener Pudel dastehen – ganz unabhängig vom Wetter übrigens.

Bern:

Wölfi – Sutter, Nef, Affolter, Jemal – Pascal Doubai (67. Marco Schneuwly), Spycher – David Degen, Costanzo (56. Christian Schneuwly), Lulic (73. Regazzoni) – Mayuka.

VfB Stuttgart:

Ziegler – Philipp Degen (69. Funk), Bicakcic, Niedermeier, Molinaro – Bah – Kuzmanovic, Camoranesi – Elson – Pogrebnjak (66. Schipplock), Harnik (74. Didavi).

Schiedsrichter:

Yefet (Israel).

Zuschauer:

18.627.

Tore:
1:0 Degen (35.), 1:1 Pogrebnjak (48.), 1:2 Schipplock (68.), 2:2 Sutter (78.), 3:2 Mayuka (81.), 4:2 Mayuka (82.).

(STZ online 2.12.2010)

VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 2.0/10 (1 vote cast)
VN:F [1.9.7_1111]
Rating: 0 (from 0 votes)