5. März 2012

Aus-, Aus-, Auswärtssieg!

Samstagnacht 4 Uhr in Stuttgart. Der Wecker klingelt und es heißt Aufstehen. Aufstehen für den VfB, aufstehen für die gut 660 Kilometer nach Hamburg, aufstehen, um den um 5.51 Uhr startenden ICE zu erreichen. Aufstehen für die Tour in meine Lieblingsstadt! Aufstehen für Hamburg, und das zum zweiten Mal innerhalb von 6 Tagen. Aber auch Aufstehen für den Auswärtssieg?

Wer’s glaubt, wird selig. Seit Ende September gab es keinen Auswärtssieg mehr. Mit Ausnahme des 2:2 in Leverkusen setzte es auswärts fast nur noch Niederlagen. So hielt sich mein Optimismus an diesem noch dunklen Samstagmorgen schwer in Grenzen. Woher also die Motivation nehmen, aufzustehen? Diese Frage stellt sich ein Fan gewöhnlich nicht, will man doch dabei sein, wenn sein Verein antritt. Als Fan malt man aber auch nicht schwarz, sondern hofft darauf, dass jede (Negativ-) Serie auch einmal ein Ende haben wird. Dazu kommt natürlich, dass bei so einer Tour der Spaß neben dem Fußball auch nicht zu kurz kommt. Dass wir in Hamburg einige Bekannte treffen würden, war ausgemachte Sache. Zufall war es aber, dass wir schon am Hauptbahnhof Stuttgart einige Freunde trafen, mit denen wir die komplette Fahrt in den hohen Norden schon feuchtfröhlich im Bistrowagen der Deutschen Bahn verweilten, so dass die Zeit wie im Flug, ähm Zug, verging. Um 11.34 Uhr erreichten wir pünktlich den Hamburger Hauptbahnhof, von wo aus wir die vorab gecheckte Verbindung mit der U3 bis zur Station „St. Pauli“ nahmen und alsbald in unserem Hotel, dem Holiday Inn Express Reeperbahn, einchecken konnten. Noch einen kurzen Snack im Maredo auf der sündigen Meile eingeworfen und wir machten uns auch schon auf den Weg zur Imtech-Arena, wie das Volksparkstadion neuerdings heißt. Gegen 14 Uhr trafen wir dort ein und überlegten gerade, ob wir schon rein gehen sollten, als die Ultras mit ihren Fahnen und Doppelhaltern um die Ecke kamen. Dies war dann Anlass genug, noch schnell hinein zu huschen, da sich deren Einlass erfahrungsgemäß zeitlich in die Länge zieht. Drinnen trafen wir dann gleich einige Mädels und Jungs vom OFC Roter Brustring Hamburg (RBHH), die schon fast traditionell zu „ihrem“ Heimspiel im Anschluss an das Spiel eine Barkassenfahrt auf der Elbe, inklusive Transfer vom Stadion zum Anleger, veranstalten. Zum dritten Mal in Folge habe ich uns dafür angemeldet. Lustig fand ich ja die Anekdote, dass die OFC-Mitglieder sich beim Einlass rechtfertigen mussten, weil sie „Hamburg“ in ihrem Logo haben und der Ordnungsdienst sie wohl am liebsten zu den Heimfans gesteckt hätte. Je näher der Spielbeginn rückte, desto mehr Bekannte trafen ein, so dass die Zeit rasend schnell um ging und wir uns langsam mal einen guten Platz im Stehblock suchen mussten. Relativ weit oben noch hörte ich es nach uns rufen, so dass wir uns gleich zu unseren Berkheimern gesellten. Im Stehblock war es natürlich wieder schwierig, vernünftige Fotos von unseren Ultras zu machen. Das nahm ich aber in Kauf, da vernünftige Geradentickets kaum unter 60 Euro zu haben waren und die auch wesentlich teureren Plätze über und neben dem Fanblock keinen besonderen Mehrwert diesbezüglich geboten hätten.

Gut elf Stunden nach dem Aufstehen, blickten wir also auf das weite Rund hinab und ich erinnerte mich daran, welch enttäuschende Vorstellungen der VfB in den vergangenen Jahren an gleicher Stelle abgeliefert hatte. Die letzten vier Vergleiche wurden allesamt verloren, wobei mir zwei davon in besonders schlechter Erinnerung sind. Als Meister setzte es 2007 eine herbe 1:4 Schlappe, der VfB in Gelb-Schwarz und mit einem gewissen R. S. aus N. im Kasten, der es unnachahmlich verstand, völlig hirn- und planlos durch seinen Strafraum zu irren, so dass auch der abgeklärteste Abwehrspieler dessen Welt nicht verstand. Gut, sagte ich mir schon damals, ohne Torwart verliert man auch in Hamburg… In der letzten Saison dann als unser rumänischer, noch von Heldt und Veh per DVD-Studium gesichteter und verpflichteter, „Wunderstürmer“ Ciprian Marica schon nach 16-Minuten Schiri Stark mit dem A-Wort bedachte und des Feldes verwiesen wurde. Eigentlich hat er ja Recht, dachte ich mir damals, trotzdem für einen Fan frustrierend, wenn man einmal durch fast ganz Deutschland fährt und dann auf dem Absatz wieder kehrt machen könnte, weil nach einer solchen Undiszipliniertheit in der Anfangsphase ein positives Ergebnis ziemlich unwahrscheinlich geworden war.

Zurück in der Neuzeit: als die Mannschaftsaufstellung vom VfB verlesen wurde, atmete ich zunächst auf, dass der VfB gegenüber dem Sieg gegen Freiburg unverändert antrat. Aufatmen deshalb, weil ich hoffte, dass Labbadia auch nach dem Ablauf von Molinaro’s Rotsperre Gotoku Sakai in der Mannschaft lassen würde. Dieser mausert sich immer mehr zu einer echten Verstärkung und harmoniert prächtig mit Shinji Okazaki auf der linken Seite. Ansonsten bestand auch wenig Grund zu tauschen, was bedeutete, dass Georg Niedermeier trotz Rippenprellung spielen konnte und Cacau, trotz Treffer in der Woche im Länderspiel gegen Frankreich, abermals auf der Bank saß.

Der VfB begann äußerst konzentriert und war zunächst einmal auf Sicherheit bedacht. Die ersten Chancen vergab Hajnal für den VfB, während die VfB-Abwehr sicher stand und nicht zu durchbrechen war.  Nach 20 Minuten begannen wir schon den Teufel an die Wand zu malen. Der VfB hatte auch in einigen zurückliegenden Auswärtsspielen ganz gefällig angefangen und brach nach einem Gegentor dann auseinander. Anders jedoch jetzt in Hamburg. Mitte der zweiten Halbzeit brachte uns Vedad Ibisevic mit einer Klasseaktion in Führung. Wer jetzt wütende und stürmende Hamburger erwartete, wurde enttäuscht, der VfB erspielte sich weitere Chancen und erhöhte nur 8 Minuten nach dem 1:0 durch Kuzmanovic per Elfmeter auf 2:0. Der einzige Aufreger aus VfB-Sicht erfolgte erst kurz vor dem Pausenpfiff, als der HSV einen Freistoß in aussichtsreicher Position zugesprochen bekam. Ulreich hatte aber mit Petric‘ Schüsschen keine Problem. So konnten wir mit einer beruhigenden Führung das Pausenbier genießen, so richtig trauen wollte dem Braten aber noch niemand. Man kennt ja den VfB. Doch dieser kam auch mit Elan aus der Pause. Rajkovic, der schon den ersten Elfer verursachte, legte Harnik elfmeterreif im Strafraum. Kuzmanovic verwandelte auch den zweiten Elfer sicher, so dass eigentlich nichts mehr anbrennen sollte.

In der 54. Minute dann schließlich die endgültige Entscheidung in diesem einseitigen Spiel. Sven Ulreich sprintete in Richtung Eckfahne, um einen Ball abzuschirmen und ihn ins Aus trudeln zu lassen, als plötzlich wie von einer Tarantel gestochen Paulo Guerrero angerauscht kam und ihn aufs übelste abgrätschte. Schon im Stadion hatte man gesehen, dass der Peruaner vorsätzlich eine schwere Verletzung unseres Keepers in Kauf genommen hat. In Anbetracht der Eskapaden dieses Skandal-Spielers ringt sich das Sportgericht hoffentlich zu einem äußerst harten Urteil durch und zieht Guerrero für eine lange Zeit aus dem Verkehr. Fürs erste ist ein Strafmaß von acht Spielen gefordert, gegen das der HSV Einspruch eingelegt hat. Der HSV versucht das brutale Einsteigen zu bagatellisieren und vergleicht das Einsteigen Guerreros mit dem Platzverweis von Ottl, für das er nur drei Spiele Sperre erhielt. Dieser Vergleich hinkt allerdings gewaltig. Abgesehen davon, dass ich die drei Spiele für Ottl auch als zu wenig empfand, war bei seiner Aktion noch irgendwie der Ball in der Nähe. Außerdem war das Tackling Ottls knapp über der Grasnarbe, während Guerrero angestürmt kam und im Stile eines Weitspringers Ulreich umsenste. Wäre das getroffene Bein sein Standbein gewesen, es wäre mit Sicherheit durch gewesen und unser Ulle hätte die nächsten sechs bis neun Monate in der Reha verbringen müssen. Dass Guerrero immer wieder das Kind im Manne zeigt, beweisen seine trotzigen Aussagen nach dem Spiel „er ist ja wieder aufgestanden und hat weiter gespielt“. Das spielt beim Sportgericht nur eine untergeordnete Rolle, zumal er nicht wegen rohem Spiels sondern wegen einer Tätlichkeit gesperrt wurde. Dass Guerrero von einigen HSV-Fans noch gefeiert wurde zeugt vom Niveau dieser geistigen Tiefflieger.

Nach der Aktion war der weitere Spielverlauf fast zur Nebensache geworden. Das Ding war gelaufen, der VfB steuerte einem ungefährdeten Auswärtssieg entgegen und wir in der Kurve standen noch immer unter dem Eindruck des Brutalo-Fouls an Ulreich. Die HSV-Fans waren gar nicht mehr zu hören, es schallten nur noch VfB-Freudengesänge und hin und wieder ein mit Inbrunst gesungenes Scheiß HSV durchs Stadion. Mehr als 2.500 Brustringträger übernahmen das Kommando im Volkspark und verabschiedeten die nach Hause eilenden Rauten mit einem freundlich gemeinten „Auf Wiedersehen“. Der VfB derweil erspielte sich Chance um Chance, am Ende laut Kicker-Statistik 0:10, und hätte weitaus höher gewinnen können. Einer ging dann doch noch rein: Martin Harnik, derzeit bester Torjäger der Rückrunde, trug sich auch noch in die Torschützenliste ein und vollendete zum auch in dieser Höhe völlig verdienten 0:4, seinem 14. Saisontor.

Schrieb ich letzte Woche noch, dass man die Saison eigentlich langsam ausklingen lassen kann, sind jetzt plötzlich die Europa League Plätze in Reichweite. Sollte Fürth im Pokalhalbfinale an Dortmund scheitern, was ja nicht komplett ausgeschlossen ist, dürfte bereits der siebente Tabellenplatz zur Europa League Teilnahme reichen. Drei Punkte trennen uns von Hannover, vier von Bremen auf dem 6. Platz. Und, diese beiden treffen am Wochenende aufeinander, was bedeutet, dass wir, vorausgesetzt eines eigenen Sieges gegen Kaiserslautern, aufgrund des besseren Torverhältnisses Hannover überholen könnten, sollten die in Bremen verlieren. Verrückt, wie schnell das mit der 3-Punkte-Regelung geht. Vor 2 Wochen sah ich uns noch bis zum Ende gegen den Abstieg spielen, da sich eine unterirdische Leistung an die nächste reichte. Plötzlich, 17 Tore aus den letzten fünf Spielen, sind wir die Torfabrik der Liga. Eigentlich bin ich ja kein großer Freund der Europaleague. Die Reisen haben zwar schon ihren Reiz, die vielen Sonntagspiele nerven aber und als Tabellensiebenter würde man sicherlich bereits schon im Juli gegen den Meister aus Kasachstan um den Einzug in die nächste Qualifikationsrunde kämpfen, was eine vernünftige Saisonvorbereitung erschweren und ein richtiges Trainingslager, in dem alle Nationalspieler mit von der Partie sind, unmöglich machen würde. Andererseits hat der Umstand früh schon Wettbewerbsspiele zu haben manchen Mannschaften auch schon genutzt. Scheint also auch eine Kopfsache zu sein. Dem VfB unter Christian Gross hat eine solche Vorbereitung vor zwei Jahren nicht gut getan. Aber natürlich stehen die Chancen jetzt recht gut, angesichts der kommenden Gegner Lautern, in Sinsheim und gegen den Club. Und, der VfB macht mittlerweile wieder einen stabileren Eindruck als noch vor ein paar Wochen. Wird diese Stabilität in die nächsten Wochen mitgenommen, steigert sich auch das Selbstvertrauen des Teams, was Hoffnung auf weitere Heldentaten macht. Hamburg war jedenfalls eine wunderschöne Heldentat, auch aus dem Grund, dass wir damit unseren Freunden, die dem FC St. Pauli nahe stehen, eine riesen Freude machen konnten.

Nach dem Spiel ging es dann bestens gelaunt Richtung Bus des RBHH und von dort zum Anleger Nähe Baumwall. Noch kurz formiert für ein Gruppenbild und schon ging’s los. Die Barkassenfahrt war wieder richtig klasse organisiert und hat großen Spaß gemacht. Der Käpt’n hatte ein Einsehen und legte kurzerhand an, damit sich die Herren erleichtern konnten und das enge Schiffsklo ein wenig entlastet wurde. Es wurde viel gesungen und gelacht und Flensburger (zumindest von mir) getrunken. Auch die VfB-Fanbetreuung war mit Klenky und Christian vertreten, auch eine Reminiszenz an den Beistand von Oben, dem Beinamen des OFC’s, der die VfB-Farben in der Hansestadt hoch hält. Die Fahrt war wie immer sehr kurzweilig, für eine Hafenrundfahrt zwar sehr lang, trotzdem ging sie für alle viel zu schnell zu Ende.

Wir zogen danach noch weiter auf den Kiez und wurden dort noch einmal so richtig gefeiert. Die am Kiez ansässigen bzw. dort verkehrenden stehen nun mal eher zu ihrem Stadtteilclub als zum HSV, so dass wir noch zig Hände schüttelten und sich die meisten mit uns freuten. Ein rundum gelungener Ausflug also. Wäre „Hamburg, meine Perle“ nicht gerade DER HSV-Song, ich würde das heute noch summen, mit dem geilen Gefühl des Auswärtssieges im Kopf.

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