4. November 2012

Ulle hält den Punkt fest

Nach Dortmund ging es mal wieder, zum ersten Mal in dieser Saison, mit dem Bus und dem RWS Berkheim. Anders als beim Freitag-Abendspiel in der letzten Saison und dem sensationellen 4:4, als wir aufgrund des all freitäglichen Wahnsinns auf den deutschen Autobahnen erst 10 Minuten vor Spielbeginn aus dem Bus stiegen, sollte dieses Mal alles reibungslos laufen. Abfahrt in Berkheim war um 7 Uhr. Auf der Strecke ins Ruhrgebiet war lediglich ein kleinerer Stau zu verzeichnen, so dass wir schon gegen 13.30 Uhr in Dortmund eintrafen und dem obligatorischen Brinkhoff’s im Biergarten des Stadion Rote Erde nichts im Wege stand. Obligatorisch deshalb, weil ich es mir ungern entgehen lasse, wenn ich im Fußballtempel schlechthin zu Gast bin. Dort vereint sich gelb-schwarz und weiß-rot, ohne dass es irgendwelchen Ärger gibt. Dass wir nicht unbedingt Freunde sind und beide Teams und damit auch die Fans aufgrund der Tabellensituation unter Druck stehen und dem Gegner, zumindest an diesem Tag, nichts Gutes wünschen, ist doch normal. Alles läuft aber auf einer vernünftigen und nicht feindschaftlichen Ebene ab, so dass man sich dort als weiß-rote Minderheit nicht unwohl fühlen muss. Nach den letzten Auftritten vom VfB gegen den BVB 09 schlug uns Respekt entgegen, die Dortmunder zeigten sich keineswegs siegessicher, ist doch auch beim Deutschen Meister im Herbst 2012 noch zu viel Sand im Getriebe.

Letzte Saison noch hatte ich Stehplatz, was angesichts unserer späten Ankunftszeit eine recht ungemütliche Angelegenheit war, kamen wir doch kaum mehr in den Stehbereich hinein. So entschied ich mich dieses Mal für einen Sitzplatz der teuren Kategorie. Der Platz an sich war gut, leider jedoch nicht ganz, wie ich ihn mir erhoffte, nämlich seitlicher zu unserem Fanblock. So konnte ich davon lediglich vor dem Spiel ein paar Bilder schießen. Vorteil dieser Platzkategorie war aber, dass ich einen anderen Eingang, nämlich den im Bereich Nordost, zu nehmen hatte und die Einlasskontrollen dort erfahrungsgemäß lascher sind, als im Bereich der Ultras. Aufgrund des Einsatzes von Pyrotechnik beim BVB in den letzten beiden Jahren, war mit strengen Kontrollen zu rechnen. Es waren weder Megaphon, Trommel noch Fahnen, geschweige denn Taschen und Rücksäcke erlaubt. So hatte ich es auch nicht besonders eilig hinein zu gelangen, genoss noch ein wenig die Zeit im Stadion Rote Erde und fachsimpelte mit Dortmundern und Stuttgarter Bekannten über den Saisonverlauf unserer beiden Teams.

Der VfB scheint sich ja tatsächlich zu stabilisieren. Zehn Punkte aus den letzten vier Spielen, langsam kann es kein Zufall mehr sein! Maßgeblich geht dieser Aufwärtstrend mit der Systemumstellung (Kvist alleiniger 6er) und der Hereinnahme von Raphael Holzhauser einher. Seit seinem Startelfdebüt in Nürnberg hält die Serie. Anders als die Dortmunder, die in Gesprächen gestern Tamas Hajnal großen Respekt zollten und ihn sogar teilweise gerne noch in ihren Reihen hätten (!), kräht bei uns kein Hahn mehr nach ihm. Allerdings haben sie natürlich eher seine Leistungen von vor vier Jahren in Erinnerung, unsere sind natürlich frischer. Hajnal machte zuletzt den Eindruck, dass er dem Tempo, Stichwort schnelles Umschaltspiel, nicht mehr standhalten kann und er seinen Zenit überschritten hat. Holzhauser wirkt gedanklich frischer und antizipiert Situationen schneller. Natürlich ist er ein junger Spieler, der Fehler macht und noch vieles lernen muss. Dennoch macht er mir zurzeit unheimlich Spaß. Weniger spaßig gestern allerdings seine Situation gegen Sebastian Kehl, der sich einen Nasenbeinbruch zuzog. Holzhauser war in der Szene mit Gelb sehr gut bedient und hätte sich über einen Platzverweis nicht beschweren dürfen. Hier bewies Schiri Zwayer das viel zitierte Fingerspitzengefühl und beließ es bei einer Verwarnung. Meiner Meinung nach reichte dieses Strafmaß aus, da man Holzhauser keine Absicht unterstellen konnte. Es war eine dumme Aktion, so darf er einfach nicht mit dem Ellenbogen ausholen. Dennoch empfinde ich es als äußerst unfair, wenn Trainer Klopp und Manager Zorc lautstark „rot“ fordern und auf die VfB-Bank und den vierten Offiziellen losgehen. Dem ganzen die Krone setzte dann noch Stadionsprecher, oder  besser Dampfplauderer Norbert Dickel (warum schlägt mir die Rechtschreibprüfung hier Dackel vor?) auf, der sich in der Halbzeitpause anmaßte, zu fordern, wie solche Aktionen zu bewerten sein sollten. Für mich ein No-Go, während des Spiels den Versuch zu unternehmen, den Schiedsrichter zu beeinflussen. Absolut unfair!

Wir sahen im Westfalenstadion vor 80.645 Zuschauern, darunter rund 6.200 Schwaben, ein absolut intensives Spiel mit Haken und Ösen und den besseren Chancen für Dortmund. Dennoch verstand es der VfB immer wieder selbst Nadelstiche zu setzen und den Raum zu nutzen, den die Dortmunder anboten. Mit etwas mehr Glück am Ende, hätte der VfB auch das Siegtor erzielen können. Dortmund hatte Glück, dass der Schiedsrichter beim Foul von Hummels gegen Ibisevic nicht auf Elfmeter entschied. Womöglich spielte dabei eine Rolle, dass sich Ibisevic nicht fallen ließ, weil er trotzdem das Tor machen wollte. Auf der Gegenseite parierte Ulreich einige Male glänzend und hielt den VfB im Spiel.

Für mich war es alles in allem ein leistungsgerechtes Unentschieden, mit dem der VfB gut leben kann. In Zeiten der Dreipunkteregelung bin ich zwar kein Freund von Punkteteilungen, da weder Fisch noch Fleisch und man mit Remis‘ in der Tabelle nicht vom Fleck kommt. Wenn man aber dem deutschen Meister vor einer großartigen Kulisse auswärts einen Punkt abtrotzt, fühlt sich das trotzdem geil an. Der VfB zählt zweifellos zu den Angstgegnern der Borussen. Es war das vierte Remis beider Teams gegeneinander in Folge, sowie das vierte Remis im Westfalenstadion in Folge. Der VfB war der einzige Verein, den die Dortmunder in ihrer grandiosen letzten Meistersaison nicht bezwingen konnten. Auch die Befürchtung, die VfB-typisch gewesen wäre, dass unser Ex-Spieler Julian Schieber uns einen einschenken könnte, bewahrheitete sich nicht, da Sven Ulreich glänzend gegen ihn parieren konnte.

Ulreich wird von der Öffentlichkeit und vielen VfB-Fans einmal mehr in den Dunstkreis der Nationalmannschaft gerückt. Bei aller Wertschätzung für ihn. Ich bin froh, dass Ulle, der das VfB-Wappen wie kein anderer Spieler mit Stolz trägt, beim VfB spielt und langsam auch wieder zu alter Stärke findet. Dennoch hat auch er Schwächen, an denen er weiter arbeiten muss. Gegen die Bayern leitete er das 1:1 ein, als er einen Schuss Müller vor die Füße abklatschte, auch gestern gab es in der Anfangsphase eine ähnliche Situation, die ins Auge hätte gehen können. Auch seine Spieleröffnung ist weiter stark verbesserungswürdig, was aber seine zuletzt gezeigten Leistungen nicht schmälern soll. Gestern war er, wie auch letzte Woche gegen Frankfurt, letztendlich der Garant dafür, dass wir drei bzw. einen Punkt(e) ergattern konnten. In der Nationalmannschaft allerdings dürfte es schwer für ihn werden. An Neuer führt (noch) kein Weg vorbei, Adler, der uns noch die Qualifikation zur WM 2010 rettete und dann durch eine schwere Verletzung aus der Bahn geworfen wurde, drängt mit Macht wieder ins Team. Dann stehen ja noch junge Leute wie Zieler, ter Stegen und Leno hintenan. Zumindest vor den Letztgenannten braucht sich Ulle gewiss nicht zu verstecken. Diese haben allerdings den Vorteil, dass sie bereits zum Kreis gehören und Ulle erst noch dazu stoßen muss. Dies dürfte nur durch eine beispiellose Verletzungsmisere gelingen, die man Jogi Löw nicht wünschen mag. Luxusprobleme auf der Position des Torhüters gab es in Deutschland schon immer, daher ist es auch kein Beinbruch oder mangelnde Wertschätzung, wenn ein hervorragender Torwart nicht zu Nationalmannschaftsehren kommen sollte. Um in diesen erlauchten Kreis zu gelangen, benötigt man etwas Glück und muss zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Daher liegt Sven Ulreich auch richtig, wenn er sich weiter nur auf den VfB konzentrieren möchte, weil er die Nationalmannschaftsberufungen sowieso nicht beeinflussen kann.

Für den VfB geht es am Donnerstag in der Europa League beim FC Kopenhagen weiter. Nach lediglich zwei Punkten aus drei Spielen muss aus VfB-Sicht ein Sieg her, um sich die Möglichkeit offen zu halten, ins Sechzehntelfinale einzuziehen. Mit den zuletzt gezeigten Leistungen dürfte der VfB mit dem nötigen Selbstvertrauen anreisen. Im Hinspiel tat sich der VfB gegen die gut organisierte dänische Defensive sehr schwer, hätte aber einen Elfmeter bekommen müssen und somit einen knappen Sieg verdient gehabt. Vielleicht kehrt das Glück ja in Kopenhagen zurück. In dieser Gruppe wäre ein Ausscheiden schon blamabel und sehr ärgerlich. Mit einem Kraftakt in der letzten Rückrunde qualifizierte man sich für diesen Wettbewerb, der nach Vereinsaussagen auch fürs Renommee enorm wichtig ist. Wir Fans müssen durch die Teilnahme an diesem Wettbewerb einiges hinnehmen, wie z. B. unchristliche Anstoßzeiten, Donnerstag 21.05 Uhr, sowie enorm vieler Sonntagspiele (Pro Samstag 15:30). Allerdings gibt uns die Teilnahme ja auch etwas, z. B. Auswärtsreisen in Länder, in die man sonst nicht unbedingt reisen würde, wie nächste Woche Dänemark und zwei Wochen später Rumänien. Schön wäre es daher, wenn endlich auch die Resultate stimmen würden und man sich auch mal einen Blick auf die Tabelle gönnen könnte. Daher hoffe ich sehr auf einen Sieg bei den heimstarken Dänen, damit wir noch hoffnungsfroh nach Bukarest fliegen können, und nicht, dass es schon dort um nichts mehr geht. Die Mannschaft macht auf mich einen motivierten Eindruck, auch in diesem Wettbewerb noch etwas reißen zu wollen. Sie müssen einfach ihre Torchancen noch konsequenter als zuletzt nutzen, dann bin ich sehr optimistisch, dass die auch in Dänemark zahlreich anwesenden Schwaben das Team zum Sieg schreien werden und Kopenhagen am Donnerstag in weiß-rot erstrahlen wird.

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24. September 2010

Eine Niederlage in letzter Sekunde

Sie gestikulierten, sie grätschten, sie warfen alles nach vorne. Nichts ließen die Spieler des VfB in der Schlussphase unversucht, um gegen zehn Mann doch noch zum Sieg zu kommen. Gerade hatten sie das 1:1 geschossen, nun wollten sie noch mehr – und wurden bitter bestraft. Im Anschluss an einen Eckball liefen sie in einen Konter, den Javier Pinola überlegt abschloss. Und so standen die Stuttgarter am Ende mit ganz leeren Händen da. Mit 1:2 (0:1) hat der VfB am Mittwochabend beim 1.FC Nürnberg verloren und damit im dritten Auswärtsspiel die dritte Niederlage kassiert. Vorbei ist schon wieder das Hoch nach den beiden Siegen gegen Bern und Mönchengladbach – die Mannschaft von Christian Gross ist vor dem Heimspiel am Samstag gegen Leverkusen auf den drittletzten Tabellenplatz abgerutscht. Wieder einmal hatte Gross, normalerweise ein erklärter Freund eingespielter Abwehrreihen, seine Innenverteidigung umformiert.

Der Kapitän Matthieu Delpierre, der am Samstag gegen Gladbach eine sehr erfolgreiches Comeback gefeiert hatte, blieb auf der Bank, “weil drei Spiele in einer Woche zu viel für ihn wären”, wie der Trainer erklärte. Der zuletzt angeschlagene Serdar Tasci kehrte für Delpierre in die Mannschaft zurück . Auch Mauro Camoranesi bekam eine Verschnaufpause verordnet – Timo Gebhart rückte für den 33-jährigen Italiener ins rechte Mittelfeld. Viel Zeit, die Beine auf der Bank hochzulegen, blieb Camoranesi jedoch nicht. Schon nach sieben Minuten schickte Gross den Weltmeister zum Aufwärmen, denn der VfB lag bereits mit 0:1 im Hintertreffen. Wieder einmal war es Georg Niedermeier, der eine unglückliche Figur abgegeben hatte: Er ließ sich von seinem Gegenspieler Julian Schieber weit ins Mittelfeld locken – und eilte erfolglos hinterher, als Pinola den Club-Stürmer steil schickte. Mit einem Flachschuss überwand Schieber den VfB-Keeper Sven Ulreich (3.) – und erfüllte sich seinen großen Wunsch: einen Treffer gegen den Verein, der ihn nach Nürnberg ausgeliehen hat und bei dem er noch immer viele Freunde hat.

Eine fragwürdige Entscheidung des Linienrichters

Für Camoranesi wurde es nach 25 Minuten ernst. Er kam für Daniel Didavi ins Spiel, der bei einem Zweikampf unglücklich umgeknickt war und mit einer Sprunggelenksverletzung das Spielfeld verlassen musste. Bitter für den 20-Jährigen – ihm droht eine längere Pause. Der VfB war nach dem Rückstand die optisch überlegene Mannschaft, schaffte es aber nur selten, zwingend vors Tor zu kommen. Die Nürnberger, von Haus aus sehr defensiv eingestellt, zogen sich weit zurück, so gab es kaum ein Durchkommen. Nicht zum ersten Mal offenbarte sich, dass die zentrale VfB-Mittelfeldbesetzung mit Zdravko Kuzmanovic und Christian Gentner nicht die Ideallösung ist. Viel zu selten gelang es ihnen , die Stürmer in Szene setzen. Folglich resultierte die erste große VfB-Chance aus einer Standardsituation: Ein Freistoß von Arthur Boka klatschte aus 25 Metern an die Unterlatte (31.). Und einer Standardsituation war es auch, die acht Minuten später dem vermeintlichen Ausgleich vorausging. Mit dem Hinterkopf köpfte Pawel Pograbnjak eine Freistoßflanke von Gebhart ins Tor, jubelte aber nur kurz.

Der Linienrichter hob zum Entsetzen der Stuttgarter die Fahne, er wollte ein Foul gesehen haben – eine mehr als fragwürdige Entscheidung. In Ciprian Marica brachte Gross für den angeschlagenen Gebhart zu Beginn des zweiten Abschnitts einen weiteren Stürmer. Der VfB riskierte nun viel, während die Nürnberger leidenschaftlich dagegen hielten. Ein Kampfspiel entwickelte sich mit zahlreichen Nickligkeiten auf beiden Seiten. Wieder traf der VfB per Kopfball ins Tor, diesmal durch Tasci, wieder zählte der Treffer nicht – diesmal zu Recht, weil der Innenverteidiger im Abseits stand. Wegen wiederholten Foulspiels sah der Club-Kapitän Andreas Wolf Gelb-Rot (67.) – und der VfB warf vollends alles nach vorne. Die beste Kombination vollendete Cacau nach einem Zuspiel von Kuzmanovic zum Ausgleich – das bittere Ende jedoch folgte schon wenig später.

Nürnberg

Schäfer – Judt, Nilsson, Wolf, Pinola – Hegeler, Simons – Ekici (85. Frantz), Gündogan (68. Maroh), Eigler – Schieber.

Stuttgart

Ulreich – Träsch, Niedermeier, Tasci, Boka – Gebhart (46. Marica), Kuzmanovic, Gentner, Didavi (25. Camoranesi) – Cacau, Pogrebnjak (70. Harnik).

Schiedsrichter

Drees (Münster-Sarmsheim).

Tore

1:0 Schieber (3.), 1:1 Cacau (85.), 2:1 Pinola (90.).

Gelb-Rote Karte

Wolf (67.).

(STZ 23.9.2010)

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2. Juli 2010

Interview mit VfB-Trainer Christian Gross

“Ich bin schon etwas enttäuscht”

St. Moritz – Mit viel Elan stimmt der Trainer Christian Gross den VfB in St. Moritz auf die neue Saison ein. Allerdings musste der 55-Jährige auch einen Rückschlag hinnehmen: “Ich bin schon etwas enttäuscht”, sagt Gross zum bevorstehenden Abgang des Managers Horst Heldt.

Herr Gross, mit einer Canyoningtour, einem Museumsbesuch und gemeinsamen Ausfahrten mit dem Moutainbike steht der Teamcharakter im Trainingslager im Vordergrund. Welche Ziele verfolgen Sie in St. Moritz?

Wissen Sie, ich beobachte die Mannschaft sehr genau, denn wir müssen uns nach einer erfolgreichen Rückrunde wieder neu finden. Wer ist bereit, dem anderen auch in einer Extremsituation zu helfen – wer zieht den anderen mit? Das sind Fragen, die mich beschäftigen. Denn auch später auf dem Platz müssen die Spieler bereit sein, für den Kollegen den extremen, den schmerzhaften Weg zu gehen.

Die Spieler sagen, sie hätten eine neue Seite an Christian Gross kennen gelernt.

Während eines Bundesligaspiels bin ich an der Außenlinie oder bei den Interviews nach dem Schlusspfiff immer sehr konzentriert. Da wirke ich vielleicht unnahbar. Denn gerade nach den Spielen ist die richtige Wortwahl sehr wichtig. Ein Trainer sollte aber vor allem stets authentisch auftreten – und das tue ich.

Die Schweizer Bergwelt scheint allerdings ihre lockere Seite zu stimulieren. Oder ist das alles nur Taktik?

Nein. Diese Woche in St. Moritz dient der Einstimmung. Die klaren Zielvorgaben an die Spieler kommen später – in der heißen Phase vor der Qualifikationsrunde zur Europa League. Zunächst will ich, dass die Spieler – und hierbei gerade die Neuen – sich so einbringen wie sie sind. Sie sollen positive Impulse geben. Und da ist es hilfreich, wenn auch der Trainer lockerer ist und sie nicht gleich einschränkt.

Das Konzept scheint aufzugehen. Die Spieler sind vom Verlauf bisher angetan.

Ich bin jemand, der von innen heraus sehr positiv gepolt ist. Das will ich dann an meine Spieler weiter geben. Meine Spieler sollen hinterher sagen können: Ja, es hat sich gelohnt, Fußballprofi zu werden.

Meinen Sie, die Vorgaben kommen an?

Ich sehe es manchmal in den Augen eines Spielers, die mir sagen: Jetzt verlangt er zu viel von mir. Doch grundsätzlich versuche ich, die anderen mitzureißen, denn ich bin begeistert von dem, was wir tun. Ich selbst hatte das Glück, dass mich meine Eltern immer sehr gefördert haben. Und auch im Verlauf einer erfolgreichen Profikarriere braucht es jemanden, der einen fördert. Ich will meine Spieler positiv beeinflussen. Das ist mir sehr wichtig.

Dazu kommen Sie gerne in Ihre Schweizer Heimat – immer wieder ins Oberengadin.

Es gibt bestimmt einige, die sich fragen: Wieso kommt der denn ständig hierher? Fällt dem nichts Besseres ein? Aber diese Gegend ist nun mal sehr energiegeladen. Das Licht ist sehr speziell – und das ganze Ambiente hier gibt Kraft.

Die werden Sie und ihr Team für eine lange Saison auch brauchen. Fühlen Sie sich in Stuttgart angekommen?

Die Spieler kennen mich und wissen, dass ich großen Wert auf das Resultat lege und darauf, dass wir möglichst kein Gegentor bekommen. Ich will ein Team sehen, dass ballorientiert verteidigt, dass sich unterstützt, wir müssen schnell von Angriff auf Abwehr umschalten.

Das bedeutet, der VfB vollzieht einen Umbruch?

Die Mannschaft wird in der Tat ein neues Gesicht haben. Jens Lehmann ist nicht mehr da, der das Team in den vergangenen zwei Jahren sehr geprägt hat. Im zentralen Mittelfeld und in der Verteidigung sind wir, wenn alle da sind, recht gut bestückt. In der Offensive wünsche ich mir viel Variabilität. Dabei war gerade die Verlängerung mit Cacau wichtig, da wir mit ihm taktisch flexibel sind. Er interpretiert die Rolle der zweiten Sturmspitze hervorragend. Auf den Außenpositionen wünsche ich mir noch zwei offensive Mittelfeldspieler.

Welche Spieler sehen Sie besonders in der Verantwortung?

Ich freue mich auf Spieler wie Christian Gentner, der viel Erfahrung und Persönlichkeit mitbringt. Wir brauchen eine gute Mittelachse, etwa mit dem jungen Torhüter Sven Ulreich sowie mit Matthieu Delpierre in der Innenverteidigung. Im zentralen Mittelfeld besitzen wir viele Spieler, die eine Führungsrolle einnehmen können. Christian Träsch etwa, der eine sehr hohe Präsenz hat.

Sie haben in Ihrer Aufzählung Serdar Tasci und Sami Khedira ausgelassen. Kann es sein, dass die beiden Nationalspieler den Verein noch vor dem Saisonstart verlassen?

Die Gefahr besteht.

Der Sportdirektor Jochen Schneider sagte, Khedira habe ihm gegenüber erklärt, er werde auf jeden Fall noch ein Jahr beim VfB spielen.

Ich werde mich grundsätzlich nicht in die Überlegungen des Managements einmischen. Die Philosophie des Vereines ist, mit jungen Spielern zu arbeiten. Doch nur mit jungen Spielern allein geht es nicht. Deshalb muss man auch wirtschaftliche Überlegungen anstellen – so wie im Vorjahr beim Verkauf von Mario Gomez. Das Management hat erklärt, dass wir nur neue Spieler kaufen können, wenn wir auch Transfererlöse erzielen. Und es würde unheimlich wehtun, wenn Sami Khedira im nächsten Sommer nach Ende seines Vertrages ablösefrei gehen würde.

Das bedeutet, man könnte jetzt das Geld eines möglichen Khedira-Transfers nehmen, um es in neue Außenspieler zu investieren.

Das werden wir sehen. Aber eines ist mir auch sehr wichtig: Ich halte sehr viel von Sami Khedira, er ist ein großartiger Spieler. Und ich glaube er wird nur zu einem internationalen Topclub wechseln. Doch wenn so einer anklopfen sollte, könnte für beide Seiten der Fall eintreten, über so einen Transfer nachzudenken.

Bei Serdar Tasci sieht es ähnlich aus.

Serdar hat sich mir gegenüber immer sehr positiv über den VfB geäußert, auch wenn ich in der vergangenen Rückrunde sehr hart mit ihm war. Aber ich weiß, dass er noch besser spielen kann.

Nach dem möglichen Abschied von Horst Heldt ist im Management eine Vakanz entstanden. Werden Sie sich stärker einbinden?

Ich bin neu hier beim VfB – und ich stelle da keine Ansprüche. Ich habe mir in diese Richtung keine Gedanken gemacht. Wir haben mit Jochen Schneider einen hervorragenden Mann im Management.

Hat Sie der Abgang von Horst Heldt befremdet?

Ich spreche jetzt als Trainer – und sage: Ich selbst habe alle Verträge, die ich unterschrieben habe, auch eingehalten. Horst Heldt hat vor einem Jahr bis 2013 verlängert. Und ich empfand ihn während der Saison nicht so, dass er frustriert war.

Traf Sie sein Entschluss unvorbereitet?

Ich war sehr überrascht. Wobei man sagen muss, dass bei einem Wechsel eines Trainers oder Managers im Profifußball das richtige Timing stets mit zum Schwierigsten zählt. Ich bin aber schon etwas enttäuscht, das gebe ich zu. Denn Horst Heldt und ich haben sehr erfolgreich zusammen gearbeitet. Es waren gute sechs Monate.

(STZ online)

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22. Mai 2010

Sven Ulreich ist die neue Nummer eins

Der 21-jährige Sven Ulreich wird Nachfolger des zurückgetretenen Jens Lehmann im Tor des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart. Wie die Schwaben bei der Abschluss-Pressekonferenz am Donnerstag weiter mitteilten, verpflichtete der Club Marc Ziegler vom Borussia Dortmund als Ulreich-Vertreter. “Wir haben Vertrauen in Sven und denken, mit Marc Ziegler einen Backup verpflichtet zu haben, der das Anforderungsprofil mitbringt”, sagte Sportdirektor Horst Heldt. Zudem verstärkt sich der Europa-League-Teilnehmer mit Stürmer Martin Harnik. Der österreichische Nationalspieler war bisher von Werder Bremen an den Zweitligisten Fortuna Düsseldorf ausgeliehen.

(STZ 13.5.10)

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27. April 2010

Torwartfrage: “Ich hoffe, dass der VfB mich ranlässt”

Das Dörfchen Grünheide mit seinen Angelseen liegt verschlafen im märkischen Sand vor den Toren Berlins. Privat hätte sich der VfB-Torwart Sven Ulreich wohl niemals hierher, nach “jwd”, verirrt. Doch “janz weit draußen”, wie man in der Hauptstadt sagt, im Ortsteil Kienbaum, trainierten einst die DDR-Leistungskader. Geblieben ist aus dieser Zeit eine Anlage, die bis heute viele Spitzensportler in ihren Bann zieht: Die Höhenkammer, in der sich ein geringerer Sauerstoffgehalt wie in 3000 Metern Höhe simulieren lässt. “In der Höhenkammer kann man mit geringerem Widerstand die Grundlagenausdauer verbessern, was nach Verletzungen optimal ist. Der Körper bildet mehr rote Blutkörperchen”, erklärt Sven Ulreich, der sich nach dem Wochenende bei der Familie gestern Abend wieder ins Flugzeug Richtung Berlin gesetzt hat. Schließlich gilt es für den 21-Jährigen, keine Zeit zu verlieren. Nach seinem Bruch des Wadenbeinköpfchens im linken Knie am 2. März im U-21-Länderspiel der DFB-Auswahl gegen Island setzt Ulreich alles daran, schnell wieder voll belastbar zu sein.

Vertragsverlängerung als Vertrauensbeweis

“Das Training schlägt gut an – ich mache große Fortschritte”, sagt Ulreich, der bisher 15 Bundesligaspiele, 44 Drittliga- und 29 Regionalligaspiele für den VfB absolviert hat und nun die große Chance besitzt, Jens Lehmann im Stuttgarter Tor zu beerben. “Seit ich im Verein bin, ist es mein Ziel, der Bundesliga-Stammtorwart zu werden”, sagt Ulreich, der in der E-Jugend zum VfB kam und in Berlin in seiner täglichen Reha-Arbeit von einem Physiotherapeuten des Clubs begleitet und behandelt wird. Die Vertragsverlängerung bis 2013 vor knapp drei Wochen hat Ulreich bereits als einen großen Vertrauensbeweis empfunden. Jetzt hofft er, “dass mich der Club als Nummer eins ran lässt. Ich erwarte mir für die nächste Saison viel.” Fast fünf Wochen hat sich der 1,91 Meter große Schlussmann nur mit einer Spezialschiene am Knie an Krücken vorwärts bewegt – und konnte daher vor allem den Oberkörper trainieren.

Also hat er im Sitzen Bälle gefaustet und gefangen. In dieser Woche soll es nun erstmals “fast ohne Krücken” gehen. Von Mai an will Ulreich das Knie dann erstmals wieder ohne orthopädische Hilfe belasten. Sven Ulreich ist ehrgeizig, wittert seine Chance, weiß aber, “dass für die Nummer eins eine schnelle Genesung und eine Topvorbereitung auf die neue Saison absolute Pflicht sind.” Neben den Aufbaumaßnahmen hat der Torwart aufmerksam Zeitung gelesen. Also ist auch ihm nicht entgangen, dass ihm vermutlich ein altbekanntes VfB-Gesicht zur Seite gestellt wird, sollte die Heilung des Knies weiter so gut verlaufen wie bisher: Marc Ziegler, 33, bei Borussia Dortmund angestellt und in der Saison 1995/96 Stammtorwart in Stuttgart, soll nach Plan A der erfahrene Gegenpol zum jungen Ulreich werden. “Es ist richtig, dass es ein Stuttgarter Interesse an Marc Ziegler gibt”, sagt der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc, “aber wir müssen erst mal unsere Szenarien auf der Torwartposition durchspielen. Deshalb lässt sich momentan nicht mehr sagen.”

Der VfB hat einen Plan B in der Tasche

Durchgesickert ist allerdings, dass der BVB gerne Bernd Leno, der beim VfB II das Tor hütet, im Gegenzug für Ziegler haben möchte. Aber diese Rochade lehnt der VfB ab. Auch die derzeitige Nummer drei bei den VfB-Profis, Alexander Stolz, ist bei den Westfalen im Gespräch. Doch an dem ist wiederum das Dortmunder Interesse nicht besonders groß. Es gibt in Sachen Lehmann-Nachfolge bei den Stuttgartern aber auch einen Plan B, der zum Tragen kommen könnte, sollte Ulreich nicht rechtzeitig das alte Niveau erreichen. Daher muss sich der Manager Horst Heldt auch die Alternativen prüfen – und ist dabei wieder auf einen vertrauten Namen gestoßen: auf Timo Hildebrand. Mit 221 Bundesligaspielen und tollen Paraden in der Meistersaison 2007 ist der gebürtige Wormser ein populärer Name in der Clubgeschichte. So wurde der Torwart in einer Zuschauerumfrage des SWR-Fernsehens nach den beliebtesten VfB-Akteuren aller Zeiten auf Rang neun gewählt – und der Cheftrainer Christian Gross nennt den Goalie wohl nicht ohne Hintergedanken “einen erfahrenen Mann”.

Ist Hildebrand also einer, mit dem sich der VfB – und vor allem Christian Gross – ernsthaft beschäftigt? Seit seinem Abschied aus Stuttgart blickt der 31-Jährige auf wechselvolle drei Jahre zurück: Da gab es die 18 verlorenen Monate in Valencia – und die Ausbootung aus der Nationalelf vor der EM 2008. Auch in Hoffenheim agieren der Trainer Ralf Rangnick und der Manager Jan Schindelmeiser beim Thema Hildebrand sehr defensiv. Bei saisonübergreifend 41 Spielen hätte sich Hildebrands Vertrag automatisch verlängert. Diese Marke kann der Goalie nicht mehr erreichen. Sven Ulreich hat ohnehin keine Angst vor möglicher Konkurrenz – ob sie nun Hildebrand heißt oder nicht. “Ich bin inzwischen so stark”, sagt der 21-Jährige, “dass ich auch erfahrenen Torhütern ordentlich Dampf machen kann.”

(STZ 25.4.10)

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