22. September 2016

Danke, Olaf Janßen, willkommen Hannes Wolf!

Zwei Spiele, sechs Punkte, 3:0 Tore. So die makellose Bilanz des wohl der Statistik nach erfolgreichsten Trainers der VfB-Vereinsgeschichte. Ich hätte dieser Interimslösung gerne mehr Zeit und auch die Chance eingeräumt, sich als Dauerlösung zu empfehlen.

Dass man Kramny im Vorjahr zu schnell zum Chef ernannt hat, ist inzwischen wohl jedem klar. Viele lehnten eine neuerliche interne (Billig)-Lösung schon deshalb ab, weil es mit Kramny schief gegangen ist, wobei es auch Gegenbeispiele gibt, sogar beim VfB.

Mit einer funktionierenden Interimslösung von Spiel zu Spiel zu denken, bevor man „irgendwen“ holt, der nicht bei drei auf dem Baum ist, damit hätte ich gut leben können.

So verfuhr Mayer-Vorfelder 1996 mit Jogi Löw, nachdem Rolf Fringer kurz vor Saisonstart den Verein verließ und Schweizer Nationaltrainer wurde. Assistent Joachim Löw übernahm, den MV aufgrund seiner Unerfahrenheit und weil er eher stiller Analytiker denn Lautsprecher war, schon nicht als Dauerlösung sah.

Nach den Kumpel-Typen Jürgen Röber und Rolf Fringer und durchwachsenen Jahren seit der Meisterschaft 1992, sah MV eher einen Feldherrn für die Truppe um Berthold, Foda, Haber, Poschner & Co. vor, der der unumstrittene Chef sein und sich von den zahlreichen Alphatieren nicht auf der Nase herumtanzen lassen sollte.

Erst nach einer beispiellosen Siegesserie und begeisterndem Fußball, das magische Dreieck war geboren, kam MV nicht mehr umhin, Löw nach dem 6. Spieltag offiziell zum Cheftrainer zu ernennen. Auch wenn just am Tag der Verkündung das Heimspiel gegen den krassen Außenseiter Fortuna Düsseldorf mit 0:2 verloren ging, bleibt die Ära Löw und die des magischen Dreiecks, gekrönt vom Pokalsieg und dem Finale im Pokal der Pokalsieger gegen Chelsea in Stockholm, als eine der fußballerisch besten Zeiten vom VfB in bester Erinnerung.

Vor Jahresfrist erst gab André Schubert nach dem Rücktritt von Lucien Favre bei Borussia Mönchengladbach die Interimslösung. Wie Jan Schindelmeiser beteuerte auch Max Eberl stets, dass diese Lösung nur eine vorübergehende sei, mit dem Ausgang, dass Schubert heute noch auf der Trainerbank der Borussia sitzt.

Es kommt immer darauf an, welches Standing der „Co“ und sein Team bei den Spielern schon vorher hatte und noch hat. Galt er als Spitzel des bisherigen Chefs oder war er eher der Kumpel von den Spielern, bei dem sie sich auch schon einmal ausweinen konnten. Bei Letzterem ist die Motivation der Mannschaft durchaus die, dass sie dem „Co“ helfen werden und eine womöglich für sich selbst schlechtere Lösung dadurch verhindern können. Daher nicht unbedingt die schlechteste Variante, erst einmal abzuwarten, bevor man mit einem Schnellschuss einen Trainer verpflichtet, nur weil der gerade verfügbar ist, und der dann womöglich nicht zum Verein und zur Mannschaft passt.

Diesen „Jemand“ hat Schindelmeiser nicht geholt, vielmehr hat er einen der vielversprechendsten Nachwuchstrainer Deutschlands von Borussia Dortmund losgeeist. Mit dieser Lösung hat wohl niemand gerechnet, so dass man Schindelmeiser hier schon allein deshalb loben kann, weil bis zuletzt nichts nach außen gedrungen ist und weil hinter dieser Verpflichtung ein Plan steckt. Eigentlich nicht noch extra erwähnenswert, beim VfB jedoch schon.

So rücken Olaf Janßen, Heiko Gerber und Andi Hinkel wieder zurück ins zweite Glied. Mich würde sehr interessieren, ob Janßen sich grundsätzlich vom Cheftrainer-Dasein losgesagt hat und sich in der Spielbeobachtung besser aufgehoben sieht, oder ob es ihn nicht doch gereizt hätte, diesen Posten auch länger auszufüllen. Ich wünsche mir, dass dieses Dreigespann vom Verein nicht billig abserviert wird, sondern für jeden ein Platz gefunden wird, wo er sich gut aufgehoben fühlt und man sich an sie auch erinnert, wenn Posten auf der nächsthöheren Stufe vakant sind. Gerade Andy Hinkel hat man schon einmal abserviert, ich wünsche mir, dass mit ihm so nicht noch ein zweites Mal umgesprungen wird. Aber, auch da habe ich bei Jan Schindelmeiser ein gutes Gefühl, er weiß das Potential derer, die allein weil sie beliebte VfB-Ikonen der Vergangenheit sind, wichtiges Kapital darstellen, zu schätzen und wird sie hoffentlich nicht so vergraulen wie seine Vorgänger.

Dem 35-jährigen Hannes Wolf eilt der Ruf eines Erfolgscoachs voraus, weil er in den letzten Jahren zwei Mal Deutscher Meister mit den U17-Junioren und zuletzt Meister mit den U19-Junioren wurde.
Der VfB geht damit einen neuen Weg und bietet Wolf, dessen großer Mentor kein geringerer als Jürgen Klopp ist und den viele beim BVB schon als logischen Tuchel-Nachfolger gesehen haben, die große Chance sich einen Namen im Profifußball zu machen.

Dass der BVB Wolf ablösefrei zum VfB wechseln ist, rechnet Schindelmeiser dem BVB hoch an. Was genau dahinter steckt weiß man natürlich nicht. Ich glaube kaum, dass der BVB froh ist, ihn losgeworden zu sein, so möchte ich es positiv sehen, dass der BVB Wolf diese Chance aus Dankbarkeit nicht verbauen wollte und dies vor allem nicht daran scheitern sollte, dass ein klammer Zweitligist wie der VfB eine etwaige Ablöseforderung nicht zu zahlen bereit gewesen wäre. Für den BVB wären dies ohnehin Peanuts gewesen!

Für den VfB ist die Verpflichtung Wolfs Risiko und Chance zugleich. Da dieser Schuss sitzen muss und es sich der Verein nicht erlauben kann, in dieser Saison nicht aufzusteigen, wird Wolf vom ersten Tag an Ergebnisse liefern müssen. Deshalb tut er gut daran, auf dem Fundament, das Olaf Janßen und sein Team inzwischen gesetzt haben, aufzubauen und Dinge peu à peu zu ändern, statt zu schnell zu viel zu wollen. Es ist höchst bedauerlich, dass man mit Wolf nicht schon die Saisonvorbereitung bestreiten konnte, so dass er jetzt zunächst einmal mit dem zurecht kommen muss, was schon vorhanden ist und erst im Wintertrainingslager und ggf. der Wintertransferperiode damit beginnen kann, sich „sein“ Team aufzubauen.

Ein Risiko besteht außerdem darin, wie durchsetzungsfähig er gegen die abgewichste Spezies Fußball-Profis sein wird und ob er es schafft, fast gleichaltrige Profis wie Christian Gentner von neuen Methoden und neuen Spielsystemen zu überzeugen und wie konsequent er ihnen gegenüber wäre, würde sich der eine oder andere verweigern.

Wie der VfB den Tabellenführer über weite Strecken dominiert hat und wie man bei diesem Spiel sah, dass sich die Mannschaft langsam aber sicher findet und die zweite Liga auch mental annimmt, sollte es möglich sein in dieser Liga ohne echte Übermannschaften Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen zu halten und trotzdem „nebenher“ etwas zu entwickeln.

Sollten die Ergebnisse jedoch nicht stimmen und die Aufstiegsplätze fürs erste außer Reichweite geraten, dürfte es auch für Wolf ungemütlich werden. Vor einem Jahr mit Zorniger standen wir schon einmal vor einem Neuanfang und mussten erleben, wie wenig Zeit einem im Bundesliga-Business noch eingeräumt wird, wenn die Ergebnisse ausbleiben. In der 2. Liga hat es Wolf aber sicherlich leichter als Zorniger vor einem Jahr in der Bundesliga, so dass ich hoffnungsvoll bin, dass diese Verpflichtung sitzt.

Wolf ist eine spannende Personalie, gilt er doch als großes Trainertalent und wird in diesem Zusammenhang in einem Atemzug mit Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel genannt. Gerade bezüglich unserer Vereinsphilosophie, die künftig auch in der Satzung verankert ist, dass es Vereinsziel ist und bleiben muss, dem Nachwuchs das Vertrauen zu schenken und Talente zu fördern, ist das eine sehr gute und auch nachvollziehbar Entscheidung. Wolf kann offensichtlich mit jungen Spielern umgehen, sie fördern und kennt die Stars von morgen heute schon, so dass ich meine, dass uns eine spannende Zeit bevorstehen könnte. Er soll zudem sehr kommunikativ sein und eine überragende Ansprache haben, hat analytische Fähigkeiten, kurz um, die Vorschusslorbeeren sind gewaltig.

Ein Twitter-User warf gestern bereits in den Raum, „Heldt, Bobic und Dutt googeln den Namen Hannes Wolf noch“ und traf damit wohl den Nagel auf den Kopf. Diese kreative, wenngleich überraschende Lösung auf der Trainerposition, spricht für Jan Schindelmeiser und sein Team. Chapeau!

Am Mittwoch übergab also Olaf Janßen den Stab an Hannes Wolf und hinterlässt ihm ein zuletzt intaktes, gefestigtes Team. Mit der, wie ich finde, besten Saisonleistung, bezwang der VfB den bis dahin noch verlustpunktfreien Tabellenführer Eintracht Braunschweig verdient mit 2:0. Waren es gegen Lautern noch 45 gute Minuten, hatte man die Braunschweiger nun schon insgesamt über mindestens 60 Minuten lang sehr gut im Griff. Lediglich direkt nach Wiederanpfiff und in der Schlussviertelstunde spielte Braunschweig Powerplay und der VfB konnte sich beim glänzend aufgelegten Mitch Langerak bedanken, dass es nicht noch einmal eng wurde.

Ansonsten spielte man weitestgehend souverän und lud den Gegner dieses Mal nicht durch individuelle Schnitzer zu Großchancen ein. Es war eine meist konzentrierte Darbietung einer Mannschaft, der man anmerkte, dass sie wollte. Mehr Potential, als sie gestern gezeigt hat, hat sie mit Sicherheit, dieses muss Hannes Wolf nun herauskitzeln. In Anbetracht der turbulenten Wochen auf dem Wasen und der Hoffnung, dass nun Ruhe einkehrt und unaufgeregt geschafft wird, waren die beiden Spiele zuletzt mehr als ordentlich, vor allem weil man sie ohne Gegentor nach Hause brachte. Großen Anteil daran hat Timo Baumgartl, der sich einfügte, als wäre er nie weg gewesen. An dessen Seite lief sogar Toni Sunjic, nicht nur wegen seines Tores, zu Hochform auf und machte wohl sein bislang bestes Spiel im VfB-Dress.
Olaf Janßen hat es in wenigen Tagen geschafft, eine Einheit zu formen, in der einer für den anderen da ist. Gegen Braunschweig stimmte der Einsatz, man spürte den Willen und man merkte, dass ein Plan dahinter steckte. Einziges Manko war für mich, das immer noch langsame, statische Spiel, mit dem es schwer war, Überraschungsmomente zu kreieren. Zeitweise verfiel das Team in das alte Strickmuster, den knappen 1:0-Vorsprung verwalten zu wollen, anstatt vehementer auf das 2:0 zu drängen. Jedoch, das muss man ihnen zu Gute halten, spielte man auch gegen den Tabellenführer, ein eingespieltes Team, das es im bisherigen Saisonverlauf schaffte, gegnerische Fehler gnadenlos auszunutzen und nach Ballgewinnen blitzschnell vor dem gegnerischen Tor aufzutauchen. Dies unterband der VfB über weite Strecken bravourös.

Bezüglich des Tempos hat Wolf, der für schnellen Fußball steht, schon einmal einige Ansatzpunkte. Man darf gespannt sein, welcher der bisherigen Platzhirsche schon allein deswegen aus dem Raster fällt.
Bereits nach dem Lautern-Spiel lobte ich das Coaching von Olaf Janßen. Auch gestern fiel positiv auf, dass er ständig auf Achse war, dirigierte, Emotionen zeigte, in ständiger Kommunikation mit dem Vierten Offiziellen war, und, wenn sich die Gelegenheit bot, einen Spieler zum Einzelgespräch zur Bank zitierte.

Auch mit seinen Einwechslungen lag er für mich, sowohl in der Sache als auch was den Zeitpunkt betraf, goldrichtig. Großkreutz, der nach seiner langen Verletzungspause nach wie vor behutsam herangeführt wird, sollte für Belebung sorgen und kam für den schwächsten Mann in Reihen des VfB, Berkay Özcan. Gerade einmal vier Minuten im Spiel erlöste Großkreutz große Teile der 36.800 anwesenden Zuschauer mit dem vorentscheidenden 2:0.

Ein unwiderstehlicher Sprint des Japaners Takuma Asano über die rechte Seite, dessen Hereingabe Christian Gentner noch verpasste, weil er gedanklich nicht auf der Höhe war, der Ball mit Glück aber zu Asano zurück kam, dieser suchte sich nun lieber Kevin Großkreutz als Abnehmer aus, welcher mit sehenswertem Schlenzer zum 2:0 einnetzte.

Auch der Wechsel Zimmer für den müde wirkenden Asano gut zwanzig Minuten vor dem Ende machte Sinn, um den nun beruhigenden Vorsprung über die Zeit zu bringen. Kumbela hätte zehn Minuten vor Schluss noch einmal für Spannung sorgen können, wenn Mitch Langerak zwischen den Pfosten nicht so herausragend reagiert hätte.

Am Ende stand ein hochverdienter Sieg und erstmals in dieser Saison der direkte Aufstiegsplatz 2. So kann es weiter gehen, so muss es weiter gehen, darauf lässt sich für Hannes Wolf aufbauen.

Ob der Zeitpunkt der Bekanntgabe des Wechsels quasi während des Spiels gegen Braunschweig und die Installation eines neuen Trainers mitten in der englischen Woche glücklich war, wissen wir nach dem Spiel gegen Bochum. Im Bochumer Ruhrstadion verloren wir zuletzt bei Vehs Pflichtspieldebüt 2014 im DFB-Pokal durch zwei Terodde-Tore. Terodde läuft inzwischen im VfB-Trikot auf und wird heiß darauf sein, im dritten Auswärtsspiel in Folge zu treffen, wo es zuhause bisher noch nicht geklappt hat. Bei Spielen mit Bochumer Beteiligung ist hoher Unterhaltungswert garantiert, exemplarisch hierfür steht das letzte Heimspiel, das der VfL mit 5:4 gegen den 1. FC Nürnberg für sich entschied.

Ich freue mich drauf, wieder nach Bochum zu kommen und dort mal wieder um Ligapunkte zu kämpfen. Lieber wäre mir dieses Aufeinandertreffen zwar in der Bundesliga gewesen, aber, man nimmt es, wie es kommt.

Das Ruhrstadion hat seinen besonderen Flair. In die Jahre gekommen, wie früher üblich, zentral gelegen und nicht auf der grünen Wiese gebaut und zahlreiche Bierhallen drum rum. Auch in den Fankneipen kann man sich in der Regel als VfB-Fan gut aufhalten und mit den Bochumern feiern, am liebsten natürlich den Auswärtssieg. Ich bin heiß auf unser drittes Spiel in sechs Tagen, darauf ein Fiege!

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