26. Juni 2010

Horst Heldt vor dem Absprung

Auf der gestrigen Pressekonferenz ließ Christian Gross die Bombe platzen: Horst Heldt verlässt den VfB mit sofortiger Wirkung in Richtung Schalke 04 zu seinem Ziehvater Felix Magath und würde sich noch am gestrigen Freitag von der Mannschaft verabschieden. Laut VfB-Pressemeldung habe sich am Vertragsverhältnis zwischen dem VfB Stuttgart und Horst Heldt jedoch noch nichts geändert. Nach einem Bericht der Bild-Zeitung reagierte der VfB-Präsident daraufhin auch etwas verschnupft aufgrund des Vorpreschens von Christian Gross. Über dessen Beweggründe kann ich nur mutmaßen, dass er möglicherweise Angst hat vor einem entstehenden Vakuum in einer Zeit, in der ein Manager eines Bundesligavereins eigentlich den Kader der anstehenden Saison zusammenzustellen hat. Wie meistens dürfte es hier nur noch ums Geld gehen, die Tatsache, dass Heldt den VfB verlässt, aber unwiderruflich feststehen. Herr Gross wird auch schon mitbekommen haben, dass schnelle Entscheidungen nicht die Sache des VfB-Vorstands sind. Daher sehe ich dies eher als eine Art des Wachrüttelns, um in dieser Phase der Kaderplanung keine wertvolle Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen.

Herr Heldt fühlt sich also vom VfB unterbezahlt und nicht genügend wertgeschätzt. Den Vorwurf der mangelnden Wertschätzung hat er sich wohl von Cacau abgeschaut, der mit ähnlichen Worten seinen angekündigten Abschied begründete. Diese Argumentation konnte ich aber noch nachvollziehen, da ja Konkurrenten im Kader stehen, die bei geringerer Leistung mehr verdienten als Cacau, der jahrelang und meist konstant und loyal die Knochen für den VfB hingehalten hat. Heldt dagegen hat schon eine besondere Wertschätzung erfahren, als man den gelernten KFZ-Mechaniker vom Spieler direkt zum Manager berief, ohne jede kaufmännische Ausbildung. Er durfte sich weitestgehend austoben auf Kosten des VfB, da es an sportlicher Kompetenz in der VfB-Führung mangelt. Er hat in seiner Amtszeit mehr Flops als Kracher verpflichtet, viel zu lange an seinem Freund Markus Babbel festgehalten und über die Jahre einen Kader von mehr als 30 Spielern angehäuft. Erst seit Gross da ist, werden Spieler ohne Perspektive abgegeben und der Kader ausgedünnt. Er schaffte es nicht, einen adäquaten Nachfolger für Mario Gomez zu verpflichten und ließ sich wochenlang von Huntelaar an der Nase herumführen, um schließlich Pavel Pogrebnjak als Notlösung zu verpflichten, nachdem der Stürmermarkt eine Woche vor Saisonbeginn abgegrast war. Gerade bei Mario Gomez zeichnete es sich ein Jahr lang ab, dass er den Verein verlassen würde. Ein guter Manager hätte hier schon längst Plan B in der Tasche haben müssen, um umgehend auf den Weggang reagieren zu können. Dazu holte er Hleb zurück für ein horrendes Gehalt und in einem unfitten Zustand. Auch da hätte er genauer hinschauen müssen. Auch ich hatte gejubelt, als er zurück kam. Allerdings ging ich davon aus, dass er Gehaltseinbußen in Kauf nahm, um Spielpraxis zu erhalten. So verdiente er mehr als doppelt so viel wie der Großteil der anderen Spieler, was unweigerlich zu Neid innerhalb der Mannschaft führen musste, zumal er ja auch keine Gegenleistung dafür brachte.

Schon traditionell schafft es Heldt nicht, den Kader bis zum Auftakttraining komplett zu haben und holt immer wieder kurz vor Transferperiodenende noch den ein oder anderen Ladenhüter. Auch dieses Vorgehen ist für mich verantwortlich dafür, dass wir in der Vorrunde nicht in die Gänge kommen und stets einen Stotterstart hinlegen.

Trotz einiger Fehler wurde er im vergangenen Jahr in den Vorstand berufen. Soviel zu mangelnder Wertschätzung. Aufgrund der Vereinssatzung, nach der ein Vorstand für 4 Jahre bestellt wird, wurde sein Vertrag, sicher verbunden mit einer Gehaltserhöhung, bis 2013 verlängert. Wenn er sich jetzt unterbezahlt fühlt, weshalb hat er den Vertrag dann unterschrieben? War er nicht bei Sinnen? Muss man ihm hier nachträglich die Zurechnungs- oder Geschäftsfähigkeit absprechen? Hat sich ein Vorstand nicht seinem Verein gegenüber loyal zu verhalten? Hat er nicht auch eine Verantwortung den Mitgliedern gegenüber? Muss ein Vorstand nicht so lange die Geschäfte weiterführen, bis die Vorgänge an einen Nachfolger übergeben wurden? Warum gibt es eigentlich nicht, wie in der Wirtschaft, ein Wettbewerbsverbot? So könnte er doch schon jetzt in der Sommerpause mehr für Schalke als für den VfB tätig gewesen sein. Kein Wunder, dass uns seit Saisonende keine wirkliche Verstärkung präsentiert wurde.

In der Bundesliga scheinen solche Tugenden nicht zu gelten. Ein Manager, der von Spielern Vertragstreue einfordert, macht sich selbst auf eine solche Art und Weise vom Acker. Es bleibt ihm zu wünschen, dass er von Spielern in seiner weiteren Karriere stets mit diesem Vorgehen konfrontiert wird.

Angeblich soll er beim VfB zuletzt 1,5 Millionen Euro pro Jahr verdient haben, bei Schalke sollen es 3 Millionen sein. Ein Verein wie Schalke 04, der weit mehr als 100 Millionen Euro Schulden haben soll, leistet sich also zum wohl bestbezahlten Trainer er Liga noch einen hochbezahlten Lakaien für diesen. Felix Magath hat im kicker erklärt, eine Ablösezahlung an den VfB würde nicht erfolgen, sie nähmen Heldt erst unter Vertrag, wenn er seinen Vertrag beim VfB aufgelöst hat. Das heißt mehr oder weniger, Heldt soll seinen Rausschmiss beim VfB provozieren und an dem arbeitet er emsig. Er erklärte ja, das Vertrauensverhältnis wäre zerstört, kündigte an, weder beim Trainingsauftakt der Roten noch beim Trainingslager in St. Moritz an Bord zu sein.  Stilloser kann die Trennung kaum herbeigeführt werden. Dass Magath wieder die Finger im Spiel hat, macht mich richtig wütend. Er weiß schließlich, wie man ohne Nachteile den VfB über den Tisch ziehen kann, und aus einem Vertrag ohne eigenen Schaden herauskommt. Er selbst hatte dem VfB bei seinem Weggang mit einer Babypause gedroht, würde man ihn nicht zu den Bayern ziehen lassen. Wenn es um den eigenen Geldbeutel geht, lassen die Herren jeden Anstand vermissen und es gelten keine guten Sitten mehr. Undank ist der Welt Lohn. Heldt sollte einmal darüber nachdenken, welche Chance der VfB ihm geboten hat für die Karriere nach der Karriere. Bei Schalke wird er weitaus weniger Macht besitzen als beim VfB und mehr oder weniger Erfüllungsgehilfe von Magath und das Bindeglied zu Tönnies sein. Einen Vorteil hat er dort natürlich gegenüber den Begebenheiten beim VfB. Er darf dort Geld ausgeben, was der Verein nicht hat und den Verein endgültig gegen die Wand fahren. Hier wünsche ich ihm ausdrücklich viel Erfolg.

Der VfB kann aber auch froh sein, dass dieses Kapitel jetzt endet. Ein klares Bekenntnis von Heldt zum VfB fehlte mir schon immer. Magath versuchte ihn ja auch schon zum VfL Wolfsburg zu lotsen. Vor Jahresfrist baggerte schon einmal Schalke 04 an ihm, woraufhin er ja dann in Vorstand berufen wurde. Zuletzt kokettierte er noch mit einem Angebot vom HSV. Hier muss ich ganz klar sagen: “Reisende soll man nicht aufhalten”. An Stelle des VfB würde ich jedoch auf eine der Vertragslaufzeit angemessene Ablösesumme pochen. Die kolportierten 1,5 Millionen erscheinen mir eher noch als zu gering. Schließlich wird uns ein der Position nach wichtiger Mann herausgerissen und das in einer Zeit, in der mit vollem Eifer an der Zusammenstellung des neuen Kaders gearbeitet werden sollte. Hätte man hier während der Saison Nägel mit Köpfen gemacht, wäre es nicht so problematisch gewesen und der VfB hätte sich in Ruhe nach einem Nachfolger umschauen können. Jetzt aber drängt die Zeit. Daher erhoffe ich mir, dass der VfB auch ein wenig mit den Muskeln spielt und sich nicht alles gefallen lässt. Es scheint klar, dass der Abgang von Heldt unumgänglich ist, dennoch sollte der VfB hier als Hüter der guten Sitten auftreten und sich den Vertragsbruch fürstlich entlohnen lassen.

Bei der Frage nach dem Nachfolger habe ich einen Favoriten: Fredi Bobic. Er war zu seiner Zeit als Spieler sehr beliebt, kommt aus dem Hallschlag und identifiziert sich 100%ig mit dem VfB. Klar, auch er folgte dem Lockruf des Geldes und verließ den VfB in einer sportlich schwierigen Zeit in Richtung Dortmund. Da er weder dort noch bei seinen weiteren Stationen wie Bolton Wanderers, Hannover 96 und Hertha BSC richtig glücklich wurde, wird er den Schritt sicher bereuen. Der VfB liegt ihm nach wie vor am Herzen und er ist wieder sehr nah dran am Wasen. Er hat sich seine ersten Leviten durch diverse Praktika und zuletzt seiner Managertätigkeit in Burgas erworben. Ob er seinen Freund Krassimir Balakov dort jedoch im Stich lassen kann bzw. will kann ich nicht beurteilen. Der Verein hat angeblich signalisiert, ihm keine Steine in den Weg legen zu wollen.

Von den anderen möglichen Kandidaten wie Oliver Kreuzer, Guido Buchwald, Karl-Heinz Riedle und Andreas Müller hielte ich Letzteren für den Wahrscheinlichsten. Er hat den Manager-Job bei Schalke von der Pike auf gelernt und ging bei einem der Besten dieses Fachs, Rudi Assauer, in Lehre. Die langjährige Tätigkeit auf Schalke könnte aber auch das K.O.-Kriterium sein, ist doch derzeit bei uns auf Schalke keiner gut zu sprechen. Auf Schalke war ihm das Glück auch nicht hold. Er lag bei etlichen Transfers und der Verpflichtung von Fred Rutten als Trainer total daneben. Aufgrund seiner Vergangenheit hätte er beim VfB sicher von Anfang an einen schweren Stand und würde von Einigen nicht akzeptiert werden.

Weitere Kandidaten, wenn man in diversen Foren mitliest:

Jens Lehmann: hat natürlich Ausstrahlung und Ahnung und Erfahrung im Fußball. Er selbst hat aber schon verlauten lassen, dass er in den nächsten Monaten erst einmal ausspannen und Dinge machen möchte, zu denen er während seiner Profi-Laufbahn nicht kam. Daher kann ich es mir nicht vorstellen, dass er schon bereit wäre.

Oliver Kahn: sicher mit enormer Reputation und guten Kontakten. Aufgrund seiner KSC- und Bayern-Vergangenheit im Schwabenland aber schwer vermittelbar. Zudem ebenfalls ohne Manager-Erfahrung.

Andreas Rettig: sicher ein Guter, auch wenn er in Freiburg, Köln und Augsburg die ganz großen Erfolge auch nicht vorweisen kann. Aber zumindest einer mit Manager-Erfahrung und gerade dabei mit Augsburg etwas Großes aufzubauen.

Dietmar Beiersdorfer: Leistete beim HSV gute Arbeit, biss sich aber am publicitygeilen Vorstandsvorsitzenden Hoffmann die Zähne aus. Derzeit bei Red Bull in Salzburg beschäftigt. Wäre keine schlechte, aber sicher sehr teure Lösung.

Daher würde es mich freuen, wenn Fredi Bobic zurück käme. Angeblich gab es schon ein erstes Treffen mit VfB-Verantwortlichen, bei dem er sein Konzept darlegte. Wenn das stimmt, wäre er nicht abgeneigt und es würde die Möglichkeit der Rückkehr bestehen. Ich denke, Fredi müsste sich nicht allzu lange einarbeiten und kennt das Umfeld auf dem Wasen. Er weiß, welche Problemfelder es gibt und wo er ansetzen müsste. Fredi ist ein Roter durch und durch und würde sich sicherlich mit der Aufgabe weitaus mehr identifizieren als es Horst Heldt getan hat. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass dies der absolute Traumjob für ihn wäre. Dass Fredi nah dran ist am VfB und sich auskennt, beweist er regelmäßig in diversen Sportsendungen, bei denen er stets ein gefragter Talkgast ist. Er ist ein Typ mit Ecken und Kanten, der auch mal unbequem sein kann, sowohl nach innen als auch nach außen. Dessen muss sich unsere Vereinsführung natürlich bewusst sein. Wenn Heldt beklagt, er hätte keinen Gestaltungsfreiraum gehabt, ist sicher auch die Vereinsführung zu hinterfragen. Es muss ein Neuanfang her, in jeder Hinsicht. Was Heldt mit “mangelndem Gestaltungsfreiraum” meinte, kann man als Außenstehender natürlich nicht beurteilen. Da sich aber zuvor schon Rüssmann und Magath ähnlich beklagt hatten, sollten auch die Strukturen, die Dienstwege und Kompetenzen in der Vereinsführung auf den Prüfstand gestellt werden. Wobei man gerade bei den Herren Magath und Heldt nicht weiß, ob solche Aussagen nur den (unrühmlichen) Abgang beschleunigen sollten.

Der VfB wäre gut beraten, diesen Neuanfang als Chance zu begreifen und die Kompetenzen des neuen Managers zu überdenken und neu zu regeln, dass dieser den Handlungsspielraum bekommt, den er benötigt.

Dem neuen Manager, wer immer es auch sein mag, wünsche ich auf jeden Fall vorab viel Glück und ein gutes Händchen. Ich erhoffe mir, dass die Chemie zwischen ihm und Christian Gross stimmen mag und sie vertrauensvoll zusammen arbeiten werden. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit war angeblich zwischen Heldt und Gross nicht gegeben.

Horst Heldt wünsche ich auf Schalke Spieler, die das gleiche Verhalten an den Tag legen, wie er selbst, dass Heldt im Kohlenpott ähnlich viel Geld verbrennt wie beim VfB und somit Schalke noch weiter dem (finanziellen) Abgrund entgegen taumelt. Dann bin ich auf die Wertschätzung gespannt, die er vom Schalker Anhang erfährt. J Aber er ist ja Manager ohne Vereinsbindung und wird sicher weiter ziehen… Er weiß ja, wie es geht.

So, das musste jetzt mal raus. Ich melde mich wieder, dann wohl zur WM. Bis dahin, allen ein schönes Wochenende und viele Grüße

Franky

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