22. Januar 2013

England-Tour 2013, Leicester, Newcastle, Burslem (Port Vale)

Am Freitag hieß es Goodbye Stuttgart, Welcome in England. Wir landeten pünktlich in Manchester und bekamen so unseren Wunschzug nach Leicester mit Umstieg in Sheffield. Eine gute Stunde vor Spielbeginn erreichten wir schließlich Leicester Central Station und bemerkten schnell, dass die Engländer nicht wirklich auf Schnee eingestellt waren. Viele waren mit Sommerreifen unterwegs, so dass auf den vereisten Straßen nichts ging, womit sich auch der Plan erledigt hatte, den Weg zum Hotel mit dem Taxi zu bewältigen. Also machten wir uns mit dem Gepäck zu Fuß auf den Weg zum knapp zwei Kilometer entfernten Holiday Inn Express Hotel, das direkt neben dem Stadion liegt. Auch der Fußmarsch stellte sich als beschwerlich heraus, da die Gehwege nicht geräumt und ebenfalls sehr glatt waren, ein Hoch auf die schwäbische Kehrwoche. ;-) . Dennoch erreichten wir pünktlich das Hotel und damit auch das Stadion und trennten uns kurzzeitig, damit die einen einchecken, die anderen die hinterlegten Tickets organisieren konnten. Nette Geste des Leicester Football Club: mit den Eintrittskarten zum Spiel erhielten wir einen Gutschein für wahlweise einen „Pie“ oder ein Bier im Stadion. Noch pünktlich, kurz vor dem Einlauf der beiden Mannschaften konnten wir unsere Plätze einnehmen und waren doch etwas enttäuscht, dass beim Spitzenspiel der 2. Liga, oder wie sie in England heißt, Championship, nur gut 8.000 Zuschauer da waren, spielte doch immerhin der dritte gegen den fünften. Bei zu Beginn dichtem Schneetreiben und eisigen Temperaturen, die Fühltemperatur lag bei minus acht Grad, erarbeitete sich Leicester ein optisches Übergewicht, ohne zu klaren Torchancen zu kommen. Die Gäste hatten hin und wieder gute Konterchancen, die aber zumeist Caspar Schmeichel, Sohn der Torwartlegende Peter Schmeichel (FC Bayern, FC Bayern, weißt Du noch, weißt Du noch, 1999….) zunichtemachte.
Das Spiel plätscherte mehr oder weniger dahin, so dass es nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig war, hier Augenzeuge zu sein. Leider gab aber der Spielplan auch nicht mehr her als diesen Kick. Uns waren die Anstrengungen des Anreisetages auch anzumerken, zumal das Einstimmen beim Treffpunkt in Zuffenhausen schon sehr feucht-fröhlich verlief… ;-) . Trotzdem waren wir natürlich froh, ein wenige englische Stadionatmosphäre aufschnappen zu können, hin und wieder wurde es auch richtig laut, so dass uns die Leicester, Leicester-Gesänge noch in den Ohren klingen. Im Stadion herrscht hökschte Disziplin, wie Jogi Löw sagen würde. Überall Rauchverbot, an das sich jeder hält. Ebenso ist es verboten, sein Bier mit auf die Zuschauerränge zu nehmen. In der Halbzeit war dann ein Stadiontor offen, wo sich die Raucher bei eisigem Wind und starkem Schneefall versammelten und das eiskalte Stadionbier „genossen“. So übertrieben ich so manches Verbot in England fand, so beeindruckt war ich, wie sich die Engländer daran halten. Wohl eine positive Begleiterscheinung dessen war allerdings, dass man mit der Eintrittskarte durch ein Drehkreuz ging und weit und breit kein Ordner zu sehen war, der einen hätte durchsuchen wollen. Anfangs hatte ich Bedenken, dass durch die ganzen Verbote und Beschränkungen, die der englische Fußballfan hinnehmen muss, die Kontrollen umso strenger wären, was sich als unbegründet erwies. Ich machte mir anfangs ernste Sorgen, ob ich meine Cam mit hinein nehmen darf oder ob sie mir, wie von den Narren in Mainz, abgenommen werden würde. Wie gesagt, diesbezüglich alles im grünen Bereich. Trotzdem ist die Fankultur, wie man sie auf der Insel antrifft, nicht mein Ding. Keine Fahnen, fast keine Banner, kein Stimmungsblock, den man auf Anhieb wahrnimmt. Fankultur braucht Freiräume, die den Fans in England aufgrund der Vorkommnisse in den 80ern und mit Einführung der Premier League genommen wurden. Beeindruckend wird es allerdings dann, wenn die Grüppchen, verteilt im ganzen Stadion, zusammen Alarm machen, dann entsteht auch in einem fast leeren Stadion plötzlich ein bemerkenswerter Lärmpegel.
Nach dem eiskalten Halbzeitbier, das, wie erwähnt erst einmal ausgetrunken werden musste, gingen wir wieder hinein und sahen 20 Minuten vor Schluss schließlich den Führungstreffer für Leicester, der aufgrund der Spielanteile nicht unverdient war. Danach stellte die Hausherren jedoch den Angriffsfußball ein, so dass Middlesbrough immer stärker wurde und Chance um Chance vergab. Die beste kurz vor Schluss, als Schmeichel einen Elfmeter hielt und spätestens bei dieser Szene zum Held des Spieles wurde. Kurz darauf war Schluss und die Leicester-Fans traten in Scharen den Heimweg an. Schon faszinierend, wie sich das Stadion in Minutenschnelle leerte. Wir schossen noch ein paar Erinnerungsfotos und suchten nach einem Stadion-Cheeseburger gleich den erstbesten Pub auf, um uns aufzuwärmen. Als dort kein Bier mehr ausgeschenkt wurde, machten wir uns wieder per pedes auf den Weg in die Innenstadt, wo jetzt nicht wirklich der Bär steppte. Die urigen Pubs hatten schon geschlossen, so dass wir schließlich in einer Art Disco landeten, wo es noch etwas zu trinken gab und wir den Tag ausklingen ließen.

Nach einer sehr kurzen Nacht und gutem Frühstück im Hotel verließen wir Leicester mit dem Zug um 9.04 Uhr wieder, um unsere nächste Station Newcastle anzuvisieren. Nach einem Umstieg in Derby erreichten wir Newcastle im Nordosten Englands planmäßig gegen 12.30 Uhr. Unser Domizil in Newcastle, wohl DER Partystadt Nordenglands, war das Jury’s Inn Hotel, etwa 200 Meter vom Bahnhof gelegen. Kurz eingecheckt und auch schon wieder los auf die Piste. In einem gemütlichen Pub stärkten wir uns mit einem wirklich klasse Barbecue-Burger mit Pommes, bevor wir in Richtung des St. James Parks gingen. Dieser liegt mitten in der Stadt, kaum einen Kilometer vom Bahnhof entfernt.
Eigentlich sollte unser Trip in unserer Winterpause stattfinden, eine Woche vor dem Rückrundenstart vom VfB. Als im Juli aber der Spielplan heraus kam, verschoben wir den Trip um eine Woche nach hinten, da an diesem Spieltag die vermeintlich besseren Spiele lockten. So war die Ernüchterung groß, als Anfang November die endgültige Terminierung stand und wir feststellen mussten, dass alle „guten“ Spiele samstags um die gleiche Zeit stattfanden. Wir hatten noch die Möglichkeit gehabt, samstags um 13 Uhr das 2. Liga-Spiel Derby County-Nottingham Forrest anzuschauen, um danach zum 17 Uhr Spiel West Brom-Aston Villa zu hetzen. Bei letzterem aber erfuhren wir, dass die Wahrscheinlichkeit Karten zu bekommen sehr gering wäre, da es sich um ein „Derby des Hasses“ handeln würde und höchstwahrscheinlich kein freier Ticketverkauf stattfinden würde. Auch der Traum von der Anfield Road zerplatzte, weil es unmöglich erschien zu vernünftigen Preisen Karten für sechs Leute zu bekommen und wir das Risiko nicht eingehen wollten, den Kick im Stadion Pub verfolgen zu müssen.
So entschieden wir uns für die sichere Variante Newcastle. Sicher deshalb, weil einer der Mitreisenden geschäftlichen Kontakt nach Newcastle pflegt und über diesen Kontakt sicher Karten zu bekommen waren. Natürlich war der St. James Park mehr als nur Plan B, bin ich doch schon seit langem fasziniert von der Atmosphäre, die bei Fernsehübertragungen so rüber kommt. Schade nur, dass es dieses Mal ein Duell im Tabellenkeller war, genau der 16. gegen den 19.
Also wollen wir auch nicht meckern über die Spiele an diesem Wochenende, schade nur, dass in der Premier League beide Sonntagspiele in London stattfanden und zudem Spitzenspiele waren, wo es mit Karten auch reichlich schwierig bis unmöglich geworden wäre. Außerdem wollten wir ehrlich gesagt neben dem Fußball der englischen Pubkultur frönen anstatt permanent im Zug zu sitzen.
Der englische Kartenbesteller meinte es gut mit den Gästen aus Germany und bestellte für uns Karten auf der Haupttribüne mit Zugang zum Platinum Club, einem riesigen beheizten VIP-Bereich. Es war jetzt nicht VIP im eigentlichen Sinne, da die Speisen und Getränke bezahlt werden mussten, dennoch klasse für uns zum aufwärmen kurz vor dem Spiel sowie in der Halbzeit. Typisch britisch durften dann auch diverse Wetten auf Ergebnis, Torschützen, etc. nicht fehlen, die in dieser Lokalität noch kurzfristig abgegeben werden konnten. Angesichts dieser angenehmen Umgebung und dem Pre-Match-Bier verpassten wir doch glatt den Anpfiff und die ersten 3,4 Minuten. ;-) . Dann schließlich nahmen wir unsere gepolsterten Sitze auf der Haupttribüne, Seite, ein und waren zunächst einmal angetan davon, dass, anders als tags zuvor in Leicester, das Stadion so gut wie ausverkauft war. Knapp 50.000 Zuschauer beim Kampf gegen den Abstieg, Respekt. Die Atmosphäre war wieder typisch britisch. Oftmals relativ ruhig, aber wehe sie legen alle auf einmal los, dann wird’s richtig laut!
Ohrenbetäubend der Geräuschpegel natürlich nach dem verdienten 1:0-Führungstreffer in der 35. Minute. In der ersten Halbzeit hatte man nicht den Eindruck, dass Newcastle gegen Reading, wo Pavel Pogrebnjak die alleinige Spitze war, ernsthaft gefährdet wäre. Newcastle war spielbestimmend, die Angriffe der Gäste blieben meist im Ansatz stecken. In der zweiten Halbzeit dann wurde Reading mutiger. Zunächst noch machte Pavel P. seinem Ruf als Chancentod alle Ehre als er den Ball völlig freistehend in die Wolken drosch. Als jedoch in der 70. Minute ein gewisser Alan Le Fondre eingewechselt wurde kippte das Spiel. Eine Minute nach seiner Einwechslung traf er zum Ausgleich, weitere sechs Minuten später zur Führung für Reading. Newcastle merkte man danach die Nervosität an, denn sie kamen kaum mehr gefährlich vors Gästegehäuse. Erst in der Nachspielzeit, die bemerkenswerte fünf Minuten dauerte, merkte man dem Heimteam den unbedingten Willen wieder an, als es aber leider schon zu spät war.
Auch bei diesem Spiel leerte sich das Stadion blitzschnell. Kaum jemand ließ seinen Unmut über die Leistung seiner Mannschaft heraus. Pfiffe waren lediglich gegen den Trainer Alan Pardew bei einer Auswechslung zu vernehmen. Wir machten dann noch einige Erinnerungsfotos vom inzwischen leeren Stadion, unter anderem mit dem Banner „Pro Altes VfB-Wappen“, den wir kurzfristig auf die Insel mitnahmen. Danach verließen auch wir das Stadion und diskutierten kurz, da der Mannschaftsbus von Reading (schien übrigens ein stinknormaler Reisebus gewesen zu sein…) zum Einstieg bereit stand, ob Pavel Pogrebnjak wohl zu einem Bild mit unserem Banner bereit wäre. Nach der schmutzigen Wäsche, die er nach seinem Abschied über den VfB gewaschen hat, verwarfen wir diese Überlegung jedoch gleich wieder. Wir verließen den Haupttribünenbereich und liefen vorbei an Shearer’s Bar, die 2005 zu Ehren der Clublegende Alan Shearer diesen Namen erhielt, um noch dem zweistöckigen Fanshop eine Stippvisite abzustatten und uns dort umzusehen.
Danach gingen wir in den Strawberry Pub, einer traditionellen englischen Fußballkneipe, die naturgemäß, auch aufgrund der Lage gegenüber dem Stadion, an Spieltagen proppenvoll ist. Dort hatten wir erstmals an diesem Wochenende freies WLAN, so dass jeder eifrig am tippseln war und abcheckte, was wir die letzten 24 Stunden verpasst hatten.
Dass der VfB seinen Rückrundenauftakt in Wolfsburg in den Sand gesetzt hat, bekamen wir allerdings schon vorher durch SMS-Standleitungen mit. Mich hat es angesichts der Statistik dort und der dünnen Personaldecke vom VfB, die zur Verfügung stand, nicht wirklich überrascht, so dass uns diese Auftaktniederlage auch nicht wirklich heruntergezogen hat.
Nach einigen Bierchen im Strawberry’s zogen wir weiter: zu meinem Leidwesen nach Chinatown, wo die anderen unserer Gruppe auch einkehrten. Da ich persönlich europäische Kost bevorzuge und prinzipiell nicht asiatisch esse, begab ich mich in Rosies Bar, direkt auf der anderen Straßenseite und trank lieber noch ein Bier. Diese Entscheidung bereute ich allerdings auch nicht, war es doch der Hammer, was dort los war. Party, super Musik, dazu Vorfälle, die man selten so geballt in so kurzer Zeit erlebt. Ein Baum von einem Mann, Glatzkopf, harter Junge, fällt plötzlich mit dem Bier in der Hand um, hat sein Glas jedoch so geschickt gehalten, dass er kaum etwas verschüttete. Eine „Dame“ musste kurzfristig reanimiert werden, ihr Freund (und auch ich) befürchtete, sie wäre am abnibbeln, um dann, als zehn Minuten später die Sanitäter da waren, diese nur anzulächeln, nach dem Motto, alles halb so wild. Die haben sie aber vorsorglich doch mitgenommen… Bei einem Pärchen in der Ecke musste man befürchten, es ginge gleich zur Sache, so waren diese mit sich beschäftigt. Bis, ja bis ein offensichtlich etwas zurückgebliebener Mann, der vorher schon jeden abklatschte und diejenigen, die sich nicht früh genug abwandten auch noch umarmen wollte, dieser schnappte sich den Newcastle des Pärchens, der um einen Stuhl hing, um dann fluchtartig das Lokal zu verlassen. Der männliche Part des Pärchens blies dann zur Verfolgungsjagd auf die Straße. Es war also wie Kino, bis die anderen wieder kamen. Da es weiterhin lustig war und die Einheimischen richtig gut drauf waren, blieben wir dort noch recht lang.
Danach ging es weiter in diverse andere Pubs. Das gute an Newcastle ist, dass sich alles in einem Bereich bis etwa 1,5 Kilometer vom Hauptbahnhof und damit auch von unserem Hotel abspielt. Bemerkenswert das Partyvolk auf der Insel, was uns auch schon in Leicester aufgefallen war. Bei Schneefall, Minusgraden und noch eisigem Wind, laufen viele dort kurzärmlig und im Minirock rum. Dazu haben wir unzählige Mädels gesehen, deren Absätze nicht hoch genug sein konnten und die sich auf den eisglatten bzw. mit Schneematsch bedeckten Gehwegen einen abstöckelten. :-)
In einem Pub wollte mir noch einer weismachen, er wäre Paul Gascoigne. Eine gewisse Ähnlichkeit hatte er ja schon, mit einem Begleiter Marke Leibwächter war er auch unterwegs, trotzdem war er es wohl nicht ganz. So hatten wir in Newcastle einen richtig tollen Tag und auch Abend. Als wir dann gegen halb zwei Uhr wieder in der Nähe des Hotels waren und in einem Lokal mit Regenbogenflagge landeten, verabschiedete ich mich als erster, hatten die beiden ersten Tage doch schon reichlich Körner gekostet. ;-)

Nach einem abermals super Frühstück im Hotel Jury’s Inn hieß es wieder Sachen packen und ab zum Bahnhof. An diesem Sonntag stand die Fahrt ins etwa 310 Kilometer entfernte Stoke-on-Trent an. Wie schon berichtet gab es weder in der Premier League noch in einer der unteren Ligen ein interessantes Spiel, das man sich hätte reinziehen können. Da wir in Newcastle schon nahe der schottischen Grenze waren, kam in der Woche vor dem Trip der Gedanke auf, ob man nicht nach Glasgow fahren soll und sich dort das Erstliga-Sonntagspiel FC Motherwell-St. Johnstone anschauen solle. Diesen Gedanken verwarfen wir dann aber wieder, da jeder schon einige Male in Glasgow war und dieser Kick womöglich die weite Anreise nicht wert gewesen wäre. Bevor man ganz planlos gewesen wäre, hätte man die Strecke sicher auf sich genommen, doch wir hatten eine noch bessere Alternative in petto.
Seit der WM 2006 pflegt der Organisator dieses Trips regen Kontakt zu Freunden aus Burslem, der Heimat des dort ansässigen Port Vale F.C. Dies war eigentlich das Hauptanliegen, diesen Trip zu planen. Da es mit einem Treffen bei unseren vorigen Stationen in Leicester und Newcastle nicht geklappt hat, war es beinahe eine Verpflichtung, der Einladung zu folgen und (ohne Spiel) nach Burslem zu reisen. So buchten wir also ein paar Tage vor der Abreise das George Hotel mitten in der Stadt. Nicht so gut wie die beiden Hotels davor, aber noch akzeptabel und, wichtig, zentral gelegen. Dies wussten wir spätestens dann zu schätzen, als wir nachts vom letzten Pub aus nur noch auf die andere Straßenseite mussten. ;-)
Aber der Reihe nach. Nach Umstiegen in York und Manchester Picadilly erreichten wir nach knapp drei Stunden Zugfahrt den Bahnhof von Stoke-on-Trent, wo wir gleich ein Bild mit dem Banner aufnahmen. Ursprünglich wollte man uns vom Bahnhof abholen, doch machte das Schneechaos rund um Stoke einen Strich durch die Rechnung. Es hatte dort geschneit wie seit 20 Jahren nicht mehr, und wir waren dabei. ;-) So nahmen wir uns für die etwa sieben Kilometer lange Strecke ein Taxi und rutschten gen Burslem. Burslem ist ein Stadtteil von Stoke-on-Trent und hat knapp 15.000 Einwohner. Lemmy Kilmister von Motörhead ist dort geboren, Robbie Williams dort aufgewachsen. Robbie Williams hat sich 2006 mit 240.000 Pfund beim Club eingekauft und ist seitdem mit Abstand Mehrheitseigner. Port Vale’s großer Lokalrivale und meist gehasste Club ist Stoke City, mit denen man noch in den 90ern und bis 2002 in einer Liga spielte und bei gemeinsamer Ligazugehörigkeit eine ausgeglichene Bilanz aufweist. Derzeit ist Port Vale Tabellenführer der League 2, der vierthöchsten Spielklasse in England und hat damit gute Chancen nach einer Mammutsaison mit 46 Spieltagen den Sprung in die League 1 zu schaffen.
In Burslem bezogen wir kurz unser Quartier und gingen dann über die Straße in den Pub Queens Head, den mit den Engländern vereinbarten Treffpunkt. Einige davon hatte ich schon im November 2008 beim Länderspiel Deutschland-England in Berlin kennenlernen dürfen und wusste daher schon, dass uns sicherlich ein warmherziger Empfang bereitet werden würde. Dies bewahrheitete sich auch und so nahm ein denkwürdiger Aufenthalt seinen Lauf. Es stellte sich bald heraus, dass uns eine (Pub-)Tour erwarten würde, die wir uns, als wir in Burslem aus dem Taxi stiegen, nicht hätten vorstellen können. Im Queens Head schauten wir uns das zweite Sonntagspiel der Premier League, Tottenham-ManU, an. Danach zogen wir weiter in den kleinsten Pub der „Stadt“, Post Office Vaults. Von dort ging es weiter ins Leopard Pub, wo ein Alleinunterhalter für Stimmung sorgte, um dann schließlich im Roebuck richtig abzurocken. Dort erwartete uns ein Livekonzert vom Feinsten, hard, heavy und zum Schluss noch richtig punkig mit Klassikern von The Clash und den Sex Pistols. Als die Band aufhörte wurde uns bewusst, dass bei all dem tollen Rahmenprogramm kein Essen eingeplant war. Die Uhr zeigte schon fast auf 23 Uhr, so dass wir noch schnell zum einzigen (zumindest in Sichtweite befindlichen) Fastfood-Laden im Ort, dem Kentucky Fried Chicken, gingen und eine kleine Box Chicken Nuggets mit Pommes zu uns nahmen. Danach ging es weiter zu unserem Ausgangspunkt, dem Queens Head. Inzwischen war es nach 23 Uhr und der Laden hatte geschlossen. Eigentlich, jedoch nicht für uns. Wir wurden hinein gelassen, die Türen verriegelt, die Zapfhähne versiegelt. Man muss ja schließlich das Spiel, das einem der Gesetzgeber aufzwingt, auch schön mitspielen. Die Zapfhähne und alle sonstigen Getränke standen natürlich bei Bedarf zur Verfügung. ;-) Später wurden sogar noch Aschenbecher auf den Tisch gestellt und wir feierten ein klasse Fest mit einigen Einheimischen. Der Wirtin behagte es zunächst sichtlich nicht, doch, ich ließ mir berichten, dass hier erst zu gemacht werden würde, wenn auch der letzte Gast beschlossen hat, zu gehen. Während wir feierten war die Hausherrin schon eifrig am um uns herum zu putzen und Staub zu saugen. Sie taute schließlich schnell auf, als sie sich mit dem Gedanken anfreundete, dass unser Durst wohl nicht so schnell zu stillen sein würde. Gegen 2.30 Uhr gingen wir dann auf unser Zimmer, das auch nur der Vernunft geschuldet, weil wir uns am nächsten Morgen schon wieder um 8.30 Uhr zum Frühstück treffen wollten. Die letzten zwei Gäste verließen um 4 Uhr das Lokal, Respekt an das Wirtsehepaar und vielen Dank für einen tollen Abend.
Da wir das Hotel ohne Frühstück gebucht hatten, trafen wir uns zur besagten Uhrzeit in der Sandwich-Bar gegenüber dem Hotel. Ein Witzbold unserer Truppe hatte mir italienischen Kaffee dort versprochen, worauf ich mich auch prompt freute. Allerdings hatte ich den Laden am Tag davor nicht wahrgenommen und hatte die Hoffnung die Sandwich-Bar wäre eine richtige Frühstücks-Bar mit, Luxus, Sitzgelegenheiten. In Wahrheit war es aber wirklich ein Laden im ursprünglichen Sinne mit Ladentheke. Hinter der Theke wurde gewerkelt und Sandwiches mit diversen Zusammenstellungen belegt. Immerhin gab es auch einen Kaffee, der jetzt mit deutschem Bohnenkaffee natürlich nicht zu vergleichen war, bei mir als Kaffeejunkie aber seinen Zweck erfüllte. Er war stark genug und machte wach. Die Sandwiches waren sehr gut und auch noch sehr günstig. So kamen wir zu einem Frühstück, das etwa ein Drittel dessen kostete, was es im Hotel gekostet hätte und das sicherlich besser war, zumindest, wenn man den Hotelbewertungen Glauben schenken darf. Um halb zehn hatten wir eine Verabredung am Vale Park, dem Stadion des Port Vale F. C. Dieses hat derzeit eine Kapazität von 19.052 Plätzen, bei Heimspielen pilgern auch in der vierten Liga zwischen 4.000 und 5.000 Besucher in den Vale Park. Der Rekordbesuch betrug bei einem FA-Cup-Spiel gegen Aston Villa im Jahre 1960 sogar einmal 49.768 Zuschauer. Wir bekamen dort eine exklusive Stadionführung geboten und bekamen sowohl die Kabine als auch die V.I.P.-Lounge zu sehen. Zuvor waren wir im Fanshop, an dem sich wohl sogar der VfB eine Scheibe abschneiden könnte. Für den Shop eines Viertligisten sensationell. Dort deckten wir uns mit dem einen oder anderen Andenken ein, so erwarb ich ein T-Shirt und einen Schal, den ich sicherlich tragen werde, wenn unsere Freunde den in Aussicht gestellten Wasen-Besuch wahr machen.
Nach der ausgiebigen Stadion-Besichtigung wurden wir dann noch in einem Audi 8-Sitzer zum Bahnhof nach Stoke gefahren, von wo aus wir zurück nach Manchester fuhren.
Nahe des Bahnhofs, im Bulls Head Pub, vertrieben wir uns mit WLAN und Bier noch die Zeit, bis wir schließlich zum Manchester Airport weiter fuhren, von wo aus um 15.50 Uhr unser Flug nach Stuttgart ging. Anfangs hatten wir in Anbetracht des über weite Teile Englands herrschenden Schneechaos Bedenken, dass alles planmäßig laufen würde, erst recht, als wir auch von Flugausfällen in Stuttgart erfuhren. Diese Bedenken erwiesen sich Gott sei Dank als unbegründet, alles lief planmäßig, so dass wir Montag gegen 18.45 Uhr wieder in Stuttgart aufsetzten, aufgrund der Enteisung der Maschine in Manchester, gerade einmal 15 Minuten nach Plan.
So ging ein tolles verlängertes Wochenende zu Ende, das nach Wiederholung schreit. In weiser Voraussicht werde ich daher meine restlichen Britischen Pfund nicht zurück tauschen, da ich sie in nicht allzu ferner Zukunft sicherlich wieder gebrauchen kann.



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      Dritter und letzter Teil unserer England-Tour.
      Nach einem abermals super Frühstück im Hotel Jury’s Inn hieß es wieder Sachen packen und ab zum Bahnhof. An diesem Sonntag stand die Fahrt ins etwa 310 Kilometer entfernte Stoke-on-Trent an. WiMehr anzeigen

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      Zweite Station, Newcastle.
      Nach einer sehr kurzen Nacht und gutem Frühstück im Hotel verließen wir Leicester mit dem Zug um 9.04 Uhr wieder, um unsere nächste Station Newcastle anzuvisieren. Nach einem Umstieg in Derby erreichten wir Newcastle im Nordosten Englands planmäßig gegen 12.30 Uhr. Unser Domizil in Newcastle, wohl DER Partystadt Nordenglands, war das Jury’s Inn Hotel, etwa 200 Meter vom Bahnhof gelegen. Kurz eingecheckt und auch schon wieder los auf die Piste. In einem gemütlichen Pub stärkten wir uns mit einem wirklich klasse Barbecue-Burger mit Pommes, bevor wir in Richtung des St. James Parks gingen. Dieser liegt mitten in der Stadt, kaum einen Kilometer vom Bahnhof entfernt.
      Eigentlich sollte unser Trip in unserer Winterpause stattfinden, eine Woche vor dem Rückrundenstart vom VfB. Als im Juli aber der Spielplan heraus kam, verschoben wir den Trip um eine Woche nach hinten, da an diesem Spieltag die vermeintlich besseren Spiele lockten. So war die Ernüchterung groß, als Anfang November die endgültige Terminierung stand und wir feststellen mussten, dass alle „guten“ Spiele samstags um die gleiche Zeit stattfanden. Wir hatten noch die Möglichkeit gehabt, samstags um 13 Uhr das 2. Liga-Spiel Derby County-Nottingham Forrest anzuschauen, um danach zum 17 Uhr Spiel West Brom-Aston Villa zu hetzen. Bei letzterem aber erfuhren wir, dass die Wahrscheinlichkeit Karten zu bekommen sehr gering wäre, da es sich um ein „Derby des Hasses“ handeln würde und höchstwahrscheinlich kein freier Ticketverkauf stattfinden würde. Auch der Traum von der Anfield Road zerplatzte, weil es unmöglich erschien zu vernünftigen Preisen Karten für sechs Leute zu bekommen und wir das Risiko nicht eingehen wollten, den Kick im Stadion Pub verfolgen zu müssen.
      So entschieden wir uns für die sichere Variante Newcastle. Sicher deshalb, weil einer der Mitreisenden geschäftlichen Kontakt nach Newcastle pflegt und über diesen Kontakt sicher Karten zu bekommen waren. Natürlich war der St. James Park mehr als nur Plan B, bin ich doch schon seit langem fasziniert von der Atmosphäre, die bei Fernsehübertragungen so rüber kommt. Schade nur, dass es dieses Mal ein Duell im Tabellenkeller war, genau der 16. gegen den 19.
      Also wollen wir auch nicht meckern über die Spiele an diesem Wochenende, schade nur, dass in der Premier League beide Sonntagspiele in London stattfanden und zudem Spitzenspiele waren, wo es mit Karten auch reichlich schwierig bis unmöglich geworden wäre. Außerdem wollten wir ehrlich gesagt neben dem Fußball der englischen Pubkultur frönen anstatt permanent im Zug zu sitzen.
      Der englische Kartenbesteller meinte es gut mit den Gästen aus Germany und bestellte für uns Karten auf der Haupttribüne mit Zugang zum Platinum Club, einem riesigen beheizten VIP-Bereich. Es war jetzt nicht VIP im eigentlichen Sinne, da die Speisen und Getränke bezahlt werden mussten, dennoch klasse für uns zum aufwärmen kurz vor dem Spiel sowie in der Halbzeit. Typisch britisch durften dann auch diverse Wetten auf Ergebnis, Torschützen, etc. nicht fehlen, die in dieser Lokalität noch kurzfristig abgegeben werden konnten. Angesichts dieser angenehmen Umgebung und dem Pre-Match-Bier verpassten wir doch glatt den Anpfiff und die ersten 3,4 Minuten. ;-) . Dann schließlich nahmen wir unsere gepolsterten Sitze auf der Haupttribüne, Seite, ein und waren zunächst einmal angetan davon, dass, anders als tags zuvor in Leicester, das Stadion so gut wie ausverkauft war. Knapp 50.000 Zuschauer beim Kampf gegen den Abstieg, Respekt. Die Atmosphäre war wieder typisch britisch. Oftmals relativ ruhig, aber wehe sie legen alle auf einmal los, dann wird’s richtig laut!
      Ohrenbetäubend der Geräuschpegel natürlich nach dem verdienten 1:0-Führungstreffer in der 35. Minute. In der ersten Halbzeit hatte man nicht den Eindruck, dass Newcastle gegen Reading, wo Pavel Pogrebnjak die alleinige Spitze war, ernsthaft gefährdet wäre. Newcastle war spielbestimmend, die Angriffe der Gäste blieben meist im Ansatz stecken. In der zweiten Halbzeit dann wurde Reading mutiger. Zunächst noch machte Pavel P. seinem Ruf als Chancentod alle Ehre als er den Ball völlig freistehend in die Wolken drosch. Als jedoch in der 70. Minute ein gewisser Alan Le Fondre eingewechselt wurde kippte das Spiel. Eine Minute nach seiner Einwechslung traf er zum Ausgleich, weitere sechs Minuten später zur Führung für Reading. Newcastle merkte man danach die Nervosität an, denn sie kamen kaum mehr gefährlich vors Gästegehäuse. Erst in der Nachspielzeit, die bemerkenswerte fünf Minuten dauerte, merkte man dem Heimteam den unbedingten Willen wieder an, als es aber leider schon zu spät war.
      Auch bei diesem Spiel leerte sich das Stadion blitzschnell. Kaum jemand ließ seinen Unmut über die Leistung seiner Mannschaft heraus. Pfiffe waren lediglich gegen den Trainer Alan Pardew bei einer Auswechslung zu vernehmen. Wir machten dann noch einige Erinnerungsfotos vom inzwischen leeren Stadion, unter anderem mit dem Banner „Pro Altes VfB-Wappen“, den wir kurzfristig auf die Insel mitnahmen. Danach verließen auch wir das Stadion und diskutierten kurz, da der Mannschaftsbus von Reading (schien übrigens ein stinknormaler Reisebus gewesen zu sein…) zum Einstieg bereit stand, ob Pavel Pogrebnjak wohl zu einem Bild mit unserem Banner bereit wäre. Nach der schmutzigen Wäsche, die er nach seinem Abschied über den VfB gewaschen hat, verwarfen wir diese Überlegung jedoch gleich wieder. Wir verließen den Haupttribünenbereich und liefen vorbei an Shearer’s Bar, die 2005 zu Ehren der Clublegende Alan Shearer diesen Namen erhielt, um noch dem zweistöckigen Fanshop eine Stippvisite abzustatten und uns dort umzusehen.
      Danach gingen wir in den Strawberry Pub, einer traditionellen englischen Fußballkneipe, die naturgemäß, auch aufgrund der Lage gegenüber dem Stadion, an Spieltagen proppenvoll ist. Dort hatten wir erstmals an diesem Wochenende freies WLAN, so dass jeder eifrig am tippseln war und abcheckte, was wir die letzten 24 Stunden verpasst hatten.
      Dass der VfB seinen Rückrundenauftakt in Wolfsburg in den Sand gesetzt hat, bekamen wir allerdings schon vorher durch SMS-Standleitungen mit. Mich hat es angesichts der Statistik dort und der dünnen Personaldecke vom VfB, die zur Verfügung stand, nicht wirklich überrascht, so dass uns diese Auftaktniederlage auch nicht wirklich heruntergezogen hat.
      Nach einigen Bierchen im Strawberry’s zogen wir weiter: zu meinem Leidwesen nach Chinatown, wo die anderen unserer Gruppe auch einkehrten. Da ich persönlich europäische Kost bevorzuge und prinzipiell nicht asiatisch esse, begab ich mich in Rosies Bar, direkt auf der anderen Straßenseite und trank lieber noch ein Bier. Diese Entscheidung bereute ich allerdings auch nicht, war es doch der Hammer, was dort los war. Party, super Musik, dazu Vorfälle, die man selten so geballt in so kurzer Zeit erlebt. Ein Baum von einem Mann, Glatzkopf, harter Junge, fällt plötzlich mit dem Bier in der Hand um, hat sein Glas jedoch so geschickt gehalten, dass er kaum etwas verschüttete. Eine „Dame“ musste kurzfristig reanimiert werden, ihr Freund (und auch ich) befürchtete, sie wäre am abnibbeln, um dann, als zehn Minuten später die Sanitäter da waren, diese nur anzulächeln, nach dem Motto, alles halb so wild. Die haben sie aber vorsorglich doch mitgenommen… Bei einem Pärchen in der Ecke musste man befürchten, es ginge gleich zur Sache, so waren diese mit sich beschäftigt. Bis, ja bis ein offensichtlich etwas zurückgebliebener Mann, der vorher schon jeden abklatschte und diejenigen, die sich nicht früh genug abwandten auch noch umarmen wollte, dieser schnappte sich den Newcastle des Pärchens, der um einen Stuhl hing, um dann fluchtartig das Lokal zu verlassen. Der männliche Part des Pärchens blies dann zur Verfolgungsjagd auf die Straße. Es war also wie Kino, bis die anderen wieder kamen. Da es weiterhin lustig war und die Einheimischen richtig gut drauf waren, blieben wir dort noch recht lang.
      Danach ging es weiter in diverse andere Pubs. Das gute an Newcastle ist, dass sich alles in einem Bereich bis etwa 1,5 Kilometer vom Hauptbahnhof und damit auch von unserem Hotel abspielt. Bemerkenswert das Partyvolk auf der Insel, was uns auch schon in Leicester aufgefallen war. Bei Schneefall, Minusgraden und noch eisigem Wind, laufen viele dort kurzärmlig und im Minirock rum. Dazu haben wir unzählige Mädels gesehen, deren Absätze nicht hoch genug sein konnten und die sich auf den eisglatten bzw. mit Schneematsch bedeckten Gehwegen einen abstöckelten. :-)
      In einem Pub wollte mir noch einer weismachen, er wäre Paul Gascoigne. Eine gewisse Ähnlichkeit hatte er ja schon, mit einem Begleiter Marke Leibwächter war er auch unterwegs, trotzdem war er es wohl nicht ganz. So hatten wir in Newcastle einen richtig tollen Tag und auch Abend. Als wir dann gegen halb zwei Uhr wieder in der Nähe des Hotels waren und in einem Lokal mit Regenbogenflagge landeten, verabschiedete ich mich als erster, hatten die beiden ersten Tage doch schon reichlich Körner gekostet. ;-)

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