27. Januar 2020

Wintertrainingslager 2020 in Marbella!

Bereits kurz nach dem bitteren Abstieg in der Alten Försterei im letzten Mai, kam ich zu der Erkenntnis, „dann klappt es endlich mal wieder mit dem Wintertrainingslager“. Die zweite Liga startet später ins Jahr, so dass der VfB-Tross erst Mitte Januar und nicht schon kurz nach Neujahr, wo ich schlecht Urlaub nehmen kann, in südliche Gefilden aufbricht.

Als Mitte Oktober langsam durchsickerte, dass es nach Marbella gehen würde, nahmen die Planungen an Fahrt auf. Ursprünglich zu siebt buchten wir eine Ferienwohnung mit fünf Schlafzimmern und zwei Bädern sowie die Flüge nach Málaga. Nachdem bedauerlicherweise zwei Mitstreiter den Trip absagen mussten, waren wir nur noch zu fünft, Konsequenz, aus dem 9er-Busle wurde ein geräumiger Kombi, in den wir uns bei den geplanten Ausflügen hineinzuzwängen hatten.

Tag 1: Ab in den Süden, der Sonne hinterher

Das Team reiste bereits Freitags an, wir Samstags. Erfahrungsgemäß verpasst man am ersten Tag nicht viel, da oft noch am Clubgelände trainiert, gemeinsam zu Mittag gegessen und erst am Nachmittag der Flieger bestiegen wird. Anders diesmal, die Mannschaft flog bereits früh am Morgen und absolvierte schon nachmittags das erste Training auf den La Quinta Football Fields.

Wir starteten Samstags gemütlich in den Tag, hob der motorisierte Vogel doch erst um 16.30 Uhr ab, so dass sich unsere Reisegruppe zur Stärkung und Einstimmung im Echterdinger Brauhaus versammelte. Von dort waren es inklusive Fußweg und Fahrzeit mit der S-Bahn keine 10 Minuten zum Flughafen Stuttgart. Dort angekommen stellten wir zunächst einmal fest, dass wir unseren Trip nicht in der Hauptreisezeit durchführten. Gelinde gesagt habe ich den Stuttgarter Flughafen noch nie so leer erlebt, wie an jenem Samstag. Leer, aber nicht ganz leer, denn, wir trafen spätestens am Gate auf viele bekannte Gesichter. Kaum angekommen, wurden wir auch schon mit den obligatorischen Fischerhüten ausgestattet, die dieses Mal die Aufschrift „Official Schickimicki Supporters Club – Marbella 2020“ trugen.

Im Gegensatz zu den oft sehr überlaufenen Sommertrainingslagern ist man im Winter weitestgehend „unter sich“, man kennt sich, man schätzt sich und man hat jede Menge Spaß miteinander. Unsere Reisegruppe, bestehend aus vier Mann + „Puppe“, saß verstreut im Flieger, da Platzreservierungen bei Billigairlines mittlerweile extra berechnet werden und wir nun mal eben Schwaben sind. Zudem verbringen wir ja eine Woche auf relativ engem Raum miteinander, so dass diese zweieinhalbstündige Trennung zu verschmerzen war.

Soke, weithin bekannt als Stadionfotograf und seines Zeichens Groundhopper (siehe www.soke2.de), stellte einen Wochenplan auf, der jede Menge Fußballspiele beinhaltete, das erste bereits am Anreisetag um 21 Uhr. Planmäßige Landung war um 19 Uhr, danach galt es den Mietwagen und den Schlüssel für die Ferienwohnung zu organisieren, so dass das Vorhaben schon recht sportlich, bei optimalem Verlauf jedoch machbar, war.

Trotz Verzögerungen beim Mietwagenerhalt und der Suche nach der etwas versteckt gelegenen, verkehrsberuhigten Straße unserer Wohnung und eines Parkplatzes (In Marbella wie ein Sechser im Lotto!), lagen wir noch gut genug in der Zeit, um das Spiel besuchen zu können. Im Visier war das Copa del Rey Match des Lokalmatadoren Marbella FC, Drittligist im Ligasystem des spanischen Fußballs, gegen den Erstligisten Real Valladolid.

Das Estadio Municipal de Marbella liegt fußläufig zu unserer Wohnung, so dass es auch nicht tragisch gewesen wäre, hätten wir den Anpfiff verpasst. Immer den Flutlichtern hinterher, hieß es dann! Wir waren zwar nahezu pünktlich am Stadion, fanden jedoch keine Tickethäuschen vor, was, wie wir kurz darauf erfuhren, darin seine Ursache hatte, dass das Spiel restlos ausverkauft war.

Das schmucke Stadion fasst bei Fußballspielen gerade einmal 7.300 Zuschauer, hat in der Vergangenheit aber auch schon weit mehr ausgehalten. The Queen spielten 1986 auf der Magic Tour ihr vorletztes Konzert mit Freddie Mercury überhaupt, Prince gab sich dort die Ehre, ebenso der King of Pop, Michael Jackson, vor beachtlichen 28.000 Zuschauern.

Da Trübsal blasen nicht unser Ding ist, begaben wir uns in einen Pub gegenüber des Stadions, um begleitet von Stadionatmosphäre auf die erfolgreiche Anreise und die bevorstehende Woche anzustoßen.
Dort trafen wir auch die Jungs vom ersten oberfränkischen VfB-Fanclub „Rauhe Ebrach“ wieder, die mit uns im Flieger saßen. Sie hatten von einem Erlebnis der besonderen Art zu berichten, zeigten sie doch ein Foto mit Ronaldo, dem brasilianischen Weltmeister von 2002.

Wie Gerd von Leintal Power bei „Red Dogs Hohenlohe TV“ zum Besten gab, „der Dicke, nicht DER Ronaldo“. Denke ich an Ronaldo, denke ich automatisch auch an Oliver Kahn, der 2002 nach herausragenden Leistungen im Turnierverlauf, ausgerechnet im Finale zwei Mal gegen Ronaldo patzte und Brasilien somit zum Weltmeister machte!

Wie wir auch, versuchten die Franken an Karten zu kommen und passierten die Haupttribüne just als dieser Ronaldo vor dem Eingang eine Zigarette rauchte.

Ronaldo ist seit 2018 Mehrheitseigner bei Real Valladolid und war deshalb vor Ort. Nach dem Spiel reihten wir uns ein in die Teenie-Schar vor dem Eingang, in der Hoffnung, dass sich Ronaldo Zeit für weitere Fotos nehmen würde, doch, begleitet von der Polizei begab er sich in Begleitung einer hübsch aussehenden Blondine zum nahegelegenen Vehikel und brauste davon. Ein paar Blicke konnten wir erhaschen, zu mehr reichte es leider nicht.

Den Geräuschen aus dem Stadion nach zu urteilen, legte der Underdog eine riesen Partie hin und führte bis zur 86. Minute mit 1:0, ehe Ünal der Ausgleich gelang und damit die Verlängerung erzwang. Da wir in Sichtweite der Gegengerade saßen, bekamen wir plötzlich mit, dass am Eingang kein Ordner mehr stand und wurden von Einheimischen, die schon wussten, wie enttäuscht wir waren, nur Zaungäste sein zu dürfen, ermutigt, jetzt doch rein zu gehen. Gesagt, getan, die einen etwas früher, ich pünktlich zur Verlängerung, waren wir plötzlich mittendrin statt nur dabei und bekamen doch noch „unser“ Spiel am ersten Tag.

Marbella war auch in der Verlängerung die bessere Mannschaft, erzielte jedoch leider kein weiteres Tor mehr, so dass das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste, an dem Marbella kläglich scheiterte. Den Abend ließen wir in der netten Kneipe nebenan ausklingen, in der hunderte ausgehängter Schals DER Blickfang waren. Einer vom VfB fehlt leider weiterhin, alles, was nicht unbedingt ins Handgepäck musste, blieb daheim. Billigflieger olé.

Tag 2: Training, hoppen und gut schlemmen

Am zweiten Tag galt es nach einem spartanischen Frühstück in der Ferienwohnung zum ersten Mal das Trainingsgelände aufzusuchen. Dieses Unterfangen begann zunächst mit einem kleinen Schock am Morgen. Da wir am Vorabend bekanntlich keine Zeit zu verlieren hatten, stellten wir das Auto im nächstbesten Parkhaus ab und bekamen prompt die sprichwörtliche Quittung präsentiert: satte 39 Euro verlangte der Automat für eine Nacht parken, willkommen bei den „Schönen und Reichen“!

Die Suche nach dem Trainingsgelände erwies sich zunächst als schwierig, weil es die „La Quinta Football Fields“ noch nicht zu geben schien, als die Aufnahmen für Google Maps gemacht wurden. Den Straßennamen fand schließlich unser Navi nicht, so dass wir uns am Hintergrund der Aufnahmen, die der VfB bereits von den Einheiten online stellte, orientierten und damit tatsächlich auch zum Erfolg kamen.

Am Trainingsplatz angekommen, galt es natürlich zuerst den Tross zu begrüßen und mit den anderen Trainingslager-Gästen die bisherigen Eindrücke sowie die weiteren Vorhaben zu besprechen. Ganze vier Bilder von „meinem“ ersten Training wies daher mein Kamerachip aus, was nicht weiter schlimm war. Zum einen hatten wir ja noch ein paar Tage, zum anderen befanden wir uns sozusagen auf der Durchreise zum nächsten Ground.

Dieser sollte uns an die Grenze zu Gibraltar, nach La Línea de la Concepción, führen. Der Ground bestach weniger durch hochklassigen Fußball denn durch sein einzigartiges Ambiente. Nach vorne blickte man auf den Rasen, links der Felsen von Gibraltar und dreht man sich nach hinten um hat man einen wunderschönen Blick auf das Mittelmeer.

Im Estadio Municipal de La Línea de la Concepción fand das Drittliga-Spiel Real Balompédica Linense gegen CP Villarrobledo statt, das die Hausherren durch ein Tor kurz vor Schluss mit 1:0 für sich entscheiden konnten. Dadurch herrschte gute Laune bei den Gastgebern, was sich an den großzügigen Mischungen beim Ausschank in der Stadiongaststätte zeigen sollte.

Abends lud die VfB-Fanbetreuung die Mitreisenden in ein Restaurant ein, wobei die Speisen bezahlt werden mussten und der VfB uns auf die Getränke einlud. „Klenky“ brachte außer Holger Laser auch unseren Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger sowie den neu gewählten Präsidenten Claus Vogt mit.

Anders wie bei vorherigen Trainingslagern, als die ganze Mannschaft oder wenigstens einzelne Spieler zum Plausch mit den Fans antraten, waren es dieses Mal „nur“ Offizielle!

Meiner Freude über die Einladung tat dies keinen Abbruch, weiß ich mittlerweile schon überhaupt nicht mehr, was ich mit den Bübchen zu bereden hätte, leben die doch größtenteils in ihrer eigenen und für mich kaum noch nachvollziehbaren Welt.

Dass ein Holger Badstuber mittlerweile der dienstälteste VfB-Profi ist, sagt so einiges aus über die nicht vorhandene Identifikation mit unserem Kader. Einzig mit den Älteren hätte man überhaupt eine Gesprächsgrundlage gefunden, was es auch nicht mehr brauchte, war doch Mario Gomez Anfang Dezember Gast in der Schwemme, wo ein guter Austausch möglich war.

Da wir schnell an der größten Tafel des Raumes Platz nahmen und diese genauso schnell bis auf den Platz gefüllt war, fand sich den ganzen Abend über weder Platz für „Hitz“ noch für Claus Vogt. An der Stirnseite nahmen schließlich Klenky und Holger Platz, so dass wir uns den Abend über mehr mit Ihnen als mit den eigentlichen „Stars“ des Abends unterhielten, was auch interessant und aufschlussreich war, zudem kennt man und versteht sich ja auch!

Mit Claus Vogt konnte ich mich im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfes bereits austauschen und es war unwahrscheinlich, dass sich binnen einem Monat Präsidentschaft Grundlegendes in seinen Positionen verändert hatte oder er das eine oder andere Entscheidende bereits auf den Weg bringen konnte.

Hitzlsperger saß zeitweise direkt hinter mir, so dass ich einiges selbst aufschnappen konnte und anderes, was er zum besten gab, hinterher in Gesprächen erfuhr. Nach dessen Ausführungen jedenfalls wurde mir die Trennung von Walter plausibler und erfolgte demnach eher zu spät, wenngleich eine Spielpause natürlich immer besser dazu geeignet ist, den Schnitt zu vollziehen.

Da hauptsächlich Allesfahrer am Start waren, kam die Frage nach internationalen Testspielen, auswärts versteht sich, auf, was Hitzlsperger ein wenig zu überraschen schien. Als wir ihm mitteilten, dass wir mit dem Erreichen des DM-Endspiels unserer U19 die Youth League fest im Visier hatten, merkte er, wie ernst uns diese „Ersatzdroge“ für entgangene Europapokalfreuden ist. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, er solle doch mal bei seinen Ex-Vereinen Aston Villa und West Ham United anklopfen, vielleicht wird es ja was!

Ein solcher Abend ist Gold wert, fühlt man sich doch ernst genommen und kann er doch gegenseitiges Verständnis erzeugen. Noch immer bin ich erleichtert, dass wir Dietrich losbekommen haben und vertraue Hitzlsperger und Vogt, dass sie den VfB in ein besseres Licht und auch langsam und beharrlich in die Erfolgsspur zurück führen. Da Rückschläge nie auszuschließen sind, verliere ich auch nicht die Nerven, sollte der Aufstieg in diesem Jahr verpasst werden. Der Umbruch war nötig und gewaltig, so dass man nicht erwarten kann, dass von heute auf morgen alles gut wird.

Nachdem sich Hitzlsperger und Vogt verabschiedet haben und die letzten Pitcher über den Tisch gingen, ließ man den Abend in einer Karaoke-Bar ausklingen.

Tag 3: Hallo Marbella, hallo Mikrophon

Das Vormittagstraining ließen wir ausfallen. Da am Nachmittag das erste Testspiel gegen den FC Basel anstand, war mehr als ein einstündiges Anschwitzen auf dem Platz ohnehin nicht zu erwarten, so dass man sich das getrost schenken konnte.

Nach den ersten Tagen voller „Termine“ wollten wir jetzt endlich einmal unsere unmittelbare Umgebung erkunden. Wir ließen uns sagen, Marbella liege am Meer. Bislang hatte ich noch keines gesehen, so dass es höchste Zeit war, danach zu schauen. Tatsächlich, eine wunderschöne Strandpromenade, Sand und Wasser wohin das Auge reichte, erwarteten uns, kaum mehr als fünf Gehminuten von unserer Bude entfernt. So wateten wir durch den Sand, schossen Bilder und ließen den Herrgott einen guten Mann sein.

Alsbald begaben wir uns zum Auto, dass wir von nun an in einem günstigeren Parkhaus für 16,80 Euro Höchstsatz abgestellt hatten und suchten einen Supermarkt auf, um uns mit San Miguel Dosen für das bevorstehende Testspiel zu versorgen.

Anders als bei den Trainingseinheiten war das Gelände bei diesem internationalen Testspiel plötzlich nicht mehr frei zugänglich. Wegen der Parkplatzsituation am Trainingsplatz fanden wir uns bereits eine Stunde vor Spielbeginn ein und wurden von einem Wächter freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass der Zutritt erst eine halbe Stunde vor Spielbeginn gestattet sei und dieser ohne Mitnahme von alkoholischen Kaltgetränken zu erfolgen habe. In spanischen „Stadien“ sei Alkohol grundsätzlich verboten und dies gelte schließlich auch für dieses „Spitzenspiel“.

Wir hatten Glück in einem unbeobachteten Moment und als Anhang der Fanbetreuung hinein huschen zu können, während die anderen, die später eintrafen, ihren Proviant vor dem Eingang austrinken oder wieder ins Auto bringen mussten.

So waren wir plötzlich gefragter denn je und versorgten die durstige Bagage mit Bier, soweit die prall gefüllten Rucksäcke es hergaben. Der Sheriff indes lief die Seitenlinie auf und ab, konfiszierte hier eine Bacardi-Flasche, dort ein Sixpack, ließ uns jedoch weitestgehend in Ruhe, da wir mittlerweile (unauffällige) Cola-Becher zum Umfüllen organisiert hatten.

Als das Spiel im Gange war, standen die Handys nicht mehr still. Das Mikrophon lag „etwas unglücklich“ direkt vor uns auf dem Boden und sollte Atmosphäre in die Heimat transportieren, was eindrucksvoll gelang.

In den sozialen Medien überschlugen sich die Leute, teils beleidigend, was umgehend zu Gegenreaktionen und im einen oder anderen Fall auch zu weniger vorzeigenswerten Retourkutschen führte. „Den“ Fans hier aber Homophobie und Rassismus zu unterstellen, wie teilweise zu lesen war, schießt meines Erachtens weit übers Ziel hinaus, nicht nur weil ich von Verallgemeinerungen und Pauschalurteilen ohnehin nichts halte.

Wir waren einfach, wie einige User erkannten, gut drauf und zudem der Stresssituation des heimlich „trinken müssens“ ausgesetzt. Besondere Situationen rufen besondere Maßnahmen hervor. Ich fand es extrem lustig und verstehe so manche Spaßbremse in der Heimat nicht, die wohl nicht ernsthaft tiefgründige Fußballfachgespräche bei einem unbedeutenden Kirmeskick im Urlaub erwartet hat. Das Spiel gewann der VfB durch einen Doppelschlag kurz nach der Pause mit 2:0, ein gelungener Auftakt für unseren neuen Trainer Pellegrino Matarazzo.

Tag 4: Das Morgengrauen oder der verhinderte Plan

Heute wegen gestern geschlossen. So oder so ähnlich könnte man umschreiben, weshalb aus dem geplanten Ganztagestrip nach Málaga mit Sightseeing nur einer zum Fußballspiel wurde! Da drei Mitglieder unserer fünfköpfigen Reisegruppe es am Vorabend übertrieben hatten, lässt sich fast schon von einem Mehrheitsbeschluss sprechen, den eigentlichen Plan ad acta gelegt zu haben, auch wenn es für die anderen beiden verständlicherweise nicht so schön war.

Erst nachmittags gegen 15 Uhr kamen wir weg und stellten das Auto (natürlich) auf einem kostenpflichtigen Parkplatz nahe des Stadions ab. Immer in Richtung Wasser gehend, ließen wir die Sehenswürdigkeiten Sehenswürdigkeiten sein und kehrten am Hafen ins Hardrock-Cafe ein. Dort gesellten sich weitere VfBler dazu, mit denen wir einige Zeit später per Taxi zum Stadion zurück fuhren.
Dort angekommen bemerkten wir bereits eine Vielzahl an Ultras, die zwar einige Schlachtgesänge skandierten, offensichtlich aber das Stadion (noch) nicht betraten. Insgesamt fanden sich im Stadion La Rosaleda des skandalträchtigen Málaga CF 12.203 Zuschauer ein, wobei die Ultras aufgrund eines Stimmungsboykotts erst kurz vor der Halbzeitpause in den Block kamen.

Die Proteste richten sich gegen den aus der Herrscher-Familie Katars stammenden Vereinseigners und -Präsidenten Abdullah Al-Thani, der sich erst vor Wochenfrist des beliebten Trainers Víctor Sánchez entledigt hatte. Offenbar gelegen kam ihm ein im Netz aufgetauchtes Video, das den Ex-Trainer im Vereins-Poloshirt und mit heruntergelassener Hose onanierend zeigte. Der Trainer hatte wenige Tage davor die Vereinsführung beschuldigt, Versprechen nicht eingehalten und „betrogen“ zu haben, so dass es auf jeden Fall ein Gschmäckle hat, dass das Video gerade zu diesem Zeitpunkt auftauchte und vor allem, wer ein Interesse hatte, es zu diesem Zeitpunkt zu veröffentlichten. Die Fans stellten sich jedenfalls auf die Seite des Coaches, ist der Präsident doch schon seit der Übernahme des Vereins nicht sehr wohlgelitten.

Der allmächtige Katari hatte den Club 2010 übernommen, bis 2013 rund 150 Millionen Euro in sein Spielzeug investiert, ehe das Kartenhaus zusammenfiel und man schließlich aufgrund des Financial Fairplay der UEFA von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Daraufhin trennte man sich von etlichen namhaften Spielern und backt seither kleinere Brötchen, mittlerweile sogar in der 2. Liga.
Somit war stimmungstechnisch wenig geboten und auch spielerisch herrschte weitestgehend totale Armut. Nach dem 1:0 in der 2. Spielminute hofften wir noch auf ein Feuerwerk, nichtsahnend, dass es sich hierbei bereits um den einzigen Höhepunkt gehandelt hatte. Alles in allem ein enttäuschendes Duell der zweiten Tabellenhälfte, bei dem man leidvoll mit erleben musste, was aus einem einst glanzvollen Championsleague-Teilnehmer geworden ist, der sein Heil in die Hände eines Scheichs gelegt hat, der TSV 1860 München lässt grüßen!

Tag 5: Ein Tag am Meer

Nach dem Vormittagstraining begaben wir uns direkt auf den Weg nach Cádiz. 170 Kilometer zu einem Zweitligakick, der uns eigentlich nichts angeht, kann man mal machen! Da die Geschichte von Cádiz bis in die Jahre um 1.000 v. Chr. reicht, gilt die auf einer Landzunge im Atlantik gelegene Perle als die älteste Stadt Europas. Erneut war unsere erste Anlaufstelle das Stadion, um nach dem Spiel Cádiz CF gegen CD Mirandés schnell den weiten Rückweg antreten zu können. Dieses Mal hatten wir Glück und fanden eine kostenlose Parkgelegenheit 200 Meter vom Stadion entfernt.

Da wir langsam hungrig wurden und nach Spielende gegen 23 Uhr die Auswahl eher überschaubar sein würde, schlenderten wir vom Stadion aus in Richtung Strandpromenade und kehrten dort in einem Argentinischen Steakhaus ein.

Gesättigt entschlossen wir uns, angesichts der bald einsetzenden Dunkelheit, auf die Stadtbesichtigung zu verzichten und lieber von einer Strandbar aus den wunderschönen Sonnenuntergang zu bestaunen. „Puppe“ ließ sich am Strand für ihre „Insta-Story“ ins rechte Licht setzen, während wir uns das Bier schmecken ließen und den An-, ähm, Ausblick genossen.

Für stolze 35€ gönnten wir uns einen Platz auf der Gegentribüne, was der „günstigsten“ Kategorie entsprach, als wir direkt nach Ankunft den Ticketschalter aufsuchten.

Hintertortribünen waren überhaupt keine im Verkauf, was uns angesichts unserer ersten Spiele in Andalusien, bei denen eben nur die Geraden geöffnet waren, auch nicht weiter skeptisch werden ließ. Das „Premium-Produkt“ Segunda Division, hat dem Vernehmen nach eben seinen Preis, ist ja beim VfB nicht anders!

Im Gegensatz des Spiels derselben Liga in Málaga, als es ein Kellerduell war, waren wir nun beim unangefochtenen Spitzenreiter zu Gast, was unsere Erwartungen an ein Spektakel nach oben geschraubt hatte.

Doch, weit gefehlt, auf dem Spielfeld bemerkte man nicht, wer hier Spitzenreiter und wer Neunter ist. Der erlösenden Führung der Hausherren in der ersten Halbzeit, folgte postwendend der Ausgleich. Man fühlte sich einmal mehr an den VfB erinnert, um festzustellen, „ist halt auch nur zweite Liga“.

In der zweiten Hälfte ging Cádiz erneut in Führung und schien sich dieses Mal die Butter nicht mehr vom Brot nehmen zu lassen. Spätestens als in der 90. Minute das 3:1 fiel, konnte man davon ausgehen, der Tabellenführer würde sich keine Blöße mehr geben.

Doch, weit gefehlt: die zahlreichen freudetrunkenen Anhänger, die nach diesem Tor das Stadion verließen, verpassten sowohl den Anschluss von Mirandes, als auch in der 7. (!) Minute der Nachspielzeit den Ausgleich. Für mich eine späte Genugtuung, litten die Gastgeber, nachdem sie in Führung lagen, an extremer Fallsucht und verzögerten das Spiel ein ums andere Mal.

Apropos Zuschauerabmarsch: fühlt man sich wie zuhause, geht nach dem Abpfiff noch gemütlich aufs Klo, macht ein paar Fotos vom sich leerenden Stadion und wartet schließlich auf die Anderen, läuft man Gefahr, eingeschlossen zu werden. Direkt hinter uns, keine 15 Minuten nach Spielende, wurden die Tore abgeschlossen. So schnell sich ein spanisches Stadion kurz vor Spielbeginn füllt, so schnell leert es sich auch wieder.

Tag 6: Länderpunkt Gibraltar

Am Donnerstag wurde zunächst das Vormittagstraining besucht, nach dem es hieß, sich von einigen zu verabschieden, die nachmittags zurück in die Heimat flogen. Daher wurden noch Erinnerungsfotos gemacht und selbst ein Mannschaftsfoto mit Fans konnte initiiert werden, das ich leider, da mitten im Gespräch, verpasst hatte. Außer dem Foto am Fanabend mit Thomas Hitzlsperger habe ich dieses Mal überhaupt keine Bilder von mir mit Spielern oder Offiziellen machen lassen.

Nach einem Trainerwechsel bin ich traditionell sauer auf die „Mannschaft“, die es überhaupt so weit hat kommen lassen und sehe diese in der Pflicht, erst einmal zu liefern, bevor sie mit mir auf „Friede, Freude, Eierkuchenfotos“ dürfen. Die oft einmalige Gelegenheit mich mit dem gerade aktuellen Übungsleiter ablichten zu lassen, wollte ich eigentlich wahrnehmen, schaffte es aber leider nicht mehr, da wir nach den Training-Sessions stets auf dem Sprung waren und Spieler und Staff auf dem Weg zum Bus nicht an uns vorbei kamen.

So ging es nach dem Training gleich auf britisches Hoheitsgebiet nach Gibraltar. Gibraltar, an der Nordseite der Straße von Gibraltar gelegen, ist vor allem bekannt für die einzig freilebenden Affen Europas. Wobei freilebend nicht heißt, dass sie sich auch selbst versorgen müssen, haben viele Touristen doch Leckerli für sie dabei, auch wenn die Fütterung der Berberaffen eigentlich streng verboten ist!

Weltweit einmalig ist, dass man, um auf die Halbinsel Gibraltar zu gelangen, die Landebahn des Flughafens von Gibraltar überqueren muss. Ist man dann „drüben“, erwarten einen gleich Taxifahrer, die eine gut zweistündige Rundtour auf den Upper Rock anbieten. Kostenpunkt 30 Euro pro Person, worin die 15 Euro Eintritt, die man auch als Fußgänger bezahlen müsste, enthalten sind. Im Eintritt ebenfalls enthalten ist die Tropfsteinhöhle „St. Michael’s Cave“, die wir auch besuchten und vor der dann noch kurz mit Middlesbrough-Fans, ebenfalls inzwischen zweitklassig, über längst vergangene Europacup-Duelle sinniert wurde.

Anders als in Spanien, wo es bei Spielen ausschließlich alkoholfreie Getränke gab und selbst das Rauchen teilweise, wie in Málaga, nicht erlaubt ist, juckte das in Gibraltar niemanden.

Gibraltar hat eine Liga mit zwölf Vereinen, die ausschließlich im einzigen Stadion des „Landes“, dem Victoria-Stadium, spielen. Nach elf Spielen, also jeder gegen jeden, wird die Liga unterteilt in eine Championship- und eine Abstiegsrunde, wobei wir uns sinnigerweise ein Spiel der Abstiegsrunde, nämlich Mons Calpe SC gegen College 1975 FC, herausgesucht hatten.

Dieses schien fast ausschließlich Groundhopper zu interessieren, denn mehr als rund 50 Zuschauer dürften nicht da gewesen sein. Der „Gastgeber“ gewann durch ein spätes Tor mit 1:0 und freute sich, genauso wie wir, über den kurz darauffolgenden Schlusspfiff. Auch wenn damit der Länderpunkt Gibraltar eingefahren wurde, war dieses Spiel ohne jegliche Atmosphäre ein zähes Unterfangen und hatte seine Höhenpunkte in Start und Landung je einer Maschine auf dem daneben befindlichen Flughafen. Da eine Stadionkneipe oder ein Kiosk, zumindest auf unserer Seite, nicht auszumachen war, holten wir bei einer nahegelegenen Tanke Dosenbier, was hier niemanden interessierte. Kein Eintritt, keine Kontrollen, nicht einmal ein Ordner schien dort Dienst zu tun, ein „Erstligaspiel“ der besonderen Art. Nach dem Spiel stärkten wir uns, wie schon vor dem Spiel in La Línea, beim Burger King für die Rückfahrt und ließen den Abend im Irish Pub in Marbella, in fußläufiger Entfernung von unserer Wohnung aus gelegen, ausklingen.

Tag 7: Freizeit

Den wettertechnisch schönsten und wärmsten Tag unseres Aufenthalts hatten wir am Freitag. Schon die Wetterapp prognostizierte 20° und Sonnenschein, so dass die kurze Hose wenigstens nicht umsonst mitgenommen wurde.

Da ich trotz kurzer Nacht morgens als erster „fit“ war und auch nach der Morgentoilette keinerlei Lebenszeichen in der Bude vernommen wurden, entschloss ich mich, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Die „Old Town“ wollte ich unbedingt noch sehen, und ließ es daher nicht darauf ankommen, ob wir das in der Gruppe geschafft hätten.

Gesagt, getan, kurz eine erste Anlaufstelle ergoogelt und hin navigiert. Einzig Thilo war auch schon unterwegs und gesellte sich zu einem kleinen Frühstück in einem Café zu mir, ehe sich unsere Wege auch schon wieder trennten.

Die Altstadt hielt, was sie verspricht, ein tolles Ambiente bei bestem Frühlingswetter, enjoy the life! Da ich von den Anderen noch immer nichts hörte, entschloss ich mich, am Meer entlang zum Yachthafen Puerto Banus zu marschieren. Eine stattliche Entfernung zwar, aber, mit einem Ziel vor Augen und sein eigenes Tempo laufen könnend, nur zu empfehlen, zumal man ständig neue Eindrücke sammelt und einem der Weg daher nicht so lang vorkommt, wie er tatsächlich ist.

Da auch die Anderen (o.k., eine Ausnahme) den Yachthafen sehen und ein paar Bilder machen wollten, trafen wir uns dort, um dann doch relativ schnell zum Nachmittagstraining aufzubrechen. Die Dekadenz, die einem dort entgegenschlägt, ist wahrlich nicht unsere Welt.

Das Nachmittagstraining war für 15 Uhr angesetzt, um 16 Uhr bereits fand das Spiel FC Luzern-Gaz Metan Mediaș im Marbella Football-Center statt. Wir einigten uns darauf, bei diesem Testspiel nur die zweite Halbzeit anzuschauen, um bei unserem letzten Training etwas länger verweilen zu können.

Das Marbella Football Center, wo unter anderem auch Borussia Dortmund Anfang Januar ein Testspiel ausgetragen hat, wäre als Trainingsanlage für uns Fans die bessere Wahl gewesen. Gab es in La Quinta gerade einmal zwei Dixi-Klos und keinerlei Verpflegungsmöglichkeiten glänzte das Marbella Football Center sowohl mit sanitären Anlagen, einem Vereinsheim sowie einer Tribüne. Es wäre zu empfehlen, dass der VfB bei der Auswahl seiner Spielstätten nicht nur auf die Nähe zum eigenen Hotel, sondern auch auf die Bedürfnisse der (wenigen) mitreisenden Fans achten würde.

Während andere Vereine schon zwei Monate vor den Trainingslagern Fanreisen anbieten, werden unsere zwei (!) Wochen vor Abflug erst offiziell kommuniziert, damit ja keiner auf die Idee kommt, so kurzfristig noch zu buchen. Auf dem Fan-Abend hieß es dazu, die Bestätigung des Hotels sei erst so spät gekommen, womit ich allerdings Probleme habe, das so glauben zu können.

Unmittelbar nach Schlusspfiff dieses Spiels brausten wir auch schon wieder davon und nahmen noch die letzten 15 Minuten der 0:2-Testspielpleite des 1. FC Nürnberg gegen den kroatischen Vertreter NK Osijek auf der Sportanlage Dama de Noche mit.

Danach zog es uns zurück an die Strandpromenade von Marbella, wo es für einige Mitreisende nach Steaks, Burger und Pasta endlich die ersehnte Paella gab, ehe wir unseren letzten Abend wieder im Irish Pub ausklingen ließen.

Tag 8: Ein letztes Spiel und Abreise

Exakt fünf Stunden vor unserem Abflug stand der zweite und letzte Test unseres VfB im Rahmen des Trainingslagers von Marbella auf dem Programm. Erneut auf dem Trainingsplatz ging es gegen den ungarischen Vertreter MOL Fehérvár FC, den man mit 3:1 in die Schranken wies. Merklich leerer war es geworden, war es doch einigen, die mit uns flogen, zu riskant den Flieger zu verpassen.

Uns reichte es optimal, der Mietwagen war in Windeseile und ohne nähere Begutachtung abgenommen und auch der Check-In verlief reibungslos.

Als Resümee des Wintertrainingslagers lässt sich festhalten, dass es wieder eine super Truppe und jeder Tag erlebenswert war. Bestens zusammengefasst hat die Tage Thilo von den Red Dogs Hohenlohe unter https://www.youtube.com/watch?v=bRSPqpDlLJc, wo unsere gesamte Reisegruppe sowie „Mühli“, Produzent des einzigartigen VfB-Brots, zu Wort kommen. Zu einem Statement der „Bordbistroszene“ kam es leider nicht mehr, da diese völlig überraschend am Dienstag bereits abreiste und uns uns selbst überlassen hat.

Wir, das waren Sandra („Puppe“, Fahrerin 1/ RWS Berkheim), Steffen (Fahrer 2/ Leintal Power 05), Soke (Reiseleiter/ RWS Berkheim), Thilo (Kameramann/ Red Dogs Hohenlohe) und Franky (Chronist/ RWS Berkheim), fühlen uns nach diesem Trainingslager bestens gerüstet für die Restrunde und sehen dem ersten Härtetest nächstes Wochenende in Hamburg gelassen entgegen.

Wie weit die Mannschaft unter neuem Trainer schon ist, werden wir nach den ersten beiden Spielen gegen Heidenheim und in St. Pauli wissen. Tolle Trainingslager mit besten Bedingungen gab es bereits zuhauf, allein das ist kein Indikator für eine erfolgreiche Restrunde, zumal bestimmt auch keiner unserer Konkurrenten von einer katastrophalen Vorbereitung zu berichten weiß.

Maulhelden sind sie alle, die jetzt die zurückgekehrte Einfachheit unter Matarazzo, der die Jungs (noch) nicht zu überfordern scheint, loben, entscheidend ist ab Mittwoch auf dem Platz. Da wird sich zeigen, ob das Quäntchen Spritzigkeit, welches zu knappen Abseitsentscheidungen führte, durch das direktere Spiel unter dem neuen Trainer freigesetzt wird. Es wird sich zeigen, ob dies auch zu mehr Konzentration gereicht, die oft gefehlt hat, oder die Gegner noch immer reihenweise zu Großchancen gegen uns kommen.

Man würde dem neuen Trainer gerne Zeit geben und manchem Spieler, der um Geduld bat, bis die Abläufe sitzen, beipflichten, doch, wenn wir eines nicht haben, ist es Zeit! Das Team muss liefern, sofort, denn, nach fünf Niederlagen in den ersten 18 Spielen darf sich der VfB nicht mehr viele Punktverluste leisten, will er als einer der beiden ersten aufsteigen.

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24. Dezember 2019

Zurück im Hamsterrad!

Es ließ sich verheißungsvoll an, mit Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand (inzwischen zum CEO der VfB Stuttgart AG ernannt) und Sven Mislintat, dem Diamantenauge, der bislang, analog zu Reschke vornehmlich aus der zweiten Reihe schoss.

Ich erlebte ein Trainingslager in Kitzbühel, in dem die Protagonisten nahbar wie selten und sich für keinen fachmännischen Plausch mit den Fans zu schade waren. Ob Hitzlsperger, Mislintat oder Walter. Alle hatten ein offenes Ohr, ihr Tatendrang den VfB zu einem anderen, als dem der letzten Jahre zu machen, wirkte ansteckend.

Das neu zusammengestellte Team hatte sichtlich Spaß wie lange nicht, Tim Walter war Lehrer, Mentor, Kumpel in einem und wollte jeden Spieler in jedem Training besser machen.

Dass er Badener ist und als Vertrauensperson das Karlsruher Urgestein Rainer Ulrich mitbrachte, war mir, im Gegensatz zu vielen, erst mal scheißegal.

Für mich spielte auch keine Rolle, dass „Hitzlintat“ einen Trainer verpflichteten, der „nur“ von Holstein Kiel kam und davor im Nachwuchsbereich vom Karlsruher SC und von Bayern München arbeitete.

Selbst als er in einem Interview betonte, diese beiden seien „seine“ Vereine, zuckte ich nicht angewidert zusammen, sondern sah es im Profigeschäft als normal an, dass ein Trainer im Laufe seiner Karriere auch düstere Kapitel zu überstehen hat und es grundsätzlich von Charakter zeugt, sich auch gegenüber Ex-Arbeitgebern loyal zu zeigen.

Nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre, stetigem Niedergang, zwei Abstiegen, umrandet von unzähligen ganz unterschiedlichen Übungsleitern an der Linie, legte ich mein Vertrauen in die Hände von „Hitzlintat“ und war überzeugt davon, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, den VfB wieder zu einer sympathischeren und erfolgreicheren Marke zu machen, und den VfB sportlich komplett neu auszurichten.

Nach Jahren der internen Querelen um Wolfgang Dietrich und Michael Reschke, die sich als Prellbock der Krakeeler und die Fans als ahnungslose Vollidioten wahrnahmen, und den Verein brachial führten, hatte man plötzlich das Gefühl, ernst genommen zu werden und zur Politik der kleinen Schritte zurückkehren zu wollen.

Meine Ansprüche waren auf dem Tiefpunkt angekommen, so dass es mir wirklich bereits genügte, ein Team zu sehen, das an einem Strang zieht und ich einer kontinuierlichen Veränderung und später auch Verbesserung alle Zeit der Welt gegeben hätte.

Für mich stand nie im Vordergrund unbedingt mit der Brechstange aufsteigen zu müssen, um sich in der Bundesliga dann daran zu ergötzen, mit 30 Punkten die Klasse zu halten, weil zwei, drei Teams noch schlechter sind. Da ist mir doch mehr an einer nachhaltigen Entwicklung gelegen, die uns auf Sicht konkurrenzfähiger werden lässt.

Da Mislintat schon vor der Saison ankündigte, die Beseitigung der Altlasten im Kader nähme einige Transferperioden in Anspruch und dass der Aufstieg das große Ziel, jedoch kein Muss sei, war ich bis zuletzt tiefenentspannt und davon überzeugt, mit Kadernachjustierungen in der Wintertransferperiode den Dampfer wieder flott zu kriegen, MIT Tim Walter.

Seit gestern haben wir die Gewissheit, dass der Wunsch nach Kontinuität und antizyklischem Handeln ein frommer Wunsch geblieben ist und „Hitzlintat“ bei der ersten steifen Prise umgefallen sind.

Ich finde es sehr schade, habe jedoch immer betont, wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden werden, dass ich den Entschluss mittragen werde. Im Gegensatz zu vielen Krakeelern in den Foren habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, die Verantwortlichen „machen zu lassen“ und nicht zusätzlich für Unruhe sorgen zu wollen, auch wenn mein Blog jetzt nicht die ganz große Reichweite besitzt.

Dennoch bin ich der Auffassung, dass es dem VfB nicht gut tut, wenn jeder Depp meint, es besser zu wissen. Da meinen unzählige sog. Fans mit Kommentaren ohne Punkt und Komma und gespickt mit einer Fülle von Rechtschreibfehlern, einem diplomierten Fußballlehrer die Fußball-Welt erklären zu müssen, für mich Satire in Reinkultur!

Ob sich „Hitzlintat“ von dieser vergifteten Atmosphäre beeindrucken und ein stückweit beeinflussen ließen, ist nicht bekannt.

Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass gute Gründe dafür sprachen, an Tim Walter und seinem Fußballsachverstand zu zweifeln. Sein „Walterball“ funktionierte schon seit dem zweiten Saisonspiel nicht mehr, für defensive Stabilität vermochte er 18 Spiele lang nicht zu sorgen und der Umgang mit einigen Spielern, die er rein warf und wieder fallen ließ, zeugten von wenig psychologischem Geschick, zudem war der Torwartwechsel unnötig und machte in ohnehin schon unruhigen Zeiten ein Fass auf.

Zu all dem kam großes Verletzungspech gleich zu Beginn mit zwei Kreuzbandrissen, sowie der längerfristige Ausfall von Daniel Didavi, der zwar nicht ganz so überraschend kam, uns aber dennoch richtig weh tat, fehlendes Spielglück mit etlichen Aluminiumtreffern und schließlich Pech bei der Auslegung des VAR, der willkürlich nicht eingriff (Aue) oder bei Milimeterentscheidungen zur Stelle war.

Dazu kam Tim Walters Art, zu der er schon zu Beginn kund tat, „Wer mich holt, weiß, was er bekommt“. „Hitzlintat“ verteidigten ihn lange und betonten, dass sie einen Trainer wollten, der selbstbewusst ist und dieses Selbstbewusstsein auf das Team überträgt.

Dass zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz ein schmaler Grat herrscht ist bekannt, so dass ihm seine markigen Sprüche schnell um die Ohren flogen. Bezeichnend, dass er vor dem Spiel gegen Schlusslicht Wehen-Wiesbaden meinte, „uns stellt keiner ein Bein“, worauf just die erste Saisonniederlage folgte. Spötter und Kritiker schlugen ihm dies förmlich um die Ohren und wurden vermehrt persönlich, wenn sie Walter als Grinsebacke und scheiß Badenser verhöhnten.

Mit den Nebengeräuschen müssen die Verantwortlichen im heutigen Socialmedia-Zeitalter zwar leben, auch wenn mich das zunehmend bedenklich stimmt.

Auffällig nach den letzten Spielen in Darmstadt und Hannover war, dass die Alten wie Castro, Badstuber und Gomez offene Kritik an Walter übten und ihm die Jüngeren wie Kempf, Sosa und Stenzel zur Seite sprangen.

Gerade den Alten aber würde ich an „Hitzlintats“ Stelle nicht allzu viel Bedeutung beimessen, wären doch wohl alle nicht mehr da, hätten ihre Verträge im Sommer keine Gültigkeit mehr besessen und dürfen doch gerade sie sich angesprochen fühlen, wenn von Altlasten die Rede ist.

Dass ihnen das laufintensive Spiel unter Walter nicht behagt hat und sie sich auf ihre alten Tage eine gemächlichere Gangart gewünscht hätten, läge in der Natur der Sache.

So stehen wir nun also vor dem nächsten Neuanfang. Hitzlspergers Schonzeit ist spätestens seit gestern vorbei. Ab jetzt reicht es nicht mehr, einfach nur sympathisch zu sein, nun muss auch er liefern. Mit dem gestrigen Tag liest sich auch seine Bilanz nach nicht einmal einem Jahr verheerend.

Auch wenn es Wolfgang Dietrich war, der Anfang Februar lieber Reschke als Weinzierl entließ und Hitzlsperger auf den Weg gab, an Weinzierl so lang wie nur möglich festzuhalten, lag es in Hitzlspergers Verantwortung einzuordnen, ob mit Weinzierl der Klassenerhalt geschafft werden kann.

Nach all dem, was man so hörte, wäre dessen Entlassung schon in der Winterpause überfällig gewesen, spätestens aber nach dem desolaten 0:3 in Düsseldorf. Dann aber wurde Hitzlsperger zum Sportvorstand ernannt und wollte es vermeiden, sich sofort den Ruf des Trainer-Killers zu erwerben, ein Zaudern, das uns schließlich die Klasse kostete.

Nach der Runderneuerung des Kaders im Sommer mit einem unverbrauchten, spannenden Trainer, muss der nächste Schuss jetzt sitzen.

Dass Hitzlsperger zunehmend angeschlagen ist, offenbaren nicht nur die Fotos, auf denen vom Sonnyboy früherer Tage nicht mehr viel übrig geblieben ist, sondern auch die Kleinkriege, mit denen er sich auf Twitter verzettelt.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn sich der CEO mit der Fanschar abgibt und dem einen oder anderen Gerücht schnell den Wind aus den Segeln nimmt. Wenn aber Meldungen dementiert werden, die sich ein, zwei Tage später als wahr herausstellen, trägt das nicht unbedingt zur weiteren Vertrauensbildung bei.

Wenn wir schon bei Pressemeldungen sind, ein kurzes Wort zum Kommentar der BLÖD-Zeitung, der mir über Whatsapp zugespielt wurde.

Sonst würde ich von dem Verlag wenig bis nichts mitbekommen, da ich in den sozialen Medien Sämtliches davon blockiert habe. Die BLÖD kritisiert zum einen den Zeitpunkt der Entlassung und zum anderen, dass die Wochen davor kein Treueschwur von Hitz & Co. in Richtung Tim Walter kam.

Den Zeitpunkt, so kurz vor Weihnachten, hat man wohl der DFL zuzuschreiben, die drei Tage vor Weihnachten noch kicken lässt. Hätte man mit der Entscheidung oder deren Verkündung bis kurz vor Trainingsbeginn gewartet, wäre dies als Fahrlässigkeit und Verlust wertvoller Zeit ausgelegt worden, außerdem fällt ein Profifußball-Trainer vergleichsweise weich!

Zum Thema Treueschwüre fällt einem doch genau das vor die Füße und wird einem als Lüge (oder im Reschke-Sprech Wahrheitsbeugung) ausgelegt, wenn man sich zum Trainer bekennt und ihm Tage oder Wochen danach den Arschtritt gibt.

Weshalb ich Tim Walter unbedingt gerne weiter als VfB-Trainer gesehen hätte, liegt hauptsächlich im Wunsch nach Kontinuität begründet. Dies auch nicht ausschließlich der Kontinuität wegen, sondern, weil sich beim VfB nach einem Trainerwechsel mitten in der Saison selten etwas nachhaltig verbessert hat. Die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und besser mal den einen oder anderen Spieler als den Trainer auszutauschen, wurde leichtfertig vergeben. Als Folge davon dreht sich das Hamsterrad wieder und die Frage ist lediglich, wer wann als Nächstes aus diesem herausgeschleudert wird.

Ich hoffe, dass uns in den nächsten Tagen noch schlüssige Argumente, die für die Entlassung Walters sprachen, dargelegt werden. Die Statements gestern waren doch recht dünn und rechtfertigen für mich diesen Schritt noch nicht. War Walter wirklich so stur und beratungsresistent, sich nicht helfen lassen zu wollen, oder lagen Hitzlintat bei dessen Auswahl schon so daneben, dass das Verhältnis nicht mehr zu kitten war?

Nun bin ich gespannt, wen wir im Januar im Trainingslager in Marbella auf dem Trainingsplatz erleben werden. Ich hoffe nicht, dass man Nico Willig ein zweites Mal der U19 entzieht.

Er hat kürzlich erst bis 2024 als Jugendtrainer verlängert und ich hoffe, dass das auch als Zeichen verstanden werden soll, dass er Jugend- und nicht Profitrainer ist und das auch bleiben möchte. Ich halte viel von ihm, sehe ihn aber besser im Unterbau aufgehoben, weil dieses Aufgabenfeld nicht minder wichtig und auch hier Kontinuität gefragt ist.

Dass an den Konzepttrainern Markus Anfang und Sandro Schwarz etwas dran sein könnte, hat Hitzlsperger auf Twitter bereits ins Reich der Fabel verwiesen, so dass man gespannt sein darf, welchen Trainertyp „Hitzlintat“ präsentieren werden.

Wir hatten sie doch schon alle in den letzten zehn Jahren: den autoritären Gross, das Greenhorn Keller, den akribischen Bruno, Kumpel Thomas Schneider, Retter Huub, den smarten Armin, den von sich überzeugten Zorniger, den farblosen Kramny, den „Aufstiegsgaranten“ Luhukay, Laptop-Trainer Wolf, den in Sichtweite zum Stadion wohnenden Korkut, den schwierigen Weinzierl bis hin zu Tim Walter, der durchaus einige dieser Eigenschaften in sich vereinte.

Keiner machte es der Meute recht, immer gab es etwas auszusetzen, stets entwickelten die Spieler ein Gefühl, wann sie sich eines nicht genehmen Übungsleiters entledigen konnten.

Letzten Endes sind es die Spieler, die über Wohl und Wehe eines Trainers entscheiden. Tun sie einfach ihren Job, ordnen dem Beruf alles unter, bringen sich bestmöglich ins Gefüge ein, stellen ihr eigenes Ego hintenan und hinterfragen sich Woche für Woche aufs Neue, hätten wir wohl weitaus weniger Probleme.

Nachdem Hitzlintat einmal mehr der Unzufriedenheit von Teilen der Mannschaft nachgaben, anstatt dem Trainer den Rücken zu stärken und Quertreiber auszusortieren, ist das System, für das der Neue stehen soll, zunächst einmal irrelevant. Nun ist ein Trainer gefragt, der den Kader moderieren und die Spieler auf ihren stärksten Positionen einsetzen kann. Das kann durchaus einer der alten Schule sein, womit man den erst im Sommer eingeschlagenen Weg jedoch abrupt verlassen würde.

Der Traum einer Eintrainer-Saison ist ausgeträumt, jetzt ist es mir fast egal, wen sie präsentieren. Fakt ist lediglich, dass Walter offenbar entlassen wurde, weil man den direkten Wiederaufstieg in Gefahr sah, was im Umkehrschluss bedeutet, gelingt dieser auch mit dem neuen Trainer nicht, dass Hitzlsperger, oder zumindest Mislintat, krachend gescheitert wären, was ich bedauern würde, denn, auch ihm hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt, als zum schnellen Erfolg verdammt zu sein.

Beim Betrachten der Liste der arbeitslosen Fußball-Trainer wird es mir eher schlecht, als dass mir DER Mann ins Auge springen würde. Dardai, Herthaner durch und durch wurde wegen seiner Nähe zu Rainer Widmayer auf Twitter ins Gespräch gebracht. Ihn im roten Trainingskittel zu sehen, würde in mir wohl ähnliche Gefühle auslösen wie seinerzeit Winfried Schäfer.

Am ehesten könnte ich von der Liste wohl noch mit Bruno Labbadia leben, der relativ lang beim VfB gearbeitet hat, nur eben etwa ein Jahr zu spät entlassen wurde.

Labbadia war damals zur Weihnachtsfeier beim RWS Berkheim zu Gast und bestach durch seine ehrliche, authentische Art. Außerdem war er es, der es einführte, dass zu Fanfesten bei Trainingslagern die komplette Mannschaft inklusive Trainerstab zu erscheinen hat, vorher „musste“ nur eine Abordnung hin, meist Neuzugänge, angeführt von Spaßvogel Magnin.

Die Spieler dürften zwar beim Namen Labbadia zusammenzucken, hat er doch den Ruf des Casanova, der von Spielerfrauen nicht lassen kann, doch, Shit happens, das haben die Jungs dann eben davon.

Apropos Magnin, dessen Verpflichtung hätte für mich einen gewissen Charme, allerdings steht er aktuell noch beim FC Zürich unter Vertrag. Wie einst als Spieler wandelt er auch als Trainer zwischen Genie und Wahnsinn und würde im Gegensatz zum Mario, das Angebot des Besuchs des Kölner Kellers bestimmt dankend annehmen, um die Pfeifen dort anständig zu vermöbeln.

Stallgeruch ist beim VfB zunächst einmal ja negativ belegt. Wenn man aber sieht, wer hier schon alles an der Erwartungshaltung und dem Umfeld gescheitert ist, ist es bestimmt nicht das Schlechteste, wenn man jemanden bekäme, der weiß, auf was er sich einlässt und nicht jegliche Kritik an ihm überbewertet. Im Schwäbischen wird halt gebruddelt, der Schwabe weiß nun mal alles besser, was für Nichtschwaben oft nur schwer einsehbar ist.

Wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden, es geht um ihre eigene Glaubwürdigkeit. Ist das Anforderungsprofil an einen Trainer dasselbe geblieben wie vor Walter, helfen nur Ergebnisse. Die Erwartungshaltung von außen wird nicht geringer, die Ungeduld ist ein ständiger Begleiter. Diese Lehre habe auch ich gezogen. Zehn Jahre Abwärtstrend sollten am besten nach einer einzigen Sommervorbereitung aus den Ärmeln geschüttelt sein.

Neuer Sportvorstand, neuer Trainer, neues Team, egal, es gibt keine Zeit zur Eingewöhnung und erst recht nicht zur Feinjustierung, wenn man einer Fehleinschätzung unterlegen ist.

Es muss funktionieren, sofort! Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man sich auf Platz 3 und in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen befindet.

Der teuerste Kader der Liga muss gefälligst liefern, allen Widrigkeiten und Gegnern, die etwas dagegen haben, zum Trotz. Herrgottsack, der nächste Bitte!

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30. November 2019

Rächer in Polizeimontur

Da es beim bislang letzten Derby zwischen dem VfB und dem Karlsruher SC im Neckarstadion 2017 zu unschönen Szenen und beinahe einem Spielabbruch kam, war da die oberste Maxime der Einsatzkräfte am Sonntag, dass es im Stadion ruhig bleiben sollte.

Daran ist zunächst ja auch nichts auszusetzen. Wie sich die Derbys in den letzten Jahren hochgeschaukelt haben, wie sich die Ultras beharken, wo die Hemmschwelle immer mehr sinkt, wären eines Tages möglicherweise sogar Tote zu beklagen, wenn man dem nicht Einhalt geböte und für unbedarfte Stadiongänger nicht für die notwendige Sicherheit sorgen würde. Daher begrüßte ich zunächst das Konzept der totalen Fantrennung. Keine „Blauen“ in Bad Cannstatt, keine im Stadion außerhalb des Gästebereichs, alles in Ordnung soweit. Das alles geht unter präventiver Deeskalation durch und ist mittlerweile bei Hochrisikospielen nötig und Usus.

Dass Deeskalation von der Einsatzleiterschaft am Sonntag eher kleingeschrieben wurde, stellte sich jedoch sehr schnell heraus. Es sollte offensichtlich nicht „nur“ dieses Mal im Stadion ruhig bleiben, nein, es roch alles schwer nach Rache für zwanzig verletzte Polizeibeamte beim letzten Derby, wobei „Verletzungen“ der Polizeibeamte mit anschließender Krankschreibung oft dem eigens versprühten Pfefferspray zuzuschreiben und damit zu relativieren sind.

Für derartige Rachegedanken war es nach Ansicht der Einsatzleitung nur recht und billig eine gesamte Fanszene kollektiv in Sippenhaft zu nehmen, anstatt einfach den Job zu machen, nämlich, für Recht und Ordnung zu sorgen und Störenfriede aus der Gruppe heraus zu separieren.

Das ist dann der Punkt, an dem man sich als VfB-Fan anfängt, mit den sonst so verhassten KSC-Fans zu solidarisieren und Mitgefühlt zu entwickeln. Als Viel- und Allesfahrer hat man Situationen reiner Polizeiwillkür schon zuhauf erlebt und kann es auch nach über 40 Jahren Fansein nicht akzeptieren, rund um ein Fußballspiel seine im Grundgesetz festgeschriebenen Grund- und Menschenrechte abzugeben. Das ist nämlich an Spieltagen fast schon „normal“, dass man in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt ist und, wenn es dumm läuft, in einem Polizeikessel landet, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Verschiedene Organe, wie die Fanbetreuungen beider Vereine, Sicherheitsdienste, Polizei, etc. zermarterten sich seit August (!) in unzähligen Sitzungen den Kopf, opferten Zeit und Energie, und das nur dafür, uns Fans ein sicheres Fußballfest zu ermöglichen, bei dem kein Fan Angst haben muss, ins Stadion zu gehen. Dort wurden Strategien besprochen, eben jene der Fantrennung und wie die Anreise der Gästefans ohne Komplikationen zu erfolgen hat.

Normalos, Familien, Allesfahrer, etc. sollten auf dem Parkplatz P7 nahe des Gästeblocks parken bzw. Zugreisende am Bahnhof Untertürkheim in Empfang genommen werden, während die zwölf Ultras-Busse direkt zum Gästeeingang fahren und dort kontrolliert werden sollten.

Ein dubioser Fund am Vortag im Gästeblock, zunächst war von „pyroähnlichen Gegenständen“ die Rede, führte offensichtlich zu einer Abkehr der ausgeklügelten Strategie. Dabei wurden weder die Fanbetreuungen noch szenekundige Beamte aus Karlsruhe, die ihre Pappenheimer wohl am besten kennen, zurate gezogen und dabei die Vorbesprechungen allesamt ad absurdum geführt, womit das aufgebaute Vertrauen fürs erste wohl einen Totalschaden erlitt.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem Fund um rotes Rauchpulver, welches den Karlsruher Capo durch Fernsteuerung in roten Rauch hüllen sollte. Somit ist es also äußerst unwahrscheinlich, dass dieses von Karlsruher Ultras dort deponiert wurde, was die Einsatzleitung aber nicht daran hinderte, die KSCler dafür zu sanktionieren.

Ich würde diesen Fund auch eher als Jugendstreich abtun, wer wäre sonst so naiv daran zu glauben, dass das Pulver vor einem Hochrisikospiel nicht entdeckt werden würde. Gerade vor solchen Spielen inspiziert Sicherheitspersonal mit Sprengstoffspürhunden an der Leine die relevanten Bereiche, um am Spieltag keine bösen Überraschungen zu erleben.

So vermute ich dahinter, sofern der Fund überhaupt stimmt, dass dies ein willkommener Vorwand für die Polizei war, das „Problemklientel“ (und dabei meine ich außer den Ultras auch Fans wie Du und ich!) an einem Ort zu sammeln, um ihnen Herr zu werden. Ferner wurde vorgeschoben, in den Ultras-Bussen werde pyrotechnisches Material und Vermummungsgegenstände vermutet.

Dass die Ultras jedoch am Gästeblock viel wirkungsvoller kontrolliert hätten werden können, als mitten in einem 1.500 mannstarken Mob, dürfte wohl jedem klar gewesen sein, außer der völlig überforderten Einsatzleitung.

So setzte sich der Tross in Untertürkheim nach ca. einer Stunde und Diskussionen, ob die Busse nicht doch zum Gästeblock weiter fahren dürften, in Bewegung. Augenzeugenberichten zufolge erfolgten Informationen der Polizei nur spärlich, so dass die meisten überhaupt nicht wussten, woran sie waren und was die Polizei überhaupt mit ihnen vor hatte.

Nach einem, so die Polizei, massiven Einsatz von Pyrotechnik, wurden, schon nahe der Benzstraße, etwa 600 Leute willkürlich eingekesselt. Da Ultras und Normalos durch die Vermischung am Untertürkheimer Bahnhof schon nicht mehr zu unterscheiden waren, traf es dort jeden, der die Situation nicht schnell genug erfasste.

Die Leute wussten zunächst nicht, wie Ihnen geschah, denn, Informationen von der Einsatzleitung flossen weiterhin spärlich, während die Befehlsempfänger in Robocop-Montur ohnehin ahnungslos waren. Eine gute Viertelstunde zog sich wohl die Unwissenheit hin, ehe von den knapp 600 Eingekesselten jeweils zwei Leute zur erkennungsdienstlichen Behandlung von der BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) abgeführt wurden, so dass sich das Prozedere über Stunden hinzog.

Wie man heute weiß, handelte es sich bei dem massiven Einsatz von Pyrotechnik um gerade einmal zwei (!) Böller, die Auslöser des Ganzen gewesen sein sollen, wobei man sich natürlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit stellen muss. Zur besseren Einordnung der Vorkommnisse sei Euch außer dem Online-Auftritt der Fanhilfe Karlsruhe dieser offene Brief mit verlinkten Augenzeugenberichten ans Herz gelegt https://www.facebook.com/simon.treal.9/posts/3145697808780960.

Laut der Karlsruher Fanhilfe soll es sich in dem Kessel, anders als von der Polizei zunächst behauptet, um Leute jeglicher Couleur gehandelt haben, selbst welche, die überhaupt nicht zum Spiel wollten, seien im Kessel gelandet. Laut der Polizei brachte diese Maßnahme, für die der Steuerzahler wohl tief in die Kasse greifen muss, gerade einmal Vermummungsgegenstände (wobei es sich dabei um einen normalen Fanschal handeln kann), ein Messer, einen Böller und einen Mundschutz zutage. Zudem sein ein Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz festgestellt worden. Gratulation!

Für all das beraubte man knapp 600 Leute über Stunden ihrer Freiheit, behandelte sie wie Schwerverbrecher und sprach schließlich Platzverweise wegen nichts aus. Den Leuten wurde über Stunden sowohl der Toilettengang verwehrt, als auch, sich verpflegen zu können. Auf Bitten von jungen Frauen, eine Toilette aufsuchen zu dürfen, wurde lapidar geantwortet, sie sollten doch an den Straßenrand pieseln, was bei einer wohl dazu führte, sich einnässen zu müssen. Dass die Polizei Dixi-Klos und Getränke zur Verfügung stellte und vor allem wann und wie viel, darüber gibt es unterschiedliche Schilderungen.

So also zeichnete sich früh ab, dass die Staatsmacht uns unseres ohnehin nur noch selten stattfindenden Derbys beraubt hat. Ohne einen dagegen ansingenden Gästeblock machen Schmähgesänge nun mal keinen Spaß.

Der Dilettantismus der Polizei setzte sich über den ganzen Spieltag hinweg fort. Der in allen Faninfos als Gästeparkplatz ausgewiesene P7 war sinnigerweise durch einen Wasserwerfer und einen Räumpanzer (!) blockiert, so dass Karlsruher auf den Wasenparkplatz ausweichen mussten.
Es lebe die Fantrennung.

User Eumelachtzig schreibt auf Twitter „Die Zufahrt zum ausgewiesenen Parkhaus war gesperrt. Wir mussten bei den VfB Fans auf dem Wasen parken. Als ich fragte, ob das sein muss, durch alle VfB Fans zum Auto laufen zu müssen, sagte der Polizist: “Wenn wir gewinnen, ist es eh egal.“

Anscheinend kam es durch diesen Fauxpas der Polizei, oh Wunder, zu einigen Scharmützeln auf dem Weg zum Wasenparkplatz. Das jedoch schien der Polizei egal gewesen zu sein, Hauptsache IM Stadion blieb es ruhig. Die Polizei rühmte sich ja bereits im Vorfeld mit weitaus weniger Polizisten auskommen zu wollen als 2017, wenn man das alles verfolgt, ist man geneigt zu sagen, es würden noch weniger genügen, nur fähig müssten sie eben sein!

Auch der Abmarsch der Karlsruher soll chaotisch verlaufen sein. Im Lautsprecherwagen der Polizei saß offensichtlich eine Polizistin, die rechts und links verwechselte und damit für Chaos sorgte, weil die Karlsruher nicht wussten in welche Richtung sie zu ihren Bussen laufen sollen. Als diese dann überfragt und der Polizei wohl zu zögerlich waren, kam die Anweisung, die Karlsruher sollten sich einfach in einen Bus begeben, ob sie mit diesem hergefahren sind, oder nicht.

Als das verständlicherweise zu Unmut führte, kamen nahe des Gästeausgangs noch Knüppel und Pfefferspray zum Einsatz, so dass sich die Rächer in Uniform endlich austoben durften.

Dass wir uns nicht falsch verstehen. Ich leugne gar nicht, dass unter den Karlsruhern nicht nur Unschuldslämmer waren und es an der einen oder anderen Stelle bestimmt auch die Richtigen getroffen hat. Sollte es Böllerwürfe auf Beamten gegeben haben oder sie mit Baustellenmaterial angegangen worden sein, verurteile ich das. Doch frage ich mich, wofür ist die Polizei mit hochauflösenden Kameras unterwegs, filmt jeden Furz, den einer lässt, und ist nicht in der Lage, die paar wenigen Übeltäter herauszuziehen und friedlichen, sich heraushaltenden Fans, das Fußball-Erlebnis zu ermöglichen. Das hat mit Gerechtigkeit in einem Rechtsstaat nichts mehr zu tun, zumal die Vorgänge, selbst stimmten die Behauptungen der Polizei, in keinem Verhältnis zu den durchgeführten Maßnahmen stehen.

In Stuttgart macht es leider schon seit einiger Zeit Schule, Fanszenen auszusperren, man frage nur in Freiburg, Frankfurt oder München nach, die bereits mit ähnlich rabiatem Vorgehen der Stuttgarter Vollstreckungsbeamten Bekanntschaft machten.

Obwohl ich im Stadion noch nichts darüber wusste, weshalb der Gästeblock so leer war und sich eher mehr leerte als füllte, war mir nach Derbysiegerfreude zu keinem Zeitpunkt zumute.

Anstatt Derbysieger-Fotos postete ich in dieser Woche lediglich zwei vom Spiel, mit Bannern, die in der Cannstatter Kurve hochgehalten wurden: „Bullenschweine“ und „gegen Kollektivstrafen“ stand darauf.

Einzig die wunderbare Choreographie vor dem Spiel unter dem Motto „Sein oder Nicht(s) sein“ wird mir von diesem Tag positiv in Erinnerung bleiben. Der Sieg fühlt nicht anders an als gegen Greuther Fürth, was eigentlich alles aussagt. Ich freue mich über die drei Punkte und darüber, dass Tim Walter zumindest für eine Woche etwas Ruhe hatte, über mehr aber auch nicht.

Es ist bedenklich, wohin die Reise rund um die Kriminalisierung von Fußball-Fans noch hingehen soll. Nächste Woche findet die Innenminister-Konferenz statt, in der unter anderem eine härtere Bestrafung des Abbrennens von Pyrotechnik, eine Reformierung des Landfriedensbruchs sowie den Entzug der Fahrerlaubnis bei Vergehen im Zusammenhang mit Fußballspielen beschlossen werden soll.

Befasst man sich dann noch mit der geplanten Verschärfung der Polizeigesetze, nach der die Behandlung von Gästefans wie am Sonntag nicht das Ende der Fahnenstange ist, sondern mittels derer man schon und ohne nähere Begründung Anreiseverbote für Fans aussprechen kann, weiß man wohin die Reise noch gehen soll und vermutlich auch gehen wird.

Von Vorbeugehaft und Hausarresten ist die Rede, der Weg geht wohl dorthin, wie in einigen europäischen Ländern bereits Standard, dass Fußballspiele, zumindest jene mit dem Prädikat Hochrisikospiel, ohne Gästefans stattfinden sollen. Ich habe dafür keinerlei Verständnis.

Früher sorgte die Polizei für Recht, Ordnung und Gerechtigkeit, und ihr Kernbetätigungsfeld lag in der Ermittlungsarbeit. Heutzutage wird nicht mehr gegen Straf- und Gewalttäter ermittelt, sondern kollektiv gegen große Gruppen vorgegangen, denn, es zählt ja schon, dass überhaupt eine Gefahr von diesen ausgehen könnte. In diesem Zusammenhang sei auch unser Stadtderby erwähnt, welches auf Geheiß der Polizei seit Jahren parallel zu den Profis stattfindet. Auch das nur deshalb, weil man sich zu fein ist, Störenfriede einfach herauszuziehen und so lieber tausende Fußball-Fans gängelt und, ganz nebenbei, den Kickers ein Heimspiel mehr beschert.

Ich hoffe, zu diesen Vorkommnissen erfolgt ein richtiges Nachspiel. Von der Fanhilfe Karlsruhe wird eine Klage vorbereitet, Betroffene sind dazu aufgerufen, Anzeige zu erstatten, was sich offensichtlich als gar nicht so einfach herausstellt. Getreu dem Motto “Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus” sollen sich Polizeireviere bereits geweigert haben, entsprechende Anzeigen aufzunehmen. Das alles darf nicht im Sande verlaufen, es müssen bei dieser Einsatzleitung Köpfe rollen, schon allein, um verloren gegangenes Vertrauen neu aufzubauen.

Wenn rund um Fußballspiele, bei denen mit Betrachtung der Gesamtzuschauerzahlen es verschwindend wenig Verletzte gibt, ganze Fanszenen eingekesselt und ausgesperrt werden, frage ich mich, wo die Verhältnismäßigkeit bei Volks- und Oktoberfesten bleibt, wo es nachweislich mehr Verletzte gibt als in einer gesamten Fußball-Saison.

Ich möchte es einmal erleben und somit einen zarten Hauch von Gleichbehandlung spüren, dass ein Festzelt wegen einer Schlägerei von einigen wenigen Unverbesserlichen geleert oder zumindest für Folgeveranstaltungen ein Alkoholverbot ausgesprochen wird.

Doch, das werden wir wohl nie erleben, saufen sich die zuständigen Politiker doch dort auch die Hucke voll und lassen sich bei Fußballspielen, wenn überhaupt, nur in der VIP-Loge blicken.

Armes Fußball-Deutschland!

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15. November 2019

Ruhe, Vertrauen, Geduld!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 12:05

Der eine oder andere wird sich möglicherweise schon gefragt haben, weshalb es so still um mich und meinen Blog geworden ist.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen kosten Allesfahren und gelegentliches Hoppen (am Rande von Osnabrück bspw. noch Viktoria Köln und SC Herford) viel Zeit, so dass ich oft noch unterwegs bin, wenn die ersten Blogs mit Spielanalysen bereits online sind. Sonntag- und Montagspiele tun ihr übriges!

Dennoch habe ich es auch sonst stets geschafft, mich auf dieser Plattform auszukotzen, wenn mir danach zumute war und wenn sich Dinge aufstauten, die raus mussten, um sich kein Magengeschwür einzufangen. Zu Zeiten von Reschke und Dietrich wäre ich auch nachts aufgestanden, so aufgebracht war ich über deren Wirken.

Momentan aber bin ich die Ruhe selbst und daran ändern auch die Negativergebnisse der letzten Wochen nichts. Ich nehme mich bewusst zurück, weil es mir zu billig ist, auf Dinge einzuschlagen, die ohnehin jeder sieht. Kein VfB-Fan kann mit der Entwicklung und den Ergebnissen zuletzt zufrieden sein, ich bin es ja auch nicht.

Jedoch habe ich nach wie vor großes Vertrauen in Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat, und sehe die vergiftete Stimmung, die sich bereits wieder breit macht, als sehr gefährlich für unsere weitere Entwicklung an.

Die „Neuen Medien“, Facebook, Twitter & Co entfalten durch emotionale Wutausbrüche und Besserwisserei eine Wucht, der sich keiner, auch nicht die Protagonisten, die es für uns richten sollen, entziehen kann. Ich bin mir zwar dessen bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt und ein Verein wie der VfB mit Social Media leben muss, dennoch könnte sich so mancher hinterfragen, ob man wirklich jede Diskussion anzetteln oder sich an ihr beteiligen muss.

Ich vergleiche die Socialmedia-Welt und die darin enthaltenen Schimpftiraden gerne mit früher, als es in jeder Kneipe den einen Gast gab, der Wirt oder andere Gäste volllabern musste, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Man hörte weg, sagte “ja, ja” und irgendwann hatte man ihn auch schon wieder los. Das störte niemanden groß und war vor allem das Los, wenn man alleine die Kneipe betrat und eigentlich nur in Ruhe sein Feierabendbierchen trinken wollte. Heutzutage setzen diese Leute ihren geistigen Dünnschiss ins Netz und die Leute stürzen sich darauf. Auch dies eine Wendung nicht unbedingt zum Besseren im Vergleich zu früher!

Ich habe große Befürchtungen, dass ein sympathischer Mensch wie Sven Mislintat, ausgewiesener Scouting-Fachmann, eines Tages hinschmeißen könnte, wenn man seine Transfers und Ideen ins Lächerliche zieht und bereits anfängt, ihm aus einer Emotion heraus getätigte Aussagen im Mund herumzudrehen. Mislintat steht erstmals in der ersten Reihe und wird dazu lernen, was er wann sagen sollte, benötigt jedoch Vertrauen in seine Arbeit.

Thomas Hitzlsperger, binnen eines dreiviertes Jahres vom Chef des Nachwuchsleistungszentrums zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen, ist ein Teamplayer und schart Fachleuchte um sich, um den VfB in richtige Bahnen zu lenken. Er ist bei den Fans beliebt, empathisch und sich nicht dafür zu schade, mit Fans über Twitter in Kontakt zu treten und so manchem Gerücht umgehend den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nach Wolfgang Dietrich tut Hitzlsperger dem VfB so unheimlich gut! Als Nachfolger Dietrichs bewerben sich zwei Kandidaten, die wählbar erscheinen und sich auf die Fahnen geschrieben haben, Fans und Mitglieder einen zu wollen, was nach der Ära Dietrich dringend notwendig ist.

Ob Claus Vogt oder Christian Riethmüller, beide scheinen VfBler mit Leib und Seele zu sein und ein neues Wir-Gefühl schaffen zu wollen.

Seit Bernd Wahler halte ich meinen Überschwang zwar zunächst im Zaum, wenn ein Fan VfB-Präsident werden möchten, aber, der neue Präsident wird ja nur für rund neun Monate gewählt, so dass dies einer Probezeit gleicht und man später entscheiden kann, ob man diesen Präsidenten für vier weitere Jahre im Amt haben möchte. In den nächsten Wochen werde ich mir auf der einen oder anderen Veranstaltung selbst ein Bild machen, wem von den beiden Kandidaten ich am 15.12. meine Stimme geben werde.

Vertraut man Thomas Hitzlsperger, so sollte man meiner Meinung nach auch den Personen vertrauen, die Hitzlsperger um sich schart, um den VfB nach vorne zu bringen. Und das genau so lang, bis Hitzlsperger die Zeit gekommen sieht, an der einen oder anderen Stellschraube zu drehen und Personen auszutauschen.

So kann ich mit der aufkeimenden Kritik, die in sozialen Netzwerken schnell in Hass umschlägt, an unserem Trainer Tim Walter nichts anfangen.

Ihm wird vorgeworfen, dass er Badener ist, ihm wird vorgeworfen, dass „seine Vereine“ der KSC und die Münchner Bayern sind und ihm wird vorgeworfen, dass er noch nichts erreicht habe.

Diese Vorwürfe las man schon rund um seine Verpflichtung und es sind Tatsachen, die er nicht ändern kann. Zudem wird ihm Großmäuligkeit unterstellt, weil er ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag legt.
Dabei betonen Hitzlsperger und Mislintat doch gerade, dass sie genau einen solch selbstbewussten Trainer haben wollten, der sein Selbstbewusstsein auf die Mannschaft überträgt. Mir ist ein solcher Trainertyp lieber als ein kleinlauter Trainer, der nur von sich gibt, was Medien und der nächste Gegner gerne hören möchten. Dass ihm solche Aussagen bei Misserfolg um die Ohren fliegen, muss er aushalten und hält er ja auch aus.

Zum gesunden Selbstbewusstsein eines Trainers gehört, dass er von sich und seiner Philosophie überzeugt ist und diese versucht seiner Mannschaft einzuimpfen. Guardiolas Ballbesitzfußball wurde zu besten Barca- und Bayern-Zeiten allenfalls von seinen Gegnern kritisiert, die ständig am Hinterherrennen waren. Per se also bestimmt nicht der schlechteste Ansatz und erfolgversprechend, wenn man die richtigen Spieler dafür hat.

Daran krankt es meiner Meinung derzeit noch, dass Walter für seinen Fußball die richtigen Spieler (noch) nicht hat.

Die Langzeitverletzten Kaminski und Kalajdzic, die feste Größen hätten sein sollen, fehlen ebenso wie Borna Sosa und Daniel Didavi, seit deren Ausfällen gegen Wehen-Wiesbaden zunehmend der Wurm drin ist. Philipp Klement, Top-Scorer der letzten Zweitligasaison ist noch nicht richtig angekommen und enttäuschte bislang auf ganzer Linie. Zu den überspielt wirkenden Kempf und Stenzel gibt der Kader keine Alternativen her und Altstar Mario Gomez ist nur noch eine einzige Enttäuschung.

So haben (zu) viele ihr eigenes Päckchen zu tragen, anstatt die vielen Youngster zu führen und ihnen Halt zu gewähren. An diesem Druck scheinen einige derzeit förmlich zu zerbrechen, so dass mir kein einziger einfällt, dessen Formkurve aktuell nach oben zeigt und der konstant gute Leistungen zeigt.

An dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank an Herrn Reschke, der die Amateure systematisch herunterwirtschaftete, womit dem einen oder anderen jungen Spieler die Möglichkeit genommen wird, sich über die Zweite Selbstvertrauen zu holen und für den Männerfußball zu stählen. Dafür ist die Oberliga, wenn überhaupt, nur bedingt geeignet.

Walter wird unter anderem vorgeworfen, er setze Spieler auf falschen Positionen ein. Dabei sehe ich dies als positive Eigenschaft eines Trainers an, der für jeden guten Spieler (momentan wohl eher auf die Trainingsleistungen bezogen) eine Position findet, auch wenn die angestammte anderweitig besetzt ist.

Es läuft gerade eben hinten und vorne nicht, so dass von seinen Kritikern scheinbar jeder Pups, den Walter lässt, kritisiert wird. Es erweckt den Anschein, dass viele aus den genannten Gründen von Anfang an nur auf ein Scheitern Walters hofften, anstatt einfach Hitzlsperger und Mislintat zu vertrauen, dass sie handeln werden, wenn SIE die Zeit als gekommen ansehen.

Man kann natürlich herumkrakeelen und alles am System Tim Walter fest machen, was meiner Ansicht nach jedoch den eigentlichen Problemen nicht gerecht wird. Bedenklich wäre es, wenn wir keine Torchancen hätten, dem ist aber doch nicht so. Es mangelt hauptsächlich an der Chancenverwertung. Um diese zu verbessern benötigen die Jungs Selbstvertrauen, aber auch Vertrauen von außen. Was nutzt es, wenn es im eigenen Stadion bereits nach zwanzig Minuten Pfiffe hagelt, weil einer das Tor nicht trifft oder weil man Torhüter Kobel ins Aufbauspiel mit einbindet.

Im Laufe dieser Woche habe ich mir die erste Halbzeit in Osnabrück noch einmal angesehen und wüsste nicht, wo ich Tim Walter konkret einen Vorwurf machen müsste. Das ärgerlichste an dem Spiel war die Passivität vor dem Gegentor und dass jegliche eigene Angriffe durch stümperhafte Ballverluste beendet waren, bevor es überhaupt gefährlich werden konnte.

Die Misere derzeit mache ich außer am Verletzungspech hauptsächlich an der Einstellung manchen Spielers fest, der noch immer nicht verinnerlicht hat, dass man auch als VfB Stuttgart nicht so einfach durch die 2. Liga marschiert und alles in Grund und Boden spielt. Fast jedes Spiel hat Pokal-Charakter, in dem der Underdog dem großen Favoriten ein Bein stellen möchte, also bitteschön, sollte auch von der ersten Minute an erkennbar sein, dass der Favorit den Widrigkeiten trotzen und über den Kampf ins Spiel finden möchte. Beim einen oder anderen darf hier gerne die Mentalitätsfrage gestellt werden.

Der Transfersommer gestaltete sich für den VfB schwierig, einige Abgänge (und damit freie Planstellen) standen erst kurz vor Ende der Transferfrist fest, so dass Mislintat schon vor der Saison verlauten ließ, ein solch immenser Umbruch ließe sich nicht binnen einer einzigen Transferperiode komplett abschließen. Im Vorgriff auf mögliche Probleme wurde mit Augenmaß agiert und eine konkurrenzfähige Zweitligamannschaft an den Start gebracht, die im Falle des Nichtaufstiegs nicht komplett auseinanderfallen würde. Der VfB dürfte also auch ein zweites Zweitligajahr finanziell überstehen, weshalb ich die Panik allerorten auf Platz drei stehend völlig überzogen finde.

Der HSV macht es doch, zumindest phasenweise, vor, wie man gestärkt und gefestigt in ein zweites Zweitligajahr gehen kann. Käme es auch beim VfB so, wäre bei mir jedoch keine Weltuntergangstimmung angesagt.

Was hätte man denn davon, den Aufstieg mit der Brechstange zu erreichen, um in der Bundesliga dieselbe Rolle zu spielen wie die Jahre davor? Natürlich könnte man jetzt den Trainer rausschmeißen und im Winter den einen oder anderen Altstar holen, der die Wahrscheinlichkeit auf den Aufstieg erhöht, nachhaltig wäre dies jedoch nicht. Dann sehe ich doch lieber eine Entwicklung mit jungen Spielern und gebe diesen Zeit und Geduld, bevor es immer so weiter geht wie die letzten Jahre und auch die „Mechanismen“ so schnell greifen wie zuletzt.

Der VfB legte seit 2009 einen rasanten, fast ungebremsten, Niedergang hin, wechselte zig Mal Sportdirektoren und Trainer, besorgte diesen wiederum „ihre“ Spieler und hatte Abfindungszahlungen am Laufen, mit denen mancher Zweitligist eine ganze Saison überstehen würde. Zehn Jahre Instabilität, zehn Jahre Unruhe!

Jetzt, nach dem Abstieg, wurden die Zeichen der Zeit erkannt und es wurde ein radikaler Umbruch eingeleitet, zu dem offensichtlich vielen die Geduld fehlt. Komischerweise ist es eher noch meine Generation, die auf der „Ruhe bewahren“ Schiene ist, während „die Jungen“, die mit dem VfB, abgesehen von der Meisterschaft 2007, nichts als Chaos erlebt haben, sich offensichtlich diese Zeiten zurücksehnen. Habe im Lauf der Woche gar schon Stimmen gelesen, die es als Fehler betrachten, Gentner, Aogo & Co. vom Hof gejagt zu haben, da fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Der VfB hat den größten Umbruch seit dem Abstieg 1975 hinter sich. Auch damals wurde die halbe Mannschaft ausgetauscht, auch damals gestaltete sich die erste Zweitligasaison holprig, um nicht zu sagen katastrophal (wer erinnert sich nicht an das 2:3 gegen den SSV Reutlingen im Neckarstadion vor 2.500 Zuschauern?). Junge Spieler wie Hansi Müller, Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß oder auch Ottmar Hitzfeld reiften und waren im Jahr drauf Garanten für den Aufstieg und des legendären 100-Tore-Sturms. Gut, zugegeben, nach der ersten Saison musste noch einmal der Trainer gewechselt werden und Jürgen Sundermann kam, aber, es war immerhin NACH der Saison.

Jetzt, auf dem dritten Platz stehend, herrscht gefühlt eine Stimmung, als stünde der bittere Gang in die 3. Liga unmittelbar bevor. Junge Spieler, wie Nicolás González, werden niedergemacht und ihnen die Eignung abgesprochen, anstatt dass man sie unterstützen würde. Ohne jetzt schon zu wissen, wohin die Reise mit Nicolás González geht und ob und wann bei ihm der Knoten platzt, erinnert der Umgang mit ihm schon sehr an den mit Timo Werner, dem inzwischen besten deutschen Stürmer. Da bin ich ganz bei Tim Walter, der sagt, dass es bereits eine Qualität ist, überhaupt zu dieser Vielzahl an Chancen zu kommen.

Viele zählen Tim Walter bereits an und dabei geht es längst nicht mehr nur ums Sportliche. Er wird in sozialen Netzwerken persönlich angegriffen, was mieser Stil ist. Denjenigen rate ich, geht zum Training „runter“, versucht mit Tim Walter ins Gespräch zu kommen und sachlich mit ihm zu diskutieren. Ich habe beim VfB lange keinen so umgänglichen Trainertypen mehr erlebt, der bei persönlichen Begegnungen alles andere als arrogant daherkommt. Er vermittelt beim VfB jedem Mitarbeiter das Gefühl, nicht minder wichtig als er selbst zu sein, begegnet Fans mit Respekt und ist keineswegs abgehoben. Ähnlich habe ich im Übrigen auch Sven Mislintat erlebt.

Auch diese Menschen sind es, die kein „Ihr da oben“ vorleben, sondern für ein neues Wir-Gefühl stehen. Sie sind nicht „nur“ nach außen umgänglich, sondern auch zum Team. In den letzten Jahren herrschte lange kein so guter Teamgeist mehr, als zurzeit.

Ich sehe bei weitem mehr Positives, was auf den Weg gebracht wurde, als Schlechtes, das eine radikale Abkehr vom eingeschlagenen Weg rechtfertigen würde. Mislintat und Hitzlsperger haben die Scherben zusammenzukehren, die ihre Vorgänger hinterlassen haben und sind damit noch lange nicht fertig. Der VfB benötigt jetzt Kontinuität, Nachhaltigkeit und Beharrlichkeit und vor allem Vertrauen in die handelnden Personen.

Ich hoffe, sie behalten kühlen Kopf und lassen sich von der vergifteten Atmosphäre nicht beirren. Ich sehe eine große Chance auf eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung. Dazu bedarf es aber in allererster Linie Geduld und Ruhe im Umfeld.

Ein erster Schritt wäre ein Sieg nächsten Sonntag im Derby. Auf der anderen Seite möchte ich mir nicht ausmalen, was los wäre, sollte auch dieses Spiel in den Sand gesetzt werden.

Die Truppe, der am Samstag in Osnabrück durch harsche Worte aus dem Gästeblock die Sinne für die Wichtigkeit der bevorstehenden Aufgabe noch einmal geschärft wurden, wird hoffentlich gestärkt aus der Länderspielpause kommen und hat es in den Füßen, für etwas mehr Ruhe zu sorgen. Hoffen wir, dass sie der Aufgabe und dem Druck gewachsen sein wird!

Ich werde mich hier im Blog auch weiterhin zurücknehmen und es unterlassen, Walter, Mislintat oder Hitzlsperger „Ratschläge“ zu erteilen. Wen meine kurzen Einschätzungen zu den Spielen, mit denen ich meine online gestellten Bilder kommentiere, interessieren, darf mir gerne auf https://www.facebook.com/frankysstadionpics/ folgen und ggf. mitdiskutieren.

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6. Oktober 2019

Schwarzer Freitag

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 17:25

Ob mich am Morgen diesen tristen Freitags bereits eine leise Vorahnung beschlich, man weiß es nicht. Jedenfalls verließ ich morgens kurz nach 6 Uhr leicht unkonzentriert die Wohnung und stürzte mich zunächst die Treppe hinab. Das hatte schmerzhafte Prellungen an verschiedenen Körperteilen zur Folge, weshalb ich es abends nicht weiter als ins Pfiff schaffte.

Zur Wasenzeit fahren weder Bus noch Taxi in Richtung Neckarstadion, so dass der Fußweg zu beschwerlich für mich gewesen wäre. In Anbetracht des Gesundheitszustands war dies sicherlich die vernünftigere Entscheidung, während es auf der anderen Seite extrem schwer verdauliche Kost war, dieses Spiel mit den sogenannten Kneipen-Experten im TV anzusehen.

Als Allesfahrer bin ich es ja überhaupt nicht mehr gewohnt, nicht mit den Jungs im Stadion zu sein, so dass allein das schon ziemlich unerträglich war. Wenn dann noch sog. VfB-Fans den VfB verhöhnen und Volksfesttouristen aus Bayern oder jenseits des Brenners mir erklären wollen, was beim VfB seit Jahren schief läuft, wäre eigentlich die eine oder andere Schelle fällig gewesen, so angefressen war ich. Das nächste Mal gehe ich lieber mit dem Kopf unterm Arm ins Stadion, als mich solchen Dummschwätzern auszusetzen.

Dass es gegen das Schlusslicht Wehen-Wiesbaden ein gefährliches Spiel werden könnte, lag auf der Hand. Auch wenn vieles auf Neuanfang steht, handelt es sich schließlich noch immer um den VfB. Wann hat man zuletzt als großer Favorit gegen den noch größeren Underdog die Gunst der Stunde genutzt? Wann hat man zuletzt von zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen nicht mindestens eines in den Sand gesetzt? Es war einfach typisch für den VfB, dass nach Wochen eitel Sonnenschein der Rückschlag gerade in einem Spiel folgt, vor dem viele nur über die Höhe des Sieges diskutiert haben.

Auch ich war guter Hoffnung, dass man nach der über weite Strecken reifen Leistung von Bielefeld den Trend fortsetzen und vielleicht auch endlich mal ein Spiel überzeugend gewinnen könnte. Einige unserer Siege bislang waren doch äußerst glücklich zustande gekommen und der mangelnden Qualität der meisten Zweitligaakteure zuzuschreiben. Spielerisch und vor allem in puncto Chancenverwertung ist noch sehr viel Luft nach oben. So langsam darf man schon auf einen spielerischen Aufwärtstrend hoffen, auch wenn vieles durch die Ergebnisse und die Tabellenführung bislang kaschiert wurde.

Dass die Geduld mit Tim Walter und seinen Aufstellungen bereits bei vielen zu bröckeln scheint, drückte sich am Freitag in zahlreichen Pfiffen aus und findet seine Fortsetzung im Zerriss in den sozialen Medien. Dafür fehlt mir absolut das Verständnis. Das Team während der Spiele auszupfeifen gehört sich nicht und bringt auch nicht mehr Sicherheit, wenn das Nervenkostüm ohnehin schon nicht das beste ist. Eher im Gegenteil, Pfiffe verunsichern die junge Mannschaft zusätzlich, so dass ich vollstes Verständnis dafür habe, dass Mislintat diese nach dem Spiel angeprangert hat.

Mein Vertrauen in die handelnden Personen beim VfB ist derzeit ungebrochen groß, so dass ich auch derartige Rückschläge hinnehme, ohne die Weiterentwicklung in Frage zu stellen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass dem Neuanfang die nötige Zeit gegeben werden muss und kann mir keinen anderen Trainer beim VfB vorstellen, der auf Anhieb funktionieren würde UND die nötige Rückendeckung hätte.

Auf Letzteres kommt es meiner Meinung nach ganz entscheidend an. „Das schwierige Umfeld“ in Stuttgart hätte doch an jedem etwas auszusetzen, der nicht alle Spiele in der 2. Liga haushoch gewinnt und hatte in den letzten Jahren maßgeblichen Anteil an der stetigen Unruhe.

Läuft es nicht wie geschmiert, läuft der eine oder andere „Blinde“ trotz katastrophaler Leistungen Woche für Woche erneut auf, lässt der Trainer über seine Aufstellungen nicht per TED-Umfrage abstimmen, schießt man sich auf den Übungsleiter ein, gibt ihm gutgemeinte Ratschläge und, wenn er sie nicht befolgt, wünscht man ihn zum Teufel. Befolgt er sie und verliert trotzdem weiter, wünscht man ihn natürlich auch zum Teufel!

So spielte es sich in den letzten Jahren regelmäßig ab, irgendwann fand die Meute Gehör bei den Vereinsoberen und der nächste von der Trainer-Reste-Rampe durfte sich versuchen.

Ich nehme mich hier auch überhaupt nicht aus, jedoch fußte mein Ärger in den letzten Jahren meist darauf, dass zwar die Trainer wechselten, die Protagonisten und Wortführer in der Mannschaft jedoch dieselben blieben und sich kaum einer, schon gar nicht, wenn er während der Saison kam, an die Erbhöfe und damit die Wurzel allen Übels herantraute.

Ein richtig frischer Wind wehte in den letzten Jahren eigentlich lediglich unter Alexander Zorniger, der den Abgang von Ulreich forcierte und vor dem Leitwölfe wie Gentner und Niedermeier nicht mehr sicher waren und, als Schindelmeiser/ Wolf das Zepter übernahmen, das Team radikal verjüngten und ihm einen neuen Spielstil verpassen wollten.

Auch sie scheiterten an den dunklen Mächten im Verein, die Stillstand statt Fortschritt propagierten, was uns schließlich zurück in die 2. Liga katapultierte. Beiden Konstellationen brachte ich großes Vertrauen entgegen und setzte Hoffnungen in sie, weil sie bereit waren, alte Zöpfe abzuschneiden und den VfB zu erneuern.

Zorniger hätte ich zugetraut, die Abwehrschwächen zu beheben, wenn man ihm denn wenigstens noch die Wintervorbereitung und -transferperiode zugestanden hätte. Hannes Wolfs Ende wurde mit der Verpflichtung von Reschke eingeläutet, der den angezählten Gentner just wieder zur unverzichtbaren Größe erklärte und sich herabließ, dem jungen Trainer „Ratschläge“ in puncto der Aufstellungen zu erteilen und dies auch noch der Öffentlichkeit so mitteilte.

Es ist zwar jetzt hypothetisch, aber, ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Stand jetzt schlechter dastehen würden, hätte man im einen oder anderen Fall den eingeschlagenen Weg nicht verlassen, sondern Geduld bewiesen.

Daher halte ich überhaupt nichts davon, schon jetzt Walters Verständnis von Fußball in Frage zu stellen, wenn Dusseligkeiten auf dem Platz zu einer Niederlage wie der am Freitag führen. Ich hoffe, der VfB hat aus seiner Vergangenheit endlich mal die richtigen Schlüsse gezogen und zieht bei den ersten Schwierigkeiten nicht schon wieder die Reißleine, weil es vermeintlich der Weg des geringsten Widerstands ist.

Diese Befürchtung habe ich freilich nach gerade mal einer (!) Niederlage nicht. Thomas Hitzlsperger würde sich unglaubwürdig machen, ließe er, der sich Kontinuität auf die Fahne geschrieben hat, sich von der öffentlichen Meinung beeinflussen und werfe jetzt schon alles über den Haufen. Dem Vernehmen nach vertrauen Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger Tim Walter noch uneingeschränkt, und, das ist auch gut so. Die Verantwortlichen haben ohnehin das große Ganze im Blick und beobachten zudem die tägliche Trainingsarbeit.

Wenn Tim Walter sagt, er stelle nach Trainingsleistungen auf, dann sollte man als einer, der die Trainingsarbeit nicht täglich verfolgt, dem Trainer vertrauen, dass er sich bei seinen Aufstellungen schon etwas gedacht hat. Mittlerweile eckt Walter, wie einst Zorniger, schon mit markigen Sprüchen an, woraufhin ihm Arroganz unterstellt und förmlich darauf gewartet wird, dass ihm seine Aussagen um die Ohren fliegen.

Manchmal kommt dies schneller, als man denkt, hatte er doch auf der Pressekonferenz vor dem Wehen- Wiesbaden-Spiel gesagt, „uns stellt keiner ein Bein“. Dass dies auf die wörtliche Bedeutung gemünzt war und er im weiteren Verlauf der PK anklingen lassen hat, wie gefährlich er den Gegner einschätzt, wenn man nicht hellwach ist, uninteressant, Hauptsache mit aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen einen Größenwahn konstruieren, dem Walter gewiss nicht unterliegt.

Walter hat zwar ein gesundes Selbstbewusstsein, was im Leistungssport jedoch bei weitem nicht verwerflich ist. Ähnlich wie einst Zorniger haut er den einen oder anderen Spruch raus, wirkt dabei jedoch etwas eloquenter, so man ihm eigentlich überhaupt nicht böse sein kann, wenn denn nicht schon wieder die Heckenschützen lauern würden, die ihm aus seinen Aussagen einen Strick drehen wollen.

Als VfB-Fans sollten wir nicht in den Chor derer einstimmen, die Unruhe reinbringen wollen. Als Trainer des FC Bayern der zweiten Liga wäre es doch auch unglaubwürdig, Walter mache komplett auf Understatement. Natürlich können und wollen wir jeden Gegner in dieser Liga schlagen, dass es nicht immer klappt und nicht immer die Papierform entscheidend ist, sah man am Freitag.

Was sich an den Spielen und Ergebnissen nur bedingt ablesen lässt, hat Tim Walter bereits geschafft. Es herrschen ein Teamgeist und ein Konkurrenzkampf wie seit vielen Jahren nicht. Fast kein Stammplatz ist in Stein gemeißelt, JEDER muss sich in JEDEM Training anbieten und darf nicht locker lassen, um auch im nächsten Spiel in der Stammelf zu stehen. Man sieht, dass Walter die Jungs erreicht und die Stimmung im Team gut ist, so dass für mich kein Grund besteht, an Walter zu zweifeln.

Dass der sog. Walter-Ball ins Stocken geraten ist, vom brutalen Pressing der ersten Spiele vor allem am Freitag wenig zu sehen war, ist (hoffentlich) nur eine Momentaufnahme. Dazu kommt Verletzungspech, was das weitere Einspielen erschwert. Allein der Freitag brachte zwei weitere Ausfälle mit sich, von denen vor allem der von Daniel Didavi ein langfristiger sein wird.

Ohne Fremdeinwirkung machte der Muskel bei einem Sprint zu, man ist bei Dida geneigt zu sagen, typisch, jetzt wo die Böden glitschiger und die Temperaturen niedriger sind.

Bei Borna Sosas Gehirnerschütterung muss man abwarten, ob er bereits nach der Länderspielpause wieder zur Verfügung stehen wird. Dass damit nicht zu spaßen ist und eine solche auch zu einem längerfristigen Ausfall führen kann, hat man letzte Saison bei Timo Baumgartl gesehen.

Nach dem brutalen und weder vom Schiri noch vom VAR geahndeten Bodycheck von Chato gegen Borna Sosa dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis das Spiel für eine Behandlungspause unterbrochen war. Wenn schon der Schiedsrichter weiter laufen lässt, hätte zumindest der VAR sensibilisiert genug sein müssen, dem Schiri ein Signal zu senden, das Spiel sofort zu unterbrechen. Wenn ein Spieler benommen und nicht ansprechbar zu Boden sinkt, ist Eile geboten, doch, wer weiß, vielleicht war Köln ja schon wieder beim Pausenbrot.

Bei Didavi grenzte es bislang fast an ein Wunder, dass er durch fast ein Viertel der Saison verletzungsfrei gekommen war. Des einen Leid, des anderen Freud. Vielleicht schlägt ja nun endlich die Stunde von Philipp Klement, der, gebeutelt durch kleinere Verletzungen bislang noch nicht an seine phantastische letzte Saison anknüpfen konnte.

Schmerzlich vermisst wird, nachdem er gegen Fürth kaputtgetreten wurde, auch Nicolas Gonzalez. Mit seiner Schnelligkeit wäre er gegen Wehen-Wiesbaden eine wichtige Waffe gewesen.

Obwohl am Freitag nicht einsatzbereit, ist Gonzalez zur Nationalmannschaft abgereist. Für den VfB zwar ärgerlich, dass er nicht zur vollständigen Genesung hier geblieben ist, aus Gonzalez Sicht jedoch verständlich, wurde er doch erstmals für die Albiceleste nominiert und hat damit die große Chance am 9.10. in Dortmund gegen Deutschland aufzulaufen. Ihm wünsche ich, dass er sein Debüt feiern darf und gesund wieder zurück kommt.

Unter anderem wegen Gonzalez Ausfall setzte Walter gegen Wehen-Wiesbaden auf den Ochsensturm Gomez/ Al Ghaddioui, der vor allem in der ersten Hälfte viel zu wenig in Szene gesetzt wurde. Auf den kurzfristigen Ausfall von Holger Badstuber reagierte Walter mit Phillips, dem man die mangelnde Spielpraxis anmerkte. Badstuber fehlte als ruhender Pol und seinem guten Stellungsspiel an allen Ecken und Enden.

Für Insúa rückte zudem Borna Sosa in die Anfangsformation, der bei beiden Gegentoren eine unglückliche Figur abgab. Vielfach kritisiert wird Santiago Ascacíbars Aufstellung auf der Außenbahn. Grundsätzlich mag ich Trainer, die es schaffen, gute Spieler auch dann im Team unterzubringen, wenn ihre angestammte Position anderweitig besetzt ist.

Wenn man aber sieht, welchen Stiefel Karazor auf der Sechs herunterspielt, der, ähnlich wie Gentner in grauer Vorzeit, fast ausschließlich Quer- und Rückpässe spielt, fragt man sich schon, weshalb nicht Mangala oder eben Ascacíbar dessen Platz einnehmen dürfen.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da nahm das Unheil schon seinen Lauf. Eben jener Ascacíbar verlor den Ball nahe des gegnerischen Strafraums und dann ging es ganz schnell. Der Ball kam zu Kuhn auf Rechtsaußen, dieser flankte von Borna Sosa völlig unbedrängt, und der Top-Torjäger der Liga, Schäffler, verwertete die Kugel technisch anspruchsvoll zum 0:1.

Kurz darauf bot sich den Kickern aus dem Taunus gar die große Chance zum 0:2, doch, Kobel hielt stark. Dann schlug die Stunde von Al Ghaddioui, der nach Luftloch von Mario Gomez zum Ausgleich traf.

Auch dem kurz darauf folgenden 1:2, abermals durch Schäffler, ging ein Ballverlust in der gegnerischen Hälfte von Ascacíbar, diesmal nach fahrigem Zuspiel von Phillips, voraus. Dann ging es wieder sehr schnell. Eigentlich war der Ball schon geklärt, ehe Borna Sosa ihn noch einmal scharf machte und Schäffler das Geschenk dankend annahm.

Danach agierte der VfB geschockt und reichlich konfus und war mit dem 1:2 zur Pause sogar noch gut bedient. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild. Der VfB wurde immer druckvoller, führte alle Statistiken haushoch an und traf alleine vier (!) Mal Pfosten und Latte. Vor allem durch die Einwechslungen von Silas und Massimo ging endlich etwas über die Außen. Aufgrund von Pech und Unvermögen wollte der Ball jedoch einfach nicht über die Linie.

Mario Gomez enttäuschte bei seinem ersten Startelfeinsatz seit dem dritten Spieltag auf ganzer Linie. Sah ich es mit ihm, dem bestbezahlten Zweitligakicker aller Zeiten, anfangs noch pragmatisch, dass es für die 2. Liga bei ihm auch mit 34 Jahren schon noch reichen könnte, muss ich diese Annahme mittlerweile revidieren. Es scheint, er habe mit seinem famosen Auftritt gegen Hannover 96 das Pulver für diese Spielzeit schon gänzlich verschossen, nichts geht mehr, beim einstigen Super-Mario. Er muss seinem über die Jahre geschundenen Körper Tribut zollen und ist physisch nicht mehr der Schnellste. Dass er auch geistig nicht mehr der Schnellste ist, sah man bei einigen Aktionen, als ein Schnörkel zu viel den Ballverlust bedeutete. Insgesamt sah sein Auftritt vom Freitag doch sehr bemitleidenswert aus.

Dass eine solch großartige Karriere derart zu Ende geht, hat dieser Spieler eigentlich nicht verdient. Da stellt man sich die Frage, ob er sich selbst einen Gefallen damit getan hat, sich die 2. Liga anzutun und die Schuhe nicht an den Nagel gehängt zu haben. Angesichts seines einen Zweitligisten erdrückenden Gehaltes von kolportierten 4,5 Millionen Euro pro Jahr, hätte ihm der VfB mit Sicherheit keine Steine in den Weg gelegt. Doch, selbst ein Spieler, der in seiner Karriere zig Millionen „verdient“ hat, nimmt offensichtlich noch mit, was nur geht. Vermutlich zählt er schon jetzt die Tage bis zum Saisonende…

Dass die Ungeschlagen-Serie einmal zu Ende gehen musste, war klar, dennoch tut es weh, dass dies nun ausgerechnet gegen das Schlusslicht der Tabelle passiert ist.

Und doch ist noch zu wenig passiert, um jetzt schon alles madig zu machen. Der VfB steht auf einem direkten Aufstiegsplatz und muss aus dieser Niederlage eben die notwendigen Schlüsse ziehen. Spiele, wie das am Freitag, erwarten den VfB in dieser Liga noch en masse. Gegner, die tief stehen und auf unsere Fehler lauern, sehen nun mal das einzig probate Mittel gegen die übermächtigen Schwaben darin, Beton anzurühren. Darauf muss der VfB gefasst sein und darauf muss er mit aller Seriosität reagieren.

Diese fehlte mir in der Anfangsphase, als man es vom Anpfiff weg mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei erledigen wollte und den nötigen Respekt vorm Gegner vermissen ließ. Wenn man dann schon nach wenigen Minuten sämtliche Ordnung fehlt und man nach einfachen Ballverlusten derart blank steht, geht der Schuss schnell nach hinten los.

Hier erwarte ich mir einen schnellen Lerneffekt und mehr Geduld vom Team. Die Qualität wäre vorhanden, Ball und Gegner laufen zu lassen, dadurch den Gegner müde zu spielen und zu gegebener Zeit zuzuschlagen, anstatt schon in der Anfangsphase kopflos nach vorne zu rennen und in hanebüchene Konter zu laufen.

Da das Team jung und lernwillig ist und von einem Trainerstab betreut wird, der die Jungs von Tag zu Tag besser machen möchte und sicher nicht lernresistent ist, bin ich guter Dinge, dass die schmerzliche Niederlage gegen Wehen-Wiesbaden ein Ausrutscher bleiben wird.

Nach der Länderspielpause wartet mit Holstein Kiel das Ex-Team von Tim Walter, welches bestimmt gewillt ist, seinem einstigen Trainer ein Schnippchen zu schlagen. Mit Geduld, Vertrauen in die eigene Stärke, etwas mehr Konzentration und mehr Konsequenz im Abwehrverhalten müsste ein Sieg herausspringen. Dass dieser kein Selbstläufer werden wird, sollte nach dem Schuss vor den Bug zur rechten Zeit vom Freitag auch dem Letzten bewusst sein.

Ich bin guter Dinge, dass Tim Walter die richtigen Schlüsse ziehen wird und die Mannschaft gegen die Störche auch in den ersten 45 Minuten unter Beweis stellt, dass es an diesem Sonntag im heimischen Neckarstadion nur einen Sieger geben kann, nämlich, den VfB Stuttgart. Darauf freue ich mich, dann auch wieder, komme was wolle, live mit mir im Stadion!

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