27. September 2017

Riegel-Hannes!

Zum Abschluss der englischen Woche und zum Wasenauftakt hatte der VfB den FC Augsburg zu Gast. Nach dem Heimsieg gegen Wolfsburg, der Trainer Jonker den Job kostete, und der ärgerlichen Niederlage am Dienstag in Mönchengladbach, reichte es gegen die bayerischen Schwaben (nur) zu einer Punkteteilung.

Das Intro für dieses Spiel bot von beiden Fanszenen jeweils eine Choreographie, während die der Augsburger im Antlitz derer in der Cannstatter Kurve nur verblassen konnte. Das Motto hieß dieses Mal „Schwabenmetropole Stuttgart“ und war schlicht in den Farben des Stuttgarter Stadtwappens gehalten. Kurze Zeit später gingen im Augsburger Block noch grüne und rote Rauchschwaden hoch, während in der Cannstatter Kurve der altbekannte Banner „Bazitrachten raus aus Stuttgart“ präsentiert wurde.

Die Aversion vieler gegen die Unsitte aufs Cannstatter Volksfest verkleidet wie im Fasching zu gehen, artete Zeitungsberichten nach am Samstag aus und mündete sogar in Handgreiflichkeiten, wenn man den Berichten Glauben schenken darf. Das ginge auch für mich zu weit, wenngleich mich dieser Kostümball schon auch extrem nervt. Nicht nur in Cannstatt kann man sich durch die Sauftouristen belästigt fühlen, auch die Bahnen sind übervölkert von vorglühendem Partyvolk in billigen Trachten, so dass der Volksfest-Höhepunkt für mich längst der Kehraus ist.

Da das Spiel wenig Spektakuläres bot, beschäftigt man sich in den Tagen danach eben mit diesen Nebensächlichkeiten. Schon als ich eine Stunde vor Spielbeginn die Mannschaftsaufstellung las, ahnte ich, dass an diesem Tag ein Feuerwerk höchstens auf den Rängen stattfinden würde. Es ist keineswegs so, dass ich mit einem Punktgewinn gegen den FC Augsburg nicht leben könnte, wenn man sich die jüngste Bilanz gegen die Fuggerstädter vor Augen führt. Sage und schreibe sieben Niederlagen am Stück standen in den letzten Aufeinandertreffen zu Buche, diese Negativserie konnte durch das Remis durchbrochen werden. Zudem ist der FC Augsburg stark in die Saison gestartet, schlug unter der Woche Leipzig zu null und ist nach der Auftaktniederlage gegen den HSV nunmehr seit fünf Spielen ungeschlagen.
Dass Hannes Wolf in Anbetracht dieser Vorzeichen sein Team nach dem Motto „Safety First“ auf- und einstellte, fand ich nachvollziehbar. Im letzten Duell auf heimischem Boden, noch unter Alexander Zorniger, setzte es im Neckarstadion im Abstiegsjahr ein desaströses 0:4, so dass für Samstag zunächst einmal Vorsicht die Mutter der Porzellankiste war.

Anders als Zorniger wollte Wolf den bayerischen Schwaben nicht ins offene Messer laufen und setzte auf ein Abwehrbollwerk, das sich gewaschen hatte. Sage und schreibe acht Defensivspezialisten, darunter vier gelernte Innenverteidiger, schickte Wolf auf den Platz. Die offensive Fahne sollten lediglich der erneut starke Donis, Brekalo und in vorderster Front Terodde hoch halten. Die leise Hoffnung hatte ich ja, dass Wolf im späteren Spielverlauf offensiv nachlegen würde, als aber in der 65. Minute auch noch der defensivere Orel Mangala für Brekalo eingewechselt wurde, fand ich mich langsam mit dem torlosen Unentschieden ab.

Manch einer wird monieren, dass eine derart defensive Aufstellung einer Heimmannschaft unwürdig und für das Publikum eine Zumutung ist, ich hatte dafür in diesem Spiel Verständnis, weil wir Aufsteiger sind und der Spatz in der Hand eben manchmal besser ist als die Taube auf dem Dach. Sieben Punkte nach sechs Spielen, keine herausragende, jedoch eine akzeptable Zwischenbilanz. Wir sind in der Liga angekommen und Hannes Wolf hat es geschafft, die Defensive im Vergleich zu den Vorjahren gehörig zu stabilisieren.

DER Turm in der Schlacht im Defensivverbund war bei seinem zweiten Einsatz für den VfB erneut Holger Badstuber. Was dieser Mann abräumt, im Spielaufbau leistet und wie er brenzlige Situationen mit einer spielerischen Leichtigkeit löst, ist phänomenal. Wenn er sein Verletzungspech ablegt und einigermaßen regelmäßig einsatzbereit ist, ist mir, was den Klassenerhalt betrifft, nicht bange.
Er verleiht unserer Defensive allein durch seine Präsenz ein Mehr an Sicherheit, wovon irgendwann auch die schwächelnde Offensive profitieren dürfte. Steigt das Vertrauen in die Hintermänner, lässt es sich auch unbeschwerter nach vorne spielen, zumal mit Ascacibar nun ein Sechser da ist, der resolut in den Zweikämpfen ist und den Rasen umpflügt wie kein zweiter in der Mannschaft.

Für den verletzten Gentner rückte Benjamin Pavard auf die Doppelsechs und nicht Burnić oder Ofori, während Kaminski mit Baumgartl und Badstuber die Dreierkette bildete. Kaminski spielte solide und rettete das Remis eine Viertelstunde vor Schluss, als er in höchster Not Finnbogason die Kugel abluchste, während Baumgartl in einigen Situationen zu fahrig agierte.

Badstuber unterband durch technisch anspruchsvolle Einlagen bedrohliche Aktionen zuhauf und erntete dafür Szenenapplaus, was Baumgartl dazu bewog, es ihm gleichzutun, was sich beinahe gerächt hätte. Er wäre gut beraten, sich die Sicherheit durch einfaches und konzentriertes Passspiel zu holen und einfach in seinem Bereich nichts anbrennen zu lassen.

Die (neuen) Außen der bei gegnerischem Ballbesitz von einer Dreier- zur Fünferkette werdenden Abwehrformation sind defensiv bisher weitestgehend ein Gewinn. Sowohl Dennis Aogo als auch Rückkehrer Andreas Beck bringen viel Ruhe und Erfahrung mit ein, sind aber mit jeweils über 30 Jahren nicht (mehr) die Flügelflitzer, die auch mal einen Mann überlaufen und bis zur gegnerischen Grundlinie vorstoßen können.

Über die Rückkehr von Andreas Beck habe ich mich nach der Bekanntgabe des Transfer zwar gefreut, auch wenn ich skeptisch wegen seines fortgeschrittenen Alters war und man von ihm aus der Türkei eben auch nicht mehr viel gehört hatte. Er ist trotz seiner Vergangenheit im Kraichgau ein sympathischer Typ geblieben, man nimmt es ihm ab, dass der VfB in all den Jahren „sein“ Verein geblieben ist. Noch mehr hätte mich diese Vereinsverbundenheit gefreut, wenn er schon zurück gekommen wäre, als er noch in der Blüte seines Schaffens war und nicht erst im Spätherbst seiner Karriere, wo auf den ersten Blick der Eindruck entsteht, es wolle einer gemütlich und daheim bei Muttern seine Karriere ausklingen lassen.

Wäre er zurückgekehrt, als es dem VfB wirklich dreckig ging, hätte er Kultstatus erlangen können, so aber wird es nur eine kurze zweite Episode mit ihm werden. Ich bin mal die Rechtsverteidiger der letzten Jahre durchgegangen, um vor Augen zu führen, was uns hätte alles erspart werden können, hätte er sich früher zum Brustring zurück besannt. Dort finden sich Namen, angefangen mit Khalid Boulahrouz (den ich allerdings sehr schätzte), über Stefano Celozzi, Philipp Degen, Gotoku Sakai, Tim Hoogland, Toni Rüdiger, Daniel Schwaab, Florian Klein, Matthias „Zimbo“ Zimmermann, Kevin Großkreutz bis hin zu Jean Zimmer. Kaum einer taugte zur Dauerlösung, so dass diese Planstelle zur Dauerbaustelle wurde. Seit Ricardo Osorio, an dem Beck seinerzeit nicht vorbei kam, ist die Position des Rechtsverteidigers, wie auch mit Abstrichen das Pendant auf der linken Seite, DIE Problemzone im VfB-Spiel. Es bleibt zu hoffen, dass Andi Beck dieses Problem wenigstens kurzfristig beheben kann.

Nach den bisherigen sechs Saisonspielen wurden die Auftritte des VfB meist gelobt, selbst als keine Punkte eingefahren wurden. Man spiele ordentlich mit, habe viel Ballbesitz und man sei in keinem Spiel wirklich chancenlos gewesen, etwas mitzunehmen. Das ist zwar alles richtig und doch kam für meinen Geschmack vom VfB zu wenig. In den verloren gegangenen Auswärtsspielen wurde man immer erst initiativ, als man zurücklag und das Kind bereits im Brunnen lag. Vor den Gegentoren war die Sicherung des eigenen Kastens oberste Maxime, das Offensivspiel wurde, bis es hinten einschlug, fast gänzlich vernachlässigt. Was bringt also Ballbesitz, wenn man damit nicht den Weg nach vorne sucht, sondern die Kugel in der eigenen Hälfte zirkulieren lässt? So war es meist eine Frage der Zeit, bis der Gegner „ernst“ macht und in Führung geht. Dem Offensivspiel, das wurde bisher nahezu in jedem Spiel deutlich, fehlen Impulse. Wenn dann noch, wie in den letzten beiden Spielen, Akolo ausfällt, der zwei unserer bisherigen drei Saisontore erzielt hat, ist unser Sturm nur ein laues Lüftchen.

Simon Terodde, so wirkt er auf mich seit seinem verschossenen Elfmeter gegen Mainz, plagt die Angst vor seinem ersten Bundesligator im zarten Alter von 29 Jahren. Er verkrampft zunehmend und wirkt immer unglücklicher in seinen Aktionen, so dass man nur hoffen kann, dass bei ihm endlich der Knoten platzt oder Daniel Ginczek schnell eine Option für die Startelf darstellt.

Was dem VfB nach dem Abgang von Maxim komplett abgeht, ist ein kreativer Mann hinter den Spitzen, der den tödlichen Pass spielen und für Überraschungsmomente sorgen kann. Hat sich der Streit mit Jan Schindelmeiser unter anderem daran entladen, dass dieser Maxim abgab, ohne einen adäquaten Ersatz präsentiert zu haben, darf man, ohne gleich als Vollidiot betitelt zu werden, die Frage an Michael Reschke richten, weshalb er dann keinen geholt hat, wo er doch so gut vernetzt zu sein scheint. Zeit hätte er noch genügend gehabt.

Nun aber ist eine kurzfristige Belebung der Offensive kaum zu erwarten, jedenfalls so lang nicht, bis Carlos Mané wieder zur Verfügung steht. Wolf wird weiter improvisieren und einen Fußball spielen lassen müssen, der ihm selbst widerstreben dürfte. Doch, als Mittel zum Zweck ist alles erlaubt, was uns von den Abstiegsplätzen fern hält.

Eigentlich will ich ja von alten Statistiken, die geschrieben wurden bevor Hannes Wolf seinen Job beim VfB antrat, nichts wissen. Nach dem Abstieg hat sich der VfB runderneuert, fast kein Spieler, der für die genannten Statistiken verantwortlich zeichnete, ist noch da. Und trotzdem ist vieles wie immer, wenngleich einiges natürlich besser geworden ist.

Wir können in Berlin, Gelsenkirchen und Mönchengladbach nicht (mehr) gewinnen und tun uns gegen den FC Augsburg extrem schwer. Dass es auch anders geht, zeigten die knappen Heimsiege gegen Mainz und Wolfsburg, unsere letzten Gegner vor dem Abstieg.

Augsburg zu Hause war in der jüngeren Vergangenheit ein Brett, so dass dieses Pünktchen am Ende als Bonuspunkt durchgehen könnte. Zudem blieben wir im Neckarstadion weiterhin ohne Gegentor, was Selbstvertrauen für die kommenden Aufgaben geben dürfte.

Insgesamt sehe ich uns im Soll und bin optimistisch, dass wir in Frankfurt, ein Pflaster, das uns in den letzten Jahren immer gut gelegen hat, den ersten Auswärtssieg einfahren werden.
Das bedingt ein wenig mehr Risiko nach vorne und vor allem den unbedingten Willen, das erste Tor zu schießen. Versteckt man sich wie das Kaninchen vor der Schlange und lädt die Eintracht ein, uns hinten hineinzudrängen, wäre es für mich der falsche Ansatz.

Ein Auswärtssieg würde den Punkt gegen Augsburg vergolden und uns beruhigt in die Länderspielpause gehen lassen, denn, danach wartet zu Hause der nächste dicke Brocken auf uns. Deutlich wird das nicht unbedingt beim Blick auf die Tabelle, denn, der FC ist ja bekanntlich Schlusslicht, aber, womit wir wieder bei den Serien wären, seit 1996 gewann der VfB kein Bundesligaheimspiel mehr gegen die Geißbockelf.

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29. September 2014

Ran an die heiligen Kühe!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , – Franky @ 08:38

Eine turbulente Woche geht zu Ende. Fredi Bobic ist Geschichte beim VfB und der VfB hat mit vier Punkten aus zwei Spielen zuletzt scheinbar die Kurve gekriegt.
Gegen Hannover 96 spielten wir seit einer gefühlten Ewigkeit mal wieder hinten zu null und ließen so gut wie nichts anbrennen. Endlich entschloss sich Armin Veh zum Torwartwechsel. Für mich eine überfällige Maßnahme, hat Ulle zuletzt doch mehr und mehr gravierend gepatzt. Seine Schwächen konnte er eine zeit lang noch gut kaschieren, holte er doch auf der Linie manch einen Ball spektakulär, hielt aber auch zu dieser Zeit keine „Unhaltbaren“ oder hielt die Mannschaft mal im Spiel, wenn es nicht so lief. Oft war es der erste Torschuss, der drin war und das Spiel gleich in Bahnen lenkte, die kein VfB-Fan haben wollte. Vielleicht fehlte im zuletzt auch einfach das Glück, sei’s drum, ich bin froh über diese Maßnahme, weil Sven Ulreich für mich nie ein sehr guter Bundesligatorwart werden wird. Dafür fehlt ihm zu viel Grundsätzliches am Torwartspiel. Daher hoffe ich, dass Kirsche keine Zweifel aufkommen lässt, wer die wahre Nummer 1 ist und wenn, dass man alternativ entweder einem Youngster es zutraut oder sich nach einer Nummer 1 umschaut. Das aber ist Zukunftsmusik, der Anfang ist gemacht. Auch wenn Kirsche gegen Hannover nicht viel auf den Kasten bekam, hat mir seine Ausstrahlung gefallen. Hatte Ulle in Dortmund eine Passquote von lediglich knapp über 50% kam Kirschbaum gegen Hannover auf 77%. Augenscheinlich war, dass wir auch nach langen Bällen in Ballbesitz geblieben sind. Denke, wenn er richtig im Kasten angekommen ist, kann dies unser Spiel schneller machen. Daher, Chapeau, Armin Veh, alles richtig gemacht!
Ob es Zufall ist, dass dieser Torwartwechsel unmittelbar nach der Demission von Fredi Bobic erfolgt, vermag ich nicht so recht zu glauben. Oft hatte ich den Interessenkonflikt angesprochen, in dem Fredi Bobic durch seine geschäftliche Verbandelung mit Jürgen Schwab, dem Berater von Sven Ulreich und Christian Gentner, steckte. Habe hinein interpretiert, dass womöglich Bobic, als Freundschaftsdienst sozusagen, diese beiden stets geschützt und zu Leadern im Team beschworen hat, um seinem Kumpel Schwab deren Marktwert nicht zu versauen. Dass es schon lang nicht mehr nach Leistung ging auf dem Wasen, sondern der spielte, der die mächtigsten Fürsprecher hatte – diese Mutmaßungen bekommen jetzt ganz neue Nahrung. Wurde erst Bobic zur heiligen Kuh hochstilisiert (“absolut der Mann unseres Vertrauens”), waren es zuletzt noch Kapitän Gentner und eben Sven Ulreich, der auch von der Kurve nach wie vor großen Zuspruch erfährt.
Dass die Entlassung von Bobic richtig und einem neuen Leistungsklima förderlich ist, davon bin ich überzeugt. Allein der Zeitpunkt ist Schwachsinn. Wenn man das Herumgeeiere unseres Vorstands und Aufsichtsrats auf der Pressekonferenz und in den Tagen danach so sieht, muss man den Transparenten in der Kurve vom Samstag Recht geben – die Vereinsspitze hat schlicht geschlafen und es laufen gelassen.
Wurde der Zeitpunkt des offenen Briefes des CC kritisiert, kann ich dieser Kritik Stand jetzt zustimmen. Man hätte nämlich damit schon im Mai auf die Barrikaden gehen und dem Vorstand und Aufsichtsrat die Aufarbeitung der Vorsaison abnehmen müssen, dann wäre uns womöglich dieser abermals schlechte Saisonstart erspart geblieben. Wie schon die Entlassung von Labbadia wurde die von Bobic zu lang aufgeschoben und gezaudert statt gehandelt.
Jetzt hoffe ich, dass das Tandem Schneider/ Veh die Geschicke einige Zeit leiten wird, bestenfalls bis zum Ende der Saison. Mitten in der Serie bekommt man einfach keinen vernünftigen Mann. Dieser nämlich würde aus Loyalität zum bisherigen Arbeitgeber nicht alles stehen und liegen lassen, um beim VfB den Dienst anzutreten. Kritisiert man auf der einen Seite Spieler für ein solches Vorgehen, verurteilt man bei Trainern diese Söldnermentalität wie damals Magath, der quasi übergangslos von Wolfsburg nach Schalke wechselte, sollte man einen Manager, der so agiert, von vornherein äußerst kritisch beäugen und seinen Charakter in Frage stellen. Wer das tut, bei dem kann man auch nicht sicher sein, ob er den VfB beim nächstbesseren Angebot nicht auch sofort wieder im Stich lassen würde.
Der VfB soll sich Zeit lassen damit und möglichst nach Heldt und Bobic nicht schon wieder ein Greenhorn in den Ring schicken. Natürlich hat man jetzt mit Veh einen Fachmann an der Linie, sogar mit Crashkurs als Manager in Wolfsburg, ansonsten aber fehlt es nach wie vor an sportlicher Kompetenz in Aufsichtsrat und Vorstand. Da sitzt zwar ein Hansi Müller, der jedoch genauso wenig wie alle anderen die Fehlentwicklungen der letzten Jahre verhindert hat. Die Herren kommen mir vor wie Grüßgott-Onkel, die die Vorzüge des Funktionär-Lebens genießen, sich jedoch nicht befähigt oder bemüßigt sehen, auch einmal ihr Veto-Recht einzusetzen. Für die Musik zuständig ist einzig und allein der Aufsichtsratsvorsitzende. War es früher Dieter Hundt, der scheinbar die Geschicke des Vereins lenkte, ist es jetzt Dr. Schmidt. So jedenfalls mein Eindruck von der Pressekonferenz. Der Aufsichtsrat per se hat Prüfungs- und Überwachungspflichten, die Geschäftsführung jedoch sollte dem Vorstand vorbehalten sein. Beim VfB scheint es andersherum zu sein. Der Aufsichtsrat bestellt lediglich Vorstände, mit denen er Hugoles treiben kann und nicht solche, die sich auch mal aus Überzeugung durchzusetzen vermögen. Bernd Wahler hat mich bisher sehr enttäuscht, sah ich in ihm anfangs doch die eierlegende Wollmilchsau. Als Adidas-Manager in Berührung gekommen mit sämtlichen relevanten Personengruppen im Bereich des Sports. Mit Sportmanagern, mit Sportlern, Trainern, Funktionären, Sponsoren und nicht zuletzt mit den Endkunden. Daher versprach ich mir gute Kontakte und eine gute Kommunikation sowie den Blick fürs gesamte Konstrukt. Dass er aber trotzdem Bobic weiter wursteln und den Verein nahe ans Verderben führen ließ, das kreide ich ihm an. Bobic war eben nicht nur der nette Junge aus dem Hallschlag, er war ein misstrauischer Sturkopf, der andere Auffassungen kaum gelten ließ und seine alten Seilschaften beim VfB neu aufleben ließ. Hatte nur zu „seinen“ Leuten Vertrauen und vergraulte alte Institutionen im Verein, die nach und nach das Weite suchten. Hier ist der Verein jetzt gefordert, die Uhr ein wenig auf 2010 zurückzudrehen, um zu kitten, was zu kitten ist.
Ob dieser Befreiungsschlag auf Vorstandsebene zur sportlichen Trendwende geführt hat, lässt sich zumindest nicht gänzlich ausschließen. Schon lang empfand ich die Nähe von Bobic zur Mannschaft einfach nur schädlich, schon lang vertrat ich die Auffassung, die Ansprache an die Mannschaft sollte einzig und allein dem Trainer vorbehalten sein. Ein Manager kann ein, zwei Mal die Saison eine Brandrede halten, wenn es die Situation erfordert, sollte sich aber ansonsten fein heraushalten. Ein Schlüssel des Klassenerhalts in der Vorsaison war doch auch, dass just als Huub Stevens das Zepter übernahm, Bobic die Spiele schön von der Tribüne aus verfolgen durfte.
Hat der VfB bereits in Dortmund mit der Hereinnahme von Gruezo zu einer neuen Stabilität gefunden, setzte sich diese gegen Hannover, immerhin als Tabellendritter angereist, nahtlos fort. Natürlich kann man sagen, Hannover hat ja gar nichts gemacht, um uns in Verlegenheit zu bringen. Andererseits, Köln hat ja auch nichts gemacht und Hoffenheim auch nicht. Bei diesen Heimniederlagen fehlte die Präsenz im Mittelfeld, die wir gegen Hannover hatten. Ballsichere Spieler wie Romeu, Gruezo und zuletzt auch Leitner tun unserem Spiel sichtlich gut. Die erneute Auswechslung von Gentner wiederum signalisiert, dass Veh durchaus auch bereit ist, an dieser Stellschraube noch zu drehen. Die letzten Jahre gehören aufgearbeitet und hinterfragt und dabei natürlich an vorderster Front diejenigen Spieler, die immer dabei waren. Dass Gentner kein Kapitän im eigentlichen Sinne ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Veh arbeitet an einer neuen Hierarchie, gespannt darf man sein, ob sich diese innerhalb des vorhandenen Kaders herauskristallisieren kann oder ob man im Winter nachkaufen muss. Mir fällt leider auch keiner ein, der das Kapitänsamt aufgrund seiner Persönlichkeit für sich beanspruchen könnte.
Von der derzeitigen Präsenz her sicherlich Gruezo oder Romeu, die allerdings der deutschen Sprache nicht mächtig sind und, wie Romeu, auch nur ausgeliehen sind. Wer mich in den letzten Wochen positiv überrascht, ist Antonio Rüdiger. Auch ich war einer, der ihn liebend gern für das viele gebotene Geld verkauft gesehen hätte, habe aber jetzt den Eindruck, dass er in Sachen Nationalelf Morgenluft wittert und seit seiner Anwesenheit im Kreis der Elitekicker als ein anderer Toni zurückkam. Seine Fehlerquote hat er minimiert und besticht durch körperliche Präsenz und Einsatzwillen. Wenn er so weiter macht, haben wir einen Top-Mann in unseren Reihen. Wie genau es im Kreise der Nationalmannschaft zugeht, weiß man als Außenstehender natürlich nicht. Aber, es ist ja kein Geheimnis, dass Löw und Bierhoff großes Interesse daran haben, dass sich Nationalspieler wie Nationalspieler benehmen und der Öffentlichkeit vor allem kein Futter für Negativberichterstattung liefern. Auf die Etikette kommt es an und gerade hier hatte ich bei Rüdiger große Defizite festgestellt. Wenn er als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens daran arbeitet, sich seiner Verantwortung und seines Standings, aber natürlich auch seines großen Glücks Berufsfußballer zu sein bewusst wird, Autogrammwünsche in Gottes Namen als „dazu gehörend“ akzeptiert, ist bei ihm schon viel gewonnen. Bis vor kurzem habe ich ihn als arroganten Schnösel wahrgenommen und auch schon selbst so erlebt. Gerne aber beobachte ihn weiter und revidiere meine Meinung über ihn. Zuletzt hat mir sehr gut gefallen.
Nach dem Hannover-Spiel habe ich seit längerem mal wieder das Neckarstadion rundum zufrieden verlassen. Schönheitspreise erwarten wir ja schon lang nicht mehr. Der Dreier war eminent wichtig, sonst nichts. Ich hätte auch mit einem 0:0 leben können, wenn sich diese Chance zum Siegtreffer eben nicht geboten hätte. Hannover stand ja so tief, da ist es für jede Mannschaft schwer, durchzukommen, für den VfB im Jahr 2014 erst recht. So war es in erster Linie wichtig, selbst nichts zuzulassen, den Hannoveranern keine Möglichkeit zu bieten, ihrerseits das Tor zu machen. Die wollten den einen Punkt und hofften vielleicht insgeheim, dass wir den entscheidenden Fehler schon machen würden. Hoffenheims Trainer Gisdol hat schließlich vor Wochenfrist vorgeführt, wie dem VfB eigentlich immer beizukommen ist und auch keine Gelegenheit ausgelassen, dies der breiten Öffentlichkeit kundzutun. Daher ist es schon naheliegend, dass sich Korkut sicher war, im Neckarstadion mit der Hoffenheim-Taktik die drei Punkte entführen zu können. Weit gefehlt, es tut sich was beim VfB, was interessiert uns das Gegurke von vor einer Woche. ;-)
Der Rahmen an diesem ersten Wasen-Samstag passte zudem. Herrliches Frühherbstwetter und eine tolle Choreo in der Cannstatter Kurve nach dem Motto „Wenn die ganze Kurve tobt, schlägt mein Herz in weiß und rot“. Begleitet von unzähligen Spruchbändern verschiedenster Fanclubs und –organisationen, die den Zusammenhalt innerhalb der Kurve und seiner verschiedensten Gruppierungen zementierten. Man kann dem Verein ja tatsächlich vorwerfen, was auch naheliegt, sich dem tobenden Mob in der Kurve gebeugt zu haben. Vier Punkte später aber muss man tatsächlich konstatieren, dass der Zeitpunkt so falsch nicht gewesen sein kann und es ein Wachrüttler fünf vor zwölf gewesen ist.
Vor der Saison hatte ich uns die ersten fünf Spiel Zeit gegeben, gar prognostiziert, dass wir womöglich danach mit null Punkten dastehen könnten, und dann eben mit dem punkten angefangen werden muss. Ferner räumte ich ein, dass Veh nicht von heute auf morgen alles über den Haufen werfen könne und er Zeit benötige, den Bock umzustoßen. Das war natürlich auch in gewissem Maße Zweckoptimismus, einfach, weil hier nicht immer der Trainer schuld sein kann, und die Probleme tiefer sitzen. Zum anderen auch, weil ich den Typen Veh mag und er wirklich ein netter Mensch ist, wie ich im Zillertal und kürzlich auch auf dem Kabinenfest feststellen durfte. Eines der größten Probleme des Vereins wurde am Mittwoch eliminiert, die anderen in den Führungsgremien sollten tunlichst und unverzüglich angegangen werden. Sportlich darf’s jetzt gerne so weiter gehen.
Am Freitag in Berlin bietet sich die Gelegenheit nachzulegen. Freue mich wie die Sau auf das lange Wochenende. Am Freitag Hertha-VfB, Samstag dann St. Pauli-Union Berlin, Fußballerherz was willst Du mehr?

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30. September 2013

Auswärtssiegen ist schön!

Bilder vom Auswärtssieg in Braunschweig sind jetzt online. Nach denkwürdiger An- und Abreise, die mich zunächst der Einlaufbilder, später dann des Schlafs beraubte, kann man trotz allem auf eine erfolgreiche Auswärtsfahrt zurück blicken. Gegen das noch sieglose Schlusslicht Eintracht Braunschweig kamen wir zu einem vielleicht zu hoch ausgefallenen 4:0-Erfolg. Braunschweig begann engagiert und bissig, man merkte ihnen an, dass sie schon ein wenig mit dem Mute der Verzweiflung ankämpfen. In der ersten Hälfte hatte Braunschweig mehr vom Spiel und hatte durchaus Chancen, selbst in Führung zu gehen. Der VfB kämpfte sich nach und nach ins Spiel hinein und ging wenige Minuten vor der Halbzeit schmeichelhaft mit 0:1 in Führung. Wieder einmal war der Türöffner eine von Alexandru Maxim getretene Freistoßflanke, die Ibisevic per Kopf verwerten konnte. Dabei entledigte er sich durch einen Schubser seines Bewachers, dem Ex-VfBler Ermin Bicakcic. Hätten die Unparteiischen dies gesehen, hätten wir uns nicht beklagen dürfen, wenn der Treffer aberkannt worden wäre. Schade eigentlich, dass dem sympathischen Aufsteiger durch einen irregulären Treffer der Zahn gezogen wurde. Danach nämlich, vor allem in der zweiten Hälfte, kontrollierte der VfB das Spiel und den Gegner nach Belieben und erspielte sich gegen die mittlerweile überforderten Niedersachsen Chance um Chance. Spätestens nach Maxims tollem Abstaubertor aus spitzem Winkel war die Gegenwehr der Gastgeber gebrochen. Dem VfB boten sich Räume, die in der Bundesliga seinesgleichen suchen. Mann des Spiels neben Maxim war Ibrahima Traore, der nicht zu stoppen und an drei Toren beteiligt war.

Ob beim VfB endgültig die Leichtigkeit zurückgekehrt ist, wird sich gegen stärkere Gegner zeigen. Braunschweig war dafür nur phasenweise ein Gradmesser. Trotzdem sollte man den Sieg jetzt nicht kleinreden. 4:0 musst Du in der Bundesliga erst einmal auswärts gewinnen, auch in Braunschweig.

Der Aufsteiger mit seinem phantastischen Publikum im Rücken dürfte es schwer haben, die Klasse zu halten. Dies mache ich jedoch nicht am gestrigen Auftritt fest. Zu groß ist mittlerweile die Kluft zwischen etablierten Bundesligavereinen, Fahrstuhlmannschaften, für die ein Abstieg einen Betriebsunfall darstellt und die mit großem finanziellen Aufwand den sofortigen Wiederaufstieg anstreben und solchen Vereinen, wie im letzten Jahr auch Düsseldorf und Fürth, die jahrzehntelang unterklassig spielten und in der Bundesliga finanziell auf verlorenem Posten stehen. Da muss schon alles zusammen passen, um, ohne finanzielle Drahtseilakte (Alemannia Aachen läßt grüßen!), die nötigen Punkte einzufahren und zwei oder drei Vereine hinter sich zu lassen. Braunschweig vertraut weitestgehend den Aufstiegshelden, die schon in der 2. Liga ihre Siege weniger zelebrierten denn sich erarbeiteten. Daher ist es für mich keine Überraschung, dass das Team so schlecht da steht. Ich hoffe, dort behält man die Ruhe, vertraut weiterhin den Garanten der letzten fünf erfolgreichen Jahre Marc Arnold und Thorsten Lieberknecht und verfällt nicht in den branchenüblichen Aktionismus.

Für den VfB geht es weiter, man höre und staune, Samstag 15:30, gegen Werder Bremen. Bremen ist im Jahr Eins nach Schaaf auf der Suche nach sich selbst und nach der Konstanz. Dem Derby-Sieg in Hamburg folgte nach 2:0-Führung ein 3:3 gegen den Club. Das zeigt durchaus auf, welche Chancen sich uns am nächsten Spieltag bieten könnten. Ihre Abwehrprobleme haben die Werderaner nach wie vor nicht im Griff, so dass es ein Spektakel geben könnte, wenn unsere Jungs eine ähnliche Spielfreude an den Tag legen wie gegen Hoffenheim oder auch in der zweiten Hälfte in Braunschweig. Nach dem gestrigen Sieg und der noch andauernden Freude darüber kann ich es kaum erwarten, bis es (endlich) weiter geht, auch deshalb, weil es das einzige Heimspiel während des Volksfestes ist.

Seit Schneiders Amtsantritt können wir zwar nicht mehr Pokal, dafür jedoch umso mehr Liga. Zehn Punkte aus vier Spielen, keine Niederlage, so darf es gerne weiter gehen.

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