18. September 2018

Zu wenig!

Nach dem (O-Ton Reschke) schwierigen Auftaktprogramm mit Niederlagen im DFB-Pokal bei Hansa Rostock (dümpelt im Mittelfeld der 3. Liga) sowie in der Liga bei Angstgegner Mainz 05 und gegen die Münchner Bayern, sollte die Saison für den VfB mit Verspätung am 3. Spieltag beginnen.

Mit gleichlautenden Durchhalteparolen wurden wir in die Länderspielpause entlassen, ähnlich ist die Herangehensweise jetzt, nach dem Unentschieden in Freiburg und vor dem Heimspiel gegen Aufsteiger Fortuna Düsseldorf.

Korkut nennt es, gegen Düsseldorf den nächsten Schritt machen, während ich mich indes frage, welchen Schritt man denn im Breisgau getan hat. Eine katastrophale erste Halbzeit, in der es lediglich der Freiburger Abschlussschwäche zu verdanken war, dass wir nicht zur Pause hoffnungslos zurück lagen? War das ein Schritt zur Besserung? War es ein Schritt nach vorn, sich von eben diesen abschlussschwachen Freiburgern trotzdem drei Tore einschenken zu lassen?

Ich unterstelle einfach mal, dass es im weiteren Saisonverlauf nicht mehr sehr viele Teams geben wird, gegen die die Freiburger drei Tore schießen werden. War es ein Schritt nach vorn, es mit derselben destruktiven Ausrichtung wie gegen die Bayern zu versuchen? Nachdem gegen die Bayern schon mit Bekanntgabe der Aufstellung die weiße Fahne geschwenkt wurde, war die Hoffnung gegeben, dass Korkut gegen den ebenfalls noch punktlosen Abstiegskandidaten Freiburg vom Angsthasenfußball abrücken und mutiger agieren lassen würde.

Doch, nichts da, in Gonzalez und Gomez standen abermals ganze zwei Offensivkräfte zum Anpfiff auf dem Feld. Unser Spiel sollten doch tatsächlich über außen Castro und Gentner sowie zentral Aogo ankurbeln. Alles eher defensiv denkende Routiniers, jenseits der Dreißig und nicht (mehr) die Allerschnellsten.

Etwas, mit Verlaub gesagt, verarscht kommt man sich dann vor, wenn Korkut nach dem Spiel feststellt, dem VfB-Spiel habe die Schnelligkeit gefehlt. Schicke ich einen Traktor ins Formel 1-Rennen muss ich davon ausgehen, nicht hinterher zu kommen und vor allem, dass die Musik vorne ohne mich spielt.

Fast folgerichtig dauerte es gerade einmal 47 Sekunden, bis man dem Rückstand hinterherlaufen musste. Nach schlampigem Ballverlust von Gonzalez und weil Gentner den falschen Laufweg wählte und damit Gonzalez erst richtig in die Bredouille brachte (bevor sich jemand beschwert, weil ich unseren Capitano kritisiere – das hat Didi Hamann bei Sky so analysiert) ging es zu schnell für die Jungs vom Neckar.

An diesem Rückstand hatte der VfB lang zu knabbern und vermochte offensiv keinerlei Akzente zu setzen. Wie auch, wenn man hauptsächlich Spieler auf dem Feld hat, die den gepflegten Rückpass bevorzugen, anstatt das Spiel schnell zu machen und Überraschungsmomente zu schaffen. Korkut hatte sich vercoacht und riesiges Glück, dass die Freiburger aus der Stuttgarter Schwäche kein weiteres Kapital schlagen konnten. Dass der Ausgleich kurz vor dem Pausenpfiff der allererste Torschuss in der ersten Halbzeit war, spricht Bände.

Der Fußball in der Rückrunde war ebenso unansehnlich, aber, doch wenigstens erfolgreich. Damals galten für Korkut mildernde Umstände, musste er doch mit dem Spielermaterial auskommen, welches ihm gegeben war und musste er der über weite Strecken der Vorrunde (vor allem auswärts) verunsicherten Mannschaft Halt geben und sie ohne besondere Erwartungshaltung „einfach nur“ stabilisieren.

Mit Beginn der Vorbereitung aber haben sich die Vorzeichen geändert. Korkut durfte, so unterstelle ich es einfach mal, beim einen oder anderen Transfer mitreden, hätte Abgänge von Spielern, mit denen er nichts anfangen kann, forcieren können und hatte vor allem den Kader, manch einer spricht vom stärksten seit 2007, so früh beisammen, wie kaum einer seiner Vorgänger.

Da nach knapp zwei Monaten Vorbereitungszeit die Spiele aussehen, als würden die Jungs zum ersten Mal miteinander kicken und der Trainer mit unserem durchaus vorhandenen Potential nichts anzufangen weiß, bestätigt das den Ruf, der Korkut bei seiner Präsentation vorauseilte, nämlich dass er kein Trainer sei, der ein Team (weiter-)entwickeln könne.

In Freiburg retteten ihm Insúa mit einem Sonntagsschuss sowie Doppeltorschütze Mario Gomez den Allerwertesten. Die ersten VfB-Tore in dieser Saison überhaupt, die wohl gegen eine weniger naiv verteidigende Mannschaft so nicht fallen.

Dass man sich dann selbst nach zweimaliger Führung noch die Butter vom Brot nehmen ließ, ist völlig unverständlich. Freiburg erweckte nicht gerade den Eindruck, noch ein Tor machen zu können. Es war auch beileibe nicht so, dass man sich eines Sturmlaufs zu erwehren gehabt hätte und dennoch wechselte Korkut eine Viertelstunde vor Schluss defensiv und brachte Badstuber für Gentner.

Dadurch gab Korkut himself den Freiburgern das Signal für deren Schlussoffensive, anstatt mit einem schnellen Mann wie Donis auf die Entscheidung zu drängen.

Die Quittung in Form des Ausgleichs ließ nicht lange auf sich warten und war aufgrund des Spielverlaufs verdient. In einem von Fehlern auf beiden Seiten gespickten Spiel machte beim VfB dieses Mal Ron-Robert Zieler eine ganz unglückliche Figur. An guten Tagen lässt er wohl keinen der drei Schüsse rein! Zwei Tore in die kurze Ecke und ein Freistoßtor, bei dem die Mauer nicht gut genug gestellt war. Einen ähnlich schwarzen Tag erwischte Zieler zu Beginn der letzten Rückrunde in Mainz. Dieser hatte ihn nicht umgeworfen, wurde er danach doch der fast unüberwindbare Rückhalt, so dass ich guter Hoffnung bin, dass er auch dieses Mal darüber hinweg kommen wird.

Mario Gomez echauffierte sich über den Freistoßpfiff, was ich nicht ganz nachvollziehen kann. Andreas Beck lag auf dem Boden und wollte den Freistoß für sich bekommen. Diesem Wunsch verlieh er Nachdruck, indem er den Ball in die Hand nahm, ohne, dass der Schiedsrichter gepfiffen hatte. Eigentlich lernt man das in der E-Jugend, dass das Spiel erst unterbrochen ist, wenn der Schiedsrichter gepfiffen hat… Zwar ärgerlich in diesem Fall, doch, lamentieren hilft nicht weiter. Aus solchen Aussagen spricht die Unzufriedenheit über die Gesamtsituation, liest man zwischen den Zeilen.

Ein Remis ist in unserer Lage zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Natürlich ist es noch früh in der Saison, natürlich werden wir die Punkte für den Klassenerhalt noch früh genug eingefahren und doch weigere ich mich, in diese Allgemeinphrasendrescherei einzustimmen.

Punkte, die wir jetzt verschenk(t)en sind unwiederbringlich weg, ebenso wie das Pokal-Aus nicht mehr zu korrigieren ist. Sollte uns, dann (vermutlich wieder mit einem anderen Übungsleiter an der Seitenlinie) ein ähnlich formidabler Zwischen- oder Schlussspurt gelingen wie zum Ende der letzten Rückrunde, nach der uns gerade noch vier Punkte von einem Championsleague-Platz trennten, sind es gerade jene Punkte, denen wir nachtrauern werden.

Beklagt man sich seitens der Vereinsführung und der Spieler jetzt bereits über die Erwartungshaltung und erklärt Gegner wie Freiburg und Düsseldorf zu welchen auf Augenhöhe, gibt man Korkut und dem Team schon jetzt ein wunderbares Alibi, sich weiterhin nicht gerade überanstrengen zu müssen. Platz 15 dürfte auch mit halber Kraft zu erreichen sein.

In solchen Momenten und nach solchen Vorstellungen wünschte ich mir MV zurück, der rechtzeitig Alarm geschlagen und es nicht einfach so weiterlaufen lassen hätte.

Das zweite Jahr in der Bundesliga ist das schwerste, sagt man. Allerdings, für Vereine wie Hannover und den VfB, oder auch Köln und den HSV, sollten sie direkt wieder aufsteigen, gelten andere Maßstäbe als für Düsseldorf und Nürnberg.

Langjährige Bundesligisten sollten den Zweitligaaufenthalt zur Konsolidierung nutzen, sich von Altlasten befreien und mit neuer Stärke zurückkommen. Die Voraussetzungen beim VfB sind gegeben. Der Kader wurde hoffnungsvoll verstärkt, das Umfeld ist euphorisch, jetzt muss „nur“ noch der Trainer mitsamt seines Teams liefern.

Ich sehe den VfB schon jetzt am Scheideweg. Die Gefahr ist vorhanden, nicht nur die Anhängerschaft sondern auch einige Spieler zu vergraulen. Hatte man im Sommer seit langem mal wieder den Eindruck, der VfB sei wieder wer auf dem Transfermarkt und könne hoch gehandelte Talente zum VfB locken, weil man ihnen eine Perspektive aufzeigt, hier das optimale Umfeld für den nächsten Schritt vorzufinden, scheint sich das schon wieder ins Gegenteil umzuschlagen, worüber der eine oder andere sicherlich „not amused“ sein dürfte.

Spaß macht es den Jungs, wenn sie eingesetzt werden und herzerfrischenden Fußball spielen dürfen und nicht, wenn stets der Ältere den Vorzug erhält und ein Fußball gespielt wird, der nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig ist.

Neuzugänge wie Maffeo und Borna Sosa brauchen Spielpraxis, um sich zu integrieren und ihrem Tatendrang freien Lauf zu lassen. Sind sie (zu) lange außen vor, werden sie resignieren, vor allem, wenn sie zur Kenntnis nehmen, dass sie sich zwar hinter Älteren, nicht unbedingt aber Besseren anstellen müssen.

Spieler wie Akolo, Thommy und Anastasios Donis müssen sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn man im Sommer noch beteuert, man setze auf ihre Dienste und man im Ernstfall nicht den Mut aufbringt, sie Älteren vorzuziehen. Donis gegen die Bayern als einzige (fitte) Offensivkraft zu verheizen und der Meute, die ihn vehement forderte, damit verdeutlichen zu wollen, dass er doch nicht der Heilsbringer ist, ist Verarsche pur.

Dass der VfB im Juni völlig unnötig Tayfun Korkut’s Vertrag verlängerte, könnte uns bald teuer zu stehen kommen. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Korkuts Angsthasenfußball auf Dauer akzeptiert werden wird. Zudem scheint mir der Trainer gerade den Weg des geringsten Widerstands zu gehen, indem er sich mit den „Alten“ besser nicht anlegen möchte. Ob sie es ihm danken oder wann sie den Daumen gegen den Trainer senken, wir werden sehen!

Die von Vereinsseite stets angeprangerte überzogene Erwartungshaltung des VfB-Umfeldes kann ich nicht bestätigen. Kaum einer erwartet das Erreichen der Championsleague oder der Europaleague. Wenn das europäische Geschäft Folge einer geilen Serie sein sollte, nimmt man es zwar gerne mit, das hängt dann aber maßgeblich von der Konstanz oder Inkonstanz der Konkurrenz ab.

Was man jedoch erwarten können muss, ist, dass das vorhandene Potential ausgeschöpft wird und man bestrebt ist, ansehnlichen Fußball darzubieten. Wer ständig Hashtags nach dem Motto #wirsinddiegeilsten raus haut und mittels #jazumerfolg die Profiabteilung ausgliedert, darf sich nicht wundern, wenn die Erwartungshaltung steigt, und man sich mehr verspricht, als einen Punkt nach drei Spielen.

Wie dick das Band zwischen Korkut und Reschke, der ihn trotz großer Widerstände geholt halt, ist, wird sich zeigen, sollte gegen Fortuna Düsseldorf nicht gewonnen werden. Ich erwarte ein äußerst unangenehmes Spiel, wie fast immer, wenn es gegen Mannschaften geht, die Friedhelm Funkel betreut. Düsseldorf, als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt, ist achtbar in die Saison gestartet und hat bereits drei Punkte mehr auf dem Konto als der VfB. Ausgemusterte VfB-Profis wie Marcin Kaminski, Jean Zimmer und „Zimbo“ Zimmermann drücken den Rheinländern den Stempel auf, so dass man ihnen diesen Lauf fast schon gönnt.

Dies jedoch nicht am Freitag, da muss dem VfB der Befreiungsschlag gelingen, um den Saisonstart nicht völlig in den Sand zu setzen und einen ungemütlichen Herbst zu verleben. Bleiben die Ergebnisse weiterhin aus, sollte Reschke Korkut Ratschläge in Sachen Taktik geben, hat ja schließlich bei Hannes Wolf schon bestens funktioniert!

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