16. Juni 2020

Es mehren sich die Zweifel!

Nach der ersten Derbyniederlage seit 13 Jahren stellt sich mehr denn je die Frage, was seit Jahren beim VfB schiefläuft und Spieler schlechter statt besser werden lässt, wo man doch (fast) sämtliche Positionen mehrfach ausgetauscht hat. Stecken die Probleme doch tiefer, so dass ein Leistungsprinzip nach wie vor nicht möglich ist? Hatte Wolfgang Dietrich gar Recht, als er in seinem legendären Facebook-Post als Abschiedsgruß hinterherschickte „Ebenso wenig wie von denen, die sich schon seit langem an den gut gefüllten Töpfen unseres Vereins bedienen wollen.“ Wer sind „denen“?

Dabei kann es sich doch fast nur noch um dessen (ehemalige) Vorstandskollegen Heim und Röttgermann sowie Mediendirektor Oliver Schraft handeln, an dem der ehemalige Dietrich-Berater Schlittenhardt jüngst kein gutes Haar ließ. Selbst der viel gescholtene Aufsichtsrat wurde in den letzten Jahren mehrfach neu besetzt, da man dort die Wurzel allen Übels vermutete, erinnert sei nur an den einst allmächtigen Dieter Hundt, der längst Geschichte ist.

„Der Fisch stinkt vom Kopf“, so der Volksmund, doch wer hinterfragt Wirken und Einfluss derer, die die Grabenkämpfe der letzten Jahre unbeschadet überstanden haben und teilweise sogar noch aufgerückt sind?

Bernhard Heusler, der als Vorstandsvorsitzender im Gespräch war, wäre vielleicht so ein Mann gewesen, der unvoreingenommen und mit Blick von außen aufräumen hätte können, aber, wie man weiß, schwache Führungskräfte scharen schwache Kräfte um sich, so dass die Wahl auf den mutmaßlich pflegeleichteren Thomas Hitzlsperger fiel, der einfach dankbar für diese große Chance ist.

Nichts verbesserte sich nach den Personalrochaden der Vergangenheit, im Gegenteil, der Niedergang nahm an Rasanz zu und man schlittert von Tiefpunkt zu Tiefpunkt. Ein neuerlicher Tiefpunkt ist sicherlich mit der Derby-Pleite erreicht. Und ein Punkt, an dem man (wieder einmal) konstatieren muss, dass es so nicht weiter gehen kann. Sieg und Niederlage gehören zum Sport wie die Fans! Jedoch erwartet man als Fan nach einer Niederlage, dass sich das Team dagegengestemmt hat. Dies war weder gegen den KSC noch bei den acht anderen Niederlagen in dieser Zweitligasaison der Fall. Mutlos und scheu anstatt furchtlos und treu sollten sich die Kicker zukünftig auf die Fahnen schreiben.

Abgesehen davon, dass die traditionelle Einschwörung der Fans aufs Derby aus bekannten Gründen ausfiel, es ein komisches Gefühl gewesen sein musste, zum Derby in ein leeres Stadion zu fahren, muss doch ein Fußballprofi soviel Eigenmotivation besitzen, aus den Umständen das Beste zu machen und sich verdammt nochmal den Arsch aufreißen, als gebe es kein Morgen.

Es muss sich doch wie ein Geschenk anfühlen, dass man trotz einer weitestgehend desaströsen Saison noch auf dem zweiten Tabellenplatz lag und den Aufstieg vier Spieltage vor Schluss aus eigener Kraft schaffen konnte. Dass diese Chance abermals so leichtfertig aus der Hand gegeben werden konnte, begreife ich nicht. Wie kann man einen derart pomadigen und leidenschaftslosen Auftritt hinlegen? In einem Derby? Das Team konnte am Sonntag fast schon froh sein, dass keine Fans zugegen waren, diese hätten den Auftritt sicher nicht so gleichgültig hingenommen, wie es das Team tat.

Auch wenn ich kein Freund ständiger Wechsel auf verantwortlichen Positionen bin und diese Fluktuation uns erst in diese missliche Lage brachten, in der wir uns befinden, wachsen in mir die Zweifel, ob nicht schon wieder ein großer Umbruch erfolgen muss, um die Ziele des Vereins nicht dauerhaft aus den Augen zu verlieren.

Den Weg mit Thomas Hitzlsperger als starkem Mann, Diamantenauge Sven Mislintat als Sportdirektor und dem bisweilen großmäuligen Trainer Tim Walter fand ich zumindest mal mutig und interessant.

Den großen Umbruch vom letzten Sommer zu bewältigen, braucht Zeit, neuer Sportdirektor, neuer Trainer, neues Team. Geduldig hätte ich diesen Weg mitgetragen, obwohl Tim Walter sich selbst im Weg stand. Ähnlich wie einst bei Alexander Zorniger, zu dem ich auch bis zum Schluss hielt, hatte ich auch bei Tim Walter die Hoffnung, dass er nicht ganz so beratungsresistent sein und an der einen oder anderen Stelle schon noch einlenken würde. Nach meinen Eindrücken vom Sommer-Trainingslager fand ich den Typen Walter überragend. Ich hatte den Eindruck, dass er seine Spieler begeistern kann und die Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche bei ihm passte.

Nachdem im Winter „die Mechanismen des Geschäfts“ erneut gegriffen haben und der Wunsch nach Kontinuität ad absurdum geführt wurde, wurde in Pellegrino Matarazzo ein Trainer verpflichtet, den dem Vernehmen nach eine Datenbank als (verfügbare) Optimalbesetzung für den VfB ausgespuckt hatte.

Mislintat beteuert, dass er noch immer der richtige Trainer für den VfB sei und hebt seine Sozialkompetenz hervor, blöd nur, dass die Ergebnisse und das Spiel auf dem grünen Rasen keine rationalen Gründe liefern, auf Teufel komm raus an diesem Trainer festzuhalten. Nach Walters Entlassung bin ich schmerzfrei, was einen zweiten Trainerwechsel angeht und bin sogar der Meinung, dass der Aufstieg nur noch geschafft werden kann, würde noch einmal reagiert werden.

Matarazzo fährt einen undurchsichtigen Schlingerkurs was seine Aufstellungen angeht, bringt Spieler gegen sich auf, die aus unerklärlichen Gründen völlig außen vor sind, was schlechte Stimmung in die Mannschaft trägt, welche sich wiederum auf dem Platz niederschlägt. Natürlich obliegt es auch den Spielern, Eigeninteressen hintenan zu stellen, ein Team und füreinander da zu sein und das Bestmögliche für den VfB herausholen zu wollen. Ein Trainer aber sollte die Marschrichtung vorgeben und die elf Spieler zusammenspielen lassen, die am besten miteinander harmonieren.

Von Harmonie ist beim VfB von Spiel zu Spiel weniger zu sehen. Man kann von Tim Walter halten, was man möchte, aber, er schaffte es, die Atmosphäre aufzulockern, indem es bei jedem Training Sieger und Verlierer gab und die Verlierer sich zum Affen machten. Hinter solchen Spielchen steckt ein Teambuilding-Gedanke, was sich für meine Begriffe durchaus in den Spielen niederschlug. Man hatte unter Walter selten den Eindruck, das Team würde sich gehen lassen oder nicht wenigstens alles versuchen, ein besseres Ergebnis zu erzielen. Meist waren es Chancenwucher und der VAR, was uns den Sieg kostete, während jetzt unter Matarazzo selbst Torgelegenheiten Mangelware sind.

Ein Massimo ist seit seinen Patzern in Kiel völlig außen vor, während Kaminski, der seit seinem Comeback keinen Mehrwert in unser Spiel brachte, gesetzt ist. Kapitän Kempf, der wenigstens kämpft, sitzt genauso draußen, wie Karazor, der noch vor der Corona-Pause einen soliden Innenverteidiger spielte und maßgeblich zur Eindämmung der Gegentorflut beitrug.

Es sind also nicht nachvollziehbare Personalentscheidungen, ewige Phrasendrescherei („wir werden weiter Gas geben“) und, dass ich es Matarazzo, zumindest wenn ich seine Pressekonferenzen zum Maßstab nehme, nicht zutraue, der Mannschaft ordentlich Zunder zu geben, ohne gänzlich Respekt einzubüßen.

Daher ist es meiner Meinung nach auch nicht ein ständiges „Fordern von Köpfen“, sondern die Frage, ob man mit den Entscheidungen in der Vergangenheit einfach falsch lag, die es zu korrigieren gilt.
Hitzlsperger ging bereits angeknockt in diese Saison, weil er durch das Zaudern in der Weinzierl-Frage den Abstieg maßgeblich mit zu verantworten hat. Mit seiner eloquenten Art tut er dem VfB nach der Post-Dietrich-Ära sicherlich gut, die Frage ist eben, ob Eloquenz alleine reicht in diesem knallharten Business.

Er installierte Mislintat als Sportdirektor, der sich zuvor als Scout für Borussia Dortmund und den FC Arsenal seine Meriten erworben hat. Nach Reschke der zweite Scout in Folge, der erstmals ins Rampenlicht rückt. Dass dieses nicht seine Kernkompetenz ist, sah man letzten Sonntag bei SWR Sport, als er für mich keine sonderlich gute Figur abgab und zudem schwer gestresst wirkte.

Auch wenn ich Mislintat die Eignung für diese Position nicht jetzt schon abspreche, stimmt es mich bedenklich, dass in den letzten 20 Jahren außer Rolf Rüssmann und Jan Schindelmeiser ausschließlich Novizen auf dem im sportlichen Bereich wichtigsten Posten beim VfB installiert wurden.

Briem (Scout)/ Schneider (Bankkaufmann) folgten auf Rüssmann bzw. Interims-Manager Magath, unter Giovanni Trapattoni wurde Horst Heldt vom Spieler zum Manager ernannt, dem Fredi Bobic (Einzelhandelskaufmann bei Hertie/ TV-„Experte“ beim DSF folgte. Nach Bobic kam Trainer Dutt, dann Schindelmeiser, bis hin zu den genannten Scouts Reschke und Mislintat. Ob das der richtige Weg ist, auch da hege ich Zweifel.

Mislintats Position sehe ich bereits jetzt, nach der unnötigen Vertragsverlängerung mit Matarazzo, extrem geschwächt. Muss der Trainer gehen, müsste Mislintat quasi gleich mitgehen. Im Umkehrschluss aber bedeutet dies auch, dass Mislintat von sich aus den Teufel tun würde, diesen Trainer zu entlassen, komme, was wolle und unbedacht dessen, was für den VfB das Beste wäre. Eine gefährliche und völlig unnötige Konstellation, weil hausgemacht.

Walter musste gehen, weil man das Ziel Aufstieg in Gefahr sah, eine Maßgabe, die für Matarazzo nicht gilt, wie Mislintat am Sonntag klarstellte. Ich verstehe das nicht, wäre doch ein zweites Zweitligajahr für den VfB, gerade in Corona-Zeiten, ein unkalkulierbares Risiko.

Der Auftritt Mislintats am Sonntag steigerte meine Wut auf die Auftritte sogar noch. Faselt etwas von „werden den Weg weitergehen“. Ich frage mich, welchen Weg? Wir haben mit Abstand den teuersten Kader der Liga und verdanken es gerade noch dem Unvermögen des HSV, überhaupt noch Chancen auf den Aufstieg zu besitzen, während Bielefeld mit einem Bruchteil der finanziellen Möglichkeiten seit gestern als Aufsteiger feststeht. Freut mich für die Arminen, die mit einer eingeschworenen Truppe und einem guten Trainer die Gunst der Stunde nutzten, Glückwunsch an dieser Stelle.

Ob der VfB den Aufstieg verdient hat oder nicht, sei dahingestellt. Noch sind Chancen da und der VfB sollte weiter alles Menschenmögliche versuchen, diesen auch zu erreichen. Allein mir fehlt der Glaube, dass die Spieler endlich als Mannschaft auftreten und sämtliche Animositäten zum Wohle des VfB auszublenden bereit sind. Schenkt man Aussagen von Holger Badstuber und zwei, drei anderen Spielern Glauben, die sie nach der Rückkehr aus Karlsruher einigen unentwegten erbosten Fans am Clubgelände gegenüber getätigt haben sollen, bestünde im Verein keinerlei Kommunikation zum Spielsystem oder wo welcher Spieler am besten aufgehoben sei. Dies würde jedenfalls die ständige Verunsicherung und das planlose Ballgeschiebe über weite Strecken der Partien erklären.

Bin bekennend „Old School“, so auch meine Erwartungshaltung in puncto Mannschaftsführung. Ich kann wenig mit den sogenannten Laptop-Trainern anfangen, die sich ihr Team am liebsten aufgrund von Computeranalysen züchten würden. Der älteren Trainergeneration, die letzten Vertreter dieser Spezies beim VfB hießen Christian Gross und Felix Magath, genügte ein Blick in die Augen ihrer Spieler, um zu erkennen, wer mental bereit für ein Derby gewesen wäre. Menschenkenntnis und ein gesunder Menschenverstand spielten eine wichtige Rolle und waren letztlich höher gewichtet als der Laktatwert oder ob ein Spieler 200 Gramm zu viel wiegt.

Nach solch blutleeren Auftritten wie am Sonntag in einem Derby, wünsche ich mir einen harten Hund auf der Bank, bei dem die Spieler nicht wüssten, welche Grausamkeit er für den nächsten Tag auf Lager hat, wenn sie nicht spuren.

Hart, aber gerecht, einer, der Leistung honoriert und Leistungsverweigerung sanktioniert, der erkennt, auf wen er sich verlassen und auf wen nicht. Der Spieler stark redet und die Spieler es ihm zurückzahlen. Eben einer, wie es Felix Magath beim VfB war. Als Magath 2001 zum VfB kam und Ralf Rangnick beerbte, war Balakov nur noch ein Schatten seiner selbst. Von Rangnick entmachtet, degradiert und nur noch ein Häufchen Elend, erkannte Magath als früherer Spielmacher sofort, wie er Bala anzupacken hatte, so dass er uns schließlich zum Klassenerhalt schoss.

Didavi ist auch ein Unterschiedsspieler, jedoch nur, wenn das Umfeld intakt und Vertrauen vorhanden ist. Seit seinem Frustfoul und anschließendem Platzverweis in Kiel fehlt Didavi, angeblich wegen muskulärer Probleme. Nachdem die DFL in Sachen positiv getesteter Corona-Fälle die Vereine zum Stillschweigen (oder auch Belügen) gegenüber der Öffentlichkeit aufgefordert hat, dringen derzeit allgemein sehr wenige triftige Gründe, weshalb ein Spieler auf dem Spielberichtsbogen fehlt, nach außen, so dass ich den wenigen, die mitgeteilt werden, nicht unbedingt Glauben schenke. Gehen wir einfach mal davon aus, Didavi wurde zum Sündenbock ernannt und die Öffentlichkeit soll das nicht wissen. Vermutlich bin ich einer der wenigen, der noch Hoffnungen in Didavi setzt und das vor allem deshalb, weil er unser bester Fußballspieler ist und einer allein in dieser Gurkentruppe eben auch keine Bäume ausreißen kann.

Holger Badstuber ist der nächste Fall, der bei vielen Fans nicht wohlgelitten ist. Dabei ist er der Einzige, aus dem die Unzufriedenheit über die Situation spricht. Während von einigen anderen die größte Sorge nach Abpfiff ist, dass die Frisur nach den 90 Minuten nicht zu Schaden kam und wie sie mit Belanglosigkeiten ihre Instagram-Follower beglücken können, kotzt Badstuber richtig ab.

Wie die großartige Karriere von Mario Gomez zu Ende geht, schmerzt mich besonders. Ihm fehlt leider zunehmend die Spritzigkeit und die sprichwörtlichen letzten Zentimeter. Doch in der Situation, in der wir uns befinden, benötigen wir vor allem Mentalität, Spieler, denen das Schicksal des VfB nicht egal ist, die kratzen, beißen, spucken und sich nicht wehrlos ergeben. Würde es in der Mannschaft stimmen und jeder bereit sein, für den anderen mitzulaufen, gäbe es überhaupt keine Alternative zu Mario Gomez, auch wenn er fünf Kilometer weniger läuft als andere. Schon allein seine Präsenz, der Respekt der Gegner vor seiner Karriere-Leistung, würde Raum für andere schaffen, wenn denn mal ein zweiter Stürmer mit ran dürfte.

Ich habe sie viel gescholten, „die Alten“, denke aber, jetzt in der entscheidenden Phase sind sie es, die vorangehen müssen und die vor allem auch dazu bereit sind. Nicht zu vergessen Castro, in den letzten Spieler noch so etwas wie der Einäugige unter den Blinden.

Ich hoffe, der Trainer findet für die letzten Spiele die richtige Mischung und gibt dem Team ein System an die Hand, das sie spielen kann und nicht nach zehn Minuten schon wieder vergessen hat. Sandhausen ist das Team, welches mit am besten aus der Corona-Pause kam und sehr unbequem zu spielen ist. Obwohl die Nordbadener so gut wie gerettet sind, wird das Spiel im großen Neckarstadion auch für sie das Spiel des Jahres sein, wo jeder motiviert genug sein wird, dem großen Favoriten ein Bein zu stellen und uns nichts zu schenken. Ich hoffe, den Brustringträgern ist dies auch bewusst!

Noch gebe ich die Hoffnung auf den Aufstieg nicht auf, schließlich hat der HSV das deutlich schwerere Restprogramm. Ob ich mich wirklich darüber freuen könnte, nach derart schlechten Auftritten über die gesamte Saison hinweg, in Zeiten von Corona, wo die große Sause ohnehin ausfällt? Ich weiß es nicht.

Jedenfalls mache ich mir große Sorgen um den VfB, der auch in dieser Saison einen Schritt zurück anstatt nach vorn gemacht hat. Mahnende Beispiele, wohin ein schleichender Niedergang führen kann, gibt es zuhauf, ganz aktuell muss man den Blick nur in die Pfalz richten.

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12. Juni 2020

Die Luft wird dünner!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 13:26

Eigentlich wollte ich mich ja während der Durchführung von Geisterspielen weder allzu emotional mit dem Fußball im Allgemeinen und dem VfB im Besonderen beschäftigen und mich schon gar nicht mehr darüber aufregen.

Die Darbietungen des VfB lassen mir jedoch keine andere Wahl, staut sich doch bei weitem mehr Wut auf, als dass man sie in 240 Zeichen auf Twitter herauslassen könnte.

Vor dem Spiel gegen den VfL Osnabrück, mit dem man sich in der 127-jährigen Vereinsgeschichte allenfalls im DFB-Pokal oder mit den Amateuren die Klingen gekreuzt hatte, befand man sich in der äußerst komfortablen Situation, trotz teils verheerender Auftritte, den Aufstieg aus eigener Kraft schaffen zu können. Dies war dem großen Glück zu verdanken, dass der HSV seine 2:0-Pausenführung im Neckarstadion leichtfertig aus der Hand gab und damit dem VfB im Aufstiegsrennen gnädigerweise den Vortritt ließ. Anstatt dieses Geschenk in Ehren zu halten und trotz einer durchwachsenen Saison in die Bundesliga durchzumarschieren, legt die Truppe fünf Spieltage vor Saisonende einen derart leblosen Auftritt hin, nach dem es mir schwerfällt, auch nur einen Spieler zu benennen, den ich auch in der nächsten Saison noch gerne beim VfB sehen würde.

Die Identifikation mit dieser Ansammlung von Möchtegern-Berufsfußballern ist auf ein Minimum gesunken, kein Einziger hat den Mumm, sein Herz in die Hand zu nehmen und einen minderbemittelten und zudem stark ersatzgeschwächten VfL Osnabrück aus dem Stadion zu schießen. Bezeichnend ist, dass Tage nach dem Spiel gerade mal eine vergebene Großchance der Osnabrücker und Philipp Försters Pornobalken im Gedächtnis blieben.

Hieß es zum Ende der Vorrunde noch, das immer volle Stadion erzeuge eine Erwartungshaltung und einen Druck, mit dem unsere jungen Spieler erst lernen müssten umzugehen, zeigt sich im nun leeren Stadion, dass überhaupt kein Leben in dieser Truppe herrscht und es fußballerisch keine Rolle spielt, ob Fans da sind oder nicht!

Tim Walter entließ man, so Mislintat wörtlich, weil „Die eingehende Analyse der Hinrunde ergab, dass wir unsere kurz- und mittelfristigen Zielsetzungen, aufzusteigen und unsere Spieler und Spielidee gemeinsam konsequent weiterzuentwickeln, gefährdet sehen“. Legt man bei Pellegrino Matarazzo dieselben Maßstäbe an, müsste dieser nach einer derart leblosen Vorstellung fünf Spieltage vor Schluss ebenso schon wieder die Koffer packen.

Doch, diese Maßstäbe scheinen für Matarazzo eben nicht zu gelten, bekam er doch jüngst als Belohnung für die nicht minder peinlichen Pleiten bei Wehen-Wiesbaden und Holstein Kiel eine Vertragsverlängerung serviert. Einen restlos überzeugenden Auftritt legte man in dieser Saison weder unter Walter noch unter Matarazzo hin, Matarazzos 21 Punkte aus zwölf Spielen gegen Gegner, gegen die Walter „nur“ 20 Punkte ergattert hatte, dürften auch nicht als Argument herhalten, Matarazzo um so sehr viel fähiger als Walter zu halten.

Vielmehr ist herauszuhören, dass Tim Walter und Sven Mislintat nicht miteinander konnten und die Chemie zwischen Matarazzo und Mislintat so viel besser sei. Ein Schelm, der dabei denkt, beim VfB würde es mehr um persönliche Befindlichkeiten als um den VfB gehen.

Mich stimmt diese Entwicklung schon wieder äußerst bedenklich. Durch die völlig unnötige Vertragsverlängerung mit Pellegrino Matarazzo hat sich der VfB gehörig unter Druck gesetzt und Mislintat hat sein „Schicksal“ mit dem von Matarazzo verknüpft, und das, obwohl doch jeder im „schwierigen Umfeld“ von Stuttgart weiß, dass Matarazzo weder zu halten sein dürfte, wenn der Aufstieg verpasst werden sollte, noch, sollte der VfB schlecht in die neue Saison finden.

Als Außenstehendem fällt es mir schwer auch nur ein Argument für diesen Trainer zu finden, das erklären würde, weshalb eine Vertragsverlängerung jetzt notwendig gewesen ist. Man musste vermutlich keine Angst haben, dass der Trainer abgeworben werden könnte und von taktischen Kniffen ist bislang wenig bis nichts zu sehen – den Eindruck dieser Truppe mal ordentlich in den Arsch treten zu können erweckt er auch nicht und in einem richtungsweisenden Spiel wie gegen Bielefeld sandte er völlig falsche Signale aus, die uns letztlich zwei Punkte kosteten. Es wurde in der Rückrunde kein Spieler besser und ein Junge wie Massimo, der einmal seine Nerven nicht im Griff hatte, spielt danach keine Rolle mehr, obwohl unserem Spiel seine Schnelligkeit nicht schlecht zu Gesicht stehen würde.

Durch die Entlassung von Tim Walter verschwand meine Illusion, einer Entwicklung mit Kontinuität Zeit zu geben, so dass ich relativ schmerzfrei wäre, wenn Matarazzos Zeit beim VfB ein ebenso kurzes Intermezzo bliebe.

Matarazzo hatte mit der Wintervorbereitung und Wintertransferperiode Zeit genug, dem Team ein anderes Gesicht und einen anderen Spirit zu geben, als der, den wir in der Vorrunde hatten. Wenig bis nichts ist passiert. Wir stehen zwar hinten um Nuancen besser, dies aber zu Lasten der Offensive. In der Vorrunde war wenigstens noch Zielstrebigkeit erkennbar, während es jetzt nur noch scheint, als hoffe jeder auf den Zufall. Keine einstudierten Spielzüge, kein Plan, kein Konzept!

Völlig entlarvend ist doch die Aussage von Pascal Stenzel, seines Zeichens Ersatzkapitän vom Ersatzkapitän, das Team habe, weil sie gut ins Spiel fanden, geglaubt, es laufe jetzt von selbst. Beim Stande von 0:0 wohlgemerkt. Dies sagt einiges über die Mentalität dieser Truppe aus, die auch am 30. Spieltag die 2. Liga und ihre Besonderheiten nicht verstanden hat.

So lässt sich auch Badstubers mehr und mehr zur Schau getragene Unzufriedenheit erklären, der der einzige von großem Ehrgeiz getragene Akteur zu sein scheint. An Gomez nagt die Situation zwar auch sichtlich, er aber kann aufgrund seines Alters und der ihm abgegangenen Spritzigkeit auf dem Platz immer weniger Impulse setzen.

Derzeit kann ich es mir nicht vorstellen, dass Matarazzo seinen Vertrag auch nur annähernd erfüllen darf. Da Matarazzo mittlerweile „mein“ 46. (!) Trainer ist, seit ich 1974 erstmals im Neckarstadion war, dauert es ohnehin, bis ich einen Übungsleiter ins Herz schließe und auf ein langfristiges Engagement hoffe. Bei Hannes Wolf, dem ich es zugetraut hätte, unter der Regie von Jan Schindelmeiser etwas aufzubauen, war das zeitweise der Fall, obwohl ich am Ende froh war, dass man sich getrennt hatte. An Tim Walter gefiel mir anfangs seine Aufgeschlossenheit allen gegenüber und dass sich „Hitzlintat“ dem Anschein nach etwas gedacht hatten, ihn zu verpflichten. Dabei sah ich sogar darüber hinweg, dass er ein KSC-Urgestein mit im Gepäck hatte.

Nach dessen Entlassung aber und da man den eingeschlagenen Weg so schnell wieder verlassen hat, sehne ich mich tatsächlich nach einem „richtigen“ Trainer, der sich bereits Meriten erworben hat. Die letzten davon, die mir spontan einfallen, waren Bruno Labbadia und Huub Stevens, jeweils nicht ganz unerfolgreich. Wir sind mittlerweile mehr Ausbildungsverein für Trainer und Sportdirektoren, als für Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum!

Mir wäre mittlerweile ein Mann wie Felix Magath an der Linie lieber, der als ehemaliger Spielmacher Didavi, wie einst schon Balakov, zu alter Stärke führen und nach leblosen Auftritten mitten in der Nacht trainieren lassen oder die Jungs um den Bärensee scheuchen würde. Klingt zwar ein wenig aktionistisch, würde eine leblose Mannschaft aber womöglich aufrütteln.

Magath hat immer seine Verbundenheit zum VfB und zur Stadt Stuttgart beteuert, ihm würde ich mittlerweile sogar die angedrohte Babypause vor seinem Wechsel zu den Bayern verzeihen. Magath ist nur ein Beispiel und steht für eine Generation von Trainern, die mehr auf ihren gesunden Menschenverstand gehört haben, als Daten der Spieler auszuwerten und anhand derer die Mannschaftsaufstellung auszuwürfeln.

Oft wird ja die These aufgestellt, dass wir mit derartigen Auftritten in der Bundesliga nichts zu suchen hätten. Auf der anderen Seite muss man aufsteigen, um den Rückstand auf längst enteilte Clubs wie Freiburg, Augsburg und Mainz nicht noch größer werden zu lassen und sich in absehbarer Zeit wieder heranpirschen zu können. Da letzten Sommer, wie es den Anschein hat, vernünftig gewirtschaftet wurde und, abgesehen von teuren Altlasten der Reschkerampe, ein Zweitligakader zusammengestellt und von den immensen Transfereinnahmen nur ein Bruchteil ausgegeben worden ist, sollte es dem VfB, trotz Corona, möglich sein, finanziell nachzulegen und sich für die Bundesliga zu verstärken.

Ein zweites Zweitligajahr hätte wohl die Folge, dass uns die wenigen hoffnungsvollen Spieler verlassen würden und uns das Gros an biederen Zweitliga-Kickern erhalten bleiben würde. Aufzusteigen würde immer schwerer werden, ebenso wie den Jungs im NLZ eine Perspektive beim VfB aufzeigen zu können. Düstere Szenarien, auch wenn mir persönlich Vereine und Stadien im Unterhaus mehr entgegenkommen, als die abgehobene Glitzerwelt in der Bundesliga.

Aus VfB-Sicht MUSS man also aufsteigen, komme was wolle. Dass sich das Team auf dem Rasen auch vier Spiele vor Saisonende noch in der Findungsphase befindet, ist dabei eher kontraproduktiv.
Auch wenn der große Hamburger SV letztmals gegen Holstein Kiel ein Ligaspiel gewann, als Uwe Seeler noch ein Tor beisteuerte, hätte ich nie gedacht, dass die Rauten die Vorlage des VfB so leichtfertig verspielen. Da Heidenheim in Hannover als Verlierer vom Platz ging, kann der VfB nun gar als Gewinner des Spieltags bezeichnet werden, wie grotesk ist das denn?

Das Restprogramm vom VfB liest sich mit KSC, Sandhausen, Nürnberg und Darmstadt leicht, zumal der HSV noch in Heidenheim und Heidenheim zudem noch gegen Bielefeld antreten muss. Auf die leichte Schulter nehmen darf man diese Gegner allesamt aber nicht. In der Vorrunde erreichte man sieben Punkte gegen diese vier Vereine, eine Ausbeute, mit der es bei gleichem Verlauf schwer werden dürfte, am Ende unter den ersten zwei zu sein. Auf die Relegation sollte man es nicht ankommen lassen, auch wenn die Abstiegskandidaten der Bundesliga derzeit keine Angst einflößen. Im Normalfall ist dort der Bundesligist haushoher Favorit und setzt sich mehr oder weniger souverän durch, wenn er eben nicht ausgerechnet VfB Stuttgart heißt.

Bitter ist, dass auch das Derby ohne Zuschauer stattfinden wird. Die ganze Fortsetzung des Spielbetriebs fühlt sich schon so falsch an, ein Derby ohne Zuschauer jedoch ganz besonders. Ich hoffe, dass die Jungs mit dem Brustring sich der Bedeutung dieses Aufeinandertreffens bewusst sind und wenigstens einmal von Beginn an keine Zweifel offen lassen, wer hier als Sieger vom Platz gehen wird. Tritt man ähnlich inspirationslos wie zuletzt auf, könnte es ein böses Erwachen geben und sich der VfB doch auf dem dritten Platz wiederfinden. Dann dürfte die Luft, nicht zuletzt für die Verantwortlichen, langsam aber sicher dünn werden.

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4. Mai 2020

Nur mal kurz das Geld retten!

Eines muss man der Deutschen Fußball Liga (DFL) ja in Zeiten von Corona lassen. Sie tut alles und ist sich für beinahe nichts zu schade, um den Ball und damit auch den Rubel alsbald wieder rollen zu lassen.

Es werden Töne angeschlagen, die man von diesem Paralleluniversum überhaupt nicht gewohnt ist. Von Demut ist die Rede, von Solidarität sprechen sie plötzlich und sie stellen Millionen-Beträge für Vereine der Dritten und der Frauenfußball-Bundesliga zur Verfügung. Man gibt sich geläutert, will glauben machen, dass sich nach der Krise einiges ändern müsse und werde und gibt sich verwundert darüber, dass der DFL mehr Häme als Applaus entgegenschlägt, angesichts des verzweifelten Versuchs die Finanzblase nicht platzen zu lassen.

Dabei stellte Seifert die rhetorische Frage „was haben wir nur falsch gemacht?“ Die Frage beantwortet er sich im Grunde selbst. Explodierende Spielergehälter und Beraterhonorare, das Entfernen von der Basis und der Lebensrealität seiner Fans, immer höher, immer weiter, immer mehr. Das Profigeschäft ist geprägt von Raffsucht und Gier und bekommt jetzt, meiner Meinung nach überfällig, die Quittung präsentiert.

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, sollte man meinen. Geredet allerdings wurde in der DFL schon immer viel, so dass jetzt nur Taten zählen.

Man kommt angekrochen, macht hier ein Zugeständnis, gelobt dort Besserung, um am Ende, wenn weiter gekickt werden darf, genauso weiter zu machen.

Oder glaubt jemand im Ernst, dass Leute wie Rummenigge und Watzke nach der Krise einen Solidarpakt mit dem Rest des deutschen Fußballs zu schließen bereit sind, einer gerechteren Verteilung der Fernsehgelder zustimmen und sich, sollte der bisherige Wahnsinn in den anderen europäischen Top-Ligen weitergehen, einfach so abhängen lassen?

Ich glaube nicht daran, denn, dann müsste man sich von den internationalen Fußball-Verbänden abgrenzen und auch mal einen Kirmes-Wettbewerb auszulassen bereit sein. Jetzt präsentieren uns die Protagonisten warme Worte, um am Ende des Tages vorzuschieben, dass „uns“ angesichts der Pläne von UEFA und FIFA die Hände gebunden seien.

Die DFL hätte in den letzten 20 Jahren viele Möglichkeiten gehabt, auf die Basis zuzukommen, auf Wünsche einzugehen und ein Wir-Gefühl zu vermitteln. Meinte es das Kartellamt gut und verbot das Monopol bei den Übertragungsrechten, nahm die DFL dies zum Anlass mehreren Anbietern Exklusivrechte zu verscherbeln, was nicht nur zur Folge hatte, dass Pay-TV-Kunden mehrere Abonnements abschließen mussten, um alle Spiele zu sehen, sondern den Spielplan noch mehr als ohnehin schon zerstückelte, um mehr Exklusiv-Sendeplätze zu schaffen. An den Fan, der zu den unmöglichsten Zeiten und Wochentagen quer durch die Republik reist, dachte dabei niemand.

Stets wurde beim Aushandeln der Verträge die internationale Wettbewerbsfähigkeit vorgeschoben, obwohl diese für rund zwei Drittel der Bundesliga und hundert Prozent der 2. Liga allenfalls sekundär ist.

Als Fan einer, inzwischen, Fahrstuhlmannschaft interessieren mich die Spieltermine, die Entfernungen, die ich an einem Wochentag zurücklegen muss, die Behandlung der Fans an den Spielorten und ob es Vollbier im Stadion gibt. Und hier gibt es in allen Punkten Nachbesserungsbedarf.

Solange jeder zusätzlich eingenommene Euro über die Faninteressen gestellt wird, wird sich am Fußball nichts ändern, auch dann übrigens nicht, wenn ein Salary-Cap kommen sollte. Dann fließen eben noch mehr Handgelder als ohnehin schon in die Taschen von Spielern und deren Berater, werden „Steuersparmodelle“ erfunden, Briefkastenfirmen gegründet oder sonstige Hintertürchen entdeckt, der verlogenen Branche dürfte einiges einfallen, damit keiner schlechter gestellt ist als vor der Krise.

Wie weit sich der Fußball bereits von seiner Basis entfernt hat, offenbart, dass der Fußball seine einzige Überlebenschance darin sieht, diejenigen auszuschließen, die ihn zu dem machen, was er ist. Dass sich die Herren da nicht schämen!

In Zeiten, in denen Kontaktverbote und Abstandsregelungen gelten, und dort, wo man sich zu nahekommt, Gesichtsmasken getragen werden müssen, in Zeiten, in denen Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen keinen Regelbetrieb haben dürfen, wo Bolzplätze und Sporthallen geschlossen bleiben, möchte die DFL, dass „ein wenig Lebensfreude in die Wohnzimmer kommt“ (Watzke). Rummenigge setzt dem die Krone auf, indem er meint „Ich mag das Wort Geisterspiel nicht. Ich würde lieber sagen: Wir spielen Fußball im Geiste unserer Fans.”

Jener Rummenigge also, der vor gut zwei Monaten mit Dietmar Hopp am Mittelkreis stand und Beifall klatschte, als sich Hoffenheim und Bayern die Bälle zuschoben, weil die „hässliche Fratze“ des Fußballs derselben den Spiegel vorgehalten hat, kommt sich bei solch einer Aussage wohl noch nicht einmal blöd vor.

Die „hässliche Fratze“ von damals, jene im Gästekäfig natürlich, sowie Ultras von vielen anderen Vereinen landauf landab, engagiert sich derzeit für das Gemeinwohl und packt an, wo es in der Krise erforderlich ist, während der Fußball verzweifelt versucht, sein krankes Business am Laufen zu halten.

Die DFL hat ein Maßnahmenpaket vorgestellt, nach der auch in Zeiten von Corona Bundesligafußball möglich sein soll. Eine große Koalition aus Bundesliga, Politik, TV-Anstalten und der BILD-Zeitung, eine Ansammlung von Hobby-Medizinern also, erklärt das Konzept für tragfähig, so dass im Laufe der Woche damit zu rechnen ist, dass dem Vorhaben grünes Licht erteilt wird.

Mancher Virologe äußert zwar Bedenken, doch, es scheint die Devise zu gelten, no risk, no fun! In der Schule nannte man es Mut zur Lücke, bei der DFL dürfte man schweißgebadet dem Mittwoch entgegenblicken und beten, dass bis dahin keine größeren Infektionsketten bekannt werden.

Mit einem austarierten Medizinkonzept und ausreichend Testkapazitäten, an die systemrelevante Mitbürger, bspw. aus Alten- und Pflegeheimen, mangels finanzieller Mittel nicht herankommen, versucht die DFL die Politik zu überzeugen, der Virus selbst aber ist weder käuflich noch bestechlich und macht, „was erlaube Corona“, sein eigenes Ding.

So brachten bereits die ersten Tests drei Infektionen mit dem Corona-Erreger beim 1. FC Köln zutage. Kölns belgischer Ex-Nationalspieler Birger Verstraete wunderte sich über den laxen Umgang mit den Infektionen durch Verein und Gesundheitsamt und sorgte sich öffentlich um seine herzkranke Freundin, da er regen Kontakt mit den Infizierten gehabt hätte. Nur einen Tag später relativierte er seine Aussagen auf dem Twitter-Account des 1. FC Köln, man könnte auch im Dietrich-/ Reschke-Jargon sagen, der Spieler wurde eingenordet. Beim VfB ist von einer „unklaren“ Testung die Rede, man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Heute, ganz aktuell, stellte Kalou von Hertha BSC ein Video online, in dem sich nicht „nur“ über deren 11%igen Gehaltsverzicht lustig gemacht wird, sondern auch zu sehen war, dass sämtliche Abstands-, Kontakt- und Hygienevorschriften missachtet wurden.

Daraus kann man jetzt schließen, dass das Hygienekonzept der DFL lediglich der Beruhigung der Öffentlichkeit dient, hinter verschlossenen Türen jedoch nicht gelebt wird. Kalou relativierte, völlig überraschend, seine Aussagen, wurde von Hertha BSC zum Einzelfall erklärt und wurde suspendiert, the show can go on.

Vielleicht aber war dieses Vorpreschen Kalous auch „nur“ ein Hilferuf eines Spielers, der funktionieren muss, ob er will oder nicht. Gestern erschien im Berliner Kurier ein ziemlich reflektiertes Interview eines mitdenkenden 34-jährigen, von dem man nicht erwarten würde, dass er völlig unbedacht ein Video dieser Tragweite ins Netz stellen würde. (https://www.berliner-kurier.de/hertha/salomon-kalou-ich-liebe-fussball-aber-li.82665″)

Diese Vorfälle zeigen, sich kritisch äußernde Spieler werden umgehend „eingefangen“ und mit einem Maulkorb belegt. So die Strategie der DFL und ihrer angeschlossenen Vereine. Auf der einen Seite angekrochen kommen und Besserung geloben, auf der anderen Seite fleißig am Vertuschen. Ich lach mich gleich tot über derlei Dreistigkeit!

Es ist also ein äußerst schmaler Grat, auf dem die DFL mit ihrer Strategie wandelt. So macht es auf jeden Fall Sinn, dass bei den Vereinen mindestens zwei Trainingsgruppen getrennt voneinander trainieren und die DFL ihren Vereinen im Maßnahmenpaket nahelegt, für ausreichend große Kader für den Saisonendspurt zu sorgen. Wer weiß, vielleicht schlummern ja auch noch irgendwo Trainingsgruppen drei und vier, aus U19 und U17 zum Beispiel, die herangezogen werden könnten, sollten ersten beiden in Quarantäne geschickt werden müssen.

Auch das würde wohl hingenommen, solang Sky überträgt und das Geld auf die Konten der Vereine fließt. Um den sportlichen Wert von Geisterspielen geht es ja ohnehin nicht. Das Spiel wird einen völlig anderen Charakter bekommen, Mannschaften, die vom Pushen ihrer Fans Motivation ziehen, haben sportlich gesehen die Arschkarte gezogen.

Für das ausstehende Geld dürfte der DFL keine Anordnung lächerlich genug sein, sie nicht umzusetzen. Kommt die Auflage, mit Gesichtsmaske und Schutzanzug spielen zu müssen, würde man diese Pille wohl auch noch schlucken.

Diese DFL macht mir keine Angst, wenn sie davor warnt, man werde die Bundesliga in ihrer jetzigen Form nicht wiedererkennen, sollte die Saison abgebrochen werden müssen.

Dass am System etwas nicht stimmen kann, erkennt man doch schon, wenn es trotz des hoch gelobten Lizenzierungsverfahrens Vereine gibt, die in ihrer Existenz bedroht sind, wenn ein, zwei Monate lang der Spielbetrieb ruht, und das obwohl die „normalen“ Mitarbeiter Kurzarbeitergeld von der Bundesanstalt für Arbeit beziehen und den Vereinen damit nicht auf der Tasche liegen.

Das verdeutlicht, dass die ausstehende TV-Rechte-Rate lediglich einer lebensverlängernden Maßnahme gleichkäme, der Patient sich danach aber noch immer auf der Intensivstation befindet.

Mit Vereinen, die stets auf Kante gewirtschaftet oder zu erwartende Einnahmen bereits verpfändet haben, hätte ich kein Mitleid, sollten sie in die Insolvenz gehen.

Um deren „normale“ Mitarbeiter müsste man sich allenfalls sorgen, genauso wie um die Vereine unterhalb der beiden ersten Ligen und aus anderen Sportarten, für die Geisterspiele nicht die Lösung sind.

Sollte die DFL die TV-Rate noch retten können, müsste schon von dieser ein Löwenanteil an die Genannten gehen, um dem Irrsinn noch Positives abgewinnen zu können. Wie unsolidarisch die Gesellschaft ist, zeigt sich darin, dass Leute aus kleinen Vereinen austreten, weil diese während der Krise keine Sportangebote anbieten dürfen. Diese kämpfen wirklich um die Existenz, weit mehr als Fußball-Unternehmen, die Kapital in Form überbezahlter Spieler besitzen und sich zunächst von diesen trennen könnten.

Um Gelder freizusetzen und anderen Verbänden und Vereinen zukommen lassen zu können, wäre eine breit angelegte Solidarität der Spieler notwendig, die derzeit leider nur marginal zu erkennen ist.

Beim VfB steht ein Gehaltsverzicht von 10-20% zur Debatte, 20% im Falle des Aufstiegs, was mir zu wenig erscheint. „In der Krise beweist sich der Charakter“ ist ein Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt. Diesen gilt es nun zu beweisen, sägt doch jeder Spieler, der zu keinen oder nur geringen Einbußen bereit ist, am Ast, auf dem er sitzt.

Dank des Instruments Kurzarbeitergeld, dessen sich auch der VfB bedient, bleiben wenigstens die Arbeitsplätze (zunächst) erhalten. Ich hoffe für die Angestellten, dass der VfB dieses, wie viele andere Unternehmen auch, auf nahe 100% aufstockt.

Der VfB „ermutigt“ Dauerkartenbesitzer und Kartenkäufer auf eine Rückerstattung der Eintrittsgelder im Falle des Abbruchs der Saison oder der Austragung von Geisterspielen zu verzichten. Diesem Wunsch kommen nach Angaben des VfB schon sehr viele Leute nach, die ihren Herzensclub in der schwersten Krise der Nachkriegszeit nicht im Stich lassen möchten.

Ich tue mich schwer damit, da bei der Mannschaft die Bereitschaft zum Verzicht eben nicht sehr ausgeprägt zu sein scheint. Ein 20%iger Gehaltsverzicht bedeutet bei Top-Verdiener Mario Gomez noch immer geschätzte 150.000 Euro netto im Monat, so dass ich es schon etwas dreist finde, die Treuesten der Treuen, von denen viele von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen sind, um Almosen zu bitten.

Es gibt Hilfsaktionen für Amateurvereine wie #spendedeinetrikotnummer, unsere Ultras https://blog.schwabensturm02.net/ und https://www.cc97.de/ sammeln Spenden, um Bedürftigen und Obdachlosen zu helfen, Kneipen und Gastwirte, z. B. https://www.gofundme.com/f/pfiff (ab 33 Euro mit Supporter-Shirt) und https://www.gofundme.com/f/vfbtreff-schwemme-bad-cannstatt-vfbtreffsupport freuen sich über einen Obolus, und, und, und.

Da spende ich doch lieber für Zwecke, bei denen ich mir sicher sein kann, dass das Geld ankommt, und nicht an eine Fußball-AG, in der im Zuge der Ausgliederungs-Veranstaltungen noch erzählt wurde, dass der Ticketkäufer und Bierkäufer im Stadion immer weniger zählt und man deshalb auf Investoren angewiesen sei. Sollen sie doch dort hausieren gehen!

Es passt für mich übrigens auch nicht zusammen, dass kurz nach der Mail bzgl. des Verzichts auf Ticketrückzahlungen, die Festverpflichtung Endos für 1,7 Millionen Euro verkündet wird. Wenn ich kein Geld habe oder mir die Ungewissheit über die zukünftigen finanziellen Möglichkeiten schlaflose Nächte beschert, halte ich mich in solchen Angelegenheiten eben zunächst einmal zurück, auch wenn ich die Verpflichtung vom Grundsatz her begrüße.

Die Geisterspiele scheinen also ausgemachte Sache zu sein. Verhindern könnten diese meiner Ansicht nach höchstens noch das Virus selbst und die Angst, dass es am Rande der Spiele zu Menschenansammlungen kommen könnte.

Der Chef der Polizeigewerkschaft hat Bedenken geäußert, dass systemrelevante Beamte, die übrigens auch nicht alle auf Corona getestet werden, sich einer unnötigen Gefahr vor den Stadien aussetzen müssten und an anderen Orten dann fehlen würden.

Bezüglich der Ultras ist diese Befürchtung sicherlich unbegründet. Sie verkündeten bereits frühzeitig, etwaige Geisterspiele nicht als Gruppe besuchen zu wollen. Grotesk ist eben der Gedanke, dass sie die Geisterspiele, gegen die sie eintreten, verhindern könnten, würden sie sich entgegen ihrer Überzeugung und gegen die Vernunft dennoch vor den Stadien treffen.

Diese „Gefahr“ sehe ich als sehr gering an, viel eher ist damit zu rechnen, dass sich Gruppen zum gemeinsamen Fernsehschauen treffen, vor allem, wenn irgendwann auch die Kneipen wieder geöffnet haben sollten.

Sollte es zu den Geisterspielen kommen, werden sie mich gewiss nicht vom Hocker reißen. Fußball ist im Stadion, Freunde treffen, Touren, Atmosphäre! Solang Beschränkungen Realität sind, die all dies nicht zulassen, macht mir, und sehr vielen anderen auch, der Fußball keinen Spaß.

Jetzt setze ich mich mit einer Tüte Popcorn darnieder und warte auf weitere Meldungen vom Komödienstadl DFL. Kalou wird wohl nicht der Letzte sein, weitere Hilferufe sollten folgen.

In diesem Sinne, bleibt gesund und passt auf Euch auf!

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27. Januar 2020

Wintertrainingslager 2020 in Marbella!

Bereits kurz nach dem bitteren Abstieg in der Alten Försterei im letzten Mai, kam ich zu der Erkenntnis, „dann klappt es endlich mal wieder mit dem Wintertrainingslager“. Die zweite Liga startet später ins Jahr, so dass der VfB-Tross erst Mitte Januar und nicht schon kurz nach Neujahr, wo ich schlecht Urlaub nehmen kann, in südliche Gefilden aufbricht.

Als Mitte Oktober langsam durchsickerte, dass es nach Marbella gehen würde, nahmen die Planungen an Fahrt auf. Ursprünglich zu siebt buchten wir eine Ferienwohnung mit fünf Schlafzimmern und zwei Bädern sowie die Flüge nach Málaga. Nachdem bedauerlicherweise zwei Mitstreiter den Trip absagen mussten, waren wir nur noch zu fünft, Konsequenz, aus dem 9er-Busle wurde ein geräumiger Kombi, in den wir uns bei den geplanten Ausflügen hineinzuzwängen hatten.

Tag 1: Ab in den Süden, der Sonne hinterher

Das Team reiste bereits Freitags an, wir Samstags. Erfahrungsgemäß verpasst man am ersten Tag nicht viel, da oft noch am Clubgelände trainiert, gemeinsam zu Mittag gegessen und erst am Nachmittag der Flieger bestiegen wird. Anders diesmal, die Mannschaft flog bereits früh am Morgen und absolvierte schon nachmittags das erste Training auf den La Quinta Football Fields.

Wir starteten Samstags gemütlich in den Tag, hob der motorisierte Vogel doch erst um 16.30 Uhr ab, so dass sich unsere Reisegruppe zur Stärkung und Einstimmung im Echterdinger Brauhaus versammelte. Von dort waren es inklusive Fußweg und Fahrzeit mit der S-Bahn keine 10 Minuten zum Flughafen Stuttgart. Dort angekommen stellten wir zunächst einmal fest, dass wir unseren Trip nicht in der Hauptreisezeit durchführten. Gelinde gesagt habe ich den Stuttgarter Flughafen noch nie so leer erlebt, wie an jenem Samstag. Leer, aber nicht ganz leer, denn, wir trafen spätestens am Gate auf viele bekannte Gesichter. Kaum angekommen, wurden wir auch schon mit den obligatorischen Fischerhüten ausgestattet, die dieses Mal die Aufschrift „Official Schickimicki Supporters Club – Marbella 2020“ trugen.

Im Gegensatz zu den oft sehr überlaufenen Sommertrainingslagern ist man im Winter weitestgehend „unter sich“, man kennt sich, man schätzt sich und man hat jede Menge Spaß miteinander. Unsere Reisegruppe, bestehend aus vier Mann + „Puppe“, saß verstreut im Flieger, da Platzreservierungen bei Billigairlines mittlerweile extra berechnet werden und wir nun mal eben Schwaben sind. Zudem verbringen wir ja eine Woche auf relativ engem Raum miteinander, so dass diese zweieinhalbstündige Trennung zu verschmerzen war.

Soke, weithin bekannt als Stadionfotograf und seines Zeichens Groundhopper (siehe www.soke2.de), stellte einen Wochenplan auf, der jede Menge Fußballspiele beinhaltete, das erste bereits am Anreisetag um 21 Uhr. Planmäßige Landung war um 19 Uhr, danach galt es den Mietwagen und den Schlüssel für die Ferienwohnung zu organisieren, so dass das Vorhaben schon recht sportlich, bei optimalem Verlauf jedoch machbar, war.

Trotz Verzögerungen beim Mietwagenerhalt und der Suche nach der etwas versteckt gelegenen, verkehrsberuhigten Straße unserer Wohnung und eines Parkplatzes (In Marbella wie ein Sechser im Lotto!), lagen wir noch gut genug in der Zeit, um das Spiel besuchen zu können. Im Visier war das Copa del Rey Match des Lokalmatadoren Marbella FC, Drittligist im Ligasystem des spanischen Fußballs, gegen den Erstligisten Real Valladolid.

Das Estadio Municipal de Marbella liegt fußläufig zu unserer Wohnung, so dass es auch nicht tragisch gewesen wäre, hätten wir den Anpfiff verpasst. Immer den Flutlichtern hinterher, hieß es dann! Wir waren zwar nahezu pünktlich am Stadion, fanden jedoch keine Tickethäuschen vor, was, wie wir kurz darauf erfuhren, darin seine Ursache hatte, dass das Spiel restlos ausverkauft war.

Das schmucke Stadion fasst bei Fußballspielen gerade einmal 7.300 Zuschauer, hat in der Vergangenheit aber auch schon weit mehr ausgehalten. The Queen spielten 1986 auf der Magic Tour ihr vorletztes Konzert mit Freddie Mercury überhaupt, Prince gab sich dort die Ehre, ebenso der King of Pop, Michael Jackson, vor bemerkenswerten 28.000 Zuschauern.

Da Trübsal blasen nicht unser Ding ist, begaben wir uns in einen Pub gegenüber des Stadions, um begleitet von Stadionatmosphäre auf die erfolgreiche Anreise und die bevorstehende Woche anzustoßen.
Dort trafen wir auch die Jungs vom ersten oberfränkischen VfB-Fanclub „Rauhe Ebrach“ wieder, die mit uns im Flieger saßen. Sie hatten von einem Erlebnis der besonderen Art zu berichten, zeigten sie doch ein Foto mit Ronaldo, dem brasilianischen Weltmeister von 2002.

Wie Gerd von Leintal Power bei „Red Dogs Hohenlohe TV“ zum Besten gab, „der Dicke, nicht DER Ronaldo“. Denke ich an Ronaldo, denke ich automatisch auch an Oliver Kahn, der 2002 nach herausragenden Leistungen im Turnierverlauf, ausgerechnet im Finale zwei Mal gegen Ronaldo patzte und Brasilien somit zum Weltmeister machte!

Wie wir auch, versuchten die Franken an Karten zu kommen und passierten die Haupttribüne just als dieser Ronaldo vor dem Eingang eine Zigarette rauchte.

Ronaldo ist seit 2018 Mehrheitseigner bei Real Valladolid und war deshalb vor Ort. Nach dem Spiel reihten wir uns ein in die Teenie-Schar vor dem Eingang, in der Hoffnung, dass sich Ronaldo Zeit für weitere Fotos nehmen würde, doch, begleitet von der Polizei begab er sich in Begleitung einer hübsch aussehenden Blondine zum nahegelegenen Vehikel und brauste davon. Ein paar Blicke konnten wir erhaschen, zu mehr reichte es leider nicht.

Den Geräuschen aus dem Stadion nach zu urteilen, legte der Underdog eine riesige Partie hin und führte bis zur 86. Minute mit 1:0, ehe Ünal der Ausgleich gelang und damit die Verlängerung erzwang. Da wir in Sichtweite der Gegengerade saßen, bekamen wir plötzlich mit, dass am Eingang kein Ordner mehr stand und wurden von Einheimischen, die schon wussten, wie enttäuscht wir waren, nur Zaungäste sein zu dürfen, ermutigt, jetzt doch rein zu gehen. Gesagt, getan, die einen etwas früher, ich pünktlich zur Verlängerung, waren wir plötzlich mittendrin statt nur dabei und bekamen doch noch „unser“ Spiel am ersten Tag.

Marbella war auch in der Verlängerung die bessere Mannschaft, erzielte jedoch leider kein weiteres Tor mehr, so dass das Elfmeterschießen die Entscheidung bringen musste, an dem Marbella kläglich scheiterte. Den Abend ließen wir in der netten Kneipe nebenan ausklingen, in der hunderte ausgehängter Schals DER Blickfang waren. Einer vom VfB fehlt leider weiterhin, alles, was nicht unbedingt ins Handgepäck musste, blieb daheim. Billigflieger olé.

Tag 2: Training, hoppen und gut schlemmen

Am zweiten Tag galt es nach einem spartanischen Frühstück in der Ferienwohnung zum ersten Mal das Trainingsgelände aufzusuchen. Dieses Unterfangen begann zunächst mit einem kleinen Schock am Morgen. Da wir am Vorabend bekanntlich keine Zeit zu verlieren hatten, stellten wir das Auto im nächstbesten Parkhaus ab und bekamen prompt die sprichwörtliche Quittung präsentiert: satte 39 Euro verlangte der Automat für eine Nacht parken, willkommen bei den „Schönen und Reichen“!

Die Suche nach dem Trainingsgelände erwies sich zunächst als schwierig, weil es die „La Quinta Football Fields“ noch nicht zu geben schien, als die Aufnahmen für Google Maps gemacht wurden. Den Straßennamen fand schließlich unser Navi nicht, so dass wir uns am Hintergrund der Aufnahmen, die der VfB bereits von den Einheiten online stellte, orientierten und damit tatsächlich auch zum Erfolg kamen.

Am Trainingsplatz angekommen, galt es natürlich zuerst den Tross zu begrüßen und mit den anderen Trainingslager-Gästen die bisherigen Eindrücke sowie die weiteren Vorhaben zu besprechen. Ganze vier Bilder von „meinem“ ersten Training wies daher mein Kamerachip aus, was nicht weiter schlimm war. Zum einen hatten wir ja noch ein paar Tage, zum anderen befanden wir uns sozusagen auf der Durchreise zum nächsten Ground.

Dieser sollte uns an die Grenze zu Gibraltar, nach La Línea de la Concepción, führen. Der Ground bestach weniger durch hochklassigen Fußball denn durch sein einzigartiges Ambiente. Nach vorne blickte man auf den Rasen, links der Felsen von Gibraltar und dreht man sich nach hinten um hat man einen wunderschönen Blick auf das Mittelmeer.

Im Estadio Municipal de La Línea de la Concepción fand das Drittliga-Spiel Real Balompédica Linense gegen CP Villarrobledo statt, das die Hausherren durch ein Tor kurz vor Schluss mit 1:0 für sich entscheiden konnten. Dadurch herrschte gute Laune bei den Gastgebern, was sich an den großzügigen Mischungen beim Ausschank in der Stadiongaststätte zeigen sollte.

Abends lud die VfB-Fanbetreuung die Mitreisenden in ein Restaurant ein, wobei die Speisen bezahlt werden mussten und der VfB uns auf die Getränke einlud. „Klenky“ brachte außer Holger Laser auch unseren Vorstandsvorsitzenden Thomas Hitzlsperger sowie den neu gewählten Präsidenten Claus Vogt mit.

Anders als bei vorherigen Trainingslagern, als die ganze Mannschaft oder wenigstens einzelne Spieler zum Plausch mit den Fans antraten, waren es dieses Mal „nur“ Offizielle!

Meiner Freude über die Einladung tat dies keinen Abbruch, weiß ich mittlerweile schon überhaupt nicht mehr, was ich mit den Bübchen zu bereden hätte, leben die doch größtenteils sowieso in ihrer eigenen und für mich kaum noch nachvollziehbaren Welt.

Dass ein Holger Badstuber mittlerweile der dienstälteste VfB-Profi ist, sagt so einiges aus über die nicht vorhandene Identifikation mit unserem Kader. Einzig mit den Älteren hätte man überhaupt eine Gesprächsgrundlage gefunden, was es auch nicht mehr brauchte, war doch Mario Gomez Anfang Dezember Gast in der Schwemme, wo ein guter Austausch möglich war.

Da wir schnell an der größten Tafel des Raumes Platz nahmen und diese genauso schnell bis auf den Platz gefüllt war, fand sich den ganzen Abend über weder Platz für „Hitz“ noch für Claus Vogt. An der Stirnseite nahmen schließlich Klenky und Holger Platz, so dass wir uns den Abend über mehr mit Ihnen als mit den eigentlichen „Stars“ des Abends unterhielten, was auch interessant und aufschlussreich war, zudem kennt man und versteht sich ja auch!

Mit Claus Vogt konnte ich mich im Rahmen des Präsidentschaftswahlkampfes bereits austauschen und es war unwahrscheinlich, dass sich binnen einem Monat Präsidentschaft Grundlegendes in seinen Positionen verändert hatte oder er das eine oder andere Entscheidende bereits auf den Weg bringen konnte.

Hitzlsperger saß zeitweise direkt hinter mir, so dass ich einiges selbst aufschnappen konnte und anderes, was er zum besten gab, hinterher in Gesprächen erfuhr. Nach dessen Ausführungen jedenfalls wurde mir die Trennung von Walter plausibler und erfolgte demnach eher zu spät, wenngleich eine Spielpause natürlich immer besser dazu geeignet ist, den Schnitt zu vollziehen.

Da hauptsächlich Allesfahrer am Start waren, kam die Frage nach internationalen Testspielen, auswärts versteht sich, auf, was Hitzlsperger ein wenig zu überraschen schien. Als wir ihm mitteilten, dass wir mit dem Erreichen des DM-Endspiels unserer U19 die Youth League fest im Visier hatten, merkte er, wie ernst uns diese „Ersatzdroge“ für entgangene Europapokalfreuden ist. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, er solle doch mal bei seinen Ex-Vereinen Aston Villa und West Ham United anklopfen, vielleicht wird es ja was!

Ein solcher Abend ist Gold wert, fühlt man sich doch ernst genommen und kann er doch gegenseitiges Verständnis erzeugen. Noch immer bin ich erleichtert, dass wir Dietrich losbekommen haben und vertraue Hitzlsperger und Vogt, dass sie den VfB in ein besseres Licht und auch langsam und beharrlich in die Erfolgsspur zurück führen. Da Rückschläge nie auszuschließen sind, verliere ich auch nicht die Nerven, sollte der Aufstieg in diesem Jahr verpasst werden. Der Umbruch war nötig und gewaltig, so dass man nicht erwarten kann, dass von heute auf morgen alles gut wird.

Nachdem sich Hitzlsperger und Vogt verabschiedet haben und die letzten Pitcher über den Tisch gingen, ließ man den Abend in einer Karaoke-Bar ausklingen.

Tag 3: Hallo Marbella, hallo Mikrophon

Das Vormittagstraining ließen wir ausfallen. Da am Nachmittag das erste Testspiel gegen den FC Basel anstand, war mehr als ein einstündiges Anschwitzen auf dem Platz ohnehin nicht zu erwarten, so dass man sich das getrost schenken konnte.

Nach den ersten Tagen voller „Termine“ wollten wir jetzt endlich einmal unsere unmittelbare Umgebung erkunden. Wir ließen uns sagen, Marbella liege am Meer. Bislang hatte ich noch keines gesehen, so dass es höchste Zeit war, danach zu schauen. Tatsächlich, eine wunderschöne Strandpromenade, Sand und Wasser wohin das Auge reichte, erwarteten uns, kaum mehr als fünf Gehminuten von unserer Bude entfernt. So wateten wir durch den Sand, schossen Bilder und ließen den Herrgott einen guten Mann sein.

Alsbald begaben wir uns zum Auto, das wir von nun an in einem günstigeren Parkhaus für 16,80 Euro Höchstsatz abgestellt hatten und suchten einen Supermarkt auf, um uns mit San Miguel Dosen für das bevorstehende Testspiel zu versorgen.

Anders als bei den Trainingseinheiten war das Gelände bei diesem internationalen Testspiel plötzlich nicht mehr frei zugänglich. Wegen der Parkplatzsituation am Trainingsplatz fanden wir uns bereits eine Stunde vor Spielbeginn ein und wurden von einem Wächter freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass der Zutritt erst eine halbe Stunde vor Spielbeginn gestattet sei und dieser ohne Mitnahme von alkoholischen Kaltgetränken zu erfolgen habe. In spanischen „Stadien“ sei Alkohol grundsätzlich verboten und dies gelte schließlich auch für dieses „Spitzenspiel“.

Wir hatten Glück in einem unbeobachteten Moment und als “Anhängsel” der Fanbetreuung hinein huschen zu können, während die anderen, die später eintrafen, ihren Proviant vor dem Eingang austrinken oder wieder ins Auto bringen mussten.

So waren wir plötzlich gefragter denn je und versorgten die durstige Bagage mit Bier, soweit die prall gefüllten Rucksäcke es hergaben. Der Sheriff indes lief die Seitenlinie auf und ab, konfiszierte hier eine Bacardi-Flasche, dort ein Sixpack, ließ uns jedoch weitestgehend in Ruhe, da wir mittlerweile (unauffällige) Cola-Becher zum Umfüllen organisiert hatten.

Als das Spiel im Gange war, standen die Handys nicht mehr still. Das Mikrophon lag „etwas unglücklich“ direkt vor uns auf dem Boden und sollte Atmosphäre in die Heimat transportieren, was eindrucksvoll gelang.

In den sozialen Medien überschlugen sich die Kommentare, teils beleidigend, was umgehend zu Gegenreaktionen und im einen oder anderen Fall auch zu weniger vorzeigenswerten Retourkutschen führte. „Den“ Fans hier aber Homophobie und Rassismus zu unterstellen, wie teilweise zu lesen war, schießt meines Erachtens weit übers Ziel hinaus, nicht nur weil ich von Verallgemeinerungen und Pauschalurteilen ohnehin nichts halte.

Wir waren einfach, wie einige User erkannten, gut drauf und zudem der Stresssituation des heimlich „trinken müssens“ ausgesetzt. Besondere Situationen rufen besondere Maßnahmen hervor. Ich fand es extrem lustig und verstehe so manche Spaßbremse in der Heimat nicht, die wohl nicht ernsthaft tiefgründige Fußballfachgespräche bei einem unbedeutenden Kirmeskick im Urlaub erwartet hat. Das Spiel gewann der VfB durch einen Doppelschlag kurz nach der Pause mit 2:0, ein gelungener Auftakt für unseren neuen Trainer Pellegrino Matarazzo.

Tag 4: Das Morgengrauen oder der verhinderte Plan

Heute wegen gestern geschlossen. So oder so ähnlich könnte man umschreiben, weshalb aus dem geplanten Ganztagestrip nach Málaga mit Sightseeing nur einer zum Fußballspiel wurde! Da drei Mitglieder unserer fünfköpfigen Reisegruppe es am Vorabend übertrieben hatten, lässt sich fast schon von einem Mehrheitsbeschluss sprechen, den eigentlichen Plan ad acta gelegt zu haben, auch wenn es für die anderen beiden verständlicherweise nicht so schön war.

Erst nachmittags gegen 15 Uhr kamen wir weg und stellten das Auto (natürlich) auf einem kostenpflichtigen Parkplatz nahe des Stadions ab. Immer in Richtung Wasser gehend, ließen wir die Sehenswürdigkeiten Sehenswürdigkeiten sein und kehrten am Hafen ins Hardrock-Cafe ein. Dort gesellten sich weitere VfBler dazu, mit denen wir einige Zeit später per Taxi zum Stadion zurück fuhren.
Dort angekommen bemerkten wir bereits eine Vielzahl an Ultras, die zwar einige Schlachtgesänge skandierten, offensichtlich aber das Stadion (noch) nicht betraten. Insgesamt fanden sich im Stadion La Rosaleda des skandalträchtigen Málaga CF 12.203 Zuschauer ein, wobei die Ultras aufgrund eines Stimmungsboykotts erst kurz vor der Halbzeitpause in den Block kamen.

Die Proteste richten sich gegen den aus der Herrscher-Familie Katars stammenden Vereinseigners und -Präsidenten Abdullah Al-Thani, der sich erst vor Wochenfrist des beliebten Trainers Víctor Sánchez entledigt hatte. Offenbar gelegen kam ihm ein im Netz aufgetauchtes Video, das den Ex-Trainer im Vereins-Poloshirt und mit heruntergelassener Hose onanierend zeigte. Der Trainer hatte wenige Tage davor die Vereinsführung beschuldigt, Versprechen nicht eingehalten und „betrogen“ zu haben, so dass es auf jeden Fall ein Gschmäckle hat, dass das Video gerade zu diesem Zeitpunkt auftauchte und vor allem, wer ein Interesse hatte, es zu diesem Zeitpunkt zu veröffentlichten. Die Fans stellten sich jedenfalls auf die Seite des Coaches, ist der Präsident doch schon seit der Übernahme des Vereins nicht sehr wohlgelitten.

Der allmächtige Katari hatte den Club 2010 übernommen, bis 2013 rund 150 Millionen Euro in sein Spielzeug investiert, ehe das Kartenhaus zusammenfiel und man schließlich aufgrund des Financial Fairplay der UEFA von allen europäischen Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Daraufhin trennte man sich von etlichen namhaften Spielern und backt seither kleinere Brötchen, mittlerweile sogar in der 2. Liga.
Somit war stimmungstechnisch wenig geboten und auch spielerisch herrschte weitestgehend totale Armut. Nach dem 1:0 in der 2. Spielminute hofften wir noch auf ein Feuerwerk, nichtsahnend, dass es sich hierbei bereits um den einzigen Höhepunkt gehandelt hatte. Alles in allem ein enttäuschendes Duell der zweiten Tabellenhälfte, bei dem man leidvoll miterleben musste, was aus einem einst glanzvollen Championsleague-Teilnehmer geworden ist, der sein Heil in die Hände eines Scheichs gelegt hat, der TSV 1860 München lässt grüßen!

Tag 5: Ein Tag am Meer

Nach dem Vormittagstraining begaben wir uns direkt auf den Weg nach Cádiz. 170 Kilometer zu einem Zweitligakick, der uns eigentlich nichts angeht, kann man mal machen! Da die Geschichte von Cádiz bis in die Jahre um 1.000 v. Chr. reicht, gilt die auf einer Landzunge im Atlantik gelegene Perle als die älteste Stadt Europas. Erneut war unsere erste Anlaufstelle das Stadion, um nach dem Spiel Cádiz CF gegen CD Mirandés schnell den weiten Rückweg antreten zu können. Dieses Mal hatten wir Glück und fanden eine kostenlose Parkgelegenheit 200 Meter vom Stadion entfernt.

Da wir langsam hungrig wurden und nach Spielende gegen 23 Uhr die Auswahl eher überschaubar sein würde, schlenderten wir vom Stadion aus in Richtung Strandpromenade und kehrten dort in einem Argentinischen Steakhaus ein.

Gesättigt entschlossen wir uns, angesichts der bald einsetzenden Dunkelheit, auf die Stadtbesichtigung zu verzichten und lieber von einer Strandbar aus den wunderschönen Sonnenuntergang zu bestaunen. „Puppe“ ließ sich am Strand für ihre „Insta-Story“ ins rechte Licht setzen, während wir uns das Bier schmecken ließen und den An-, ähm, Ausblick genossen.

Für stolze 35€ gönnten wir uns einen Platz auf der Gegentribüne, was der „günstigsten“ Kategorie entsprach, als wir direkt nach Ankunft den Ticketschalter aufsuchten.

Hintertortribünen waren überhaupt keine im Verkauf, was uns angesichts unserer ersten Spiele in Andalusien, bei denen eben nur die Geraden geöffnet waren, auch nicht weiter skeptisch werden ließ. Das „Premium-Produkt“ Segunda Division, hat dem Vernehmen nach eben seinen Preis, ist ja beim VfB nicht anders!

Im Gegensatz des Spiels derselben Liga in Málaga, als es ein Kellerduell war, waren wir nun beim unangefochtenen Spitzenreiter zu Gast, was unsere Erwartungen an ein Spektakel nach oben geschraubt hatte.

Doch, weit gefehlt, auf dem Spielfeld bemerkte man nicht, wer hier Spitzenreiter und wer Neunter ist. Der erlösenden Führung der Hausherren in der ersten Halbzeit, folgte postwendend der Ausgleich. Man fühlte sich einmal mehr an den VfB erinnert, um festzustellen, „ist halt auch nur zweite Liga“.

In der zweiten Hälfte ging Cádiz erneut in Führung und schien sich dieses Mal die Butter nicht mehr vom Brot nehmen zu lassen. Spätestens, als in der 90. Minute das 3:1 fiel, konnte man davon ausgehen, der Tabellenführer würde sich keine Blöße mehr geben.

Doch, weit gefehlt: die zahlreichen freudetrunkenen Anhänger, die nach diesem Tor das Stadion verließen, verpassten sowohl den Anschluss von Mirandes, als auch in der 7. (!) Minute der Nachspielzeit den Ausgleich. Für mich eine späte Genugtuung, litten die Gastgeber doch, nachdem sie in Führung lagen, an extremer Fallsucht und verzögerten das Spiel ein ums andere Mal.

Apropos Zuschauerabmarsch: fühlt man sich wie zuhause, geht nach dem Abpfiff noch gemütlich aufs Klo, macht ein paar Fotos vom sich leerenden Stadion und wartet schließlich auf die Anderen, läuft man Gefahr, eingeschlossen zu werden. Direkt hinter uns, keine 15 Minuten nach Spielende, wurden die Tore abgeschlossen. So schnell sich ein spanisches Stadion kurz vor Spielbeginn füllt, so schnell leert es sich auch wieder.

Tag 6: Länderpunkt Gibraltar

Am Donnerstag wurde zunächst das Vormittagstraining besucht, nach dem es hieß, sich von einigen zu verabschieden, die nachmittags zurück in die Heimat flogen. Daher wurden noch Erinnerungsfotos gemacht und selbst ein Mannschaftsfoto mit Fans konnte initiiert werden, das ich leider, da mitten im Gespräch, verpasst hatte. Außer dem Foto am Fanabend mit Thomas Hitzlsperger habe ich dieses Mal überhaupt keine Bilder von mir mit Spielern oder Offiziellen machen lassen.

Nach einem Trainerwechsel bin ich traditionell sauer auf die „Mannschaft“, die es überhaupt so weit hat kommen lassen und sehe diese in der Pflicht, erst einmal zu liefern, bevor sie mit mir auf „Friede, Freude, Eierkuchenfotos“ dürfen. Die oft einmalige Gelegenheit mich mit dem gerade aktuellen Übungsleiter ablichten zu lassen, wollte ich eigentlich wahrnehmen, schaffte es aber leider nicht mehr, da wir nach den Training-Sessions stets auf dem Sprung waren und Spieler und Staff auf dem Weg zum Bus nicht an uns vorbei kamen.

So ging es nach dem Training gleich auf britisches Hoheitsgebiet nach Gibraltar. Gibraltar, an der Nordseite der Straße von Gibraltar gelegen, ist vor allem bekannt für die einzig freilebenden Affen Europas. Wobei freilebend nicht heißt, dass sie sich auch selbst versorgen müssen, haben viele Touristen doch Leckerli für sie dabei, auch wenn die Fütterung der Berberaffen eigentlich streng verboten ist!

Weltweit einmalig ist, dass man, um auf die Halbinsel Gibraltar zu gelangen, die Landebahn des Flughafens von Gibraltar überqueren muss. Ist man dann „drüben“, erwarten einen gleich Taxifahrer, die eine gut zweistündige Rundtour auf den Upper Rock anbieten. Kostenpunkt 30 Euro pro Person, worin die 15 Euro Eintritt, die man auch als Fußgänger bezahlen müsste, enthalten sind. Im Eintritt ebenfalls enthalten ist die Tropfsteinhöhle „St. Michael’s Cave“, die wir auch besuchten und vor der dann noch kurz mit Middlesbrough-Fans, ebenfalls inzwischen zweitklassig, über längst vergangene Europacup-Duelle sinniert wurde.

Anders als in Spanien, wo es bei Spielen ausschließlich alkoholfreie Getränke gab und selbst das Rauchen teilweise, wie in Málaga, nicht erlaubt ist, juckte das in Gibraltar niemanden.

Gibraltar hat eine Liga mit zwölf Vereinen, die ausschließlich im einzigen Stadion des „Landes“, dem Victoria-Stadium, spielen. Nach elf Spielen, also jeder gegen jeden, wird die Liga unterteilt in eine Championship- und eine Abstiegsrunde, wobei wir uns sinnigerweise ein Spiel der Abstiegsrunde, nämlich Mons Calpe SC gegen College 1975 FC, herausgesucht hatten.

Dieses schien fast ausschließlich Groundhopper zu interessieren, denn mehr als rund 50 Zuschauer dürften nicht da gewesen sein. Der „Gastgeber“ gewann durch ein spätes Tor mit 1:0 und freute sich, genauso wie wir, über den kurz darauffolgenden Schlusspfiff. Auch wenn damit der Länderpunkt Gibraltar eingefahren wurde, war dieses Spiel ohne jegliche Atmosphäre ein zähes Unterfangen und hatte seine Höhepunkte in Start und Landung je einer Maschine auf dem daneben befindlichen Flughafen. Da eine Stadionkneipe oder ein Kiosk, zumindest auf unserer Seite, nicht auszumachen war, holten wir bei einer nahegelegenen Tanke Dosenbier, was hier niemanden interessierte. Kein Eintritt, keine Kontrollen, nicht einmal ein Ordner schien dort Dienst zu tun, ein „Erstligaspiel“ der besonderen Art. Nach dem Spiel stärkten wir uns, wie schon vor dem Spiel in La Línea, beim Burger King für die Rückfahrt und ließen den Abend im Irish Pub in Marbella, in fußläufiger Entfernung von unserer Wohnung aus gelegen, ausklingen.

Tag 7: Freizeit

Den wettertechnisch schönsten und wärmsten Tag unseres Aufenthalts hatten wir am Freitag. Schon die Wetterapp prognostizierte 20° und Sonnenschein, so dass die kurze Hose wenigstens nicht umsonst mitgenommen wurde.

Da ich trotz kurzer Nacht morgens als erster „fit“ war und auch nach der Morgentoilette keinerlei Lebenszeichen in der Bude vernommen wurden, entschloss ich mich, die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. Die „Old Town“ wollte ich unbedingt noch sehen, und ließ es daher nicht darauf ankommen, ob wir das in der Gruppe geschafft hätten.

Gesagt, getan, kurz eine erste Anlaufstelle ergoogelt und hin navigiert. Einzig Thilo war auch schon unterwegs und gesellte sich zu einem kleinen Frühstück in einem Café zu mir, ehe sich unsere Wege auch schon wieder trennten.

Die Altstadt hielt, was sie verspricht, ein tolles Ambiente bei bestem Frühlingswetter, enjoy the life! Da ich von den Anderen noch immer nichts hörte, entschloss ich mich, am Meer entlang zum Yachthafen Puerto Banus zu marschieren. Eine stattliche Entfernung zwar, aber, mit einem Ziel vor Augen und sein eigenes Tempo gehen könnend, nur zu empfehlen, zumal man ständig neue Eindrücke sammelt und einem der Weg daher nicht so lang vorkommt, wie er tatsächlich ist.

Da auch die Anderen (o.k., eine Ausnahme) den Yachthafen sehen und ein paar Bilder machen wollten, trafen wir uns dort, um dann doch relativ schnell zum Nachmittagstraining aufzubrechen. Die Dekadenz, die einem dort entgegenschlägt, ist wahrlich nicht unsere Welt.

Das Nachmittagstraining war für 15 Uhr angesetzt, um 16 Uhr bereits fand das Spiel FC Luzern-Gaz Metan Mediaș im Marbella Football-Center statt. Wir einigten uns darauf, bei diesem Testspiel nur die zweite Halbzeit anzuschauen, um bei unserem letzten Training etwas länger verweilen zu können.

Das Marbella Football Center, wo unter anderem auch Borussia Dortmund Anfang Januar ein Testspiel ausgetragen hat, wäre als Trainingsanlage für uns Fans die bessere Wahl gewesen. Gab es in La Quinta gerade einmal zwei Dixi-Klos und keinerlei Verpflegungsmöglichkeiten glänzte das Marbella Football Center sowohl mit sanitären Anlagen, einem Vereinsheim sowie einer Tribüne. Es wäre zu empfehlen, dass der VfB bei der Auswahl seiner Spielstätten nicht nur auf die Nähe zum eigenen Hotel, sondern auch auf die Bedürfnisse der (wenigen) mitreisenden Fans achten würde.

Während andere Vereine schon zwei Monate vor einem Trainingslager Fanreisen anbieten, werden unsere zwei (!) Wochen vor Abflug erst offiziell kommuniziert, damit ja keiner auf die Idee kommt, so kurzfristig noch zu buchen. Auf dem Fan-Abend hieß es dazu, die Bestätigung des Hotels sei erst so spät gekommen, womit ich allerdings Probleme habe, das so glauben zu können.

Unmittelbar nach Schlusspfiff dieses Spiels brausten wir auch schon wieder davon und nahmen noch die letzten 15 Minuten der 0:2-Testspielpleite des 1. FC Nürnberg gegen den kroatischen Vertreter NK Osijek auf der Sportanlage Dama de Noche mit.

Danach zog es uns zurück an die Strandpromenade von Marbella, wo es für einige Mitreisende nach Steaks, Burger und Pasta endlich die ersehnte Paella gab, ehe wir unseren letzten Abend wieder im Irish Pub ausklingen ließen.

Tag 8: Ein letztes Spiel und Abreise

Exakt fünf Stunden vor unserem Abflug stand der zweite und letzte Test unseres VfB im Rahmen des Trainingslagers von Marbella auf dem Programm. Erneut auf dem Trainingsplatz ging es gegen den ungarischen Vertreter MOL Fehérvár FC, den man mit 3:1 in die Schranken wies. Merklich leerer war es geworden, war es doch einigen, die mit uns flogen, zu riskant den Flieger zu verpassen.

Uns reichte es optimal, der Mietwagen war in Windeseile und ohne nähere Begutachtung abgenommen und auch der Check-In verlief reibungslos.

Als Resümee des Wintertrainingslagers lässt sich festhalten, dass es wieder eine super Truppe und jeder Tag erlebenswert war. Bestens zusammengefasst hat die Tage Thilo von den Red Dogs Hohenlohe unter https://www.youtube.com/watch?v=bRSPqpDlLJc, wo unsere gesamte Reisegruppe sowie „Mühli“, Produzent des einzigartigen VfB-Brots, zu Wort kommen. Zu einem Statement der „Bordbistroszene“ kam es leider nicht mehr, da diese völlig überraschend am Dienstag bereits abreiste und uns uns selbst überlassen hat.

Wir, das waren Sandra („Puppe“, Fahrerin 1/ RWS Berkheim), Steffen (Fahrer 2/ Leintal Power 05), Soke (Reiseleiter/ RWS Berkheim), Thilo (Kameramann/ Red Dogs Hohenlohe) und Franky (Chronist/ RWS Berkheim), fühlen uns nach diesem Trainingslager bestens gerüstet für die Restrunde und sehen dem ersten Härtetest nächstes Wochenende in Hamburg gelassen entgegen.

Wie weit die Mannschaft unter neuem Trainer schon ist, werden wir nach den ersten beiden Spielen gegen Heidenheim und in St. Pauli wissen. Tolle Trainingslager mit besten Bedingungen gab es bereits zuhauf, allein das ist kein Indikator für eine erfolgreiche Restrunde, zumal bestimmt auch keiner unserer Konkurrenten von einer katastrophalen Vorbereitung zu berichten weiß.

Maulhelden sind sie alle, die jetzt die zurückgekehrte Einfachheit unter Matarazzo, der die Jungs (noch) nicht zu überfordern scheint, loben, entscheidend ist ab Mittwoch auf dem Platz. Da wird sich zeigen, ob das Quäntchen Spritzigkeit, welches zu knappen Abseitsentscheidungen führte, durch das direktere Spiel unter dem neuen Trainer freigesetzt wird. Es wird sich zeigen, ob dies auch zu mehr Konzentration gereicht, die oft gefehlt hat, oder die Gegner noch immer reihenweise zu Großchancen gegen uns kommen.

Man würde dem neuen Trainer gerne Zeit geben und manchem Spieler, der um Geduld bat, bis die Abläufe sitzen, beipflichten, doch, wenn wir eines nicht haben, ist es Zeit! Das Team muss liefern, sofort, denn, nach fünf Niederlagen in den ersten 18 Spielen darf sich der VfB nicht mehr viele Punktverluste leisten, will er als einer der beiden ersten aufsteigen.

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24. Dezember 2019

Zurück im Hamsterrad!

Es ließ sich verheißungsvoll an, mit Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand (inzwischen zum CEO der VfB Stuttgart AG ernannt) und Sven Mislintat, dem Diamantenauge, der bislang, analog zu Reschke vornehmlich aus der zweiten Reihe schoss.

Ich erlebte ein Trainingslager in Kitzbühel, in dem die Protagonisten nahbar wie selten und sich für keinen fachmännischen Plausch mit den Fans zu schade waren. Ob Hitzlsperger, Mislintat oder Walter. Alle hatten ein offenes Ohr, ihr Tatendrang den VfB zu einem anderen, als dem der letzten Jahre zu machen, wirkte ansteckend.

Das neu zusammengestellte Team hatte sichtlich Spaß wie lange nicht, Tim Walter war Lehrer, Mentor, Kumpel in einem und wollte jeden Spieler in jedem Training besser machen.

Dass er Badener ist und als Vertrauensperson das Karlsruher Urgestein Rainer Ulrich mitbrachte, war mir, im Gegensatz zu vielen, erst mal scheißegal.

Für mich spielte auch keine Rolle, dass „Hitzlintat“ einen Trainer verpflichteten, der „nur“ von Holstein Kiel kam und davor im Nachwuchsbereich vom Karlsruher SC und von Bayern München arbeitete.

Selbst als er in einem Interview betonte, diese beiden seien „seine“ Vereine, zuckte ich nicht angewidert zusammen, sondern sah es im Profigeschäft als normal an, dass ein Trainer im Laufe seiner Karriere auch düstere Kapitel zu überstehen hat und es grundsätzlich von Charakter zeugt, sich auch gegenüber Ex-Arbeitgebern loyal zu zeigen.

Nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre, stetigem Niedergang, zwei Abstiegen, umrandet von unzähligen ganz unterschiedlichen Übungsleitern an der Linie, legte ich mein Vertrauen in die Hände von „Hitzlintat“ und war überzeugt davon, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, den VfB wieder zu einer sympathischeren und erfolgreicheren Marke zu machen, und den VfB sportlich komplett neu auszurichten.

Nach Jahren der internen Querelen um Wolfgang Dietrich und Michael Reschke, die sich als Prellbock der Krakeeler und die Fans als ahnungslose Vollidioten wahrnahmen, und den Verein brachial führten, hatte man plötzlich das Gefühl, ernst genommen zu werden und zur Politik der kleinen Schritte zurückkehren zu wollen.

Meine Ansprüche waren auf dem Tiefpunkt angekommen, so dass es mir wirklich bereits genügte, ein Team zu sehen, das an einem Strang zieht und ich einer kontinuierlichen Veränderung und später auch Verbesserung alle Zeit der Welt gegeben hätte.

Für mich stand nie im Vordergrund unbedingt mit der Brechstange aufsteigen zu müssen, um sich in der Bundesliga dann daran zu ergötzen, mit 30 Punkten die Klasse zu halten, weil zwei, drei Teams noch schlechter sind. Da ist mir doch mehr an einer nachhaltigen Entwicklung gelegen, die uns auf Sicht konkurrenzfähiger werden lässt.

Da Mislintat schon vor der Saison ankündigte, die Beseitigung der Altlasten im Kader nähme einige Transferperioden in Anspruch und dass der Aufstieg das große Ziel, jedoch kein Muss sei, war ich bis zuletzt tiefenentspannt und davon überzeugt, mit Kadernachjustierungen in der Wintertransferperiode den Dampfer wieder flott zu kriegen, MIT Tim Walter.

Seit gestern haben wir die Gewissheit, dass der Wunsch nach Kontinuität und antizyklischem Handeln ein frommer Wunsch geblieben ist und „Hitzlintat“ bei der ersten steifen Prise umgefallen sind.

Ich finde es sehr schade, habe jedoch immer betont, wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden werden, dass ich den Entschluss mittragen werde. Im Gegensatz zu vielen Krakeelern in den Foren habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, die Verantwortlichen „machen zu lassen“ und nicht zusätzlich für Unruhe sorgen zu wollen, auch wenn mein Blog jetzt nicht die ganz große Reichweite besitzt.

Dennoch bin ich der Auffassung, dass es dem VfB nicht gut tut, wenn jeder Depp meint, es besser zu wissen. Da meinen unzählige sog. Fans mit Kommentaren ohne Punkt und Komma und gespickt mit einer Fülle von Rechtschreibfehlern, einem diplomierten Fußballlehrer die Fußball-Welt erklären zu müssen, für mich Satire in Reinkultur!

Ob sich „Hitzlintat“ von dieser vergifteten Atmosphäre beeindrucken und ein stückweit beeinflussen ließen, ist nicht bekannt.

Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass gute Gründe dafür sprachen, an Tim Walter und seinem Fußballsachverstand zu zweifeln. Sein „Walterball“ funktionierte schon seit dem zweiten Saisonspiel nicht mehr, für defensive Stabilität vermochte er 18 Spiele lang nicht zu sorgen und der Umgang mit einigen Spielern, die er rein warf und wieder fallen ließ, zeugten von wenig psychologischem Geschick, zudem war der Torwartwechsel unnötig und machte in ohnehin schon unruhigen Zeiten ein Fass auf.

Zu all dem kam großes Verletzungspech gleich zu Beginn mit zwei Kreuzbandrissen, sowie der längerfristige Ausfall von Daniel Didavi, der zwar nicht ganz so überraschend kam, uns aber dennoch richtig weh tat, fehlendes Spielglück mit etlichen Aluminiumtreffern und schließlich Pech bei der Auslegung des VAR, der willkürlich nicht eingriff (Aue) oder bei Milimeterentscheidungen zur Stelle war.

Dazu kam Tim Walters Art, zu der er schon zu Beginn kund tat, „Wer mich holt, weiß, was er bekommt“. „Hitzlintat“ verteidigten ihn lange und betonten, dass sie einen Trainer wollten, der selbstbewusst ist und dieses Selbstbewusstsein auf das Team überträgt.

Dass zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz ein schmaler Grat herrscht ist bekannt, so dass ihm seine markigen Sprüche schnell um die Ohren flogen. Bezeichnend, dass er vor dem Spiel gegen Schlusslicht Wehen-Wiesbaden meinte, „uns stellt keiner ein Bein“, worauf just die erste Saisonniederlage folgte. Spötter und Kritiker schlugen ihm dies förmlich um die Ohren und wurden vermehrt persönlich, wenn sie Walter als Grinsebacke und scheiß Badenser verhöhnten.

Mit den Nebengeräuschen müssen die Verantwortlichen im heutigen Socialmedia-Zeitalter zwar leben, auch wenn mich das zunehmend bedenklich stimmt.

Auffällig nach den letzten Spielen in Darmstadt und Hannover war, dass die Alten wie Castro, Badstuber und Gomez offene Kritik an Walter übten und ihm die Jüngeren wie Kempf, Sosa und Stenzel zur Seite sprangen.

Gerade den Alten aber würde ich an „Hitzlintats“ Stelle nicht allzu viel Bedeutung beimessen, wären doch wohl alle nicht mehr da, hätten ihre Verträge im Sommer keine Gültigkeit mehr besessen und dürfen doch gerade sie sich angesprochen fühlen, wenn von Altlasten die Rede ist.

Dass ihnen das laufintensive Spiel unter Walter nicht behagt hat und sie sich auf ihre alten Tage eine gemächlichere Gangart gewünscht hätten, läge in der Natur der Sache.

So stehen wir nun also vor dem nächsten Neuanfang. Hitzlspergers Schonzeit ist spätestens seit gestern vorbei. Ab jetzt reicht es nicht mehr, einfach nur sympathisch zu sein, nun muss auch er liefern. Mit dem gestrigen Tag liest sich auch seine Bilanz nach nicht einmal einem Jahr verheerend.

Auch wenn es Wolfgang Dietrich war, der Anfang Februar lieber Reschke als Weinzierl entließ und Hitzlsperger auf den Weg gab, an Weinzierl so lang wie nur möglich festzuhalten, lag es in Hitzlspergers Verantwortung einzuordnen, ob mit Weinzierl der Klassenerhalt geschafft werden kann.

Nach all dem, was man so hörte, wäre dessen Entlassung schon in der Winterpause überfällig gewesen, spätestens aber nach dem desolaten 0:3 in Düsseldorf. Dann aber wurde Hitzlsperger zum Sportvorstand ernannt und wollte es vermeiden, sich sofort den Ruf des Trainer-Killers zu erwerben, ein Zaudern, das uns schließlich die Klasse kostete.

Nach der Runderneuerung des Kaders im Sommer mit einem unverbrauchten, spannenden Trainer, muss der nächste Schuss jetzt sitzen.

Dass Hitzlsperger zunehmend angeschlagen ist, offenbaren nicht nur die Fotos, auf denen vom Sonnyboy früherer Tage nicht mehr viel übrig geblieben ist, sondern auch die Kleinkriege, mit denen er sich auf Twitter verzettelt.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn sich der CEO mit der Fanschar abgibt und dem einen oder anderen Gerücht schnell den Wind aus den Segeln nimmt. Wenn aber Meldungen dementiert werden, die sich ein, zwei Tage später als wahr herausstellen, trägt das nicht unbedingt zur weiteren Vertrauensbildung bei.

Wenn wir schon bei Pressemeldungen sind, ein kurzes Wort zum Kommentar der BLÖD-Zeitung, der mir über Whatsapp zugespielt wurde.

Sonst würde ich von dem Verlag wenig bis nichts mitbekommen, da ich in den sozialen Medien Sämtliches davon blockiert habe. Die BLÖD kritisiert zum einen den Zeitpunkt der Entlassung und zum anderen, dass die Wochen davor kein Treueschwur von Hitz & Co. in Richtung Tim Walter kam.

Den Zeitpunkt, so kurz vor Weihnachten, hat man wohl der DFL zuzuschreiben, die drei Tage vor Weihnachten noch kicken lässt. Hätte man mit der Entscheidung oder deren Verkündung bis kurz vor Trainingsbeginn gewartet, wäre dies als Fahrlässigkeit und Verlust wertvoller Zeit ausgelegt worden, außerdem fällt ein Profifußball-Trainer vergleichsweise weich!

Zum Thema Treueschwüre fällt einem doch genau das vor die Füße und wird einem als Lüge (oder im Reschke-Sprech Wahrheitsbeugung) ausgelegt, wenn man sich zum Trainer bekennt und ihm Tage oder Wochen danach den Arschtritt gibt.

Weshalb ich Tim Walter unbedingt gerne weiter als VfB-Trainer gesehen hätte, liegt hauptsächlich im Wunsch nach Kontinuität begründet. Dies auch nicht ausschließlich der Kontinuität wegen, sondern, weil sich beim VfB nach einem Trainerwechsel mitten in der Saison selten etwas nachhaltig verbessert hat. Die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und besser mal den einen oder anderen Spieler als den Trainer auszutauschen, wurde leichtfertig vergeben. Als Folge davon dreht sich das Hamsterrad wieder und die Frage ist lediglich, wer wann als Nächstes aus diesem herausgeschleudert wird.

Ich hoffe, dass uns in den nächsten Tagen noch schlüssige Argumente, die für die Entlassung Walters sprachen, dargelegt werden. Die Statements gestern waren doch recht dünn und rechtfertigen für mich diesen Schritt noch nicht. War Walter wirklich so stur und beratungsresistent, sich nicht helfen lassen zu wollen, oder lagen Hitzlintat bei dessen Auswahl schon so daneben, dass das Verhältnis nicht mehr zu kitten war?

Nun bin ich gespannt, wen wir im Januar im Trainingslager in Marbella auf dem Trainingsplatz erleben werden. Ich hoffe nicht, dass man Nico Willig ein zweites Mal der U19 entzieht.

Er hat kürzlich erst bis 2024 als Jugendtrainer verlängert und ich hoffe, dass das auch als Zeichen verstanden werden soll, dass er Jugend- und nicht Profitrainer ist und das auch bleiben möchte. Ich halte viel von ihm, sehe ihn aber besser im Unterbau aufgehoben, weil dieses Aufgabenfeld nicht minder wichtig und auch hier Kontinuität gefragt ist.

Dass an den Konzepttrainern Markus Anfang und Sandro Schwarz etwas dran sein könnte, hat Hitzlsperger auf Twitter bereits ins Reich der Fabel verwiesen, so dass man gespannt sein darf, welchen Trainertyp „Hitzlintat“ präsentieren werden.

Wir hatten sie doch schon alle in den letzten zehn Jahren: den autoritären Gross, das Greenhorn Keller, den akribischen Bruno, Kumpel Thomas Schneider, Retter Huub, den smarten Armin, den von sich überzeugten Zorniger, den farblosen Kramny, den „Aufstiegsgaranten“ Luhukay, Laptop-Trainer Wolf, den in Sichtweite zum Stadion wohnenden Korkut, den schwierigen Weinzierl bis hin zu Tim Walter, der durchaus einige dieser Eigenschaften in sich vereinte.

Keiner machte es der Meute recht, immer gab es etwas auszusetzen, stets entwickelten die Spieler ein Gefühl, wann sie sich eines nicht genehmen Übungsleiters entledigen konnten.

Letzten Endes sind es die Spieler, die über Wohl und Wehe eines Trainers entscheiden. Tun sie einfach ihren Job, ordnen dem Beruf alles unter, bringen sich bestmöglich ins Gefüge ein, stellen ihr eigenes Ego hintenan und hinterfragen sich Woche für Woche aufs Neue, hätten wir wohl weitaus weniger Probleme.

Nachdem Hitzlintat einmal mehr der Unzufriedenheit von Teilen der Mannschaft nachgaben, anstatt dem Trainer den Rücken zu stärken und Quertreiber auszusortieren, ist das System, für das der Neue stehen soll, zunächst einmal irrelevant. Nun ist ein Trainer gefragt, der den Kader moderieren und die Spieler auf ihren stärksten Positionen einsetzen kann. Das kann durchaus einer der alten Schule sein, womit man den erst im Sommer eingeschlagenen Weg jedoch abrupt verlassen würde.

Der Traum einer Eintrainer-Saison ist ausgeträumt, jetzt ist es mir fast egal, wen sie präsentieren. Fakt ist lediglich, dass Walter offenbar entlassen wurde, weil man den direkten Wiederaufstieg in Gefahr sah, was im Umkehrschluss bedeutet, gelingt dieser auch mit dem neuen Trainer nicht, dass Hitzlsperger, oder zumindest Mislintat, krachend gescheitert wären, was ich bedauern würde, denn, auch ihm hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt, als zum schnellen Erfolg verdammt zu sein.

Beim Betrachten der Liste der arbeitslosen Fußball-Trainer wird es mir eher schlecht, als dass mir DER Mann ins Auge springen würde. Dardai, Herthaner durch und durch wurde wegen seiner Nähe zu Rainer Widmayer auf Twitter ins Gespräch gebracht. Ihn im roten Trainingskittel zu sehen, würde in mir wohl ähnliche Gefühle auslösen wie seinerzeit Winfried Schäfer.

Am ehesten könnte ich von der Liste wohl noch mit Bruno Labbadia leben, der relativ lang beim VfB gearbeitet hat, nur eben etwa ein Jahr zu spät entlassen wurde.

Labbadia war damals zur Weihnachtsfeier beim RWS Berkheim zu Gast und bestach durch seine ehrliche, authentische Art. Außerdem war er es, der es einführte, dass zu Fanfesten bei Trainingslagern die komplette Mannschaft inklusive Trainerstab zu erscheinen hat, vorher „musste“ nur eine Abordnung hin, meist Neuzugänge, angeführt von Spaßvogel Magnin.

Die Spieler dürften zwar beim Namen Labbadia zusammenzucken, hat er doch den Ruf des Casanova, der von Spielerfrauen nicht lassen kann, doch, Shit happens, das haben die Jungs dann eben davon.

Apropos Magnin, dessen Verpflichtung hätte für mich einen gewissen Charme, allerdings steht er aktuell noch beim FC Zürich unter Vertrag. Wie einst als Spieler wandelt er auch als Trainer zwischen Genie und Wahnsinn und würde im Gegensatz zum Mario, das Angebot des Besuchs des Kölner Kellers bestimmt dankend annehmen, um die Pfeifen dort anständig zu vermöbeln.

Stallgeruch ist beim VfB zunächst einmal ja negativ belegt. Wenn man aber sieht, wer hier schon alles an der Erwartungshaltung und dem Umfeld gescheitert ist, ist es bestimmt nicht das Schlechteste, wenn man jemanden bekäme, der weiß, auf was er sich einlässt und nicht jegliche Kritik an ihm überbewertet. Im Schwäbischen wird halt gebruddelt, der Schwabe weiß nun mal alles besser, was für Nichtschwaben oft nur schwer einsehbar ist.

Wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden, es geht um ihre eigene Glaubwürdigkeit. Ist das Anforderungsprofil an einen Trainer dasselbe geblieben wie vor Walter, helfen nur Ergebnisse. Die Erwartungshaltung von außen wird nicht geringer, die Ungeduld ist ein ständiger Begleiter. Diese Lehre habe auch ich gezogen. Zehn Jahre Abwärtstrend sollten am besten nach einer einzigen Sommervorbereitung aus den Ärmeln geschüttelt sein.

Neuer Sportvorstand, neuer Trainer, neues Team, egal, es gibt keine Zeit zur Eingewöhnung und erst recht nicht zur Feinjustierung, wenn man einer Fehleinschätzung unterlegen ist.

Es muss funktionieren, sofort! Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man sich auf Platz 3 und in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen befindet.

Der teuerste Kader der Liga muss gefälligst liefern, allen Widrigkeiten und Gegnern, die etwas dagegen haben, zum Trotz. Herrgottsack, der nächste Bitte!

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