16. November 2010

3:3 verloren! Jaaaa, der VfB!

Der VfB ist und bleibt ein Rätsel. Nach dem 6:0 gegen Bremen versuchte der VfB mit der gleichen Startaufstellung auch in Kaiserslautern sein Glück. Und, es schien gerade so weiter zu gehen. Als kurz nach der Pause Christian Gentner per Foulelfmeter das 0:3 markierte, waren die Pfälzer mausetot und niemand setzte auch nur noch einen Pfifferling auf die Kurz-Truppe. Doch der VfB präsentierte sich einmal mehr in Geberlaune und musste am Ende noch froh sein, wenigstens einen Punkt heimgebracht zu haben.

Auf das Spiel in Kaiserslautern freute ich mich schon lang. Das Stadion und die Fans gehören einfach in die Bundesliga. Nach dem Abstieg 2006 fand sich Kaiserslautern ja zeitweise fast in der Regional- bzw. Dritten Liga wieder, ehe Stefan Kuntz als Vorstandsvorsitzender die Wende zum Besseren schaffte. Meine letzten beiden Spiele auf dem Betze waren 2006 bei der WM Italien-Australien, mit dem noch gut in Erinnerung bleibenden Skandal-Elfer in der 95. Minute, sowie in der 2. Liga beim Spiel gegen St. Pauli. Tags darauf spielte der VfB in Mannheim gegen Hoffenheim, so dass wir in der Pfalz übernachteten und die beiden Spiele verbanden. Schon in der 2. Liga herrschte Erstliga-Atmosphäre, 40.000 Zuschauer, die den 4:1-Sieg frenetisch feierten. Spätestens ab diesem Zeitpunkt hoffte ich, dass die Lauterer bald einmal wieder aus der Bundesliga grüßen würden.

Karten bestellte ich dieses Mal nicht über den Fanclub sondern direkt beim 1. FCK. Im Gästebereich war ich schon allzu oft ganz oben gelandet und sah mehr vom Dachgestänge als vom Spiel. Dieses Mal wollte ich näher dabei sein und bestellte Karten auf der Gegengerade, mit der positiven Begleiterscheinung, keinen Fangzaun vor der Nase zu haben. In unserem Bereich im Stadion war gemischtes Publikum, sowohl VfB- als auch FCK-Fans. Teilweise auch Dauerkarteninhaber, die sichtlich angesäuert waren, ob der massig eingefallenen VfB-Invasion. Der VfB selbst hat ja 5.300 Gästekarten verkauft, rechnet man diese hinzu, die beim FCK als Käufer auftraten, waren es sicherlich 7.000 Schwaben. Dass es nicht zum Betze-Sturm gereicht hat und wir am Ende keinen Grund zum feiern haben, ja darüber können wir uns bei der Mannschaft beklagen.

Die Stimmung der Lauterer Fans war sehr gereizt. Sie ärgerten sich nicht nur über die vielen Schwaben in ihrer Nähe, auch über die eigene Mannschaft und die Aufstellung ihres Trainers, des gebürtigen Stuttgarters Marco Kurz. Schon zu Beginn war also Schwarzmalen angesagt und nach dem 0:1 und dem 0:2 fühlten sie diese schon früh bestätigt. Es war ganz geckig, die Gefühlsschwankungen dieser Fans hautnah mitzubekommen. Auf dem Betze wird eben Fußball gelebt, mit all den Freuden und auch dem Leiden, was bei einem Traditionsverein dazu gehört. Als Fan fand ich das ganz wohltuend, und weitaus emotionaler als noch vor 2 Wochen in Wolfsburg. Vor dem Spiel gab es dann noch eine schöne Choreographie der Lauterer Fans zu Ehren des verstorbenen Ehrenspielführers Fritz Walter, dessen Name das Stadion auf dem Betzenberg seit exakt 25 Jahren trägt.

Nach wie vor bin ich von Jens Keller nicht überzeugt. Zu tief sitzt noch immer die Verärgerung, zu der er mit seiner ersten Pressekonferenz als Cheftrainer Anlass gab. Auch wenn immer mehr Details über Christian Gross` Arbeit und sein Zerwürfnis mit den meisten im Verein ans Tageslicht kommen und ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen ist, bin ich noch immer der Meinung, Christian Gross hätte die Wende (auch?) geschafft. Allerdings nicht unter diesen Voraussetzungen. Möchte man einen Trainer, der nachweislich Ahnung vom Fußball hat und Erfolge nachzuweisen hat, nicht nur kurzfristige, sondern auch nachhaltig, muss man vertrauensvoll miteinander zusammen arbeiten und den Trainer Mosaiksteinchen zusammen fügen lassen, die er für nötig hält. Dass Gross nach der Bobic-Anstellung als Manager, mit dem er offensichtlich nicht gut kann und dem geplatzten Petric-Transfer resigniert hat, kann ich mir durchaus vorstellen und kann es ihm auch nicht verdenken.

Angeblich hat der VfB-Vorstand Christian Gross schon lange Zeit vor seiner Verpflichtung auf dem Radar gehabt und ihn beobachtet. Daher ist es mir noch immer unbegreiflich, dass beide Seiten zum Schluss so weit auseinander lagen. Wer einen Christian Gross holt, sollte wissen was er tut. Beim VfB wissen sie aber leider nicht, was sie tun.

Dass Gross nicht mit jungen Leuten zurecht kommt und sie daher allesamt fort geschickt hat und auch statt Ulreich lieber einen gestandenen Keeper gehabt hätte, ist jedenfalls nicht darauf zurückzuführen, dass es Gross mit jungen entwicklungsfähigen Profis nicht kann. Es liegt viel mehr an der Qualität dieser Jungs, von denen Gross nicht überzeugt war. Ein Gegenbeispiel ist doch Timo Gebhart, der auch ein junger, längst nicht fertiger, Spieler ist, den Gross gefördert hatte bis zum geht nicht mehr. In Basel hat Gross Spieler wie Rakitic, Petric, Derdiyok, Streller und viele andere mehr an den Profifußball heran und in die weite Welt hinaus geführt. Der Vorstand hätte Gross vertrauen und seine Einschätzungen ernst nehmen müssen. Jetzt werden ihm auch noch der Abgang von Rudy und die Ausleihe von Schieber in die Schuhe geschoben. Der VfB tut gerade so, als wären vor Rudy keine Talente gegangen, weil ihnen der Weg nach oben durch teure Söldner verbaut wurde.

Auch die Mär, die leider auch von der schreibenden Zunft sehr  unterstützt wird, Jens Keller hätte, im Gegensatz zu Gross, Christian Träsch wieder ins Mittelfeld beordert, ist Quatsch. In der letzten Saison spielte Träsch ausschließlich im defensiven Mittelfeld und auch Gross war nicht verborgen geblieben, dass er dort am wertvollsten ist. Die Maßnahme, ihn als Außenverteidiger zurückzuziehen, war aus der Not geboren. Degen krank, Celozzi verletzt, Boulahrouz, verletzt und formschwach. Tasci, der die Rolle auch schon ausgefüllt hatte, musste, wenn er fit war, als Innenverteidiger ran, da Delpierre lange ausfiel und Niedermeier teils unterirdisch auftragt. Auch hier war Boulahrouz keine wirkliche Alternative. Patrick Funks Defizite in puncto Schnelligkeit traten in Kaiserslautern deutlich zu tage. So blieb Gross fast nichts anderes übrig, als Träsch als Außenverteidiger aufzubieten. Dazu kommt, dass, hätte er Träsch neben Kuzmanovic oder Gentner im defensiven Mittelfeld spielen lassen, ein hochbezahlter Akteur auf der Bank hätte Platz nehmen müssen, da beide nicht gerade für die Außenbahnen prädestiniert sind. So war es eine Frage der Zeit, bis Celozzi oder Degen zurückgekommen wären und Träsch wäre zurück ins Mittelfeld versetzt worden. Von VfB-Seite her wird mir da zu viel schmutzige Wäsche gewaschen, teilweise sogar noch von den Spielern, die sich am ehesten schämen sollten.

Dass Träsch jetzt wieder im Mittelfeld fungiert, tut unserem Spiel gut. Es ist deutlich mehr Zug drin. Er harmoniert auch besser mit Christian Gentner, als Gentner es mit Kuzmanovic tat, der leider gerade verletzt ist, es aber schwer haben wird, zurück in die Stammformation zu kommen. Die Zentrale scheint erstmal besetzt zu sein, auf den Außen tummeln sich hoffentlich bald auch wieder Didavi und Audel, dazu haben wir Gebhart und Camoranesi, da dürfte dann weder für einen Gentner noch für einen Kuzmanovic Platz sein.

Eine gute Maßnahme von Keller finde ich jedoch, Boka im linken Mittelfeld zu bringen. Sonst hieß es immer Boka oder Molinaro, jetzt spielen beide. Diese Maßnahme finde ich aus zweierlei Gründen gelungen: Erstens hat Boka seine Stärken sowieso mehr in der Offensive und ist hinten eher schludrig, zum anderen wäre er ein viel zu teurer Bankdrücker.

Sonst hat sich mit Keller ja nicht grundlegend viel geändert. Die Bilanz liest sich zwar nicht schlecht bis hier hin, wir sind aber längst noch nicht aus dem Schneider. Die Tabellensituation ist nach wie vor äußerst bedrohlich und mit 11 Punkten aus 12 Spielen die eines Abstiegskandidaten. Es ist wieder etwas mehr Bewegung drin und die Stürmer verbreiten wieder so etwas wie Torgefahr. Der Kader mag reichen, um in gesichertere Gefilden vordringen zu können, mehr als Bundesligadurchschnitt ist das aber auch nicht, was die Herren vom Vorstand uns mit den Einnahmen aus der Meisterschaft und zwei Championsleague-Teilnahmen zusammengekauft und auch verkauft bzw. verhökert haben.

In Kaiserslautern war es einmal mehr katastrophal mit ansehen zu müssen, wie die Mannschaft aufgrund kleinster Widrigkeiten auseinander gebrochen ist. Haarsträubende Stellungsfehler in der Defensive, die zu Gegentoren führten. Dazu ein Torwart, der einfach noch viel lernen muss. In Kaiserslautern merkte man den Fans die Vorfreude auf Ulreich in der Westkurve richtiggehend an. Sie versuchten von Beginn der 2. Halbzeit an, Ulreich nervös zu machen, was ihnen wohl auch gelang. Seine Präsenz bei Standards, seine Strafraumbeherrschung sind einfach noch immer nicht bundesligatauglich. Klar, wir waren jetzt zwei Jahre von Jens Lehmann verwöhnt. Stand er im Tor, musste man sich quasi bei keinem Eckball oder Freistoß aus dem Halbfeld fürchten. Er pflückte die Dinger runter und warf sich ins Getümmel. In mehr als 90% aller Fälle bekommt der Torwart den Freistoß, sollte es mal schief gehen. Dieser Mut fehlt Sven Ulreich noch. Ich war auch froh, dass man ihm die Chance geben wollte, zumal er mich in den Spielen, als er Lehmann vertrat, positiv überraschte. Spätestens ab dem Trainingslager setzte diesbezüglich bei mir ein Umdenken ein und ich hätte mir einen erfahreneren oder eben besseren Keeper für den VfB gewünscht oder zumindest, dass Ulreich seine Nerven in den Griff bekommt. Diesbezüglich habe ich öfter den Eindruck, dass er von zwei Möglichkeiten entweder überhastet die falsche trifft oder manchmal auch zu lange überlegt. Und das in Situationen, die ein Torhüter meiner Meinung nach intuitiv lösen können sollte. Die löchrige Abwehr jedoch macht es ihm auch nicht leicht, mehr Sicherheit zu bekommen und bringt ihn von einer Verlegenheit zur nächsten.

In Kaiserslautern nahm das Unheil seinen Lauf, als Keller Patrick Funk durch Khalid Boulahrouz ersetzte. Funk nach diesem Auftritt in Frage zu stellen, fand ich durchaus berechtigt, da alle bis dahin gefährlichen Lauterer Angriffe über seine Seite liefen und ihm gegen Rivic die Schnelligkeit fehlte. Dafür aber Boulahrouz einzuwechseln, gerade erst wieder von einer Verletzung genesen, dazu ein Unsicherheitsfaktor in den meisten Spielen, bei denen er auf dem Platz stand, verstand ich von Anfang nicht.

Dass dann eben dieser Boulahrouz mit Georg Niedermeier am 1:3 schuld war und sich Boula kurz danach mit Muskelfaserriss wieder verabschiedete, bestätigte mich in meinem anfänglichen Unverständnis über diese Maßnahme. Boulahrouz ist eben kein Außenverteidiger, der Druck erzeugen kann, was wichtig gewesen wäre, um selbst weiter Nadelstiche in der Offensive zu setzen. So war diese Einwechslung mit der Weckruf für die Lauterer, da es sich der VfB defensiv bequem machen wollte.  Für Boula kam dann Degen erstmals nach Pfeifferschem Drüsenfieber zum Einsatz, er zeigte wenigstens gute Ansätze nach vorne.

Der Hauptgrund an der furiosen Aufholjagd der Roten Teufel lag darin, dass der VfB meinte, das Ergebnis verwalten zu können. Ein folgenreicher Trugschluss und nicht nachvollziehbar, da der VfB ja noch immer nach seiner Form und dem verloren gegangenen Selbstbewusstsein sucht. Unermüdlicher Antreiber der Lauterer war ausgerechnet Christian Tiffert, der sichtlich gereift wirkt und vor allem durch gute und scharf getretene Standards auffiel. Allerdings hätte er auch durch sein überhartes Einsteigen gegen Christian Träsch vom Platz fliegen können. Hätte der Schiedsrichter Babak Rafati in der ein oder anderen Situation energischer durchgegriffen und härtere persönliche Strafen verhängt, wäre das Unheil vielleicht auch ausgeblieben. So aber ließ sich der VfB den Schneid abkaufen und das Spiel wurde hektisch, was natürlich eher den Pfälzern zugute kam. Am Ende feierten die FCK-Fans und wir schlichen aus dem Stadion wie begossene Pudel.

Der Abmarsch aus dem Stadion und die Rückfahrt mit dem Bus zu unserem Auto verlief friedlich. Logisch, dass die ein oder andere spitze Bemerkung wegen des verspielten Vorsprungs kam, aber da muss man als VfB-Fan halt durch. Insgesamt war alles friedlich, wie man es in Kaiserslautern normalerweise auch gewohnt ist. Nach dem Spiel ist die Verbissenheit und Rivalität vergessen und man kann sich normal übers Spiel, unsere Vereine und die Bundesliga unterhalten. So muss es sein.

Für uns war natürlich der eine Punkt weder Fisch noch Fleich und am Ende eher demoralisierend als aufbauend. Nächsten Sonntag müssen wir gegen den 1. FC Köln ran, dem das Wasser auch bis zum Hals steht. Aufgrund des 0:4-Derby-Debakels zu Hause gegen Gladbach und der in dieser Woche stattfindenden Jahreshauptversammlung, bei der in der höchsten Führungsriege mit rollenden Köpfen gerechnet wird, werden wir auf einen Gegner treffen, der Flagge zeigen muss. Als Schlusslicht ist für Köln “verlieren verboten”, daher rechne ich mit einem Spiel der Kölner nach der alten Soldo-Weisheit “Safety First”, also einem Riegel, den es erst einmal zu überwinden gilt. Dazu müssen sie aber selbst versuchen, über Konter zum Erfolg zu kommen, ein Unentschieden würde ihnen auch nicht sehr weiter helfen. Mit Podolski und Novakovic haben sie zumindest in der Offensive Leute, auf die man aufpassen muss. Könnte ein gefährliches Spiel werden, bei dem ein frühes Tor natürlich hilfreich wäre. Aber, bitte auf der richtigen Seite, sonst kann es ein ganz ungemütlicher Nachmittag werden.

Nach dem Spiel fuhren wir dann direkt vom P&R-Platz Kaiserslautern-Ost nach Kandel ins Schalander, wo die Murgtalschwaben ihre Jahresfahrt mit dem Bus unterbrachen und wir viele Bekannte begrüßen konnten. Dort gab es dann reichhaltig und gut zu essen. Kleiner Wermutstropfen: Die Bierversorgung ließ etwas zu wünschen übrig. Die einzige Bedienung, die für die gut 40 „Mann“ im 1. Stock zuständig war, mühte sich nach Kräften. Der Durst nach dem an diesem Tag erlebten wäre aber größer gewesen, so dass dem Schalander einiges an Umsatz entging, was sie hätten machen können.

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