31. Dezember 2010

2:4 in Bern: Der VfB versinkt im Schneechaos

Fredi Bobic sieht aus wie ein begossener Pudel. Leise rieselt der Schnee, leise und unaufhörlich. Bobic wird nass. “Da kann man nichts machen. Die Zeiten sind eben ungemütlich”, sagt der Manager des VfB Stuttgart. Zuvor hatte er miterleben müssen, wie seine Elf bei Young Boys Bern mit 2:4 verlor. “Die Jungs haben sich selbst um den Lohn gebracht”, sagt Bobic. Dabei war das Ergebnis an diesem Abend aber sowieso Nebensache.

Denn wohl nur ganz selten in der Vereinsgeschichte hat ein internationales Pflichtspiel stattgefunden, das so bedeutungslos war wie jenes am Mittwochabend. Erstens war schon vor dem Anpfiff klar, dass der VfB in der Europa League überwintern würde und auch in der nächsten Runde im Februar noch im Rennen ist. Und zweitens gilt die Konzentration ohnehin dem Abstiegskampf in der Bundesliga, wo die Lage vor dem baden-würrtembergischen Derby am Samstag gegen Hoffenheim bedrohlich ist. “Das wird eine heiße Kiste”, sagt Bobic, “wir brauchen die Punkte unbedingt.”

Wenn die Partie in Bern angesichts dessen einen Sinn hatte, dann den, dass einige Reservisten die Gelegenheit erhielten, auf sich aufmerksam zu machen – speziell Zdravko Kuzmanovic, Pawel Pogrebnjak und Mauro Camoranesi. Die äußeren Umstände machten den Auftritt zwar zu einem Muster ohne große Aussagekraft. Das Fazit lautet aber dennoch, dass der zweikampfschwache Camoranesi trotz einiger gelungener Aktionen seine Chance nicht nutzte. Dagegen bemühten sich Kuzmanovic und Pogrebnjak zumindest.

Die Gewinner waren jedoch die Spieler, die der Trainer Jens Keller zur Schonung für Hoffenheim zu Hause gelassen hatte, etwa Cacau, Matthieu Delpierre und Christian Träsch. Sie saßen im Trockenen. Vor dem Fernseher dürften sie sich an einen alten Schlager von Roy Black erinnert gefühlt haben: “Ganz in Weiß”. Starker Schneefall sorgte dafür, dass der Schiedsrichter Alon Yefet die Partie mit einer halbstündigen Verspätung anpfiff. Der Platz musste erst geräumt werden. Zudem steckten viele Fans noch im Stau.

Neben den Spielern in der Heimat gab es beim VfB aber auch noch einen Gewinner: Michael Meusch, den Zeugwart. In weiser Voraussicht hatte er Petroleum eingepackt. Damit bestrich er die Sohlen der Kickstiefel – und verhinderte, dass der Schnee haften blieb. So waren die Spieler wenigstens einigermaßen standfest.

Gutes Sitzfleisch brauchten sie später auch. Denn wegen des Wintereinbruchs konnte die Chartermaschine des Clubs nach der Partie nicht wie geplant in Bern starten. Eine weitere Hotelübernachtung hatte der VfB nicht gebucht. So musste er schließlich mit dem Mannschaftsbus zurück nach Stuttgart fahren. Unterwegs konnten sich die Profis dann auch über ihren Auftritt unterhalten. Es hatte schlecht begonnen für den VfB, mit einem Lattentreffer für Bern durch Lulic (2.). Aber in der Folge hatten beide Mannschaften unter den Verhältnissen auf dem eigentlich unbespielbaren Platz zu leiden. Willkommen zum Schneewalzer von Bern. Nach 30 Minuten kamen die Räumfahrzeuge wieder zum Einsatz. Einige Helfer kehrten den Schnee von den Linien. Sogar Marc Ziegler griff zum Besen. Von der Haupttribüne aus war die Gegentribüne nicht zu erkennen. Bei minus drei Grad gingen zwischendurch auch noch ein paar Dachlawinen ab.

Solche Bilder sah man bei einem VfB-Spiel noch nie. Nicht neu waren dagegen die Abwehschwächen. Davon profitierte David Degen, der die Young Boys in Führung brachte (35.). Nach der Pause steigerte sich der VfB jedoch. Pogrebnjak erzielte den Ausgleich (48.). Dann schlug der eingewechselte Sven Schipplock zu. 93 Sekunden war er auf dem Feld, als er einen Pass von Camoranesi zum 2:1 nutzte. Aber es reichte nicht. In vier Minuten schossen Sutter (78.) und Mayuka (81., 82.) auch die Young Boys in der Europa League weiter. “Da haben wir geschlafen”, sagt Bobic. Es war also wie zuletzt in der Bundesliga. Der VfB war bedient, aber es könnte noch schlimmer kommen. Denn bei einer Niederlage am Samstag gegen Hoffenheim würde Fredi Bobic erneut wie ein begossener Pudel dastehen – ganz unabhängig vom Wetter übrigens.

Bern:

Wölfi – Sutter, Nef, Affolter, Jemal – Pascal Doubai (67. Marco Schneuwly), Spycher – David Degen, Costanzo (56. Christian Schneuwly), Lulic (73. Regazzoni) – Mayuka.

VfB Stuttgart:

Ziegler – Philipp Degen (69. Funk), Bicakcic, Niedermeier, Molinaro – Bah – Kuzmanovic, Camoranesi – Elson – Pogrebnjak (66. Schipplock), Harnik (74. Didavi).

Schiedsrichter:

Yefet (Israel).

Zuschauer:

18.627.

Tore:
1:0 Degen (35.), 1:1 Pogrebnjak (48.), 1:2 Schipplock (68.), 2:2 Sutter (78.), 3:2 Mayuka (81.), 4:2 Mayuka (82.).

(STZ online 2.12.2010)

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