4. Mai 2020

Nur mal kurz das Geld retten!

Eines muss man der Deutschen Fußball Liga (DFL) ja in Zeiten von Corona lassen. Sie tut alles und ist sich für beinahe nichts zu schade, um den Ball und damit auch den Rubel alsbald wieder rollen zu lassen.

Es werden Töne angeschlagen, die man von diesem Paralleluniversum überhaupt nicht gewohnt ist. Von Demut ist die Rede, von Solidarität sprechen sie plötzlich und sie stellen Millionen-Beträge für Vereine der Dritten und der Frauenfußball-Bundesliga zur Verfügung. Man gibt sich geläutert, will glauben machen, dass sich nach der Krise einiges ändern müsse und werde und gibt sich verwundert darüber, dass der DFL mehr Häme als Applaus entgegenschlägt, angesichts des verzweifelten Versuchs die Finanzblase nicht platzen zu lassen.

Dabei stellte Seifert die rhetorische Frage „was haben wir nur falsch gemacht?“ Die Frage beantwortet er sich im Grunde selbst. Explodierende Spielergehälter und Beraterhonorare, das Entfernen von der Basis und der Lebensrealität seiner Fans, immer höher, immer weiter, immer mehr. Das Profigeschäft ist geprägt von Raffsucht und Gier und bekommt jetzt, meiner Meinung nach überfällig, die Quittung präsentiert.

Einsicht ist der erste Weg zur Besserung, sollte man meinen. Geredet allerdings wurde in der DFL schon immer viel, so dass jetzt nur Taten zählen.

Man kommt angekrochen, macht hier ein Zugeständnis, gelobt dort Besserung, um am Ende, wenn weiter gekickt werden darf, genauso weiter zu machen.

Oder glaubt jemand im Ernst, dass Leute wie Rummenigge und Watzke nach der Krise einen Solidarpakt mit dem Rest des deutschen Fußballs zu schließen bereit sind, einer gerechteren Verteilung der Fernsehgelder zustimmen und sich, sollte der bisherige Wahnsinn in den anderen europäischen Top-Ligen weitergehen, einfach so abhängen lassen?

Ich glaube nicht daran, denn, dann müsste man sich von den internationalen Fußball-Verbänden abgrenzen und auch mal einen Kirmes-Wettbewerb auszulassen bereit sein. Jetzt präsentieren uns die Protagonisten warme Worte, um am Ende des Tages vorzuschieben, dass „uns“ angesichts der Pläne von UEFA und FIFA die Hände gebunden seien.

Die DFL hätte in den letzten 20 Jahren viele Möglichkeiten gehabt, auf die Basis zuzukommen, auf Wünsche einzugehen und ein Wir-Gefühl zu vermitteln. Meinte es das Kartellamt gut und verbot das Monopol bei den Übertragungsrechten, nahm die DFL dies zum Anlass mehreren Anbietern Exklusivrechte zu verscherbeln, was nicht nur zur Folge hatte, dass Pay-TV-Kunden mehrere Abonnements abschließen mussten, um alle Spiele zu sehen, sondern den Spielplan noch mehr als ohnehin schon zerstückelte, um mehr Exklusiv-Sendeplätze zu schaffen. An den Fan, der zu den unmöglichsten Zeiten und Wochentagen quer durch die Republik reist, dachte dabei niemand.

Stets wurde beim Aushandeln der Verträge die internationale Wettbewerbsfähigkeit vorgeschoben, obwohl diese für rund zwei Drittel der Bundesliga und hundert Prozent der 2. Liga allenfalls sekundär ist.

Als Fan einer, inzwischen, Fahrstuhlmannschaft interessieren mich die Spieltermine, die Entfernungen, die ich an einem Wochentag zurücklegen muss, die Behandlung der Fans an den Spielorten und ob es Vollbier im Stadion gibt. Und hier gibt es in allen Punkten Nachbesserungsbedarf.

Solange jeder zusätzlich eingenommene Euro über die Faninteressen gestellt wird, wird sich am Fußball nichts ändern, auch dann übrigens nicht, wenn ein Salary-Cap kommen sollte. Dann fließen eben noch mehr Handgelder als ohnehin schon in die Taschen von Spielern und deren Berater, werden „Steuersparmodelle“ erfunden, Briefkastenfirmen gegründet oder sonstige Hintertürchen entdeckt, der verlogenen Branche dürfte einiges einfallen, damit keiner schlechter gestellt ist als vor der Krise.

Wie weit sich der Fußball bereits von seiner Basis entfernt hat, offenbart, dass der Fußball seine einzige Überlebenschance darin sieht, diejenigen auszuschließen, die ihn zu dem machen, was er ist. Dass sich die Herren da nicht schämen!

In Zeiten, in denen Kontaktverbote und Abstandsregelungen gelten, und dort, wo man sich zu nahekommt, Gesichtsmasken getragen werden müssen, in Zeiten, in denen Kindergärten, Kindertagesstätten und Schulen keinen Regelbetrieb haben dürfen, wo Bolzplätze und Sporthallen geschlossen bleiben, möchte die DFL, dass „ein wenig Lebensfreude in die Wohnzimmer kommt“ (Watzke). Rummenigge setzt dem die Krone auf, indem er meint „Ich mag das Wort Geisterspiel nicht. Ich würde lieber sagen: Wir spielen Fußball im Geiste unserer Fans.”

Jener Rummenigge also, der vor gut zwei Monaten mit Dietmar Hopp am Mittelkreis stand und Beifall klatschte, als sich Hoffenheim und Bayern die Bälle zuschoben, weil die „hässliche Fratze“ des Fußballs derselben den Spiegel vorgehalten hat, kommt sich bei solch einer Aussage wohl noch nicht einmal blöd vor.

Die „hässliche Fratze“ von damals, jene im Gästekäfig natürlich, sowie Ultras von vielen anderen Vereinen landauf landab, engagiert sich derzeit für das Gemeinwohl und packt an, wo es in der Krise erforderlich ist, während der Fußball verzweifelt versucht, sein krankes Business am Laufen zu halten.

Die DFL hat ein Maßnahmenpaket vorgestellt, nach der auch in Zeiten von Corona Bundesligafußball möglich sein soll. Eine große Koalition aus Bundesliga, Politik, TV-Anstalten und der BILD-Zeitung, eine Ansammlung von Hobby-Medizinern also, erklärt das Konzept für tragfähig, so dass im Laufe der Woche damit zu rechnen ist, dass dem Vorhaben grünes Licht erteilt wird.

Mancher Virologe äußert zwar Bedenken, doch, es scheint die Devise zu gelten, no risk, no fun! In der Schule nannte man es Mut zur Lücke, bei der DFL dürfte man schweißgebadet dem Mittwoch entgegenblicken und beten, dass bis dahin keine größeren Infektionsketten bekannt werden.

Mit einem austarierten Medizinkonzept und ausreichend Testkapazitäten, an die systemrelevante Mitbürger, bspw. aus Alten- und Pflegeheimen, mangels finanzieller Mittel nicht herankommen, versucht die DFL die Politik zu überzeugen, der Virus selbst aber ist weder käuflich noch bestechlich und macht, „was erlaube Corona“, sein eigenes Ding.

So brachten bereits die ersten Tests drei Infektionen mit dem Corona-Erreger beim 1. FC Köln zutage. Kölns belgischer Ex-Nationalspieler Birger Verstraete wunderte sich über den laxen Umgang mit den Infektionen durch Verein und Gesundheitsamt und sorgte sich öffentlich um seine herzkranke Freundin, da er regen Kontakt mit den Infizierten gehabt hätte. Nur einen Tag später relativierte er seine Aussagen auf dem Twitter-Account des 1. FC Köln, man könnte auch im Dietrich-/ Reschke-Jargon sagen, der Spieler wurde eingenordet. Beim VfB ist von einer „unklaren“ Testung die Rede, man darf gespannt sein, was dabei herauskommt.

Heute, ganz aktuell, stellte Kalou von Hertha BSC ein Video online, in dem sich nicht „nur“ über deren 11%igen Gehaltsverzicht lustig gemacht wird, sondern auch zu sehen war, dass sämtliche Abstands-, Kontakt- und Hygienevorschriften missachtet wurden.

Daraus kann man jetzt schließen, dass das Hygienekonzept der DFL lediglich der Beruhigung der Öffentlichkeit dient, hinter verschlossenen Türen jedoch nicht gelebt wird. Kalou relativierte, völlig überraschend, seine Aussagen, wurde von Hertha BSC zum Einzelfall erklärt und wurde suspendiert, the show can go on.

Vielleicht aber war dieses Vorpreschen Kalous auch „nur“ ein Hilferuf eines Spielers, der funktionieren muss, ob er will oder nicht. Gestern erschien im Berliner Kurier ein ziemlich reflektiertes Interview eines mitdenkenden 34-jährigen, von dem man nicht erwarten würde, dass er völlig unbedacht ein Video dieser Tragweite ins Netz stellen würde. (https://www.berliner-kurier.de/hertha/salomon-kalou-ich-liebe-fussball-aber-li.82665″)

Diese Vorfälle zeigen, sich kritisch äußernde Spieler werden umgehend „eingefangen“ und mit einem Maulkorb belegt. So die Strategie der DFL und ihrer angeschlossenen Vereine. Auf der einen Seite angekrochen kommen und Besserung geloben, auf der anderen Seite fleißig am Vertuschen. Ich lach mich gleich tot über derlei Dreistigkeit!

Es ist also ein äußerst schmaler Grat, auf dem die DFL mit ihrer Strategie wandelt. So macht es auf jeden Fall Sinn, dass bei den Vereinen mindestens zwei Trainingsgruppen getrennt voneinander trainieren und die DFL ihren Vereinen im Maßnahmenpaket nahelegt, für ausreichend große Kader für den Saisonendspurt zu sorgen. Wer weiß, vielleicht schlummern ja auch noch irgendwo Trainingsgruppen drei und vier, aus U19 und U17 zum Beispiel, die herangezogen werden könnten, sollten ersten beiden in Quarantäne geschickt werden müssen.

Auch das würde wohl hingenommen, solang Sky überträgt und das Geld auf die Konten der Vereine fließt. Um den sportlichen Wert von Geisterspielen geht es ja ohnehin nicht. Das Spiel wird einen völlig anderen Charakter bekommen, Mannschaften, die vom Pushen ihrer Fans Motivation ziehen, haben sportlich gesehen die Arschkarte gezogen.

Für das ausstehende Geld dürfte der DFL keine Anordnung lächerlich genug sein, sie nicht umzusetzen. Kommt die Auflage, mit Gesichtsmaske und Schutzanzug spielen zu müssen, würde man diese Pille wohl auch noch schlucken.

Diese DFL macht mir keine Angst, wenn sie davor warnt, man werde die Bundesliga in ihrer jetzigen Form nicht wiedererkennen, sollte die Saison abgebrochen werden müssen.

Dass am System etwas nicht stimmen kann, erkennt man doch schon, wenn es trotz des hoch gelobten Lizenzierungsverfahrens Vereine gibt, die in ihrer Existenz bedroht sind, wenn ein, zwei Monate lang der Spielbetrieb ruht, und das obwohl die „normalen“ Mitarbeiter Kurzarbeitergeld von der Bundesanstalt für Arbeit beziehen und den Vereinen damit nicht auf der Tasche liegen.

Das verdeutlicht, dass die ausstehende TV-Rechte-Rate lediglich einer lebensverlängernden Maßnahme gleichkäme, der Patient sich danach aber noch immer auf der Intensivstation befindet.

Mit Vereinen, die stets auf Kante gewirtschaftet oder zu erwartende Einnahmen bereits verpfändet haben, hätte ich kein Mitleid, sollten sie in die Insolvenz gehen.

Um deren „normale“ Mitarbeiter müsste man sich allenfalls sorgen, genauso wie um die Vereine unterhalb der beiden ersten Ligen und aus anderen Sportarten, für die Geisterspiele nicht die Lösung sind.

Sollte die DFL die TV-Rate noch retten können, müsste schon von dieser ein Löwenanteil an die Genannten gehen, um dem Irrsinn noch Positives abgewinnen zu können. Wie unsolidarisch die Gesellschaft ist, zeigt sich darin, dass Leute aus kleinen Vereinen austreten, weil diese während der Krise keine Sportangebote anbieten dürfen. Diese kämpfen wirklich um die Existenz, weit mehr als Fußball-Unternehmen, die Kapital in Form überbezahlter Spieler besitzen und sich zunächst von diesen trennen könnten.

Um Gelder freizusetzen und anderen Verbänden und Vereinen zukommen lassen zu können, wäre eine breit angelegte Solidarität der Spieler notwendig, die derzeit leider nur marginal zu erkennen ist.

Beim VfB steht ein Gehaltsverzicht von 10-20% zur Debatte, 20% im Falle des Aufstiegs, was mir zu wenig erscheint. „In der Krise beweist sich der Charakter“ ist ein Zitat von Altkanzler Helmut Schmidt. Diesen gilt es nun zu beweisen, sägt doch jeder Spieler, der zu keinen oder nur geringen Einbußen bereit ist, am Ast, auf dem er sitzt.

Dank des Instruments Kurzarbeitergeld, dessen sich auch der VfB bedient, bleiben wenigstens die Arbeitsplätze (zunächst) erhalten. Ich hoffe für die Angestellten, dass der VfB dieses, wie viele andere Unternehmen auch, auf nahe 100% aufstockt.

Der VfB „ermutigt“ Dauerkartenbesitzer und Kartenkäufer auf eine Rückerstattung der Eintrittsgelder im Falle des Abbruchs der Saison oder der Austragung von Geisterspielen zu verzichten. Diesem Wunsch kommen nach Angaben des VfB schon sehr viele Leute nach, die ihren Herzensclub in der schwersten Krise der Nachkriegszeit nicht im Stich lassen möchten.

Ich tue mich schwer damit, da bei der Mannschaft die Bereitschaft zum Verzicht eben nicht sehr ausgeprägt zu sein scheint. Ein 20%iger Gehaltsverzicht bedeutet bei Top-Verdiener Mario Gomez noch immer geschätzte 150.000 Euro netto im Monat, so dass ich es schon etwas dreist finde, die Treuesten der Treuen, von denen viele von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen sind, um Almosen zu bitten.

Es gibt Hilfsaktionen für Amateurvereine wie #spendedeinetrikotnummer, unsere Ultras https://blog.schwabensturm02.net/ und https://www.cc97.de/ sammeln Spenden, um Bedürftigen und Obdachlosen zu helfen, Kneipen und Gastwirte, z. B. https://www.gofundme.com/f/pfiff (ab 33 Euro mit Supporter-Shirt) und https://www.gofundme.com/f/vfbtreff-schwemme-bad-cannstatt-vfbtreffsupport freuen sich über einen Obolus, und, und, und.

Da spende ich doch lieber für Zwecke, bei denen ich mir sicher sein kann, dass das Geld ankommt, und nicht an eine Fußball-AG, in der im Zuge der Ausgliederungs-Veranstaltungen noch erzählt wurde, dass der Ticketkäufer und Bierkäufer im Stadion immer weniger zählt und man deshalb auf Investoren angewiesen sei. Sollen sie doch dort hausieren gehen!

Es passt für mich übrigens auch nicht zusammen, dass kurz nach der Mail bzgl. des Verzichts auf Ticketrückzahlungen, die Festverpflichtung Endos für 1,7 Millionen Euro verkündet wird. Wenn ich kein Geld habe oder mir die Ungewissheit über die zukünftigen finanziellen Möglichkeiten schlaflose Nächte beschert, halte ich mich in solchen Angelegenheiten eben zunächst einmal zurück, auch wenn ich die Verpflichtung vom Grundsatz her begrüße.

Die Geisterspiele scheinen also ausgemachte Sache zu sein. Verhindern könnten diese meiner Ansicht nach höchstens noch das Virus selbst und die Angst, dass es am Rande der Spiele zu Menschenansammlungen kommen könnte.

Der Chef der Polizeigewerkschaft hat Bedenken geäußert, dass systemrelevante Beamte, die übrigens auch nicht alle auf Corona getestet werden, sich einer unnötigen Gefahr vor den Stadien aussetzen müssten und an anderen Orten dann fehlen würden.

Bezüglich der Ultras ist diese Befürchtung sicherlich unbegründet. Sie verkündeten bereits frühzeitig, etwaige Geisterspiele nicht als Gruppe besuchen zu wollen. Grotesk ist eben der Gedanke, dass sie die Geisterspiele, gegen die sie eintreten, verhindern könnten, würden sie sich entgegen ihrer Überzeugung und gegen die Vernunft dennoch vor den Stadien treffen.

Diese „Gefahr“ sehe ich als sehr gering an, viel eher ist damit zu rechnen, dass sich Gruppen zum gemeinsamen Fernsehschauen treffen, vor allem, wenn irgendwann auch die Kneipen wieder geöffnet haben sollten.

Sollte es zu den Geisterspielen kommen, werden sie mich gewiss nicht vom Hocker reißen. Fußball ist im Stadion, Freunde treffen, Touren, Atmosphäre! Solang Beschränkungen Realität sind, die all dies nicht zulassen, macht mir, und sehr vielen anderen auch, der Fußball keinen Spaß.

Jetzt setze ich mich mit einer Tüte Popcorn darnieder und warte auf weitere Meldungen vom Komödienstadl DFL. Kalou wird wohl nicht der Letzte sein, weitere Hilferufe sollten folgen.

In diesem Sinne, bleibt gesund und passt auf Euch auf!

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24. Dezember 2019

Zurück im Hamsterrad!

Es ließ sich verheißungsvoll an, mit Thomas Hitzlsperger als Sportvorstand (inzwischen zum CEO der VfB Stuttgart AG ernannt) und Sven Mislintat, dem Diamantenauge, der bislang, analog zu Reschke vornehmlich aus der zweiten Reihe schoss.

Ich erlebte ein Trainingslager in Kitzbühel, in dem die Protagonisten nahbar wie selten und sich für keinen fachmännischen Plausch mit den Fans zu schade waren. Ob Hitzlsperger, Mislintat oder Walter. Alle hatten ein offenes Ohr, ihr Tatendrang den VfB zu einem anderen, als dem der letzten Jahre zu machen, wirkte ansteckend.

Das neu zusammengestellte Team hatte sichtlich Spaß wie lange nicht, Tim Walter war Lehrer, Mentor, Kumpel in einem und wollte jeden Spieler in jedem Training besser machen.

Dass er Badener ist und als Vertrauensperson das Karlsruher Urgestein Rainer Ulrich mitbrachte, war mir, im Gegensatz zu vielen, erst mal scheißegal.

Für mich spielte auch keine Rolle, dass „Hitzlintat“ einen Trainer verpflichteten, der „nur“ von Holstein Kiel kam und davor im Nachwuchsbereich vom Karlsruher SC und von Bayern München arbeitete.

Selbst als er in einem Interview betonte, diese beiden seien „seine“ Vereine, zuckte ich nicht angewidert zusammen, sondern sah es im Profigeschäft als normal an, dass ein Trainer im Laufe seiner Karriere auch düstere Kapitel zu überstehen hat und es grundsätzlich von Charakter zeugt, sich auch gegenüber Ex-Arbeitgebern loyal zu zeigen.

Nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre, stetigem Niedergang, zwei Abstiegen, umrandet von unzähligen ganz unterschiedlichen Übungsleitern an der Linie, legte ich mein Vertrauen in die Hände von „Hitzlintat“ und war überzeugt davon, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun würden, den VfB wieder zu einer sympathischeren und erfolgreicheren Marke zu machen, und den VfB sportlich komplett neu auszurichten.

Nach Jahren der internen Querelen um Wolfgang Dietrich und Michael Reschke, die sich als Prellbock der Krakeeler und die Fans als ahnungslose Vollidioten wahrnahmen, und den Verein brachial führten, hatte man plötzlich das Gefühl, ernst genommen zu werden und zur Politik der kleinen Schritte zurückkehren zu wollen.

Meine Ansprüche waren auf dem Tiefpunkt angekommen, so dass es mir wirklich bereits genügte, ein Team zu sehen, das an einem Strang zieht und ich einer kontinuierlichen Veränderung und später auch Verbesserung alle Zeit der Welt gegeben hätte.

Für mich stand nie im Vordergrund unbedingt mit der Brechstange aufsteigen zu müssen, um sich in der Bundesliga dann daran zu ergötzen, mit 30 Punkten die Klasse zu halten, weil zwei, drei Teams noch schlechter sind. Da ist mir doch mehr an einer nachhaltigen Entwicklung gelegen, die uns auf Sicht konkurrenzfähiger werden lässt.

Da Mislintat schon vor der Saison ankündigte, die Beseitigung der Altlasten im Kader nähme einige Transferperioden in Anspruch und dass der Aufstieg das große Ziel, jedoch kein Muss sei, war ich bis zuletzt tiefenentspannt und davon überzeugt, mit Kadernachjustierungen in der Wintertransferperiode den Dampfer wieder flott zu kriegen, MIT Tim Walter.

Seit gestern haben wir die Gewissheit, dass der Wunsch nach Kontinuität und antizyklischem Handeln ein frommer Wunsch geblieben ist und „Hitzlintat“ bei der ersten steifen Prise umgefallen sind.

Ich finde es sehr schade, habe jedoch immer betont, wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden werden, dass ich den Entschluss mittragen werde. Im Gegensatz zu vielen Krakeelern in den Foren habe ich mir auf die Fahnen geschrieben, die Verantwortlichen „machen zu lassen“ und nicht zusätzlich für Unruhe sorgen zu wollen, auch wenn mein Blog jetzt nicht die ganz große Reichweite besitzt.

Dennoch bin ich der Auffassung, dass es dem VfB nicht gut tut, wenn jeder Depp meint, es besser zu wissen. Da meinen unzählige sog. Fans mit Kommentaren ohne Punkt und Komma und gespickt mit einer Fülle von Rechtschreibfehlern, einem diplomierten Fußballlehrer die Fußball-Welt erklären zu müssen, für mich Satire in Reinkultur!

Ob sich „Hitzlintat“ von dieser vergifteten Atmosphäre beeindrucken und ein stückweit beeinflussen ließen, ist nicht bekannt.

Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass gute Gründe dafür sprachen, an Tim Walter und seinem Fußballsachverstand zu zweifeln. Sein „Walterball“ funktionierte schon seit dem zweiten Saisonspiel nicht mehr, für defensive Stabilität vermochte er 18 Spiele lang nicht zu sorgen und der Umgang mit einigen Spielern, die er rein warf und wieder fallen ließ, zeugten von wenig psychologischem Geschick, zudem war der Torwartwechsel unnötig und machte in ohnehin schon unruhigen Zeiten ein Fass auf.

Zu all dem kam großes Verletzungspech gleich zu Beginn mit zwei Kreuzbandrissen, sowie der längerfristige Ausfall von Daniel Didavi, der zwar nicht ganz so überraschend kam, uns aber dennoch richtig weh tat, fehlendes Spielglück mit etlichen Aluminiumtreffern und schließlich Pech bei der Auslegung des VAR, der willkürlich nicht eingriff (Aue) oder bei Milimeterentscheidungen zur Stelle war.

Dazu kam Tim Walters Art, zu der er schon zu Beginn kund tat, „Wer mich holt, weiß, was er bekommt“. „Hitzlintat“ verteidigten ihn lange und betonten, dass sie einen Trainer wollten, der selbstbewusst ist und dieses Selbstbewusstsein auf das Team überträgt.

Dass zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz ein schmaler Grat herrscht ist bekannt, so dass ihm seine markigen Sprüche schnell um die Ohren flogen. Bezeichnend, dass er vor dem Spiel gegen Schlusslicht Wehen-Wiesbaden meinte, „uns stellt keiner ein Bein“, worauf just die erste Saisonniederlage folgte. Spötter und Kritiker schlugen ihm dies förmlich um die Ohren und wurden vermehrt persönlich, wenn sie Walter als Grinsebacke und scheiß Badenser verhöhnten.

Mit den Nebengeräuschen müssen die Verantwortlichen im heutigen Socialmedia-Zeitalter zwar leben, auch wenn mich das zunehmend bedenklich stimmt.

Auffällig nach den letzten Spielen in Darmstadt und Hannover war, dass die Alten wie Castro, Badstuber und Gomez offene Kritik an Walter übten und ihm die Jüngeren wie Kempf, Sosa und Stenzel zur Seite sprangen.

Gerade den Alten aber würde ich an „Hitzlintats“ Stelle nicht allzu viel Bedeutung beimessen, wären doch wohl alle nicht mehr da, hätten ihre Verträge im Sommer keine Gültigkeit mehr besessen und dürfen doch gerade sie sich angesprochen fühlen, wenn von Altlasten die Rede ist.

Dass ihnen das laufintensive Spiel unter Walter nicht behagt hat und sie sich auf ihre alten Tage eine gemächlichere Gangart gewünscht hätten, läge in der Natur der Sache.

So stehen wir nun also vor dem nächsten Neuanfang. Hitzlspergers Schonzeit ist spätestens seit gestern vorbei. Ab jetzt reicht es nicht mehr, einfach nur sympathisch zu sein, nun muss auch er liefern. Mit dem gestrigen Tag liest sich auch seine Bilanz nach nicht einmal einem Jahr verheerend.

Auch wenn es Wolfgang Dietrich war, der Anfang Februar lieber Reschke als Weinzierl entließ und Hitzlsperger auf den Weg gab, an Weinzierl so lang wie nur möglich festzuhalten, lag es in Hitzlspergers Verantwortung einzuordnen, ob mit Weinzierl der Klassenerhalt geschafft werden kann.

Nach all dem, was man so hörte, wäre dessen Entlassung schon in der Winterpause überfällig gewesen, spätestens aber nach dem desolaten 0:3 in Düsseldorf. Dann aber wurde Hitzlsperger zum Sportvorstand ernannt und wollte es vermeiden, sich sofort den Ruf des Trainer-Killers zu erwerben, ein Zaudern, das uns schließlich die Klasse kostete.

Nach der Runderneuerung des Kaders im Sommer mit einem unverbrauchten, spannenden Trainer, muss der nächste Schuss jetzt sitzen.

Dass Hitzlsperger zunehmend angeschlagen ist, offenbaren nicht nur die Fotos, auf denen vom Sonnyboy früherer Tage nicht mehr viel übrig geblieben ist, sondern auch die Kleinkriege, mit denen er sich auf Twitter verzettelt.

Grundsätzlich finde ich es ja gut, wenn sich der CEO mit der Fanschar abgibt und dem einen oder anderen Gerücht schnell den Wind aus den Segeln nimmt. Wenn aber Meldungen dementiert werden, die sich ein, zwei Tage später als wahr herausstellen, trägt das nicht unbedingt zur weiteren Vertrauensbildung bei.

Wenn wir schon bei Pressemeldungen sind, ein kurzes Wort zum Kommentar der BLÖD-Zeitung, der mir über Whatsapp zugespielt wurde.

Sonst würde ich von dem Verlag wenig bis nichts mitbekommen, da ich in den sozialen Medien Sämtliches davon blockiert habe. Die BLÖD kritisiert zum einen den Zeitpunkt der Entlassung und zum anderen, dass die Wochen davor kein Treueschwur von Hitz & Co. in Richtung Tim Walter kam.

Den Zeitpunkt, so kurz vor Weihnachten, hat man wohl der DFL zuzuschreiben, die drei Tage vor Weihnachten noch kicken lässt. Hätte man mit der Entscheidung oder deren Verkündung bis kurz vor Trainingsbeginn gewartet, wäre dies als Fahrlässigkeit und Verlust wertvoller Zeit ausgelegt worden, außerdem fällt ein Profifußball-Trainer vergleichsweise weich!

Zum Thema Treueschwüre fällt einem doch genau das vor die Füße und wird einem als Lüge (oder im Reschke-Sprech Wahrheitsbeugung) ausgelegt, wenn man sich zum Trainer bekennt und ihm Tage oder Wochen danach den Arschtritt gibt.

Weshalb ich Tim Walter unbedingt gerne weiter als VfB-Trainer gesehen hätte, liegt hauptsächlich im Wunsch nach Kontinuität begründet. Dies auch nicht ausschließlich der Kontinuität wegen, sondern, weil sich beim VfB nach einem Trainerwechsel mitten in der Saison selten etwas nachhaltig verbessert hat. Die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und besser mal den einen oder anderen Spieler als den Trainer auszutauschen, wurde leichtfertig vergeben. Als Folge davon dreht sich das Hamsterrad wieder und die Frage ist lediglich, wer wann als Nächstes aus diesem herausgeschleudert wird.

Ich hoffe, dass uns in den nächsten Tagen noch schlüssige Argumente, die für die Entlassung Walters sprachen, dargelegt werden. Die Statements gestern waren doch recht dünn und rechtfertigen für mich diesen Schritt noch nicht. War Walter wirklich so stur und beratungsresistent, sich nicht helfen lassen zu wollen, oder lagen Hitzlintat bei dessen Auswahl schon so daneben, dass das Verhältnis nicht mehr zu kitten war?

Nun bin ich gespannt, wen wir im Januar im Trainingslager in Marbella auf dem Trainingsplatz erleben werden. Ich hoffe nicht, dass man Nico Willig ein zweites Mal der U19 entzieht.

Er hat kürzlich erst bis 2024 als Jugendtrainer verlängert und ich hoffe, dass das auch als Zeichen verstanden werden soll, dass er Jugend- und nicht Profitrainer ist und das auch bleiben möchte. Ich halte viel von ihm, sehe ihn aber besser im Unterbau aufgehoben, weil dieses Aufgabenfeld nicht minder wichtig und auch hier Kontinuität gefragt ist.

Dass an den Konzepttrainern Markus Anfang und Sandro Schwarz etwas dran sein könnte, hat Hitzlsperger auf Twitter bereits ins Reich der Fabel verwiesen, so dass man gespannt sein darf, welchen Trainertyp „Hitzlintat“ präsentieren werden.

Wir hatten sie doch schon alle in den letzten zehn Jahren: den autoritären Gross, das Greenhorn Keller, den akribischen Bruno, Kumpel Thomas Schneider, Retter Huub, den smarten Armin, den von sich überzeugten Zorniger, den farblosen Kramny, den „Aufstiegsgaranten“ Luhukay, Laptop-Trainer Wolf, den in Sichtweite zum Stadion wohnenden Korkut, den schwierigen Weinzierl bis hin zu Tim Walter, der durchaus einige dieser Eigenschaften in sich vereinte.

Keiner machte es der Meute recht, immer gab es etwas auszusetzen, stets entwickelten die Spieler ein Gefühl, wann sie sich eines nicht genehmen Übungsleiters entledigen konnten.

Letzten Endes sind es die Spieler, die über Wohl und Wehe eines Trainers entscheiden. Tun sie einfach ihren Job, ordnen dem Beruf alles unter, bringen sich bestmöglich ins Gefüge ein, stellen ihr eigenes Ego hintenan und hinterfragen sich Woche für Woche aufs Neue, hätten wir wohl weitaus weniger Probleme.

Nachdem Hitzlintat einmal mehr der Unzufriedenheit von Teilen der Mannschaft nachgaben, anstatt dem Trainer den Rücken zu stärken und Quertreiber auszusortieren, ist das System, für das der Neue stehen soll, zunächst einmal irrelevant. Nun ist ein Trainer gefragt, der den Kader moderieren und die Spieler auf ihren stärksten Positionen einsetzen kann. Das kann durchaus einer der alten Schule sein, womit man den erst im Sommer eingeschlagenen Weg jedoch abrupt verlassen würde.

Der Traum einer Eintrainer-Saison ist ausgeträumt, jetzt ist es mir fast egal, wen sie präsentieren. Fakt ist lediglich, dass Walter offenbar entlassen wurde, weil man den direkten Wiederaufstieg in Gefahr sah, was im Umkehrschluss bedeutet, gelingt dieser auch mit dem neuen Trainer nicht, dass Hitzlsperger, oder zumindest Mislintat, krachend gescheitert wären, was ich bedauern würde, denn, auch ihm hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt, als zum schnellen Erfolg verdammt zu sein.

Beim Betrachten der Liste der arbeitslosen Fußball-Trainer wird es mir eher schlecht, als dass mir DER Mann ins Auge springen würde. Dardai, Herthaner durch und durch wurde wegen seiner Nähe zu Rainer Widmayer auf Twitter ins Gespräch gebracht. Ihn im roten Trainingskittel zu sehen, würde in mir wohl ähnliche Gefühle auslösen wie seinerzeit Winfried Schäfer.

Am ehesten könnte ich von der Liste wohl noch mit Bruno Labbadia leben, der relativ lang beim VfB gearbeitet hat, nur eben etwa ein Jahr zu spät entlassen wurde.

Labbadia war damals zur Weihnachtsfeier beim RWS Berkheim zu Gast und bestach durch seine ehrliche, authentische Art. Außerdem war er es, der es einführte, dass zu Fanfesten bei Trainingslagern die komplette Mannschaft inklusive Trainerstab zu erscheinen hat, vorher „musste“ nur eine Abordnung hin, meist Neuzugänge, angeführt von Spaßvogel Magnin.

Die Spieler dürften zwar beim Namen Labbadia zusammenzucken, hat er doch den Ruf des Casanova, der von Spielerfrauen nicht lassen kann, doch, Shit happens, das haben die Jungs dann eben davon.

Apropos Magnin, dessen Verpflichtung hätte für mich einen gewissen Charme, allerdings steht er aktuell noch beim FC Zürich unter Vertrag. Wie einst als Spieler wandelt er auch als Trainer zwischen Genie und Wahnsinn und würde im Gegensatz zum Mario, das Angebot des Besuchs des Kölner Kellers bestimmt dankend annehmen, um die Pfeifen dort anständig zu vermöbeln.

Stallgeruch ist beim VfB zunächst einmal ja negativ belegt. Wenn man aber sieht, wer hier schon alles an der Erwartungshaltung und dem Umfeld gescheitert ist, ist es bestimmt nicht das Schlechteste, wenn man jemanden bekäme, der weiß, auf was er sich einlässt und nicht jegliche Kritik an ihm überbewertet. Im Schwäbischen wird halt gebruddelt, der Schwabe weiß nun mal alles besser, was für Nichtschwaben oft nur schwer einsehbar ist.

Wie auch immer „Hitzlintat“ entscheiden, es geht um ihre eigene Glaubwürdigkeit. Ist das Anforderungsprofil an einen Trainer dasselbe geblieben wie vor Walter, helfen nur Ergebnisse. Die Erwartungshaltung von außen wird nicht geringer, die Ungeduld ist ein ständiger Begleiter. Diese Lehre habe auch ich gezogen. Zehn Jahre Abwärtstrend sollten am besten nach einer einzigen Sommervorbereitung aus den Ärmeln geschüttelt sein.

Neuer Sportvorstand, neuer Trainer, neues Team, egal, es gibt keine Zeit zur Eingewöhnung und erst recht nicht zur Feinjustierung, wenn man einer Fehleinschätzung unterlegen ist.

Es muss funktionieren, sofort! Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob man sich auf Platz 3 und in Schlagdistanz zu den Aufstiegsplätzen befindet.

Der teuerste Kader der Liga muss gefälligst liefern, allen Widrigkeiten und Gegnern, die etwas dagegen haben, zum Trotz. Herrgottsack, der nächste Bitte!

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15. November 2019

Ruhe, Vertrauen, Geduld!

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , , , – Franky @ 12:05

Der eine oder andere wird sich möglicherweise schon gefragt haben, weshalb es so still um mich und meinen Blog geworden ist.

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Zum einen kosten Allesfahren und gelegentliches Hoppen (am Rande von Osnabrück bspw. noch Viktoria Köln und SC Herford) viel Zeit, so dass ich oft noch unterwegs bin, wenn die ersten Blogs mit Spielanalysen bereits online sind. Sonntag- und Montagspiele tun ihr übriges!

Dennoch habe ich es auch sonst stets geschafft, mich auf dieser Plattform auszukotzen, wenn mir danach zumute war und wenn sich Dinge aufstauten, die raus mussten, um sich kein Magengeschwür einzufangen. Zu Zeiten von Reschke und Dietrich wäre ich auch nachts aufgestanden, so aufgebracht war ich über deren Wirken.

Momentan aber bin ich die Ruhe selbst und daran ändern auch die Negativergebnisse der letzten Wochen nichts. Ich nehme mich bewusst zurück, weil es mir zu billig ist, auf Dinge einzuschlagen, die ohnehin jeder sieht. Kein VfB-Fan kann mit der Entwicklung und den Ergebnissen zuletzt zufrieden sein, ich bin es ja auch nicht.

Jedoch habe ich nach wie vor großes Vertrauen in Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat, und sehe die vergiftete Stimmung, die sich bereits wieder breit macht, als sehr gefährlich für unsere weitere Entwicklung an.

Die „Neuen Medien“, Facebook, Twitter & Co entfalten durch emotionale Wutausbrüche und Besserwisserei eine Wucht, der sich keiner, auch nicht die Protagonisten, die es für uns richten sollen, entziehen kann. Ich bin mir zwar dessen bewusst, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt und ein Verein wie der VfB mit Social Media leben muss, dennoch könnte sich so mancher hinterfragen, ob man wirklich jede Diskussion anzetteln oder sich an ihr beteiligen muss.

Ich vergleiche die Socialmedia-Welt und die darin enthaltenen Schimpftiraden gerne mit früher, als es in jeder Kneipe den einen Gast gab, der Wirt oder andere Gäste volllabern musste, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Man hörte weg, sagte “ja, ja” und irgendwann hatte man ihn auch schon wieder los. Das störte niemanden groß und war vor allem das Los, wenn man alleine die Kneipe betrat und eigentlich nur in Ruhe sein Feierabendbierchen trinken wollte. Heutzutage setzen diese Leute ihren geistigen Dünnschiss ins Netz und die Leute stürzen sich darauf. Auch dies eine Wendung nicht unbedingt zum Besseren im Vergleich zu früher!

Ich habe große Befürchtungen, dass ein sympathischer Mensch wie Sven Mislintat, ausgewiesener Scouting-Fachmann, eines Tages hinschmeißen könnte, wenn man seine Transfers und Ideen ins Lächerliche zieht und bereits anfängt, ihm aus einer Emotion heraus getätigte Aussagen im Mund herumzudrehen. Mislintat steht erstmals in der ersten Reihe und wird dazu lernen, was er wann sagen sollte, benötigt jedoch Vertrauen in seine Arbeit.

Thomas Hitzlsperger, binnen eines dreiviertes Jahres vom Chef des Nachwuchsleistungszentrums zum Vorstandsvorsitzenden aufgestiegen, ist ein Teamplayer und schart Fachleuchte um sich, um den VfB in richtige Bahnen zu lenken. Er ist bei den Fans beliebt, empathisch und sich nicht dafür zu schade, mit Fans über Twitter in Kontakt zu treten und so manchem Gerücht umgehend den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nach Wolfgang Dietrich tut Hitzlsperger dem VfB so unheimlich gut! Als Nachfolger Dietrichs bewerben sich zwei Kandidaten, die wählbar erscheinen und sich auf die Fahnen geschrieben haben, Fans und Mitglieder einen zu wollen, was nach der Ära Dietrich dringend notwendig ist.

Ob Claus Vogt oder Christian Riethmüller, beide scheinen VfBler mit Leib und Seele zu sein und ein neues Wir-Gefühl schaffen zu wollen.

Seit Bernd Wahler halte ich meinen Überschwang zwar zunächst im Zaum, wenn ein Fan VfB-Präsident werden möchten, aber, der neue Präsident wird ja nur für rund neun Monate gewählt, so dass dies einer Probezeit gleicht und man später entscheiden kann, ob man diesen Präsidenten für vier weitere Jahre im Amt haben möchte. In den nächsten Wochen werde ich mir auf der einen oder anderen Veranstaltung selbst ein Bild machen, wem von den beiden Kandidaten ich am 15.12. meine Stimme geben werde.

Vertraut man Thomas Hitzlsperger, so sollte man meiner Meinung nach auch den Personen vertrauen, die Hitzlsperger um sich schart, um den VfB nach vorne zu bringen. Und das genau so lang, bis Hitzlsperger die Zeit gekommen sieht, an der einen oder anderen Stellschraube zu drehen und Personen auszutauschen.

So kann ich mit der aufkeimenden Kritik, die in sozialen Netzwerken schnell in Hass umschlägt, an unserem Trainer Tim Walter nichts anfangen.

Ihm wird vorgeworfen, dass er Badener ist, ihm wird vorgeworfen, dass „seine Vereine“ der KSC und die Münchner Bayern sind und ihm wird vorgeworfen, dass er noch nichts erreicht habe.

Diese Vorwürfe las man schon rund um seine Verpflichtung und es sind Tatsachen, die er nicht ändern kann. Zudem wird ihm Großmäuligkeit unterstellt, weil er ein selbstbewusstes Auftreten an den Tag legt.
Dabei betonen Hitzlsperger und Mislintat doch gerade, dass sie genau einen solch selbstbewussten Trainer haben wollten, der sein Selbstbewusstsein auf die Mannschaft überträgt. Mir ist ein solcher Trainertyp lieber als ein kleinlauter Trainer, der nur von sich gibt, was Medien und der nächste Gegner gerne hören möchten. Dass ihm solche Aussagen bei Misserfolg um die Ohren fliegen, muss er aushalten und hält er ja auch aus.

Zum gesunden Selbstbewusstsein eines Trainers gehört, dass er von sich und seiner Philosophie überzeugt ist und diese versucht seiner Mannschaft einzuimpfen. Guardiolas Ballbesitzfußball wurde zu besten Barca- und Bayern-Zeiten allenfalls von seinen Gegnern kritisiert, die ständig am Hinterherrennen waren. Per se also bestimmt nicht der schlechteste Ansatz und erfolgversprechend, wenn man die richtigen Spieler dafür hat.

Daran krankt es meiner Meinung derzeit noch, dass Walter für seinen Fußball die richtigen Spieler (noch) nicht hat.

Die Langzeitverletzten Kaminski und Kalajdzic, die feste Größen hätten sein sollen, fehlen ebenso wie Borna Sosa und Daniel Didavi, seit deren Ausfällen gegen Wehen-Wiesbaden zunehmend der Wurm drin ist. Philipp Klement, Top-Scorer der letzten Zweitligasaison ist noch nicht richtig angekommen und enttäuschte bislang auf ganzer Linie. Zu den überspielt wirkenden Kempf und Stenzel gibt der Kader keine Alternativen her und Altstar Mario Gomez ist nur noch eine einzige Enttäuschung.

So haben (zu) viele ihr eigenes Päckchen zu tragen, anstatt die vielen Youngster zu führen und ihnen Halt zu gewähren. An diesem Druck scheinen einige derzeit förmlich zu zerbrechen, so dass mir kein einziger einfällt, dessen Formkurve aktuell nach oben zeigt und der konstant gute Leistungen zeigt.

An dieser Stelle nochmals ein herzlicher Dank an Herrn Reschke, der die Amateure systematisch herunterwirtschaftete, womit dem einen oder anderen jungen Spieler die Möglichkeit genommen wird, sich über die Zweite Selbstvertrauen zu holen und für den Männerfußball zu stählen. Dafür ist die Oberliga, wenn überhaupt, nur bedingt geeignet.

Walter wird unter anderem vorgeworfen, er setze Spieler auf falschen Positionen ein. Dabei sehe ich dies als positive Eigenschaft eines Trainers an, der für jeden guten Spieler (momentan wohl eher auf die Trainingsleistungen bezogen) eine Position findet, auch wenn die angestammte anderweitig besetzt ist.

Es läuft gerade eben hinten und vorne nicht, so dass von seinen Kritikern scheinbar jeder Pups, den Walter lässt, kritisiert wird. Es erweckt den Anschein, dass viele aus den genannten Gründen von Anfang an nur auf ein Scheitern Walters hofften, anstatt einfach Hitzlsperger und Mislintat zu vertrauen, dass sie handeln werden, wenn SIE die Zeit als gekommen ansehen.

Man kann natürlich herumkrakeelen und alles am System Tim Walter fest machen, was meiner Ansicht nach jedoch den eigentlichen Problemen nicht gerecht wird. Bedenklich wäre es, wenn wir keine Torchancen hätten, dem ist aber doch nicht so. Es mangelt hauptsächlich an der Chancenverwertung. Um diese zu verbessern benötigen die Jungs Selbstvertrauen, aber auch Vertrauen von außen. Was nutzt es, wenn es im eigenen Stadion bereits nach zwanzig Minuten Pfiffe hagelt, weil einer das Tor nicht trifft oder weil man Torhüter Kobel ins Aufbauspiel mit einbindet.

Im Laufe dieser Woche habe ich mir die erste Halbzeit in Osnabrück noch einmal angesehen und wüsste nicht, wo ich Tim Walter konkret einen Vorwurf machen müsste. Das ärgerlichste an dem Spiel war die Passivität vor dem Gegentor und dass jegliche eigene Angriffe durch stümperhafte Ballverluste beendet waren, bevor es überhaupt gefährlich werden konnte.

Die Misere derzeit mache ich außer am Verletzungspech hauptsächlich an der Einstellung manchen Spielers fest, der noch immer nicht verinnerlicht hat, dass man auch als VfB Stuttgart nicht so einfach durch die 2. Liga marschiert und alles in Grund und Boden spielt. Fast jedes Spiel hat Pokal-Charakter, in dem der Underdog dem großen Favoriten ein Bein stellen möchte, also bitteschön, sollte auch von der ersten Minute an erkennbar sein, dass der Favorit den Widrigkeiten trotzen und über den Kampf ins Spiel finden möchte. Beim einen oder anderen darf hier gerne die Mentalitätsfrage gestellt werden.

Der Transfersommer gestaltete sich für den VfB schwierig, einige Abgänge (und damit freie Planstellen) standen erst kurz vor Ende der Transferfrist fest, so dass Mislintat schon vor der Saison verlauten ließ, ein solch immenser Umbruch ließe sich nicht binnen einer einzigen Transferperiode komplett abschließen. Im Vorgriff auf mögliche Probleme wurde mit Augenmaß agiert und eine konkurrenzfähige Zweitligamannschaft an den Start gebracht, die im Falle des Nichtaufstiegs nicht komplett auseinanderfallen würde. Der VfB dürfte also auch ein zweites Zweitligajahr finanziell überstehen, weshalb ich die Panik allerorten auf Platz drei stehend völlig überzogen finde.

Der HSV macht es doch, zumindest phasenweise, vor, wie man gestärkt und gefestigt in ein zweites Zweitligajahr gehen kann. Käme es auch beim VfB so, wäre bei mir jedoch keine Weltuntergangstimmung angesagt.

Was hätte man denn davon, den Aufstieg mit der Brechstange zu erreichen, um in der Bundesliga dieselbe Rolle zu spielen wie die Jahre davor? Natürlich könnte man jetzt den Trainer rausschmeißen und im Winter den einen oder anderen Altstar holen, der die Wahrscheinlichkeit auf den Aufstieg erhöht, nachhaltig wäre dies jedoch nicht. Dann sehe ich doch lieber eine Entwicklung mit jungen Spielern und gebe diesen Zeit und Geduld, bevor es immer so weiter geht wie die letzten Jahre und auch die „Mechanismen“ so schnell greifen wie zuletzt.

Der VfB legte seit 2009 einen rasanten, fast ungebremsten, Niedergang hin, wechselte zig Mal Sportdirektoren und Trainer, besorgte diesen wiederum „ihre“ Spieler und hatte Abfindungszahlungen am Laufen, mit denen mancher Zweitligist eine ganze Saison überstehen würde. Zehn Jahre Instabilität, zehn Jahre Unruhe!

Jetzt, nach dem Abstieg, wurden die Zeichen der Zeit erkannt und es wurde ein radikaler Umbruch eingeleitet, zu dem offensichtlich vielen die Geduld fehlt. Komischerweise ist es eher noch meine Generation, die auf der „Ruhe bewahren“ Schiene ist, während „die Jungen“, die mit dem VfB, abgesehen von der Meisterschaft 2007, nichts als Chaos erlebt haben, sich offensichtlich diese Zeiten zurücksehnen. Habe im Lauf der Woche gar schon Stimmen gelesen, die es als Fehler betrachten, Gentner, Aogo & Co. vom Hof gejagt zu haben, da fällt mir wirklich nichts mehr ein.

Der VfB hat den größten Umbruch seit dem Abstieg 1975 hinter sich. Auch damals wurde die halbe Mannschaft ausgetauscht, auch damals gestaltete sich die erste Zweitligasaison holprig, um nicht zu sagen katastrophal (wer erinnert sich nicht an das 2:3 gegen den SSV Reutlingen im Neckarstadion vor 2.500 Zuschauern?). Junge Spieler wie Hansi Müller, Karlheinz Förster, Dieter Hoeneß oder auch Ottmar Hitzfeld reiften und waren im Jahr drauf Garanten für den Aufstieg und des legendären 100-Tore-Sturms. Gut, zugegeben, nach der ersten Saison musste noch einmal der Trainer gewechselt werden und Jürgen Sundermann kam, aber, es war immerhin NACH der Saison.

Jetzt, auf dem dritten Platz stehend, herrscht gefühlt eine Stimmung, als stünde der bittere Gang in die 3. Liga unmittelbar bevor. Junge Spieler, wie Nicolás González, werden niedergemacht und ihnen die Eignung abgesprochen, anstatt dass man sie unterstützen würde. Ohne jetzt schon zu wissen, wohin die Reise mit Nicolás González geht und ob und wann bei ihm der Knoten platzt, erinnert der Umgang mit ihm schon sehr an den mit Timo Werner, dem inzwischen besten deutschen Stürmer. Da bin ich ganz bei Tim Walter, der sagt, dass es bereits eine Qualität ist, überhaupt zu dieser Vielzahl an Chancen zu kommen.

Viele zählen Tim Walter bereits an und dabei geht es längst nicht mehr nur ums Sportliche. Er wird in sozialen Netzwerken persönlich angegriffen, was mieser Stil ist. Denjenigen rate ich, geht zum Training „runter“, versucht mit Tim Walter ins Gespräch zu kommen und sachlich mit ihm zu diskutieren. Ich habe beim VfB lange keinen so umgänglichen Trainertypen mehr erlebt, der bei persönlichen Begegnungen alles andere als arrogant daherkommt. Er vermittelt beim VfB jedem Mitarbeiter das Gefühl, nicht minder wichtig als er selbst zu sein, begegnet Fans mit Respekt und ist keineswegs abgehoben. Ähnlich habe ich im Übrigen auch Sven Mislintat erlebt.

Auch diese Menschen sind es, die kein „Ihr da oben“ vorleben, sondern für ein neues Wir-Gefühl stehen. Sie sind nicht „nur“ nach außen umgänglich, sondern auch zum Team. In den letzten Jahren herrschte lange kein so guter Teamgeist mehr, als zurzeit.

Ich sehe bei weitem mehr Positives, was auf den Weg gebracht wurde, als Schlechtes, das eine radikale Abkehr vom eingeschlagenen Weg rechtfertigen würde. Mislintat und Hitzlsperger haben die Scherben zusammenzukehren, die ihre Vorgänger hinterlassen haben und sind damit noch lange nicht fertig. Der VfB benötigt jetzt Kontinuität, Nachhaltigkeit und Beharrlichkeit und vor allem Vertrauen in die handelnden Personen.

Ich hoffe, sie behalten kühlen Kopf und lassen sich von der vergifteten Atmosphäre nicht beirren. Ich sehe eine große Chance auf eine wirkliche und nachhaltige Verbesserung. Dazu bedarf es aber in allererster Linie Geduld und Ruhe im Umfeld.

Ein erster Schritt wäre ein Sieg nächsten Sonntag im Derby. Auf der anderen Seite möchte ich mir nicht ausmalen, was los wäre, sollte auch dieses Spiel in den Sand gesetzt werden.

Die Truppe, der am Samstag in Osnabrück durch harsche Worte aus dem Gästeblock die Sinne für die Wichtigkeit der bevorstehenden Aufgabe noch einmal geschärft wurden, wird hoffentlich gestärkt aus der Länderspielpause kommen und hat es in den Füßen, für etwas mehr Ruhe zu sorgen. Hoffen wir, dass sie der Aufgabe und dem Druck gewachsen sein wird!

Ich werde mich hier im Blog auch weiterhin zurücknehmen und es unterlassen, Walter, Mislintat oder Hitzlsperger „Ratschläge“ zu erteilen. Wen meine kurzen Einschätzungen zu den Spielen, mit denen ich meine online gestellten Bilder kommentiere, interessieren, darf mir gerne auf https://www.facebook.com/frankysstadionpics/ folgen und ggf. mitdiskutieren.

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6. Oktober 2019

Schwarzer Freitag

Category: Frankys Blogs — Tags: , , , , , , – Franky @ 17:25

Ob mich am Morgen diesen tristen Freitags bereits eine leise Vorahnung beschlich, man weiß es nicht. Jedenfalls verließ ich morgens kurz nach 6 Uhr leicht unkonzentriert die Wohnung und stürzte mich zunächst die Treppe hinab. Das hatte schmerzhafte Prellungen an verschiedenen Körperteilen zur Folge, weshalb ich es abends nicht weiter als ins Pfiff schaffte.

Zur Wasenzeit fahren weder Bus noch Taxi in Richtung Neckarstadion, so dass der Fußweg zu beschwerlich für mich gewesen wäre. In Anbetracht des Gesundheitszustands war dies sicherlich die vernünftigere Entscheidung, während es auf der anderen Seite extrem schwer verdauliche Kost war, dieses Spiel mit den sogenannten Kneipen-Experten im TV anzusehen.

Als Allesfahrer bin ich es ja überhaupt nicht mehr gewohnt, nicht mit den Jungs im Stadion zu sein, so dass allein das schon ziemlich unerträglich war. Wenn dann noch sog. VfB-Fans den VfB verhöhnen und Volksfesttouristen aus Bayern oder jenseits des Brenners mir erklären wollen, was beim VfB seit Jahren schief läuft, wäre eigentlich die eine oder andere Schelle fällig gewesen, so angefressen war ich. Das nächste Mal gehe ich lieber mit dem Kopf unterm Arm ins Stadion, als mich solchen Dummschwätzern auszusetzen.

Dass es gegen das Schlusslicht Wehen-Wiesbaden ein gefährliches Spiel werden könnte, lag auf der Hand. Auch wenn vieles auf Neuanfang steht, handelt es sich schließlich noch immer um den VfB. Wann hat man zuletzt als großer Favorit gegen den noch größeren Underdog die Gunst der Stunde genutzt? Wann hat man zuletzt von zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen nicht mindestens eines in den Sand gesetzt? Es war einfach typisch für den VfB, dass nach Wochen eitel Sonnenschein der Rückschlag gerade in einem Spiel folgt, vor dem viele nur über die Höhe des Sieges diskutiert haben.

Auch ich war guter Hoffnung, dass man nach der über weite Strecken reifen Leistung von Bielefeld den Trend fortsetzen und vielleicht auch endlich mal ein Spiel überzeugend gewinnen könnte. Einige unserer Siege bislang waren doch äußerst glücklich zustande gekommen und der mangelnden Qualität der meisten Zweitligaakteure zuzuschreiben. Spielerisch und vor allem in puncto Chancenverwertung ist noch sehr viel Luft nach oben. So langsam darf man schon auf einen spielerischen Aufwärtstrend hoffen, auch wenn vieles durch die Ergebnisse und die Tabellenführung bislang kaschiert wurde.

Dass die Geduld mit Tim Walter und seinen Aufstellungen bereits bei vielen zu bröckeln scheint, drückte sich am Freitag in zahlreichen Pfiffen aus und findet seine Fortsetzung im Zerriss in den sozialen Medien. Dafür fehlt mir absolut das Verständnis. Das Team während der Spiele auszupfeifen gehört sich nicht und bringt auch nicht mehr Sicherheit, wenn das Nervenkostüm ohnehin schon nicht das beste ist. Eher im Gegenteil, Pfiffe verunsichern die junge Mannschaft zusätzlich, so dass ich vollstes Verständnis dafür habe, dass Mislintat diese nach dem Spiel angeprangert hat.

Mein Vertrauen in die handelnden Personen beim VfB ist derzeit ungebrochen groß, so dass ich auch derartige Rückschläge hinnehme, ohne die Weiterentwicklung in Frage zu stellen. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass dem Neuanfang die nötige Zeit gegeben werden muss und kann mir keinen anderen Trainer beim VfB vorstellen, der auf Anhieb funktionieren würde UND die nötige Rückendeckung hätte.

Auf Letzteres kommt es meiner Meinung nach ganz entscheidend an. „Das schwierige Umfeld“ in Stuttgart hätte doch an jedem etwas auszusetzen, der nicht alle Spiele in der 2. Liga haushoch gewinnt und hatte in den letzten Jahren maßgeblichen Anteil an der stetigen Unruhe.

Läuft es nicht wie geschmiert, läuft der eine oder andere „Blinde“ trotz katastrophaler Leistungen Woche für Woche erneut auf, lässt der Trainer über seine Aufstellungen nicht per TED-Umfrage abstimmen, schießt man sich auf den Übungsleiter ein, gibt ihm gutgemeinte Ratschläge und, wenn er sie nicht befolgt, wünscht man ihn zum Teufel. Befolgt er sie und verliert trotzdem weiter, wünscht man ihn natürlich auch zum Teufel!

So spielte es sich in den letzten Jahren regelmäßig ab, irgendwann fand die Meute Gehör bei den Vereinsoberen und der nächste von der Trainer-Reste-Rampe durfte sich versuchen.

Ich nehme mich hier auch überhaupt nicht aus, jedoch fußte mein Ärger in den letzten Jahren meist darauf, dass zwar die Trainer wechselten, die Protagonisten und Wortführer in der Mannschaft jedoch dieselben blieben und sich kaum einer, schon gar nicht, wenn er während der Saison kam, an die Erbhöfe und damit die Wurzel allen Übels herantraute.

Ein richtig frischer Wind wehte in den letzten Jahren eigentlich lediglich unter Alexander Zorniger, der den Abgang von Ulreich forcierte und vor dem Leitwölfe wie Gentner und Niedermeier nicht mehr sicher waren und, als Schindelmeiser/ Wolf das Zepter übernahmen, das Team radikal verjüngten und ihm einen neuen Spielstil verpassen wollten.

Auch sie scheiterten an den dunklen Mächten im Verein, die Stillstand statt Fortschritt propagierten, was uns schließlich zurück in die 2. Liga katapultierte. Beiden Konstellationen brachte ich großes Vertrauen entgegen und setzte Hoffnungen in sie, weil sie bereit waren, alte Zöpfe abzuschneiden und den VfB zu erneuern.

Zorniger hätte ich zugetraut, die Abwehrschwächen zu beheben, wenn man ihm denn wenigstens noch die Wintervorbereitung und -transferperiode zugestanden hätte. Hannes Wolfs Ende wurde mit der Verpflichtung von Reschke eingeläutet, der den angezählten Gentner just wieder zur unverzichtbaren Größe erklärte und sich herabließ, dem jungen Trainer „Ratschläge“ in puncto der Aufstellungen zu erteilen und dies auch noch der Öffentlichkeit so mitteilte.

Es ist zwar jetzt hypothetisch, aber, ich kann mir nicht vorstellen, dass wir Stand jetzt schlechter dastehen würden, hätte man im einen oder anderen Fall den eingeschlagenen Weg nicht verlassen, sondern Geduld bewiesen.

Daher halte ich überhaupt nichts davon, schon jetzt Walters Verständnis von Fußball in Frage zu stellen, wenn Dusseligkeiten auf dem Platz zu einer Niederlage wie der am Freitag führen. Ich hoffe, der VfB hat aus seiner Vergangenheit endlich mal die richtigen Schlüsse gezogen und zieht bei den ersten Schwierigkeiten nicht schon wieder die Reißleine, weil es vermeintlich der Weg des geringsten Widerstands ist.

Diese Befürchtung habe ich freilich nach gerade mal einer (!) Niederlage nicht. Thomas Hitzlsperger würde sich unglaubwürdig machen, ließe er, der sich Kontinuität auf die Fahne geschrieben hat, sich von der öffentlichen Meinung beeinflussen und werfe jetzt schon alles über den Haufen. Dem Vernehmen nach vertrauen Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger Tim Walter noch uneingeschränkt, und, das ist auch gut so. Die Verantwortlichen haben ohnehin das große Ganze im Blick und beobachten zudem die tägliche Trainingsarbeit.

Wenn Tim Walter sagt, er stelle nach Trainingsleistungen auf, dann sollte man als einer, der die Trainingsarbeit nicht täglich verfolgt, dem Trainer vertrauen, dass er sich bei seinen Aufstellungen schon etwas gedacht hat. Mittlerweile eckt Walter, wie einst Zorniger, schon mit markigen Sprüchen an, woraufhin ihm Arroganz unterstellt und förmlich darauf gewartet wird, dass ihm seine Aussagen um die Ohren fliegen.

Manchmal kommt dies schneller, als man denkt, hatte er doch auf der Pressekonferenz vor dem Wehen- Wiesbaden-Spiel gesagt, „uns stellt keiner ein Bein“. Dass dies auf die wörtliche Bedeutung gemünzt war und er im weiteren Verlauf der PK anklingen lassen hat, wie gefährlich er den Gegner einschätzt, wenn man nicht hellwach ist, uninteressant, Hauptsache mit aus dem Zusammenhang gerissenen Aussagen einen Größenwahn konstruieren, dem Walter gewiss nicht unterliegt.

Walter hat zwar ein gesundes Selbstbewusstsein, was im Leistungssport jedoch bei weitem nicht verwerflich ist. Ähnlich wie einst Zorniger haut er den einen oder anderen Spruch raus, wirkt dabei jedoch etwas eloquenter, so man ihm eigentlich überhaupt nicht böse sein kann, wenn denn nicht schon wieder die Heckenschützen lauern würden, die ihm aus seinen Aussagen einen Strick drehen wollen.

Als VfB-Fans sollten wir nicht in den Chor derer einstimmen, die Unruhe reinbringen wollen. Als Trainer des FC Bayern der zweiten Liga wäre es doch auch unglaubwürdig, Walter mache komplett auf Understatement. Natürlich können und wollen wir jeden Gegner in dieser Liga schlagen, dass es nicht immer klappt und nicht immer die Papierform entscheidend ist, sah man am Freitag.

Was sich an den Spielen und Ergebnissen nur bedingt ablesen lässt, hat Tim Walter bereits geschafft. Es herrschen ein Teamgeist und ein Konkurrenzkampf wie seit vielen Jahren nicht. Fast kein Stammplatz ist in Stein gemeißelt, JEDER muss sich in JEDEM Training anbieten und darf nicht locker lassen, um auch im nächsten Spiel in der Stammelf zu stehen. Man sieht, dass Walter die Jungs erreicht und die Stimmung im Team gut ist, so dass für mich kein Grund besteht, an Walter zu zweifeln.

Dass der sog. Walter-Ball ins Stocken geraten ist, vom brutalen Pressing der ersten Spiele vor allem am Freitag wenig zu sehen war, ist (hoffentlich) nur eine Momentaufnahme. Dazu kommt Verletzungspech, was das weitere Einspielen erschwert. Allein der Freitag brachte zwei weitere Ausfälle mit sich, von denen vor allem der von Daniel Didavi ein langfristiger sein wird.

Ohne Fremdeinwirkung machte der Muskel bei einem Sprint zu, man ist bei Dida geneigt zu sagen, typisch, jetzt wo die Böden glitschiger und die Temperaturen niedriger sind.

Bei Borna Sosas Gehirnerschütterung muss man abwarten, ob er bereits nach der Länderspielpause wieder zur Verfügung stehen wird. Dass damit nicht zu spaßen ist und eine solche auch zu einem längerfristigen Ausfall führen kann, hat man letzte Saison bei Timo Baumgartl gesehen.

Nach dem brutalen und weder vom Schiri noch vom VAR geahndeten Bodycheck von Chato gegen Borna Sosa dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis das Spiel für eine Behandlungspause unterbrochen war. Wenn schon der Schiedsrichter weiter laufen lässt, hätte zumindest der VAR sensibilisiert genug sein müssen, dem Schiri ein Signal zu senden, das Spiel sofort zu unterbrechen. Wenn ein Spieler benommen und nicht ansprechbar zu Boden sinkt, ist Eile geboten, doch, wer weiß, vielleicht war Köln ja schon wieder beim Pausenbrot.

Bei Didavi grenzte es bislang fast an ein Wunder, dass er durch fast ein Viertel der Saison verletzungsfrei gekommen war. Des einen Leid, des anderen Freud. Vielleicht schlägt ja nun endlich die Stunde von Philipp Klement, der, gebeutelt durch kleinere Verletzungen bislang noch nicht an seine phantastische letzte Saison anknüpfen konnte.

Schmerzlich vermisst wird, nachdem er gegen Fürth kaputtgetreten wurde, auch Nicolas Gonzalez. Mit seiner Schnelligkeit wäre er gegen Wehen-Wiesbaden eine wichtige Waffe gewesen.

Obwohl am Freitag nicht einsatzbereit, ist Gonzalez zur Nationalmannschaft abgereist. Für den VfB zwar ärgerlich, dass er nicht zur vollständigen Genesung hier geblieben ist, aus Gonzalez Sicht jedoch verständlich, wurde er doch erstmals für die Albiceleste nominiert und hat damit die große Chance am 9.10. in Dortmund gegen Deutschland aufzulaufen. Ihm wünsche ich, dass er sein Debüt feiern darf und gesund wieder zurück kommt.

Unter anderem wegen Gonzalez Ausfall setzte Walter gegen Wehen-Wiesbaden auf den Ochsensturm Gomez/ Al Ghaddioui, der vor allem in der ersten Hälfte viel zu wenig in Szene gesetzt wurde. Auf den kurzfristigen Ausfall von Holger Badstuber reagierte Walter mit Phillips, dem man die mangelnde Spielpraxis anmerkte. Badstuber fehlte als ruhender Pol und seinem guten Stellungsspiel an allen Ecken und Enden.

Für Insúa rückte zudem Borna Sosa in die Anfangsformation, der bei beiden Gegentoren eine unglückliche Figur abgab. Vielfach kritisiert wird Santiago Ascacíbars Aufstellung auf der Außenbahn. Grundsätzlich mag ich Trainer, die es schaffen, gute Spieler auch dann im Team unterzubringen, wenn ihre angestammte Position anderweitig besetzt ist.

Wenn man aber sieht, welchen Stiefel Karazor auf der Sechs herunterspielt, der, ähnlich wie Gentner in grauer Vorzeit, fast ausschließlich Quer- und Rückpässe spielt, fragt man sich schon, weshalb nicht Mangala oder eben Ascacíbar dessen Platz einnehmen dürfen.

Das Spiel hatte kaum begonnen, da nahm das Unheil schon seinen Lauf. Eben jener Ascacíbar verlor den Ball nahe des gegnerischen Strafraums und dann ging es ganz schnell. Der Ball kam zu Kuhn auf Rechtsaußen, dieser flankte von Borna Sosa völlig unbedrängt, und der Top-Torjäger der Liga, Schäffler, verwertete die Kugel technisch anspruchsvoll zum 0:1.

Kurz darauf bot sich den Kickern aus dem Taunus gar die große Chance zum 0:2, doch, Kobel hielt stark. Dann schlug die Stunde von Al Ghaddioui, der nach Luftloch von Mario Gomez zum Ausgleich traf.

Auch dem kurz darauf folgenden 1:2, abermals durch Schäffler, ging ein Ballverlust in der gegnerischen Hälfte von Ascacíbar, diesmal nach fahrigem Zuspiel von Phillips, voraus. Dann ging es wieder sehr schnell. Eigentlich war der Ball schon geklärt, ehe Borna Sosa ihn noch einmal scharf machte und Schäffler das Geschenk dankend annahm.

Danach agierte der VfB geschockt und reichlich konfus und war mit dem 1:2 zur Pause sogar noch gut bedient. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild. Der VfB wurde immer druckvoller, führte alle Statistiken haushoch an und traf alleine vier (!) Mal Pfosten und Latte. Vor allem durch die Einwechslungen von Silas und Massimo ging endlich etwas über die Außen. Aufgrund von Pech und Unvermögen wollte der Ball jedoch einfach nicht über die Linie.

Mario Gomez enttäuschte bei seinem ersten Startelfeinsatz seit dem dritten Spieltag auf ganzer Linie. Sah ich es mit ihm, dem bestbezahlten Zweitligakicker aller Zeiten, anfangs noch pragmatisch, dass es für die 2. Liga bei ihm auch mit 34 Jahren schon noch reichen könnte, muss ich diese Annahme mittlerweile revidieren. Es scheint, er habe mit seinem famosen Auftritt gegen Hannover 96 das Pulver für diese Spielzeit schon gänzlich verschossen, nichts geht mehr, beim einstigen Super-Mario. Er muss seinem über die Jahre geschundenen Körper Tribut zollen und ist physisch nicht mehr der Schnellste. Dass er auch geistig nicht mehr der Schnellste ist, sah man bei einigen Aktionen, als ein Schnörkel zu viel den Ballverlust bedeutete. Insgesamt sah sein Auftritt vom Freitag doch sehr bemitleidenswert aus.

Dass eine solch großartige Karriere derart zu Ende geht, hat dieser Spieler eigentlich nicht verdient. Da stellt man sich die Frage, ob er sich selbst einen Gefallen damit getan hat, sich die 2. Liga anzutun und die Schuhe nicht an den Nagel gehängt zu haben. Angesichts seines einen Zweitligisten erdrückenden Gehaltes von kolportierten 4,5 Millionen Euro pro Jahr, hätte ihm der VfB mit Sicherheit keine Steine in den Weg gelegt. Doch, selbst ein Spieler, der in seiner Karriere zig Millionen „verdient“ hat, nimmt offensichtlich noch mit, was nur geht. Vermutlich zählt er schon jetzt die Tage bis zum Saisonende…

Dass die Ungeschlagen-Serie einmal zu Ende gehen musste, war klar, dennoch tut es weh, dass dies nun ausgerechnet gegen das Schlusslicht der Tabelle passiert ist.

Und doch ist noch zu wenig passiert, um jetzt schon alles madig zu machen. Der VfB steht auf einem direkten Aufstiegsplatz und muss aus dieser Niederlage eben die notwendigen Schlüsse ziehen. Spiele, wie das am Freitag, erwarten den VfB in dieser Liga noch en masse. Gegner, die tief stehen und auf unsere Fehler lauern, sehen nun mal das einzig probate Mittel gegen die übermächtigen Schwaben darin, Beton anzurühren. Darauf muss der VfB gefasst sein und darauf muss er mit aller Seriosität reagieren.

Diese fehlte mir in der Anfangsphase, als man es vom Anpfiff weg mit Hacke, Spitze, eins, zwei, drei erledigen wollte und den nötigen Respekt vorm Gegner vermissen ließ. Wenn man dann schon nach wenigen Minuten sämtliche Ordnung fehlt und man nach einfachen Ballverlusten derart blank steht, geht der Schuss schnell nach hinten los.

Hier erwarte ich mir einen schnellen Lerneffekt und mehr Geduld vom Team. Die Qualität wäre vorhanden, Ball und Gegner laufen zu lassen, dadurch den Gegner müde zu spielen und zu gegebener Zeit zuzuschlagen, anstatt schon in der Anfangsphase kopflos nach vorne zu rennen und in hanebüchene Konter zu laufen.

Da das Team jung und lernwillig ist und von einem Trainerstab betreut wird, der die Jungs von Tag zu Tag besser machen möchte und sicher nicht lernresistent ist, bin ich guter Dinge, dass die schmerzliche Niederlage gegen Wehen-Wiesbaden ein Ausrutscher bleiben wird.

Nach der Länderspielpause wartet mit Holstein Kiel das Ex-Team von Tim Walter, welches bestimmt gewillt ist, seinem einstigen Trainer ein Schnippchen zu schlagen. Mit Geduld, Vertrauen in die eigene Stärke, etwas mehr Konzentration und mehr Konsequenz im Abwehrverhalten müsste ein Sieg herausspringen. Dass dieser kein Selbstläufer werden wird, sollte nach dem Schuss vor den Bug zur rechten Zeit vom Freitag auch dem Letzten bewusst sein.

Ich bin guter Dinge, dass Tim Walter die richtigen Schlüsse ziehen wird und die Mannschaft gegen die Störche auch in den ersten 45 Minuten unter Beweis stellt, dass es an diesem Sonntag im heimischen Neckarstadion nur einen Sieger geben kann, nämlich, den VfB Stuttgart. Darauf freue ich mich, dann auch wieder, komme was wolle, live mit mir im Stadion!

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26. Juli 2019

Vorfreude!

Heute schreibe ich meinen ersten Blog, indem die Abwärtsspirale und Wahrheitsbeugungen der letzten Jahre unter Wolfgang Dietrich keine Rolle mehr spielen werden!

Genau zwei Monate ist es her, seit wir in der Alten Försterei zu Köpenick den ebenso verdienten wie bitteren Gang in die 2. Liga antreten mussten.

Persönlich traf mich der Abstieg nicht sonderlich, weil mein Herz für den VfB ligaunabhängig schlägt, weil man es mit 28 Punkten nicht verdient hat, in der Liga zu bleiben, und, weil auch in der 2. Liga ordentlich Fußball gespielt wird und die Wahrscheinlichkeit groß ist, das eine oder andere Spiel mehr zu gewinnen.

Der 2016 verwendetet Spruch „eine neue Liga ist wie ein neues Leben“ gilt freilich nun beim zweiten Abstecher kurz hintereinander nicht mehr. Man wird auf sehr viel Altbekanntes treffen. Neu sind lediglich Regensburg und Osnabrück, während wir mit Kiel und Wehen-Wiesbaden schon im Pokal die Klingen kreuzten. Das 0:5 in Dresden war 2016/2017 das einzige Spiel, welches ich (wegen einer Hochzeit) verpasste, so dass auch das relativ neu für mich sein wird, hat die „Arena“ mit dem alten Rudolf-Harbig-Stadion (bis 2007) doch nicht mehr viel gemein.

Dennoch freue ich mich auf so gut wie alle Grounds, die nicht so hochglanzpoliert sind wie in der Bundesliga und in denen oft noch einheimisches Bier und regionale Fleisch- und Wurstspezialitäten kredenzt werden können. Zudem haben wir wieder zwei echte Derbys vor uns, sparen Berlin aus und dürfen stattdessen gleich Mal in die schönste Stadt Deutschlands, nach Stuttgart natürlich, Hamburg.

Sportlich sehe ich uns nach meinen bisherigen Eindrücken hervorragend aufgestellt. Die Chemie zwischen Thomas Hitzlsperger, Sven Mislintat und unserem neuen Trainer Tim Walter scheint zu stimmen. Nach Dietrichs und Reschkes Größenwahn mit irrsinnigen Gehältern und Verträgen, ist Vernunft eingekehrt. Spieler werden nach Charakter und dem Willen, sich verbessern zu wollen ausgewählt und nicht, weil sie einst einen großen Namen hatten. Darauf wird geklotzt und nicht gekleckert. Der VfB hätte sicherlich die Möglichkeit, einen Großteil der Transfereinnahmen zu reinvestieren, will es unter der neuen Führung aber nicht, weil man zur Politik der kleinen Schritte zurückgekehrt ist und die Teamchemie nicht vergiften will.

Sollte sich bis zum 31.08. noch Handlungsbedarf ergeben, wird man immer auch handlungsfähig sein. Unter normalen Umständen aber, da bin ich ganz bei Sven Mislintat, sollte man mit diesem Kader oben mitspielen und wieder aufsteigen können.

Mit Vorschusslorbeeren sollte man, schon überhaupt, wenn das erste Spiel noch nicht einmal angepfiffen ist, sehr vorsichtig sein. Aber, wie ich Tim Walter bislang erlebt habe, kann ich nur bestätigen, welch sensationeller Typ er ist. Zuckerbrot und Peitsche im Training, er kann streng aber auch sehr herzlich sein. Er ist direkt, die Spieler wissen, woran sie bei ihm sind.

Ich denke, bislang gibt es keinen einzigen, der ein schlechtes Wort über ihn verlieren würde. Da wünscht man ihm gerade, dass man hier in Stuttgart einfach mal den handelnden Personen vertraut und nicht gleich alles in Frage stellt, sollte der Start holprig verlaufen.

Dass die ständige Abkehr von einer Philosophie kontraproduktiv ist und uns erst dahin gebracht hat, wo wir jetzt stehen, weiß man. Walter ist ein authentischer Typ, von sich und seinem System überzeugt, der „nur“ die richtigen Spieler braucht, die für ihn durchs Feuer gehen. Was das angeht, habe ich derzeit ein richtig gutes Gefühl, wurden doch sehr gute und charakterlich einwandfreie Typen geholt.

Oft werden Vergleiche zu Zorniger angestellt. Auch den habe ich gemocht, ihm hätte ich gerne mehr Zeit eingeräumt damals. Aber, diese beiden Trainer sind doch grundverschieden. Einzige Parallele ist vielleicht, dass beide einen sehr offensiven Ansatz wähl(t)en und es hinten das eine oder andere Mal nach Harakiri aussieht. Ansonsten schuf sich Zorniger von Anfang viele Feinde, bei der Journaille angefangen. Da ist Tim Walter ein anderer Typ. Zu jedem freundlich, zugänglich und mit dem Schalk mit Nacken. Im Gegensatz zu Zorniger möchte Walter überzeugen und die Leute mitnehmen, während Zorniger dies schon voraussetzte, allein weil er Alexander Zorniger war.

Ein ähnlich gutes Gefühl wie jetzt hatte ich beim letzten Zweitligaaufenthalt unter Schindelmeiser/ Wolf. Auch damals wurde mit den vorhandenen Mitteln verantwortungsbewusst umgegangen, auch damals war, zumindest nach dem kurzen Intermezzo von Jos Luhukay, ein relativ unerfahrener Trainer da, der die Leute einfangen und mitnehmen konnte.

Die jüngste Pressekonferenz von Tim Walter war ein Genuss und macht richtig Bock auf den Saisonstart. An die Auftritte an gleicher Stelle von Weinzierl und Korkut mag ich gar nicht denken, Schlaftabletten wäre noch zu freundlich ausgedrückt, wenn man den Vulkan Tim Walter dagegen erlebt.

In den sozialen Netzwerken lese ich viele Stimmen, die ihr Unverständnis darüber äußern, dass der VfB die immensen Transfereinnahmen nicht im Ansatz reinvestiert hat. Leute, wir sind 2. Liga, zumindest in dieser Saison. Für die nächste garantiert uns kein Mensch, dass wir dann wieder Bundesligaluft schnuppern.

Also ist die Devise zunächst, ein aufstiegsfähiges Team an den Start zu bringen, das nicht auseinanderzubrechen droht, sollte der direkte Wiederaufstieg verpasst werden. Da bin ich ganz bei der neuen sportlichen Leitung, schwäbisch konservativ mit dem zu kalkulieren, was dir die 2. Liga einbringt und, sollte der Aufstieg gelingen, nächste Saison wieder mehr zu investieren.

Mit der jetzigen Kaderzusammenzustellung und den Neuzugängen habe ich ein sehr gutes Gefühl. Zweitligaerprobte Spieler, die wissen wie der Hase läuft und bereit für den nächsten Schritt sind, junge fußballerisch starke Talente und eben auch erfahrene Spieler, die uns erhalten blieben.

Badstuber und Gomez bekam man schon allein wegen ihrer irrwitzigen Verträge und ihres Alters nicht los, wobei auch hier Tim Walter ganz der Pragmatiker ist und die Situation annimmt, wie sie ist. Mit Badstuber ließ er sich auf eine Machtprobe ein, dieser weiß jetzt, wer der Chef ist und Mario Gomez wird von Walter über den Klee gelobt, wie wichtig er für die Jungen sei, wie toll er seine Rolle annehme und wie froh er einfach sei, einen Mario Gomez in der Mannschaft zu haben.

Für mich ein extrem kluger Schachzug. Bis vor Kurzem empfand ich Gomez ob seines Gehaltes und seines Alters eher als Last für das Team, mittlerweile traue ich es ihm sogar zu, der Mann für die ganz wichtigen Tore in dieser Saison werden zu können.

Gonzalo Castro und Daniel Didavi werden ebenfalls sehr eingebunden, vor allem Letzteren habe ich schon lange nicht mehr so fit und so motiviert gesehen wie in der Vorbereitung. Da ich schon immer ein Faible für Dida hatte, würde ich mich freuen, wenn er dies alles auch in der Liga zeigt und vor allem verletzungsfrei bleibt.

Bei wieder anderen wie Kempf und Ascacíbar mache ich drei Kreuze, wenn sie am 01.09. noch da sind. Nicolás González, der mit Argentinien bei den panamerikanischen Spielen weilt und der von vielen bereits abgeschrieben ist nach seiner unglücklichen Saison, soll anscheinend auch ein Verkaufskandidat sein, zumindest jemand, der Begehrlichkeiten weckt und Millionen einbringen könnte. Bei ihm würde es mich freuen, wenn er einen zweiten Anlauf wagen würde, hält doch Tim Walter große Stücke auf ihn. Auch da vertraue ich dem Trainer, dass er ihn hinbekommen könnte.

Die Mischung passt meiner Ansicht nach, doch, entscheidend ist aber heute auf dem Platz. Zum Eingewöhnen weht ein Hauch von Bundesliga durch Cannstatt. Flutlichtspiel gegen den Mitabsteiger, weit über 50.000 Zuschauer, Exklusiv-Spiel auf Sky.

Zuvor gibt es bei hochsommerlichen Temperaturen die Karawane Cannstatt mit dem Motto „alle in Weiß“. Ich sag’s Euch gleich, mir zu heiß zum Mitlaufen. Bin froh, wenn die Karawane von dannen gezogen ist und die Cannstatter Wirte wieder hinterherkommen. Erst dann wird’s gemütlich, dann wird sich richtig eingestimmt, auf das heißeste Spiel des Jahres. Mein Tipp: 3:2!

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