23. Oktober 2009

Hoher Aufwand, kein Ertrag

Kategorie: Presse — Tags: , , , , , , – Franky @ 07:47
Am Boden: gegen den FC Sevilla verliert der VfB (mit Elson) sein viertes Heimspiel nacheinander, dennoch bleibt Markus Babbel im Amt.

Am Boden: gegen den FC Sevilla verliert der VfB (mit Elson) sein viertes Heimspiel nacheinander, dennoch bleibt Markus Babbel im Amt.

Wie am Schnürchen läuft die Sache mit dem Toreschießen erst am Tag danach. Im Minutentakt schlagen im Trainingsspiel der Reservisten die Schüsse im Gehäuse ein, mal rechts, mal links, mal fulminant. Mit der Brust nimmt beispielsweise Thomas Hitzlsperger den Ball an, mit dem Rücken zum Tor, und vollendet per Fallrückzieher. Es könnte alles so schön sein.

Dummerweise jedoch war von all der Pracht im Torabschluss am Abend vorher sehr wenig zu sehen. Elson traf zwar mit einem sehenswerten Freistoß, die anderen Offensivkräfte aber versemmelten reihenweise beste Chancen. Und weil zudem die Verteidiger in entscheidenden Situationen schliefen, unterlag der VfB Stuttgart auch dieses Mal, mit 1:3 gegen den FC Sevilla. Und wie schon drei Tage zuvor gegen Schalke 04 (1:2) in der Bundesliga lautete die Erkenntnis: hoher Aufwand, null Ertrag; gut gespielt, doch verloren.

An den nackten Zahlen wird ein Trainer gemeinhin gemessen – und die sind verheerend. Viermal nacheinander hat der VfB nun zu Hause verloren. In den vergangenen zwölf Pflichtspielen unter Markus Babbel gab es nur zwei Siege. Auf Rang 13 liegen die Stuttgarter in der Liga und haben in der Champions League erst zwei Punkte gesammelt. Die Chancen, ins Achtelfinale einzuziehen, sind weiter gesunken, zumal es als Nächstes zum Rückspiel nach Sevilla geht. Kurzum: der VfB wäre nicht der erste Club, der in einer solchen Situation die Notbremse zieht.

Vor Babbel geht es den Spielern an den Kragen

Trotzdem will der Verein vorerst an Babbel festhalten. Das bekräftigt der Aufsichtsratschef Dieter Hundt (siehe “Eine Trainerdebatte ist unangemessen”). Und das sagt auch Horst Heldt: “Babbel hat die Situation und die Mannschaft im Griff. Wir wollen mit ihm Ergebnisse erzielen.” Der Trainer sei “nicht der Erste in der Kette”, bevor es ihm an den Kragen gehe, “passiert etwas mit den Spielern”. Als weitere Warnung ist dies zu verstehen, nachdem gegen Sevilla neben Ludovic Magnin auch Roberto Hilbert und Timo Gebhart aus dem Kader geflogen waren. Beide hatten sich zuletzt Disziplinlosigkeiten abseits des Platzes geleistet.

Es sind derzeit nicht die harten Zahlen, die für Babbel sprechen, sondern die weichen Faktoren des Fußballs. Denn wahr ist auch: der VfB hat gegen Sevilla über weite Strecken eine überzeugende Vorstellung geboten. Vor dem 0:1 war er das klar bessere Team, und selbst nach dem 0:3 kämpften die Spieler bis zum Schlusspfiff unverdrossen weiter. So spielt keine Mannschaft, die den Glauben an sich und die Bindung zu ihrem Chef verloren hat. “Wir stehen hinter dem Trainer”, sagt der Mittelfeldspieler Zdravko Kuzmanovic: “Was kann er dafür, wenn wir das Tor nicht treffen?”

Als nächsten Schritt auf dem Weg der Besserung wertet der VfB das Sevilla-Spiel trotz der erneuten Niederlage. Der rechte Außenverteidiger Ricardo Osorio zeigte in seinem ersten Saisoneinsatz eine gute Leistung; beeindruckend war gar der Auftritt von Christian Träsch als Abräumer im defensiven Mittelfeld (Babbel: “Er hat genau das verkörpert, was die Leute sehen wollen”). Und auch Kuzmanovic kommt immer besser zurecht und fühlt sich mittlerweile angekommen.

Der Sturm ist viel zu harmlos

Trotzdem sind nicht allein die permanenten individuellen Fehler in der Abwehr, die die Verantwortlichen Woche für Woche für die Niederlagen verantwortlich machen, schuld an der Krise. Noch immer hinkt Alexander Hleb den Erwartungen weit hinterher – bei seiner Auswechslung musste er sich am Dienstag Pfiffe des ansonsten bemerkenswert geduldigen Publikums anhören. Und viel zu harmlos ist vor allem der Sturm. Julian Schieber ist als 20-Jähriger noch in der Lernphase, ihm ist kein Vorwurf zu machen. Von Pawel Pogrebnjak allerdings muss mehr kommen. Und zu allem Überfluss fällt Cacau wegen eines Muskelfaserrisses in der Hüfte drei Wochen aus.

“Früher oder später”, sagt Babbel, werde er die Probleme in den Griff bekommen und für den Umschwung sorgen. Früher wäre besser als später – allzu lange jedenfalls sollte sich der Teamchef nicht Zeit lassen. Schon am Samstag geht es nach Hannover. Und dort zählen nur die nackten Zahlen in Form des Ergebnisses.

STZ online 22.10.2009