Stuttgart – Der VfB-Aufsichtsratschef Dieter Hundt warnt vor Aktionismus in der Trainerfrage. Trotzdem sagt er, dass die Mannschaft jetzt schnell bessere Ergebnisse brauche.
Herr Hundt, die Niederlage gegen Sevilla dürfte Sie um den Schlaf gebracht haben.
Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ich habe gut geschlafen, wie immer.
Aber entspannt dürften Sie dennoch nicht sein. Wie lange sind Sie denn nach dem Spiel im Stadion mit Ihren Kollegen aus der Vereinsführung zusammengesessen, um über das Krisenmanagement zu sprechen?
Wir haben uns im Ehrengastraum auf informeller Ebene ausgetauscht und das Spiel Revue passieren lassen. Um 23.20 Uhr bin ich nach Hause gefahren.
Mit welchem Gefühl?
Mit einem relativ positiven. Meine Analyse lautet, dass die Mannschaft eine deutliche Leistungssteigerung gezeigt hat. Da setzte sich die Tendenz aus der Partie gegen Schalke fort. Die Spieler waren willig und einsatzfreudig. Auch Alexander Hleb präsentierte sich stark verbessert. Das sehen meine Kollegen aus dem Aufsichtsrat und dem Vorstand genauso. Das Team hat bewiesen, welches Potenzial in ihm steckt. Das macht Hoffnung – auch wenn die letzte Abgeklärtheit noch gefehlt hat.
Entschuldigung, aber ist diese Sichtweise nicht ein bisschen zu euphorisch?
Nein, ich habe den Eindruck, dass die Entwicklung ähnlich ist wie in unserer Wirtschaft. Hier wie dort haben wir den Tiefpunkt überwunden. Es geht aufwärts, auch wenn wir noch lange nicht da sind, wo wir hinwollen.
Davon ist der VfB sogar noch weit entfernt. Das belegen die Ergebnisse in der Bundesliga und in der Champions League.
Natürlich sind wir mit den Ergebnissen nicht zufrieden. Das muss sich ändern. Wir brauchen noch etwas Geduld. Dann platzt der Knoten.
Das muss er wohl auch bald, denn sonst dürfte die Entlassung des Trainers Markus Babbel unvermeidlich sein.
Eine Trainerdebatte ist zum jetzigen Zeitpunkt unangemessen. Die lassen wir nicht zu. Das wäre das Verkehrteste, was wir machen könnten. Aktionismus hilft nicht weiter. Wir müssen Ruhe bewahren.
Aber es ist unruhig beim VfB.
Natürlich haben wir uns das vor der Saison alle anders vorgestellt. Aber eindeutig ist doch, dass Markus Babbel wesentlich dafür verantwortlich ist, dass die Aufwärtsentwicklung eingesetzt hat. Es ist nicht so, dass er nicht mehr an die Mannschaft herankommt – ganz im Gegenteil. Ich kann beim besten Willen nicht feststellen, dass es da ein Problem gibt. Das Verhältnis ist intakt.
Sagen Sie das vielleicht auch, weil es auf dem Trainermarkt momentan keinen überzeugenden Kandidaten gibt?
Das hat damit nichts zu tun. Ich werde dieses Thema nicht vertiefen. Solche Grundsatzdiskussionen sind kontraproduktiv. Wir sind auf dem richtigen Weg. Den werden wir alle unterstützen.
Wo liegen dann die Gründe der Talfahrt?
Es gibt nicht einen oder zwei konkrete Gründe. Sonst wäre es leicht, das Übel abzustellen, und alles wäre gelöst.
Sie dürfen gerne viele Gründe aufzählen.
Tatsache ist, dass einige Spieler zu Saisonbeginn nicht fit waren. Zudem konnte sich die Mannschaft während der Saisonvorbereitung nicht einspielen. Ein Zusammenwachsen war nur schwer möglich. Dieser Prozess kann erst jetzt über die Spiele erfolgen, was selbstverständlich kein Idealzustand ist.
Das ist vor allem deshalb so, weil die Neuzugänge sehr spät verpflichtet wurden.
Das stimmt. So konnten sich die neuen Spieler bei uns nur schwer integrieren.
Machen Sie dem Manager Horst Heldt deshalb einen Vorwurf?
Nein. Ich kann in der Transferpolitik der sportlichen Leitung keine Versäumnisse bemängeln. Die Verantwortlichen sind im Interesse des Vereins korrekt vorgegangen und haben die Zockereien von Spielern und deren Beratern nicht mitgemacht. Hinter dieser Strategie stehe ich voll und ganz.
Dafür muss der VfB jedoch einen ziemlich hohen Preis zahlen.
Dennoch werden wir nie bereit sein, finanzielle Forderungen zu erfüllen, die astronomisch sind. Denn für uns sind neben dem Sport auch wirtschaftliche Erwägungen von zentraler Bedeutung. Das sind wir dem Verein schuldig. Diesen Kurs der Vernunft werden wir nicht verlassen. Die Alternative ist definitiv schlechter.
Von Erwin Staudt ist schon lange nichts mehr zu hören. Wäre der Präsident nicht gerade in diesen schwierigen Zeiten gefordert – oder warum sagt Staudt nichts?
Das müssen Sie ihn selber fragen. Wir haben mit Horst Heldt einen Sportdirektor im Vorstand, der dieses Feld abdeckt.
Was muss passieren, damit der VfB die Krise meistern kann?
Wir haben drei ganz wichtige Spiele vor uns – am Samstag gegen Hannover, am Dienstag im Pokal bei der SpVgg Greuther Fürth und dann gegen den FC Bayern. Da muss die Mannschaft wieder engagiert auftreten, die Aufwärtstendenz fortsetzen und die Zuschauer begeistern – und die Ergebnisse müssen stimmen.
So einfach ist das?
Ja, das ist es, was ich erwarte.
StZ

